Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973
zurück
DIE LETZTE REDE VON PRÄSIDENT SALVADOR ALLENDE
AN DAS CHILENISCHE VOLK
Mitbürger!
Dies wird höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit sein, daß
ich mich an Sie wenden kann. Die Luftwaffe hat die Sendetürme von
Radio Portales und Radio Corporacion bombardiert.
Meine Worte enthalten keine Bitterkeit, jedoch Enttäuschung. Sie
werden die moralische Strafe sein für diejenigen, die ihren
Schwur verraten haben: Soldaten Chiles, ernannte Oberbefehlsha-
ber, Admiral Meriono, der sich selbst ernannt hat, der Herr Men-
doza, dieser niederträchtige General, der noch gestern der Regie-
rung seine Treue und Ergebenheit bekundete und sich heute zum Ge-
neraldirektor der Carabineros ernannt hat.
Angesichts dieser Tatsachen bleibt mir nichts anderes, als vor
den Werktätigen zu bekräftigen:
Ich werde nicht zurücktreten!
In eine Periode historischen Übergangs gestellt, werde ich die
Treue des Volkes mit meinem Leben entgelten. Und ich sage Ihnen:
Ich habe die Gewißheit, daß die Saat, die wir in das würdige Be-
wußtsein Tausender und aber Tausender Chilenen gepflanzt haben,
nicht herausgerissen werden kann. Sie haben die Gewalt, sie kön-
nen uns unterjochen. Aber die sozialen Prozesse kann man weder
durch Verbrechen noch durch Gewalt aufhalten. Die Geschichte ist
unser, sie wird von den Völkern geschrieben.
Werktätige meines Vaterlandes!
Ich danke ihnen für die stets bekundete Treue, für das Vertrauen,
das Sie in einen Mann gesetzt haben, der nur die Verkörperung der
Sehnsucht nach Gerechtigkeit war, der sein Wort gab, Verfassung
und Gesetze zu achten, und der dies tat. In diesem entscheidenden
Moment, dem letzten, in dem ich mich an Sie wenden kann: Mögen
Sie diese Lehre beherzigen. Das Auslandskapital, der Imperialis-
mus, vereint mit der Reaktion, schufen das Klima, damit die
Streitkräfte mit ihrer Tradition brachen, die sie General Schnei-
der lehrte und die Comandante Araya bekräftigte. Sie wurden Opfer
des gleichen sozialen Sektors, der heute darauf lauert, mit frem-
der Hilfe die Macht zurückzuerobern, um so seinen Besitz und
seine Privilegien zu verteidigen.
Ich wende mich vor allem an die einfach? Frau unseres Landes, an
die Bäuerin, die an uns glaubte, an die Arbeiterin, die noch mehr
schuf, an die Mutter, die um unsere Sorge um die Kinder wußte.
Ich wende mich an die Vertreter der wissenschaftlich-technischen
Intelligenz unseres Landes, an all die Patrioten unter ihnen, die
seit Tagen gegen die Verschwörung der Berufsverbände arbeiten,
jener Klassenverbände, die nur die Vorteile, die die kapitalisti-
sche Gesellschaft einigen wenigen einräumt, verteidigen.
Ich wende mich an die Jugend, an die, die sangen, die sich mit
Fröhlichkeit und Kampfgeist einsetzten. Ich wende mich an die
Männer Chiles, die Arbeiter, Bauern, Intellektuellen, an diejeni-
gen, die verfolgt sein werden; denn in unserem Lande wütet der
Faschismus schon seit vielen Stunden mit Terroranschlägen,
sprengt Brücken, blockiert Eisenbahnlinien und zerstört Öl- und
Gasleitungen.
Demgegenüber steht das Schweigen derjenigen, die die Verpflich-
tung gehabt hätten, dagegen vorzugehen. Die Geschichte wird sie
richten!
Sicherlich wird Radio Magallanes zum Schweigen gebracht, und der
ruhige Klang meiner Stimme wird nicht zu Ihnen gelangen. Das
macht nichts. Sie werden mich weiter hören, ich werde immer unter
Ihnen sein, zumindest die Erinnerung an mich, an einen würdigen
Menschen, der der Sache des werktätigen Volkes die Treue hielt.
Das Volk soll sich verteidigen, aber es soll sich nicht opfern.
Das Volk darf sich nicht unterjochen und quälen lassen, aber es
kann sich auch nicht erniedrigen lassen.
Werktätige meines Vaterlandes!
Ich glaube an Chile und seine Zukunft. Andere nach mir werden
auch diese bitteren und dunklen Augenblicke überwinden, in denen
der Verrat versucht, sich durchzusetzen. Sie sollen wissen, daß
eher früher als später wahre Menschen auf breiten Straßen mar-
schieren werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen.
Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Werktätigen! Dies
sind meine letzten Worte. Ich habe die Gewißheit, daß mein Opfer
nicht umsonst sein wird. Ich habe die Gewißheit, daß es zumindest
eine moralische Lektion sein wird, die die Feigheit und den Ver-
rat strafen wird.
zurück