Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973
zurück
Diskussion, Besprechung
KLASSENLAGE UND BEWUSSTSEINSFORMEN TECHNISCH-WISSENSCHAFTLICHER
LOHNARBEITER IM ALLGEMEINEN *)
1.
Die vorliegende Arbeit ist Teil und Ergebnis eines größeren Ar-
beitszusammenhanges. Der Arbeitsplan umfaßt 1. eine theoretische
Erörterung des Begriffs Klassenlage und der Konstitutionsbedin-
gungen gesellschaftlichen Bewußtseins, 2. eine Erörterung ver-
schiedener Formen der Ideologieproduktion anhand soziologischer
Darstellungen der technischen Intelligenz sowie von Einlassungen
dieser Gruppe selbst und 3. eine empirische Erhebung. Die Autoren
legen nun die Ergebnisse des ersten Abschnitts ihres Projekts
vor. Insoweit deckt die Arbeit ein bedeutend engeres Gebiet ab,
als der Titel vermuten läßt.
Die Art dieser Begrenzung ist nicht zufällig. Während die bislang
vorliegenden Arbeiten nahezu durchgängig versuchen, allgemeine
theoretische Bestimmungen von Klassenlage und Bewußtsein mit em-
pirischen Befunden als dem Ausdruck konkreter Erscheinungsformen
des Klassenantagonismus zu vermitteln, und während sie versuchen,
daraus k o n k r e t e Orientierungshilfen für den gewerk-
schaftlichen und politischen Kampf abzuleiten, verfahren die Au-
toren der vorliegenden Arbeit ausdrücklich anders. Sie legen Wert
darauf, daß die realen Entwicklungsprozesse der Sozialstruktur
"als allgemeine aufgefaßt werden, d.h. daß die empirischen Ver-
hältnisse ... weitgehend ausgeklammert werden" (12). Dementspre-
chend liegt ihr vordringliches Ziel in der "Entwicklung
a l l g e m e i n e r Thesen zur adäquaten Organisation und
Durchsetzung der politischen und ökonomischen Interessen der
technisch-wissenschaftlichen Arbeiter" (12, Hervorhebung der Au-
toren). Soweit der Plan. Die tatsächlichen Ergebnisse werden zu-
treffend eingeschätzt, wo die Verfasser konstatieren, daß
"freilich nur der erste, wenn auch der unabdingbar erste Schritt"
getan worden ist (239).
Das Wichtige dieses Buches liegt denn auch kaum in den konkreten
Einschätzungen der objektiven Lage und des Bewußtseins der tech-
nisch-wissenschaftlichen Lohnarbeiter. Vielmehr werden hier -
wenn auch in spezifisch allgemeiner Form - die Ergebnisse bestä-
tigt, die von den "Theoretikern im Umkreis der Kommunistischen
Parteien" 38) gegeben worden sind: Heterogenität der untersuchten
sozialen Gruppe, aus dem Inhalt ihrer Arbeit und ihrer Formbe-
stimmtheit herrührende spezifische Fehlinterpretationen der eige-
nen Interessen und der Perspektiven ihrer Durchsetzung
(technologisches Bewußtsein, 236), zentrale Bedeutung der Tendenz
zur Ersetzung komplizierter durch einfache Arbeit für die Ent-
wicklung des Bewußtseins.
2.
Die mit dem letzten Punkt angesprochene objektive Entwicklung der
zunehmenden reellen Subsumtion auch qualifizierter Arbeit unter
die Verwertungsinteressen des Kapitals mit dem Ergebnis der kom-
plexen und umfassenden Herausbildung des Warencharakters dieser
Arbeit hat, wie die Autoren vermerken, systematisch und histo-
risch seinen Ausgangspunkt im Bereich der Produktion von Mehr-
wert. Aber auch die als indirekt produktiv bzw. als unproduktiv
qualifizierten Bereiche der Lohnarbeit unterliegen in Konsequenz
der ökonomisch gebotenen Abpressung unbezahlter Mehrarbeiter
durch die Unternehmer der gleichen Entwicklung - wenn auch mit
einem anderen ökonomischen Ergebnis. Insoweit ist nicht einzuse-
hen, weshalb die Autoren ihre Untersuchung auf die produktiven
Teile der wissenschaftlich-technischen Lohnabhängigen beschrän-
ken.
Es ist zuzugeben, daß eine der Sache nach gerechtfertigte Auswei-
tung des Themas auf indirekt produktive und unproduktive Lohnar-
beiter die theoretische Ableitung der zu treffenden - empirisch
allerdings schon weithin belegten - Aussagen (vgl. etwa die Ar-
beitsbedingungen und die Streikbereitschaft von Bank- und Versi-
cherungsangestellten in Frankreich) aus der 'allgemeinen Natur
des Kapitalverhältnisses' noch bedeutend diffiziler gestaltet
hätte. Die Fruchtbarkeit der Arbeit ergibt sich gerade aus der
Selbstbescheidung der Autoren: Die durchgeführten Ableitungen
sind mit großer Sorgfalt durchgeführt worden und, selbst wenn sie
sich zum großen Teil auf produktive Lohnarbeiter allgemein kon-
zentrieren, haben sie wichtige Vermittlungsglieder der begriffli-
chen und systematischen Konkretisierung und Besonderung des Klas-
senantagonismus unter besonderer Berücksichtigung der
"technischen Intelligenz" aus den Werken von Marx und Engels re-
konstruiert, Vermittlungsglieder, die in den bislang vorliegenden
Arbeiten keine hinreichende Beachtung gefunden haben (eine Aus-
nahme bildet das jüngst erschienene Sozialstrukturbuch von Tja-
den/Tjaden-Steinhauer, wenngleich die Thematik und die Zielset-
zung eine andere ist). Besonders gelungen erscheinen mir die Ka-
pitel 2/4 und 3/3.
Allerdings ist bei aller grundsätzlichen Berechtigung seitens der
Autoren, auf "begriffliche Unsauberkeiten" (53) anderer Arbeiten
hinzuweisen, die sich aus der Vermengung der "logischen Ebene des
'Kapitals im Allgemeinen' mit der Darstellung empirischer Ver-
hältnisse" ergibt (ebda.), festzuhalten, daß der Versuch einer
konkreten Bestimmung von Klassenverhältnissen und der "wirklichen
Entwicklung von Klassenbewußtsein", d.h. einer Zielsetzung, die
die Autoren durch ihren Ansatz von vornherein ausgrenzen (238)
auf die Einschätzung von " 'Faktoren' und 'Kriterien' " (49),
mithin auf Begriffe der bürgerlichen Sozialwissenschaft und des
gesellschaftlichen Scheins unabdingbar angewiesen ist. Die Gefahr
einer unangemessenen Vermittlung der verschiedenen Argumentati-
onsebenen und der unangemessenen Handhabung derartiger Begriffe
ist hier in der Tat immer gegeben. Die Akribie, mit der die Auto-
ren die Arbeiten der bezeichneten Theoretiker auf Vermischungen
der Argumentationsebenen untersuchen, läßt sie allerdings mitun-
ter selbst die Orientierung verlieren; so etwa, wenn sie Steiners
These, die Intelligenz nähere sich zum großen Teil der Arbeiter-
klasse an, dahingehend deuten, als unterläge ein Teil des produk-
tiven Gesamtarbeiters einer Proletarisierung, um sodann
"begriffliche Unsauberkeit" zu bemängeln. Bezugspunkt der Stei-
nerschen These ist indessen die Kategorie der bürgerlichen Sozi-
alwissenschaft 'Bevölkerungsschicht': Intelligenz, die mit der
marxistischen Kategorie der 'Produktionsverhältnisse' kontra-
stiert und durch diese aufgelöst wird. Daß sich die Proletarisie-
rungsthese Steiners auf einen Teil des Gesamtarbeiters und damit
auf die "logische Ebene des 'Kapitals im Allgemeinen'" bezieht
(53), ist eine Behauptung der Autoren; offenbar als Resultat der
Selbstbeschränkungen des eigenen Ansatzes, ein Ausdruck von pro-
jektiver Verallgemeinerung (S. 40 ff., ähnlich auch S. 200).
3.
Derlei Mißverständnisse berühren nicht eigentlich die Argumenta-
tionskette der Autoren. Allerdings legen sie die Frage nahe, wel-
che Gründe die Autoren veranlaßt haben, der Diskussion von
"Theoretikern aus dem Umkreis der Kommunistischen Parteien" einen
so überraschend breiten Raum zuzumessen. Wichtiger dürfte folgen-
der Einwand sein, weil er die Thesen der Autoren selbst trifft.
Der systematisch und didaktisch gute Aufbau der Argumentation
mündet in einer, wenn auch knappen, Einschätzung der Politisie-
rungsbedingungen der wissenschaftlich-technischen Lohnarbeiter.
Das Kernproblem wird zu Recht nicht so sehr in der bewußten Mani-
pulation der Produzenten als vielmehr in dem Umstand gesehen, daß
die Kerngestalt der kapitalistischen Gesellschaft an ihrer Ober-
fläche notwendig in verkehrten Formen erscheint und den gesell-
schaftlich produzierten Subjekten den Einblick in die spezifische
Formbestimmtheit ihrer Arbeit erschwert. Der beständige Zwang zur
Ökonomisierung der lebendigen Arbeit führte jedoch zugleich zur
umfassenden Herausbildung des Warencharakters der Arbeitskraft,
was sich für die Betroffenen als Intensivierung der Arbeit, Ent-
leerung der Arbeit von jeglichem Inhalt, Lohnsenkung etc. dar-
stellt und im Zuge 'gravierender materieller und ökonomischer
Veränderungen' dazu führt, daß die Schleier der Produktionsver-
hältnisse zerreißen. Dies gilt, so die Autoren, für die Masse der
produktiven Handarbeiter ebenso wie für einen großen Teil der
produktiven Kopfarbeiter. (Die Frage nach dem sachlichen Grund
für die Beschränkung auf produktive Arbeiter taucht hier erneut
auf.) Für jene Kopfarbeiter aber, deren Bewußtsein "aus besonde-
ren Qualifikationen und einer gesonderten Stellung im Produkti-
onsprozeß resultiert" (233), d.h. dort, wo es u.a. bedingt durch
die besondere Stofflichkeit wissenschaftlicher Arbeit erst zu ei-
ner formellen Subsumtion der Arbeit gekommen ist, vermuten die
Autoren, daß "die Bedingungen, Einsicht in die gesellschaftliche
Form des Produktionsprozesses zu erlangen, zunächst von der in-
haltlichen Seite der Arbeit geprägt" sind, "wie zum Beispiel der
ahnungsvoll wahrgenommenen Differenz zwischen dem 'an sich' der
Maschinerie und ihrer kapitalistischen Anwendung" (233). Daneben
ist sogar von dem 'Zwang' der Produzenten die Rede, "über ihr
Verhältnis zu der kapitalistischen Form der Produktion zu reflek-
tieren" (232). Akzeptiert man diese These, so ist nicht mehr ein-
zusehen, warum die Autoren so große Mühe darauf verwandt haben,
in anderen Arbeiten zum Thema unfreiwillige Anleihen bei S. Mal-
let aufzuzeigen, denn sie argumentieren hier selbst mit Mallet
und darüber hinaus mit A. Gorz. Anschließend heißt es jedoch wie-
der, daß das Erkennen der spezifischen Formbestimmtheit der Ar-
beit - vorausgesetzt, daß das "Interesse am relativ hohen Tausch-
wert ihrer (der Produzenten) Arbeitskraft dominierend bleibt" -
solange erschwert ist, wie nicht "gravierende materielle und öko-
nomische Veränderungen" eintreten. Das weitgehende Fehlen derar-
tiger Beeinträchtigungen bildet aber gerade das Merkmal dieser
Gruppe ("besondere Qualifikation und gesonderte Stellung im Pro-
duktionsprozeß"). Folglich entfallen auch die Voraussetzungen für
den besonderen Politisierungsprozeß dieser besonderen Gruppe.
4.
Der Blick geht zurück zur allgemeineren Frage, wie sich aus der
Logik des Kapitals die Chance ergibt, daß die Produzenten die ka-
pitalistische Produktion als solche dechiffrieren. Hier bleiben
die Autoren außerordentlich vage, teils wegen des selbstgesteck-
ten Rahmens der Arbeit, teils wegen des insgesamt noch wenig ent-
wickelten Diskussionsstandes dieser Probleme. Zwar liegen inzwi-
schen eine Reihe empirisch orientierter Arbeiten zu diesem Pro-
blem vor. Die systematische Ableitung der Entstehung von Klassen-
bewußtsein steht jedoch noch in den Anfängen. Dies rechtfertigt
jedoch kaum, daß die betreffenden Fragen in den Bereich der Empi-
rie und in der vorliegenden Arbeit aus dem Text in die Anmerkun-
gen verwiesen werden. (170, 173, 237) Es entsteht der Eindruck,
als vollziehe sich die Entstehung von Klassenbewußtsein, eine
krisenhaft verlaufende Ausbeutung der Arbeitskraft vorausgesetzt,
spontan - etwa als "ahnungsvolle Wahrnehmung". Zwar ist von den
Grenzen der Bewußtseinsentwicklung im gewerkschaftlichen Kampf
die Rede (173). Erwähnt wird auch, daß "durch die Assoziations-
formen sich weitere Bestimmungen von Bewußtseinsformen ergeben"
(ebda.). Welches diese Assoziationsformen sind, bleibt jedoch im
Dunkel.
Demgegenüber ist festzuhalten, daß zumindest bis auf den heutigen
Tag die entscheidende Überwindung der Grenzen gewerkschaftlichen
Bewußtseins durch die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse auf
dem Boden des wissenschaftlichen Sozialismus vermittelt war, und
zwar in dem Maße, wie sich die fortgeschrittensten Teile der Ar-
beiterklasse der herrschenden Klassen entgegengestellt und die
Mystifikationen des Kapitalverhältnisses praktisch in Frage ge-
stellt haben. Die politische Partei der Arbeiterklasse bildet of-
fensichtlich ein Produkt kapitalistischer Widersprüche, das in
seiner allgemeinen Existenzweise von nationalen, regionalen und
lokalen, sowie historischen Besonderheiten relativ unabhängig
ist. Somit scheint die Frage gerechtfertigt, ob nicht gerade auch
in einer allgemein-systematischen Arbeit der Behandlung der Orga-
nisationsformen des Proletariats und vorab dem Verhältnis von
Partei und Bewußtseinsentwicklung eine zentrale Bedeutung zuge-
messen werden muß. Dies gilt besonders (aber keineswegs nur
dann), wenn - wie in der vorliegenden Arbeit - ausdrücklich nicht
nur objektive, sondern auch subjektive Faktoren, hier: Bewußt-
seinsformen, untersucht werden. Sofern diese Fragen im weiteren
Gang des Projekts nicht berücksichtigt werden, droht die Gefahr,
daß die insgesamt fruchtbaren und anspruchsvollen Darlegungen der
Autoren, weil entscheidende Vermittlungsglieder zur Empirie feh-
len, diese zu einem bloßen Anhängsel der Theorie werden lassen
und daß der intendierte Bezug zur gesellschaftlichen Praxis ver-
loren geht.
Hellmuth Lange
_____
*) Besprechung von: Autorenkollektiv am Institut für Soziologie
der FU Berlin: Klassenlage und Bewußtseinsformen technisch-wis-
senschaftlicher Lohnarbeiter. Zur Diskussion über die "technische
Intelligenz", Frankfurt am Main 1973.
zurück