Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973
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Diskussion, Besprechung
ZUM REVOLUZIONÄREN PROZESS IN CHILE
I
Einer der wohl besten Lateinamerika-Kenner in der BRD (früher mit
B. Goldenberg bei der "Deutschen Welle", jetzt Mitarbeiter beim
"Deutschen Institut für Entwicklungspolitik" und vielfacher Gut-
achter für das BMZ) hat eine sehr lesenswerte Studie publiziert.
Im ersten Hauptteil gibt er einen sozialgeschichtlichen Abriß
Chiles von der Unabhängigkeit (1817) bis 1920, in welchem er die
Besonderheiten dieses Landes gegenüber seinen lateinamerikani-
schen Nachbarn hervorhebt: relativ unangefochtene Stellung der
staatlichen Zentralgewalt, Stabilität parlamentarischer Praktiken
als primärer Auseinandersetzungsform innerhalb der Oligarchie,
Aufkommen einer relativ starken Zwischenschicht und eines mili-
tanten Bergbauproletariats seit der verstärkten Integration Chi-
les in das imperialistische System. Schließlich: die Unterordnung
des Militärs unter die zivile politische Führung, da dessen
Hauptaufgabe bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
die Zurückdrängung der Araukaner und Mapuche-lndianer war. Es
folgt sodann eine Beschreibung der wichtigsten politischen Etap-
pen der neueren Geschichte Chiles bis 1964. Die Vergrößerung der
politischen Bedeutung der Zwischenschichten und des Proletariats
bei gleich; zeitiger Beibehaltung bzw. Verstärkung der sozio-öko-
nomischen Herrschaft der inländischen Oligarchie und der auslän-
dischen Konzerne sind die wesentlichen Momente dieser Phase, in
die auch die verstärkte Industrialisierung und die ersten Volks-
frontregierungen (1938-1947) fallen. Die strukturelle Untersu-
chung der wichtigsten Sozial- und Wirtschaftsbereiche (Kupfer-
bergbau, Landwirtschaft und Industrie) schließen diesen Teil der
Studie ab.
Hier scheinen insbesondere zwei Thesen etwas korrekturbedürftig
zu sein: Gewiß hat sich die chilenische Arbeiterbewegung +) häu-
fig sehr mechanistisch an den Fraktionskämpfen und Diskussionen
innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung orientiert und zwei-
felsohne sind manche Fehlentscheidungen, Spaltungen und Schwächen
hierauf zurückzuführen. Auf der anderen Seite ist nicht zu ver-
gessen, daß schon in den zwanziger Jahren die KP Chiles auf eini-
gen Weltkongressen der KI sich harte Kritik an ihrer jeweils
"sozialdemokratischen" oder "ultralinken" Politik gefallen lassen
mußte. Die Entstehung der Sozialistischen Partei und ihre
schnelle Entwicklung zu einer zweiten marxistischen Massenpartei
in den dreißiger Jahren muß nicht nur als große Ausnahme (auch
über Lateinamerika hinaus) gewertet werden, sondern auch als Ver-
such, eine auf nationale Besonderheiten hinorientierte sozial
istische Politik zu betreiben. - Die andere von Goldenberg über-
nommene These besagt, die schon seit den letzten Jahrzehnten des
vorigen Jahrhunderts in Chile zum Dauerphänomen gewordene Infla-
tion habe einen - um bloß ökonomische Verbesserungen kämpfenden -
Reformismus der Arbeiterbewegung zur Folge gehabt. Sicherlich ist
zu konstatieren, daß die Mehrzahl der in der Geschichte der chi-
lenischen Arbeiterbewegung organisierten Streiks ökonomische
Kampfziele verfolgte. Die chilenische Arbeiterklasse konnte durch
ihre lange Kampftradition auch relativ günstige Sozialleistungen
und ein relativ hohes Lohnniveau (gemessen an anderen lateiname-
rikanischen Ländern) wenigstens für Teile der Arbeiterklasse er-
kämpfen. Jedoch daraus abzuleiten, ihr Bewußtsein sei bloß ökono-
mistisch-reformistisch, heißt nicht nur, die in der bürgerlichen
Literatur verbreitete scharfe Trennung von Ökonomie und Politik
mitzuvollziehen, welche auch der rigiden Unterscheidung zwischen
"politischem" und "ökonomischem" Streik zugrundeliegt. Es bedeu-
tet auch, zu übersehen, daß die hier negierte enge Verbindung von
Politik und Ökonomie in Chile sich besonders leicht - auch im Be-
wußtsein der Arbeiterklasse - herstellte, da aufgrund der gewerk-
schaftlichen Gesetze, die fast jeden Streik kriminalisierten und
eine wirksame Organisation der Gewerkschaften illegalisierten,
jede Konfrontation mit dem Unternehmer in Streiks zur Konfronta-
tion mit dem Staat werden ließen. Eine wirksame Interessenvertre-
tung in ökonomischen Fragen setzte also das bewußte Hinwegsetzen
über Gesetze und Verordnungen und den kalkulierten Widerstand ge-
gen die den Staat repräsentierende Regierung voraus. Ökonomische
Streiks waren in Chile also notwendig politische. Unter diesen
Bedingungen von bloß ökonomischem Reformismus zu reden, heißt
entscheidende Aspekte der Realität vernachlässigen.
Im nächsten Abschnitt behandelt Eßer zu Recht ausführlich "die
christdemokratische Alternative des Eduardo Frei", da ohne diese
Regierungsperiode (1964-1970) sowohl die Ausgangslage der Unidad-
Popular sowie die sie vorbereitenden Prozesse unverständlich
bleiben müssen. Eßer stellt fest, daß zwischen Anspruch und Wirk-
lichkeit der christdemokratischen Herrschaft eine große Kluft be-
stand, und gerade in dem Nichterfüllen der vielfältigen Reform-
versprechungen der PDC bei gleichzeitigem Ingangsetzen wichtiger
Änderungen die Chancen für die vereinigte Linke gekommen waren.
Er beschreibt die Grundzüge der christdemokratischen Politik
(Kupfer-Chilenisierung, Agrarreform und Versuch der Integration
der ländlichen Unterschichten und des städtischen Subproletariats
durch gewerkschaftliche oder "nachbarschaftliche" Organisierung)
ebenso wie die sie begleitenden Prozesse der Differenzierung und
Polarisierung sowohl innerhalb der PDC wie auch in der chileni-
schen Gesellschaft insgesamt. Wenn man Eßer auch in seinem Urteil
zustimmen muß, daß die "Entwicklungspolitik" der Regierung Frei
"nicht etwa nicht - oder gar antikapitalistisch, sondern eindeu-
tig prokapitalistisch" war /75/, so vermißt man doch ein explizi-
tes Urteil darüber, daß dieses Experiment im wesentlichen ge-
scheitert ist und aufgrund seines Klassencharakters scheitern
mußte. Insbesondere in diesem Kapitel fallen widersprüchliche
Aussagen, falsche Beurteilungen und begriffliche Schwächen auf.
Die der christdemokratischen Propaganda angekreidete Diskrepanz
zwischen Programm und Wirklichkeit trifft auch den Kritiker, wenn
er meint, daß "die christdemokratische Regierung Chiles (sich) in
erster Linie darum (bemühte), in diesem Entwicklungsland Gemein-
schaftsaufgaben zur Schaffung der sozialen Voraussetzungen huma-
nen Zusammenlebens sowie zur Beschleunigung der Gesamtentwicklung
wahrzunehmen" /92/. Das Scheitern der Regierung Frei wird im we-
sentlichen auf "Fehlleistungen" /93/, mangelnde Einsicht darin,
"daß Strukturreformen im privatwirtschaftlichen Bereich notwendig
seien" /96/ und schließlich darauf zurückgeführt, daß "das Sozi-
alprogramm der Regierung ... ebenso wie die zügellose Konsumpro-
paganda der Privatwirtschaft das Anspruchsniveau der Unterschich-
ten wachsen (ließ)" /98/. Die korporativ-paternalistischen Züge
der Gesellschafts- und Gewerkschaftspolitik auf dem Lande bleiben
so unerwähnt wie die extrem arbeiterfeindliche Politik Preis und
seine Versuche der Spaltung und Schwächung der Industriearbeiter-
gewerkschaften. Diese Momente rückt der Verfasser etwas verfrem-
det als "strenge Beachtung des demokratischen Pluralismus",
"machtpolitische Streuung" oder "schneller Übergang zu einer plu-
ralistisch-sozialen Demokratie" ins Bild. Die ökonomische und so-
zial-emanzipatorische Bedeutung der 'asentamientos' (genossen-
schaftliche Niederlassungen von Siedlern auf enteignetem Land)
scheinen überschätzt zu sein. Verschiedene Demokratiebegriffe
werden ohne nähere Qualifizierung nebeneinander gebraucht, so daß
man etwa erfahren muß, der 'Prozeß der Demokratisierung" unter
Frei habe "die Krise der Demokratie des Landes vertieft" /103/,
da er Institutionen und Organisationen berührt habe, die bislang
als "unpolitisch" galten. Daß Präsident Frei zu diesen von ihm
mitbeeinflußten Prozessen nicht "Gegengewichte" im "Ausbau der
Regierungsautorität" und Erhöhung der "Effizienz der Institu-
tionen" schaffen konnte und diese Regierung schließlich wegen
ihres "strengen Legalismus" auf diejenigen schießen ließ, die sie
"integrieren" wollte, verleiht ihr am Ende eine fast tragische
Note. Trotz des zeitweiligen Gebrauchs von Begriffen wie "Logik
des Kapitals" oder "Institutionalisierung des Klassenkampfes" ist
das Gesellschaftsbild Eßers doch wesentlich bestimmt von um
"Entwicklungsstrategien" und "machtpolitischen Einfluß" konkur-
rierenden "Machtgruppen" (= Eliten), deren jeweiliger Wille sich
an technischen Fertigkeiten oder entgegenstehenden Willen-
säußerungen bricht. Da sollte "die Entwicklung beschleunigt wer-
den, ohne die traditionellen Machtgruppen im Wirtschaftsbereich
zu ersetzen (!)", da fehlt die Macht, um Instrumentarien für die
Durchsetzung von Entwicklungsplänen zu schaffen etc. Typisch und
äußerst gefährlich zugleich sind jene Sätze, in denen der Verfas-
ser die chilenische Entwicklung der letzten Jahrzehnte auf seinen
technokratischen Generalnenner zu bringen sucht: "Vergeblich ver-
suchten etwa die Präsidenten Ibañez und Alessandri, die Stellung
der Exekutive gegenüber dem Kongreß zu stärken, um ihre Entwick-
lungspläne verwirklichen zu können. Ihnen gelang es nicht, die
politischen Institutionen des Landes an die wirtschaftliche, so-
ziale und politische Entwicklung seit 1925 anzupassen. Daher wa-
ren diese immer weniger in der Lage, den größeren Druck von unten
zu verarbeiten, zu kanalisieren und in entwicklungs-fördernde
Bahnen zu lenken. Die entwicklungspolitischen Kosten des machtpo-
litisch-konstitutionellen Immobilismus wuchsen von Jahr zu Jahr."
/102/ Daß diese beiden Präsidenten direkte Exponenten der chile-
nischen Großbourgeoisie waren, ihre "Anpassungen" auf eine offene
Diktatur des Kapitals à la brasilienne hinausgelaufen wären, sol-
ches jedoch zu verhindern die chilenische Arbeiterklasse mit ih-
ren Organisationen stark genug war, - geht bei derartigem
"entwicklungspolitischen" Eifer verloren. Der "politische und so-
ziale Überbau" (gemeint sind die Organisationen der Werktätigen
und deren Kampfkraft) entwickelte sich schneller als "die wirt-
schaftliche Basis" und "die politischen Institutionen des Landes"
(gemeint ist das parasitäre chilenische Monopolkapital und dessen
Herrschaftsapparat) - Fazit der Geschichte: die chilenische Groß-
bourgeoisie und ihre ausländischen Helfer waren nicht clever ge-
nug, dies vorauszusehen, es rechtzeitig einzudämmen und in
"entwicklungsfördernde Bahnen" (des Kapitals) zu lenken.
Bei solchem Stand der Dinge, der eine gewisse Sympathie und in-
teressiert-distanzierte Betrachtung des Allende-Experiments ein-
schließt, muß es der Unidad Popular so gehen wie jenem Philoso-
phen, der meinte, daß er sich vor seinen Feinden selber schützen
werde, Gott ihn aber vor seinen Freunden behüten solle. Gleich-
wohl bringt das letzte Kapitel einen guten Überblick über die
Strategiediskussion in der chilenischen Linken, die ersten Maß-
nahmen der Unidad Populär und eine Bilanz ihrer Erfolge sowohl im
innenpolitisch-gesellschaftlichen wie auch im außenpolitisch-au-
ßenwirtschaftlichen Bereich. Wenngleich der letzte Problemkreis
vielleicht etwas zu optimistisch geraten und die Kontinuität zur
Freischen Außenpolitik zu stark hervorgehoben zu sein scheint,
ist dieses Kapitel durch das Aufzeigen der neuen Perspektiven für
eine Lateinamerikapolitik gegenüber den USA und einer gemeinsamen
Politik von in Blöcken gegen die imperialistischen Länder vorge-
henden Entwicklungsländer sehr lesenswert. Die Einschätzung des
Kräfteverhältnisses im inneren, der Ausblick auf Probleme der
"nicht-kapitalistischen Entwicklungsphase" und die Skizzierung
der verschiedenen Positionen der Linken in diesem Prozeß ist fak-
tenreich, instruktiv und realistisch. Manche Behauptungen sind
schlecht belegt (z.B. Zulauf der Kupferarbeiter zu den Christde-
mokraten) und manches ziemlich schief ausgedrückt (z.B., daß eine
neue Produktionsstruktur noch "weitergehende" Einkommensvertei-
lungen voraussetze). Auch macht sich der Umstand störend bemerk-
bar, daß der Verfasser die kubanische Entwicklung mit der chile-
nischen so kontrastiert, als ob den Kubanern ganz andere Möglich-
keiten offen gestanden hätten (der "sofortige" Übergang zum So-
zialismus und die daraus folgende Isolierung Kubas scheint bloß
aus dem Ungestüm seiner Revolutionäre zu resultieren). Auch
konnte Eßer nicht umhin, einige Klischees hinsichtlich der chile-
nischen KP zu wiederholen (ihre Zeitung sei langweilig, sie gebe
sich ein kleinbürgerlich gepflegtes Image, ihre Führungskader
seien überaltert etc.). Dem entsprechen beliebte Pauschalstereo-
typen, wenn von "den" lateinamerikanischen KP's die Rede ist oder
von "Moskaus Lateinamerika-Politik", welche prinzipiell den Gue-
rillakampf ausschließe. Umgekehrt findet der Verfasser nichts da-
bei, - aufgrund seiner "Beobachter-Perspektive - den MIR durch
ein Zitat aus einer "Moskauer Zeitung" hinreichend charakteri-
siert erscheinen zu lassen. /133/ Dies ändert jedoch nichts
daran, daß Eßer in vielen entscheidenden Beurteilungen sich den
Sinn für realistische und gerechte Einschätzungen bewahrt. Zu
Recht etwa hebt er hervor, daß gerade das Nebeneinander der bei-
den marxistischen Parteien mit ihren verschiedenen Akzentuierun-
gen in der Taktik ergänzend und insgesamt positiv gewirkt habe.
"Zweifellos war die Strategie des "Wandels durch Zusammenarbeit"
und der "Aktionseinheit" der KP entscheidend für den Wahlausgang.
Die systemdurchbrechenden Kampfformen der Sozialisten ergänzten
sie. So wurde es möglich, die legalen Möglichkeiten zur Entwick-
lung des Massenkampfes zu nutzen und zugleich die Kampfkraft des
Subproletariats durch illegale Aktionsformen revolutionär zu ka-
nalisieren." /113/ Es scheint, als ob auch eine in der Regierung
sitzende Unidad Populär zur Absicherung und zum Ausbau ihrer
Machtpositionen auf eine gewisse Vielfalt der Kampfformen nicht
verzichten können wird - wenngleich die Notwendigkeit der Koordi-
nierung, Synchronisierung und Dosierung der einzelnen Aktionen
sich nun als noch größeres Problem stellt.
II
Mittels Informationen und Interpretationen will sich Sonntags
Buch richten "gegen Klischeevorstellungen von rechts und links,
gegen voreilige Urteile, gegen den selbstbewußten und selbstge-
rechten Begriff von einer notwendigen Revolution und von einem
Sozialismus, der immer nur an den eigenen Wirklichkeiten festge-
macht und selten auf seine konkrete Anwendbarkeit auf andere ge-
sellschaftliche Verhältnisse überprüft wird." /7/ Das Buch zer-
fällt in drei Teile: eine Darstellung und Analyse der chileni-
schen Entwicklung, Interviews und Gespräche mit Allende, dem Lei-
ter des zentralen Planungsamtes (dieses Interview hat inzwischen
eine Diskussion in der chilenischen Zeitschrift "Punto Final"
ausgelöst), dem Agrarminister, dem Leiter der Kupferbehörde und
einem hohen Beamten in der Zentralbank sowie weiteren führenden
Politikern der "Volkseinheit". Im dritten Teil werden die beiden
wichtigsten Dokumente für das Verständnis der Grundlagen und Per-
spektiven des gegenwärtigen revolutionären Prozesses, das Grund-
satzprogramm der Unidad Populär und die "erste Botschaft des Prä-
sidenten vor dem Kongreß" gebracht. Den Interviews und Dokumenten
sind kurze Erläuterungen über den jeweiligen Kontext vorange-
stellt. Schon diese beiden letzten Teile des Buches, die in ihrer
Anlage, Übersetzung und editorischen Ausstattung sehr gelungen
sind, machen es zu einer wichtigen und lesenswerten Publikation.
Im folgenden beschränkt sich die Besprechung auf den ersten Teil.
Neben einer Schilderung der aktuellen Ereignisse und einem Abriß
der geschichtlichen Entwicklung Chiles (in dem die Besonderheiten
im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern skizziert
werden) widmet sich die Einleitung insbesondere der strukturellen
Analyse der chilenischen Wirtschaftsgesellschaft und versucht
hierbei, neue, den Typus der abhängigen, deformierten, unterent-
wickelt-kapitalistischen Gesellschaft besser als bislang erklä-
rende Konzeptualisierungen zugrundezulegen. Dies gilt etwa für
die Beschreibung der chilenischen Klassenverhältnisse, bei der
Sonntag den verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse den
verschiedenen Elementen der beherrschten Klasse (unter besonderer
Berücksichtigung der stets wachsenden Marginalen, Randschichten,
die nicht einfach als "Lumpenproletariat" zu bezeichnen sind) ge-
genüberstellt und die Klassenlage der "intermediären Sektoren"
(Handwerker, Kleinhändler, mittlere und untere Staatsangestellte
etc.) knapp streift.
Die allgemeinste theoretische Prämisse seiner Untersuchung ist
aber, daß die in Chile besonders komplizierten Beziehungen zwi-
schen "Unterbau" und "Überbau" (als den zwei wesentlichen Elemen-
ten der "Struktur") einen Aufschluß über die Möglichkeiten und
Chancen des "chilenischen Wegs zum Sozialismus" geben können.
Hierbei genügt es nach Sonntag nicht, das Spezifische der chile-
nischen Entwicklung festzustellen: "Ein Überbau hat sich entfal-
ten können, der für gesellschaftliche Entwicklung reif war, wel-
che der Unterbau auszuschließen schien. Aus dieser Kluft zwischen
Unterbau und Überbau ist hervorgegangen, was mit dem 4. September
1970 begann: der Versuch einer Revolution im Rahmen eines gegebe-
nen sozio-ökonomischen Systems und innerhalb der eingeübten
Spielregeln des Überbaus einer vorhandenen Struktur." /87 f./ Es
muß darüber hinaus gezeigt werden, ob und wie es möglich ist, daß
"innerhalb einer unterentwickelt-kapitalistischen Struktur Refor-
men durchgeführt werden, welche diese zum Sozialismus hin entwic-
keln (sollen), ohne daß von ihrer vorherigen vollkommenen Zer-
schlagung ausgegangen würde." /88/ Diese Möglichkeit sucht Sonn-
tag mit Hilfe zweier Gedankengänge zu erklären: Einmal kann auf-
grund des Gesetzes der "ungleichmäßigen, kombinierten Entwick-
lung" bei Verschärfung gesellschaftlicher Widersprüche in einem
unterentwickelten (i.e. niedrigen Produktivkraftstand aufweisen-
den) Land "der Überbau die Revolution sozusagen 'tragen'" /89/.
Der zweite von Sonntag als hilfreich empfundene Gedankengang
stützt sich auf A.G. Franks These, wonach gerade die "Strukturen"
am unterentwickeltsten sind, die "am meisten und intensivsten
(von) kapitalistischen Produktionsverhältnissen" durchdrungen
sind. "Die Widersprüche der Struktur hatten sich damit so zuge-
spitzt, daß Eingriffe in sie revolutionären Charakter tragen
konnten, daß also Reformen zu ihrer Verbesserung sie unterhand
völlig verändern konnten, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt
waren." /88 f./ Diese Widersprüche "kristallisierten" sich am
stärksten im "Überbau", weswegen er eine revolutionäre Rolle
spielen kann, sofern nur die eingeleiteten Reformen von revolu-
tionären Klassen getragen werden. Inwieweit diese "theoretische
Erklärung zumindest stringent und dem Prozeß für seine gegenwär-
tige Phase angemessen ist", wie Sonntag meint, müßte näher ge-
prüft werden. Zunächst ist einmal darauf hinzuweisen, daß die
beiden zur Erklärung herangezogenen Gedankengänge sich insofern
widersprechen, als in dem einen auf den niedrigen Produktiv-
kraftstand, in dem anderen auf den relativ entwickelten Produk-
tivkraftstand unter kapitalistisch-imperialistischen Bedingungen
abgestellt wird. Daß ferner bei Zuspitzung der Widersprüche Re-
formen zu Ansatzpunkten von revolutionären Veränderungen werden
können, sofern sie konsequent und mit entsprechender Klassenun-
terstützung durchgeführt werden, scheint ebenso die Regel zu sein
wie der Umstand, daß "der Überbau" (sofern man in ihm - wie Sonn-
tag es auch tut - die revolutionären Klassenorganisationen ansie-
delt) in gesellschaftlich labilen oder vorrevolutionären Perioden
"die Revolution tragen" muß. Was schließlich von dem Sonntagschen
theoretischen Deutungsversuch sowohl in seinem allgemein-analyti-
schen Ertrag wie auch die konkrete chilenische Situation betref-
fend übrigbleibt, ist nicht klar zu erkennen. Sicherlich ist es
vonnöten, in der aufgezeigten Richtung weiterzuarbeiten und spe-
ziell die verschiedenen sich gegenseitig bedingenden Momente in-
nerhalb des "Überbaus", der ja höchst antagonistische und in ver-
schiedenem "Reifegrad" befindliche Elemente umfaßt ebenso näher
zu untersuchen wie die ökonomische Basis eines auf relativ ent-
wickeltem Niveau stagnierenden abhängigen Kapitalismus.
Auch weitere diskussionswerte Punkte (z.B. Relativierung der
Klassenfunktion des Staates aufgrund der Anwesenheit von Soziali-
sten und Kommunisten in einigen staatlichen Organen /54/, grund-
sätzliche und permanente Einigkeit der herrschenden Klasse in der
Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik /92, Frei-Ära?/, "Schei-
tern" der "Frente Amplio" als Beweis der Unmöglichkeit eines
"nicht-bewaffneten Weges" /98/ ändern nichts daran, daß Sonntags
Einleitung eine sehr instruktive und theoretisch-begrifflich
klare Studie darstellt, die zum Weiterdenken anregt. Auch ist ihm
darin zuzustimmen, daß "Chile ... n i c h t gezeigt hat, daß
die lateinamerikanische Revolution friedlich verlaufen kann;
Chile hat nur gezeigt, daß in jeder Gesellschaft der der Struktur
angemessene Weg zur Revolution eingeschlagen werden muß." /97/
Ebenso hat er darin völlig Recht, wenn er - ebenso wie die So-
zialistische und Kommunistische Partei auf ihren Plenumssitzungen
im März dieses Jahres - in der breiten und wirklichen Mobilisie-
rung und Bewußtwerdung der Massen das Haupterfordernis des gegen-
wärtigen revolutionären Prozesses sieht. Fast alles "hängt davon
ab, ob die Parteien der Volkseinheit es schaffen, das bisher vor-
herrschende Bewußtsein: 'Die Volksregierung hat unsere Existenz-
bedingungen verbessert, deshalb stehen wir zu ihr', (was ja nur
embryonal politisch ist) in ein politisches zu verwandeln oder
nicht. Nur wenn das geleistet werden kann, braucht nicht jede
wirtschaftliche Schwierigkeit, die unvermeidlich ist in einem
solchen Prozeß, die Angst vor seiner Abtreibung auszulösen."
/102/ Die gilt umsomehr angesichts ständiger Wahlen!
Dieter Boris
_____
*) Besprechung von: Klaus Eßer: DURCH FREIE WAHLEN ZUM SOZIALIS-
MUS ODER CHILES WEG AUS DER ARMUT, Reinbek bei Hamburg 1972;
Heinz Rudolf Sonntag: REVOLUTION IN CHILE. Der schwierige Weg zum
Sozialismus, Frankfurt/Main 1972. (Angaben in Schrägstrichen be-
ziehen sich auf die jeweiligen Seiten).
+ Vgl. zur Politik der KP-Chiles auch die Übersetzung des Arti-
kels von Jörge Insunza: "Taktische und strategische Probleme des
Kampfes in Chile", aus: PRINCIPIOS, Theoretische und politische
Zeitschrift der KP-Chiles, in: KONSEQUENT, Nr. 8, 2. Jg., 1971,
S. 46 ff.
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