Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973


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       Werner van Treeck
       

ZUR KRITIK BÜRGERLICHER BILDUNGSPLANUNG - AM BEISPIEL DER SOZIALWISSENSCHAFTEN *)

I. Studium und Beruf der Sozialwissenschaften - ----------------------------------------------- Entwicklungslinien in der BRD ----------------------------- 1. Als die Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie im Sommer 1934 ihr Erscheinen einstellten, schrieb ihr Herausgeber, Leopold von Wiese, in der letzten Nummer: "... je mehr ich diese Zeiten- wende auf mich wirken lasse, desto mehr ist mir das klar: jetzt wäre gerade auch in Deutschland die Zeit für eine kraftvoll wir- kende realistische Gesellschaftslehre gekommen." 1) Er beklagte den Liberalismus-Verdacht der Faschisten gegenüber der Soziologie als Mißverständnis, das es der Wissenschaft unmöglich mache, "der Praxis gerade d i e Hilfe zu gewähren, deren sie so dringend bedarf." Zwölf Jahre später, auf dem 8. Deutschen Soziologentag im September 1946 konnte von Wiese ungebrochen fortfahren: er wolle "nur wiederholen", was er schon 1936 in der Tönnies-Fest- schrift gesagt habe 2). Indem er den Faschisten als "das haupt- sächliche Motiv" ihres Soziologieverständnisses "das Mißtrauen" bescheinigte, "man könnte mit den bisherigen Denkweisen und Ar- beitszielen dem neuen Gemeinwesen und Volkstume nicht so dienen, wie es verlangt werden müßte", hielt er ihnen zugleich vor, beim "Aufbau des deutschen nationalen Volks- und Staatslebens" der so- zialwissenschaftlichen Dienste sich nicht in genügendem Maße ver- sichert zu haben. Es ging - 1933 wie 1945, doch 1945 vor dem Er- fahrungshorizont amerikanischer Sozialforschung, mit Unterstüt- zung der amerikanischen Besatzungsmacht - um die gesellschaftli- chen Funktionen der Sozialwissenschaften im Imperialismus. Mit der Restauration monopolkapitalistischer Produktions- und Gesell- schaftsverhältnisse in Westdeutschland nach dem zweiten Welt- krieg, auf hoher Stufenleiter gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion, konfrontiert mit der Herausbildung und Konsolidie- rung des sozialistischen Weltsystems, wuchsen die Aufgaben der Leitung und Regulierung teil- und gesamtgesellschaftlicher Pro- zesse, und der ideologischen Lenkung und Kontrolle der arbeiten- den Bevölkerung, beides im Interesse der Monopole und ihres Staa- tes. Die bürgerlichen Sozialwissenschaften erhielten eine quali- tativ neue Bedeutung. Ihren gewachsenen Aufgaben entsprechend be- durften sie zu ihrer Entwicklung und Nutzung der Institutionali- sierung an den Hochschulen zu selbständigen Studiengängen und ausreichender Lehr- und Forschungskapazitäten, gesicherter Berufsbereiche und Tätigkeitsfelder, eines ständig vergrößerten Personals mit entsprechender Ausbildung. Eine der ersten Analysen dieses Problemkomplexes nach dem zweiten Weltkrieg stammt von Otto Neuloh und erschien unter dem Titel "Berufsmöglichkeiten für Studierende der Sozialwissenschaften" in der "Sozialen Welt" 3). Neuloh geht von dem neuen Funktionszusam- menhang der Gesellschaftswissenschaften aus, mit dem Ziel, die Institutionalisierung gesellschaftswissenschaftlicher Studien- gänge und Berufsorientierungen zu begründen: "Wenn wir deshalb von den Berufsmöglichkeiten für Studierende der Sozialwissen- schaften sprechen, so müssen wir uns vor Augen halten, daß trotz mancher Gelegenheit, in verschiedenen Fakultäten sozialwissen- schaftliche Vorlesungen zu hören, und trotz vieler Tätigkeitsbe- reiche sozialwissenschaftlicher Art es Studierende der Sozialwis- senschaften in dem hier gemeinten engeren Sinne der Soziologie und angewandten Sozialwissenschaften nicht gibt, daß es vielmehr jetzt an der Zeit ist, eine Generation nach der Ordnung des wirt- schaftswissenschaftlichen auch die Voraussetzungen für die Ord- nung eines sozialwissenschaftlichen Studiums zu schaffen." Wohl ist das Bewußtsein von der Bedeutung der Sozialwissenschaften ge- wachsen, aber es bleibt noch sehr diffus; die Begründung der ge- sellschaftlichen Relevanz gerät einigermaßen hilflos, bekommt Krieg und Nachkrieg nicht in den Begriff; die wissenschaftliche Orientierung geht auf die Lösung zwar augenfälliger doch isolier- ter Teilprobleme, "wie der Vertriebenenfrage, der heimatlosen Ju- gend, der Arbeitslosigkeit, ... der Sozialrentner usw." Entsprechend der Unsicherheit und Unklarheit, die die bürgerli- chen Sozialwissenschaften in dieser Phase nicht bloß in ihrer theoretischen Rekonsolidierung, sondern gerade auch in ihrer ge- sellschaftlichen Anwendung bestimmen, fällt auch die Analyse so- zialwissenschaftlicher Arbeitsplätze aus. Neulohs Versuche einer Systematisierung der Tätigkeitsfelder stehen unter oberflächli- chen Kriterien. Sie funktionieren etwa nach der Unterscheidung von Berufen, die "ausschließlich auf sozialwissenschaftlicher Grund- und Fachausbildung aufbauen", von solchen, "in denen im Anschluß an einen anderen Ausbildungsweg eine sozialwissenschaft- liche Fortbildung ... notwendig ist." Es kommen dann als mögliche Berufe hintereinander zu stehen; "Leiter und Abteilungsleiter der sozialen Verwaltung auf den verschiedenen Stufen, vor allem der Arbeitsverwaltung, der Fürsorgeverwaltung, der Sozialversiche- rung, Inhaber von Schlüsselstellungen in der sozialen Selbstver- waltung, Berufsberater, Jugendpfleger, Leiter der Werksfürsorge in großen Betrieben, Werksfürsorgerinnen, Betriebssoziologen usw." Quantitative und qualitative Planungsunterlagen, etwa in Form von Bedarfsziffern oder Qualifikationsprofilen, fehlen zu dieser Zeit verständlicher Weise vollständig. Indessen wird posi- tiv als interessanter und abenteuerlicher Berufsweg ausgegeben, was nichts anderes als Unsicherheit des Arbeitsplatzes und der Reproduktion der Arbeitskraft ist. Sozialwissenschaftliche Berufe seien "Kampfberufe". "Wer eine ruhige wissenschaftliche Arbeit in ausgefahrenem Gleise, in fest geregelten Arbeitsverhältnissen anstrebt, wird sich fast immer enttäuscht sehen." Entsprechend phantastisch sind die Vorstellungen über die Anzahl der Sozial- wissenschaftlern verfügbaren Stellen: "Wenn man berücksichtigt, daß z.B. dem Bundesarbeitsministerium und den Länderministerien allein etwa 200 Arbeitsämter mit Abteilungsleiterstellen für Arbeitsvermittlung, Berufsberatung, Arbeitslosenversicherung und etwa ein Dutzend Landesarbeitsämter mit Referaten und Abtei- lungen, ferner das gesamte Gebiet der Sozialversicherung mit den Landesversicherungsanstalten, den Krankenkassen, Rentenversiche- rungen usw., die gesamte Gewerbeaufsicht mit den zahlreichen Ge- werbeaufsichtsämtern, die vielen Berufsgenossenschaften usw. un- terstehen, so läßt sich der Nachwuchsbedarf auf jährlich mehrere hundert wissenschaftlich vorgebildete Kräfte veranschlagen, die allein in diesem Verwaltungsbereich benötigt werden." 2. Auf die Phase der Studien- und Berufskonstitution folgt die der Studien- und Berufsdefinition. In ihr bildet die gesell- schaftliche Anwendung sozialwissenschaftlich qualifizierter Ar- beitskräfte, wie naturwüchsig und eingeschränkt durchs Juristen- monopol sie auch immer verläuft, noch kein unlösbares Problem. Die Zahl der sozialwissenschaftlich Qualifizierten ist begrenzt und wird - mit allen Einschränkungen - in den verfügbaren Tätig- keitsfeldern - vor allem sind das die Hochschulen selbst - in der Regel absorbiert. Das gilt z.B. sowohl für die rund 800 Haupt- fach-Soziologen, die von 1958 bis 1966/67 in der BRD ihr Studium absolvierten, wie für die etwa 700 Hauptfach-Politologen, die von 1951 bis 1967 an der "Deutschen Hochschule für Politik" bzw. am "Otto-Suhr-Institut" in Westberlin examinierten 4). Immerhin zei- gen sich bei der Berufseinmündung der Politologen bereits Auswir- kungen des naturwüchsigen Verhältnisses ihrer Ausbildung zum Be- rufssystem, die indessen als Konfliktstoff sich noch nicht ent- zünden. So lagen von den zur Zeit der Befragung rund 400 beschäf- tigten Politologie-Absolventen 600 Informationen (Mehrfachnen- nungen) über die wesentlichen Rekrutierungsforrmen für ihre Berufe vor: danach hatten informell fachliche Kontakte (z.B. Vermittlung durch Professoren) mit 23% und familiäre Beziehungen oder andere persönliche Kontakte mit 34% eine wesentlich größere Bedeutung als die formellen Arbeitsmarktprozesse mit 22%. Rund 20% der berufstätigen Politologen gaben an, daß ihre jetzige Tätigkeit keinen Bezug zu ihrer Ausbildung hat. Damit verbunden ist eine starke Arbeitsplatz-Unsicherheit: "Immerhin weist das auf das bereits vorhin erwähnte Berufsrisiko des Politologen hin. Wir kennen Einzelfälle wo ein Politologe als Gastwirt oder Zahn- arzt tätig ist. Auch kommt es vor, daß Politologen, vor allem in der öffentlichen Verwaltung, dort völlig untergebuttert und völ- lig ausbildungsfremd verwendet werden, z.B. als bloße Stenotypi- sten." 5) Bei gleichwohl weitgehend gesicherter Beschäftigungslage wächst ein ständisch motiviertes Interesse an gesellschaftlicher Aner- kennung und Verankerung. So gibt die "Deutsche Gesellschaft für Soziologie" die "Beschaffung von berufspolitischen Vergleichsma- terialien in eigener Sache" 6) in Auftrag. So wird im Gesamtbe- reich wie in Teilsektoren sozialwissenschaftlicher Ausbildung und Berufstätigkeit, etwa der Sozialarbeiter, eine intensive "Profes- sionalisierungs"-Debatte geführt. (7) "Professionalisierung" be- zeichnet den Prozeß der Anerkennung bestimmter Tätigkeiten als "profession", verbunden mit spezifischen Vorrechten und Privile- gien, geknüpft an bestimmte Voraussetzungen und Merkmale wie: Entwicklung einer Spezialausbildung, Monopolisierung bestimmter Aufgabenbereiche für die so Ausgebildeten, Gründung einer Stan- desorganisation, Pflege eines einheitlichen Berufsbildes, Ent- wicklung eines Berufskodex und Kontrolle seiner Einhaltung. Rene König: "Mit der Integration in den allgemeinen Wirtschaftsprozeß ist die sozialwissenschaftliche Intelligenz in manchen auch den sogenannten "freien Berufen" näher gekommen als jemals früher, wobei nicht die Frage von Abhängigkeit oder Unabhängigkeit so sehr im Vordergrund steht als vielmehr die nach der Entstehung eines eigenen Berufsbildes mit entsprechenden Voraussetzungen der Ausbildung, bestimmten Karriereerwartungen usf." 8) König verbindet das Interesse an Professionalisierung mit dem an der ideologischen Funktion der Soziologie in der BRD-Gesellschaft: "Die Professionalisierung der soziologischen Berufe wird erst dann zu einem inneren Abschluß gelangen können, wenn sie durch ein solches Bildungsideal mitgetragen wird, das dem fachlichen Wissen auch die weltanschauliche Note hinzugesellt, nachdem es offensichtlich in Deutschland noch immer nicht ohne Weltan- schauung geht. Auf diese Weise wird letzten Endes auch die allge- mein-kulturelle Funktion der Soziologie sichtbar." 9) Ihre be- rufsständischen Interessen haben die Sozialwissenschaftler nicht durchgesetzt; es ist weitgehend beim Wunsch nach Professionali- sierung geblieben. Weder haben sich feste Karrieremuster eta- bliert, noch gibt es Berufsbild und Berufskodex. Eine einheitli- che und formalisierte Spezialausbildung wurde nicht entwickelt, geschweige denn realisiert. 3. Die beschauliche Debatte berufsständischer Interessen wird um die Mitte der sechziger Jahre durch reale Entwicklungen unterbro- chen: "Etwa seit Ende des Jahres 1966 häuften sich die Berichte, Studienabgängern mit dem Fach Soziologie falle es zur Zeit sehr viel schwerer als früher, geeignete Arbeitsstellen zu finden. Und wenn es gelinge, seien die Stellen sowohl in bezug auf ihren Sta- tus (Positionshöhe) als auch auf ihre Bezahlung häufig schlechter als nur einige Monate früher." 10) Die Arbeitsmarktlage der fol- genden Jahre bestätigt diese Berichte. In einem von der Zentral- stelle für Arbeitsvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit heißt es: "Die Vermittlungsmöglichkeiten für Soziologen waren begrenzt. In der Wirtschaft liegen die Chancen in erster Linie im Personal- wesen, der Organisationsplanung sowie dem Marketingbereich. Im öffentlichen Dienst bestehen gewisse Aussichten in der Bildungs- planung und an Universitätsinstituten. Die Zahl der gemeldeten Stellenangebote ist jedoch nach wie vor gering. Der Markt für Po- litologen ist noch enger. Mehr als 80% der Positionen werden al- ternativ für Politologen oder Soziologen angeboten." 11) Letzteres bringt einen Trend zum Ausdruck, der durch Substi- tutionsanalysen erhärtet wird: nicht bloß konkurrieren Polito- logen und Soziologen bei der Besetzung von Arbeitsplätzen: "Eine hochsignifikant überdurchschnittliche Substitutivität ist für Soziologen/Sozialwissenschaftler und für Volkswirte bei einer Gruppenindeterminiertheit von jeweils über 90% kennzeichnend. Vorrangig haben die Soziologen und Sozialwissenschaftler mit den Diplomkaufleuten und sonstigen kaufmännischen Ausbildungen (Feldindeterminiertheit 25,8%), mit den Volkswirten (24,2%) sowie mit den Psychologen (12,6%) zu konkurrieren." 12) Die prekäre Arbeitsmarktlage wird verschärft durch zunehmend sichtbar werdende Diskrepanzen zwischen Ausbildung und Berufstä- tigkeit. Dem Überangebot von Sozialwissenschaftlern auf dem Ar- beitsmarkt entspricht ein Mangel an bestimmten sozialwissen- schaftlichen Qualifikationen. Hinter den wachsenden gesellschaft- lichen Anforderungen an die Sozialwissenschaften kommt ihre Aus- bildung nicht nach: weder fachlich, noch institutionell. Auf die widersprüchliche Entfaltung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und die damit verbundenen gesellschaftlichen Regu- lierungsprobleme ist sie nicht vorbereitet. Die naturwüchsige Entwicklung der Lehrstuhltraditionen, die Heterogenität des Lehrbetriebs und der Prüfungsordnungen stehen einer raschen Modernisierung im Wege. Und während, angesichts verschärfter gesellschaftlicher Widersprüche und Klassenkämpfe, die Aufgaben- stellung der politischen und ideologischen Herrschaftssicherung für die Sozialwissenschaften neu formuliert wird 13),. wächst gerade die Unsicherheit über ihre politischen Implikationen und deren Kontrolle. Sozialwissenschaftler gelten, spätestens seit der Studentenbewegung, für nicht geheuer. Der SPD-Minister Helmut Schmidt: "Wir haben viel zuviel Soziologen und Politologen. Wir brauchen viel mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft auch nützen." Dem Mißtrauen "vieler Wirtschaftler" gibt Winfried Schlaffke vom Deutschen Industrieinstitut Ausdruck: "Den Soziologen fällt es zunächst schwer, die Wissenschaft überhaupt zu verlassen und in die Niederungen praktischer Arbeit hinabzusteigen. Zudem zielen ihre Intentionen oft auf eine Änderung der Unternehmensstrukturen. Die Soziologen wollen sich - aufgrund ihres Verständnisses von einer zukünftigen besseren Gesellschaft - nicht den vorgefundenen Berufsmöglichkeiten anpassen, sondern verstehen sich als Innovationspotential. Von den Unternehmen werden Konflikte zwar nicht gescheut, denn sie können sich fruchtbar auswirken, doch ein Konsens in Grundfragen, eine Basis der Zusammenarbeit muß gegeben sein." Verbürgt ist der Bericht eines Kommunalbeamten, mehrere große Firmen suchten mit Hilfe von Fragebogen zu erfahren, ob akademische Nachwuchskräfte Soziologie studiert hätten; bekenne sich jemand dazu, werde er aus der Liste der Bewerber gestrichen. 14) Vor diesem Hintergrund ergeben sich verstärkte Anstrengungen der Modernisierung und Ökonomisierung von Ausbildung und Berufsarbeit im Bereich der Sozialwissenschaften. Sie richten sich zunächst auf die Ausarbeitung von Instrumenten der Planung und Prognostik, im Rahmen der allgemeinen Bildungsreform. Der Nürnberger Bundes- anstalt für Arbeit, deren nachgeordnete Stellen noch vor wenigen Jahren ohne genaue Daten und Unterlagen überall dort zum sozial- wissenschaftlichen Studium rieten, wo kein spezifisches Studien- interesse vorlag, 15) kommt eine wachsende Bedeutung beim Versuch der Regulierung auch des Arbeitsmarktes sozialwissenschaftlich qualifizierter Intelligenz zu. Institutionell mit ihr verbunden ist das 1967 gegründete Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfor- schung in Erlangen, das die notwendigen Forschungen über Beschäf- tigungsverhältnisse und Qualifikationsverteilungen steuert, um sie der Berufsberatung und Arbeitsmarktbeeinflussung dienstbar zu machen. Eine Reihe von öffentlichen und privaten Forschungsinsti- tuten leistet Zuarbeit. Die Sozialwissenschaften richten sich nun auch verstärkt auf die Analyse der eigenen Tätigkeitsfelder und Qualifikationsprofile. Schwerpunkte der bisherigen Arbeit bilden zum einen Untersuchungen, die den Prozessen realer Berufseinmün- dung und Berufstätigkeit nachgehen, deren wichtigste ist die des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung über "Politologen im Beruf"; zum zweiten Untersuchungen, die das Spektrum potentieller Berufe erschließen und erweitern, dafür mag eine in Konstanz an- gefertigte und von der VW-Stiftung finanzierte "Studie über Be- rufsvorstellungen und Berufsmöglichkeiten graduierter Soziologen" stehen. Zum dritten ist mit den von Renate Mayntz herausgegebenen Arbeiten über "Soziologen im Studium" die Analyse der politischen Implikationen sozialwissenschaftlicher Ausbildung eingeleitet. Die Forschungsdokumentation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weist weitere Arbeiten aus, zumal auf einzelne Beschäftigungssektoren und Tätigkeitsfelder hin konkretisierte (Personalabteilungen privater Betriebe, öffentliche Verwaltung etc.), die gegenwärtig schwerpunktmäßig an den Universitäten Er- langen-Nürnberg und Konstanz durchgeführt werden. Eine erste Pro- gnose der quantitativen Entwicklung sozialwissenschaftlicher Studenten bis 1980 liegt, im Auftrag der VW-Stiftung angefertigt, aus dem Seminar für Wirtschaftspolitik der Universität Kiel vor. 16) Die bisherigen Forschungen begründen keine zureichenden Planungs- instrumente. Von unterschiedlicher Fundierung, Reichweite und Aussagekraft, sind sie in die Arbeit der zentralen Bildungspla- nungsinstitutionen bislang nicht bestimmend eingegangen 17). De- ren Plandaten wiederum bleiben, auch für den Sektor sozial wis- senschaftlicher Ausbildung, grobschlächtig, widersprüchlich und restriktiv. So mußte die Bund-Länder-Kommission für Bildungspla- nung feststellen, daß die "Instrumente zur vollen Ausnutzung der vorhandenen Studienplätze und zur Lenkung der Studentenströme ... noch nicht im wünschenswerten Umfang zur Verfügung" stehen. 18) Widersprüche zwischen den einzelnen Planungsinstitutionen werden eingeräumt: "Der Planungsausschuß (für den Hochschulbau) hat we- der für 1975 noch für 1976 detaillierte Festlegungen zur fächer- mäßigen Verteilung der Studienplätze getroffen. Abweichungen von den Zahlen des Zwischenberichts (zum Bildungsgesamtplan) zeigen die Empfehlungen des Wissenschaftsrates und die Vorstellungen der Kultusministerkonferenz, so daß über die fächermäßige Verteilung der Studienplätze für das Jahr 1976 keine Übereinstimmung be- steht." 19) Die Planungsdaten zum "Ausbau der Studienplätze nach fächermäßiger Verteilung" sind nur grob nach zentralen Wissen- schaftsbereichen aufgeschlüsselt und fassen rechts-, wirtschafts- und sozial wissenschaftliche Studienplätze in einer Kategorie zusammen. Eine "genaue Aufteilung der... Studenten auf einzelne Fächer und innerhalb dieser auf unterschiedliche Studiengänge" sei, so der Wissenschaftsrat, gegenwärtig undurchführbar. "Zur Zeit stehen keine Methoden zur Verfügung, die eine solche differenzierte Untergliederung ermöglichen." 20) Die Ausbaudaten im Bereich der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften für 1975, nach dem Ersten Rahmenplan für den Hochschulbau von 1971, waren schon im WS 1972/73 erreicht, bzw. überschritten. Und noch der am 15.6.1973 verabschiedete Bildungsgesamtplan präsentiert für 1975 Daten, die im vorangegangenen Wintersemester bereits übertroffen worden waren 21). Während die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum ersten Rahmenplan noch eine relative Fest- schreibung des jeweiligen Anteils der rechts-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Studenten an der Gesamtstudentenzahl im Zeitraum 1969/70 bis 1975 bei 18% vorsahen (gegenüber einem star- ken Anstieg des Anteils der natur- und ingenieurwissenschaftli- chen Studenten von 39% auf 45%), gehen die Empfehlungen zum drit- ten Rahmenplan eher von umgekehrten Zuwachsrelationen aus 22). Der Zuwachs des Anteils der rechts-, wirtschafts- und sozialwis- senschaftlichen Studienplätze im Zeitraum 1972/73 bis 1977 von 20% auf 22-24% (gegenüber der relativen Festschreibung des An- teils der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studienplätze bei 38-40%) verdankt sich zu einem wesentlichen Teil finanziellen Erwägungen: "Mit gleichen Mitteln können in den weniger raum- und personal intensiven Fächern im Bereich der Geistes- und Sozial- wissenschaften wesentlich mehr Studienplätze geschaffen werden, als in den aufwendigeren natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern." 23) Dabei wird der Ausbau vor allem "im Bereich der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften empfohlen." Die Absolventen dieser Fächer seien für die Ausübung "zahlreicher Berufe im pri- vaten und öffentlichen Dienstleistungsbereich, wie z.B. für Tä- tigkeiten der Planung, Durchführung und Kontrolle, vielfältig vorgebildet." Von den "übrigen Sozialwissenschaften" heißt es la- pidar, es "sollten die beruflichen Chancen noch genauer überprüft werden." In jedem Falle müsse das "Schwergewicht des Ausbaus..., auf der Einführung dreijähriger Studiengänge liegen." 24) Als Mo- dell für dreijährige sozial wissenschaftliche Studiengänge kann der Entwurf des Wissenschaftsrates zur "Gestaltung der Ausbildung für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und angrenzende Tätigkeitsbe- reiche" gelten, der auf die Eingliederung des bisherigen Fach- hochschulstudiums für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in "ein abgestuftes und durchlässiges Ausbildungssystem" zukünftiger Ge- samthochschulen zugeschnitten ist 25). Insgesamt soll im rechts-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Bereich von 1972/73 bis 1977 die Zahl der Plätze für das vier- bis sechsjährige, das Lehramts- und Aufbaustudium von 104.000 auf 110.000 ansteigen und die der Plätze für das dreijährige Studium sich mehr als verdop- peln, von 30.000 auf 58.000 bis 78.000 26). Daß es mit der inhaltlichen "Studienreform" wie überall so im Be- reich der Sozialwissenschaften nicht recht vorangeht, wird al- lenthalben eingestanden. Daß etwa "das Konstanzer Modell eines integrierten sozialwissenschaftlichen Grundstudiums" nach Meinung des Wissenschaftsrates gegenwärtig nicht durchführbar sei, wird vor allem den überbordenden Studentenzahlen zugeschoben 27). "Studienreform" selbst wird mehr und mehr bloß unter dem Aspekt der "Verkürzung der Studienzeit", im Zusammenhang mit "Regel- studienzeiten", "Einrichtung praxisnaher kürzerer Studiengänge" und "Erlöschen der Immatrikulation" (d.h. Zwangsexmatrikulation) gefaßt. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum dritten Rahmenplan sehen bis 1975 die "Erarbeitung zeitlich konsistenter, Überschneidungen bei Lehrveranstaltungen ausschließender, quanti- fizierter Studienordnungen" vor, von denen explizit zugegeben wird: "Der Reformgehalt solcher Maßnahmen ist relativ gering. Dennoch ist ihre Wirkung für die Kapazität von großer Bedeutung." 28) Da zudem die mangelnde "Koordinierung zwischen den Hochschulen" in der Reformarbeit beklagt wird, sollen die Kultus- minister der Länder "den Hochschulen unter Berücksichtigung der Besonderheiten des einzelnen Faches Rahmenbedingungen vorgeben" und bei Nichteinhaltung der Fristen selbst Studienordnungen er- lassen. 29) Wie, analog zu dieser Empfehlung, vor jeder "Studienreform" "kapazitätswirksame" Studien- und Prüfungsordnun- gen in kürzester Zeit durchgesetzt werden können, hat das nord- rhein-westfälische Wissenschaftsministerium an den fünf neuen Ge- samthochschulen des Landes jüngst erprobt: Per Erlaß vom 21.12.1972 wurde die "Einführung neuer Studiengänge" den Gesamt- hochschulen verbindlich vorgeschrieben. Der Erlaß regelte die Rahmenbedingungen und den Zeitplan. Danach mußten bis zum 10.5.1973 Studien- und Prüfungsordnungen ausgearbeitet werden, die jeweils Abschlüsse nach drei Jahren ("praxisbezogen") und nach vier Jahren ("theoriebezogen") vorsehen, ein fixes "Studienvolumen" festschreiben und die Lehrveranstaltungen ver- mittels "einheitlicher Vorlesungszeiten" aufeinander abstimmen, um so "die Einhaltung der vorgesehenen Studiendauer" zu sichern. Im Bereich der Sozialwissenschaften wurden auf dieser Grundlage ein Diplomstudiengang und ein Studiengang für das Lehrfach an allgemeinbildenden Schulen entworfen und verabschiedet. War schon aus terminlichen Gründen kaum mehr als die Bezeichnung von Schwerpunkten und die Verteilung von Stoff komplexen möglich, so sind doch Leitlinien der Orientierung erkennbar: zum einen die Orientierung auf die Entwicklung sozialer und motivationaler Fer- tigkeiten ("Abarbeitung von Primärerfahrungen", "Einübung in in- terdisziplinäre Zusammenarbeit" etc.), zum anderen - und dies mit besonderem Schwergewicht - die Orientierung auf die Ausbildung methodisch-technischer Fertigkeiten. Auffällig ist die Tendenz, von einer (begründeten) Bestimmung spezifischer gesellschaftli- cher und politischer Inhalte abzusehen 30). Der Beitrag der Sozialwissenschaften zur Planung des eigenen Fachbereichs stellt sich nicht minder widersprüchlich dar: So gab der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie am 11.4.1969 die Empfehlung heraus, den Grad des Diplomsoziologen an keiner Hochschule mehr neu einzuführen, die Studiengänge, die mit dem Soziologie-Diplom abschließen, in sozialwissenschaftliche um- zuwandeln und zu diesem Zweck "zwei oder mehr Fachgebiete im Hin- blick auf theoretische Problemstellungen oder praktische Bedürf- nisse" zu kombinieren. Dies alles vor dem Hintergrund, daß das soziologische Hauptfachstudium mit eigenem Diplomabschluß "auf die Dauer unzulänglich" sei 31). Im Oktober 1972 heißt es in ei- nem Papier des Ständigen Ausschusses der DGS für Fragen der Lehre im Gegenteil, es müsse die "Ausbildung der Hauptfachsoziologen ... vorrangig gesichert werden." Hauptproblem der Soziologie an den Hochschulen sei "eine sprunghaft gestiegene Nachfrage nach Nebenfachausbildung seitens zahlreicher Fachdisziplinen." 32) Diesen gegensätzlichen Positionen entsprechend orientieren die Ansätze einer Reform des soziologischen Studiums auf ein Konzept integrierter Sozialwissenschaften einerseits, auf einen eigen- ständigen soziologischen Hauptfachstudiengang andererseits. Für letzteres versteht sich die Bielefelder Soziologie-Ausbildung als Modell 33). Mit ihrer Ausrichtung des Hauptfachstudiengangs auf "Praxisschwerpunkte" pointiert sie das zentrale, bislang ungelö- ste Problem: das des Zuschnitts der sozial wissenschaftlichen Ausbildung auf bestimmte Tätigkeitsfelder. Während in Bielefeld "Lehrpläne für die praxisorientierten Schwerpunktgebiete": Sozi- alarbeit, Entwicklungsplanung und Entwicklungspolitik, Öffentli- che Verwaltung, Organisation- und Personalwesen, Regional- und Raumplanung, Wissenschafts- und Bildungsplanung ausgearbeitet und institutionalisiert wurden, hat man gegen dieses Verfahren einge- wandt, es gäbe nicht die Garantie, die es suggeriere, "daß Absol- venten solcher Studiengänge später wirklich im Bereich ihrer Spe- zialisierung arbeiten können". 34) Und in der Tat resultieren die Bielefelder "Praxisschwerpunkte" eher aus einer Daumenpeilung als aus einer Arbeitsmarktanalyse; sie verdanken sich dem etwas vagen Versprechen einer "aktiven Professionalisierung", vermittels der das Spektrum der Anforderungen aus den möglichen Berufsbereichen im Studium antizipiert und umgekehrt auf die potentielle Beruf- spraxis durch "einen langfristigen Prozeß der Diffusion sozial wissenschaftlichen Wissens" Einfluß genommen werden soll 35). Die Bestimmung des Verhältnisses von Ausbildungs- und Beschäfti- gungssystem, zentrales Problem auch einer reflexiv orientierten sozialwissenschaftlichen Bildungsforschung, soll anhand zweier, auf dieses Problem zugeschnittener Arbeiten genauer untersucht werden. II. Zum Verhältnis von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem - -------------------------------------------------------------- Kritik zweier Studien --------------------- 1. In der schon mehrfach zitierten Arbeit aus dem Max-Planck-In- stitut für Bildungsforschung in Westberlin über "Politologen im Beruf" 36) geht es um die Prozesse der Aufnahme und Verwendung von Politologen im Beschäftigungssystem. Dabei dienen die empiri- schen Erhebungen über die Berufseinmündungen der Politologen zugleich dazu, allgemeine bildungspolitische Hypothesen und Prä- missen zu gewinnen und zu testen. Die Arbeit geht aus von einer Kritik an einem der Zentralen Bildungsplanungsansätze der 60er Jahre, dem manpower approach. Dieser ist im wesentlichen dadurch charakterisiert, daß er aus gesamtwirtschaftlichen und branchen- spezifischen Wachstums raten und Produktivitätssteigerungen den Bedarf an Arbeitskräften verschiedener Wirtschaftssektoren und Berufsklassen abzuleiten und bestimmten Fachrichtungen des Bil- dungssystems zuzuordnen versucht. Ziel ist, die "Produktion" von Qualifikationen am ökonomischen Bedarf auszurichten und so einen Beitrag zur Sicherung eines stetigen und störungsfreien Wirt- schaftswachstums zu leisten. Die Autoren des MPI für Bildungsfor- schung haben im wesentlichen zwei Einwände; zum einen: es gebe keine enge, fixierte Beziehung zwischen Tätigkeitsinhalten und Art und Umfang der Qualifikation, Arbeitskräfte reagierten ela- stisch auf wechselnde Anforderungen; zum zweiten: auf dem Ar- beitsmarkt hänge die Nachfrage nach Arbeitskräften weitgehend vom Angebot ab. Durchaus richtig wird festgestellt, daß der manpower approach den Zusammenhang der Bewegungsformen ökonomischer Pro- zesse, der politischen Bestimmungsfaktoren und des Qualifikati- onssystems nicht erfaßt. Aber warum er ihn mit erfaßt, wird nicht untersucht. Daß ökonomisch und politisch bestimmte Restriktionen im Bereich der Bildungspolitik den Planungsspielraum entscheidend einschränken, daß mit der Kapitalakkumulation und der Zyklizität ihrer Entwicklung Schwankungen im Bedarf an Arbeitskräften wie in der Nachfrage nach Arbeitsplätzen auftreten, daß mithin der manpower approach an der Realität der ökonomischen und politischen Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften, die er doch befördern will, selbst scheitern muß, kommt nicht in den Blick. Infolgedessen erfaßt der eigene Ansatz einer prinzipiellen Elastizität im Verhältnis von Ausbildungs- und Beschäftigungssy- stem nur die Oberfläche eines in der Tat sich disproportional und ungleichzeitig entwickelnden Zusammenhangs, ohne ihn auf die zu Grunde liegenden ökonomischen und politischen Widersprüche bezie- hen zu können: daß "Elastizität" immer auch die Anarchie kapita- listischer Produktionsweise ausdrückt, fällt so unter den Tisch. Ein solcher, bloß formal gefaßter Elastizitäts-Begriff aber er- möglicht es zugleich, der Bildungspolitik gegenüber dem Beschäf- tigungssystem eine Autonomie zuzusprechen, die sie real nicht hat. Gegen eine Orientierung der Bildungsplanung am aktuellen ökonomi- schen Bedarf entwickeln die Autoren ihren eigenen bildungspoliti- schen Ansatz: Sie fassen Bildungspolitik als Gesellschaftspolitik und messen ihr um so größere Bedeutung, gesellschaftliche Verän- derungen zu initiieren, zu, "je mehr gesellschaftliches Handeln auf die Verwendung systematisierten Wissens angewiesen ist." /164/ Die "durch Bildungsprozesse ausgelösten Veränderungen sol- len beitragen zur "Verbesserung der individuellen Lebenschancen" und zur "Demokratisierung" "gesellschaftlicher und politischer Strukturen" /164/. Dies kann nach Meinung der Autoren nur dann in wachsendem Umfang geleistet werden, wenn das Bildungssystem quan- titativ wie qualitativ expandiert. Unter "qualitativer Expansion" wird "Verbesserung der Bildungsinhalte" verstanden, insbesondere die Vermittlung solcher Bildungsinhalte, "die hohe Transfer-Qua- lität für spätere Entwicklungen haben und Veränderungen von Ver- haltensweisen, Tätigkeiten und Arbeitsformen fördern können." /164/ Das sind nicht auf bestimmte Tätigkeiten spezialisierte In- halte, sondern prozeßunabhängige und extrafunktionale Fertigkei- ten, die Lernvermögen, Kreativität, kommunikative Kompetenzen u.a.m. begründen. In dem Vordringen solcher Qualifikationen sehen die Autoren einen langfristig wirkenden Trend; sie verweisen auf die zunehmende Auflösung "von Kongruenzen zwischen bestimmten Bildungsgängen und spezifischen beruflichen Funktionen" /167/, auf das Wachstum solcher Aufgaben, "zu deren Wahrnehmung viele bisher als extrafunktional bewertete Qualifikationen unmittelbar notwendig werden. Hierbei ist vor allem an beratende, koordinie- rende und kommunikative Funktionen zu denken, ohne die die zuneh- mend komplexen und interdependenten sozialen, wirtschaftlichen und technischen Aufgaben nicht mehr gelöst werden können". /168/ Inhalte dieser Art seien mithin nicht aus kurzfristigen von aktu- ellen Arbeitsmarktsituationen abgeleiteten Qualifikationsanforde- rungen zu bestimmen. Zu diesen ständen sie quer. Selbst wenn man die gesellschaftlichen Veränderungen, die durch Bildungspolitik hier bewirkt werden sollen, langfristig veranschlagt, bleibt das Konzept in doppelter Weise illusionär: zum einen in der Über- schätzung der gesellschaftlichen Veränderungspotenz einer iso- lierten Bildungspolitik, zum ändern in der Verabsolutierung der gesellschaftlichen Bedeutung eines bestimmten Typs von Qualifika- tionen. Hinsichtlich der kurzfristigen Auswirkungen rechnen auch die Autoren mit Schwierigkeiten: konzentriere sich die Bildungs- planung zunehmend auf die Förderung solcher Bildungsinhalte, die langfristigen politischen Zielsetzungen entsprächen, so bleibe es nicht aus, daß "Diskrepanzen zwischen der aktuellen Nachfrage nach unmittelbar verwendbaren Qualifikationen und einem davon ab- weichenden Angebot auftreten." /19/ Es wird nun nicht mehr ver- sucht, diese "Diskrepanzen" zu beseitigen, sondern sie zu verwal- ten. Um sie zu verwalten, um also auch das mit ihnen verbundene politische Konfliktpotential abschätzen zu können, bedarf es ge- nauer Kenntnis der Folgewirkungen: "Dabei steht die Frage im Vor- dergrund, ob das Beschäftigungssystem quantitativ und qualitativ überschüssige, das heißt quantitativ und qualitativ von der aktu- ellen Nachfrage abweichende Bildungsangebote aufnimmt, unter wel- chen Bedingungen es sie verwendet und welche Konsequenzen sich daraus für die Absolventen, das Beschäftigungssystem und das Bil- dungssystem ergeben." /19/ Von hier aus begründet sich das Interesse der Untersuchung, die Prozesse der Aufnahme und Verwendung überschüssiger Bildungsange- bote am Exempel der Politologen zu studieren, eine, wie es heißt, "unter verschiedenen Aspekten extreme Fachrichtung" /21/: "Die Politologie ist auf Grund von gesellschafts- und bildungspoliti- schen Zielsetzungen nach 1945 in der BRD und Berlin als eigen- ständige Fachrichtung entstanden und gefördert worden, ohne daß für die Absolventen und ihre Qualifikation in den Beschäftigungs- bereichen eine unmittelbare Nachfrage bestand. Mit der Förderung dieser Fachrichtung hoffte man aber Einfluß auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen zu können." /19 f./ Die empirische Erhebung unter den von 1951 bis 1967/68 am Otto- Suhr-Institut, vormals "Deutsche Hochschule für Politik", in Westberlin diplomierten Hauptfach-Politologen fördert nun zwei- felsfrei eine Reihe wichtiger Informationen zutage. Sie seien hier unter zwei Aspekten zusammengefaßt: 1.1. Formen der Erwerbstätigkeit: Von den 497 Politologen, die den Fragebogen zurücksandten, waren 402 Personen oder 81% be- rufstätig. Die nichtberufstätigen Absolventen schlüsseln sich auf nach solchen, die noch promovieren oder ein Zweitstudium absol- vieren, nach Hausfrauen und offen Arbeitslosen. Die letzte Kate- gorie betrug 20 Personen oder 4% der Befragten; dabei muß berück- sichtigt werden, daß auch die Fortsetzung des Studiums nach dem Diplom zu einem Teil als Alternative zur Arbeitslosigkeit fun- giert. Von den Berufstätigen sind 49 Personen teilzeitbeschäf- tigt; dabei handelt es sich überwiegend um Hilfsassistenten und Tutoren, die meist noch an ihrer Dissertation arbeiten. Ein Teil der Teilzeitbeschäftigten sowie verschiedene Personen in offen- sichtlich unterwertigen Tätigkeiten werden unter der Kategorie "verdeckte Arbeitslosigkeit" zusammengefaßt: insgesamt sind das 22 Personen, also noch einmal 4% der Befragten. Zur gegenwärtigen - offenen wie verdeckten - Arbeitslosigkeit kommen noch 64 Anga- ben über arbeitslose Phasen im Laufe der Erwerbstätigkeit hinzu. Die Befragten haben innerhalb von durchschnittlich sieben Jahren Berufstätigkeit im Mittel zwei bis drei verschiedene Tätigkeiten ausgeübt. Die Autoren des Max-Planck-Instituts ziehen daraus den Schluß der Instabilität in der Verwendung von Politologen. Bestä- tigt sehen sie dieses Ergebnis in der Einkommensverteilung: Das Durchschnittseinkommen der erwerbstätigen Befragten liegt mit mo- natlich rund 2000 DM recht hoch. Die Abweichungen um den Mittel- wert sind allerdings erheblich; sowohl die untersten als auch die obersten Einkommensklassen sind stark besetzt. "Das kann als Er- gebnis der Tatsache gewertet werden, daß es generell festgelegte Laufbahnen und typische ausgeprägte Karrierewege für Politologen kaum gibt." /67/ Die wesentlichen Institutionen, in denen die be- rufstätigen Politologen beschäftigt sind, sind der öffentliche Dienst (20,6%), die Hochschulen (19,7%), Erwachsenenbildung und Massenmedien (mit je 11,4%) und die "Wirtschaft" (10%). Die Be- schäftigung in Schulen ist mit 4,7% und in Parteien mit 3,2% dem- gegenüber gering. 1.2. Tätigkeitsinhalte: "Die Frage nach den wichtigsten Tätig- keitsinhalten in den einzelnen Bereichen sollte genauere Informa- tionen über den Tätigkeitscharakter und erste Hinweise über den möglichen Ausbildungsbezug liefern. Die Angaben über Tätigkeits- inhalte wurden nur für die Personen ausgewertet, die als im wei- testen Sinn studienadäquat eingesetzt bezeichnet werden können." /87/ Hier ergibt sich für die Autoren eine prinzipielle Schwie- rigkeit in der Bestimmung dessen, was eine studienadäquate Be- schäftigung ist. Gerade die Analyse der Tätigkeitsinhalte der vorweg als studienadäquat eingesetzt Bezeichneten ergibt, "daß ... von einer direkten Beziehung des Studiums zu bestimmten Pro- blem-und Funktionsbereichen nach den vorliegenden Informationen über den bisherigen beruflichen Einsatz nicht zu sprechen ist. Eine Monopolisierung von Arbeitsbereichen zeichnet sich nicht ab; es gibt daher auch kaum einen Maßstab und ein Selbstverständnis zur Bestimmung studienadäquater Beschäftigungen." /90 f./ Während im Hochschul- und Bildungswesen Studienadäquatheit noch leicht ausgemacht werden kann, fehlen klare Tätigkeitsschwerpunkte in Parteien, Verbänden und in der sog. "Wirtschaft" völlig. In der letzteren z.B. reichen die Aufgaben von Dolmetscherfunktionen über den Einsatz in der Datenverarbeitung, Lohn- und Tarifpoli- tik, Arbeitsbewertung, Dokumentation, bis hin zur Vermögensver- waltung, Marketing und Betriebsleitung. Belegen die erhobenen Daten und Ergebnisse die relative Natur- wüchsigkeit der Absorption politologisch qualifizierter Intelli- genz und die Anarchie der Beziehungsverhältnisse von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem, so kommen die Autoren der Untersuchung zu anderen Schlußfolgerungen: Aus den auch von ihnen festgestell- ten "Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage" am Arbeitsmarkt ergibt sich für sie, daß die angebotenen Qualifikationen "zwar von der aktuellen Nachfrage des Beschäftigungssystems abweichen, aber geeignet erscheinen, langfristige Effekte im Sinne wünschba- rer gesellschaftspolitischer und mit ihnen verbundener ökonomi- scher Ziele hervorzurufen." /19/ Da die Autoren offensichtlich der Meinung sind, daß die Politologie-Ausbildung in Westberlin und in der BRD eben dies leistet, muß genauer nach den Funktionen gefragt werden, die dieser Ausbildung hier zugemessen werden. Es sind dies im wesentlichen deren zwei: die ideologische Verpflich- tung auf die bestehende Gesellschaft in der BRD und in Westberlin und die Ausprägung sozialer und motivationaler Fertigkeiten. Die Entwicklung der Politologie nach dem 2. Weltkrieg sei, so heißt es, mit dem "re-education-Konzept der Alliierten" verbunden gewe- sen, ihrem Selbstverständnis nach habe als ihre Hauptaufgabe ge- golten, "die Gründe des Versagens der Demokratie aufzudecken und ein erneutes Abgleiten in totalitäre Formen zu verhindern", also "die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus (zu befördern), der als totalitärer Nachfolger des Nationalsozialismus angesehen wurde..." /40/ Die zweite Funktion wird als unmittelbares Ergeb- nis der Arbeit präsentiert: "Die Untersuchung der Berufssituation der Politologen belegt, daß zu einem guten Teil im Arbeitsprozeß nicht spezifisches Wissen oder fachliches Können und speziali- sierte Fertigkeiten, sondern soziale Fertigkeiten sowie Lern- und Anpassungspotential verlangt, eingesetzt und auch beurteilt wer- den. Die fachlichen Lernprozesse in der Hochschule dienen in ge- wisser Weise nur als Transfer-Vehikel ..." /168/ Daß nun vermit- tels solcher Funktionen "langfristige Effekte im Sinne wünschba- rer gesellschaftspolitischer Ziele" bewirkt werden, ist füglich zu bezweifeln. Die Empfehlung, die Art der Wissensvermittlung sei wichtiger, "als die konkreten Gegenstände selbst" /168/, ent- spricht doch wohl kaum den politischen Zielen individueller Ent- faltung und gesellschaftlicher Demokratisierung, die sich - auch im Ausbildungssystem - nicht anders als im Rahmen konkreter Ge- genständlichkeit verfolgen lassen. Zugleich stellt sich hier noch ein weiteres Problem: wenn "soziale Fertigkeiten, Lern- und An- passungsbereitschaft" /168/ im Beschäftigungssystem an Bedeutung gewinnen, dann werden Kriterien wichtig, mittels derer diese Fer- tigkeiten beurteilt werden können, da die traditionellen Lei- stungsmaßstäbe sie offensichtlich nicht zu erfassen gestatten. Als Kriterien für die Kontrolle im beruflichen Rekrutierungspro- zeß und am Arbeitsplatz verbleiben nur extrafunktionale: "Zu die- sen extrafunktionalen Kriterien gehören zum Beispiel allgemeine Loyalität, Schichtzugehörigkeit, Zugehörigkeit zu Parteien und Verbänden, persönliche Verbindungen (Beziehungen), ideologische Orientierung und allgemeines Bildungswissen." /34/ Damit aber ge- raten die Autoren in ein Dilemma, dessen sie zwar selbst inne werden, das sie aber nicht aufzulösen vermögen: Nicht bloß sind solche Kriterien von hoffnungsloser Unscharfe und Beliebigkeit. Mehr noch: Was zur "Verbesserung der individuellen Lebenschancen" und zur "Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Strukturen im Sinne wachsender Demokratisierung" /164/ beitragen soll: allgemeine fachunspezifische Qualifikation mit hoher Transfer-Qualität - das wird an Kriterien gemessen, die der Befe- stigung klassenspezifischer Privilegiensysteme dienen. Abstrakt und hilflos die abschließende Empfehlung: "Solange nicht der Strukturzusammenhang, der Diskriminierung stets erneut bedingt und sich dazu nunmehr bestimmter extrafunktionaler Kriterien be- dient, aufgebrochen wird, kann die Expansion des Bildungssystems nur immer wieder diesen Strukturzusammenhang perpetuieren, damit aber die ihr gesetzten Ziele nicht erreichen." /170/ Die objektiven Funktionen der Politologen-Untersuchung sind zum einen die Effektivierung der Verwaltung aktueller Widersprüche im Verhältnis von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem und zum an- deren die Orientierung der Bildungspolitik auf die Expansion all- gemeiner fachunspezifischer Qualifikationen. Als Konsequenz für den Ausbildungsprozeß ergibt sich: Die Hochschulausbildung wird entspezialisiert, auf die Vermittlung "poly-valenter Sockelquali- fikationen" beschränkt, die "das Lernvermögen in der Arbeitssi- tuation" /168/ begründen, zu denen auch die "bislang als extra- funktional bezeichneten Qualifikationen" /169/ gehören sollen. Die spezialisierte, tätigkeitsbezogene Ausbildung wird in das Sy- stem der Berufstätigkeit selbst verlagert, in die Referendariate der Verwaltungen, in die Trainéeprogramme der Konzerne. Während den Absolventen versprochen wird, für eine solche Ausbildung sei "die Absorptionsfähigkeit des Systems der Berufstätigkeit nahezu unbegrenzt" 37), hofft man zugleich, die unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nicht bewältigbare Anarchie der Ausbil- dungs- und Beschäftigungsprozesse dergestalt steuern und der öko- nomisch und politisch bestimmten Nachfrage der Abnehmer in Kon- zern und Staat noch am besten gerecht werden zu können. 2. Während die Politologen-Studie ihren Stellenwert im Rahmen ei- nes allgemeinen bildungspolitischen Ansatzes zur Bestimmung des Verhältnisses von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem hat, ist die zweite Untersuchung, die hier diskutiert werden soll, mehr pragmatisch an der Entwicklung der "Studienreform" im Bereich der Sozialwissenschaften orientiert. Ihr Titel "Wirtschaft und Ver- bände" 38) verweist auf einen an der Ruhr-Universität Bochum in der sozialwissenschaftlichen Abteilung beheimateten Studiengang gleichen Namens, dessen empirische Fundierung bzw. Überprüfung ihr unmittelbarer Zweck ist. Im Unterschied zur Politologen-Stu- die, die auf einer Absolventenerhebung basiert, werden hier die Abnehmer: Industrieunternehmungen, Verbände (die Gewerkschaften eingeschlossen), Kammern und öffentliche Verwaltungen befragt. Die Erforschung ihrer Qualifikationsbedürfnisse dient der Unter- werfung der Ausbildung unter eben diese Bedürfnisse. Während die Politologen-Studie, wenn auch abstrakt, an den politischen Ziel- setzungen individueller Entfaltung und gesellschaftlicher Demo- kratisierung festhält, unterstellt "Wirtschaft und Verbände" das sozial wissenschaftliche Studium unverhüllt und bedingungslos den Wünschen der "Praxis" /93, 95 u.ö./. Daß das Rationalisierungsku- ratorium der deutschen Wirtschaft (RKW) ein "Geleitwort" beige- steuert hat, verrät einschlägiges Interesse. Und der Unternehmer- brief des Deutschen Industrieinstituts berichtete am 4.3.1971, im Vorgriff aufs Hochschulrahmengesetz, das die Einrichtung zentra- ler Studienreformkommissionen, unter Beteiligung sog. "Sachverständiger aus der Berufswelt", vorsieht, habe "die Uni- versität Bochum, gestützt auf empirische Untersuchungen und in Zusammenarbeit mit erfahrenen Praktikern, die neue Studienrich- tung "Wirtschaft und Verbände" entwickelt. Dabei wurde das zu vermittelnde Wissen auf seine beruflichen Anwendungsmöglichkeiten sowie die späteren Berufschancen der Absolventen hin überprüft. Die Gefahr, einseitig festgelegte und eng spezialisierte Kräfte auszubilden, soll vermieden werden." 39) Der achtsemestrige Stu- diengang ist dem eigenen Anspruch nach im Rahmen integrierter So- zialwissenschaften aufgebaut; er kombiniert vier "Kernfächer" (Theoretische Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialöko- nomik, Sozial wissenschaftliche Methodenlehre und Sozialstati- stik, Soziologie) und ein weiteres Wahlfach (Politische Wissen- schaft oder Jura, vor allem öffentliches, Sozial- und Arbeits- recht, oder Betriebswirtschaftslehre oder Sozialpsychologie etc.). Der Unternehmerbrief bescheinigte: "Im Gegensatz zu einge- schworenen Gesellschaftskritikern will Bochum vornehmlich Sozial- wissenschaftler hervorbringen, deren Wissen in Wirtschaft und Verwaltung nachgefragt wird." 40) Dieser Studiengang, der von den fortschrittlichen Hochschulange- hörigen in Bochum scharf bekämpft wird, reflektiert veränderte Anforderungen an die Leitungssysteme in den privaten Betrieben ebenso wie in den staatlichen Verwaltungen. Ohne diesen komplexen Zusammenhang entfalten zu können: die Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung der Produktion auf der Grundlage staatsmonopo- listischer Produktionsverhältnisse, die Intensivierung der Aus- beutung durch perfektionierte Methoden der Arbeitsbewertung und Arbeitsorganisation, die Sicherung der betrieblichen Integration der Arbeiter und Angestellten - all das erfordert solche Lei- tungsstrukturen und -instrumente, die anstelle starrer Führungs- schemata eine differenzierte Delegation von Leitungsfunktionen an Gruppen der Lohnabhängigen gestatten, die zugleich die zentrale Entscheidungsgewalt der "Unternehmensführung" abdichten und ihre Umsetzung bis auf die unteren Ebenen der Entscheidungshierarchie vermittels Planungskompetenz und Sozialtechnik effektivieren. Analoge Probleme stellen sich auf der Ebene der staatlichen Ver- waltung: mit dem Wachstum ihrer Funktionen im Bereich ökonomi- scher Profitregulierung und politischer Herrschaftssicherung steigen die organisatorischen, technischen und personellen Anfor- derungen an die administrativen Prozesse. Sie gleichen sich in ihren Leitungsstrukturen und -instrumenten den großen Monopolap- paraten an. Staatsmonopolistisch verschmelzen Monopolkapital und Staat auch in den mehr und mehr gleichgerichteten Qualifikations- ansprüchen an ihre Leitungskader. Dem sucht der Studiengang "Wirtschaft und Verbände" Rechnung zu tragen. Er ist auf ein Spektrum von Tätigkeitsfeldern zugeschnit- ten, "die von den Sozialverwaltungen der Großbetriebe und den Mi- nisterien bis hin zu den eigentlichen Verbänden, Kammern, Berufs- verbänden, Tarifpartnern, Verwaltungen in Kirche, Presse und - ganz allgemein - Massenmedien reichen." 41) Die Verknüpfung der Ausbildung des Verwaltungsbeamten mit der des Konzernmanagers wird hier greifbar. Die Ausrichtung des Studiengangs auf seine gleichförmige Tauglichkeit fürs Monopolkapital und seine Ver- bände, für staatliche Verwaltungen, öffentlich-rechtliche Insti- tutionen und Gewerkschaften, hat überdies die Funktion, daß die Ausgebildeten später vor allem die Gelenkstellen zwischen diesen Organisationsbereichen intakt halten, daß sie in den verschie- denen Organisationen gesellschaftliche Gegensätze verkleistern und etwa in den Gewerkschaften die Politik der Sozialpartner- schaft betreiben. Der Tendenz entsprechend, die Universitäten auf die Qualifikation des betrieblichen und administrativen Middle- Managements zu beschränken und die Schulung des Top-Managements in außeruniversitäre Führungsakademien, Stiftungsinstitute oder Privatuniversitäten auszulagern 42), soll der Studiengang "Wirtschaft und Verbände" mittlere Leitungskader ausbilden, gene- ralistisch orientiert, mit vorwiegend koordinierenden und bera- tenden, kommunikativen und publizistischen Funktionen. Der so qualifizierte Sozialwissenschaftler wird als "dritter Mann" be- zeichnet: "Mehr und mehr... zeigt sich, daß neben Juristen und Volkswirten noch ein "Dritter Mann" verlangt wird: Der typische Verbands- und Verwaltungsmanager. Er weiß mit Personal umzugehen, zu verhandeln, sich im intermediären Bereich zwischen Wirtschaft und Politik zu bewegen." 43) Der Beruf des "Dritten Mannes" sei noch nicht "fest fixiert, im Gegenteil noch weithin offen." Vor- geschlagen werden u.a.: Personalleiter, Verhandlungsleiter, Dele- gierter, Public-Relations-Man, Ghost-Writer, Institutsleiter, Ge- schäftsführer, Dezernent, Referent; eine ziemlich willkürliche und, hinsichtlich des konkreten Bedarfs, ungesicherte Zusammen- stellung: die Arbeitsplatzunsicherheit wird hier gleichsam zum integrierenden Bestandteil der Ausbildungsplanung. Als eine Art Evaluation des Studiengangs wurde 1971 die empiri- sche Erhebung von Herder-Dorneich und seinen Mitarbeitern durch- geführt. Befragt wurden, nach einem mehrstufigen Auswahlverfah- ren, beschränkt auf den nordrhein-westfälischen Raum, die "vier Zielbereiche Industrieunternehmung, Verband, öffentliche Verwal- tung, Kammer" /25/, vor allem zu zwei thematischen Komplexen: zur "Situation" der in den angesprochenen Organisationen beschäftig- ten Sozialwissenschaftler und zu den von diesen Organisationen nachgefragten Qualifikationen. Ergebnisse sind u.a., daß weit über 60% der Organisationen keine Sozialwissenschaftler beschäf- tigen und daß in den meisten Fällen dort, wo Sozialwissenschaft- ler tätig sind, höchstens 1-2 verwendet werden. Der Bereich der Kammern fällt für den Studiengang "Wirtschaft und Verbände" fast vollständig aus: "Damit läßt sich die bei der Einrichtung des Studiengangs vertretene These, die Absolventen ... seien potenti- elle Anwärter für Positionen in Kammern, ... nicht mehr auf- rechterhalten. Die Kammern beabsichtigen nicht, Sozialwissen- schaftler einzustellen." /43/ Vor diesem Hintergrund bekommt die Untersuchung unter der Hand auch Public-Relations-Funktionen für den Studiengang; sie dient ihn den potentiellen Kunden an. Insge- samt zeichnet sie sich dadurch aus, daß sie ihren Interessen- standpunkt mit kruder Unbekümmertheit in Informationswert umzu- setzen sucht. Exemplarisch seien zwei Aspekte diskutiert: 2.1. Bedarf an Sozialwissenschaftlern: Der Bedarf soll für den Zeitraum 1972 bis 1975 laut Angaben der befragten Organisationen errechnet werden. Dabei ergibt sich: 47% der Organisationen wol- len keinen, 24% einen, und der Rest 2 und mehr Sozialwissen- schaftler einstellen. Um die Zuverlässigkeit dieser Angaben zu überprüfen, wurde gegen Ende des Fragebogens eine Kontrollfrage eingebaut: sie bezieht sich darauf, ob die befragte Organisation Personalplanung betreibt, weil nur bei mittelfristiger Personal- planung Bedarfsangaben einigermaßen begründet seien. Wie berech- tigt diese Annahme ist, zeigt ein Hinweis der Zeitschrift "analysen": "Nur 4% der Industrieunternehmen betreiben eine mit- telfristige Personalplanung. Eine längerfristige Personalplanung ist nahezu unbekannt. Die Wirtschaft ist also gar nicht in der Lage, ihren "Bedarf" an Akademikern für die nächsten Jahre zu nennen." 44) Das Ergebnis der Kontrollfrage geht nun aber in die Berechnung gar nicht ein; stattdessen wird ohne Hinweis von den unkontrollierten Daten ausgegangen: so kommen die Autoren auf einen Mittelwert von 70 Neueinstellungen pro Jahr, der sie zu dem großzügigen Kommentar veranläßt, "daß in der näheren Zukunft im Vergleich zu 1971 keine Nachfrageexpansion erfolgen wird." 7407 Kontrolliert aber lautet das Ergebnis: 40 Neueinstellungen pro Jahr, was eine Verschlechterung gegen 1971 (mit 60 Neueinstellun- gen) beinhaltet. 2.2. Nachgefragte Qualifikationen: Um die Qualifikationserwartun- gen der "Praxis" /93, 95 u.ö./ zu bestimmen, wurden 47 wissen- schaftliche Fachgebiete (von Arbeitsrecht bis zur Verwaltungsge- schichte) vorgegeben, aus denen die Befragten maximal 20 auswäh- len konnten, die sie für besonders wesentlich hielten. Die Ergeb- nisse sind zunächst in Form einer Rangfolge präsentiert. Hier schon sind Zweifel anzumelden, ob Qualifikationserwartungen durch eine Addition traditioneller Wissenschaftssegmente überhaupt sinnvoll beschreibbar sind. Die Auswahl und Anzahl wird nirgendwo gerechtfertigt. Die einzelnen Fachgebiete sind in Umfang, Inhalt und Bedeutung heterogen. Und heterogen ist schließlich auch das Nachfrageergebnis: die Rangfolge ergibt kein Qualifikationspro- fil. Im nächsten Schritt sollen dann die 47 Fachgebiete zu 10 Fachgruppen (von Jura bis Wirtschafts- und Sozialgeschichte) zusammengefaßt und in ihrer Bedeutung gewichtet werden. Dabei ergibt sich entgegen dem Konzept des Studiengangs /vgl. 16 f./, daß Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre unter- durchschnittlich nachgefragt werden, dagegen Publizistik, Psycho- logie und Pädagogik dem Nachfragedurchschnitt entsprechen. Da Herder-Dorneich und seinen Mitarbeitern dieses Ergebnis nicht paßt, verfallen sie auf die Idee, Volks- und Betriebswirtschafts- lehre wieder in einzelne Fachgebiete zu segmentieren und die meist nachgefragten aus beiden Fachgruppen zum neuen Fach "Wirtschaftswissenschaften für Sozialwissenschaftler" zusammenzu- fassen. Dieses neue Fach mit seinen Kerngebieten Organisation, Personalwesen, Konjunktur- und Wachstumstheorie, Rechnungswesen und regionale Wirtschaftspolitik, ist zwar wissenschaftstheore- tisch ein Unding, hat aber nunmehr die Ehre einer überdurch- schnittlichen Nachfrage. In einem dritten Schritt schließlich wird untersucht, inwieweit die fachlichen Präferenzen der einzel- nen Organisationen Unterschiede aufweisen. Es zeigt sich, daß z.T. erhebliche Differenzen zwischen den fachlichen Erwartungen der Organisationen bestehen. Die Konzeption eines einheitlichen Studiengangs "Wirtschaft und Verbände" wird von hieraus in Frage gestellt; und dies umso mehr, als die Differenzen bei überdurch- schnittlich nachgefragten Fachgebieten besonders stark sind (z.B. öffentliches Recht und Verwaltungsrecht, betriebliche Sozialpoli- tik, Personalwesen), während umgekehrt bei unterdurchschnittlich nachgefragten Fachgebieten Einheitlichkeit sich einstellt (z.B. politische Ideengeschichte, vergleichende Regierungslehre, Preis- theorie und -politik, Sozialgeschichte der Neuzeit). Die Untersuchung spiegelt einen durchaus dürftigen Entwicklungs- stand bürgerlicher Bildungsplanung, der ihre beiden Ziele: Über- prüfung des Studiengangs und Reklame für ihn, nur beschränkt sich einlösen läßt. Daß die Beschäftigungsmöglichkeiten für Sozialwis- senschaftler in den hier angesprochenen Tätigkeitsbereichen, trotz objektiv vorhandener Funktionsbestände, sich als begrenzt erweisen, wird immer wieder auf das "schlechte Image der Sozial- wissenschaftler" /43 u.ö./ zurückgeführt. Es gehe in Zukunft darum, "emotionale und ideologische Widerstände bei den Anbietern von Stellen - nicht zuletzt durch die Studentenunruhen gefördert" /94/, abzubauen. Für sich selbst verbucht man erste Erfolge "gezielte(r) Public-Relations-Arbeit" /92/: man verweist darauf, "daß nur knapp 20% der Befragten 1971 Sozialwissenschaftler ein- zustellen bereit sind, jedoch die Frage, ob sie bereit seien, So- zialwissenschaftler der Studienrichtung "Wirtschaft und Verbände" einzustellen, mehr als 50% positiv beantworteten." /99/ Hier ist freilich wiederum Vorsicht geboten: die Prozentangaben beziehen sich auf unterschiedliche Basisdaten; überdies ist die Frage nach der Einstellungsabsicht von Sozialwissenschaftlern des eigenen Studiengangs auf keinen bestimmten Zeitraum eingegrenzt, und die Antworten auf ihre Verbindlichkeit zu prüfen, ist hier gar nicht erst in Betracht gezogen worden. Methodische Schludrigkeit ist mit inhaltlicher Formierung verbunden: Die Chancen des Studien- gangs aufzubessern, so heißt es, "setzt eine weitere konsequente Ausgestaltung des Studienangebots im Hinblick ... auf die Quali- fikationen voraus, die in der Praxis primär erwünscht sind." /93/ Mit vermehrtem Bedarf an Planungs-, Beratungs- und Ausbildungs- leistungen zur Sicherung relevanter Kapitalverwertungs- und Herr- schaftsbedingungen, der in ein entsprechend spezialistisch oder generalistisch qualifiziertes und hierarchisiert angewandtes Per- sonal umgesetzt werden muß, wachsen die Anforderungen an rational und planvoll eingesetzte Sozialwissenschaften. Für diese selbst aber bleibt es in höchstem Grade unklar, wie der Bedarf zu be- stimmen und in konkrete Berufsfunktionen zu übersetzen ist, wi- dersprüchlich, wie die Ausbildung zu organisieren und in konkrete Studienplanung umzuformulieren ist, unsicher, wie die politischen Implikationen in Studium und Beruf unter Kontrolle zu halten und in systemkonforme Orientierungen zu kanalisieren sind. Bürgerli- che Soziologen stehen mitunter ein wenig hilflos vor der Frage, wieso eine Wissenschaft mit dem Anspruch zur Regulierung und Steuerung gesellschaftlicher Prozesse beizutragen, bislang die Regulierung und Steuerung ihrer selbst "als akademische(r) Lehr- disziplin offensichtlich nicht unter reflektierende Kontrolle zu bringen vermochte?" 45) Sie verfallen dann auf Erklärungen wie die der gebrochenen Tradition, der mangelnden Kapazität, der feh- lenden scientific Community u.a.m. Solche Erklärungen sind zwar nicht bloß falsch, doch erfassen sie selbst nur die Folgewirkun- gen gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse, die ihre Planung im Zusammenhang langfristiger Zielorientierungen im gesamtgesell- schaftlichen Interesse nicht gestatten, die infolgedessen auch die Planung der Bildungsprozesse nur unzureichend und wider- sprüchlich zulassen. Das hat Rückwirkungen auf die Bemühungen der Sozialwissenschaften um Planung ihrer selbst: Diese vermag zwar perfektioniert zu werden, aber ihrer umfassenden Rationalisierung bleiben solange prinzipielle Schranken gesetzt, als sie nicht an den Interessen der arbeitenden Bevölkerung sich orientiert. Hier hätte eine demokratische Studienreform im Bereich der Sozialwis- senschaften anzusetzen. 46) _____ *) Die marxistische Kritik bürgerlicher Bildungsplanung hat sich bislang vorwiegend auf der Ebene globaler Planungsansätze, zen- traler Entscheidungsprozesse und allgemeiner Ableitungszusammen- hänge entwickelt. Die Analyse regionaler, sektoraler oder fachbe- reichsspezifischer Probleme der Bildungspolitik blieb demgegen- über zurück. Der folgende Aufsatz versteht sich als Beitrag hierzu. "Sozialwissenschaften" werden hier im engeren Sinne (von Soziolo- gie und Politikwissenschaft) gefaßt. 1) Leopold von Wiese: KVHfS, 1933/34, S. 228. 2) Leopold von Wiese: "Verhandlungen des 8. Deutschen Soziologen- tages vom 19.-21. September 1946 in Frankfurt/M.", Tübingen 1948, S. 3. 3) 1. Jg., 1949/50, S. 92-101. 4) Uwe Schlottmann: "Soziologen im Beruf", in: KZfSS, Jg. 20, 1968, S. 575 ff.; Dirk Härtung u.a.: POLITOLOGEN IM BERUF, Stutt- gart 1970, S. 56 ff. (Rücklauf bei Schlottmann: 717, bei Härtung u.a.: 497). 5) Zit. nach: DER SPIEGEL, Nr. 34, 18.8.69, S. 107. 6) Horst Reimann, Klaus Kiefer: SOZIOLOGIE ALS BERUF, Tübingen ² 1969, S. 3. 7) Hans Uwe Otto, Kurt Utermann (Hg.): SOZIALARBEIT ALS BERUF. Auf dem Weg zur Professionalisierung?, München 1971. 8) Rene König: "Wandlungen in der Stellung der sozialwissen- schaftlichen Intelligenz", in: ders., STUDIEN ZUR SOZIOLOGIE, Frankfurt/M. 1971, S. 97. Die Arbeit, ein Vortrag vor dem 14. So- ziologentag, datiert von 1959. 9) Rene König: "Die Berufsmöglichkeiten des Soziologen", in: KZfSS, Jg. 14, 1962, S. 295. 10) Uwe Schlottmann, a.a.O., S. 572. 11) Josef Heptner: "Der Arbeitsmarkt für Akademiker" (II). Januar bis Juni 1971, in: ANALYSEN, Nr. 8, Okt. 1971, S. 19; vgl. auch Arbeitsmarkt 1. Halbjahr 1972, "Wirtschafts- und Sozialwissen- schaftler ...", in: ANALYSEN, Nr. 1, Jan. 1973, S. 22 ff., S. 25: "Die Vermittlungsmöglichkeiten für Soziologen haben sich ... wei- ter reduziert. Die Diskrepanz zwischen Bewerbungen und Stellenan- geboten war ganz erheblich. Als Wirkungsbereiche bieten sich das betriebliche Personal- und Ausbildungswesen, die Lehre und For- schung an Hochschulen, die Erwachsenenbildung der Bereich der So- zialarbeit, die Stadt- und Regionalplanung, sowie das Unter- richtswesen an ... Für Politologen blieben die Berufschancen vor- erst ebenfalls wenig verheißungsvoll ... Ansonsten sah sich man- cher Bewerber gezwungen, eine Beschäftigung anzunehmen, die sei- ner Vorstellung nicht entsprach." Bei den Berichten der Fachver- mittlungsstellen der Bundesanstalt für Arbeit ist zu berücksich- tigen, daß die Vermittlung der Sozialwissenschaftler über for- melle Marktprozesse zwar zunimmt, aber nicht die einzige Vermitt- lungsform ist. 12) Annelore Chaberny u.a.: "Substitutionshinweise in Stellenan- geboten", in: MITTEILUNGEN AUS DER ARBEITSMARKT- UND BERUFSFOR- SCHUNG, 1. 1971, S. 116. Gruppenindeterminiertheit ist ein Maß zur Bestimmung des Grades der Substituierbarkeit einer Ausbildung gegen alle anderen Ausbildungen. Feldindeterminiertheit ist ein Maß zur Bestimmung des Grades der Substituierbarkeit einer Aus- bildung gegen eine andere in bezug auf alle sonstigen Ausbil- dungsfachrichtungen. 13) Vgl. die Rede des Mannheimer Soziologen M. Rainer Lepsius auf der Jahresversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1973: "Auf die Sozialwissenschaften richtet sich zunehmend öffentliches Interesse. Selbst in der Regierungserklärung vom 18. Januar 1973 ist von ihnen die Rede. Dort versichert die Bundesregierung, sie werde darauf achten, daß die sozialen und gesellschaftlichen Fol- gen der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung in die Forschung einbezogen werden und daß darüber hinaus auch der gesellschafts- wissenschaftlichen Grundlagenforschung größere Aufmerksamkeit zu- teil werde. Schon im Forschungsbericht IV der Bundesregierung vom April 1972 wird die Förderung der Sozialwissenschaften hervorge- hoben." DFG, mitteilungen 3/73, S. 31. 14) Die politische Unsicherheit hat zuweilen sektiererische Aus- drucksformen: etwa wenn der BASF-Manager Günther von Lepel einen "Hochschulschrumpfungsplan" vorlegt, der Fächer wie Soziologie oder Politologie verkümmern lassen und sich auf die "klassischen Disziplinen" konzentrieren will; oder wenn der Personalberater L. Kroeber-Keneth gar die "Schließung aller Universitäten für eine geraume Zeit" empfiehlt: "Bei den wirtschaftswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Fakultäten können wir bei der gegen- wärtigen Bedarfslage getrost vier Semester auf weiteren Akademi- kerausstoß verzichten, bei den übrigen Fakultäten - nun, sagen wir - zwei Semester. Die Wirtschaft wird sie nicht groß vermis- sen." Belege: Schmidt nach: DER SPIEGEL, Nr. 34, 18.8.1969, S. 88; Win- fried Schlaffke: "Akademisches Proletariat?" Die Diskussion über Angebot und Nachfrage hochqualifizierter Arbeitskräfte, BERICHTE DES DEUTSCHEN INDUSTRIEINSTITUTS ZU BILDUNGS- UND GESELLSCHAFTS- POLITISCHEN FRAGEN, Jg. 2, Nr. 1, 1970, S. 29 f.; der Kommunalbe- amte nach: DER SPIEGEL, a.a.O., S. 89; v. Lepel nach: LINKS, Nr. 21, April 1971, S. 22; Kroeber-Keneth nach: Werner Hofmann: "Zur Soziologie der Studentenrevolte", in: ders.: ABSCHIED VOM BÜRGER- TUM. Essays und Reden, Frankfurt/M. 1970, S. 79. 15) Uwe Schlottmann, a.a.O., S. 573. 16) Zur MPI-Untersuchung vgl. Anm. 4; die weiteren zitierten Un- tersuchungen sind ebenfalls in Buchform erschienen: Konstanzer Soziologenkollektiv: BERUFE FÜR SOZIOLOGEN, München 1971; Renate Mayntz (Hg.): SOZIOLOGEN IM STUDIUM, Stuttgart 1970; zu den lau- fenden Untersuchungen vgl. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufs- forschung (Hg.): FORSCHUNGSDOKUMENTATIONEN ZUR ARBEITSMARKT- UND BERUFSFORSCHUNG, Aufl. 2, 1971; Helmut Knobel, Volker Schmidt: VORAUSSCHÄTZUNG DER STUDENTENZAHLEN DER WIRTSCHAFTS- UND SOZIAL- WISSENSCHAFTEN 1968 - 1980, Kiel 1968, Masch. Mskt. 17) Wie wenig etwa der Wissenschaftsrat mit den bisher vorliegen- den Analysen zum Gesamtbedarf an Hochschulabsolventen anfangen kann, zeigen seine EMPFEHLUNGEN ZUM DRITTEN RAHMENPLAN NACH DEM HOCHSCHULBAUFÖRDERUNGSGESETZ vom 11. Mai 1973, S. 43 ff., S. 99 ff. Im Bereich der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften schwanken die für erforderlich gehaltenen Zuwachsraten 1980/81 gegenüber 1961 zwischen 49,3% (H. Riese u.a.: DIE ENTWICKLUNG DES BEDARFS AN HOCHSCHULABSOLVENTEN IN DER BRD, 1967) und 175 % (A. Krafft u.a.: HOCHQUALIFIZIERTE ARBEITSKRÄFTE IN DER BRD BIS 1980, 1971). Der WR: Diese Untersuchungen "können daher keine sichere Basis für die Abschätzung des erforderlichen Gesamtumfangs und der erforderlichen fachlichen Struktur für den Ausbau des Hoch- schulbereichs geben." (S. 105). 18) BESCHLÜSSE DER BUND-LÄNDER-KOMMISSION FÜR BILDUNGSPLANUNG FÜR DIE DURCHFÜHRUNG VORDRINGLICHER MASSNAHMEN, 6.7.1972, S. 171. 19) Ebd., S. 175. 20) Wissenschaftsrat: EMPFEHLUNGEN ZUM ERSTEN RAHMENPLAN NACH DEM HOCHSCHULBAUFÖRDERUNGSGESETZ, 30.1.1971, S. 10. 21) Planungsausschuß für den Hochschulbau: ERSTER RAHMENPLAN FÜR DEN HOCHSCHULBAU NACH DEM HOCHSCHULBAUFÖRDERUNGSGESETZ, 19.7.1971, Anlage 1, S. 2, Tab.; Wissenschaftsrat: EMPFEHLUNGEN ZUM DRITTEN RAHMENPLAN NACH DEM HOCHSCHULBAUFÖRDERUNGSGESETZ, 11.5.1973, S. 69, Tab. 18; Bund-Länder-Kommission für Bildungs- planung: BILDUNGSGESAMTPLAN (Fassung 15.6.1973), Band II, Stutt- gart 1973, S. 72. 22) Wissenschaftsrat: EMPFEHLUNGEN ZUM ERSTEN RAHMENPLAN, a.a.O., S. 33, Tab. 1; EMPFEHLUNGEN ZUM DRITTEN RAHMENPLAN, a.a.O., S. 69, Tab. 18. 23) EMPFEHLUNGEN ZUM DRITTEN RAHMENPLAN, a.a.O., S. 63. 24) Ebd., S. 65. 25) Wissenschaftsrat: EMPFEHLUNGEN ZUR STRUKTUR UND ZUM AUSBAU DES BILDUNGSWESENS IM HOCHSCHULBEREICH NACH 1970, Bd. 2, S. 215 ff. Als Modell eines zweijährigen Studiengangs wäre der für "Berufsberatungskräfte" an der Universität Mannheim heranzuzie- hen. Er wurde im WS 1972/73 auf Initiative der Bundesanstalt für Arbeit, die auch die Abschlußprüfung besorgt und als Hauptabneh- merin fungiert, eingerichtet. Das Studium ist ein Konglomerat aus Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre, Arbeits- und So- zialrecht, Verwaltungs- und öffentlichem Recht, Soziologie, Psy- chologie und Pädagogik. Der Stoff wird unter ungeheurem Druck eingepumpt; der Mannheimer Ökonom Gerhard Zeitel: der neue Studi- engang habe gezeigt, daß man Studenten durchaus bis zu dreißig Wochenstunden Vorlesungs-, Übungs- und Seminarbetrieb abverlangen könne. Vgl. FRANKFURTER RUNDSCHAU, Nr. 195, 23.8.1973. 26) EMPFEHLUNGEN ZUM DRITTEN RAHMENPLAN, a.a.O., S. 69, Tab. 18. 27) EMPFEHLUNGEN ZUR STRUKTUR UND ZUM AUSBAU DES BILDUNGSWESENS, a.a.O., Bd. 2, S. 61; zur Kritik des Konstanzer Modells vgl. Joachim Hirsch, Stephan Leibfried: MATERIALIEN ZUR WISSENSCHAFTS- UND BILDUNGSPOLITIK, Frankfurt/M. 1971, S. 200 f. 28) EMPFEHLUNGEN ZUM DRITTEN RAHMENPLAN, a.a.O.. S. 70. 29) Ebd., S. 75, 77. 30) Der Minister für Wissenschaft und Forschung des Landes NRW: "Schreiben an die Gesamthochschulen vom 21.12.1972", Betr.: Ein- führung neuer Studiengänge an den Gesamthochschulen; Bruno W. Nickles: "Sozialwissenschaft: Diplomstudiengang in Duisburg", in: INFORMATIONEN, 6. Juli 1973, S. 5 ff.; Günther Neumann: "Studien- gang für Lehrfach 'Sozialwissensehaften'", ebd., S. 7 ff. 31) KZfSS, Jg. 21, 1969, S. 444 f. 32) Zit. in: Joachim Matthes: EINFÜHRUNG IN DAS STUDIUM DER SO- ZIOLOGIE, Reinbek bei Hamburg 1973, Anhang, S. 275 ff. 33) Vgl. Universität Bielefeld: "Studienreform an der Fakultät für Soziologie", SCHRIFTEN ZUM AUFBAU EINER UNIVERSITÄT 5, Biele- feld 1973. 34) Konstanzer Soziologenkollektiv: BERUFE FÜR SOZIOLOGEN, Mün- chen 1971, S. 218. 35) Franz X. Kaufmann: ÜBERLEGUNGEN ZUM PROGRAMM EINER AKTIVEN PROFESSIONAHSIERUNG AN DER FAKULTÄT FÜR SOZIOLOGIE DER UNIVERSI- TÄT BIELEFELD, Masch. Mskt., S. 10. 36) Dirk Härtung, Reinhard Nuthmann, Wolfgang Dietrich Winterha- ger: POLITOLOGEN IM BERUF. Zur Aufnahme und Durchsetzung neuer Qualifikationen im Beschäftigungssystem, Stuttgart 1970; die fol- genden Zitate stammen aus dieser Untersuchung, Ziffern in Quer- balken beziehen sich auf die Seitenzahlen. Die Untersuchung ist ein Teil eines Forschungsprogramms über "arbeitswirtschaftliche Probleme einer aktiven Bildungspolitik" einer Gruppe von Mitar- beitern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (Manpower- Projekt). Auf die zahlreichen weiteren Arbeiten dieser Gruppe wird hier nicht eingegangen; auf die wichtigste sei indessen hin- gewiesen: Wolfgang Armbruster, Hans-Joachim Bodenhöfer u.a.: EX- PANSION UND INNOVATION. Bedingungen und Konsequenzen der Aufnahme und Verwendung expandierender Bildungsangebote, Westberlin 1971. 37) So die Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Friedrich Edding und Dietrich Goldschmidt, in ihrem Geleitwort zur Politologen-Untersuchung, S. 6. 38) Philipp Herder-Dornreich, Klaus W. Lippold u.a.: WIRTSCHAFT UND VERBÄNDE. Berufsanforderungen und Berufsaussichten von Sozi- alwissenschaftlem in Unternehmungen, Verwaltungen, Verbänden, Köln 1972; Zitate aus dieser Arbeit sind im folgenden mit ihren Seitenzahlen (in Querbalken) bezeichnet. 39) UNTERNEHMERBRIEF DES DEUTSCHEN INDUSTRIEINSTITUTS, Nr. 10, 4.3.1971, S. 7; der Artikel ist im umfangreichen Presse-Anhang des Herder-Dorneichschen Buches dokumentiert, vgl. dort S. 114 ff. 40) Ebd.; hierfür soll, neben reaktionären Lehrinhalten, eine weitgehende Verschulung des Studiums sorgen: der achtsemestrige Studiengang sieht bis zu 165 Wochenstunden vor, im Durchschnitt also pro Semester über 20 Wochenstunden. 41) Philipp Herder-Dorneich: "Der dritte Mann", in: ANALYSEN, 1. März 1971, S. 35. 42) Hans-Joachim Arndt, Siegfried Fassbender, Hans Hellwig: WEI- TERBILDUNG WIRTSCHAFTLICHER FÜHRUNGSKRÄFTE AN DER UNIVERSITÄT, Düsseldorf, Wien 1968; kritisch: Joachim Hirsch, Stephan Leib- fried: a.a.O., vor allem S. 95 ff., S. 179 ff. 43) Philipp Herder-Dorneich: "Der dritte Mann", a.a.O., S. 35. 44) ANALYSEN, 2. Jg., 12. Dez. 1972, S. 13. 45) Joachim Matthes: a.a.O., S. 24 f. 46) Für eine demokratische Alternative im Bereich sozialwissen- schaftlicher Studienreform vgl. ansatzweise meinen Beitrag: "Für eine fortschrittliche Anfängerausbildung der Sozialwissenschaft- ler", in: FACIT, 28., Nov. 1972. zurück