Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973
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Kurzanalysen, Berichte
KLASSENSTRUKTUR UND KLASSENBEWUSSTSEIN IN DER BRD
Am 26. und 27. Mai 1973 veranstaltete das Institut für Marxisti-
sche Studien und Forschungen (IMSF) in Frankfurt/Main eine wis-
senschaftliche Tagung zu Fragender Klassenstruktur und des Klas-
senbewußtseins in der BRD.
Indem die SOPO im folgenden einen, dem Thema angemessenen umfang-
reichen, Bericht über die Tagung veröffentlicht, setzt sie
gleichzeitig die Reihe von Tagungs- und Konferenzberichten fort,
wie sie bereits mit SOPO 11 ("Ökonomische Theorie, Politische
Strategie und Gewerkschaften") und SOPO 12 ("Lage und Kampfbedin-
gungen der Arbeiterklasse im staatsmonopolistischen Kapitalis-
mus") begonnen hat. Wir dürfen bereits an dieser Stelle hinweisen
auf den Philosophenkongreß, der im September dieses Jahres in
Varna/Bulgarien stattfinden und über den die SOPO gleichfalls
ausführlich berichten wird. Das gleiche gilt auch für den Hegel-
Kongreß, der im August nächsten Jahres in Moskau stattfindet.
Anläßlich der wissenschaftlichen Tagung des IMSF zu Fragen der
Klassenstruktur und des Klassenbewußtseins in der BRD wurden vom
Institut vorab Thesen zu den beiden Referaten ("Zur Klassenstruk-
tur des staatsmonopolistischen Kapitalismus in der BRD";
"Klassenbewußtsein der Arbeiter in der BRD") zur Verfügung ge-
stellt. Wir veröffentlichen im folgenden diese Thesen, ergänzt
und erweitert durch Ausführungen in den Referaten (die in Form
von Fußnoten in den Text aufgenommen wurden). Daran schließt sich
ein umfangreicher Bericht über die Diskussion in den beiden, ent-
sprechend der Thematik der Hauptreferate gebildeten, Arbeitsgrup-
pen an.
Es erscheint uns notwendig, vorab noch einige Anmerkungen zum In-
halt und Verlauf der Tagung zu machen, die insgesamt mehr als 500
Teilnehmer verzeichnete. Vertreten waren ebenfalls Delegationen
aus der Sowjetunion, aus Bulgarien, aus der DDR sowie aus
Frankreich. Darüber hinaus war eine erhebliche Anzahl von West-
berliner Teilnehmern anwesend.
Nach den Begrüßungsworten und einigen einleitenden Bemerkungen
durch den Leiter des IMSF, Prof. Dr. Josef Schleifstein, wurden
zunächst die beiden Referate gehalten, bevor sich in den Arbeits-
gruppen die Diskussion entfaltete.
An der Diskussion beteiligten sich in beiden Arbeitsgruppen je-
weils etwa 30 Teilnehmer. Wenn wir uns im Rahmen dieses Berichtes
auf einige wesentliche Beiträge beschränken, so ist dies einer-
seits bedingt durch die für einen Bericht notwendige Begrenzung,
andererseits durch die Hervorhebung vor allem der für die weitere
Arbeit auch der SOPO zentralen Momente. Darüber hinaus werden die
Referate und der Diskussionsverlauf vollständig in den Materia-
lien nachzulesen sein, die im Herbst dieses Jahres vom Verlag
Marxistische Blätter GmbH, Frankfurt/Main veröffentlicht werden.
Da dieser Bericht auf der Grundlage der Materialien des IMSF,
schriftlicher Notizen und einiger Tonbandmitschnitte der Vertre-
ter der SOPO auf der Tagung zusammengestellt wurde, besitzt er
gegenüber dem endgültigen Protokoll nur vorläufigen Charakter -
vor allem, was die Zitate aus den Diskussionsbeiträgen anbelangt,
die vor der Veröffentlichung im Protokoll von den Verfassern noch
überarbeitet werden können.
Bei den die Tagung abschließenden Referaten beschränken wir uns
auf einen Beitrag zum Thema Klassenbewußtsein, da sich der Dis-
kussionsbericht gleichfalls schwerpunktmäßig mit der Frage des
Klassenbewußtseins beschäftigt.
An dieser Stelle sei auch nochmals auf eine Veröffentlichung hin-
gewiesen, die gerade zum vorliegenden Thema eine hervorragende
Einführung bietet: Erich Hahn: "Materialistische Dialektik und
Klassenbewußtsein", KONSEQUENT-Sonderheft Nr. 1, Westberlin,
Sept. 1972.
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Zur Klassenstruktur des staatsmonopolistischen Kapitalismus
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in der BRD (Thesen) *)
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I.
1. Aufgaben der marxistischen Klassenstrukturanalyse
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Die marxistische Klassenstrukturanalyse ist ein wichtiges Instru-
ment zur Aufdeckung der spezifischen Formen und Inhalte des
Antagonismus der heutigen kapitalistischen Gesellschaft und zur
wissenschaftlichen Bestimmung der Kampf- und Formierungsbedingun-
gen der Arbeiterklasse. Sie ist Bestandteil der umfassenden Ana-
lyse der Produktionsverhältnisse und der aus ihnen im histori-
schen Prozeß (Klassenkampf) hervorgewachsenen und hervorwachsen-
den Gliederung der kapitalistischen Gesellschaft sowie der sozia-
len Triebkräfte und Träger der Entwicklung. 1) Sie untersucht mit
der ökonomischen und sozialen Basis ihrer Formierung die Grund-
lage der Realität der Klassen.
Indem sie die sichtbar in Erscheinung tretende Sozialstruktur mit
der Struktur der Produktionsverhältnisse vermittelt bzw. auf
diese zurückführt und damit die Klassengliederung und den Klas-
sencharakter des Kapitalismus aufdeckt,
- orientiert sie für die politische Praxis auf die Arbeiterklasse
als die entscheidende gesellschaftsverändernde Kraft unserer
Epoche und hebt die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Untersu-
chung ihrer gesellschaftlichen und materiellen Existenz und damit
ihrer objektiven Formierungsbedingungen als Klasse hervor;
- enthüllt sie den apologetischen Charakter der bürgerlichen
Schichtungstheorien und Pluralismuskonzeptionen und die wissen-
schaftliche Haltlosigkeit der reformistischen Konzeptionen von
der Arbeitnehmer- und Lohnabhängigengesellschaft und der damit
verbundenen Auffassung von der evolutionären Auflösung des Kapi-
talismus;
- betont sie die Notwendigkeit, den konkret-historischen Bedin-
gungen der objektiven Polarisierung der kapitalistischen Gesell-
schaft Rechnung zu tragen und auf dieser Grundlage Existenz und
historische Tendenz der Mittel- und Zwischenschichten zu bestimm-
ten 2);
- zeigt sie, daß die Industriearbeiterschaft nach wie vor den
Kern der Arbeiterklasse bildet, zugleich aber die Angestellten-
gruppen zunehmende Bedeutung erlangen.
2. Klassen als gesamtgesellschaftliche Realität
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und ihre objektiven Grundlagen
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Klassen haben ihre objektive Grundlage in einer bestimmten Stel-
lung im System der Produktionsverhältnisse, die ihrem Wesen nach
Aneignungsverhältnisse sind und deren Fixpunkt deshalb die Eigen-
tumsverhältnisse im engeren Sinn darstellen. Sie wachsen aber als
soziale Existenzformen der Klassengesellschaften aus diesen her-
vor und sind deshalb von gesamtgesellschaftlicher Realität, ge-
samtgesellschaftliche Verhältnisse, also Verhältnisse, die große
Menschengruppen definieren.
Die marxistische Klassentheorie, muß sich deshalb insbesondere
wenden
- gegen eine Reduzierung der Klassenverhältnisse auf die Verhält-
nisse in der materiellen Produktion und damit auf die Pole der
Klassenstruktur;
- gegen eine mechanische, ökonomistisch verkürzte Ableitung der
Klassenverhältnisse und des Klassenkampfes aus den ökonomischen
Verhältnissen, weil damit sowohl der Klassenkampf als soziale
Triebkraft als auch die historische Dimension der Entwicklung
eliminiert werden;
- gegen eine Verabsolutierung von Einzelelementen der Produkti-
onsverhältnisse (juristisch fixiertes Produktionsmitteleigentum,
Kooperationsverhältnisse, Verteilungsverhältnisse u.a.) für die
Klassenstrukturanalyse;
- gegen die Lösung der objektiven Seite der Existenz der Klassen
von ihrer realen Bewegung, Formierung und Herausbildung ihres Be-
wußtseins. 3)
II.
3. Der staatsmonopolistische Kapitalismus als
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Entwicklungsphase der kapitalistischen
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Gesellschaftsformationen und die Klassenstruktur
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Für die Untersuchung der Grundklassen des Kapitalismus ist das
Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, den zwei Seiten der Bewe-
gung des kapitalistischen Eigentums, der entscheidende theoreti-
sche Ausgangspunkt. Hierin sind die objektiven Grundlagen und der
Antagonismus der Grundklassen eingeschlossen. In der Entwicklung
des Kapitals, als einem dinglich verhüllten sozialökonomischen
Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis, treffen sich Existenzbe-
dingungen und Gegensätze der Grundklassen und nur von hier aus
erschließt sich die Entwicklung der Klassenverhältnisse
(Polarisierung) der kapitalistischen Gesellschaft.
In der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise erfolgt
schon bei Marx und Engels die Herausarbeitung der auch für Kon-
stituierung und Entwicklung der Klassen entscheidenden sozialöko-
nomischen Grundlagen und Kategorien, Widersprüche und Entwick-
lungstendenzen, die dann in der allgemeinsten Form für alle ant-
agonistischen Klassengesellschaften in der bekannten Klassendefi-
nition von W.I. Lenin formuliert sind. Die Entwicklung der kapi-
talistischen Warenproduktion in ihrer "reinen" Form wird im
"Kapital" mit der logischen Entfaltung der Widersprüche und Kate-
gorien der Warenproduktion erfaßt, gleichzeitig wird diese Ent-
wicklung jedoch im "Kapital" als historischer Prozeß dargestellt,
in dem die Widersprüche der Produktionsweise im Klassenkampf zu-
tage treten. 4)
Diesen theoretischen und methodischen Ausgangspunkten ist auch in
der Analyse der Klassenstruktur des staatsmonopolistischen Kapi-
talismus Rechnung zu tragen. Das bedeutet,
- daß die ökonomischen Triebkräfte und Widersprüche, die für die
gesamte Gesellschaftsformation charakteristisch sind, auch dem
Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapi-
talismus und auf dieser Ebene der Herausbildung des staatsmonopo-
litischen Kapitalismus zugrunde liegen; 5)
- daß der SMK als neue, modifizierte Form des Kapitalverhältnis-
ses aufzufassen ist, das die Klassenbeziehungen und damit die
Entwicklung der Klassenstruktur beeinflußt;
- daß der Klassenkampf auf dem heutigen Niveau und in seinen
vielfältigen Erscheinungsformen sozialer Motor der Herausbildung
dieser Form der Kapitalherrschaft ist.
Nur auf dieser Grundlage können aktuelle Fragen geklärt werden
wie: Auswirkung der staatsmonopolistischen Umverteilungsprozesse
auf das Tempo der sozialen Differenzierung der Mittelschichten;
das Verhältnis von aktiver Arbeiterklasse und Reservearmee - auf
dem heute internationalisierten Niveau; Staatsfunktion sowie Um-
fang und Differenzierung der Staatsbeschäftigten; staatsmonopoli-
stische Regulierung des Bildungs- und Ausbildungssystems und Ein-
fluß auf die Reproduktionsbedingungen der Arbeiterklasse, der In-
telligenz und anderer Schichten usw.
4. Die Arbeiterklasse heute
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Für die theoretische Bestimmung der Arbeiterklasse als Ganzes ist
die Klärung der kapitalistisch angewandten und verwerteten Lohn-
arbeit und damit der Reproduktions- und Verwertungsbedingungen
der Ware Arbeitskraft entscheidend.
Die moderne Arbeiterklasse entsteht mit der großen Industrie, mit
der Revolutionierung der Produktions- und Arbeitsprozesse durch
das Kapital und damit der reellen Unterwerfung der unmittelbaren
Produzenten im Produktions- und Arbeitsprozeß. 6) Die Arbeiter-
klasse wird zum Träger der modernen Produktivkräfte und ihre An-
gehörigen zum Verwertungsmaterial des Kapitals, zur ausgebeute-
ten, unterdrückten und kommandierten Klasse. 7)
Als Klasse der modernen Lohnarbeiter ist ihre Existenz dadurch
bestimmt, daß der Warencharakter ihrer Arbeitskraft voll entfal-
tet ist und als Lieferant von Mehrarbeit und Produzent von Mehr-
wert durch das Kapital konsumiert wird. Somit erfolgt die Bestim-
mung der sozialökonomischen Grundlage und des sozialökonomischen
Umfangs der Arbeiterklasse mit der Analyse der Herausbildung der
Ware Arbeitskraft und ihres Wertes sowie ihrer Reproduktionsbe-
dingungen und ihrer Funktion (Leistung) konkreter und abstrakter
Arbeit, Lieferant von Mehrarbeit, Ausbeutung im Lohnverhältnis).
In dieser Bestimmung erhält die Stellung der Arbeiterklasse im
System der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, in der kapi-
talistischen Wirtschaft, ihren politökonomischen Ausdruck 8).
Ihr Klassenzusammenhang ist jedoch weiter als ihr Kern, der in
der kapitalistischen Warenproduktion Mehrwert produziert. Er um-
faßt nicht nur fungierende, sondern auch brachliegende Lohnarbei-
ter, nicht nur produktive - vom Standpunkt der Gebrauchswerter-
zeugung -, sondern auch unproduktive, nicht nur Arbeiter mit vor-
wiegend manueller Arbeitsverausgabung, sondern auch Arbeiter
nichtmanuellen Arbeitstyps - schließlich auch die schon aus dem
Arbeitsprozeß Ausgeschiedenen und die Familienangehörigen.
Von dieser Position ausgehend wenden wir uns insbesondere gegen
Auffassungen, die
- den Umfang der Arbeiterklasse auf die Mehrwertproduzenten in
der materiellen Produktion beschränken; 9)
- für die Arbeiterklasse einen bestimmten Typ der Verausgabung
der Arbeitskraft als konstitutiv ansehen; 10)
- dem Begriff der Arbeiterklasse den Kooperationszusammenhang des
Gesamtarbeiters zugrunde legen; 11)
- mit einem formellen Lohnarbeitsverhältnis und einem formellen
Status der Lohnabhängigkeit den Umfang der Arbeiterklasse begrün-
den und d a m i t d i e b e s o n d e r e S t e l l u n g
d e r A r b e i t e r k l a s s e i n d e r g e s e l l-
s c h a f t l i c h e n O r g a n i s a t i o n d e r A r-
b e i t u n d d e n v o l l e n t f a l t e t e n W a r e n-
c h a r a k t e r i h r e r A r b e i t s k r a f t i g n o-
r i e r e n.
Für die Entwicklung der Arbeiterklasse unter den Bedingungen des
SMK sind die unmittelbaren Auswirkungen der wissenschaftlich-
technischen Revolution, der weitere Prozeß der monopolistischen
Konzentration, die Internationalisierung des Kapitalverhältnisses
und der weitere Ausbau der staatsmonopolistischen Regulierung und
des staatsmonopolistischen Herrschaftssystems bedeutsam.
Unter diesen Bedingungen hat die Entwicklung zu einem schnellen
Wachsen der Arbeiterklasse geführt, gleichzeitig jedoch eine
stärkere Differenzierung ihrer inneren Gliederung unter verschie-
denen Gesichtspunkten hervorgerufen. Schnell wachsende Gruppen
der Arbeiterklasse sind vor allem Gruppen im arbeitsrechtlichen
Status der Angestellten mit nichtmanuellem Arbeitstyp außerhalb
und innerhalb der Sphären der materiellen Produktion sowie unter
dem direkten und indirekten Kommando des kapitalistischen Staa-
tes. Die dadurch hervorgerufenen sozialen Mobilitäts- und Ver-
schmelzungsprozesse beeinflussen die objektiven Formierungsbedin-
gungen der Arbeiterklasse.
Infolge des hohen Konzentrationsgrades, der scharfen Differenzie-
rung zur Gegenklasse, der Unvermitteltheit des Ausbeutungsver-
hältnisses spielt die Arbeiterschaft in der materiellen Produk-
tion, vor allem in der Großindustrie, als sozialökonomischer Kern
der Arbeiterklasse in den Klassenkämpfen eine hervorragende
Rolle.
5. Kapitalistenklasse heute
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Die Kapitalisten sind die Repräsentanten und Nutznießer des Kapi-
tals als einem Aneignungs- und Ausbeutungs- und deshalb sozial-
ökonomischen Herrschaftsverhältnis. Die Strukturanalyse der Kapi-
talistenklasse muß von der heutigen Entwicklungsstufe des Kapi-
talverhältnisses ausgehen und der Ausbeutung auf der Ebene des
staatsmonopolistischen Kapitalismus Rechnung tragen.
Der Kapitalist grenzt sich gegenüber den kleinen Warenproduzenten
ab durch das Heraustreten aus dem Arbeitsprozeß und die Realisie-
rung von Profiten - auf der Grundlage der Aneignung bzw. Beteili-
gung am Mehrwert - in einem Umfang, der nicht nur die persönliche
Konsumtion des Kapitalisten, sondern darüber hinaus die Vergröße-
rung des Kapitals sicherstellt.
Der Zusammenhang der Bourgeoisie als Klasse ist breiter als der
der Repräsentanten des fungierenden Kapitals.
Schon mit dem Übergang zum Monopolkapitalismus wird die wesentli-
che Differenzierungslinie innerhalb der Bourgeoisie die zwischen
Monopolkapital/Finanzoligarchie auf der einen Seite und nichtmo-
nopolistischer Bourgeoisie auf der anderen Seite. 12) Diese Dif-
ferenzierung überlagert die damit nicht aufgehobene innere Glie-
derung, die sich ergibt: aus der unterschiedlichen Rolle von
Geldkapital und fungierendem Kapital, der Trennung von Kapitalei-
gentum und Kapitalanwendung, der unterschiedlichen Rolle im Re-
produktionsprozeß des Gesamtkapitals, der unterschiedlichen Kapi-
talgröße bzw. Beteiligung am Profit.
Auf der heutigen Stufe der Entwicklung müssen nicht nur die ei-
gentlichen kapitalistischen Manager auf der Ebene der Einzelkapi-
tale und der kapitalistischen Verbände und Zusammenschlüsse als
der herrschenden Klasse zugeordnete Gruppen angesehen werden,
sondern ebenso die Repräsentanten des Ausbeutungsprozesses auf
der staatlichen Ebene. 13)
Gegenüber den Auffassungen, die die zunehmende parasitäre Rolle
der kapitalistischen Eigentümer mit der Auflösung der Kapitali-
stenklasse verwechseln, muß hervorgehoben werden:
Den Fixpunkt im System der Kapitalverwertung und Profitproduktion
stellt das monopolkapitalistische Eigentum an Produktionsmitteln
dar und damit bilden die Eigentümer den Kern der Monopolbour-
geoisie. Hieraus resultiert Verfügung und Kontrolle über das Ge-
sellschaftskapital und die Funktionsbestimmung der Staatsaktivi-
tät. Jedoch spielen die funktionell zugeordneten Gruppen in der
Realisierung dieser Interessen eine zunehmende Rolle. 14)
Unter den Bedingungen der zunehmenden Monopolisierung, der
staatsmonopolistischen Umverteilung usw. können die Interessen
der nichtmonopolistischen Bourgeoisie derart in Gegensatz zu den
herrschenden Interessen des Monopolkapitals geraten, daß ihre
Neutralisierung im Klassenkampf eine realisierbare Aufgabe der
antimonopolistischen Bündnispolitik der Arbeiterklasse werden
kann.
6. Die Differenzierung der Mittelschichten im SMK
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Die Mittelschichten stellen heute eine Sammlung unterschiedlicher
Schichten und Gruppen dar, unter denen die l o h n a b h ä n-
g i g e n Mittelschichten und die Intelligenz wachsendes Gewicht
erlangen und zunehmend zu den wichtigsten Bündnispartnern der
Arbeiterklasse werden.
Generell wird die historische Tendenz der Mittelschichten durch
ihre Zersetzung und soziale Differenzierung mit der Entfaltung
des Kapitalverhältnisses und ihre soziale Stellung durch den Ge-
gensatz der Grundklassen bestimmt. Mit dem Eindringen des Kapi-
tals in ihre Tätigkeitsbereiche wird der Auflösungs- und Polari-
sierungsprozeß dadurch vorangetrieben, daß die Veränderung der
Produktions- und Arbeitsweisen das "Kapital"minimum erhöht
und/oder ihre spezifische Arbeitsgeschicklichkeit entwertet.
Diese Tendenzen realisieren sich für die einzelnen Gruppen in un-
terschiedlichen Formen und in unterschiedlichem Tempo.
Mit der Einschränkung ihrer sozialökonomischen Stellung geht der
Verlust einer eigenständigen historischen Rolle einher. Auf der
Ebene des SMK treten sie nicht mehr als selbständige Neben- oder
Mittelklassen in Erscheinung, sondern nur noch als soziale
Schichten. 15)
Die Existenz der selbständigen Mittelschichten beruht in erster
Linie auf der Verwertung eigenen Besitzes und eigener Arbeitsmit-
tel durch eigene Arbeit bzw. Teilnahme am Arbeitsprozeß, was im
unterschiedlichen Ausmaß auch die Anwendung und Ausbeutung von
Lohnarbeit zuläßt. Gegenwärtig ist die Tendenz ihrer faktischen
ökonomischen Einbeziehung und Unterordnung in das monopolkapita-
listische Reproduktionssystem vorherrschend und damit die Aneig-
nung und Umverteilung von Teilen des in ihrem Bereich geschaffe-
nen Wertprodukts durch die Monopole und den Staat.
Schon auf den früheren Stufen der Vergesellschaftung des kapita-
listischen Produktionsund Reproduktionsprozesses treten Lohnab-
hängigengruppen auf, die auf der Ebene der Einzelkapitale und des
Gesamtsystems Aufsichts- und Leitungsfunktionen sowie Spezia-
listenfunktionen der verschiedensten Art auf unterer Ebene wahr-
nehmen, deren besondere Stellung im System der gesellschaftlichen
Organisation der Arbeit in der Regel in den Reproduktionsbedin-
gungen und in der Bewegung des Preises ihrer Arbeitskraft zum
Ausdruck kommt. 16)
In früheren Perioden rekrutierte sich diese Schicht vorwiegend
aus den alten Gruppen des Kleinbürgertums, heute zunehmend auch
aus der Arbeiterklasse. Diese Schicht wächst schon mit dem Über-
gang zum Imperialismus, insbesondere aber mit der Herausbildung
des SMK. Dabei bedingt die unterschiedliche spezifische Funktion
ihrer einzelnen Gruppen und ihre innere Differenzierung eine
unterschiedliche Beziehung zu den Grundklassen. 17)
Aus den Reproduktionsverhältnissen des modernen Kapitalismus
wächst die I n t e l l i g e n z als soziale Schicht hervor,
deren Lohnabhängigkeitsgruppen besonders schnell zunehmen. Die
sozialökonomische Grundlage der Intelligenz sind spezifische
Funktionen im System der gesellschaftlichen Organisation der Ar-
beit. 18) Ihre Ausübung setzt heute in der Regel Hoch- oder Fach-
schulausbildung voraus und erfordert einen Typ qualifizierter
geistiger Arbeit, Spezialistenarbeit. Auch ihre spezifischen Ar-
beitsfertigkeiten sind mit der reellen Unterordnung ihrer Ar-
beitsbereiche unter das Kapital tendenziell der Entwertung unter-
worfen. Mit dem Bedeutungsverlust der spezifischen Fertigkeiten
vollzieht sich die soziale Differenzierung und die Proletarisie-
rung der entsprechenden Gruppen. 19) Gerade weil ihre materielle
Existenz an die besondere Qualifikation ihrer Arbeitskraft gebun-
den ist, besitzen sie durch das staatsmonopolistische System im
Interesse der Kapitalverwertung regulierten und reglementierten
Ausbildungsverhältnisse für ihre antimonopolistische Frontstel-
lung besondere Bedeutung. 20)
Mit der Erweiterung der Reproduktionsbasis der Arbeiterklasse
vollzieht sich im historischen Prozeß die Integration der unteren
Intelligenzgruppen in die Arbeiterklasse. Gleichzeitig sind die
Obergruppen der Intelligenz wesentliche Rekrutierungsbasis bour-
geoiser Gruppen.
III
7. Schlußfolgerungen für die Praxis der Arbeiterbewegung
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Für die Praxis der Arbeiterbewegung ist die richtige Erkenntnis
und Verknüpfung der objektiven und subjektiven Seiten der Formie-
rung der Arbeiterklasse von ausschlaggebender Bedeutung. Für die
Erkenntnis der sozialökonomischen Grundlagen und Seiten des Klas-
senkampfes vermittelt die Klassenstrukturanalyse, die immer die
Analyse der empirischen Fakten- also auch der sozialstatistischen
Fakten - einschließen muß, wichtige Hinweise. Sie beziehen sich
hauptsächlich auf:
1. d i e V e r ä n d e r u n g d e s U m f a n g s u n d
d e r i n n e r e n S t r u k t u r d e r A r b e i t e r-
k l a s s e, d e n E i n f l u ß d i e s e r P r o z e s s e
a u f d i e F o r m i e r u n a s b e d i n g u n g e n u n d
d a m i t a u c h a u f d i e E n t w i c k l u n g v o n
K l a s s e n b e w u ß t s e i n;
Dabei ergibt sich für die gegenwärtige Periode u.a.: der Anteil
der Arbeiterschaft in Kernbereichen der industriellen Produktion
mit hohem Grad an gewerkschaftlicher und politischer Organisiert-
heit sinkt, während die Gruppen in anderen Bereichen, darunter
auch außerhalb der materiellen Produktion schnell wachsen, womit
die Bedingungen ihrer Einbeziehung in den aktiven Klassenkampf
günstiger werden. Die Industriearbeiterschaft, als Kern der Ar-
beiterklasse, bleibt infolge ihrer Konzentration, der hohen ge-
werkschaftlichen Organisiertheit, der historisch-politischen Tra-
ditionen die wichtigste soziale Gruppe, sowohl vom Gesichtspunkt
der Entwicklung von Klassenbewußtsein als auch in den praktischen
K lassen kämpfen. Die mit der wissenschaftlich-technischen Ent-
wicklung verbundenen höheren Anforderungen führen ihr auch neue
Bildungselemente zu.
Der Teil der Arbeiterklasse außerhalb der materiellen Produktion
konzentriert sich besonders in den großen Städten, was unmittel-
bare Rückwirkungen auf die politische Regionalstruktur hat. Die
massenhafte Umschichtung westdeutscher Arbeiter in den Angestell-
tenstatus in den 60er 21) Jahren hat zeitweise Aufstiegs- und So-
zialpartnerschaftsillusionen unterstützt. Gleichzeitig hat die
Zunahme ausländischer Arbeiter zu einer Umschichtung des Kerns
der Arbeiterklasse in der Produktion geführt.
Dagegen haben sich Gruppierungen in der Arbeiterklasse, die in
den 50er Jahren negativen Einfluß auf die Herausbildung von Klas-
senbewußtsein besaßen (Umsiedler, DDR-Flüchtlinge), weitgehend
aufgelöst.
Die Angestelltengruppen der Arbeiterklasse sind in ihren Arbeits-
bereichen in der Regel nicht so scharf von der Bourgeoisie abge-
grenzt wie die Arbeiterschaft in der Produktion. Über die hierar-
chische Struktur besteht ein mehr oder weniger unmittelbarer
"Anschluß" an die Mittelschichten. Gleichfalls ist ihre Mobilität
in diese Schichten noch nicht völlig abgeschnitten. Mit dem Ein-
dringen der Technik, der kapitalistischen Rationalisierung, der
zunehmenden Konzentration usw. verstärkt sich jedoch die Polari-
sierung und damit eine Hauptvoraussetzung zur Einbeziehung in
Kämpfe.
Die Veränderung der Kooperationsbeziehungen im Zuge der Automati-
sierung usw. engen die Kommunikationsmöglichkeiten der Beleg-
schaftenein. Deshalb gewinnen Institutionen wie die Betriebsver-
sammlung, Betriebszeitungen usw. verstärkte Bedeutung.
2. d i e R o l l e d e r M i t t e l s c h i c h t e n, i h-
r e s o z i a l e D i f f e r e n z i e r u n g u n d i h r
E i n f l u ß a u f d i e A r b e i t e r k l a s s e;
Dabei muß gegenwärtig u.a. besonders berücksichtigt werden: Die
Ausdehnung und zunehmende soziale Differenzierung der lohnabhän-
gigen Mittelschichten und der Intelligenz "lockert" die Grenzen
zur Arbeiterklasse in den jeweiligen Bereichen. Zum einen entste-
hen damit breite Einbruchzonen kleinbürgerlichen Verhaltens und
Vorstellungen in die Arbeiterklasse. Zum anderen wächst die Mög-
lichkeit der Einbeziehung dieser Schichten vor allem in die ge-
werkschaftlichen Organisationen und den gewerkschaftlichen Kampf
der Arbeiterklasse. In diesen Prozessen sind besonders Gruppen
der technischen Angestellten, darunter die technische Intelli-
genz, die in der materiellen Produktion in Kooperationsbeziehun-
gen mit der Industriearbeiterschaft treten, von Bedeutung. 22)
Der Proletarisierungsprozeß von Gruppen der selbständigen Mittel-
schichten vollzieht sich heute im unterschiedlichen Tempo und für
die einzelnen Gruppen in unterschiedlichen Formen und Abstufungen
(z.B. vom ökonomisch und juristisch selbständigen Bauern zum de-
facto-Lohnarbeiter; vom Vollandwirt über den Zuerwerbsbauern und
Nebenerwerbsbauern zum reinen Lohnarbeiter). Die vielfältigen so-
zialen und materiellen Bindungen an das Herkunftsmilieu spielen
dabei eine beträchtliche Rolle.
Es muß unter den heutigen Bedingungen bei der Beurteilung der so-
zialen Differenzierung der selbständigen Mittelschichten in Rech-
nung gestellt werden, daß neben der Proletarisierung - als Haupt-
prozeß - auch Umschichtungen in andere Gruppen der Mittelschich-
ten (vom Warenproduzent in den Dienstleistungssektor) oder in die
lohnabhängigen Mittelschichten (vom Ladenbesitzer zum Filiallei-
ter) stattfinden.
3. d i e W e c h s e l b e z i e h u n g e n z w i s c h e n
P o l i t i k d e r A k t i o n s e i n h e i t u n d a n-
t i m o n o p o l i s t i s c h e r B ü n d n i s p o l i t i k.
Dabei ergibt sich u.a.: Unter den Bedingungen des SMK werden die
Intelligenz und die lohnabhängigen Mittelschichten zunehmend zum
Hauptadressaten der antimonopolistischen Bündnispolitik. Dabei
muß berücksichtigt werden, daß stärkere Interessengemeinsamkeiten
mit der Arbeiterklasse vorhanden sind - arbeitende Schichten,
durch das Kapital und den Staat unmittelbar unterworfene und aus-
gebeutete Schichten - als dies bei den kleinen Warenproduzenten
generell der Fall ist. Deshalb können diese Schichten unmittelbar
in die gewerkschaftlichen Organisationen und den gewerkschaflti-
chen Kampf einbezogen werden. In vieler Hinsicht überlagern sich
hier antimonopolistische Bündnispolitik und Aktionseinheitspoli-
tik der Arbeiterbewegung.
Ähnliches gilt auch noch für Übergangs- und Randgruppen in die
Arbeiterklasse, die in vieler Hinsicht ihrem Herkunftsmilieu ver-
bunden bleiben.
Die antimonopolistische Bündnispolitik gegenüber den selbständi-
gen Mittelschichten muß nicht nur davon ausgehen, daß sie der Ar-
beiterklasse als werktätige Schichten verbunden sind, sondern
auch davon, daß sich viele ihrer spezifischen Schichtinteressen
gegen das Monopolkapital und das staatsmonopolistische System
richten. Dabei können bis in die Reihen der nichtmonopolistischen
Bourgeoisie antimonopolistische Interessen der verschiedensten
Art (gegen den Faschismus, gegen die Vorherrschaft des US-Kapi-
tals, gegen die Atombewaffnung) in den Vordergrund treten, die
breite antimonopolistische Bündnisse und Bewegungen, die sich um
die Arbeiterklasse gruppieren, möglich machen.
E. Dähne, H. Jung, Ch. Kievenheim
_____
*) Die Referatthesen stützen sich auf die Darlegungen in: BEI-
TRÄGE DES IMSF 3: Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950-1970,
Teil I: Klassenstruktur und Klassentheorie (Ffm. 1972); sowie auf
die Ergebnisse der sozialstatistischen Analyse (Teil II: Sozial-
statistische Analyse, Ffm. - Mitte des Jahres 1973).
1) "Eine zutreffende Analyse der Klassenstruktur und ihrer Verän-
derungen kann nur auf der Basis und als Element der marxistischen
Analyse des heutigen Kapitalismus, des staatsmonopolistischen Ka-
pitalismus (SMK) erfolgen. Nur so ist es möglich, die Kräftever-
hältnisse und Bündnismöglichkeiten zur Zurückdrängung und Über-
windung der Herrschaft der Monopole richtig zu bestimmen."
(Referat, Manuskript-Seite 2)
2) "Eine an die objektiven und subjektiven Interessen anknüpfende
Bündnispolitik wird nicht nur von Seiten der kämpferischen Arbei-
terbewegung verfolgt. Vielfach wird übersehen, daß die herrschen-
den Schichten des SMK eine zielstrebige Politik der Integration
gegenüber der Arbeiterklasse nicht nur direkt betreiben. Sie sind
vor allem bemüht, durch eine engere Bindung der Mittelschichten
an den SMK ihre soziale Basis zu erweitern und über diese Schich-
ten in die Arbeiterklasse hineinzuwirken, weil deren sozialer
Einfluß über die Gruppen der unteren und mittleren Angestellten
und Beamten weit in die Arbeiterklasse hineinreicht." (Referat,
Manuskript-Seite 2)
3) "Aus diesem Grund muß die theoretisch verkürzte Ableitung der
Bewußtseinsprozesse ausschließlich aus der ökonomischen Bewegung
des kapitalistischen Systems - wie sie bei der Gruppe KLASSENANA-
LYSE hervortritt - in der Konsequenz zu einer Herabminderung der
Rolle des subjektiven Faktors, der Organisation, der marxistisch-
leninistischen Partei der Arbeiterklasse führen." (Referat, Manu-
skript-Seite 4)
4) "Hier setzt die Kritik von verschiedenen Seiten an.
Sie betrifft in erster Linie die grundsätzliche Auffassung der
Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Wenn in
der Aneignung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie nur
die logische Seite der Entfaltung der Widersprüche und Kategorien
der Warenproduktion und der kapitalistischen Warenproduktion auf-
genommen wird, ohne daß schon hier der Einheit von historischer
und logischer Methode Rechnung getragen wird, muß notwendiger-
weise die Weiterentwicklung der kapitalistischen Warenproduktion
und damit die Modifizierung in der Wirkungsweise ökonomischer
Grundgesetze in Abrede gestellt werden. Es kann dann nicht er-
kannt werden, daß das Monopol als sozialökonomisches Herrschafts-
verhältnis auf einer bestimmten Entwicklungsstufe auf der Grund-
lage der Konzentration und Zentralisation des Kapitals entstehen
muß.
In der Tat ist das Monopol nichts dem Kapitalismus Wesensfremdes.
Es ist als zeitweilige Einzelerscheinung auch schon in früheren
Perioden hervorgetreten. Deshalb konnten Marx und Engels im letz-
ten Jahrzehnt wesentliche Bedingungen des Monopols analysieren.
Aber sie konnten natürlich erst in Ansätzen die Bedingungen ana-
lysieren, die eintreten, wenn das Monopol zum vorherrschenden
Verhältnis wird.
Diese Kritiker werfen jetzt Lenin ein Mißverständnis der Marx-
schen Theorie vor, weil er die politischen und ökonomischen Kon-
sequenzen aus dieser Entwicklung gezogen hat. Das Mißverständnis
der Marxschen Theorie liegt aber ganz auf ihrer Seite: in ihrer
unhistorischen Auffassung der kapitalistischen Warenproduktion
und einer mechanistischen Ableitung von Klassenkampf und Bewußt-
seinsentwicklung aus der ökonomischen Entwicklung. Jenen, die die
Verhältnisse des vormonopolistischen Kapitalismus schematisch auf
den heutigen Kapitalismus, seine Widersprüche und Klassenbezie-
hungen zu übertragen versuchen, kann man voraussagen, daß sie
nicht weit über Kautsky und Hilferding hinauskommen werden."
(Referat, Manuskript-Seiten 8/9)
5) Denn es "darf nicht - wie es bestimmte Kritiker tun - verges-
sen werden, daß die Entfaltung des Widerspruchs von Lohnarbeit
und Kapital bis zum Gegensatz zwischen Sozialismus und Imperia-
lismus im Weltmaßstab begriffen werden muß, daß deshalb die Her-
ausbildung des SMK ohne die Berücksichtigung dieser Tatsache nur
schwer zu verstehen ist.
Das bedeutet natürlich nicht, daß die Ursachen der allgemeinen
Krise des Kapitalismus aus dem kapitalistischen System herausver-
legt werden können, sondern nur, daß die inneren Klassengegen-
sätze als Ausdruck der Widersprüche des Profitsystems verstärkt
werden." (Referat, Manuskript-Seite 6)
6) "Die kapitalistische Produktion beginnt mit der formellen Un-
terwerfung der Arbeitsprozesse unter das Kapital. Die Arbeitspro-
zesse hängen zunächst wesentlich an der lebendigen Arbeit, an der
beruflichen Qualifikation der Arbeiter. Damit sind dem schranken-
losen Verwertungstrieb des Kapitals Grenzen gesetzt, die es erst
mit der großen Industrie überwindet, die die reelle Unterordnung
der Arbeitsprozesse und des Arbeiters unter das Kapital und damit
die kapitalistische Revolutionierung der Arbeitsweisen durch-
setzt. Mit der innerbetrieblichen Arbeitsteilung in Verbindung
mit der Einführung der Maschinerie entsteht ein Gesamtarbeiter
und Detailarbeiter. Die spezifische handwerkliche Geschicklich-
keit verliert an Bedeutung. Die Austauschbarkeit der Arbeiter er-
höht sich.
Erst in diesem Prozeß wird die Arbeitskraft des eigentumslosen
Lohnarbeiters zu einer Ware, die in vollem Umfang den Gesetzen
der kapitalistischen Produktion und des Austausche unterliegt.
Die Existenzbedingungen der Lohnarbeiter werden in vollem Umfang
an die Bewegung des Kapitals gebunden; ihr Rückzug zu den alten
Unterhaltsquellen ist ebenso abgeschnitten wie ein Übergang in
die Kapitalistenklassen." (Referat, Manuskript-Seite 11)
7) "Diese ihre gesellschaftliche Stellung und Funktion findet
darin ihren Ausdruck, daß ihre Arbeitskraft im umfassenden Sinne
zu einer Ware geworden ist. Um den Unterschied zu historisch vor-
hergehenden und nebenherlaufenden Formen der Lohnarbeit deutlich
zu machen, gebrauchen wir den Ausdruck vom 'vollentfalteten
Warencharakter ihrer Arbeitskraft'." (Referat, Manuskript-Seite
12)
8) "Das bedeutet: Es ist unzureichend, ausschließlich den Zirku-
lationsakt, den Kauf der Arbeitskraft durch Geldbesitzer zu sehen
... Der Gebrauchswert, die spezifische Qualifikation der Ware Ar-
beitskraft für den Kapitalisten realisiert sich erst in der Kon-
sumtion dieser Ware. Und die Konsumtion, d.h. die Ausbeutung der
Arbeitskraft, das Abpressen der Mehrarbeit erfolgt erst in der
Produktion bzw. in anderen Bereichen, in denen Kapital Lohnarbeit
anwendet.
Auf der anderen Seite drückt die Produktion der Ware Arbeitskraft
und damit die Herausbildung ihres Wertes, für deren Preisaus-
druck, den Lohn, sie die Kapitalisten auf dem Markt kaufen, die
gesamtgesellschaftliche Lage der Arbeiterklasse aus. Ihre Produk-
tions- und Reproduktionskosten hängen letzten Endes von ihrer
Funktion als Lohnarbeiter, als Verwertungsmaterial des Kapitals
ab.
Gehen z.B. in die Ausbildung bestimmter Arbeitskräfte Bildungs-
elemente und Kosten ein, die das Niveau der entsprechenden Auf-
wendungen für die Arbeiterklasse übersteigen, so ist die belie-
bige Reproduzierbarkeit dieser Kategorien von Arbeitskräften ein-
geschränkt. Sie üben in der Regel spezifische Funktionen in der
gesellschaftlichen Organisation der Arbeit mit einem geringen
Vergesellschaftungsgrad aus. Zwar vollzieht sich ihre Arbeit
teilweise auch in der Form der Lohnarbeit; aber es zeigt sich
sowohl an ihrer gesamtgesellschaftlichen wie an ihrer Stellung im
Reproduktionsprozeß. Sie fallen noch nicht unter die Produktions-
und Reproduktionsbedingungen der Arbeiterklasse, wie auch noch
nicht unter deren Ausbeutungs- und Verwertungsbedingungen. Oder
anders: Der Warencharakter ihrer Arbeitskraft ist noch nicht voll
entfaltet." (Referat, Manuskript-Seiten 12-14)
9) "Schon Marx konstatierte seinerzeit für England, daß ein Re-
sultat der Entwicklung der kapitalistischen Industrie in der un-
produktiven Anwendung eines wachsenden Teils der Arbeiterklasse
in den Diensten der Bourgeoisie bestand. In der Analyse des kom-
merziellen Lohnarbeiters hatte er nachgewiesen, wie die Mehrar-
beit dieser Kategorien für das kommerzielle Kapital eine Quelle
seiner Profite wird, deren allgemeine Basis der in der Produktion
geschaffene Mehrwert ist. Der Unterschied zur damaligen Periode
besteht heute darin, daß beträchtliche Teile dieser Gruppen ihren
besonderen Charakter inzwischen verloren haben, nicht weil sie
inzwischen produktive Arbeit leisten, sondern weil
1. die Reproduktion ihrer Arbeitskraft nicht mehr den Umkreis der
Industriearbeiter überschreitet, und
2. ihre konkreten Ausbeutungsverhältnisse denen der Industriear-
beiter immer ähnlicher geworden sind, sie sich hinsichtlich des
Charakters ihrer Arbeit als austauschbarer Detailarbeit und ihrer
kommandierten Stellung kaum noch von der Industriearbeiterschaft
unterscheiden.
Auf den theoretischen Begriff gebracht, bedeutet dies: mit der
reellen Unterordnung unter das Kapital hat sich der Warencharak-
ter ihrer Arbeitskraft voll entfaltet. Dies trifft heute aber
auch für weite Bereiche der immateriellen Produktion und der
Dienstleistungen zu, die Anlagesphären des Kapitals oder Staats-
bereiche geworden sind. Daß Kapitalisten, Arbeiter u.a. als Käu-
fer und Konsumenten dieser Dienste auftreten, diese Tätigkeiten
insgesamt also aus Revenuen und Löhnen bezahlt werden, berührt ja
nicht das Verhältnis von Lohnarbeitern und Kapitalisten dieser
Bereiche. Auch ihnen wird unbezahlte Mehrarbeit abgepreßt, womit
auch diese Arbeit dazu beiträgt, das Kapital zu vermehren ...
... Daß die Wert- und Mehrwertproduktion die Grundlage aller
nichtproduktiven Tätigkeiten und Einkommen ist, und daß sich nur
aus diesem Verhältnis das innerste Geheimnis der kapitalistischen
Produktionsweise erschließt, wird damit nicht eingeschränkt. Aber
bekanntlich realisiert sich sowohl in der materiallen Produktion,
wie in anderen Bereichen die Beteiligung des Kapitals an dem der
Arbeiterklasse abgepreßten Mehrwert im Profit. Und die der Arbei-
terklasse außerhalb der materiellen Produktion abgepreßte Masse
an Mehrarbeit ist ein wesentliches Element und ein unmittelbarer
Hebel, um den zur Akkumulation und als Revenue zur Verfügung ste-
henden Profit zu erhöhen. Die Grundlage dieser Ökonomie des Kapi-
tals ist die verschärfte Ausbeutung der unproduktiven Lohnarbei-
ter. Damit zeigt sich aber auch von der Reproduktion und Akkumu-
lation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals her der gesamtge-
sellschaftliche Charakter der Ausbeutung und der Klassenbeziehun-
gen. Allerdings bestehen nach wie vor für die spezifische Situa-
tion der Arbeiterklasse in der materiellen Großproduktion, in der
Kleinindustrie und in den unproduktiven Bereichen wichtige Unter-
schiede. Gerade hieraus ergibt sich die Rolle der Industriearbei-
terschaft als Kern der gesamten Arbeiterklasse: sie weist einen
höheren Konzentrationsgrad auf, ist stärker der zyklischen Ent-
wicklung unterworfen und der Verschärfung der Ausbeutung durch
das 'Kriegsmittel' Technik und Rationalisierung ausgesetzt, die
Differenzierung zur Bourgeoisie und den Mittelschichten ist
schärfer. Aber gerade aus dieser Disziplinierung durch die kapi-
talistische Großproduktion resultiert auch ihre größere Geschlos-
senheit, ihre größere Kampfkraft. Aber man sollte nicht überse-
hen, daß sich auch in einigen Bereichen außerhalb der Produktion
- z.B. in großen Versandhauszentralen, Kaufhäusern und dergl. -
ähnliche objektive Voraussetzungen entwickelt haben und auch
diese Gruppen der Arbeiterklasse eine beträchtliche Potenz dar-
stellen." (Referat, Manuskript-Seiten 14-16)
10) "Auch das Argument, daß ein Typ vorwiegender Verausgabung ma-
nueller Arbeitskraft und damit ein dingliches Verhältnis zu den
Arbeitsmitteln für die Arbeiterklasse konstitutiv sei, übersieht,
daß
1. nicht bestimmte Formen konkreter Arbeit, sondern die Ausbeu-
tung der Arbeitskraft im Lohnverhältnis wesentlich ist;
2. der konkrete Typ der Produktionsarbeit unmittelbar aus der
Entwicklung der Produktivkräfte resultiert, daß Produktionsarbeit
immer beide Komponenten enthalten hat und daß sich unter den Be-
dingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution auch in der
materiellen Produktion eine große Variationsbreite von Typen der
Arbeitsverausgabung bis zum Überwiegen der geistigen Komponenten
ergibt und somit tendenziell eine Annäherung mit der Arbeitsver-
ausgabung in anderen Bereichen stattgefunden hat." (Referat, Ma-
nuskript-Seite 17)
11) "Wenn man Marx folgen will, dann kann der Begriff des Gesamt-
arbeiters im eigentlichen Sinne nur auf den Kooperationszusammen-
hang warenproduzierender Einheiten bezogen werden. Der Begriff
drückt somit das mit der großen Industrie entstandene arbeitstei-
lige Kooperationsgefüge des Arbeitsprozesses aus: er erfaßt nicht
die für die Warenproduktion bestimmende Seite: den Verwertungs-
prozeß. Deshalb umfaßt er auch von vornherein eine Einheit ver-
schiedener und gegensätzlicher sozialer Funktionen und Elemente.
Er schließt Kapitalisten und kapitalistische Manager, soweit sie
produktive Funktionen der Arbeitsleistung ausüben, ebenso ein wie
die zu den Mittelschichten zählende wissenschaftlich-technische
und die Organisationsintelligenz, Gruppen technischer Angestell-
ter und Arbeiter. Dieser Ausgangspunkt ignoriert:
1. daß Leitungsfunktionen aus den Kapitalfunktionen resultieren
und nicht umgekehrt. Sie sind deshalb unter kapitalistischen Be-
dingungen zwiespältiger Natur. Hieraus ergibt sich eine zwiespäl-
tige Stellung und Rolle entsprechender sozialer Gruppen;
2. daß nach wie vor auch andere 'besondere Sorten' von Lohnarbei-
tern mit noch nicht vollentfaltetem Warencharakter ihrer Arbeits-
kraft eine von der Arbeiterklasse abgehobene Stellung einnehmen.
Der in der Regel niedrigere Vergesellschaftungsgrad ihrer Ar-
beitsbereiche - was geringe Entfaltung der Detailarbeit ein-
schließt - korrelliert mit Reproduktionskosten, in die höhere
Bildungskosten eingehen, sowie mit höheren Löhnen." (Referat, Ma-
nuskript-Seiten 17/18)
12) "Das Monopolkapital hat sich nicht nur die anderen Kapitale
ökonomisch weitgehend unterworfen, es ist auch zum Zentrum der
politischen Herrschaft des staatsmonopolistischen Kapitalismus
geworden.
Damit wird der antagonistische Grundgegensatz dieser Gesellschaft
zwischen Lohnarbeit und Kapital nicht aufgehoben. Als Zentrum der
kapitalistischen Herrschaft muß das Monopolkapital jedoch zum
Hauptfeind der Arbeiterklasse werden." (Referat, Manuskript-Sei-
ten 20/21)
13) "Wenn als das Wesentliche des staatsmonopolistischen Kapita-
lismus die zunehmende Verzahnung und Verbindung der Macht der Mo-
nopole und des Staates und der Prozeß der Herausbildung eines
einheitlichen Herrschaftsmechanismus zur Ausbeutung und Unter-
drückung der Arbeiterklasse betont wurde, so handelt es sich um
eine widersprüchliche Einheit. Dies ergibt sich aus der spezifi-
schen Rolle des Staates als zentralisierter Macht dieser Gesell-
schaft und dem Hauptinhalt seiner ökonomischen Tätigkeit bei der
Sicherung und Forcierung der kapitalistischen Akkumulation. Sie
schließt bei gemeinsamer Zielsetzung Interessenunterschiede und
auf die Gesamtsicherung des Herrschaftssystems gerichteten Inter-
essen der verschiedenen Gruppen und Teile ein." (Referat, Manu-
skript-Seite 22)
14) "Überhaupt muß der Klassenzusammenhang der Bourgeoisie, auch
der monopolistischen, in seinem qualitativen Unterschied zu dem
der Arbeiterklasse gesehen werden. Die ökonomischen Beziehungen
ihrer einzelnen Gruppen entwickeln sich weiterhin wesentlich auf
der Basis der Konkurrenz sowohl im nationalen wie auch im inter-
nationalen Maßstab.
Wir wollen hier unterstreichen, daß die Rolle dieser Gruppen im
Staatsapparat und ihr Gewicht als der Bourgeoisie und der Mono-
polbourgeoisie aggregierter Gruppen mit der umfassenden Heraus-
bildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus gewachsen ist.
Dies wird nicht nur an der wachsenden Rolle des Staates im kapi-
talistischen Akkumulationsprozeß deutlich, sondern auch am Umfang
der Staatsbeschäftigten, die direkt dem Kommando dieser Gruppen
unterworfen sind.
Unter diesen Bedingungen ist es gerechtfertigt, die staatsmonopo-
listische Oligarchie, deren Hauptgruppen die monopolistischen Ei-
gentümer und Manager und die Spitzengruppe des Staatsapparates
sind, als das soziale Zentrum des Kapitalverhältnisses anzuse-
hen." (Referat, Manuskript-Seiten 22/23)
15) "Ihre Mittel- und Zwischenstellung prägt ihre schwankende
Haltung, ihre Interessen und Verhaltensweisen gegenüber den Kämp-
fen der Grundklassen. Der Arbeiterklasse sind sie als werktätige,
arbeitende Schichten, der Bourgeoisie als besitzende oder lei-
tende, spezifische Funktionen ausübende Schichten verbunden. Will
man die Möglichkeiten ihrer gesellschaftspolitischen Orientierung
einschätzen, so muß gesehen werden, daß Prozesse der Annäherung
an die Arbeiterklasse mit dem Verlust materieller und statusmäßi-
ger Privilegien verbunden sind. Dies ist eine wesentliche materi-
elle Grundlage der Ausbildung sowohl von reaktionären und techno-
kratischen Ideologien und Strömungen, als auch des kleinbürgerli-
chen Radikalismus, der sich hinter der revolutionären Phrase und
dem Führungsanspruch gegenüber der Arbeiterklasse verbirgt.
In der marxistischen oder vom Marxismus beeinflußten Literatur
werden die Mittelschichten von einigen Autoren auch mit dem Be-
griff der Mittelklasse belegt. Bei dieser Klassifizierung werden
Analysen und Termini der Klassiker des Marxismus unhistorisch auf
die gegenwärtige Entwicklungsphase des Kapitalismus übertragen.
Diese Auffassung verkennt, daß die Mittelschichten quantitativ
und qualitativ ihre ökonomische Eigenständigkeit und die Möglich-
keit zur historischen Initiative mit der Polarisierung der Klas-
senstruktur verloren haben. Mit ihrer ökonomischen Integration in
die staatsmonopolistischen Reproduktionsprozesse hat sich diese
historische Tendenz noch verstärkt." (Referat, Manuskript-Seiten
23/24)
16) "Die Hervorhebung der Bindung der lohnabhängigen Mittel-
schichten an Funktionen der Hierarchie kapitalistischer und
staatlicher Arbeitsorganisation, deren Ausübung meistens mit ei-
nem noch niedrigen Vergesellschaftungsgrad ihrer eigenen Tätig-
keit verbunden ist, wendet sich zugleich gegen eine, nach unserer
Ansicht, unzulässige Identifizierung dieser Schicht mit der Masse
der unteren Angestellten und Beamten, die deren Gemeinsamkeiten
mit dem Industrieproletariat ignoriert." (Referat-Manuskipt-Seite
25)
17) "Zuweilen wird bei der Charakterisierung dieser Schicht auch
auf einen parasitären und herrschaftsstabilisierenden Inhalt ih-
rer Funktionen Bezug genommen, ohne die Marxsche Analyse des Dop-
pelcharakters der Leitungstätigkeit zu berücksichtigen.
Einerseits entspringen diese Funktionen aus dem arbeitsteiligen
und kooperativen, also gesellschaftlichen Charakter der Produk-
tion selbst, andererseits sind sie Ausdruck der Verwertungs- und
Unterdrückungsverhältnisse der kapitalistischen Produktion. Beide
Seiten durchdringen diese Funktionen in unterschiedlichem Maß und
haben für die einzelnen Gruppen dieser Mittelschicht ein unter-
schiedliches Gewicht. So üben etwa Leiter von Produktionsabtei-
lungen Leitungs- und Aufsichtsfunktionen aus, die mit qualifi-
zierter Spezialistentätigkeit verknüpft sind, während bei anderen
Kategorien des 'middle management' die Kommandofunktion in den
Vordergrund tritt und nur in geringerem Maß mit Spezialistentä-
tigkeit verknüpft ist. Bei der Bestimmung ihres Verhältnisses zur
Arbeiterklasse ist zu beachten, daß es sich bei diesen Gruppen,
soweit sie Leitungs- und Aufsichtsfunktionen ausüben, um dem ka-
pitalistischen Management untergeordnete Gruppen handelt, daß sie
nicht den primären Nutzen aus Aneignungs- und Herrschaftsprozes-
sen ziehen, sondern in größerem oder geringerem Umfang im Lohn-
verhältnis selbst Mehrarbeit leisten. Gerade diese Seite verbin-
det sie mit der Arbeiterklasse. Deshalb ist die Konstruktion ei-
nes grundlegenden Antagonismus zwischen lohnabhängigen Mittel-
schichten und Arbeiterklasse unhaltbar." (Referat, Manuskript-
Seiten 25/26)
18) "Ihre Kennzeichnung als soziale Gruppe unterstreicht den Typ
ihrer qualifizierten geistigen Arbeit, der jedoch ihren sozial-
ökonomischen Status als lohnabhängige oder selbständige Speziali-
sten nicht dominiert, gleichwohl aber die Grundlage spezifischer,
von anderen Schichten und Gruppen unterschiedener Interessen ist.
Die Kennzeichnung als soziale Schicht hebt demgegenüber die be-
sondere Stellung in der gesellschaftlichen Organisation der Ar-
beit und damit in den Produktionsverhältnissen hervor und leitet
daraus die anderen Merkmale ab. Hieraus ergibt sich, daß der spe-
zifische Erwerbsstatus für die Intelligenz von sekundärer Bedeu-
tung ist, dagegen die Verwertung der besonders qualifizierten Ar-
beitskraft in den Vordergrund tritt." (Referat, Manuskript-Seite
27)
19) "Die Tatsache, daß sich heute geistige und wissenschaftliche
Arbeit zunehmend mit der unmittelbaren materiellen Produktion
verflechten, ja die Wissenschaft selbst als Anlagesphäre des Ka-
pitals an Bedeutung gewinnt, darf nicht mit einer bereits vollzo-
genen Angleichung der Arbeits- und Reproduktionsbedingungen an
das Niveau der Arbeiterklasse verwechselt werden. Die Spezifik
qualifizierter geistiger Arbeit setzt der Entfaltung industriemä-
ßiger Arbeitsteilung und Kooperation Widerstand entgegen. Jedoch
spalten sich zunehmend einfache, weniger qualifizierte Tätigkei-
ten von den eigentlichen Intelligenzfunktionen ab, was in der
Vergangenheit im schnellen Wachstum vor allem dieser Gruppen zum
Ausdruck kam." (Referat, Manuskript-Seiten 27/28)
20) "Der Widerspruch zwischen Intelligenz und Monopolbourgeoisie
entfaltet sich heute vor allem mit der staatsmonopolistischen Be-
schränkung ihrer Anwendungsbereiche und der Regulierung ihrer Re-
produktionsbedingungen. Die Veränderung von Tätigkeit und Ausbil-
dung der Intelligenz ist der kapitalistischen Ökonomie der Redu-
zierung von Qualifikationen unterworfen. So verstärkt sich in der
BRD die Tendenz der Arbeitsplatzunsicherheit für beträchtliche
Gruppen der Intelligenz." (Referat, Manuskript-Seite 28)
21) "Die Klassenstrukturanalyse für die BRD ergibt für 1970 einen
sozialökonomischen Umfang des aktiven Teils der Arbeiterklasse
von fast 20 Millionen Personen. Darunter befinden sich 12 Millio-
nen im arbeits- und versicherungsrechtlichen Status der Arbeiter
und fast 8 Millionen in dem der Angestellten oder Beamten. Insge-
samt umfaßt also die Arbeiterklasse 74 v.H. der aktiven Erwerbs-
bevölkerung gegenüber etwa 68 v.H. 1950." (Referat, Manuskript-
Seiten 29/30)
22) "Diese Schichten sind mit der Entwicklung der Produktivkräfte
verbunden. Deshalb sind sie auch in der Perspektive wesentliche
soziale Elemente der sozialistischen Gesellschaft. Sie gehen
nicht mit der alten Produktionsweise unter. Insbesondere stehen
sie schon heute in wichtigen Bereichen in unmittelbaren Koopera-
tionsbeziehungen mit der Arbeiterklasse. Ihr sozialer Einfluß in
die Arbeiterklasse ist weitreichend. Der Arbeiterklasse sind sie
sozial durch die Lohnarbeit verbunden. Sie sind Werktätige, in
ihrer Masse unmittelbar durch das Kapital oder den kapitalisti-
schen Staat ausgebeutete und kommandierte Schichten. Aber gleich-
zeitig üben sie im Rahmen des Gesamtsystems spezifische Funktio-
nen aus, die sie von der Arbeiterklasse abheben und teilweise ihr
entgegensetzen. Ihre Stellung gegenüber der Arbeiterklasse ist
privilegiert. Diese Seite verbindet sie mit dem herrschenden
System und hier liegt auch der Ansatzpunkt der 'Bündnispolitik'
des Kapitals." (Referat, Manuskript-Seiten 32/33)
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