Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973
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Richard Albrecht
DIE GEGENWÄRTIGE KORSCH-RENAISSANCE IN DER BRD UND WESTBERLIN
Bedingungen, Ursachen, Folgen *)
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I
In den letzten Jahren, genauer: seit 1966, sind auf dem offiziel-
len Buchmarkt der BRD und Westberlins fast in schöner Regelmäßig-
keit viele Arbeiten von Karl Korsch wiedererschienen. Wurde zu
Beginn der 60er Jahre in der BRD dieser Autor zunächst nur als
"Lehrer von Berthold Brecht" wiederentdeckt und als solcher
sowohl dem Kampf gegen den "östlichen Totalitarismus" wie insbe-
sondere einem größeren bürgerlichen Publikum 1), aber auch der
fortschrittlichen literarischen Intelligenz 2) schmackhaft zu ma-
chen versucht, so wurde der derzeit in der BRD und Westberlin zu
beobachtenden Korsch- R e n a i s s a n c e, ja Korsch- M y-
s t i f i k a t i o n durch einen Aufsatz von Erich Gerlach in
einem Publikationsorgan der sich damals herausbildenden "Neuen
Linken" der Boden bereitet 3), ebenso wie in vergleichbaren
Publikationsorganen in Westeuropa sich etwa zur gleichen Zeit
eine zunehmende Orientierung auf politische Praxis und Ideologie
von Korsch 4) und - etwas später gleichermaßen scheinradikale
Ideologen, etwa Anton Pannekoek, abzeichnete.
So verwundert es nicht, festzustellen, daß namentlich von diesen
scheinradikalen Ideologen des allseitigen weltanschaulichen Chaos
der bürgerlichen Gesellschaft auf dem Stadium des entfalteten Im-
perialismus, in trauter Zusammenarbeit mit den Ideologen der so-
genannten "Frankfurter Schule" der "kritischen Theorie der Ge-
sellschaft" 5), der - wenn man so will - theoretische Leichnam
Karl Korsch exhumiert und für den bürgerlichen Hausbedarf aufbe-
reitet wurde.
Eine bürgerliche Verlagsinstitution, die gewerkschaftlich orien-
tierte Europäische Verlagsanstalt, deren Programm in wesentlichen
Momenten kennzeichnet, daß sie ganze Büchereien "ü b e r Marx
und ü b e r den Marxismus" 6) bereitstellt 7), fand sich zur
Herausgabe der Arbeiten von Korsch schnell bereit und entdeckte
alsbald, daß die Herausgabe der größeren wie kleineren Schriften
dieses Autors ein recht einträgliches Geschäft für ganze Abtei-
lungen des kommerziellen Kapitals sein kann. Ob allerdings, wie
vom Verlag verlautbart wird, "das in den letzten Jahren in allen
Ländern (gemeint: in den westeuropäischen imperialistischen Me-
tropolen - R. A.) sprunghaft gestiegene Interesse an den Schrif-
ten Karl Korschs" deutlich zeigt, "wie aktuell sein Beitrag zur
Diskussion des Sozialismus beim gegenwärtigen Stand der Arbeiter-
bewegung ist" 8), muß aus guten Gründen bezweifelt werden. Frei-
lich ist nicht anzuzweifeln, daß ein bürgerlicher Verlag, welcher
als Abteilung des kommerziellen Kapitals, den Gesetzen des kapi-
talistischen Warenmarktes gehorchend, stets darum bemüht sein
muß, seine feilgebotenen Waren als etwas Besonderes, als Waren,
die der Konkurrent auf dem Publikationsmarkt linker Prägung nicht
verkaufen kann, darzubieten: dazu bedient sich die Europäische
Verlagsanstalt (EVA) - wie jeder kommerzielle Kapitalist - einer
entsprechenden Verpackung. In diesem Fall jener, die auf den
"gegenwärtigen Stand der Arbeiterbewegung" zielt. Es verdient
gleich eingangs festgehalten zu werden, daß noch die derzeitige
Dominanz der bürgerlichen Linie in der westdeutschen Arbeiterbe-
wegung zum Moment der profitträchtigen Umtriebe eines kapitali-
stischen Verlages in der BRD gerinnt.
II
Marxisten können sich nicht mit den Feststellungen der Ideologen
des Handelskapitals mit dem ursachenlosen "sprunghaften Anstieg"
begnügen oder gar noch diesen unbestreitbaren Tatbestand als Zu-
fälligkeit oder als bare Münze nehmen. Jedem Marxisten, der die-
ses Geschehen auf dem Buchmarkt der BRD und Westberlins und ge-
rade auf jenem Teil, der linke Publikationen feilbietet, regi-
striert, drängen sich folgende Fragen auf:
Welche Tendenzen, insbesondere welche Form bürgerlicher und revi-
sionistischer Ideologie, drücken diese neuerlichen Herausgaben
von Karl Korsch aus?
Welche Aufgabe haben dabei die Vor- und Afterworte der als Her-
ausgeber fungierenden Ideologen?
Welche ideologisch-politischen Zwecke verfolgen diese Neuheraus-
gaben in der BRD und Westberlin?
Welche reale Bedeutung, welche Verbreitung kommt diesen Neuher-
ausgaben zu?
Welche besondere Rolle kommt ihnen, gemäß der speziellen Adressa-
ten, im Zusammenhang der ideologischen Hauptorientierung Korsch's
auf der politisch-ideologischen Seite des realen Klassenkampfs
heute zu?
Dazu sind zunächst, noch bevor die Struktur der Korsch'schen
Ideologie in ihren Grundzügen und die Funktion im politisch-ideo-
logischen Klassenkampf der BRD und Westberlins darzustellen sind,
einige Sachverhalte vorauszuschicken.
Die Korsch-Renaissance in der BRD und Westberlin wurde zunächst
durch die von Erich Gerlach besorgte Neuherausgabe der zuerst
1923 erschienenen philosophischen Arbeit "Marxismus und Philoso-
phie" einschließlich der Korsch'schen "Antikritik" von 1930, ein-
schließlich ferner einiger kleinerer Arbeiten zur Dialektik: "Der
Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung" (1922),
"Die Marxsche Dialektik" (1923) und "Über materialistische Dia-
lektik" (1924) eingeleitet 9). Diese Neuherausgabe von "Marxismus
und Philosophie", von jenem Text also, der Korsch in den Augen
eines 'Teils seiner bürgerlichen Epigonen zum "Erneuerer" des
"revolutionären Humanismus" des "jungen Marx", der (ähnlich Lu-
kacs' zur gleichen Zeit) die "marxsche Vision vom selbstbewußt
handelnden und damit die Wirklichkeit und sich umwälzenden Prole-
tariat" 10) wiederaufgenommen habe, kurz: "zu einem der größten
Marxisten aller Zeiten" 11) über das triste Grau der einfachen
Marxisten emporhob, war zweifellos die erfolgreichste Unterneh-
mung von Verlag und Ideologen: bis Ende Juli 1972 waren 10.100
Exemplare von "Marxismus und Philosophie" aufgelegt 12).
1967 erschien die von Korsch 1937/38 verfaßte Arbeit "Karl Marx",
die 1963 in New York als fotomechanische Neuherausgabe des eng-
lischen Originals schon zugänglich war 13). Sie erlebte bisher
eine Gesamtauflage von 6.500 Exemplaren.
1968 erschien, in gekürzter Fassung, die Arbeit "Arbeitsrecht für
Betriebsräte" von 1922 14) (Auflage: 9.000). In dieser Arbeit
wird versucht, ähnlich wie in den Arbeiten von Korsch zur
"Sozialisierung" 1919/20, ein aktivistisches Konzept der Verbin-
dung von ökonomischem und politischem Kampf auf der Ebene des
Einzelunternehmens zu entwerfen. Korsch erscheint hier in der Tat
als ein Vorläufer der heutigen bürgerlich-reformistischen Konzep-
tion der "industriellen Demokratie" - was ihn natürlich umso mehr
als Mentor der bürgerlichen Arbeiterpolitik auch für die heutigen
gewerkschaftlichen Führungskräfte akzeptabel macht.
1969 erschienen die "Schriften zur Sozialisierung" 15). Diese
Herausgabe stand dabei sicherlich im Zusammenhang mit der damals
heftigen Bewegung von fortschrittlichen Kräften der jüngeren bür-
gerlichen Intelligenz, deren Wollen sich um "direkte Demokratie",
Räteorganisation und syndikalistische und neo-anarchistische Uto-
pien zentrierte. Diese Ausgabe enthält die frühen Arbeiten von
Korsch zu Problemen der "Sozialisierung" (1919/20), ferner die
Untersuchungen des Autors zur Pariser Commune (1929/31), in denen
in der bakuninschen Interpretation Korsch's das aktivistische Mo-
ment seiner Ideologie deutlich im Vordergrund steht, sowie die
syndikalistischen Interpretationen der Sozialisierungsfrage in
Katalonien zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges (1938/39). 1970
erschien keine Neuherausgabe, dafür 1971: "Die materialistische
Geschichtsauffassung" 16). Diese Ausgabe enthält, neben nicht zu-
friedenstellenden Anmerkungen zu den Texten von Gerlach, der sich
der Problematik seiner eigenen Zusammenstellung nicht einmal hin-
sichtlich des verfolgten Zweckes der Glorifizierung des
"undogmatischen Marxismus" von Korsch bewußt ist, einen fotome-
chanischen Nachdruck der zuerst im "Grünberg-Archiv" 1930 er-
schienenen Kautsky-Kritik, ferner einige kleinere Arbeiten von
Korsch. So die bereits in der "Marxismus und Philosophie"-Ausgabe
desselben Verlags erschienene Skizze "Über materialistische Dia-
lektik", so die Skizze "Lenin und die Komintern" (1924), die Re-
zension der damaligen Lukac'schen idealistischen Verbrämung der
"revolutionären Realpolitik" Lenins von 1924 17), die zuerst im
"Proletarischen Feuilleton" des K.P.D.-Organs für Mitteldeutsch-
land und Mittelthüringen "Neue Zeitung" und später in der
"Internationale" (Nov. 1924) erschienene Rezension von Stalins
"Fragen des Leninismus", so die Sammelrezension der rechtstheore-
tischen Arbeiten Renners und Paschukanis von 1930 ("Grünberg-Ar-
chiv"), die damals in der BRD auch schon in zweiter Auflage wie-
der erschienen war 18), ferner eine "Erstveröffentlichung": "Die
Krise des Marxismus" (1931) sowie eine Skizze zur "dialektischen
Methode im 'Kapital'", die zuerst 1932 erschien und der Einlei-
tung der Korsch'schen Ausgabe des 'Kapital' (1. Bd.) 19) in etwa
entspricht. Aber auch diese Skizze war dem westdeutschen Leser
schon teilweise bekannt, jedenfalls zugänglich 20). In ihr ent-
wickelt Korsch seine Interpretation der Marxschen "Methode der
politischen Ökonomie", die er als axiomatisch-quasi-mathematische
begreift, um sie so - was in "Karl Marx" später dann ausdrücklich
geschieht - umso besser für den bürgerlichen Horizont aufzuberei-
ten und und sie der bürgerlichen Sozialwissenschaft anzuempfehlen
21).
Damit allerdings erschöpft sich die Exhumierung nicht. Wie der
Verlag auf Anfrage mitteilte, ist darüber hinaus eine auf minde-
stens zwei Bände angelegte Herausgabe der "Gesammelten Aufsätze"
von Korsch als Reihe geplärrt. So soll im Februar 1973 im Rahmen
des "allgemeinen Buchprogramms" eine von Gerlach herausgegebene
Aufsatzsammlung: "Gesammelte Aufsätze I" erscheinen. Bedenkt man,
daß neben der Untersuchung "Um die Tariffähigkeit revolutionärer
Gewerkschaften" (Berlin 1928) in der Tat nur noch kleinere veröf-
fentlichte und unveröffentlichte Korsch-Arbeiten greifbar sind,
so ist zu mutmaßen, daß die geplanten Bände auch nur Vorstudien
zu größeren (und inzwischen vom Verlag selbst veröffentlichten)
Arbeiten, Dispositionen und Fragmente enthalten können. Nament-
lich Aufsätze aus "Die Internationale" (1923/24/25), aus der von
Harro Schulze-Boysen herausgegebenen Zeitschrift "Der Gegner"
(1932), aus Franz Pfempferts "Aktion" (1929/32), später dann aus
den von Paul Mattick in den USA herausgegebenen Zeitschriften
"Living Marxismus" und "New Essays" 22). Will man das Ausmaß der
Exhumierungsversuche verdeutlichen, müssen ferner die verschie-
denen sogenannten "Raubdrucke" erwähnt werden. Diese sind in der
BRD und Westberlin seit 1968/69 erschienen und brachten fast al-
les, was in der scheinradikalen Vorstellungswelt in den 20er Jah-
ren Rang und Namen hatte, insbesondere natürlich diverse Arbeiten
von Korsch, unter die Leute. Die Flut dieser Raubdrucke und ihre
Verbreitung ist, insbesondere was die Arbeiten von Korsch be-
trifft, in der BRD und Westberlin kaum zu überblicken. Es er-
schienen aber mindestens zwei textgleiche Ausgaben der
"Materialistischen Geschichtsauffassung" vor der EVA-Ausgabe
1971, ebenso wie kleinere Arbeiten von Korsch. Beispielsweise kam
auf die eben geschilderte Art und Weise Korsch's kommentierte
Ausgabe der Marxschen Kritik am Gothaer Programm - geschrieben
1922 - unter die Leute, ebenso Nachdrucke der Korsch-Aufsätze aus
"Der Gegner"; hier lehnt sich Korsch an seine zuerst in
"Marxismus und Philosophie" begonnene Untersuchung der Rezepti-
onsproblematik der verschiedenen europäischen Strömungen des
"Marxismus" nach Marx und Engels sowie insbesondere an seine Sy-
stematik des 1929 geschriebenen "Labriola-Gutachtens" 23) an, da
in dieser Skizze zuerst systematisch die formale und objektivi-
stische Strukturierung der Ströme des "Marxismus" seit den 1890er
Jahren von Korsch in Angriff genommen wurde.
Ferner ist ausdrücklich hinzuweisen auf die Göttinger Studenten-
zeitschrift "politicon", die "unter dem Einfluß Gerlachs und an-
derer Ideologen stehend - sich dem "Marxismus" Korsch's ausdrück-
lich verpflichtet weiß. Hier wurde eine Arbeit von Korsch eben-
falls "zum ersten Mal" nachgedruckt 24). Darüber hinaus erschien
kürzlich eine Fassung der Korsch'schen Antrittsvorlesung an der
Universität Jena (1923) mit entsprechenden Kommentaren von Jürgen
Seifert 25), in denen versucht wird, den "undogmatischen Marxis-
mus" und die rechtstheoretischen und rechtsphilosophischen An-
sätze von Korsch der Kritik der bürgerlichen Rechtswissenschaft
nutzbar zu machen.
Schließlich ist etwa Mitte 1972 eine von anonymer Seite besorgte,
dabei formal und philologisch in Text und Kommentar sorgfältig
vorgehende Sammlung von 19 "unbekannten" Arbeiten Korsch's zur
Politik, politischen Ökonomie und Geschichtstheorie erschienen
(Arbeiten aus den Jahren 1912-1926) 26). Diese neueste, ihrem
Selbstverständnis nach "anti-bürgerliche" und dem kommerziellen,
offiziösen Buchmarkt entzogene Korsch-Herausgabe mit dem Schwer-
punkt auf den Arbeiten von Korsch zur "Sozialisierung" sowie zur
politischen Ökonomie aus "Die Internationale" bietet darüber hin-
aus die umfassendste und wissenschaftlich fundierteste Hyposta-
sierung der Aktualität der Korsch'schen Arbeiten für die heutige
revolutionäre und anti-imperialistische Bewegung im entwickelten
Imperialismus. "Neu" und "unbekannt" freilich sind die Korsch-
Texte, zumindestens der größte Teil nach der im Juli 1972 abge-
schlossenen Neuherausgabe der "Internationale" in der BRD, gewiß
nicht.
III
Man sieht: die Korsch- R e n a i s s a n c e steht dem bürger-
lichen Publikationsrummel in der BRD gut zu Gesicht. Sie wäre
auch unter dem Gesichtspunkt der Textvergleiche für Marxisten
durchaus aufschlußreich zu untersuchen 27). Daß es - am Beispiel
der Schriften von Korsch in aller Deutlichkeit nachzuvollziehen -
natürlich auch darum geht, mit der "Erstveröffentlichung" bzw.
der allerneuesten Neuherausgabe usw. für seine und die jeweils
nur vom jeweiligen Unternehmen vertriebene Ware Korsch Reklame zu
machen, versteht sich von selbst und entspricht den Gepflogenhei-
ten, die der kapitalistische Warenmarkt und das profitable Ge-
schäft mit der geistigen Arbeit anderer, insbesondere das mit -
wirklichen oder vermeintlichen, toten oder lebendigen - "großen"
"marxistischen" "Theoretikern", diktiert. Zumeist handelt es sich
freilich in der BRD um das Geschäft mit den vermeintlichen Marxi-
sten.
Es versteht sich ferner von selbst, daß bei derlei trüben kapita-
listischen Unternehmungen es dem Monopolisten der Korsch-Arbeiten
- der EVA - freisteht, dem Leser - wie geschehen - in verschie-
denen Ausgaben nicht nur längst in der BRD wieder veröffent-
lichte, sondern in den eigenen verschiedenen Korsch-Ausgaben je-
weils den gleichen Text aufzutischen und ihm dafür sein Geld aus
der Tasche zu ziehen. Diese Methode kapitalistischer Geschäftema-
cherei bezeichnet der Volksmund allerdings zu Recht als
E t i k e t t e n s c h w i n d e l.
Neben dem kommerziellen Kapitalisten der Verlagsanstalten scheint
aber in nicht unbeträchtlichem Maße eine Schar von Ideologen, de-
ren Hauptnahrungszweig die Aufbereitung, Kommentierung, die Ver-
sehung der Korsch-Texte mit Vor- und Afterworten ist, an diesem
profitablen Unternehmen beteiligt zu sein. Handelt es sich
zunächst typischerweise um jene Kategorien des bürgerlichen Pu-
blikationsbetriebs, die vornehmlich von der (geistigen) Arbeit
anderer zu leben scheinen, so machen diese Exploiteure der Pro-
dukte fremder (geistiger) Arbeit - auch wenn es die von Karl
Korsch ist - darüber hinaus die Herausbildung von Illusionen über
sich selbst und ihre geistige Wahlverwandtschaft wie über den Im-
perialismus überhaupt - so scheint es am Beispiel Korsch einmal
mehr - zu ihrem Hauptnahrungszweig.
Zwar liegt die politisch-ideologische Funktion solcherart geisti-
ger Parias weniger offen zutage: aber auch hier handelt es sich
am Beispiel der Produktion einer "wachsenden Menge von Sekundär-
literatur" mittels Vor- und Afterworten zu den "Neuauflagen der
Schriften jeglicher pseudo-marxistischer Spielart aus den ersten
drei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts", die in der BRD zudem
"fortlaufend vermehrt wird" 28), einerseits um das "Bereitstellen
'amtlicher' oder 'halbamtlicher' O r i e n t i e r u n g s-
h i l f e n" 29) im herrschenden anti-marxistischen und anti-
kommunistischen Kampf der BRD. Diese bedient sich - wie Beyer
treffend feststellt - zudem noch häufig genug der Methode der
"Leser- M a s s a g e" 30) durch Auswahl und Kommentierung der
Wiederveröffentlichungen.
Andererseits aber handelt es sich um ein t y p i s c h
i m p e r i a l i s t i s c h e s M a n ö v e r im ideologisch-
weltanschaulichen Bereich des Klassenkampfes, wozu sich derzeit
die Arbeiten von Karl Korsch vorzüglich eignen: die in den letz-
ten Jahren in Bewegung geratene studierende Jugend und jüngere
geisteswissenschaftliche Intelligenz, die bestimmte Widersprüche
des westdeutschen Imperialismus praktisch erfuhr und dagegen zu
revoltieren begann, die insbesondere die Hohlheit und Brüchigkeit
der von ihr hinterfragten bürgerlichen Ideologie zu erkennen be-
gann, diese Intelligenz soll an der logischen und einzig mögli-
chen Konsequenz dieser Entwicklung, an der Beschäftigung mit den
heutigen Marxisten und heutigen marxistischen Arbeiten zur poli-
tischen Theorie, Strategie und zur anti-imperialistischen Praxis
unter den heute in Westeuropa herrschenden Bedingungen und somit
indirekt an der aktiven Teilnahme an der demokratischen und Ar-
beiterbewegung gehindert werden 31). Dazu bedienen sich die Ideo-
logen, die - aus welchen Gründen in ihrem Selbstverständnis wie
zur Rechtfertigung sie das auch immer tun mögen - schon seit Jah-
ren des "kritischen" und "undogmatischen Marxismus" von Korsch,
dessen Arbeiten sie aufbereiten und feilbieten 32) und somit die
Gelegenheit der Bevor-Wortung und Kommentierung der Korsch-Texte
ausgiebig wahrnehmen.
Die Ideologie von Karl Korsch eignet sich aus verschiedenen Grün-
den dazu hervorragend. Zum einen, weil sie in sich recht wider-
sprüchlich ist und durchaus als eine typische, moderne Intellek-
tuellenideologie im entwickelten Imperialismus fungieren kann,
zum anderen, weil sie ihrem - von den Ideologen für bare Münze
genommenen - Selbstverständnis nach "kritisch", "undogmatisch",
"antidogmatisch" und überhaupt "ideologiekritisch" ist, und zum
dritten, weil sich in ihr durchgängig voluntaristische und akti-
vistische Tat-Elemente im Vordergrund finden. Viertens enthält
diese Ideologie schon die, dem heutigen Bedürfnis der Rechtferti-
gung und Verschleierung der herrschenden Verhältnisse unterm
westdeutschen Imperialismus angemessenen Momente der scheinradi-
kalen "marxistischen" Kritik an der "konterrevolutionären" oder
gar "kapitalistischen" Sowjetunion. Fünftens bietet diese Ideolo-
gie, gerade im Hinblick auf die Legitimationsproblematik, zu der
der Sozialismus in bürgerlich-intellektuellen Kreisen immer noch
und wieder herunterkommt, eine idealistische Scheinlösung. Sech-
stens schließlich birgt die Ideologie von Korsch bei entsprechen-
der Anwendung schon immer die Möglichkeit, die Widersprüche der
sozialistischen Gesellschaftsformation zum Zwecke der Subversion
des realen Sozialismus überhaupt zu erkennen 33). Diese vielfäl-
tigen Momente werden als verbindende ideologische Klammer von der
Verkennung und Negierung des Prinzips der bewußten und schöpferi-
schen proletarischen Parteilichkeit in politischer Praxis, Theo-
rie und Wissenschaft des Marxismus umspannt. Erst hieraus erklä-
ren sich auch die zunächst disparat erscheinenden diversen Vor-
satzstücke der Korsch'schen Ideologie.
IV
Zur Kritik an der Ideologie Korsch's ist es relativ belanglos, ob
nun "Marxismus und Philosophie" oder "Karl Marx" von den modernen
bürgerlichen Ideologen als "Hauptwerk" bezeichnet wird. Es mag in
dieser Hinsicht den berufsmäßigen Marxologen, Marx-Deutern und
vermeintlichen Marx-Philologen, namentlich den Herren Fetscher
und Negt in der BRD überlassen bleiben, ihr Publikum und diejeni-
gen, die immer noch ihre Bücher kaufen, in dieser Hinsicht zu be-
einflussen 34).
Fest steht, daß für den antimarxistischen und insbesondere für
den antileninistischen Kampf - das belegen nicht zuletzt die Ar-
beiten von Fetscher 35) und Negt 36) selbst - von den Ideologen
stets "Marxismus und Philosophie", zur Rechtfertigung ihrer eige-
nen sozialwissenschaftlichen Tätigkeit wie zur Einbürgerung die-
ser Art "Marxismus" in die empirische Sozialforschung zur metho-
dologischen Begründung stets "Karl Marx" mit dem Korsch'schen
Plädoyer für die streng empirische einzelwissenschaftliche For-
schung herangezogen wird 37), zumal hier die materialistische
Dialektik als Kern der Marxistischen Theorie völlig zertrümmert
ist.
Korsch selbst hatte - bevor er, einerlei ob mit "Marxismus und
Philosophie", mit "Karl Marx" oder mit anderen Arbeiten, in den
Augen der Ideologen und berufsmäßigen Korsen-Deutern zum "großen"
"theoretischen" "Marxisten" avancierte - immer schon die
t y p i s c h e I n t e l l e k t u e l l e n k r i t i k an
der Marx'schen Theorie und an der sozialistischen Praxis vertre-
ten, die stets bestimmte Oberflächenerscheinungen der marxisti-
schen Theorie wie der kämpfenden Arbeiterbewegung zum Wesen des
Marxismus hypostasierten. Dieses Phänomen kann im übrigen in
klassischer Form anhand der Bürokratismuskonzeption Robert Mi-
chels 38) und Max Webers Herrschaftssoziologie 39), aber auch bei
der literarischen und Bohemeintelligenz in Deutschland, insbeson-
dere bei dem Kreis um die "Aktion" 40),herausgearbeitet werden.
Es muß hier festgehalten werden, daß Korsch bereits in der Zeit
seiner Mitgliedschaft in der englischen "Fabian Society" - jener
liberalintellektuellen Vereinigung, die seit den 1880er Jahren
für die "Umgestaltung der Gesellschaft durch Überzeugung" (Ber-
nal) 41) eintrat - schon die "herrschenden Dogmen des Marxismus"
in Form der "Inhaltslosigkeit", der "nichtssagenden Formel" von
der "Vergesellschaftung der Produktionsmittel" als "sozialisti-
sche Organisation der Volkswirtschaft" anprangerte und - getreu
der Hauptorientierung der englischen Fabier - um den Einfluß
dieser Art positiv-utopischen, in Wirklichkeit des "reaktionären
oder Bourgeoissozialismus" (Marx/Engels) "auf die intellektuelle
Jugend" bangte 42).
Es versteht sich fast schon von selbst, daß für derlei ideologi-
sches Sozialismus-Verständnis entweder das Proletariat als An-
hängsel der politischen Bewegung der liberalen Bourgeoisie, wel-
che die "ungebildeten Arbeiter" in der "volkstümlichen Ansprache"
in der Art der englischen "Fabians" aufzuklären habe 43), er-
scheint, oder aber daß - insbesondere in Zeiten der revolutio-
nären Gärung der Arbeiterbewegung wie 1918/19 und in der ersten
Phase der Weimarer Republik bis 1923 in Deutschland - eine
e i n f a c h e N e g a t i o n des ersten ideologischen Stand-
orts vorgenommen wird. Diese plumpe Umstülpung, wie sie Korsch
als t y p i s c h e r Vertreter der bürgerlichen Intelligenz
vornimmt, hat allerdings weder mit der Hegelschen Triade noch mit
der negierten Negation, der bestimmten Negation der Negation, ir-
gendetwas zu tun. Sie bleibt oberflächliche Makulatur: nun er-
scheint vielmehr das kämpfende Proletariat als universalge-
schichtlicher deus ex machina, als praktisch gewordener Welt-
geist. Die proletarische Revolution, die stets nur als "reine"
Form gedacht und aus dem Kopf gesetzt werden kann, erscheint die-
ser Art intellektueller Revoluzzerei als Verkörperung der Ge-
schichte und ihrer Logik schlechthin; so sagt beispielsweise
Korsch selbst in seiner Antrittsvorlesung: "Das Proletariat ist
die erste Klasse, die mit einem vollständigeren und klaren Be-
wußtsein ihre weltgeschichtliche Aufgabe zu erfüllen unternimmt.
Es will das Naturrecht seiner Klasse, um dessen Verwirklichung es
seine heutigen Kämpfe führt, nach seinem Siege nicht verewigen,
sondern mit den Klassen und Klassengegensätzen zugleich auch das
Recht der Arbeiterklasse aufheben." 44)
Beide Varianten der ideologischen und typisch idealistischen,
identitätsphilosophisch orientierten Scheinlösung der philosophi-
schen Subjekt-Objekt-Problematik, mit deren Hilfe die zentrale
revolutionstheoretische Fragestellung gelöst werden soll, igno-
rieren sträflich die reale Dialektik der Entwicklung der gesell-
schaftlichen Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse, sie
ignorieren die grundlegende materialistisch-dialektische und hi-
storisch-materialistische Erkenntnis, "daß in der menschlichen
Gesellschaft, unabhängig vom Willen der Menschen, Gesetzmäßigkei-
ten und Zusammenhänge wirken, die von den Menschen erkannt, be-
rücksichtigt, gefördert oder gehemmt werden können" 45).
So wurde für Korsch selbst, ähnlich wie heute unter weltge-
schichtlich veränderten Bedingungen der historischen Offensive
des Sozialismus für seine Adepten im kapitalistischen Westeuropa
und insbesondere in Westdeutschland und Westberlin, schon zu Be-
ginn seiner Orientierung auf die revolutionär-sozialistische Ar-
beiterbewegung der proletarische Klassenkampf und die proletari-
sche Revolution zum Identitätsproblem. Für ihn gilt jetzt die So-
zialisierung der Produktionsmittel als "Identität von histori-
schem Entwicklungsprozeß und umwälzender menschlicher Tätigkeit"
46), die "Vereinigung von Theorie und Praxis" in der marxisti-
schen Philosophie entspräche - so vermeint Korsch - der
"Identität von gegenständlicher Erkenntnis und Tätigkeit" 47).
Diese identitätsphilosophischen Spekulationen, die Korsch be-
kanntlich aus dem Hegelschen philosophischen S y s t e m ent-
lehnte, bestimmen von nun an das Korsch'sche Denken und seine In-
terpretation der materialistischen Dialektik von Marx und Engels.
In "Marxismus und Philosophie" unternimmt Korsch dann den ersten
systematischen, dabei noch tastenden Versuch, anhand der Heraus-
bildung und Entwicklung der marxistischen Philosophie selbst
nachzuweisen, daß Marx und Engels "auch in der zweiten, positiv-
wissenschaftlichen (philosophischen) Periode" seit Beginn der
1850er Jahre von "solch (dualistisch) metaphysischer Auffassung
des Verhältnisses von Bewußtsein und Wirklichkeit", jenem großen
Grundmangel des "Vulgärsozialismus", dem "Festhalten an jenem
naiven Realismus, mit dem der sog. gesunde Menschenverstand ...
zwischen dem Bewußtsein und seinem Gegenstand eine scharfe Tren-
nungslinie (zieht)" 48) weit entfernt gewesen sein sollen. Denn
auch die "marxistisch-materialistische Dialektik" sei, Hegel fol-
gend, durch das Z u s a m m e n f a l l e n v o n B e w u ß t-
s e i n u n d W i r k l i c h k e i t" 49) gekennzeichnet und
erst dadurch von jenem vulgären "naiven Realismus" abgehoben.
Logische Konsequenz dieses chaotischen, ideologisch-identitäts-
philosophischen archimedischen Punktes der Philosophie wie der
politischen Ideologie und Praxis Korsch's ist die falsche und
ideologische, der marxistischen Philosophie fremde Auffassung der
Leugnung der realen, objektiven Dialektik. Für Korsch reduziert
sich demnach Dialektik auf die bloße Begriffsdialektik, auf die
"Sphäre der menschlichen geschichtlichen Praxis" 50). Die marxi-
stische Bestimmung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses und insbeson-
dere die Leninsche Bestimmung der materialistischen Dialektik in
"Materialismus und Empiriokritizismus" (1909) 51) und in den phi-
losophischen Nachlaßfragmenten (1914-1916) 52) erklärt Korsch da-
gegen als "metaphysisch", "naiv", "dualistisch", kurz: als bür-
gerlich. Denn der philosophische Materialismus Lenins gehe "von
der metaphysischen Vorstellung eines absolut gegebenen Seins"
aus: "Indem Lenin und die Seinen die Dialektik einseitig in das
Objekt, die Natur und die Geschichte verlegen, und die Erkenntnis
als eine bloße passive Widerspiegelung und Abbildung dieses ob-
jektiven Seins in dem subjektiven Bewußtsein bezeichnen, zerstö-
ren sie tatsächlich jenes dialektische Verhältnis zwischen dem
S e i n und dem B e w u ß t s e i n, und in einer notwendigen
Konsequenz hiervon dann auch das dialektische Verhältnis zwischen
der T h e o r i e und der P r a x i s." 53). Gegenüber sol-
chermaßen "kritischen" und "undogmatischen" Revisionsversuchen
der materialistischen Dialektik bleibt zuallererst festzuhalten,
daß "die Dialektik als objektive Gesetzmäßigkeit der Bewegung der
Materie nicht nur dort (existiert), wo ein Subjekt, der Mensch,
vorhanden ist, sondern unabhängig von jedwedem Subjekt, vom Men-
schen (wirkt)" 54).
Ferner bleibt festzuhalten, daß in der marxistischen Theorie und
insbesondere für Lenin die materialistische Dialektik und Er-
kenntnis "die ewige, unendliche Annäherung des Denkens an das Ob-
jekt (ist). Die Widerspiegelung der Natur im menschlichen Denken
ist nicht "tot", nicht "abstrakt", nicht ohne Bewegung, nicht
ohne Widersprüche, sondern im ewigen Prozeß der Bewegung, des
Entstehens der Widersprüche und ihrer Lösung aufzufassen" 55). Da
kein Denken wie kein Subjekt ohne Objekt existieren kann, sind
die "Subjekt-Objekt-Beziehungen der menschlichen geschichtlichen
Praxis als Sondersphäre der natürlichen und historischen Wirk-
lichkeit" 56) aufzufassen. Korsch und seinen modernen Apologeten
bleibt diese richtige Auffassung der materialistischen Dialektik
dagegen fremd und unbegriffen.
Zur historischen Exemplifizierung seiner idealistisch-identitäts-
philosophischen und in der theoretischen Orientierung auf die
elementarsten Fragen der materialistischen Dialektik und Erkennt-
nistheorie schon subjektivistischen Interpretation der marxisti-
schen Philosophie bedient sich Korsch in "Marxismus und Philoso-
phie" der Methode, die "materialistische Geschichtsauffassung"
und die Methode des historischen Materialismus "a u c h a u f
d i e m a t e r i a l i s t i s c h e G e s c h i c h t s-
a u f f a s s u n g s e l b s t" 57) anzuwenden. Es ist dies -
Beyer hebt das zu Recht hervor 58) - die methodologische Grund-
legung der modernen bürgerlichen und revisionistischen Marxolo-
gie. Ihre Aufgabe besteht darin, den Marxismus von innen her
theoretisch-ideologisch auszuhöhlen. Darin besteht, einhergehend
mit einem philosophischen Relativismus, dem Einheitlichkeit und
Geschlossenheit der marxistischen Theorie wie - in der politi-
schen Praxis - des sozialistischen Lagers ein Dorn im Auge sein
muß, auch diese "u n d o g m a t i s c h e u n d a n t i-
d o g m a t i s c h e, h i s t o r i s c h e u n d k r i t i-
s c h e" (Korsch) Bedeutung dieser philosophischen und "ideolo-
giekritischen" revisionistischen Lehre. Im übrigen wissen das
Herausgeber und Aufbereiter des revisionistischen Klassikers
Korsch sehr gut. Beispielsweise heißt es in der Verlagsreklame zu
"Karl Marx", nachdem festgestellt wurde, daß sich "im Marx-Buch"
gegenüber "Marxismus und Philosophie" der "Akzent" in "heute noch
höchst akuter Weise verschoben" habe und daß in "Karl Marx" das
"szientifische Element, das Verhältnis der Marxschen Methoden und
Analysen zu modernen empirisch-wissenschaftlichen Methoden" im
Vordergrund stehe: "Dieser Aspekt könnte gerade heute in einer
Situation, in der dem herkömmlichen Marxismus die materielle Ba-
sis verlorengegangen zu sein scheint und in der die Marxisten
selbst den Marxismus mehr und mehr als eine metaphysische Lehre
neben anderen zu betrachten bereit sind, einen die Auseinander-
setzung vertiefenden und aktualisierenden Ansatzpunkt bieten"
59).
Abgesehen davon, daß es sich hier um Wunschträume der imperiali-
stischen Ideologen handelt, kann man dem Verlag nur dankbar dafür
sein, daß er in so offenherziger Weise die programmatischen Vor-
stellungen der Ideologen für die politisch-ideologische Sphäre
des Klassenkampfs in seiner Reklame ausplaudert. Denn es ist
klar, daß mit der Methode des Totschweigens wie insbesondere der
heute bereits unglaubwürdigen Methode des "Marxtötens" des alten
Preußen Heinrich von Treitschke den ideologischen Legitimations-
bedürfnissen des Imperialismus angesichts der allseitig erfahrba-
ren Verschärfung der Widersprüche des entwickelten Imperialismus
und des Erstarkens des Sozialismus wohl kaum angemessen entspro-
chen werden kann. Dazu bedarf es seit der Herausbildung des Impe-
rialismus entsprechend subtilerer und diffizilerer Methoden und
entsprechender Ideologen. Lenin selbst kennzeichnete diese moder-
nen Methoden des Imperialismus in der politisch-ideologischen
Sphäre in "Materialismus und Empiriokritizismus" in einer Weise,
die heute nach wie vor treffend ist: "Eine immer raffiniertere
Verfälschung des Marxismus, immer raffiniertere Versuche, antima-
terialistische Lehren als Marxismus auszugeben - das kennzeichnet
den modernen Revisionismus sowohl in der politischen Ökonomie als
auch in den Fragen der Taktik und in der Philosophie überhaupt,
in der Erkenntnistheorie ebenso wie in der Soziologie." 60).
V
Es wäre objektivistisch, würden Marxisten auf Analyse und Dar-
stellung derjenigen Personengruppe, deren Hauptnahrungszweig die
"immer raffinierteren Verfälschungen des Marxismus" (Lenin) ist,
verzichten. Am Lebensschicksal von Karl Korsch selbst müssen die
wesentlichen Momente der gesellschaftlichen und Klassenlage wie
des Wirkens dieser Intellektuellenkategorie herausgearbeitet wer-
den. Dabei zeigen sich für die sozialen Träger des modernen Revi-
sionismus wie der modernen imperialistischen Marxologie, von
denen für das imperialistische System richtungweisende und ver-
wertbare ideologische wie strategische Anstöße nur ausgehen kön-
nen, einige allgemeine Züge: E r s t e n s zeigt sich, daß
diese Ideologen zumeist in der Arbeiterbewegung - zeitweilig so-
gar in leitenden Funktionen - jahrelang arbeiteten, so daß sie
die marxistische und Arbeiterbewegung aus der eigenen Erfahrung
kennen.
Z w e i t e n s entfernten sich diese Ideologen jeweils an einem
bestimmten historischen Wendepunkt der Strategie und Taktik der
Arbeiterbewegung von dieser wie vom realen Sozialismus, um
schließlich offen in politischer Praxis und Ideologie die sozia-
listische Bewegung zu bekämpfen. D r i t t e n s ist dieser
Entwicklungsprozeß schließlich durch die Aufgabe jeder - zeitwei-
lig durchaus vorhandenen - fortschrittlichen Momente in ihrer Po-
litik und Ideologie gekennzeichnet. Ergebnis ist die völlige Ver-
kennung der realen Möglichkeiten der revolutionären, antiimperia-
listischen und Arbeiterbewegung wie der demokratischen Bewegung
überhaupt. Es ist dies der Punkt, an welchem vom Standpunkt des
antiimperialistischen Lagers aus Meinungen, Anschauungen und Po-
sitionen dieser Personen als völlig von der Wirklichkeit gelöste,
als besondere Form der Sozialpathologie anzusehen sind. Durch das
Zusammenspiel dieser Momente ist diese Personengruppe für die
ideologischen Machenschaften des Imperialismus hervorragend ge-
eignet.
In politisch-ideologischer Hinsicht ist die Entwicklung des Ideo-
logen Korsch im Zuge des Scheiterns des ersten revolutionären An-
sturms der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik zu skizzie-
ren 61). Korsch kam im Zuge der Vereinigung der Mehrheit der USPD
mit der KPD Ende 1920 in die VKPD 62), wo er bis zu seinem Aus-
schluß am 30. April 1926 63) in leitenden Funktionen arbeitete.
So war er u.a. militärischer Instrukteur in Thüringen, vorüberge-
hend Justizminister im Koalitionskabinett der "Arbeiterregierung"
in Thüringen, Redakteur der "Internationale", Landtags-und
Reichstagsabgeordneter sowie mit verschiedenen besonderen Aufga-
ben betraut. Natürlich konnten, da objektiv bis 1923, zuminde-
stens aber durchgängig in der KPD und im Bewußtsein der Mitglie-
der und Funktionäre, die sozialistische Revolution geschichtlich
möglich war und es schien, als verschärfte sich bis 1923 das Ent-
wicklungstempo der Bewegung der Arbeiterklasse, weder Korsch noch
die verschiedenen "ultralinken" Gruppierungen in der KPD, die al-
lesamt bedingungslos an der Möglichkeit des schnellen Übergangs
zum Sozialismus und an der proletarischen Revolution festhielten
und ihre Ideologie und aktivistische politische Praxis daran aus-
richteten, in einen offenen Gegensatz zu den realen Bedingungen
des Klassenkampfs in dieser Periode geraten. Erst als sich im
Zuge der Anerkennung der Verlangsamung des Tempos der revolutio-
nären Bewegung im Deutschen Reich in der zeitweiligen "Stabili-
sierung" der monopolkapitalistischen Verhältnisse, ferner im
Zusammenhang mit der "Bolschewisierung" der Sektionen der
KOMINTERN und der KPD (ab Mitte 1925) zeigte, daß der bedingungs-
lose Aktivismus den veränderten Bedingungen des Klassenkampfs
nicht gerecht werden konnte, geriet Korsch in offenen, scharfen
Gegensatz zu KOMINTERN und zur Leitung der KPD. Zwar beteiligte
sich Korsch - was von seinen Adepten tunlichst verschwiegen wird
- zunächst an der "ideologischen" "Bolschewisierung" der KPD 64).
Von seinem ideologischen, antileninistischen Standpunkt jedoch
ist er niemals abgewichen. Konnte er den Leninismus nur als be-
sondere "Ideologie" des sozialökonomisch und sozialkulturell zu-
rückgebliebenen Rußland begreifen, so verstand er niemals die Be-
deutung Lenins als Theoretiker, der nicht nur den revolutionären
Marxismus wiederherstellte, sondern die marxistische Theorie,
insbesondere durch die Imperialismustheorie, weiterentwickelte.
So reduziert sich für Korsch, entgegen seiner syndikalistischen
Ausrichtung der "Sozialisierungsarbeiten" 65) der Aufbau des So-
zialismus in der Sowjetunion unter schwierigsten geschichtlichen
Bedingungen auf die Etablierung des "proletarischen Staatskapita-
lismus" entsprechend den Bedingungen der Periode der Neuen Ökono-
mischen Politik 66). Dementsprechend finden sich auch schon bei
Korsch all jene Elemente "ultralinker", in Wirklichkeit typisch
scheinradikaler Kritik am Marxismus-Leninismus und an der So-
wjetunion, die bis heute für die Richtung der Feinde des Sozia-
lismus und der Subversanten der Arbeiterbewegung und der anti-im-
perialistischen Bewegung überhaupt kennzeichnend sind 67): Praxis
und Theorie sei nicht revolutionär, sondern "opportunistisch
entartet", allenfalls "sozialdemokratisch". Die KOMINTERN ordne
sich wie ihre einzelnen Sektionen zunehmend den außen- (und in-
nen-)politischen Sicherheitsbedürfnissen der Sowjetunion unter.
Diese sei "konterrevolutionär" usw.; und vor allem für die Weima-
rer Republik zu Beginn des Jahres 1926 bei Korsch: die Entwick-
lung enthalte "alle objektiven Elemente für eine konkret revolu-
tionäre Politik" 68), wobei hier natürlich in typischer Manier
des Ideologen unter "revolutionärer Politik" die Ausrichtung auf
die unmittelbare ökonomische Krise und die bevorstehende gewalt-
sam durchzuführende proletarische Revolution verstanden wird.
Nach seinem Ausschluß aus der KPD gab Korsch, zusammen mit den
ehemaligen KPD-Funktionären Schwarz und Schlagewerth, das von
Reichstagsdiäten finanzierte "Diskussionsblatt" der "Entschiede-
nen Linken", die "Kommunistische Politik", heraus 69). Charak-
teristisch für die objektive Hilflosigkeit der politischen
Ideologie dieser scheinradikalen Gruppe außerhalb der Arbeiterbe-
wegung, charakteristisch aber auch für die Hypostasierung der
"Revolution" als Tagesaufgabe wie für die Hauptstoßrichtung gegen
die Sowjetunion und gegen die KPD ist für Korsch in jener Zeit,
daß die Sowjetunion und die Kommunistischen Parteien schlicht
"konterrevolutionär" waren 70).
In den folgenden Jahren bis zum schließlichen Sieg der faschisti-
schen Konterrevolution im Deutschen Reich zerfielen die
"ultralinken" Gruppierungen immer mehr. Korsch, dem die faschi-
stische thüringische Landesregierung die Professur an der Univer-
sität Jena entzogen hatte, übersiedelte nach Berlin. Dort arbei-
tete er ab 1929 gelegentlich an der "Aktion" - die damals schon
Sprachrohr der deutschen Trotzkisten wie Trotzkis selbst war -
mit 71), hielt Gastvorlesungen an der Berliner Universität und
organisierte Studienzirkel zum "kritischen Marxismus" in Berlin-
Neukölln 72) und arbeitete - wie andere Linksradikale - an der
"Sozialwissenschaftlichen Vereinigung" Paul Levis mit. Ferner ar-
beitete er an der "Gesellschaft für empirische Philosophie" mit
73) und publizierte in kleineren und heute kaum mehr bekannten,
noch weniger zugänglichen Zeitschriften. Außerdem stand Korsch in
seiner Berliner Zeit in Verbindung mit der sich - als Vorläufer
der "IV. (trotzkistischen) Internationale" - herausbildenden und
organisierenden "linken Opposition". Von der sozialen und Klas-
senlage aus betrachtet, mußte Korsch in jener Zeit als der Typus
des sozial desintegrierten, "frei schwebenden" Intellektuellen im
Sinne Alfred Webers und Karl Mannheims 74) erscheinen.
In dieser Zeit in Berlin, dem Zentrum der bürgerlich-imperiali-
stischen Kultur, konnte Korsch einige fortschrittliche Intellek-
tuelle im Sinne seines "kritischen Marxismus" 75) beeinflussen
und um sich scharen. Von den Faschisten zur Emigration gezwungen,
lebte Korsch zeitweilig bei Brecht in Swendborg und versuchte
dann, sich in London einzurichten. In der Emigrationszeit -
Korsch mußte Ende 1935 Großbritannien verlassen und konnte
schließlich mit Hilfe seiner Freunde in die USA einwandern - gab
es für Korsch kaum die Möglichkeit, zu publizieren und sich poli-
tisch-organisatorisch zu betätigen, so daß für diese Zeit seinen
Briefen erhebliche Bedeutung zukommt 76).
Da es hier nicht auf eine detaillierte Rekonstruktion und Analyse
der Entwicklung und "Akzentverschiebung" der Korsch'schen Ideolo-
gie geht, sollen nur zur Verdeutlichung der Möglichkeiten des
Einwirkens dieser Art Marxologie auf fortschrittliche bürgerliche
Intellektuelle im eigenen scheinbar "klassenfreien" Milieu
(Mannheim), aber auch auf verzweifelte und resignierende Funktio-
näre der Arbeiterbewegung - beispielsweise auf aus reformisti-
scher und - rechtssozialdemokratischer Politik einen Auswegsu-
chende Gewerkschaftsfunktionäre, insbesondere aber der Möglich-
keit des Einwirkens auf die Sozialistische Bewegung und das so-
zialistische Lager, nur einige programmatische Passagen aus einem
Brief von Korsch an seine Freunde und Gesinnungsgenossen in der
Emigration vom März 1935 zitiert werden. Dort heißt es im zweiten
Teil dieses "Rundbriefs" unter dem Titel "Stellung zu Rußland und
zur KP", mutmaßlich im Zusammenhang der Möglichkeiten der organi-
satorischen Vereinheitlichung verschiedener scheinradikaler und
trotzkistischer Gruppen in Westeuropa 77):
"Die Anwendung des Hegelschen Prinzips 'Was wirklich ist, ist
vernünftig' auf den heutigen russischen Staat und die auf ihn be-
zogene und durch ihn gehaltene kommunistische Parteibewegung in
den anderen Ländern gilt nicht nur für jene allgemein freiheitli-
chen und fortschrittlichen Schichten, aus denen in einer Zeit an-
steigender revolutionärer Bewegung das kämpfende Proletariat Zu-
zug, Unterstützung und Verbreiterung seiner Front erhält, sondern
bis zu einem gewissen Grade auch für die Arbeiter selbst. M a n
k a n n g e g e n e i n e R e a l i t ä t n i c h t
e i n f a c h i m N a m e n e i n e s a b s t r a k t e n
P r i n z i p s p r o t e s t i e r e n. Es gibt heute nirgends
auf der Welt mehr eine Organisation revolutionär gesinnter Arbei-
ter oder eine auch nur geistig-ideell wirklich existierende und
in sich zusammengehaltene 'Richtung', die man der 'entarteten'
und 'das nationale Staatsinteresse über das internationale prole-
tarische Klasseninteresse stellenden' russischen kommunistischen
Partei als die w i r k l i c h r e v o l u t i o n ä r e B e-
w e g u n g gegenüberstellen könnte. Wenn für die vom Kommu-
nismus angezogenen Arbeiter der außerrussischen Länder der Glaube
an den 'Aufbau des Sozialismus in Sowjetrussland' nur noch ein
metaphysischer Trost, ein Mythos, eine revolutionäre Jenseits-
Gläubigkeit ist, so steht dieser Jenseits-Gläubigkeit heute nir-
gends mehr eine r e v o l u t i o n ä r e D i e s s e i t i g-
k e i t in irgendwie faßbarer Gestalt gegenüber."
Man sieht: aufgrund des falschen und ideologischen Standpunkts
von Korsch, für den die Sowjetunion seit 1927/28 "konterrevo-
lutionär" ist, ist er zu jeglicher Objektivation des dialekti-
schen Verhältnisses der revolutionären Arbeiterbewegung zur
Sowjetunion unfähig. Als Interpretationsraster verbleibt ihm nur
der Rekurs auf sozialpsychologische Mechanismen, so daß in die
revolutionäre Arbeiterbewegung ein eschatologisches Moment
hineinprojiziert wird. Darüber hinaus unterstellt Korsch, daß
durch die Unterstützung der Sowjetunion die Arbeiterbewegung und
die Kommunistischen Parteien der KOMINTERN in Passivität verfie-
len.
Nachdem Korsch die weltgeschichtliche Bedeutung der von den Bol-
schewiki geführten Russischen Oktoberrevolution hervorgehoben und
dann im Gegensatz die Niederlagen der Arbeiterbewegung in Europa
gekennzeichnet hat, fährt er fort:
"Alles, was den Arbeitern über die staatskapitalistische Fortset-
zung, Wiederherstellung und Verschärfung der hergebrachten Formen
der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung in Rußland er-
zählt wird, kommt entweder aus dem Munde ihrer altbekannten
Feinde, Kapitalisten, Faschisten und Sozialdemokraten oder bleibt
unvermeidlich äußerst vag , abstrakt, unverständlich und unsympa-
thisch. Alle diese Kritiken enthalten nicht oder können zur Zeit
nicht irgendeinen Aufruf zum Handeln für die revolutionären Ar-
beiter enthalten. Aus allen diesen Gründen ist es unvermeidlich,
daß bis zu der Entstehung einer neuen, selbständigen Klassenbewe-
gung des internationalen Proletariats auch die Arbeiterklasse
selbst, und gerade ihre revolutionärsten Bestandteile, auf das
heutige Sowjetrußland als auf die w i r k l i c h e und daher
revolutionäre v e r n ü n f t i g e Erfüllung ihrer im eigenen
Lande heute unerfüllten Zielsetzung blicken."
Während einerseits ein "Aufruf zum Handeln" nicht nur zu Beginn
des Jahres 1935 deklamatorischen und "möglichen" Charakter hatte,
sondern zur Abwehr des europäischen Faschismus für die Arbeiter-
klasse dringend notwendig und - denkt man an die unite populaire
in Frankreich seit dem Frühjahr 1934, denkt man aber auch an die
Bestrebungen in der deutschen Arbeiterbewegung - durchaus reali-
stisch war, kann Korsch selbst keine Kampfperspektive aufzeigen.
Dies führt nicht nur zu einer Unterschätzung der Kriegsgefahr,
die vom Faschismus aktuell ausging, sondern in der implizit vor-
genommenen Gleichsetzung der verschärften Ausbeutung der Arbei-
terklasse im faschistischen Imperialismus und in der Sowjetunion
zu einer - könnte diese Konzeption auch nur irgendeinen prakti-
schen Einfluß ausüben - Desorientierung der Arbeiterbewegung und
der anti-imperialistischen Bewegung überhaupt, wenn nicht gar -
wie ebenfalls impliziert und angedeutet - zur Zerschlagung der
kämpfenden Arbeiterbewegung und der Sowjetunion. Es scheint, als
sei sich Korsch dieser notwendigen Folgen seiner Konzeption von
"Arbeiterpolitik" sehr wohl bewußt gewesen - freilich schreckte
er vor der praktischen Konsequenz zurück und zog sich auf einen
moralisierenden Standpunkt zurück.
Selbst wenn man zur eingehenderen Beurteilung dieses dokumentari-
schen Briefs von Korsch berücksichtigt, daß er in einer Stimmung
tiefster Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung Korsch's geschrieben
sein mag, so kann doch unschwer die Folie des zeitgenössischen
Anti-Marxismus und Anti-Kommunismus erkannt werden. Es finden
sich in gedrängter Form nahezu alle ihre Spielarten - von der je-
suitischen, die den Marxismus und die sozialistische Arbeiterbe-
wegung zur religiösen Eschatologie herunterbringen will, bis zur
imperialistischen Totalitarismusdoktrin, die stets auf die Ver-
nichtung des sozialistischen Lagers orientiert ist.
Später bezeichnete Korsch dann auch die "politische Theorie des
Sowjetmarxismus nach Lenins Tod" als "revolutionäre Theorie mit
einer konterrevolutionären Praxis" zum "Wohl der Bourgeoisie".
Der "Bolschewismus Stalins" war für Korsch 1940 das "bloß russi-
sche Gegenstück des Hitlerschen Nationalsozialismus" 78). Damit
fiel Korsch noch hinter den konsequenten b ü r g e r l i c h e n
Antifaschismus beispielsweise Thomas Manns zurück, ebenso wie
heute der Korsch-Adept Negt in seiner Kritik an der Sowjetunion
und den dort in den 30er Jahren herrschenden - zugegeben: theo-
riefeindlichen - schwierigsten Bedingungen sich noch nicht einmal
auf die Höhe der Erkenntnisse des konservativen, bürgerlichen und
gewiß jeder marxistischen Tendenz unverdächtigen, geistesge-
schichtlichen Forschers Ernst Nolte heraufarbeiten konnte 79).
Korsch selbst entwickelte in den folgenden Jahren in den USA, wo
er sich mit Hilfe des bekannten experimentellen Sozialpsychologen
und Feldtheoretikers Kurt Lewin um eine Professur für Soziologie
in den USA bemühte und in engem Kontakt mit Paul Mattick stand,
sein Konzept der Anwendung der Methode des historischen Materia-
lismus und der Kritik der politischen Ökonomie zur Begründung em-
pirischer Forschung 80). In diesem Zusammenhang steht neben der
Arbeit "Karl Marx" und neben dem Aufsatz von Kurt Lewin und Karl
Korsch zur Lösung des Quantifizierungsproblems in den Sozialwis-
senschaften mittels mathematischer Hilfskonstruktionen 81) ein
ausführlicher Brief von Korsch an Gerti und Kurt Lewin 82). Beide
Dokumente wären zur gründlichen Interpretation dieser Versuche,
an einer allgemeinen Methodologie der Sozialwissenschaften zu ar-
beiten, heranzuziehen - was freilich den Korsch-Apologeten bisher
nicht eingefallen ist. Gleichwohl bleibt grundlegend gegenüber
jeglichen Versuchen dieser Prägung festzuhalten und einzuwenden,
daß sie, ähnlich wie der "logische Empirismus" und "kritische Ra-
tionalismus" hier nur allzuleicht einer Fiktion anhängig sind;
denn "es wäre überhaupt ein Trugschluß, anzunehmen, daß alle Ele-
mente des Systems der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse
quantifiziert werden können" 83).
Korsch gelang es in jener Zeit nicht, größere Menschengruppen im
Sinne seines "kritischen" und "undogmatischen" Marxismus zu be-
einflussen. Zwar entstanden in der Emigration noch einige Gele-
genheitsarbeiten 84) und Pläne der Aufarbeitung bestimmter Ent-
wicklungsströme des "Marxismus" 85) - einen bedeutenden Einfluß
konnte Korsch und sein identitätsphilosophischer, aktivistischer
Revisionismus und Subjektivismus zu seinen Lebzeiten nicht mehr
erlangen. Allenfalls einige bürgerliche und revisionistische
Marx-Deuter 86) und rechtssozialdemokratische Ideologen 87) rezi-
pierten ihn durch "Marxismus und Philosophie" und insbesondere
durch die relativistischen und historizistischen "10 Thesen über
Marxismus heute" 88).
Es bedurfte erst einer bestimmten, für Teile der fortgeschritte-
nen Intelligenz in Westeuropa erfahrbaren Situation - indem ei-
nerseits sich die Bedingungen unter dem entwickelten Imperialis-
mus für geistige Arbeit und Qualifikation überhaupt verschärften,
indem andererseits durch die immer offensichtlicher werdende hi-
storische Defensive des Imperialismus dieser, besonders in der
BRD und Westberlin, seiner ideologischen Legitimation und seiner
tradierten Lebenslügen immer mehr verlustig ging -, bevor der Bo-
den zur Aufnahme des Korsch'schen "Marxismus" im Interesse und
zum Nutzen des entwickelten Imperialismus bereitet war. Daß die-
ser gesellschaftliche Boden aufgrund der besonderen Bedingungen
des Klassenkampfes in wirtschaftlicher, politisch-organisatori-
scher und ideologisch-kultureller Hinsicht am besten in West-
deutschland und in Westberlin bestellt sein konnte, ist offen-
sichtlich und wird von den Ideologen des Imperialismus sicherlich
nicht unbewußt als soziale Rahmenbedingung ihrer Exhumierungsbe-
strebungen wie ihrer ideologischen Desorientierungsversuche über-
haupt gern in Kauf genommen.
VI
Entsprechend der Struktur der Ideologie von Karl Korsch, die nur
als ein exotisches Ragout identitätsphilosophischer Gemeinplätze,
scientistischer Aufbereitungen des historischen Materialismus,
moralisierender Kritik an Sozialismus und revolutionärer Arbei-
terbewegung und schließlich ein bedingungsloses und abstraktes
Bekenntnis zum scheinradikalen Aktivismus wie zur syndikalisti-
schen Selbstorganisation der unmittelbaren Produzenten zu be-
zeichnen ist und sowohl die marxistische Theorie und Strategie
wie die Praxis der sozialistischen Arbeiterbewegung von "links"
wie gleichzeitig von "rechts" zu desorientieren in Angriff nimmt,
entsprechend dieser Struktur ist die der Urteile über den
Korsch'schen "Marxismus" von den hauptsächlichen Aufbereitern wie
den modernen, intellektuellen und scientistischen Adepten von
Korsch.
So finden sich in der Vorbereitungsphase der gegenwärtigen Kor-
sen-Renaissance nahezu all jene Elemente der Glorifikation, die
später nur noch ausschweifender und in gelehriger Form wiederge-
käut werden. Mattick, der als erster die Renaissance vorbereiten
half, betont, Korsch habe den Marxismus "von seinen ideologischen
und dogmatischen Fesseln" zu "befreien" versucht. Da Mattick
selbst besonders auf die "linkskommunistische" Rätekonzeption An-
ton Pannekoeks 89) und Hermann Gerters abhebt, stellt sich für
ihn Korsch als "marxistischer Kritiker des Marxismus" dar, der
zudem den Glauben an die schließliche "sozialistische Revolution"
in Ost und West mit allen "links-" und "rätekommunistischen"
Ideologen teile und der an die Möglichkeit einer dieser erhofften
Bewegung angemessenen "Theorie" nach wie vor glaubte 90).
Erich Gerlach dagegen stellte in der Vorbereitungsphase der ge-
genwärtigen Korsch-Renaissance das Moment der seit der Herausbil-
dung des Imperialismus "andauernden Krise des Sozialismus" in den
Vordergrund. Diese könne mit Hilfe der Denkansätze Korsch's -
Gerlach nennt ihn hier, in einem theoretischen Organ der sich
herausbildenden "Neuen Linken" in der BRD, "nur mit Vorbehalt
einen 'Marxisten'" - anscheinend gelöst werden. Denn: Korsch "hat
Marx tiefer verstanden als die meisten anderen Marxisten" 91).
Für diese Behauptung muß Gerlach freilich jeden Beleg schuldig
bleiben - es sei denn, dieses "tiefe" Marx-"Verständnis" bezieht
sich auf die von Gerlach hervorgehobene "Unreife der Arbeiter"
1918/19 zur "vollgenossenschaftlichen Produktion" 92), die Korsch
in seiner programmatischen Schrift "Was ist Sozialisierung" kon-
statierte 93), es sei denn, dies "tiefe" Verständnis bezöge sich
auf die "Weiterentwicklung" der "Marxschen Methode" inform der
"modernen Informationstheorie" und deren "interessante Fundie-
rung" durch Korsch 94). Einerlei: Beide Begründungen sind zwei-
fellos sowohl für die rechte Gewerkschaftsführung als auch für
die bürgerliche Sozialwissenschaft im entwickelten staatsmonopo-
listischen System der BRD akzeptabel, ebenso akzeptabel wie die
Korsch'sche "Ideologiekritik", wenn sie sich nur gegen Marxismus
und Sozialismus richtet.
In der veränderten englischen Fassung seiner frühen Korsch-Glori-
fizierung avancieren die Gerlach'schen "Vorbehalte" ein gutes
Jahr später zum Korsch'schen "u n d o g m a t i s c h e n
M a r x i s m u s" sui generis. Dieser soll sich dadurch aus-
zeichnen, daß er sozusagen alles über Bord wirft, "was (in der
marxistischen Theorie) den heutigen Bedingungen nicht mehr ent-
spricht". Hierin soll auch Korsch's Vermächtnis für die "jünge-
re Generation revolutionärer Marxisten" liegen (95).
Nachdem solchermaßen der Boden für den Verkauf der Korsch'schen
"klassischen Schriften des Marxismus" (Gerlach) (96) bereitet,
dabei die marxistische Theorie im Sinne der funktionalistischen
bürgerlichen Soziologie auf ein Generationsproblem herunterge-
bracht wurde, war der Rahmen für die kapitalistische Verpackung
dieses "marxistischen Klassikers" abgesteckt: "Marxismus und Phi-
losophie" wurde als "aktueller Beitrag zur zeitgenössischen so-
zialistischen Diskussion", der "in konsequenter Fortsetzung der
Marxschen Auffassung auch den Marxismus und die historisch-mate-
rialistische und ideologiekritische Untersuchung einbezieht",
bezeichnet. Wohlwollend-väterlich betont Gerlach auch hier das
"starke Interesse bei der jungen Generation an Korsch" 97), wel-
ches er schließlich erst wecken will.
Auch Langkau betont 1968 in seiner Ausgabe von "Karl Marx", daß
bei Korsch "das Denken von Marx selbst zum Gegenstand einer mate-
rialistisch verstandenen Ideologiekritik" wird 98) und versichert
sich, "einen Beitrag zur Selbstverständigung der Linken über ihre
eigene Geschichte" 99) vorgelegt zu haben, grenzt aber gleich
ein, daß durch "Objektivierungen" in "Karl Marx" - gemeint ist
anscheinend die formalistische und objektivistische Strukturie-
rung der Rezeptionsproblematik - der Text sich "äußerlich gele-
gentlich dem Erscheinungsbild der akademischen Marx-Interpreta-
tion (annähert)" 100).
Die Neuherausgabe des Korschschen "Arbeitsrechts für Betriebs-
räte" sollte Korsch als Ideologen der rechtsgewerkschaftlichen
Mitbestimmungs- und "industrielle Demokratie"-Konzeption dem ge-
werkschaftlichen Funktionärskorps näherbringen. In dem Gerlach-
schen Vorwort wie in der Einleitung des IG-Metall-Funktionärs
Dieter Schneider wird dieser Zusammenhang auf der Basis einer ty-
pisch rechtssozialdemokratischen, "integrationistischen" Inter-
pretation der historischen Kämpfe der deutschen Arbeiterklasse
ständig hergestellt. Dabei wird Korsch's "Was ist Sozialisierung"
von 1919 als der "beste Beitrag zur industriellen Demokratie...,
über den wir in Deutschland aus dieser Zeit verfügen" 101) gefei-
ert. Zwar betont Schneider, "Arbeitsrecht für Betriebsräte" - de-
ren erster Teil als "theoretische" Begründung der "industriellen
Demokratie" im wesentlichen vorliegt; weggelassen ist die Kritik
am Betriebsrätegesetz des Deutschen Reiches vom 4. Februar 1920 -
"spricht für sich selbst" und "bedarf keines besonderen Kommen-
tars" 102). Umso unverständlicher bleibt es, wenn im Schlußabsatz
"die Schriften Karl Korsch's" als "ein wesentlicher Beitrag auf
dem Wege zu einer Ordnung, in der Arbeitnehmer in allen Berei-
chendes Gesellschaftslebens über ihr Schicksal mitbestimmen,"
103) bezeichnet werden. Es handelt sich hier um einen klassischen
Fall von "Leser-Massage" (W.R. Beyer).
In den "Schriften zur Sozialisierung" wird der übergreifende Zu-
sammenhang, von der syndikalistischen und Rätebewegung, der
"direkten Rätedemokratie" zur "revolutionären Jugend in den alt-
kapitalistischen Ländern" 104) von Gerlach hergestellt, ebenso
wie auf "die kurzfristige Übernahme der Betriebe durch die Arbei-
terräte in Ungarn im Jähre 1956 und vor allem auf das jugoslawi-
sche Experiment" 105) hin m a s s i e r t wird.
In der "Studienausgabe" der "Materialistischen Geschichtsauffas-
sung" verweist Gerlach dagegen wieder auf die methodische Seite
des Korsch'schen Revisionismus, auf die "Anwendung des histori-
schen Materialismus auf den Marxismus" 106); damit habe Korsch
"mit der Konsequenz des Marxismus ernst gemacht" 107). In Wirk-
lichkeit aber hat Korsch natürlich nur versucht, die revolutio-
näre marxistische Theorie ihres Klassencharakters und ihrer Par-
teilichkeit zu berauben, sie für den bürgerlichen Hausbedarf auf-
zubereiten und die marxistische Theorie als Waffe des Proletari-
ats im Klassenkampf untauglich zu machen. Dies auszudrücken hütet
sich Gerlach wohlweislich.
Die ausführlich dokumentierte Aufbereitung, die in den weiteren
Schriften über Korsch ihre Fortsetzung findet, hebt also ab auf
vier Besonderheiten des Korsch'schen Revisionismus und program-
miert ihre gewünschte Rezeption in vier wesentlichen Bereichen
vor: E r s t e n s in der Wendung historisch-materialistischer
Momente auf die marxistische Theorie und Arbeiterbewegung selbst.
Z w e i t e n s in der Hervorhebung des aktivistischen, syndika-
listisch aufbereiteten Tatgedankens, mit welchem insbesondere die
fortschrittliche Intelligenz und "Jugend" überhaupt, aber auch
mittels der unterliegenden sozialdemokratischen Mitbestimmungs-
konzeption auch die gewerkschaftliche und Arbeiterbewegung selbst
an den Sozialdemokratismus und somit an das staatsmonopolistische
System selbst gebunden werden soll. D r i t t e n s im Angriff
gegen den realen Sozialismus, der - auch in der scheinradikalen
Form - immer zugleich die Politik des Imperialismus und insbeson-
dere die der Sozialdemokratie und der rechten Gewerkschaftsfüh-
rung rechtfertigen soll. V i e r t e n s schließlich soll der
Sozialismus als reale gesellschaftverändernde Kraft geschwächt,
d e r K a m p f f ü r d e n S o z i a l i s m u s f ü r
I n t e l l e k t u e l l e a l s m o r a l i s c h e s u n d
L e g i t i m a t i o n s p r o b l e m, a l s i n n e r-
t h e o r e t i s c h e u n d e r k e n n t n i s t h e o r e-
t i s c h e F r a g e dargestellt werden.
Insbesondere hier wird mittels, des identitätsphilosophischen
Ausgangspunkts von Korsch und dessen idealistischer Scheinlösung
an der Marxschen Problemstellung der geistigen Aneignung der
"konkreten Totalität" (108) scheinbar angeknüpft " freilich ver-
kommt das revolutionstheoretisch und methodologisch immer zur
Hinwendung zu den "reinen Formen". Gilt es methodologisch noch
einmal festzuhalten, daß von Marx selbst am Beispiel der Konkur-
renz der Kapitale Bewegung in reinen Formen als idealistischer
Wunschtraum denunziert wurde: "...in der Theorie wird vorausge-
setzt, daß die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sich
rein entwickeln. In der Wirklichkeit besteht immer nur Annähe-
rung; aber diese Annäherung ist umso größer, je mehr die kapita-
listische Produktionsweise entwickelt ist und je mehr ihre Verun-
reinigung und Verquickung mit Resten früherer ökonomischer Zu-
stände beseitigt ist" 109), so bietet sich zur Ablenkung von den
realen gesellschaftlichen Problemen die Korsch'sche Ideologie und
Methodologie an: schließlich wird Hier gerade für den Aneignungs-
prozeß der Gesamtwirklichkeit durch fortschrittliche Teile der
geistes- und sozialwissenschaftlichen Intelligenz Scheinproblema-
tisierung und Scheinlösung angeboten. Hier soll die widersprüch-
liche Entwicklung dieser Intelligenzkategorien zur marxistischen
Theorie und ins sozialistische Lager unterbrochen und in bürger-
liches Fahrwasser umgeleitet werden.
VII
Diese letzte, besondere Aufgabe nehmen in der Korsch-Aufbereitung
und - Interpretation besonders jene westdeutschen Autoren wahr,
die sich - auch hierin ihrem Mentor Fetscher ähnlich - in den
letzten Jahren eine Professur ermarxologeln konnten.
So hebt Negt, ähnlich wie Gerlach, hervor, daß das Korsch'sche
Denken "großen Einfluß" auf die "revolutionäre Intelligenz der
letzten Jahrzehnte ..." 110) ausüben konnte. Nun gehört es zwei-
fellos zum Marketing des Kapitals, dem Käufer zu schmeicheln. Und
so ist auch diese Gerlach-Negtsche Attributisierung der "Intelli-
genz", gar der "Jugend", als "revolutionär" nichts als Schmei-
chelei. Wirklich und wahr wird sie auch durch stetiges Wie-
derholen nicht. Negt-Gerlach fallen auch hier wieder hinter die
früher bürgerliche Aufklärung zurück: anstatt über Illusionen
aufzuklären, werden neue, hier eine besondere, moderne Intellek-
tuellentheorie und -ideologie, produziert. Auch hier ist festzu-
stellen, daß - ebenso wie in methodologischer Hinsicht - im Hin-
blick auf die soziale Funktion der dem Korsch'schen in vielerlei
Hinsicht ähnliche Mannheim'sche Irrationalismus fröhliche Urständ
feiert 111). Dieser Irrationalismus ist für Professor Negt aller-
dings die logische Konsequenz aus seiner Orientierung auf
"Theorie" überhaupt. So glorifiziert er insbesondere die
Korsch'sche "Fähigkeit", "Theoriebewußtsein zu bilden" 112). Die
dahinterstehenden Implikationen, die die alte Plato'sche Idee des
Philosophenkönigtums aufnehmen und im entwickelten Imperialismus
rechtfertigen sollen, sind die reaktionäre Isolierung von revolu-
tionärer marxistischer Theorie und revolutionärer marxistischer
Praxis im Klassenkampf zugunsten einer Superstruktur "Theorie"
zum einen. Zum anderen handelt es sich um die irrationalistische
und reaktionäre Schaffung von Illusionen, die sich die Intelli-
genz über sich selbst und ihre Rolle im Klassenkampf macht - was
vor einigen Jahren in der BRD auf der Höhe der Studenten- und Li-
teratenrevolte bekanntlich dazu führte, daß die "revolutionäre
Intelligenz", namentlich die Ideologen der "Frankfurter Schule",
zum "kollektiven Theoretiker" des Proletariats und zum Strategen
des proletarischen Klassenkampfs hypostasiert wurde 113).
Der andere professorale Korsch-Adept Seifert kann sich auf die
Höhe solch philosophisch untermauerter Revoluzzerei nicht empor-
schwingen. Er verbleibt gänzlich auf dem Boden des formellen
Scientizismus und betont stereotyp und formelhaft die besondere
scienti-fische Bedeutung von Korsch, die, um einmal die gröbste
Formel zu zitieren, neben der "historischen Spezifizierung" in
der "Anwendung des Marxismus auf den Marxismus" 114) liege.
Am deutlichsten wird die politische Bedeutung der Korsch-Exhumie-
rung für Teile der Intelligenz in Westdeutschland und Westberlin
in einer programmatischen redaktionellen Erklärung der Göttinger
Studentenzeitschrift "politicon". Hier sind alle Momente der
Korsch-Mystifizierung durch Gerlach und andere reproduziert. Zum
einen erscheint Korsch als "Theoretiker" der "direkten Demokratie
der Arbeiterräte", als "bedeutendster Theoretiker der Rätediskus-
sion 1918-20" 115). Zum anderen als "Kritiker" der Sowjetunion ab
Ende der 20er Jahre 116). Schließlich könne die "sozialistische
Intelligenz" die "Methode der radikalen Historisierung" - welche
freilich wiederum relativisiert und ihrer "idealistischen Mo-
mente" entledigt werden müsse, die dem Korsch'schen "Programm"
noch anhaften - "an Korsch's Kritik der alten und neuen Marx-Or-
thodoxie das kritische, pragmatische und aktivistische Element
der Marx'schen Gesellschaftstheorie wiederfinden" 117). Dies
freilich nicht im Sinne Negts, nicht also im Sinne der Nutzbarma-
chung der Korsch'schen Ideologie und Methodologie für die schul-
philosophische "Konstitutionsproblematik", sondern unter aktuell-
praktischen Fragestellungen zur "Lösung" der, "Organisations-
frage" der "internationalen S t u d e n t e n b e w e g u n g",
aber auch der proletarischen Bewegung. Dies, indem die "p r a k-
t i s c h e n Erfahrungen" der "wirklichen Kämpfe und ihres
Scheiterns", wie insbesondere deren Verallgemeinerung durch
Korsch selbst rezipiert wird (118). Hier unterscheidet sich - so
scheint es - die bürgerliche, akademische Marxologie des Profes-
sor Negt von der der aktivistisch zur politischen P r a x i s
drängenden Vertretern der westdeutschen Studentenbewegung, auf
deren Beeinflussung Gerlach in seiner Korsch-Aufbereitung so sehr
abhob. Freilich sind diese Unterschiede noch lange nicht Wider-
sprüche. Beide heute in der BRD aktuell-herrschenden Folien der
Korsch-Glorifizierung erinnern an nicht mehr als an den Loslö-
sungsversuch der Schüler von der "Frankfurter Schule" und nament-
lich von Mentor Th. W. Adorno in der Hochphase der Studentenre-
volte. Und auch hier wird aufgrund des unbegriffenen realdialek-
tischen Theorie-Praxis-Verhältnisses der damalige Schüler und
heutige Mentor Negt sich bestenfalls in den Schmollwinkel des
Goetheschen Hexenmeisters zurückziehen können.
VIII
Beim Prozeß der Korsen-Rezeption durch die Teile der Intelligenz,
bei denen sich das Unbehagen am gewöhnlichen Imperialismus west-
deutscher Provenienz vielfach festmacht, ist vorab zu berücksich-
tigen, daß ihre Klassenbasis bekanntlich nicht "staatsmonopoli-
stisch" - im Gegensatz etwa zum klassischen "Rechtsopportunismus"
in der Arbeiterbewegung, beispielsweise im gewerkschaftlichen
Funktionärskorps, für den ja auch die Korsch-Exhumierung die
ideologische Überhöhung der Praxis der bürgerlichen Arbeiter-
politik bereithält -, sondern immer noch im wesentlichen "klein-
bürgerlich" ist 119). Somit steht auch bei dieser wichtigsten
Adressatengruppe der gegenwärtigen Korsch-Renaissance nicht - wie
bei den berufsmäßigen Marxologen - die wissenschaftstheoretische
und methodologische Seite der Korsch'schen Ideologie im
Vordergrund, sondern der aktivistisch-syndikalistische Grundtenor
und Tatgedanke. Dadurch werden in politischer Praxis und
Ideologie die antimarxistischen und antikommunistischen Grunddog-
men und Grundmythen des Imperialismus in linker Verkleidung ins
Lager der fortschrittlichen Intelligenz eingebracht 120).
Der Entwicklungsprozeß dieser Intelligenz verläuft besonders hin-
sichtlich der Aneignung der revolutionären Theorie des Marxismus-
Leninismus wie hinsichtlich des praktischpolitischen Kampfes an
der Seite der Hauptkraft des anti-imperialistischen Lagers, der
sozialistischen Arbeiterbewegung, nicht linear, sondern notwendig
in zugespitzter Widersprüchlichkeit. Er ist vermittelt sowohl
durch die sich ständig unter dem entwickelten Imperialismus ver-
schlechternden Lebensbedingungen der Intelligenz im allgemeinen
121) wie durch den Klassenkampf der Arbeiterbewegung und der an-
tiimperialistischen Bewegung überhaupt und insbesondere durch den
theoretischen Kampf der Marxisten gegen alle Formen der bürgerli-
chen und revisionistischen Ideologie 122). Denn die imperialisti-
sche Ideologie droht immer wieder, sich im Lager der fortschritt-
lichen Intelligenz einzunisten. Ferner steht dieser Entwicklungs-
prozeß in engstem Zusammenhang mit sichtbaren politischen und or-
ganisatorischen Erfolgen, die die marxistische und kommunistische
Bewegung auch im Lager dieser Intelligenz durch ihre unermüdliche
und zähe Arbeiterfuhr 123).
So finden sich denn auch in der fortschrittlichen akademischen
Sozialwissenschaft erste Ansätze einer wirklich kritischen und
dialektischen Betrachtung der Rolle der Intellektuellen im Klas-
senkampf, beispielsweise bei Lothar Peter 124). Ebenso wird, was
für die Entwicklung der gegenwärtigen Korsch-Renaissance in der
BRD von einiger Bedeutung sein kann, angedeutet, daß man sich -
hier im Zusammenhang der Beziehung Lukacs-Korsch - nicht mit dem
"bloßen Aufweis dogmengeschichtlicher Parallelitäten" begnügen
könne und daß "die übliche Gegenüberstellung von kritisch-dialek-
tischem und dogmatisch-stalinistischem Marxismus" von Gerlach,
Negt usw. die Probleme "unzulässig verkürzt" 125). Es wird
erahnt, daß die Korsch-Renaissance zur ideologischen Vernebelung
und Desorientierung beitragen soll.
Wenn auch die Notwendigkeit des Kampfes gegen die bürgerliche und
revisionistische Ideologie des Imperialismus unbestritten ist, so
kann nur betont werden, daß. im staatsmonopolistischen System
niemals der Kampf gegen die intellektuell-revoluzzerische und
klassisch "linksradikale" Ideologie und politische Praxis die
hauptsächliche Seite des gesamten und allseitigen politisch-ideo-
logischen Kampfes der Marxisten sein kann. Trotzdem ist deutlich
geworden, daß der Kampf gegen diese Tendenzen, der Kampf um die
Stärke und Geschlossenheit des anti-imperialistischen Lagers in
der BRD und Westberlin einer Auseinandersetzung mit der besonde-
ren Form der Korsch'schen, klassisch revisionistischen Ideologie
wie der modernen Marxologie überhaupt nicht ausweichen darf.
Schließlich handelt es sich am Beispiel der gegenwärtigen Korsch-
Renaissance in der BRD und in Westberlin um nichts anderes als um
ein ideologisches Manöver des imperialistischen Systems und sei-
ner Ideologen, Teile der fortschrittlichen, hauptsächlich gei-
stes- und sozialwissenschaftlichen Intelligenz ideologisch zu
desorientieren, um sie umso besser im Zusammenhang mit den übri-
gen Machenschaften des Imperialismus an einer politischen und or-
ganisatorischen Annäherung an das anti-imperialistische Lager und
die sozialistische Arbeiterbewegung zu hindern.
Diesem Versuch der massiven Desorientierung soll die derzeitige
Exhumierung des theoretischen Leichnams Karl Korsch in hervorra-
gender Weise dienen. Sie erfüllt damit sowohl brennend aktuelle
Probleme der "integrativen" Taktik des Imperialismus, schwächt
einmal mehr die antifaschistische Widerstandskraft der Intelli-
genz auf deutschem Boden, erfüllt aber gleichzeitig perspektivi-
sche Bedürfnisse des westdeutschen Imperialismus. Einerseits zum
Kampf gegen das sozialistische Lager und besonders gegen die DDR;
andererseits kann ferner, da sich die derzeit noch so
"revolutionär" gebärdende Intelligenz schließlich mit ihrer eige-
nen geistigen Arbeit als Lohnarbeiter ihren Lebensunterhalt si-
chern muß, perspektivisch ein weiteres Bedürfnis nach Sicherung
der vereinigten Macht der Monopole und ihres Staates angepeilt
werden: ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Intelligenzkatego-
rien dürfte im nächsten Jahrzehnt im imperialistischen Propa-
ganda-, Publizistik- und Wissenschaftsbetrieb verbleiben. Und
schließlich dürfte weiter ein nicht unerheblicher Teil, gerade
wenn man die derzeit in der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung
bestehende, nicht einmal den formalen bürgerlichen Ansprüchen
nach Demokratisierung genügenden innerorganisatorischen Struktu-
ren betrachtet, in diesem Bereich unmittelbar in der westdeut-
schen Arbeiterbewegung später als Funktionäre arbeiten.
Und auch hier bietet, wie gezeigt wurde, die Korsch'sche Ideolo-
gie einen Ansatz, alles beim Alten zu belassen, wenn nicht gar
die Arbeiterbewegung trotz subjektiv ehrlichen Wollens noch kräf-
tiger zu desorientieren. In dieser realen, dialektischen Einheit,
wie sie der "undogmatische", "kritische", "radikale", "histo-
rische" und "revolutionäre" "Marxismus" von Korsch hervorragend
verkörpert, liegt auch seine Bedeutung für das staatsmono-
polistische System der BRD zum Zwecke von Desorientierung, Ver-
wirrung und Spaltung der Arbeiterbewegung wie der anti-imperiali-
stischen Kräfte überhaupt mittels linker" und "rechter" Manöver.
Beide sind bei Korsch gleichermaßen vorhanden und werden derzeit
der imperialistischen Strategie nutzbar gemacht.
Hier liegt das wirkliche "Vermächtnis" und die reale Bedeutung
der revisionistischen, marxologischen Ideologie von Karl Korsch.
Die aktuelle theoretische Exhumierung durch die imperialistischen
Ideologen hat also einige praktische Bedeutung.
Die Marxisten, die sozialistische Arbeiterbewegung und das anti-
imperialistische Lager überhaupt werden auch diesen Manövern al-
lerdings nach wie vor in Praxis und Theorie mit aller Kraft im
Interesse der Stärkung der gesamten anti-imperialistischen Bewe-
gung entgegentreten.
_____
*) Der hier abgedruckte Aufsatz ist Teil eines demnächst im Ver-
lag Marxistische Blätter erscheinenden Taschenbuchs.
1) W.D. RASCH: "Berthold Brechts marxistischer Lehrer". In: MER-
KUR XVII. Jg. 1963, S. 988-1003.
2) DIE ALTERNATIVE. Zeitschrift für Literatur und Diskussion. 8.
Jg. 1965, Heft 41: "Karl Korsch - Lehrer Berthold Brechts".
3) E. GERLACH: "Karl Korsch und der Marxismus". In NEUE KRITIK.
18/1963, S. 16-21.
4) P. MATTICK: "Karl Korsch: His Contribution to Revolutionary
Marxism." In CONTROVERSY. Vol. I. 1/1962, S. 11-21 (1963 franzö-
sisch erschienen); E. GERLACH: "Karl Korsch's Undogmatic Mar-
xism." In: INTERNATIONAL SOZIALISM (London) Winter 1964/65, S.
22-27.
5) Korsch selbst bezeichnet diese ihm bekannten Ideologen, na-
mentlich Horkheimer, als "Metaphysiker", mit denen ihn weniger
verbinde als etwa mit dem modernen logischen Empirismus Carnaps,
machte sich über die "impotente Philosophie" der "Institutsleute"
des Instituts für Sozialforschung (damals: in New York) lustig
und stand dem Publikationsrummel, den diese in den USA entfach-
ten, ablehnend gegenüber (s. Brief an Paul Mattick vom 23. Dez.
1938 - zit. nach dem Original im Institut für Internationale So-
zialgeschichte, Amsterdam: "Korsch-Nachlaß").
6) W.R. BEYER: TENDENZEN BUNDESDEUTSCHER MARXBESCHÄFTIGUNG, Köln
1968 (Pahl-Rugenstein-Verlag), zit. S. 32.
7) Europäische Verlagsanstalt. GESAMTVERZEICHNIS (1. Halbjahr)
1972 Frankfurt/M. (1972).
8) VERLAGSMITTEILUNG DER EVA (Allgemeines Buchprogramm) (Etwa
Mitte 1972), S. 20.
9) K. KORSCH: MARXISMUS UND PHILOSOPHIE. Hrgg. u. eingel. v. E.
GERLACH. Frankfurt/M. 1966 (EVA). 3. Aufl. 1971. - Obwohl häufig
genug die bibliographischen Angaben der Korsch-Arbeiten nicht ex-
akt sind, verzichte ich hier auf bibliographische Richtigstellun-
gen - schließlich gehts ja nicht vordringlich um die Machenschaf-
ten der Korsch-Aufbereiter und -epigonen.
10) I. FETSCHER: "Von der Philosophie des Proletariats zur prole-
tarischen Weltanschauung". In: MARXISMUSSTUDIEN. 2. Folge. Tübin-
gen 1957, S. 26-60, zit. S. 57.
11) P.C. LUDZ: In: G. LUKACS: SCHRIFTEN ZUR IDEOLOGIE UND
POLITIK. Hrg. u. eingel. v. P.C. LUDZ. Neuwied/Berlin 1967, zit.
S. 721 (Anmerkung).
12) Schriftliche Mitteilung des Verlages an mich v. 9. Aug. 1972
13) K. KORSCH: KARL MARX. Im Auftrag des Internationalen Insti-
tuts für Sozialgeschichte hrgg. v. G. LANGKAU. Frankfurt/M. 1967
(EVA) 3. Aufl. 1971
14) K. KORSCH: ARBEITSRECHT FÜR BETRIEBSRÄTE (1922). Hrgg. u.m.e.
Vorwort v. E. GERLACH. Eingel. v. D. SCHNEIDER. Frankfurt/M. 1968
(EVA). 3. Aufl. 1972
15) K. KORSCH: SCHRIFTEN ZUR SOZIALISIERUNG. Hrgg. u. eingel. v.
E. GERLACH. Frankfurt/M. 1969 (EVA). Derzeit vergriffen. (Auflage
5.000).
16) K. KORSCH: DIE MATERIALISTISCHE GESCHICHTSAUFFASSUNG UND AN-
DERE SCHRIFTEN. Hrgg. v. E. GERLACH. Frankfurt/M. 1971 (EVA-
"basis"-Studienausgabe). (Auflage 8.200).
17) Diese Arbeit erschien auch nicht zufällig wieder in der BRD:
G. LUKACS: LENIN. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken.
Neuwied/Berlin 1967 (Luchterhand-Verlag). 3. Aufl 1969
18) Als Einleitung zu: E. PASCHUKANIS: ALLGEMEINE RECHTSLEHRE UND
MARXISMUS. Versuch einer Kritik juristischer Grundbegriffe.
Frankfurt/M. 1969 (Verlag neue Kritik). 2. Aufl. 1969, S. I - XL
19) K. MARX: DAS KAPITAL, 1. Bd. Hrgg. u. eingel. v. K. KORSCH.
Berlin 1932 (Kiepenheuer).
20) Vgl. das wiederabgedruckte Geleitwort von KORSCH in: K. MARX:
DAS KAPITAL. 1. Bd. Berlin-Frankfurt/M. 1969 (Ullstein-Verlag),
S. V-XXVII (gekürzt).
21) Vgl. insbesondere, neben KARL MARX: K. LEWIN/K. KORSCH:
"Mathematical Constructs in Psychology ans Soziology". Paper,
sent in for 5tn international Congress for the Unity of Science.
In: THE JOURNAL OF UNIFIED SCIENCE - (Erkenntnis). Vol. IX
(1939); Ed. by R. CARNAP/H. REICHENBACH. Chicago / III. 1939, S.
113-121.
22) Die für den heutigen antimarxistischen, besonders den anti-
leninistischen Kampf zweifellos wichtigste Arbeit aus dieser Zeit
erschien bereits auf dem Höhepunkt der antiautofitären Studenten-
bewegung in der BRD. S. K. KORSCH: "Zur Philosophie Lenins"
(1938). In: A. PANNEKOEK: LENIN ALS PHILOSOPH, (1938). Hrgg. v.
A. Schmidt, m.e. Vorwort v. P. MATTICK u. einer Rez, v. K.
KORSCH. Frankfurt/M. 1969 (EVA), S. 127-138.
23) K. KORSCH: "Gutachten über Antonie Labriola und seine Bedeu-
tung für Theorie und Geschichte des Marxismus." Berlin 1929
(unveröffentlichtes Ms.).
24) Diese, dem zutiefst bürgerlichen Verfahren des jus prima
noce, des Rechts auf die Jungfräulichkeit der Frau, entsprechende
Beteuerung der "Erstveröffentlichung" , des "ersten Nachdrucks"
usw., die wir am Beispiel der Texte von KORSCH erleben, die win-
selnden Beteuerungen der Herausgeber usw. - die häufig genug, so
auch hier, keineswegs zutreffen -, sind überhaupt ein Zeichen da-
für, welche Bedeutung die Ware "Korsch-Text" in der BRD inzwi-
schen erreicht hat. - Hier handelt es sich um: K. KORSCH: "Von
der bürgerlichen Arbeiterpolitik zum proletarischen Klassen-
kampf." (Zuerst 1930). In: POLITICON 33/1970, S. 22-24; Auch die-
ser Text erschien, was die Herausgeber nicht zu wissen scheinen,
als AUSGANG DER MARX-ORTHODOXIE. Bernstein-Kausky - Luxemburg -
Lenin", in einem "Raubdruck" aus der GEGNER (6/1932) schon 1969
wieder in der BRD (leicht verändert und ohne die Schlußabsätze
der Fassung von 1930). - Es steht zu vermuten, daß diese typisch
kapitalistische Reklametechnik der EVA, die als Monopolist die
Konkurrenten zwingt, auch die unwichtigsten oder in anderer Fas-
sung sattsam bekannten Korsch-Arbeiten als die allerneueste Ver-
öffentlichung auszugeben, die Umsätze steigern und das Säckel
dieses Unternehmens erheblich zu füllen vermochte.
25) K. KORSCH: "Jus belli ac pacic im Arbeitsrecht". J. SEIFERT:
"Anmerkungen zu Korschs Rechtstheorie." In: KRITISCHE JUSTIZ.
2/1972 (EVA), S. 142-149, S. 149-153.
26) K. KORSCH: KOMMENTARE ZUR DEUTSCHEN 'REVOLUTION' UND IHRER
NIEDERLAGE. Neunzehn unbekannte Texte zur politischen Ökonomie,
Politik und Geschichtstheorie. S'Gravenhage 1972 (Rotkdruck-Gie-
ßen, Bd. 21).
27) Vgl. BEYER: TENDENZEN..., S. 32 - 60; vgl. H.G. HELMS: "Zur
Kritik der westdeutschen Marx / Engels-Ausgaben." In: BLÄTTER FÜR
DEUTSCHE UND INTERNATIONALE POLITIK. 12. Jg. 1967, Heft 12, S.
1272-1287.
28) H.G. HELMS: "Zur Kritik...," hier zit. nach: FETISCH REVOLU-
TION. Marxismus und Bundesrepublik, Neuwied/Berlin 1969 (Luch-
terhand-Verlag), S. 173 -200, zit. S. 186.
29) W.R. BEYER: TENDENZEN..., S. 38.
30) BEYER: TENDENZEN..., S. 56.
31) Vgl. R. STEIGERWALD: MARXISTISCHE KLASSENANALYSE ODER SPÄT-
BÜRGERLICHE MYTHEN, Frankfurt/M. 1972.
32) Zu den Veröffentlichungen MATTICKs und insbesondere GERLACHs
s.u. (Anm. 2 und 3). Ferner sind die Arbeiten von Fetscher, Al-
fred Schmidt, Oskar Negt, Jürgen Seifert u.a., also hauptsächlich
der Rest der inzwischen zersetzten "Frankfurter Schule" bzw. ih-
rer derzeitigen philosophischen Häupter, zu erwähnen.
33) So hat beispielsweise P.C. LUDZ, einer der derzeitigen Lei-
tungsideologen des westdeutschen Imperialismus, seine Karriere
als "Ideologiekritiker" "undogmatischer", scheinradikaler Prägung
begonnen. S. dazu die "Einleitung" von Ludz zu: Lukacs: SCHRIFTEN
ZUR IDEOLOGIE UND POLITIK, a.a.O., (Anm. 11) S. XI - LV. S. schon
früher: P.C. Ludz: "Dialektik u. Ideologie in der Philosophie He-
gels. Ein Beitrag zur Phänomenologie des Ideologischen." In: AR-
CHIV FÜR RECHTS- UND SOZIALPHILOSOPHIE. XLVII Jg. 1961. Neu-
wied/Berlin 1961. S. 133 - 146. S. auch die Diss. des Autors:
"Der Ideologiebegriff des jungen Marx und seine Fortentwicklung
im Denken von Georg Lukacs und Karl Mannheim" (Phil. Diss., FU
Berlin) 1956.
Die kürzlich von D. Kehler: "Peter Christian Ludz - seine Rolle
in der psychologischen Kriegsführung gegen die DDR" (ZfG 5 /
1971, S. 648-653) entworfene Skizze verkennt diesen Zusammenhang.
34) O. NEGT: "Theorie, Empirie und Klassenkampf. Thesen zur Kon-
stitutionsproblematik bei Korsch." In: POLITICON 38 / 1971, S.
15-19, behauptet: "Das Hauptwerk von Korsch ist nicht "Marxismus
und Philosophie", sondern sein Buch "Karl Marx." (S. 16). Diese
POLITICON-Nr. enthält neben fünf KORSCH-Glorifikationen (anonym;
J. Seifert; O. Negt, G.E. Busconi, G. Vacca) die deutsche Über-
setzung von: K. KORSCH: "A Non-dogmatic Approach to Marxism."
(zuerst: 1946; teilweise wiederabgedruckt in ALTERNATIVE
41/1965). Dort arbeitete KORSCH eigene Fragmente von 1931 / 32
wieder ein.
35) FETSCHER: "Von der Philosophie..., a.a.O., (Anm. 10).
36) O. NEGT: "Marxismus als Legitimationswissenschaft. Zur Gene-
sis stalinistischer Philosophie". Einleitung zu: A. DEBORIN / N.
BUCHARIN: KONTROVERSEN ÜBER DIALEKTISCHEN UND MECHANISCHEN MATE-
RIALISMUS. Hrgg. und eingel. v. O. NEGT. Frankfurt/M. 1969, S. 7-
48.
37) O. NEGT: "Theorie, Empirie, Klassenkampf...," a.a.O., (Anm.
34), S. 16/17: zur Lösung der "K o n s t i t u t i o n s-
f r a g e" sei es notwendig, an der Korschschen "Begründung
einer m a t e r i a l i s t i s c h e n S o z i a l f o r-
s c h u n g, ohne welche die Marxsche Theorie ihren empirischen
Gehalt zu verlieren droht" anzuknüpfen. Praktisch wurde dieser
Versuch beispielsweise auf dem Politologenkongress in Westberlin,
auch hier wiederum an Korsch anknüpfend, unternommen. S. die
Beiträge zur Tagung der "Deutschen Vereinigung für Politische
Wissenschaft" (Westberlin, Herbst 1969). In: POLITISCHE VIERTEL-
JAHRESSCHRIFT PVS ), Sonderheft 2/1970, (Köln-Opladen 1971), S.
53-152 zum Rahmenthema: "Räte als politische Organisations-
prinzip". -
Wie sich Negt selbst die p r a k t i s c h e Inangriffnahme im
Rahmen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit vorstellt, s. O.
Negt: SOZIOLOGISCHE PHANTASIE UND EXEMPLARISCHES LERNEN. Zur
Theorie der Arbeiterbildung. Frankfurt/Main 1968; insbesondere
die identitätsphilosophische Klassenbewußtseinstheorie ist an
Korsch-Lukacs orientiert. S. Negt, ebenda, "Geschichtsbewußtsein
und klassenlose Gesellschaft", S. 66-77.
38) R. MICHELS: ZUR SOZIOLOGIE DES PARTEIWESENS IN DER MODERNEN
DEMOKRATIE. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des
Gruppenlebens, (1910), Leipzig 2. Auflage 1925, Neuauflage Stutt-
gart 1957.
39) M. Weber: WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT. 2. Bd.e. Köln/Berlin
1964, Studienausgabe, bes. Abschnitt 2 und 8 des IX. Kapitels.
40) Vgl. neuerdings: L. PETER: LITERARISCHE INTELLIGENZ UND KLAS-
SENKAMPF. Die Aktion 1911-1932. Köln 1972.
41) J.D. BERNAL: WISSENSCHAFT. Sciency in History. 4. Bd. e.
Reinbek bei Hamburg 1970, zit. 4., S. 1015
42) K. KORSCH: "Die sozialistische Formel für die Organisation
der Volkswirtschaft". In: DIE TAT (Jena). 4. Jg. 1912, H. 9, S.
507-509. Wiederabgedruckt in: K. KORSCH: KOMMENTARE, a.a.O.,
(Anm. 26), S. 4-7.
Aufschlußreich für den politischen Standort von Korsch vor 1914
ist ebenfalls der Artikel: "Die Fabian Society." In: DIE TAT
(Jena). 4. Jg. 1912, H. 8, S. 422-427. Hier fällt Korsch noch
hinter die bürgerliche Aufklärung zurück.
43) K. KORSCH: "Vorbemerkung" des Hrg. zu B. SHAW: DER SOZIALIS-
MUS UND DIE GEISTIG BEGABTEN. Eine Erwiderung an Herrn Mallock,
Hannover (1919) (Verlag Freies Deutschland: Praktischer Sozialis-
mus. Eine Schriftreihe.- Hrgg. v. K. KORSCH. Bd. 2), zit. S. 6/7.
Korsch's Vorwort richtet sich aus, das "Massenproblem" der
"Befürchtungen" vor der Nivellierungstendenz im "Sozialismus" der
"großen, in den letzten Jahrzehnten konstituierten Gesellschafts-
klasse der höheren Angestellten", der Privatbeamten in leitenden
Stellungen in Handel und Industrie" (S. 5) zu zerstreuen. Unab-
hängig von den dahinterstehenden klassentheoretischen Implikatio-
nen - natürlich waren weder damals noch heute diese Kategorien
von Werktätigen jemals eine eigene "Gesellschaftsklasse" - wird
deutlich, daß der Sozialismus zur Legitimationsproblematik ver-
kommt.
44) K. KORSCH: "Jus belli ac pacis im Arbeitsrecht", a.a.O. (Anm.
25), zit. S. 149; vgl. ähnliche Tendenzen bei Georg Lukacs im
Aufsatz "Verdinglichung...": G. LUKACS: GESCHICHTE UND KLASSENBE-
WUSSTSEIN. STUDIEN ÜBER MARXISTISCHE DIALEKTIK. Berlin 1923.
45) H. BEYER: "Revolutionärer Marxismus und der linke Revolu-
tionarismus gestern und heute". In: DZfPH, 16. Jg. 1968, H. 10,
S. 1191-1206, zit. S. 1193.
46) K. KORSCH: "Grundsätzliches über Sozialisierung" (1920). In:
SCHRIFTEN ZUR SOZIALISIERUNG, a.a.O., (Anm. 15), zit. S. 81.
47) K. KORSCH: Grundsätzliches über Sozialisierung, a.a.O., zit.
S. 71.
48) K. KORSCH: MARXISMUS UND PHILOSOPHIE, a.a.O., (Anm. 9), zit.
S. 126 / 127
49) K. KORSCH: MARXISMUS UND PHILOSOPHIE, a.a.O., zit. S. 128
50) R. RICHTA / J. ZELENY: "Der Leninsche Begriff der Dialektik
und die Gegenwart". In: PHILOSOPHENKONGRESS DER DDR 1970 (Teil
V). Berlin / DDR 1970, S. 85 - 97, zit. S. 90.
51) WERKE Bd. 14.
52) WERKE Bd. 38.
53) K. KORSCH: MARXISMUS UND PHILOSOPHIE, a.a.O., (Anm. 9), zit.
S. 62 ("Antikritik").
54) RICHTA / ZELENY: "Der Leninsche Begriff der Dialektik und die
Gegenwart", a.a.O., zit. S. 90.
55) W.I. LENIN: "Konspekt zu Hegels "Wissenschaft der Logik". Die
Lehre vom Begriff". WERKE Bd. 38, hier zit. S. 185.
56) RICHTA / ZELENY: a.a.O., zit. S. 91.
57) K. KORSCH: MARXISMUS UND PHILOSOPHIE, a.a.O., (Anm. 9), zit.
S. 34 / 45 ("Antikritik").
58) W.R. BEYER: TENDENZEN..., a.a.O., (Anm. 6), S. 32-60 ("Die
Marxologen").
59) Europäische Verlagsanstalt: Verlagsreklame für: Karl Korsch:
KARL MARX. o.O. o.J. (hektographiertes Blatt).
60) W.I. LENIN, "Materialismus und Empiriokritizismus", a.a.O.,
zit. S. 334.
61) Vgl. M. THOM: "Das theoretische Wesen und politische Funktion
des neuhegelianischen Revisionismus in den 20er Jahren unseres
Jahrhunderts in Deutschland (unter besonderer Berücksichtigung
von Georg Kukacs und Karl Korsch)". Leipzig 1964 (Phil. Diss.).
Vgl. ferner: H. TITZMANN: "Der Kampf des Thälmannschen Zentral-
kommitees um die Anwendung der materialistischen Dialektik bei
der Analyse der Periode der relativen Stabilisierung des Kapita-
lismus in Deutschland - notwendiges Element zur Durchsetzung der
marxistisch-leninistischen Theorie in der KPD." Berlin 1965
(Diss. - IffGw b. ZK d. SED).
Vgl. weiter: D. UHLIG: "Marxistisch-leninistische Philosophie und
relative Stabilisierung". Leipzig 1965 (Phil. Diss.).
62) S. die biographischen Fragmente in MARXISMUS UND PHILOSOPHIE,
a.a.O., (Anm. 9), S. 178 / 179. S. ferner die Kurzbiographie
in: H. WEBER: DIE WANDLUNG DES DEUTSCHEN KOMMUNISMUS. Die Stali-
nisierung der KPD 1924 - 1929. 2. Bd. e. Frankfurt/M. 1969 (EVA)
/ Bd. 2, S. 192/193.
63) S. dazu: INPREKORR (Internationale Presse Korrespondenz) Nr.
91 v. 6. Juli 1926, S. 1487. S. weiter zur eingehenden Begrün-
dung: D. MANUILSKY: "Über umgestülpten Menschewismus und Sozial-
faschismus." In: DIE KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE. 7. Jg. Ham-
burg 1927, S. 342-365.
64) S. Korsch's ausführliche und überschwengliche Besprechung von
Stalins "Fragen des Leninismus". Wiederabgedruckt in: DIE MATE-
RIALISTISCHE GESCHICHTSAUFFASSUNG..., a.a.O., (Anm. 16), S. 151-
156.
65) Vgl. SCHRIFTEN ZUR SOZIALISIERUNG, a.a.O., (Anm. 15) - durch-
gehend.
66) Vgl. K. KORSCH: "Vom Imperialismus zum proletarischen Staats-
kapitalismus. Vier Thesen für leninistische Kurse." In: NEUE ZEI-
TUNG. 6. Jg. 1925. Jena 1925 v. 21. März 1925 ("Proletarisches
Feuilleton").
67) Vgl. R. STEIGERWALD, a.a.O., (Anm. 31).
68) K. KORSCH: "Der Weg der Komintern." (Rede auf einer KPD-Funk-
tionärskonferenz im April 1926). Anhang: Plattform der Lin-
ken/Berlin) 1926, hier zit. S. 19, ("Plattform").
69) KOMMUNISTISCHE POLITIK. Diskussionsblatt der Linken. Berlin
1926/1927 (erschien von Mai 1926 bis Dez. 1927).
70) K. KORSCH: ("Reichstagsrede gegen den weißen Terror in der
Sowjetunion"). Reichstag III. Wahlperiode. 327. Sitzung. Freitag
den 24. Juni 1927. Protokoll S. 11051-11054.
71) S. u.a.: K. KORSCH: "Blutiger Mai in Berlin". In: DIE AK-
TION. 19. Jg. Berlin 1929, H. 34, Sp. 91-94; K. KORSCH: "Die
Stellung des revolutionären Proletariats zur Wehrfrage". DIE AK-
TION. 19. Jg. Berlin 1929, H. 5/6/7/8, Sp. 181-184. K. KORSCH:
"Kommunistischer Klassenkampf gegen Marx' Kapital." DIE AKTION
22. Jg. Berlin 1932, H. l - 4, Sp. 36 - 42. Ferner die beiden
Commune-Artikel, die in SCHRIFTEN ZUR SOZIALISIERUNG, a.a.O.,
(Anm. 15), S. 91-108, wiederabgedruckt sind.
72) S. hierzu ein faksimiliertes Programm in: DIE ALTERNATIVE,
a.a.O., (Anm. 2), S. 92.
73) S. K. KORSCH: "Der Empirismus in der Hegelschen Philosophie."
Vortrag, gehalten in der deutschen Gesellschaft für empirische
Philosophie am 27. Okt. 1931 (Berlin 1931, Rededisposition.) -
Hier wird philosophisch anhand der Hegel-Rezeption im faschisti-
schen Italien und bolschewistischen Rußland die Totalitarismus-
doktrin philosophisch-ideologisch entwickelt.
74) Vgl. K. MANNHEIM: IDEOLOGIE UND UTOPIE (1929). Bonn 1930.
Neuauflage: Frankfurt/M. 1952.
75) S. die Ironisierung von Brecht in den FLÜCHTLINGSGESPRÄCHEN.
In: GESAMMELTE WERKE. Frankfurt/M. 1968 (Suhrkamp-Verlag). Bd.
14, S. 1440 ("Zipfel").
76) Im "Korsch-Nachlaß" befinden sich u.a.: Briefwechsel Korsch -
Paul Partos, (1933-1956). Briefwechsel Korsch - Berthold Brecht
(1943-1953). Korsch - Paul Mattick (1935-1950). Ferner einzelne
Briefe an Korsch-Schüler. Für eine kritische Analyse der Korschen
Marxologie dürfte ferner die Auswertung des Briefwechsels Korsch
- Roman Rosdelsky (1950-1954) von einigem Interesse sein.
77) K. KORSCH: "Stellung zu Rußland und zur KP" (Rundbrief an
Freunde v. März 1935). - Zit. nach "Korsch-Nachlaß" im IIfSG in
Amsterdam.
78) K. KORSCH: "Rez. v. J.B.S. HALDANS: The Marxist Philosophy
and the Sciences (New York 1939)." In: LIVING MARXISM. Ed. by P.
MATTICK. Vol. I., No. 1. Spring 1940. Chicago / III., S. 59-61. -
Zum späteren politischen Standort Korsch's s. den Brief in
SOUTHERN ADVOCATO FOR WORKERS COUNCIL. No. 46. July-Aug. 1948
(Melbourne / Australia), S. 9/10 und natürlich die "Zürcher The-
sen" vom Sommer 1950 in: DIE ALTERNATIVE, a.a.O., (Anm. 2), S.
89/90).
79) Vgl. O. NEGT: "Marxismus als Legitimationswissenschaft...",
a.a.O. (Anm. 36) - durchgehend, dagegen hier: E; NOLTE: DER FA-
SCHISMUS IN SEINER EPOCHE. München 1963, hier S. 470/471.
80) Den einzigen vergleichbaren Versuch, der mir bekannt ist, un-
ternahm in strenger, nach Popperschen Verifikations- und Falsifi-
kationskriterien ausgerichteten Form der revisionistische Sozial-
wissenschaftler Andrezij MALEWSKI in seinem Beitrag zur Exempli-
fizierung der Marxschen Revolutionstheorie und des historischen
Materialismus. S.A. MALEWSKI: DER EMPIRISCHE GEHALT DER THEORIE
DES HISTORISCHEN MATERIALISMUS' In: KÖLNER ZEITSCHRIFT FÜR SOZIO-
LOGIE UND SOZIALPSYCHOLOGIE (KZfSS), Jg. 11, Köln 1968, S. 281 -
305.
81) K. LEWIN / K. KORSCH, a.a.O., (Anm. 21).
82) Brief an K. u. C. LEWIN v. 3. Mai 1937; s. auch Brief von
KORSCH an MATTICK (23. Dez. 1938): "Korsch-Nachlaß" - IIfSG Am-
sterdam.
83) F. DEPPE: "Zu einigen methodischen und inhaltlichen Problemen
der empirischen Untersuchung des gesellschaftlichen Bewußtseins
der Arbeiter". In: DAS BEWUSSTSEIN DER ARBEITER. Studien zur po-
litischen Soziologie des Arbeiterbewußtseins. Köln 1971, zit. S.
128.
84) Beispielsweise eine Interpretation der Weimarer Republik, die
eng an die Arthur Rosenbergs angelehnt ist: K. KORSCH: "Prelude
to Hitler. The internal politics of Germany: 1918 - 1933; A lec-
ture at the Institute of german studies." New York City. May,
1940 (als Ms. gedruckt). - Ferner einige Rezensionen, Vortrags-
disposi-tionen, Glossen und Exzerpte.
85) Beispielsweise eine geplante Arbeit über die Ideologie MAO-
TSE-TUNGS, die im Zusammenhang mit dem XX. Parteitag der KPdSU
(Febr. 1956) stand und einmal mehr den "revolutionären Marxismus"
wieder herstellen sollte.
86) S.R. ROSDOLSKY: ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES MARXSCHEN
"KAPITAL". Der Rohentwurf des 'Kapital' 1857-1858. 2. Bd. e.
Frankf./M 1968, ² 1969 (EVA). 3. Aufl. 1971 ("basis"-Studienaus-
gabe der EVA). Ferner u.a. A. SOHN-RETHEL: KÖRPERLICHE UND GEI-
STIGE ARBEIT. Frankfurt /Main. 1970 (Suhrkamp-Verlag).
87) Insbesondere nach der Korschen Vortragsreise in der Schweiz
und in der BRD im Sommer 1950; S. die Ideologen der MARXISMUSSTU-
DIEN: Fetscher, Nürnberger, v. Oertzen, Matthias, Gerlach, Lands-
hut, Fraenkel, Thier, Landgrebe, Ramm, Lange, Dahrendorf u.a. der
"Marxismuskommission der Studiengemeinschaft der Evangelischen
Akademien"; vgl. MARXISMUSSTUDIEN, 2. Folge, a.a.O., (Anm. 10),
S. VII-IX.
88) Wiederabgedruckt in: DIE ALTERNATIVE. a.a.O., (Anm. 2), S.
89/90. - Mit diesen Thesen allerdings sind die Ideologen von Ger-
lach bis hin zu denen der "Frankfurter Schule" und den
"politicon"-Autoren so gar nicht einverstanden. Sie scheinen mit
dem Instinkt des Handelskapitalisten zu ahnen, daß die dort ver-
tretene nabelschauerische, relativistische Position, die auf jede
"Wiederherstellung" der "marxschen Lehre" zugunsten eines plura-
listischen Sammelsuriums von Thomas Morus, Auguste Blanqui, Mi-
chail Bakunin, Marx, Georges Sorel und Lenin verzichtete, keinen
Hund aus der Hütte hervorzulocken, geschweige denn sich zur mar-
xistischen Theorie hinbewegende Intellektuelle von diesem Weg ab-
bringen könnte. Dies erahnte allerdings schon Korsch selbst, der
an Rosdolsky am 16. März 1951 entschuldigend schrieb: Die Thesen
"sagen über meine gegenwärtige Stellung so wenig aus - eine
'Gelegenheitsarbeit' in jedem Sinn des Wortes, für ein bestimm-
tes, nicht eben günstiges Publikum von stehengebliebenen und sich
selbst verbrennenden Dogmatikern in der deutschen Emigration in
Zürich..." (zit. "Korsch-Nachlaß" - IIfSG Amsterdam) bestimmt.
Freilich muß festgehalten werden, daß diese "Zürcher Thesen" über
Korsch's "Marxismus" das aussagen, was in ihnen steht _ nicht
mehr und nicht weniger. Und das ist für jeden Marxisten aller-
dings reichlich genug: KORSCH kommt hier an den logischen End-
punkt seiner widersprüchlichen ideologischen Entwicklung.
89) Vgl. P. MATTICK: "Anton Pannekoek". In: CAHIERs du COMMU-
NISME.
(Okt.) 1968, No. 1. und: P. MATTICK, Vorwort zu LENIN ALS PHILO-
SOPH, a.a.O., (Anm. 22).
90) Vgl. P. MATTICK: "Karl Korsch...", a.a.O., (Anm. 4), zit. S.
14, 21.
91) E. GERLACH: "Karl Korsch und der Marxismus", a.a.O., (Anm.
3), zit. S 16.
92) E. GERLACH: a.a.O., S. 16.
93) K. KORSCH: a.a.O., (Anm. 15), S. 15 - 49.
94) E. GERLACH: a.a.O., (Anm. 8, 9), S. 20.
95) E. GERLACH: "Karl Korsch's Undogmatic Marxism.", a.a.O.,
(Anm. 4), zit. S. 27.
96) E. GERLACH: "Vorwort" zu: "MARXISMUS UND PHILOSOPHIE, a.a.O.,
(Anm. 9), zit. S. 8.
97) E. GERLACH: ebenda, zit. S. 5, 6, 7.
98) G. LANGKAU: "Vorbemerkung" zu: Karl KORSCH: KARL MARX,
a.a.O.,
(Anm. 13), S. VI.
99) LANGKAU: a.a.O., S. VII.
100) LANGKAU: ebenda, S. VI.
101) E. GERLACH: Vorwort, a.a.O., (Anm. 14), zit. S. 5.
102) D. SCHNEIDER: "Einleitung", a.a.O., zit. S. 20.
103) D. SCHNEIDER: "Einleitung", a.a.O., zit. S. 21 - Es. handelt
sich hier um die rechtsgewerkschaftliche, sozialdemokratische
Lesart der "Mitbestimmung". - Vgl. dazu etwa: Rudolf Hilferdings
Referat auf dem "Kieler Parteitag" der SPD.: "Die Aufgaben der
Sozialdemokratie in der Republik". In: SOZIALDEMOKRATISCHEN PAR-
TEITAG 1927 in Kiel, Protokoll (...), Berlin 1927.
Vgl. insbesondere die heutigen, radikal erscheinenden Varianten
dieser Konzeption bei: F. VILMAR: MITBESTIMMUNG AM ARBEITSPLATZ.
Neuwied/Berlin 1971 (Luchterhand-Verlag-Typoskript).
104) E. GERLACH: "Einleitung" zu: K. KORSCH: SCHRIFTEN ZUR SOZIA-
LISIERUNG. a.a.O., (Anm. 15), zit. S. 6.
105) E. GERLACH: ebenda.
106) E. GERLACH: Einleitende Anmerkungen zu: K. KORSCH: DIE MATE-
RIALISTISCHE GESCHICHTSAUFFASSUNG..., a.a.O., (Anm. 16), zit. S.
VIII.
107) E. GERLACH: ebenda.
108) K. MARX: "Einleitung" zu: ZUR KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONO-
MIE (1859), In: MEW 13, S. 615 - 642.
109) K. MARX: DAS KAPITAL. 3. Bd.: MEW 25, hier zit. S. 184.
110) O. NEGT: "Theorie, Empirie und Klassenkampf...", a.a.O.,
(Anm. 37), S. 15
111) K. MANNHEIM: IDEOLOGIE UND UTOPIE, a.a.O., (Anm. 74).
112) O. NEGT, a.a.O., S. 18.
113) H.J. KRAHL: "Thesen zum allgemeinen Verhältnis von wissen-
schaftlicher Intelligenz und proletarischem Klassenbewußtsein".
In: SOCIALISTISCHE KORRESPONDENZ. Hrgg. v.d. Projektgruppe
'März'. Frankfurt/M. o.J. (1969), S. 3-12. (Wiederabgedruckt in:
H.J. KRAHL: KONSTITUTION UND KLASSENKAMPF. Zur historischen Dia-
lektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolu-
tion. Frankfurt/M. 1971 (Verlag NEUE KRITIK)).
114) J. SEIFERT: "Anmerkungen...", in der von ihm mitherausgege-
benen KRITISCHEN JUSTIZ, a.a.O., (Anm. 25), zit. S. 152, Vgl.
seine Anmerkungen zu: Karl Korsch: MARXISMUS UND PHILOSOPHIE,
a.a.O., (Anm. 34), wo es genauso lapidar heißt: "ANWENDUNG DES
MARXISMUS AUF DEN MARXISMUS SELBST." (S. 12).
Weshalb sich Seifert bei dieser grobschlächtigen Denkfigur nicht
die Mannheimsche Wissenssoziologie, in der bekanntlich - etwa zur
gleichen Zeit der zweiten Auflage von MARXISMUS UND PHILOSOPHIE
und der Korschen MATERIALISTISCHEN GESCHICHTSAUFFASSUNG - die
marxistische Ideologiekonzeption demagogisch ihres materiellen
Gehalts beraubt, auf sich selber formalisiert wurde, anlehnt und
M a n n h e i m als Kronzeugen seines Unternehmens benennt, läßt
nur auf seine Unkenntnis schließen. Es zeigt aber darüberhinaus
einmal mehr, auf welch hoffnungsloser und verzweifelter Position
in der geschichtlichen Perspektive die wissenschaftlichen Ideolo-
gen des westdeutschen Imperialismus stehen.
115) POLITICON, 33/1970, S. 21.
116) Ebenda, S. 22/23.
117) POLITICON, 38/1971, S. 3-6, zit. S. 3
118) M. BUCKMILLER: "Bemerkungen zu Oskar Negts Korsch-Kritik".
In: POLITICON 39 / 1972, S. 3-8.
119) R. STEIGERWALD: "Probleme des Kampfes gegen den kleinbürger-
lich-linken Revisionismus". In: PHILOSOPHENKONGRESS DER DDR 1970
(Teil V), a.a.O., S. 49 - 60, zit. S, 49.
120) Vgl. R. STEIGERWALD: MARXISTISCHE KLASSEN ANALYSE ODER SPÄT-
BÜRGERLICHE MYTHEN..., a.a.O., (Anm. 31), S. 27-48, S. 49-81.
121) Vgl. K. ZETKIN: "Die Intellektuellenfrage" (1924). In AUSGE-
WÄHLTE WERKE. Bd. 3 Berlin/DDR 1960, S. 9-56.
122) Vgl. vor allem: W.R. BEYER: TENDENZEN..., a.a.O., (Anm. 6),
H.G. HELMS: FETISCH REVOLUTION..., a.a.O., (Anm. 28), H. ADAMO:
ANTILENINISMUS IN DER BRD. Frankfurt/M. 1970 (Verlag Marxistische
Blätter); R. STEIGERWALD; MARXISTISCHE KLASSEN ANALYSE...,
a.a.O., (Anm. 31).
123) In der BRD vor allem durch den Kampf des MSB SPARTAKUS und
die Hochschulgruppen der Deutschen Kommunistischen Partei, in
Westberlin vor allem durch die Arbeit der Sozialistischen Ein-
heitspartei Westberlins und an den Hochschulen durch die Aktions-
gemeinschaften von Demokraten und Sozialisten (ADSEN).
124) L. PETER: Literarische Intelligenz und Klassenkmapf...,
a.a.O., (Anm. 40).
125) J. KAMMLER: "Entstehung, Struktur und historischer Praxisbe-
zug der politischen Theorie von Georg Lukacs in ihrer Entwicklung
bis 1929" (Dissertation. Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
der Philipps-Universität). Marburg 1971 (Ms).
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