Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973

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       Kurzanalysen, Berichte
       

DIE JAGD AUF DIE "HEILIGE KUH" ODER DAS MANÖVER "LEBENSQUALITÄT"

Im bürgerlichen Pressewald wurde eine große Jagd gestartet. Es handelt sich um die Jagd auf die heilige Kuh der bürgerlichen In- dustriegesellschaftskonzeption. Diese heilige Kuh heißt Wirt- schaftswachstum. Journalisten, Politiker, Ideologen wetzen die Federn, um die Kuh zu schlachten - zumindest ein wenig. Das jahr- zehntelang geheiligte Wachstum wird zur Zielscheibe der Kritik. Wachstum wird z.B. von Gordon Rattray Taylor in seinem Buch "Das Selbstmordprogramm" 1) als die Ursache für die Superverschmutzung der Erde, für die Ölpest auf den Meeren, für die Sauerstoffkrise, für die Umweltvergiftung und Dutzende anderer Bedrohungen des Le- bens denunziert. Für Alvin Toffler ist das rasche Wachstum die Mutter der großen Seuche, die er in seinem gleichnamigen Buch als "Der Zukunftsschock" bezeichnet 2). Der Hamburger "Spiegel" schrieb: "...Wohlstandsüberschuß und Kritik am Wirtschaftswachs- tum ist derzeit in den westlichen Industriestaaten in Mode. Das Unbehagen am ökonomischen Fortschritt, das vor wenigen Jahren noch das Exklusivrecht der Philosophen zu sein schien, ist so allgemein geworden, daß es ... sogar die Amtszimmer der Politiker erreichte" 3). Und zugespitzt formuliert das bürgerliche Magazin: "... die stärkste Fraktion unter den Wachstumsgegnern stellen ausgerechnet jene, die sich noch vor wenigen Jahren als Heroen des Fortschritts feiern ließen: die Unternehmer." 4) Welch ein interessantes Phänomen: Bedingung des Überlebens in der Konkur- renz der Kapitalisten ist, daß diese sich rastlos bewegen, daß sie durch größere Serien ihre Kosten senken, daß sie durch die Ausdehnung ihres Operationsfeldes die Ausbeutung vergrößern, um mehr investieren und noch mehr Profite realisieren zu können. Schon im "Manifest" schrieben die Klassiker: "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einni- sten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen" 5). Und just diese Kapitalisten, ihre Politiker und Ideologen fabulieren über die Vorteile des "Null-Wachstums"! Mindestens müsse man das Wachstum einschränken. Es bedürfe einer "drastischen Reduzierung der industriellen Fortentwicklung", so meint der Autor der Schrift wider das angebliche "Selbstmordprogramm" der Menschheit 6). Bemerkenswerte Eingeständnisse ------------------------------ Zunächst sind diese neuen Töne deshalb so interessant, weil die bürgerlichen Ideologen seit Jahrzehnten verkünden, daß das Wachs- tum der Produktion und die Entwicklung der Technik im Kapitalis- mus ein unwiderlegbarer Beweis gegen die marxistisch-leninisti- sche These von der Verschärfung des Widerspruchs zwischen Produk- tivkräften und kapitalistischen Produktionsverhältnissen sei. Vielmehr bilde das Wachstum der Wirtschaft den Schlüssel für die Verwandlung des Kapitalismus in eine menschenfreundliche Ordnung. Diese Aussage schließt eine Fälschung der Aussagen von Marx, En- gels und Lenin ein und ist ein Betrug der Werktätigen. Niemals haben Marx und Engels angenommen, daß sich die Verschärfung des Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnis- sen in einer Stagnation der Produktionsinstrumente äußern würde. Sie schrieben vielmehr im "Manifest der Kommunistischen Partei": "Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsin- strumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche ge- sellschaftlichen Verhältnisse zu revolutionieren" 7). Gerade da- durch, daß Wissenschaft und Technik entwickelt werden, jedoch im Interesse der Profite der Kapitalisten durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse, als militärische Vernichtungskräfte zur Nieder- haltung revolutionärer Befreiungsbewegungen wie heute vor allem in den Entwicklungsländern, als Mittel der Beherrschung und Mani- pulierung der Werktätigen über die Bildungsinhalte im Kapitalis- mus und über die Massenmedien, gerade dadurch wird der Grundwi- derspruch zwischen der Vergesellschaftung der Produktion und der kapitalistischen Aneignung zugespitzt. In Kriegen, in der Aus- schließung der Arbeiter von realer Mitbestimmung, in Arbeitslo- sigkeit, in Preissteigerungen, in Kriminalisierung und Brutali- sierung, im Zurückbleiben von Bildung, Gesundheitswesen und Kul- tur, in der Umweltzerstörung und in barbarischer Ausbeutung und Unterdrückung anderer Völker kommt dies deutlich zum Ausdruck. Alle diese Erscheinungen sind unübersehbar. Sie sind so schrei- end, daß man sie nicht mehr hinwegdiskutieren kann. Sie sind der Ausdruck der vertieften allgemeinen Krise der Kapitalismus. Und so wird es unumgänglich für die bürgerlichen Ideologen, diese Krisenerscheinungen zur Kenntnis zu nehmen. Aber sie dürfen nicht auf das zurückgeführt werden, was ihre wahren Ursachen sind: auf die Konkurrenz um den Profit, auf das kapitalistische System. So wird der Technik und dem Wachstum "an sich", zumindest dem unkon- trollierten Wachstum, die Schuld an allen Übeln des Kapitalismus zugeschoben, obwohl im Widerspruch dazu zugleich nach wie vor er- klärt wird, daß der technische Fortschritt der Schlüssel zum Wohlstand, zur Zufriedenheit der Arbeiter mit ihrem Leben, zur Überwindung der Klassenwidersprüche im Kapitalismus und zu dessen Hinüberwachsen in eine neue, soziale Wohlfahrtsordnung sei. Aber weder das eine noch das andere ist richtig. Wie ist also die _ höchst inkonsequente und unernste - Kritik des bisher so geprie- senen Wachstums einzuschätzen? Die neue Welle der Wachstumskritik ist zunächst als das indirekte Eingeständnis dafür zu werten, daß in der Tat die Entwicklung der Produktivkräfte im Wachstumsprozeß die Widersprüche des Kapita- lismus zuspitzt, statt sie zu lösen, wie seit Jahrzehnten be- hauptet wird. Ferner wird aus der Tatsache, daß sich der Widerspruch zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den kapitalistischen Pro- duktionsverhältnissen verschärft, die reaktionäre, demagogische und unrealistische Schlußfolgerung gezogen, daß man dann eben das Wachstum der Produktivkräfte stoppen, verlangsamen bzw. möglichst "optimieren" müsse, um nicht an die Produktionsverhältnisse zu tasten. In gewisser Hinsicht ist dies nur die verzerrte und ver- logene Widerspiegelung der Tatsache, daß der Kapitalismus in der Praxis schon längst massenhaft in Krisen, durch die Nichtausla- stung der Produktionskapazitäten, durch Arbeitslosigkeit, durch mangelnde Bildung der Arbeitskräfte und nicht zuletzt durch zer- störerische Kriege das Wachstum der Produktivkräfte hemmt, wäh- rend auf der Tagesordnung der Geschichte die revolutionäre Besei- tigung der die Produktivkräfte fesselnden kapitalistischen Pro- duktionsverhältnisse steht. Untaugliche Rezepte des "Bourgeoissozialismus" Weil das so ist, müssen sich die Kapitalisten und ihre politi- schen und ideologischen Repräsentanten unausgesprochen mit der außerordentlichen Zuspitzung des Widerspruchs zwischen den Pro- duktivkräften und den Produktionsverhältnissen in der gegenwärti- gen Etappe der allgemeinen Krise des Kapitalismus beschäftigen. Und die Anpassungsorientierten unter ihnen erklären, anstelle des Fortschrittskriteriums "Wachstum" oder in seiner Ergänzung müsse man einer besseren "Qualität des Lebens" größte Aufmerksamkeit zuwenden. Man müsse ein optimales Verhältnis von Lebensqualität und Wachstum herstellen. Angesichts der Formierung der rassisch diskriminierten Amerikaner im Klassenkampf um ein menschenwürdiges Dasein, angesichts der unleugbaren Armut von mindestens 25 Millionen in dem materiell reichsten kapitalistischen Land hatte bereits J.F. Kennedy eine neue "Qualität des Lebens" propagiert. Einer der extremsten Anti- kommunisten der USA, der Mitbegründer der auf die Aushöhlung des Sozialismus gerichteten "Erosionsstrategie" und Direktor des In- stituts für kommunistische Angelegenheiten, Zbigniew Brzezinski, schrieb in seiner Arbeit "Amerika im technotronischen Zeitalter": "Aber je mehr der Mensch ... fähig wird, seine Umwelt zu beherr- schen, ja zu erschaffen, desto wichtiger wird es, seinem Leben einen sinnvollen Inhalt zu geben - die Qualität des Lebens für den Menschen, a l s M e n s c h e n zu verbessern" 8). Die Formel von der neuen Lebensqualität ist also nicht neu. Aber welchen Einfluß hat sie auf das Leben in den USA gehabt? Die Ent- wicklung des amerikanischen Imperialismus hat in eine tiefe Krise der gesamten kapitalistischen Lebensweise geführt. Die offene Ar- mut großer Bevölkerungsteile ist nur eine Seite dessen. Sie wird ergänzt durch die Arbeitslosigkeit von rund 5 Millionen Amerika- nern. Von jeweils 1000 Dollar Steuern wurden nach Angaben von Se- nator Mansfield in einer Fernsehreihe vom Juli 1970 375 Dollar für Rüstungszwecke, aber nur 5 Dollar für Sanierungsmaßnahmen in den Slums der Städte ausgegeben. Ein Prozent aller Kinder zwi- schen 6 und 13 Jahren erhält in den USA überhaupt keinen Schulun- terricht. Weitere 6 Millionen Kinder besuchen Schulen mit nur ei- nem Lehrer für alle Altersstufen 9). Die Kehrseite der imperiali- stischen Aggressivität nach außen ist die Brutalisierung und Kri- minalisierung im Innern, die sich auch aus der Existenzunsicher- heit für Viele, aus dem durch die kapitalistische Konkurrenz ge- prägten Egoismus, aus der manipulierten, auf Sozialprestige ori- entierten Konsumsucht bestimmter Bevölkerungsschichten usw. er- gibt. 1970 wurden in den USA 5 568 200 schwere Verbrechen regi- striert. Von 1960 bis 1969 stieg die Kriminalität auf 148 Pro- zent. Der jährliche "Raubumsatz" in den USA hat mehr als 20 Mil- liarden DM umgerechnet erreicht. 80 Prozent der Eigentumsdelikte werden durch Rauschgiftsüchtige begangen. Das großbürgerliche amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune" schrieb vor kurzem be- sorgt: "Viele in Amerika vermuten, daß es irgendeine allgemeine grundlegende Ursache gibt, die die Existenz solcher unterschied- lichen Probleme wie Rassenschwierigkeiten, Elend ... den stürmi- schen Ausbruch (und in einigen Fällen die aktive Unterdrückung) politischer Differenzen, die im Überfluß vorhandenen Beweise für Zerrüttung und Enttäuschung im Familienleben, die Verschlechte- rung der Umwelt, das Wachstum der Kriminalität und der Grausam- keit sowie den zunehmenden Verbrauch von Narkotika erklären". Der Marxismus-Leninismus hat diese allgemeine Ursache im kapita- listischen Eigentum und in dem darauf basierenden Wirken des Mehrwert- bzw. Profitgesetzes und der Konkurrenz seit über hun- dert Jahren aufgedeckt. Deshalb gewinnt er immer mehr Anziehungs- kraft auf die zunehmende Zahl der Fragenden und Suchenden. Das gilt auch für die BRD und Westberlin. Krise des Profitsystems - Krise bürgerlicher "Werte" ---------------------------------------------------- Und deshalb werden alle Anstrengungen gemacht, um die Schuld für die Übel und Verbrechen des Kapitalismus auf Erscheinungen außer- halb seiner gesellschaftlichen Verhältnisse abzuwälzen. Nach dem alten Motto "Haltet den Dieb!" muß das "Wachstum an sich" als Grund der vielfältigen Krisenerscheinungen in der kapitalisti- schen Wirklichkeit herhalten. Der Fehler sei einfach, daß man sich in der Politik zu sehr auf das Wachstum statt auf andere Werte orientiert habe. Nicht der Kapitalismus befinde sich daher in einer Krise, sondern "der Mensch" befinde sich "in einer Krise unseres gesamten Wertsystems" 10). Aber welcher "Mensch" ist das, dessen Wertsystem sich in der Krise befindet? Befindet sich der Profit als Maxime für das Handeln der Kapitalistenklasse in der Krise? Oder sollen die Ideale des fortschrittlichen Kerns der Ar- beiterklasse im Kampf für Frieden, Demokratie und Sozialismus diskriminiert werden, die allein den Ausweg aus der Krise des ka- pitalistischen Systems zeigen? Offensichtlich handelt es sich um die Krise der durch den Profit als Ziel der ganzen kapitalisti- schen Gesellschaft geprägten bürgerlichen "Werte". Aber das Geschrei über die "Grenzen des Wachstums" soll den Ein- druck erwecken, als seien die Kapitalisten und ihre Politiker da- bei, bessere Werte an die Stelle der ramponierten Profitmaßstäbe und Wachstumskriterien zu setzen. Eben dies ist u.a. die ideolo- gische Funktion solcher wissenschaftlich angetönten Schocker wie des Berichts einer Gruppe des Massachusetts Instituts of Techno- logy (MIT), der unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" zu einem Spitzenreiter der amerikanischen und westeuropäischen Best- seller-Liste 1972 wurde. In diesem Buch werden fünf sogenannte Trends der Weltentwicklung als dominierend bezeichnet: 1. eine beschleunigte Industrialisierung, 2. ein rapides Bevölkerungs- wachstum, 3. weltweite Unterernährung, 4. Erschöpfung der Roh- stoffreserven und 5. Zerstörung der Umwelt. In dem mathematischen Modell dieser Aussage wurde davon ausgegangen, daß alle fünf die- ser Erscheinungen ein exponentielles Wachstum hätten, das heißt in immer kürzerer Zeit um ein gleiches Maß wachsen würden. Die Zahl der Erdbevölkerung würde von 3,6 Mrd Menschen 1970 auf 14 Mrd schon im Jahre 2030 ansteigen. Das werde durch Lebensmittel- knappheit zu Hungerkatastrophen führen. Die für diese Massen rasch steigende Industrieproduktion würde die Umwelt-Lebensbedin- gungen total zerstören und die Rohstoffe erschöpfen. Der Energie- mangel würde zu einem Ende der Weltzivilisation führen, wenn das Wachstum nicht begrenzt und anderen Werten untergeordnet würde. Auch hier wird also das Wachstum "an sich" verteufelt, statt die Widersprüche des Kapitalismus aufzudecken. Aber siehe - wenn wir dem Leitartikel der Marion Gräfin Dönhoff in der Hamburger "Zeit" vom 29.12.1972 glauben wollten: Schon we- nige Monate nach Erscheinen dieser Studie haben sich in den USA neue Werte breitgemacht! "Ein neues Wertsystem ist in der Entste- hung begriffen... Gleichheit und Gerechtigkeit sind die neuen Ideale, im Vergleich zu denen die Heiligkeit des Privateigentums und der Glanz exemplarischer Erfolgsritter aus der Geschichte der Leistungsgesellschaft verblassen. Obgleich man sich noch vor kur- zem gar nicht vorstellen konnte, wie man aus dem sich immer wie- der reproduzierenden Kreislauf von künstlich angeheiztem Massen- konsum und steigender Produktion je werde herauskommen können, beginnt diese Umwertung sich jetzt deutlich wahrnehmbar abzu- zeichnen. In Europa dürfte diese Entwicklung wie üblich nach- vollzogen werden". Hier tritt zutage, welche ideologische Funktion Studien wie der MIT-Bericht und andere "kritische" Stimmen in der sogenannten "freien Welt" haben. Die Menschen sollen glauben, daß die Herr- schenden schon dabei seien, alle Übel der Gesellschaft zur Genüge zu durchschauen und ihnen abzuhelfen. Der Klassenkampf der Arbei- terklasse gegen Krieg, Unterdrückung nationaler Befreiungsbewe- gungen und Ausbeutung erscheint als überlebte Propaganda von Dog- matikern. Das kapitalistische Eigentum habe schon kaum noch Be- deutung. Zugleich wird hier deutlich, daß die demagogische bürgerliche Wachstumskritik keineswegs eine Aufgabe der methodologischen Grundposition der Industriegesellschaftskonzeption ist. Diese Grundposition, die in einer falschen, weitgehenden Reduktion der Produktivkräfte auf Wissenschaft und Technik, in einer Überbewer- tung dieser in solcher Weise verzerrt interpretierten Produktiv- kräfte für die gesellschaftliche Entwicklung und in einer Negie- rung der entscheidenden Rolle der Produktionsverhältnisse be- steht, liegt auch den Theorien von der Wachstumsoptimierung und der neuen "Qualität des Lebens" zugrunde. Denn die Vorstellung, daß schlechthin durch neue Wertmaßstäbe der Politik und Wirt- schaftspolitik der Kapitalismus gewandelt werden könnte, wenn nur die Entwicklung von Wissenschaft und Technik durch eine richtige Wachstumspolitik gesteuert würde, ist nur eine abgewandelte Va- riation der Geringschätzung der Eigentums- und Klassenverhält- nisse für die gesellschaftliche Entwicklung. Aufrechterhalten wird die Evolutionskonzeption, die insbesondere durch die Ver- wirklichung neuer "Grundwerte" den Weg in eine bessere Zukunft vermittle - wie wir insbesondere von den Rechtsopportunisten hö- ren. Aus prominenter Feder heißt es in der Zeitschrift "Neue Gesell- schaft": "'Ein Mehr an Produktion, Gewinn und Konsum bringt inzwischen nicht automatisch ein Mehr an Zufriedenheit, Glück und Entwick- lungschancen für den Einzelnen' " 11). Und deshalb solle man, ohne die kapitalistische sogenannte "Marktwirtschaft" anzutasten, das neue Kriterium einer besseren "Qualität des Lebens" in die alte kapitalistische Produktionsweise einbauen. Man nehme ein Quantum Feuer, vermenge es mit einer Portion Wasser, rühre das Ganze kräftig durch - und erhält jene bürgerliche und rechtsop- portunistische Mischung, über die Marx und Engels schrieben: "Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der moder- nen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervorgehenden Kämpfe und Gefahren ... Der Bourgeoissozialismus arbeitet diese tröstli- che Vorstellung zu einem halben oder ganzen System aus. Wenn er das Proletariat auffordert, seine Systeme zu verwirklichen und in das neue Jerusalem einzugehen, so verlangt er im Grunde nur, daß es in der jetzigen Gesellschaft stehen bleibe, also seine gehäs- sigen Vorstellungen von derselben abstreife" 12). Produktionsweise bestimmt Lebensweise ------------------------------------- Aber warum ist jenes "halbe System" vom Einbau einer besseren Le- bensweise oder Qualität des Lebens in den Kapitalismus, das dem Wachstum "an sich" die Schuld an allen Übeln des Kapitalismus zu- schreibt, eine utopische und demagogische Konzeption? Marx und Engels schrieben, die "Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, daß sie die Reproduktion der physi- schen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine b e s t i m m t e A r t d e r T ä t i g k e i t dieser Indi- viduen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben". 13) Sie betonten also, daß die Produkti- onsweise und dabei insbesondere die Produktionsverhältnisse der Menschen ihre Lebensweise bestimmen. Auf der Grundlage der kapi- talistischen Eigentumsverhältnisse wirkt als Bewegungsgesetz des Kapitalismus das Mehrwertgesetz, das sich heute insbesondere in Gestalt der Konkurrenz um höchstmögliche Monopolprofite durch- setzt. Das heißt aber, daß die Grundqualität des Lebens der Ar- beiterklasse im Kapitalismus die einer ausgebeuteten Klasse ist, während sich die Produktionsmittel und damit die politische Macht in den Händen insbesondere der Monopolkapitalisten befinden. In den USA stieg die Profitmasse der amerikanischen Kooperationen zwischen 1929 und 1965 von 10,5 auf 76,1 Milliarden Dollar. 1970 konzentrierten die 500 größten amerikanischen Industrieunterneh- men bereits zwei Drittel des gesamten Umsatzes und drei Viertel des Gesamtprofits auf sich allein, während 20 Prozent der ameri- kanischen Bevölkerung selbst nach offiziellen Angaben als arm gelten. Aber auch die Löhne der besser bezahlten Teile der Arbei- terklasse verändern nicht deren Lage als ausgebeutete Klasse. Zwischen 1966 und 1970 stiegen die Nettolöhne und -gehälter der Arbeiter und Angestellten in der BRD zwar um 28,8 Prozent, die Nettoprofite der 100 größten Industrieaktiengesellschaften jedoch um 60,4 Prozent. Die Steuerbelastung der Arbeiter steigt schnel- ler als die der Kapitalisten. Die Verteuerung der Lebenshaltungs- kosten belastet vor allem die Werktätigen. Das ist die Folge der Bestimmung der Klassenlage der Arbeiter durch die Kapitalverwer- tung. Kapitalverwertung, das heißt höchstmögliche Profitproduk- tion, das ist das objektive Ziel der kapitalistischen Produkti- onsweise. Gefährdung der Profite durch die Mittel der Profiterhöhung ---------------------------------------------------------- Mit diesem Ziel treiben die Kapitalisten Wissenschaft und Technik voran, um durch die Eroberung neuer Märkte und durch die Senkung der Kosten die Profite zu steigern. Sie setzen moderne Maschinen und Anlagen ein und senken die Lohnkosten durch Entlassungen. Wenn aber die Zahl der Arbeiter in der Produktion insgesamt ver- mindert wird, tendiert das zur Senkung der Profitraten, da ja nur durch die lebendige Arbeit in der Produktion Mehrwert bzw. Profit geschaffen wird. Angetreten mit dem Ziel der Verwertung fördern die Kapitalisten also das Wachstum. Aber wenn sie dieses Mittel einsetzen, kommt das Gegenteil der Verwertung, nämlich eine Ge- fährdung ihrer Profite, dabei heraus! Und sie reagieren in der Konkurrenz auf diesen Widerspruch zwischen Ziel und Mittel not- wendigerweise kapitalistisch, nämlich mit der Verschärfung der Ausbeutung und mit der weiteren Ausdehnung der Produktion, um durch dieses Wachstum eine größere Zahl von Arbeitern ausbeuten zu können. Das Wachstum ist also eine Lebensbedingung des Kapi- tals. Arbeitern ausbeuten zu können. Das Wachstum ist also eine Lebens- bedingung des Kapitals. Aber dieses Wachstum ist Verschärfung der Ausbeutung. Es widerspricht also dem kapitalistischen Bewegungs- gesetz, einen Kapitalismus ohne Wachstum zu fordern. Und es wi- derspricht genauso seinem Wesen, das Wachstum auf eine prinzipi- ell bessere Lebensweise der Arbeiterklasse zu richten. Denn das wäre ein Leben ohne Ausbeutung, orientiert auf die Bedürfnisse der Werktätigen statt auf das Bedürfnis der Kapitalverwertung. Das wäre ein Leben ohne Kapitalismus. Das wäre Sozialismus. Profitsystem contra Lebensqualität ---------------------------------- Aber die weitblickenden Vertreter des Kapitals erkennen, daß un- ter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution ohne ein immerhin größeres Maß an Bildung, Gesundheitsfürsorge, Umweltschutz usw. der ganze volkswirtschaftliche Reproduktions- prozeß nicht mehr funktionieren kann. Sie erfassen, daß die Ver- nachlässigung dieser Seiten den Kampf der Arbeiterklasse gegen das System zur Verbesserung ihrer Lebenslage herausfordert, deren Interessen offensichtlich identisch mit den Erfordernissen der wissenschaftlich-technischen Revolution sind. Mit Sorge beobach- ten die Imperialisten und ihr Anhang, daß in der sozialistischen Staatengemeinschaft die Herausbildung einer Lebensweise immer mehr in den Mittelpunkt tritt, die durch die Bedürfnisse der Werktätigen bestimmt ist und eine erstrangige Herausforderung an den Kapitalismus in der internationalen Klassenauseinandersetzung der beiden Weltsysteme bildet. Die bürgerliche und reformistische Schlußfolgerung daraus lautet: "Nicht die Systemänderung, sondern die Aufnahme der 'Qualität des Lebens' ist die Wertskala der so- zialen Marktwirtschaft und das Bewußtsein von Unternehmern und Verbrauchern führe zur Lösung...". 14) Aber gerade das ist nicht möglich. Erstens wird hier der Begriff der Lebensqualität behandelt, als könne man die Lage der Werktä- tigen im Kapitalismus beliebig innerhalb der Ausbeutungsverhält- nisse ändern, was in Wirklichkeit und nach unseren Überlegungen unmöglich ist. Zweitens wird dem allerdings unter der Hand schon Rechnung getragen, indem der Begriff der Lebensqualität unberech- tigt auf eine Summe einzelner Verbesserungen bestimmter Seiten der Lage der Werktätigen reduziert wird, um nicht im Prinzip die Ausbeutung antasten zu müssen. Selbst diese zweite Absicht, die sich insbesondere in rechtsop- portunistischen Reformkonzeptionen und in einer eingeengten Auf- fassung des Begriffs der Lebensqualität niederschlägt, stößt je- doch auf die Schranken der kapitalistischen Mehrwertproduktion. Wenn im staatsmonopolistischen Kapitalismus nämlich die Verwer- tung des Monopolkapitals, d.h. der Monopolprofit gesichert werden soll, indem der Staat einen Teil der verfügbaren Mittel in Bil- dungsreformen, in den Umweltschutz usw. steckt, bringt das er- höhte Steuern für die Arbeiterklasse mit sich, belastet ihre Re- allöhne und verschärft die Klassenwidersprüche. Aber selbst sol- ches Verhalten des Staates im Interesse der Monopole genügt den Einzelmonopolen noch nicht. Denn es entzieht ihnen Mittel, die an sich durch Subventionen und auf anderem Wege ihre Profite stei- gern könnten. Die Verwertung für die Einzelmonopole ist heute nur noch möglich, indem ein wachsender Teil des gesamten, in der Volkswirtschaft verfügbaren Teils überhaupt keinen Profit mehr abwirft, also entwertet wird statt sich zu verwerten. Das Neue besteht heute darin, daß nicht nur in der Produktion, sondern auch in den Bereichen außerhalb der Produktion Ziel und Mittel kapitalistischer Existenzsicherung miteinander in tiefen Widerspruch geraten. Da aber die Monopole in der Konkurrenz alles daran setzen, die eigenen und die staatlichen Mittel zur Auswei- tung ihrer eigenen Macht und ihrer eigenen Profite einzusetzen, durchkreuzen sei selbst die in ihrem eigenen Interesse geplanten Reformen zur Erhaltung des Kapitalismus immer wieder. Und um ohne eine zu große Belastung der Kapitalisten Mittel für diese folg- lich höchst begrenzten Reformen zu erhalten, werden wiederum das Wachstum der Volkswirtschaft und die Ausbeutung der Werktätigen staatlich gefördert und wird damit der Widerspruch zwischen der Kapitalexpansion und dem Mittel dieser Expansion, der Ausbeutung der Werktätigen, vertieft. Eine grundlegende Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse müßte die Beseitigung der Ausbeutung durch die revolutionäre Eroberung der Macht der Arbeiterklasse einschließen. Sie müßte über eine demokratische, reale Mitbestimmung der Arbeiterklasse im Unter- nehmen hinaus durch den Kampf um eine demokratische Ordnung ver- wirklicht werden. Es ist klar, daß der Kapitalismus das seiner ganzen Natur nach ausschließt. Eine neue "Qualität des Lebens" im Rahmen des Kapitalismus ist also politisch unmöglich, weil die Kapitalverwertung durch die politische Macht des Finanzkapitals gesichert werden muß. Und diese Kapitalverwertung läßt zugleich auch ökonomisch keine "Optimierung" des Wachstums unter dem Ge- sichtspunkt einer neuen "Lebensqualität" zu. Denn sowie Teil- schritte zur Verbesserung einzelner Seiten der Lage der Arbeiter- klasse so weit gehen, daß sie die Bedingungen der Kapitalverwer- tung durch die Absorption zu großer Mittel ernsthaft verschlech- tern, stoßen sie auf die Gegenwirkung der einzelmonopolistischen Konkurrenz um die Maximierung der Monopolprofite der einzelnen Monopole und Gruppen. Die Theorien von einer angeblich im Kapitalismus möglichen "neuen Lebensqualität" gehen an zwei entscheidenden Momenten der staats- monopolistischen Regulierung vorbei. Diese umfaßt verschlungen mit dem Profit-Preismechanismus im nichtmonopolisierten Sektor der Volkswirtschaft die einzelmonopolistische Konkurrenz und die staatliche Regulierung. Alle drei Ebenen der Regulierung im staatsmonopolistischen Kapitalismus durchdringen sich wechselsei- tig. Die Einheit von einzelmonopolistischer Konkurrenz und staat- licher Regulierung besteht darin, daß beide Regulierungsmechanis- men auf die Profitsicherung für die Monopole zielen. Beide schließen ihrem Inhalt nach eine ständige Reproduktion der Lage der Arbeiterklasse aus ausgebeutete Klasse ein. Der erste "Irrtum" der Theoretiker einer neuen "Qualität des Lebens" be- steht darin, daß sie vorgeben, die staatliche Regulierung könne im Kapitalismus einen anderen Inhalt als die Sicherung des mono- polistischen Profitsystems annehmen und damit als sein Korrektiv wirken. Sie ignorieren die Einheit von einzelmonopolistischer Konkurrenz und staatlicher Regulierung, die durch den finanz- kapitalistischen Klasseninhalt der gesamten staatsmonopolisti- schen Regulierung gegeben ist. Aber zugleich besteht ihr zweiter Fehler darin, daß sie die Wi- dersprüche zwischen der Konkurrenz der einzelnen Monopole und der staatlichen Aktivität ignorieren, die eben hervorgehobene Tatsa- che also, daß selbst solche staatlichen Reformen, die der Herr- schaftssicherung der Monopole dienen, teilweise auf deren Wider- stand stoßen, wenn sie die Verwertung ihres Einzelkapitals einzu- engen drohen. Dadurch sind selbst Teilverbesserungen der "Qualität des Lebens" nur innerhalb der Schranken des Kapitals realisierbar. Das Wesen der privatmonopolistischen Konkurrenz besteht darin, daß ihr Inhalt der Kampf der monopolistischen Konkurrenz um die V e r w e r t u n g d e s K a p i t a l s d e s j e w e i l i g e n M o n o p o l s bzw. der jeweiligen Gesell- schaft oder Gruppe ist. Das schließt in der Regel die Berücksich- tigung eines volkswirtschaftlichen Gesamtinteresses des Monopol- kapitals aus und bedeutet vorwiegend kurz- und mittelfristiges Operieren. Das Wesen der staatlichen Regulierung des Verwertungsprozesses besteht im Unterschied zur monopolistischen Konkurrenz darin, daß sie neben der Begünstigung der Profitmaximierung besonders der im Staat einflußreichsten Monopole vor allem auf die b e s t m ö g l i c h e V e r w e r t u n g d e s g e s a m t e n F i n a n z k a p i t a l s z i e l t u n d d i e B e d i n g u n g e n k ü n f t i g e r Ka p i t a l v e r w e r t u n g l a n g f r i s t i g e r a l s d i e P r i v a t m o n o p o l e z u s i c h e r n t r a c h t e t. Das schließt wiederum nicht aus, daß unter dem Druck der Einzelinteressen mächtiger Monopole Teile des Staatsap- parates kurzsichtig und einseitig operieren. Andererseits versu- chen jene Monopole, die sich auf ganze Herrschaftsimperien stüt- zen können, deren Operationsfeld international ist und die unmit- telbar nationale und internationale Politik machen bzw. von ihr betroffen werden, in bestimmtem Maße unter Berücksichtigung der imperialistischen Gesamtinteressen und auf längere Sicht zu han- deln, geraten dabei jedoch immer wieder in Widerspruch zu den ei- genen Konkurrenzinteressen. Die Möglichkeiten solchen strategi- schen Handelns sind durch den kapitalistischen Verwertungsprozeß objektiv begrenzt. Wir haben festgestellt, daß die Monopolbour- geoisie im Interesse ihrer Herrschaftssicherung u.a. gezwungen ist - z.B. im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um die "Qualität des Lebens" - die Sphäre der gesellschaftlichen Konsum- tion auszuweiten, also den Bereich der im Sinne der Mehrwertpro- duktion unproduktiven Arbeit. Das bedeutet aber, daß sie für be- stimmte Reformen im Bereich von Bildung, Gesundheit, Sozialwesen usw. materielle und finanzielle Mittel einsetzen muß, die sich nicht oder in anderen Sphären der Infrastruktur nur unterdurch- schnittlich verwerten. Das heißt, daß zunehmend Überakkumulation stattfindet, Kapital also zu unterdurchschnittlichen Verwertungs- bedingungen oder ohne Profitchancen in einem nur durch die verän- derten Bedingungen des Klassenkampfes erklärbaren, unvergleich- lich viel größerem Maße als in früheren Phasen der kapitalisti- schen Entwicklung eingesetzt wird. Solche Erscheinungen wider- sprechen dem Wesen der durch die Mehrwertproduktion charakteri- sierten kapitalistischen Produktionsverhältnisse, sind aber zugleich durch dieses Wesen insofern bestimmt, als ihr Inhalt die Herrschaftssicherung des Kapitalismus, also heute vor allem Si- cherung der Bedingungen für die Ausweitung des Monopolprofits ist - jedoch unter Berücksichtigung des veränderten Weltkräftever- hältnisses, der Einwirkung des Sozialismus auf den Imperialismus und der Beispielwirkung des Sozialismus. Das ist jedoch mit einer Verschärfung entscheidender Widersprüche des Kapitalismus verbunden. Seine Labilität im Zusammenhang mit der Einwirkung des Sozialismus auf das imperialistische System besteht u.a. darin, daß es auf diese mit Mitteln reagieren muß, die seinem Ziel, der Verbesserung der Verwertungsbedingungen, entgegenwirken, um diese Verwertung überhaupt zu sichern. Der Ziel-Mittel-Konflikt des Kapitalismus, den Marx im Zusammenhang mit dem tendenziellen Fall der Profitrate darstellte, vertieft sich. Das schließt aber ein, daß breite Kreise des Monopolkapi- tals sich gegen eine zu weit gehende und ihre Verwertung been- gende Anpassungsstrategie anderer Strömungen des Monopolkapitals wenden, die die Erhaltung des Kapitalismus als Ganzes stärker und in elastischer Weise betonen. Der staatsmonopolistisch regulierte Monopolprofit ist daher stets das Ergebnis des Widerspruchs zwi- schen einzelmonopolistischen und gesamtfinanzkapitalisti-schen Interessen und beinhaltet trotz ihres gleichen Klasseninhalts eine ständige Durchkreuzung der auf die gesamtmonopolistischen Interessen gerichteten staatlichen Regulierung durch die privat- monopolistische Konkurrenz. Das ist ein weiteres Moment der Unfä- higkeit des Imperialismus, den Klassenkampf mit dem Sozialismus erfolgreich zu führen. Konzeption der sozialen Quacksalber ----------------------------------- Das Resultat kann keine neue "Qualität des Lebens" sein. Das Er- gebnis aller kapitalistischen Anpassungsversuche ist das dürftige und zeitweilige Überdecken verschiedener kapitalistischer Wider- sprüche unter Anwendung von Mitteln, die die Widersprüche wieder neu reproduzieren. Karl Marx schrieb dazu: "Die kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken auf neue und auf gewaltigem Maßstab entgegen- stellen" 15). Verringerung des Anteils der vom Monopolkapital Ausgebeuteten am Nationaleinkommen, eine tiefe Existenzunsicherheit für die Werk- tätigen, Tendenzen zu Reaktion und Gewalt oder zu verdeckten Me- thoden der Manipulierung als Herrschaftsformen des Imperialismus, Krise der kapitalistischen Lebensweise, zyklische Überprodukti- onskrisen, Strukturkrisen und Währungskrisen, Hunger und Rück- stand in den vom Imperialismus ausgebeuteten Entwicklungsländern, Rassismus und geisttötender Antikommunismus - das sind trotz al- ler Reformanstrengungen entscheidende Komponenten der von der Mehrwertproduktion bestimmten "Qualität des Lebens" im Imperia- lismus. Sie können durch diese oder jene Maßnahmen abgeschwächt, auf andere Probleme verlagert oder zeitweilig überdeckt werden. Die Funktion der Wachstumskritiker und der reformistischen Vor- reiter einiger begrenzter Verbesserungen in der "Qualität des Le- bens" besteht darin, die Kapitalisten und ihre Manager in Wirt- schaft und Politik auf eine größere Anpassungsbereitschaft und Elastizität des Systems im Interesse seiner Erhaltung zu orien- tieren und den Kapitalismus ideologisch als wandelbar ohne Revo- lution zu offerieren. Aber alle diese Anstrengungen erweisen sich in letzter Instanz im Lichte der Schritte auf dem Weg zum entwic- kelten Sozialismus in einer Reihe sozialistischer Länder als das, was schon Marx und Engels in ihnen erblickten, als das vergebli- che Werk der "mannigfaltigsten sozialen Quacksalber, die mit ih- ren verschiedenen Allerweltsheilmitteln und mit jeder Art von Flickarbeit die gesellschaftlichen Mißstände beseitigen wollten, ohne dem Kapital und dem Profit im geringsten wehe zu tun" 16). Wie richtig und gültig bis in die Gegenwart charakterisierten Marx und Engels vor 125 Jahren im Kommunistischen Manifest die Grundtendenzen des Kapitalismus und seiner Akteure. Wie ober- flächlich und falsch sind auch 125 Jahre nach dem Erscheinen des Manifests die "neuesten" Konzeptionen der Bourgeoisie! Dieter Klein _____ 1) G.R. Taylor: DAS SELBSTMORDPROGRAMM, Frankfurt/M. 1971. 2) A. Toffler: DER ZUKUNFTSSCHOCK, München/Wien/Berlin 1970. 3) DER SPIEGEL, 8. Januar 1973. 4) Ebenda. 5) Marx/Engels: MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI, Marx/Engels: AUSGEWÄHLTE WERKE, Berlin 1951, Bd. I, S. 27. 6) G.R. Taylor, a.a.O., S. 342. 7) Marx/Engels: MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI, a.a.O., Bd. I, S. 26. 8) Z. Brzezinski: "Amerika im technetronischen Zeitalter", DAS PARLAMENT, Beilage 29.5.1968. 9) HANDELSBLATT, 3.9.1970. 10) G.R. Taylor, a.a.O., S. 352. 11) DIE NEUE GESELLSCHAFT, Nr. 11, 1972, S. 741. 12) Marx/Engels, a.a.O., S. 49. 13) Marx/Engels: DIE DEUTSCHE IDEOLOGIE, in: WERKE, Bd. 3, S. 21. 14) HANDELSBLATT, 7.8.1972. 15) K. Marx: DAS KAPITAL, Bd. III, Berlin 1964, S. 260. 16) Marx/Engels: MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI, a.a.O., S. 21. zurück