Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973


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EDITORIAL

Das Editorial von SOPO 11, Juni 1971, legte programmatisch die Publikationsstrategie der SOPO fest, bestimmte damit perspekti- visch Inhalte und Struktur der Arbeit der Zeitschrift SOZIALISTI- SCHE POLITIK. Seitdem wurden in vielen theoretischen Aufsätzen, aktuellen politischen Kurzanalysen, Berichten und Diskussionsbei- trägen die vorgegebenen und viele neue Fragestellungen präzi- siert. Die Arbeit der Redaktion fand ihre Bestätigung in einem ständig breiter werdenden Leserstamm, wie auch durch die qualita- tiv und quantitativ zunehmende wissenschaftliche Mitarbeit aus Westberlin, der DDR und der BRD. So gelang es, von SOPO 11 bis SOPO 26 die Arbeit der Zeitschrift auf zentrale Bereiche der marxistischen Diskussion zu konzentrie- ren: - Theoretische Fragen der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus und der entwickelten sozialistischen Gesellschaft - Entwicklung der Klassenkämpfe in den entwickelten kapitalisti- schen Ländern und Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung - Kritik bürgerlicher Theorien und Politik, Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des Antikommunismus und des pseudo- linken Sektierertums. Die Redaktion der SOPO hielt sich dabei, wie in SOPO 11 formu- liert, daran, "einerseits auf der Grundlage des wissenschaftli- chen Sozialismus jene theoretischen Probleme anzugehen, die sich aus der Frontstellung gegen das Kapital ergeben und andererseits den Prozeß der Hinwendung zur wirklichen Arbeiterbewegung und den in ihrer politischen Partei organisierten revolutionären Arbei- tern sowohl theoretisch einsichtig zu machen, wie auch selbst durch die theoretische Arbeit einen Beitrag zur Stärkung der Ar- beiterbewegung zu leisten" (SOPO 11, S. 5). Konnte die Redaktion 1971 zwar politisch Grundsätzliches und Pro- grammatisches langfristig festlegen, so galt dies nicht in gleichem Maße für die konkrete Aufgabenstellung. Die Redaktion bestimmte daher nur die n ä c h s t e n A u f g a b e n der Zeitschrift, wie sie an der inhaltlichen Gestaltung der seitdem erschienenen Ausgaben abzulesen sind. Kann und muß eine sozialistische Zeitschrift von den vor unseren Augen vor sich gehenden wirklichen Klassenkämpfen ausgehend ihre theoretischen Aufgaben bestimmen, so gibt es für Fragen der Publikationsstra- tegie keine Pause im Infragestellen, kein Ausruhen, keine Zeit der politischen und ökonomischen Entwicklung analytisch hinter- herzulaufen. Im Juni 1971 wurden von der Redaktion der SOPO die nächsten Auf- gaben bestimmt "als die der radikalen Kritik und der Destruktion dogmatischer Ansätze und Politik, als die eines entschiedenen Kampfes gegen Subjektivismus und Idealismus, gegen die Verfla- chung und Einengung des Marxismus durch jene Überreste der stu- dentischen Revolte, die weiterhin eine angeblich initiierende Rolle der Studenten bei den Klassenkämpfen und daraus abgeleitet einen Führungsanspruch der Intelligenz gegenüber der Arbeiter- klasse geltend machen wollen" (SOPO 11, S. 5). Das Jahr 1973, bisheriger Höhepunkt der Veränderung des Kräfte- verhältnisses, ist gekennzeichnet durch die Erfolge der Friedens- politik der sozialistischen Länder, der internationalen Arbeiter- klasse und aller anderen Friedenskräfte in aller Welt. Die Nie- derlage des US-Imperialismus in Indochina, die erfolgreiche Durchführung der ersten Phase der europäischen Sicherheitskonfe- renz, das System der Verträge in Europa, insbesondere das Vier- seitige Abkommen über Westberlin sowie die Verträge zwischen der UdSSR und den USA sind deutlicher Ausdruck dieser Erfolge. Gleichzeitig haben sich die Klassenkämpfe in den imperialisti- schen Ländern weiter verschärft: Der maßlos gesteigerten Ausbeu- tung, der Verschlechterung der gesamten Lebensbedingungen und wachsender Arbeitslosigkeit setzt die Arbeiterklasse in immer stärkerem Maße ihre Kampfbereitschaft, einen höheren Grad ihrer gewerkschaftlichen und politischen Organisiertheit entgegen. Dies resultiert nicht zuletzt aus den Erfolgen der kommunistischen Parteien in der Durchsetzung der Politik der Aktionseinheit und der Schaffung einer breiten antiimperialistischen und antimonopo- listischen Front, in der auch große Teile der Intelligenz den ge- meinsamen Kampf gegen den staatsmonopolistischen Kapitalismus aufnehmen. Einen hervorragenden Platz in diesen Auseinanderset- zungen nimmt die Jugend ein, die mehr und mehr erkennt, daß ihre Zukunftsinteressen mit den grundlegenden Zielen und Forderungen der Arbeiterbewegung übereinstimmen. Die vergangenen Monate de- monstrieren in eindrucksvoller Weise diese Entwicklung, wie sie sich in den weltweiten Solidaritätsaktionen mit dem heldenhaften vietnamesischen Volk, in den kämpferischen und einheitlichen Mai- Demonstrationen sowie vor allem während der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin zeigte. Diese neue Qualität des antiimperialistischen Kampfes manifestiert sich gegenwärtig in der internationalen Unterstützung des kämpfenden chilenischen Volkes, dessen brutale Unterdrückung erneut den Charakter des Im- perialismus bloßlegt: Aggressivität bis hin zum offenen Terror. Neben diesen ökonomischen und politischen Auseinandersetzungen gewinnt der ideologische Klassenkampf immer mehr an Bedeutung. Auf dem Hintergrund dieser Entwicklung gilt es bei der Bestimmung der n ä c h s t e n A u f g a b e n der SOPO, auch jene Ten- denzen zu analysieren, wie sie für Teile der Intelligenz bezeich- nend sind. Die bloß mechanistische Negation des bürgerlichen Uni- versitätsbetriebes, der Wissenschaften, wie sie nach der Zer- schlagung des deutschen Faschismus in der BRD und Westberlin eta- bliert wurden, blieb im Ergebnis der Studentenbewegung der 60er Jahre in der Sackgasse elitärer Perspektivlosigkeit stecken. Wur- den sich große Teile der wissenschaftlich-technischen und künst- lerischen Intelligenz seitdem mehr und mehr ihrer sozialen Lage bewußt, d.h. vor allem der Perspektive, Lohnarbeit leisten und ihre Interessen Seite an Seite mit anderen Lohnabhängigen vertre- ten zu müssen, so entsprach dem - im sich zum Teil aus der Stu- dentenbewegung rekrutierenden Wissenschaftsbetrieb - lange Zeit noch eine marxologisch verbrämte elitäre Distanz zur realen Ar- beiterbewegung und deren gewerkschaftlichen Organisationen und politischen Partei. In Raubdrucken, Verlagen, Zeitschriften, stu- dentischen Sektengründungen feierte ein blutloser Links- oder Rechtsopportunismus Auferstehung und verklärte sich zum ideali- stischen Trugbild, dem - wenn auch quantitativ abnehmend - immer wieder Teile der Intelligenz huldigten. War es Aufgabe der Marxi- sten und Zeitschriften wie der SOPO, hier das Seziermesser der Kritik anzusetzen, so führte die ökonomische Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus und die Politik der westdeut- schen und Westberliner Monopolbourgeoisie, wie sie sich im Be- rufsverbot für Kommunisten und andere Demokraten manifestierte, zu Klärungen, die für das Bewußtsein großer Teile der Intelligenz maßgeblich waren und nach wie vor sind. Die intensive Beschäfti- gung mit dem Marxismus-Leninismus führte, wo sie nicht im Semi- narrevisionismus stecken blieb, einerseits zu Einsichten in die Entwicklungsgesetze und die ökonomischen und politischen Kämpfe im staatsmonopolistischen Kapitalismus und damit auch zur Ausein- andersetzung mit der "nach wie vor" existierenden bürgerlichen Wissenschaft. Die Veränderungen der Qualifikationsstruktur - dik- tiert durch die der Verwertung des Kapitals im staatsmonopolisti- schen Kapitalismus gesetzten Schranken -, deren Auswirkungen auf die eigene Berufsperspektive, haben eine Orientierung auf bil- dungsökonomische und bildungspolitische Fragen, auf Probleme der Ausbildungsmisere im Schul- und Hochschulbereich zur Folge, wie sie in anderer Form Jahre vorher mit auslösende Momente der west- deutschen und Westberliner Studentenbewegung gewesen waren. Doch sehen sowohl Fragen wie Antworten jetzt anders aus. Nicht der Kampf gegen einen zum fiktiven Gegner erhobenen Staat, nicht eine zum Scheitern verurteilte Gegenuniversität ergeben sich als Al- ternative. Durchsetzung fortschrittlicher Lehrinhalte an den Uni- versitäten, in Schulen und anderen Bildungsinstitutionen bedeutet jetzt vor allem, Einsicht in die realen gesellschaftlichen Ver- hältnisse und gleichzeitig eine berufliche Qualifikation zu er- langen, die den späteren Erfordernissen entspricht. Und diese Er- fordernisse sind für Sozialisten nun einmal nicht allein den Er- fordernissen kapitalistischer Verwertung unterworfen. Diese Ten- denzen spiegeln sich in den Bedürfnissen nach fachlicher Litera- tur, Büchern, Zeitschriften und Broschüren wider, die von fort- schrittlichen, von marxistischen Positionen aus Grundsätzliches zur fachlichen Ausbildung und Erziehungsarbeit beitragen können, wie auch im wachsenden Interesse für die Entwicklung des realen Sozialismus. Aus der verstärkten gewerkschaftlichen und politischen Orientie- rung ergibt sich gleichzeitig das Bedürfnis nach Informationen und Analysen von denen, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Zu- kunft der heranwachsenden Generation vertreten. Die Publikationen der kommunistischen Parteien geben Antworten, wie sie keine an- dere Weltanschauung zu geben vermag. Indiz dafür ist nicht zu- letzt die zunehmende Nachfrage nach wissenschaftlichen Veröffent- lichungen aus der UdSSR und der DDR, Dies wird bestätigt durch Erfahrungen in unserer Redaktionsarbeit. Letztlich erschöpfende und auf dem Marxismus-Leninismus basierende politische und ökono- mische Analyse kann nur von Kommunisten gegeben werden. Und Kom- munisten sind, so unbequem das auch für manche marxologische Se- minaristen klingen mag, in kommunistischen Parteien organisiert. Freischwebende Theorien, die sich aus der sozialistischen und bürgerlichen Ideologie das jeweils Passende herauspicken, führen zum Eklektizismus und sind in Konsequenz nichts anderes als bür- gerliche Ideologie - die sie doch gerade zu bekämpfen vorgeben. Aus dieser Orientierung einerseits auf die aktuell politischen und wissenschaftlichen Publikationen der kommunistischen Par- teien, andererseits auf fortschrittliche fachlich qualifizierende Lektüre - was sich durchaus in vielem überschneidet -, ergibt sich auch die Frage nach der Bestimmung der nächsten Aufgaben der SOPO. Die oben aus dem Editorial von SOPO 11 zitierten n ä c h- s t e n A u f g a b e n haben für die SOPO mehr oder weniger an Bedeutung verloren. Dies gilt natürlich nicht für die Notwendigkeit und Aktualität des dort formulierten Anspruchs, den Prozeß der Hinwendung zur wirklichen Arbeiterbewegung und ihrer revolutionären Partei sowohl theoretisch einsichtig zu machen, wie auch selbst durch die theoretische Arbeit einen Beitrag zur Stärkung der Arbeiterbewegung zu leisten. Die Form jedoch, in der dies zu geschehen hat, muß den beschrie- benen Veränderungen Rechnung tragen. War es lange Zeit der Cha- rakter der SOPO, marxistische Analysen in breitester Vielfalt bis hin zu tagespolitisch aktuellen Beiträgen zu liefern, so haben die genannten Veränderungen in den politischen Einstellungen zu einer zunehmenden Orientierung auf die Organe der kommunistischen Zeitschriften geführt. Nicht in Abgrenzung, sondern in Ergänzung zu den Veröffentlichungen kommunistischer Parteien sieht die SOPO in nächster Zukunft ihre Aufgabe in folgendem: Geleitet von der längerfristigen Orientierung und Schwerpunktsetzung der kommuni- stischen Parteien will sie versuchen, einzelne gesellschaftspoli- tisch und damit theoretisch relevante Bereiche, die sich jeweils für ein bis zwei Jahre konkret bestimmen lassen, in der Weise zu bearbeiten, daß sie grundlegende wissenschaftliche Materialien, theoretische Diskussionen, empirische Untersuchungen zu Schwer- punkten zusammenfaßt und die aus den Grundlagen kommunistischer Politik abgeleiteten aktuellen Forschungen und damit den neuesten Wissensstand für die praktisch-politische und theoretische Arbeit nutzbar macht. So gesehen, ist die Form, in der dies zu geschehen hat, notwendig unterschieden von der bisherigen Erscheinungsart. Anstelle von Ausgaben mit kürzeren Beiträgen zu den unterschiedlichsten Themen wird die SOPO ab dem 6. Jahrgang 1974 daher in veränderter Form erscheinen. Jede Ausgabe wird zu einem umfassenden inhaltlichen Komplex eine oder mehrere ausführliche Arbeiten veröffentlichen. Inhaltlich werden die Themenbereiche eingegrenzt werden zu Frage- stellungen, die zentral für die theoretische, gewerkschaftliche und politische Arbeit sind. Stärker als bisher kann die SOPO so- mit in der politischen und erzieherischen Arbeit in unterschied- lichen gesellschaftlichen Bereichen als Arbeitsmittel dienen, von marxistischer Position aus eine vertiefende Lektüre und Informa- tion bieten. Damit ist die Möglichkeit gegeben, aktuelle Fragen des politischen und ökonomischen Kampfes umfassend zu behandeln. Um eine gründliche Vorarbeit, systematische Zusammenfassung und Diskussion zu gewährleisten, wird die SOPO mit nur noch vier Aus- gaben im Jahr erscheinen. Für den heute absehbaren Zeitraum las- sen sich folgende Schwerpunkte benennen: - Lage und Kampfbedingungen der Arbeiterklasse - Sozialpolitik - Kultur- und Bildungspolitik - Stadt- und Regionalpolitik - Antiimperialistischer Kampf - Ideologische Auseinandersetzung. Im Zusammenhang mit der veränderten Erscheinungsfolge werden ebenfalls Maßnahmen notwendig, die die in letzter Zeit immens ge- stiegenen Kosten - von den Papierpreisen bis zu den Postgebühren - aufzufangen. Einerseits werden, wie schon in dieser Ausgabe, die Herstellungskosten reduziert. Ein erster Schritt ist der Ver- zicht auf Randausgleich der Beiträge und der Abdruck im Flatter- satz. Andererseits ist die Erhöhung des Abonnements unumgänglich, von DM 3,- plus Versandkosten (bei 6 Ausgaben DM 20,-) auf DM 4,50 plus Versandkosten (bei vier Ausgaben DM 20,-). Der Einzel- verkaufspreis der SOPO steigt dadurch von DM 4,- auf DM 6,-. Selbst diese Erhöhung trägt wahrscheinlich nicht der sich zuspit- zenden inflationären Entwicklung. Rechnung und der Tatsache, daß sich Fälle von Buchhandlungen häufen, die auf Kosten sozialisti- scher Verlage Konkurse inszenieren. Die SOPO wird daher ab sofort die Jahrgänge 1971 und 1972 (SOPO 11-21) zum ermäßigten Preis von DM 17,- (incl. DM 2,- Porto) statt DM 20,- für das Jahresabonne- ment und das Einzelheft zu DM 3,- (incl. Porto) an Direktbezieher abgeben. Redaktion der SOPO zurück