Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973


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1. MAI UND AKTIONSEINHEIT IN WESTBERLIN

"Der 1. Mai verkündet die Losung des achtstündigen Arbeitstages. Aber auch nach der Erlangung dieses Zieles wird die Maifeier nicht aufgegeben. Solange der Kampf der Arbeiter gegen die Bour- geoisie und die Regierung währen wird, solange noch nicht alle Forderungen erfüllt sein werden, wird die Maifeier der alljährli- che Ausdruck dieser Forderungen sein. Wenn aber bessere Zeiten dämmern werden und die Arbeiterklasse ihre Erlösung in der ge- samten Welt erlangt haben wird, auch dann wird wahrscheinlich, zum Gedenken an die ausgefochtenen Kämpfe und an die erlittenen Leiden, die Menschheit den 1. Mai festlich begehen." (Rosa Luxem- burg) Zur historischen Entwicklung des 1. Mai --------------------------------------- Der Versuch, in möglichst knapper Form einen Abriß der Geschichte des 1. Mai zu schreiben, gerät nur zu leicht in Gefahr, entweder eine historische Faktensammlung oder ein pathetisches 'Revolu- tionsepos' zu werden, wenn man diesen internationalen "Feiertag des ganzen vereinten, nach seiner Befreiung strebenden Proletariats" 1) und seine Entwicklung nicht eingebettet sieht in den wechselvollen Verlauf der Arbeiterbewegung und des Klassen- kampfes überhaupt: "Die Maifeier ist ein lebendiges, historisches Stück des interna- tionalen Klassenkampfes, und deshalb spiegelt sie in sich ... ge- treu alle Phasen, alle Momente dieses Kampfes wider ..." 2) Entstanden aus den Kämpfen der internationalen Arbeiterbewegung für den Achtstundentag, feiert die Arbeiterklasse am 1. Mai da- mals wie heute "ihr Erwachen zum Licht und zum Wissen, ihren Zusammenschluß zu einem einheitlichen brüderlichen Bund für den Kampf gegen jede Unterdrückung, gegen jede Willkür, gegen jede Ausbeutung, für den Kampf um den sozialistischen Aufbau der Gesellschaft... Am 1. Mai hält dieser Bund der Arbeiter aller Länder ... Heer- schau über seine Kräfte und schließt sich zusammen zum neuen, un- ermüdlichen, unbeugsamen Kampf für Freiheit, Gleichheit und Brü- derlichkeit." 3) Die Forderung nach einer Begrenzung des Arbeitstages, bereits 1817 von dem utopischen Sozialisten Robert Owen aufgestellt, wurde in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem der wich- tigsten Programmpunkte der englischen Gewerkschaftsbewegung. Wäh- rend der industriellen Revolution in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spitzte sich der Widerspruch zwischen der Bour- geoisie und der sich allmählich formierenden Arbeiterklasse zu. Das Kapital war bestrebt, Arbeitskraft und Maschinen durch Aus- dehnung des Arbeitstages maximal auszubeuten und dabei "auch die rein physischen Maximalschranken des Arbeitstags" 4) zu überren- nen. Die Verkürzung des Arbeitstages war in jeder Hinsicht eine Lebensfrage für die Arbeiterklasse, vor allem auch politisch im Interesse ihrer Konstituierung und ihrer Aktionsfähigkeit als Klasse 5). Notwendigerweise begann der Kampf des Proletariats ge- gen die schrankenlose Ausdehnung des Arbeitstages im Geburtsland der großen Industrie, in England. Die ersten Erfolge im Kampf um den Achtstundentag erzielten die australischen Arbeiter, die 1856 beschlossen, einen Tag völliger Arbeitsruhe zu veranstalten als Manifestation zugunsten des achtstündigen Arbeitstages 6). Besonders heftige Kämpfe um die Begrenzung des Arbeitstages ent- falteten sich in Nordamerika, wo die Arbeiterbewegung nach dem Ende des Bürgerkrieges (Abschaffung der Sklaverei, ungestüme Ent- wicklung der großen Industrie) einen unerhörten Aufschwung nahm 7). Am 1. Mai 1886 fanden in fast allen größeren nordamerikani- schen Industriestädten Streikaktionen zugunsten des Achtstunden- tages statt. In Chicago kam es dabei zu blutigen Auseinanderset- zungen mit der Polizei, in deren Gefolge zahlreiche Verhaftungen stattfanden und vier Personen hingerichtet wurden 8). Nicht zuletzt in Erinnerung an diese Ereignisse beschloß der Kon- greß des Amerikanischen Arbeiterbundes im Dezember 1888 in St. Louis eine allgemeine Kundgebung für den 1. Mai 1890, der als er- ster Maifeiertag in die Geschichte der internationalen Arbeiter- bewegung einging. Der Genfer Kongreß der Internationalen Arbeiterassoziation faßte 1886 im Anschluß an die Kampfmaßnahmen der nordamerikanischen Ar- beiterklasse den Beschluß, "acht Arbeitsstunden als gesetzliche Schranken des Arbeitstages" zu fordern und erhob damit den Acht- stundentag "zur allgemeinen Forderung der Arbeiterklasse der ge- samten Welt" 9). "An die Stelle des prunkvollen Katalogs, der 'unveräußerlichen Menschenrechte' tritt die bescheidene M a g n a C h a r t a eines gesetzlich beschränkten Arbeitstags ..." 10) In fast allen kapitalistischen Ländern entwickelte sich in den achtziger Jahren eine Massenbewegung für die Durchsetzung dieser wichtigsten sozialen Forderung der internationalen Arbeiterbewe- gung. Dies wurde durch die Entwicklung des Kapitalismus seit den siebziger Jahren noch verstärkt, da gerade im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts der Prozeß der Konzentration und Zentralisation von Produktion und Kapital eine unerhörte Beschleunigung erfuhr und sich bereits die ersten Monopole bildeten. Nach Auflösung der I. Internationale (1876) wurde innerhalb der Arbeiterklasse der verschiedenen Länder jetzt die Forderung nach einer neuen Inter- nationale immer lauter. In dieser Situation versammelten sich am 14. Juli 1889, dem 100. Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, in Paris nahezu 400 Dele- gierte von Parteien und Gewerkschaften aus insgesamt 22 Ländern zum Gründungskongreß der II. Internationale. Einer der wichtig- sten Programmpunkte war der gemeinsame Kampf für den Achtstunden- tag. Am 20. Juli faßte der Kongreß den folgenden Beschluß: "Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine große internationale Manifestation (Kundgebung) zu organisieren, und zwar dergestalt, daß gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten (Behörden) die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen und die übrigen Beschlüsse des internationalen Kon- gresses von Paris zur Ausführung zu bringen. In Anbetracht der Tatsache, daß eine solche Kundgebung bereits von dem Amerikanischen Arbeiterbund (Federation of Labor) auf seinem im Dezember 1888 zu St. Louis abgehaltenen Kongreß für den 1. Mai 1890 beschlossen worden ist, wird dieser Zeitpunkt der in- ternationalen Kundgebung angenommen. Die Arbeiter der verschiedenen Nationen haben die Kundgebung in der Art und Weise, wie sie ihnen durch die Verhältnisse ihres Landes vorgeschrieben sind, in's Werk zu setzen." 11) Rosa Luxemburg wertete diese Ereignisse 25 Jahre später so: "Im Jahre 1890 läutete sie (die Maifeier; d. Verf.) die neue In- ternationale, den Zusmmenschluß der Arbeiter aller Länder ein und stellte so im voraus der Phase des Imperialismus die gemeinsame Abwehrreaktion des Weltproletariats entgegen." 12) Wurde der Grundgedanke der Pariser Resolution zunächst von allen beteiligten Parteien und Organisationen begrüßt, so zeigten sich bei der Ausgestaltung der Maifeier bald erhebliche Unterschiede, die nicht nur aus der jeweiligen Kampfsituation der nationalen Arbeiterklasse resultierten. Während sich Viktor Adler in Öster- reich 13) mit allem Nachdruck für eine völlige Arbeitsruhe aus- sprach (in Wien allein zogen mehr als 100 000 Arbeiter in den Prater), verlegten die englischen Arbeiter den Feiertag auf den 4. Mai, einen Sonntag, an dem dann allerdings allein in London mehr als 200 000 Arbeiter teilnahmen, was Engels veranlaßte, in der Wiener "Arbeiter-Zeitung" zu schreiben, "daß am 4. Mai 1890 das von vierzigjährigem Winterschlaf erwachte englische Proleta- riat in die Bewegung seiner Klasse wieder eingetreten ist." 14) Innerhalb der deutschen Sozialdemokratie herrschte weitgehend ein gespaltenes Verhältnis zum 1. Mai vor, das auch in späteren Jah- ren Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb von Partei und Gewerkschaften wurde. Unter dem Druck des Bismarckschen So- zialistengesetzes - das erst am 30. September 1890 aufgehoben wurde - und im Widerspruch zu zahlreichen Beschlüssen auf lokaler Ebene beschloß die mit der Führung der Partei beauftragte Reichs- tagsfraktion gegen die Stimme von Wilhelm Liebknecht im Hinblick auf mögliche Reaktionen der Bourgeoisie, den Arbeitern von einem Tag allgemeiner Arbeitsruhe abzuraten. Dieser Beschluß führte zu Verwirrungen innerhalb der Arbeiterklasse, so daß in Hamburg die Unternehmer auf die dort durchgeführte allgemeine Arbeitsruhe mit einer langandauernden Aussperrung antworten konnten, die den Ar- beitern schwere Opfer abverlangte. Im internationalen Rahmen gesehen stellte der 1. Mai 1890 jedoch einen unerhörten Erfolg der Arbeiterklasse dar und der Brüsseler Kongreß der II. Internationale vom August 1891 erklärte ihn zum dauernden Feiertag der Arbeiter. In Deutschland wuchs zwar von Jahr zu Jahr die Beteiligung an der Arbeitsruhe, doch waren die Arbeiter der Großindustrie aufgrund der fehlenden Unterstützung in Partei und Gewerkschaften nur in den seltensten Fällen für den Massenstreik zu gewinnen. Zu einer der entschiedensten Verfechter der allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai wurde dann Rosa Luxemburg, die bereits 1894 schrieb: "In der Tat, was könnte der Arbeitermasse größeren Mut und Glau- ben an die eigenen Kräfte verleihen, als eine Massenniederlegung aus eigenem Willen. Was könnte den ewigen Sklaven der Fabrik und der Werkstätte besseren Mut verleihen, als die Musterung ihrer eigenen Truppen? " 15) Auf der anderen Seite machte sich jedoch bereits Ende der 90er Jahre der Opportunismus in der deutschen Sozialdemokratie bemerk- bar, für den Namen wie Vollmar, Bernstein und später auch Kautsky bezeichnend sind. Diese Entwicklung erfolgte allerdings nicht zu- fällig. In der Wirtschaftskrise von 1900, die bis etwa 1903 dau- erte, zeigte sich Existenz und Wirken der Monopole deutlich, was vor allem in Teilen der deutschen Arbeiterbewegung zu einer falschen Einschätzung des Imperialismus führte. Als dann der in- ternationale Kongreß von Amsterdam im August 1904 allen proleta- rischen Organisationen die Pflicht auferlegte, die Arbeitsruhe am 1. Mai anzustreben, kam es zu außerordentlich heftigen Auseinan- dersetzungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, die als Massenstreikdebatte in die Geschichte der deutschen Arbeiterbewe- gung einging. Vor allem die hervorragende Rolle, die die Maide- monstration während der Revolution von 1905 in Rußland spielte, beeinflußte in starkem Maße die Diskussion. In der Geschichte der Arbeiterbewegung wurde 1905, wie Rosa Luxemburg ausführte, die "Maifeier zum erstenmal in einer revolutionären Situation gefei- ert - während ein wichtiger Trupp des internationalen Proletari- ats in einem gewaltigen direkten Massenkampfe um seine politi- schen Rechte begriffen ist." 16) In diesem Zusammenhang, "Im Feuerscheine der Revolution" - wie Rosa Luxemburg ihren Artikel überschrieb, - waren die "beiden Grundideen der Maifeier" hervorzuheben: A c h t s t u n d e n- t a g u n d S o z i a l i s m u s, d.h. die Verbindung von ökonomischen, sozialen, politisch-demokratischen und sozialisti- schen Forderungen, die das Ziel des proletarischen Klassenkampfes zum Inhalt haben 17). Um die Jahrhundertwende war das imperialistische Stadium des Ka- pitalismus immer klarer geworden. Die Gefahr eines Krieges zeich- nete sich immer mehr ab und gab der Maifeier in Deutschland einen neuen Impuls als Element des Kampfes um den Frieden. Im Jahre 1908 mußten letztlich Parteivorstand und Gewerkschaften dem Druck von unten nachgeben und die allgemeine Arbeitsruhe am 1. Mai ak- zeptieren. Gleichzeitig wurde bei Aussperrungen eine Unterstüt- zung für die organisierten Arbeiter in Aussicht gestellt. Der Re- visionismus innerhalb von Partei und Gewerkschaften hatte jedoch bereits so weit um sich gegriffen, daß Kautsky dem Parteitag der SPD in Leipzig 1909 vorschlagen konnte, anstelle der Feier am 1. Mai einen Tagelohn in einen Fond einzuzahlen als 'Maidemonstra- tion höheren Charakters'. Selbst der spätere Reichskanzler Hermann Müller konnte dem entgegnen, daß damit "unsere Ideale auf dem politischen Markt zu herabgesetzten Preisen verschleißt werden." Und als im gleichen Jahr der Metallarbeiterverband beschloß, den 1. Mai nicht zur Pflicht werden zu lassen, be- gründete Severing dies damit, daß die Gewerkschaften nicht gut daran tun, Gemaßregelte und Ausgesperrte, die aus Idealismus den 1. Mai durch Arbeitsruhe feiern, aus gewerkschaftlichen Mitteln zu unterstützen. Wollte Kautsky den Idealismus billig verschachern, so machte sich Severing daran, ihn mehr oder weniger verbieten zu lassen. Dies alles ist Spiegelbild der deutschen Sozialdemokratie am Vorabend des ersten imperialistischen Weltkrieges. Die Katastrophe bereits ahnend, schrieb Rosa Luxemburg 1913: "Der geniale Hauptgedanke des Maifestes, das ist das eigene un- mittelbare Auftreten der proletarischen Massen, das ist die poli- tische Massenaktion der Millionen Arbeitenden, die sonst im par- lamentarischen Alltag, getrennt durch staatliche Schranken, meist nur durch den Stimmzettel, durch Wahlen ihrer Vertreter dem eige- nen Willen Ausdruck verleihen können ... Und je mehr der Maigedanke, der Gedanke der entschlossenen Mas- senaktionen als Kundgebung des internationalen Zusammenschlusses und als Kampfmittel für den Sozialismus auch in dem stärksten Trupp der Internationale, in der deutschen Arbeiterschaft, Wurzel schlagen wird, um so größere Gewähr haben wir, daß aus dem früher oder später unvermeidlichen Weltkrieg eine endgültige und sieg- reiche Auseinandersetzung zwischen der Welt der Arbeit und der des Kapitals sich ergeben wird." 18) Die Kapitulation der sozialdemokratischen Führung vor dem Impe- rialismus war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Nur die klassenbe- wußtesten Kämpfer aus ihren Reihen, an ihrer Spitze Karl Lieb- knecht und Rosa Luxemburg, gaben nicht auf. Sie setzten sich da- mit nicht nur den direkten Angriffen der Bourgeoisie aus, die Rechten innerhalb der Sozialdemokratie veranstalteten selbst ein wahres Kesseltreiben gegen sie. Die deutschen Arbeiter sollten bald die Auswirkungen des Krieges kennenlernen. Bereits 1915 kam es zu erheblichen Verknappungen auf dem Lebensmittelmarkt. Innerhalb der Arbeiterklasse wurde die breite Strömung immer stärker, die einen sofortigen Frieden for- derte. Die Linken innerhalb der Sozialdemokratie schlössen sich Anfang 1916 zur Gruppe "Spartakus" zusammen. Unermüdlich bereite- ten sie den 1. Mai 1916 als "Kampftag gegen den Krieg, für Frie- den, Brot und Demokratie" vor. An diesem Tage fanden in Berlin, Braunschweig, Bremen, Dresden, Duisburg, Jena, Kiel, Leipzig, Magdeburg, Pirna und Stuttgart z.T. machtvolle Antikriegsdemon- strationen statt. Allein in Berlin versammelten sich mehr als 10 000 Arbeiter, die mit eigenen Augen miterlebten, wie sich die Polizei auf Karl Liebknecht stürzte und ihn verhaftete. Der Ber- liner Mai wurde der Auftakt für eine ganze Reihe von Streiks und Massendemonstrationen im Laufe des Jahres 1916. Er signalisierte die endgültige Spaltung innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Das Ende des Krieges brachte mit dem revolutionären Aufschwung innerhalb der Arbeitermassen, beflügelt durch die Revolution in Rußland, auch ein neues Element in die Maifeier, das Rosa Luxem- burg bereits 1907 voraussah: "Von Anfang an eine proletarische Demonstration für den Achtstun- dentag und für den Weltfrieden, gestaltet sie sich allmählich zu einer Demonstration für die proletarische Revolution." 19) Die revolutionäre Nachkriegskrise zeigte die opportunistische Führung der Sozialdemokratie eindeutig auf der Seite der imperia- listischen Monopole. Sie wurde zum Steigbügelhalter für das Wie- dererstarken der Monopol-Bourgeoisie, die u.a. durch die galop- pierende Inflation bis 1923 im wesentlichen ihre Stellung inner- halb der kapitalistischen Welt wiedererlangte - auf Kosten einer ungeheuren, auch absoluten, Verelendung der deutschen Arbeiter- klasse. Nach Kriegsende konnte zunächst eine der Hauptforderungen jahrzehntelanger Maidemonstration, der Achtstundentag, durchge- setzt werden, doch bereits im Dezember 1923 wurde dieser Erfolg durch die Arbeitszeitnotverordnung, die auf Betreiben der Mono- pole zustandekam, seines gesetzlichen Schutzes beraubt und im April 1927 durch das Arbeitszeitnotgesetz die Beseitigung des Achtstundentages sanktioniert. Seit 1923 verschärften sich die Klassenkampfbedingungen in erheblichem Maße. Im Oktober und No- vember des Jahres besetzte die Reichswehr die Länder Sachsen und Thüringen und setzte die dort eben gebildeten revolutionären Lan- desregierungen ab. Gleichzeitig wurde im ganzen Reich die KPD verboten. Doch war bereits der 1. Mai 1923 nicht mehr "die schläfrige Spießbürgeridylle..., in die die Sozialdemokratie den revolutio- nären Kampftag des Proletariats verwandelt hatte ...". 20) Immer stärker rückte das revolutionäre Moment des 1. Mai in den Vorder- grund, immer mehr wurde der Tag zur Solidaritätskundgebung für den Kampf der sowjetischen Völker gegen die Provokationen des Im- perialismus. Zwar konnte sich der Kapitalismus in Deutschland bis 1929 relativ stabilisieren und die Tatsache, daß noch 1927 per Gesetz der Achtstundentag liquidiert werden konnte, kennzeichnet die relative Schwächung der deutschen Arbeiterbewegung. Doch be- reits am 1. Mai 1927 war in der INTERNATIONALE zu lesen: "Der Erste Mai 1927 ist für die deutsche Arbeiterklasse kein Tag des Sieges ... Drohender als je seit dem Abschluß des ersten großen Weltgemetzels erhebt sich die Gefahr eines neuen imperia- listischen Weltkrieges." Und im Jahre darauf ist der Leitartikel der INTERNATIONALE am 1. Mai mit "Kampfmai 1928" überschrieben: "Die imperialistischen Mächte unter Führung Englands bereiten einen Schlag gegen Sowjetrußland vor. Eine Wirtschaftsblockade wird den Arbeiterstaat nicht in die Knie zwingen. Deshalb bleibt für den Imperialismus kein anderer Weg als der Krieg." Noch glaubten große Teile der deutschen Arbeiterklasse, daß die aufziehenden Gefahren eines neuen Krieges nur durch den Kampf mit dem Stimmzettel abgewehrt werden könnten. Die Ereignisse um den 1. Mai 1929 in Berlin lassen die krisenhafte Zuspitzung der kapi- talistischen Entwicklung erkennen. "Das, was der 4. August 1914 für die Vorkriegssozialdemokraten war, der Bankrott und Zusammenbruch der Zweiten Internationale, das ist der 1. Mai 1929 für die deutsche Nachkriegssozialdemokra- tie, für die reformistische Burgfriedens- und scheindemokratische Illusionspolitik. Seit 40 Jahren begeht die deutsche Arbeiterklasse den 1. Mai un- ter revolutionären Losungen zum Kampf für den Sozialismus. Der wilhelminische Klassenstaat wagte es nicht, den 1. Mai zu verbie- ten. Selbst eingefleischte monarchistische Reaktionäre wie Jagow, der bei jeder Gelegenheit mit dem Polizeisäbel zur Hand war, ha- ben nicht gewagt, die Kundgebung der Berliner Arbeiterschaft am 1. Mai zu verbieten. ... Erst mußte die Sozialdemokratie die Mi- nisterposten im Reich und in Preußen beziehen, erst mußten an Stelle der kaiserlichen Jagows sozialdemokratische Polizeipräsi- denten vom Schlage Zörgiebels treten, damit am 40. Jahrestag der Maidemonstrationen die Maikundgebungen der Berliner Arbeiter- schaft unterdrückt werden konnten... Mit dieser Wendung in der Entwicklung des Maitages geht die seit 40 Jahren in den Händen der Sozialdemokratie befindliche Führung der Maidemonstrationen endgültig über in die Hände der Kommunisten ... Damit wird der 1. Mai der Tag des revolutionären Proletariats, der Tag der proletarischen Diktatur, zur Demonstration für den Weltkommunismus." 21) Trotz des Demonstrationsverbotes des sozialdemokratischen Poli- zeipräsidenten in Berlin, Karl Zörgiebel, folgten am 1. Mai 1929 mehr als 200.000 Berliner Arbeiter dem Aufruf der KPD unter Lo- sungen für sozialen Fortschritt, gegen Kriegsvorbereitungen und für die Verteidigung der Sowjetunion. Nach Provokationen durch die Polizei bauten die Arbeiter im Wedding und Neukölln Barrika- den zur Abwehr. Ein dreitägiges Polizeimassaker forderte 31 Tote und mehrere hundert Verwundete. Der Berliner Blutmai kündigte an, was ein halbes Jahr später an- fing, gespenstische Wirklichkeit zu werden: Im Oktober 1929 wurde Deutschland von der seit 1924 in den USA schwelenden Weltwirt- schaftskrise erfaßt. Am 1. Mai 1932 hatte Ernst Thälmann auf der Maikundgebung der KPD, an der sich 250.000 Berliner, unter ihnen Tausende von Sozi- aldemokraten, beteiligt hatten, zur Einheit aufgerufen, "alles Trennende beiseitezuschieben und gemeinsam gegen den mit Macht anrückenden Faschismus zu kämpfen." 22) Doch die rechten Führer der SPD lehnten das Angebot der Kommunisten ab, wie auch ein Jahr später nach der 'Machtergreifung'. Sie bezichtigten die KPD der "Panikmache". Wir wollen in dieser Darstellung der Geschichte des 1. Mai auf die faschistische Herrschaft in Deutschland nicht näher eingehen. Eine historische Analyse müßte notwendig den 1. Mai in Zusammen- hang bringen mit dem antifaschistischen Widerstand der deutschen Arbeiterklasse und ihren Organisationen. Nur folgendes sei hier angemerkt. Gab es schon in der Weimarer Republik Bestrebungen der Bourgeoisie, den 1. Mai gemeinsam mit den opportunistischen Füh- rern der SPD und der Gewerkschaften in ein bürgerliches Volksfest zu verwandeln, so fand dieser Mißbrauch des internationalen Kampftages der Arbeiterklasse seinen Höhepunkt in der von den deutschen Faschisten gesetzlich festgelegten Feier am 1. Mai als 'Tag der Nationalen Arbeit' 23). Am 1. Mai 1933 funktionierten die Nationalsozialisten den Tag der Arbeiterklasse, demagogisch an die Tradition anknüpfend, in einen "Tag der nationalen Arbeit" um. Ganze Betriebe wurden zusammenge- trommelt, um der Hitlerschau den Charakter der Echtheit und der Volksverbundenheit zu verleihen. Viele ließen sich durch das Blendwerk sozialer Phrasen und Versprechungen einfangen, während klassenbewußte Arbeiter, Kommunisten und Sozialdemokraten, "illegale" Demonstrationen im Friedrichshain und im Grunewald durchführten. Am 2. Mai 1933 wurde bereits mit dem terroristi- schen Schlag gegen die Büros und das Vermögen des Allgemeinen Ge- werkschaftsbundes (ADGB) die Zerschlagung der allgemeinen Arbei- terorganisation eingeleitet. Der 1. Mai in Westberlin ------------------------ Im gemeinsamen Widerstandskampf wurde der Grundstein für die fe- ste Aktionseinheit gelegt, die nach der Zerschlagung des Hitler- faschismus ihren Höhepunkt am 21.722. April 1946 im Zusammengehen der KPD und der SPD zu einer einheitlichen Partei der Arbeiter- klasse, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), fand. 24) Im Maiaufruf der SED wurden die Forderungen der Werktä- tigen klar genannt: "Wir kämpfen für Frieden und Völkerversöh- nung, gegen jegliche Rassenhetze und nationalistische Vergiftung. Für restlose Ausrottung des Militarismus! Wir wollen unser Volk für immer von den Schrecken der Kriege, der Wirtschaftskrisen, der Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung, des Hungers und der Not be- freien. Unser Ziel ist die Errichtung der sozialistischen Gesell- schaftsordnung." 25) 500.000 Berliner folgten dem Aufruf und be- kundeten damit ihren festen Willen zur Aktionseinheit und zum friedlichen Aufbau einer neuen Gesellschaft. 'Was des Volkes Hände schaffen, soll des Volkes eigen sein' - eine alte Arbeiter- forderung, am 1. Mai 1946 wurde sie von Hunderttausenden erneut gestellt. Doch die rechtssozialdemokratischen Führer um Kurt Schumacher setzten auch nach 1945 ihre Politik der Zusammenarbeit mit dem Großkapital fort. Sie trugen dadurch wesentlich dazu bei, daß die alten Besitz- und Machtverhältnisse in Westdeutschland und in Westberlin wiederhergestellt wurden. 26) Mit der Abspaltung West- berlins und der Einrichtung sogenannter "Freiheitskundgebungen" durch den Westberliner Senat und die Gewerkschaftsführung (beide mehrheitlich SPD) am 1. Mai war für viele Jahre der Westberliner Arbeiterklasse eine eigene Maifeier nicht mehr möglich. Die Funk- tion der "Freiheitskundgebungen" bestand darin, die Arbeiter von den Widersprüchen des kapitalistischen Systems abzulenken, sie daran zu hindern, ihre Klassenlage und die tatsächlichen gesell- schaftlichen Zusammenhänge zu erkennen, und den real existieren- den Sozialismus zu verketzern. Doch die Widersprüche des kapitalistischen Systems verschärften sich zusehends. Der real existierende Sozialismus wurde immer at- traktiver für die Millionen, den Imperialismus und sein histo- risch überlebtes System zwang er immer stärker in die Position der Anpassung. Indem der Imperialismus auf den Kriegsschauplätzen der Welt, in Indochina, dem Nahen Osten, in seinen Kolonien, im Übergang zu offener Diktatur in verschiedenen Staaten, sein wah- res Gesicht deutlicher hervorkehrte, wuchs auch der Widerstand im nationalen und internationalen Maßstab. Die Folgen der Front- stadtpolitik und ihre Auswirkungen auf die Westberliner Arbeiter- klasse, sowohl auf ökonomischem als auch auf politischem Sektor, traten bald in aller Klarheit hervor. 27) Als Reaktion bildete sich in Westberlin eine breite, demokratische Massenbewegung her- aus, die gegen den Krieg in Vietnam, gegen Faschismus und Neofa- schismus und gegen die zunehmende Militarisierung im Innern Stel- lung bezog. In den Lohn- und Tarifauseinandersetzungen zeigte sich eine größere Kampfbereitschaft. Diese Entwicklung wollen wir anhand der Geschichte des 1. Mai in Westberlin verdeutlichen. Während an den ersten "Freiheitskundgebungen" noch Zehntausende Westberliner teilnahmen, wurde die Beteiligung von Mal zu Mal ge- ringer. Die Krise des staatsmonopolistischen Kapitalismus 1966/67 in der Bundesrepublik und in Westberlin machte einem immer größer werdenden Teil der Westberliner Arbeiterklasse und ihrer Verbün- deten deutlich, welcher gegen ihre Interessen gerichtete Sinn den sozialintegrationistischen Tendenzen in der SPD und den Gewerk- schaften unterlag. In Bonn hatte die SPD-Führung gegen den Wider- stand breiter Teile auch der eigenen Partei den Notstandsgesetzen zugestimmt. Auf der anderen Seite wurde die Forderung nach mehr Mitbestimmung in Betrieb und Wirtschaft bei den Arbeitern immer lauter. Darüberhinaus hatte der imperialistische Krieg der USA gegen das vietnamesische Volk ein breites, antiimperialistisches Bewußtsein geweckt. In dieser Situation demonstrierten am 1. Mai 1968 40 000 West- berliner, Arbeiter und Angestellte, Kommunisten und Sozialdemo- kraten, Gewerkschafter und Studenten gemeinsam für ihre eigenen Interessen unter den Parolen: "Mitbestimmung ja - Notstand nein", "Für aktive Lohnpolitik", "Gegen Monopolmacht und Reaktion" und "Amis raus aus Vietnam". Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wird der 1. Mai in Westberlin wieder als internationaler Kampftag der Arbeiterklasse gefeiert. Während 1968 und 1969 die fortschrittlichen Westberliner in den Arbeiterbezirken Neukölln und Kreuzberg demonstrierten, unternahm der Senat letzte Rettungsversuche seiner Eigenkundgebung vor dem Reichstag bei so geringer Beteiligung, daß die Polizei die Teilnehmerzahl verschwieg. Auf Druck der Gewerkschafter in den Betrieben fand im darauffol- genden Jahr 1970 die erste gewerkschaftliche Maikundgebung nach langer Zeit statt. Vor dem Rathaus Schöneberg versammelten sich Zehntausende und forderten "Mitbestimmung in Betrieb und Wirt- schaft", "Schluß mit der Teuerung - für Sozialinvestitionen", "Stoppt den US-Krieg - jetzt Frieden in Vietnam", "Für Arbeiter- rechte - gegen Kapitalmacht", "Für Anerkennung der DDR". Daß Sickert diese Arbeiter als 'kommunistische Unterwanderer und Störenfriede' bezeichnet, zeigt nur um so deutlicher sein Unver- mögen, zu vertuschen, daß die Gewerkschaftsspitze die Verbindung zu den Trägern der Organisation, den Arbeitern, verloren hat; es zeigt, daß rechte Führer und Mitglieder der Gewerkschaften einmal mehr in Widerspruch zueinander geraten sind. Beide Teile zogen aus dem 1. Mai 1970 ihre Konsequenzen. 28) Die rechte Gewerk- schaftsführung befürwortet seitdem eine 'moderne mediengerechte Form' mit geladenen Gästen in geschlossenen Sälen. Solange die DGB-Spitze in Westberlin an ihrer antikommunistisch orientierten Einheit mit der Bourgeoisie festhielt, war es die Aufgabe der fortschrittlichen und sozialistischen Kräfte, den Tag der Arbeiterklasse selbständig zu organisieren. Dies geschah in den Jahren 1968 und 1969 durch die Veranstaltung massenhafter, einheitlicher Demonstrationen und Kundgebungen. Die Maiveranstal- tungen 1971 und 1972 zeigten dann sehr deutlich die Konsequenzen, die von selten der Arbeiter auf das Verhalten der Gewerkschafts- führung und der Parteispitze der SPD gezogen wurden. Bereits an den vorbereitenden Arbeiten der jeweiligen Maikomitees beteilig- ten sich eine große Zahl von Mitgliedern und Vertretern ganzer Gewerkschafts- und Parteiorganisationen. Spätestens der Ablauf der Mai-Kampagne 1972 bewies, daß die Politik der SEW, die Akti- onseinheit von demokratischen und sozialistischen Kräften, das Wiedererstarken der Arbeiterbewegung in Westberlin gewährlei- stete. Im Jahre 1973 markiert die Vorbereitung zum 1. Mai in Westberlin in überaus deutlicher Weise die scharfe Grenze zwischen sozialin- tegrationistischer Irreleitung der Arbeiterklasse und tatsächli- cher Arbeiterbewegung; zwischen antikommunistischen Einflußversu- chen und einheitlichem Kampf gegen das Monopolkapital. Je deutli- cher sich die Arbeiterbewegung in Westberlin aus den Fesseln des Antikommunismus befreit, je manifester der wachsende Einfluß ihres organisierten Vortrupps, der SEW, hervortritt, desto mehr verliert sich der Blockierungsversuch von rechtssozialdemokrati- scher Seite in der Lächerlichkeit. Dies wird offenkundig, sobald man die Argumentationsversuche der Westberliner Gewerkschaftsspitze näher betrachtet. Trotz eines starken Gegendrucks aus vielen Gewerkschaftsorganisationen (da- runter Landesbezirkstag der IG Druck und Papier, Bezirksleitung der ÖTV u.a.), bei denen für eine Mai-Demonstration unter freiem Himmel plädiert wurde, entschied sich der Landesvorstand des DGB erneut "in zwei Sitzungen nach stundenlangen eingehenden Bera- tungen, ... die Maiveranstaltung 1973 in einer Messehalle im Funkturm durchzuführen". 29) Walter Sickert, zugleich Präsident des Abgeordnetenhauses, beharrt auf dem Terminus der "medien- gerechten Saalveranstaltung" als seiner eigenen, ihm persönlich liebsten Begriffsbildung, obwohl diese Bezeichnung in der gewerkschaftlichen Diskussion nur noch ironisch verwandt wird und obwohl das Programm dieser TV-Show vor geladenen Gästen nur noch sarkastisch zitiert werden kann: 1. Opening: Paul Kuhn und das SFB-Tanzorchester, Potpourri; a) Work Song, b) Der Mai ist gekommen, c) If I had a hammer; 2. Begrüßung durch Walter Sickert, Vorsitzender des DGB-Berlin; 3. 1. Diskussionsgruppe: "Paritätische Mitbestimmung"; 4. Musik-Schau: Olivia Molina, Paul Kuhn und das SFB-Tanzorche- ster mit Solisten a) Glory, Glory, Hallelujah, SFB-Tanzorchester, Solist Eugen Ci- cero; b) Schön ist die Welt; c) So oder so, Olivia Molina; d) Godfather, SFB-Tanzorchester, Solist Milo Pavlovic; e) La Bamba, Olivia Molina; 5. 2. Diskussionsgruppe: "Gewerkschaften heute"; 6. Paul Kuhn und das SFB-Tanzorchester: Manhattan spiritual; 7. Ansprache durch Walter Sickert; 8. Brüder zur Sonne, zur Freiheit (gemeinsames Lied, begleitet vom SFB-Tanzorchester). Sickert befindet sich bei dem Versuch, den würdelosen Rückzug seiner Gewerkschaftsspitze zu rechtfertigen, zwischen mehreren Feuern: Er muß einerseits eine von ihm und der sozialdemokrati- schen Führung im Interesse der Unternehmer und der Monopolbour- geoisie mitverursachte Entpolitisierung der Westberliner Arbei- terklasse zu verlängern trachten und andererseits diese von ihm postulierte, ihm recht genehme Entpolitisierung scheinhaft bedau- ern: "Eine Demonstration für eine Sache ist heute nicht mehr auf die Füße zu stellen." 30) Eine öffentliche Maikundgebung bedeute, "mit untauglichen Metho- den sich gegen eine Entwicklung zu stemmen, wie sie auch in Ber- lin in den letzten Jahren leider zu beobachten gewesen ist." 31) Der von Teilen der Westberliner Jungsozialisten (vgl. unten) un- ternommene Versuch, den innergewerkschaftlichen Druck für eine öffentliche Maikundgebung aufzugreifen, bedeutet für ihn "eine Rückbesinnung auf politische Notwendigkeiten und gewerkschaftli- che Forderungen, die lange erreicht sind und heute nicht mehr in der Form zur Debatte stehen." 32) Weiter muß Sickert die vollzogene Restitution des 1. Mai als Kampftag der Arbeiterklasse in Westberlin zu negieren trachten, muß er sie für nicht existent erklären. Aufgrund dieser "Notwendigkeiten" können ihm die Teilnehmer an den bisher größten Kundgebungen der Arbeiterbewegung in Westberlin (1972 nannten re- alistische Schätzungen der Teilnehmermasse bei der Maidemonstra- tion die Zahl von 70.000!) penetrant als "Störer" und "Schreier" 33) erscheinen. Der Begriff der Solidarität wird hier seiner wichtigsten Inhalte entkleidet; von Gewerkschaftern wird das Un- mögliche verlangt, an einer Saalveranstaltung (max. 3 000 ge- ladene Gäste) teilzunehmen bzw. ihr die "solidarische" Zustimmung zu verleihen 34). Demgegenüber mußte der Charakter des 1. Mai als internationalem Kampftag der Arbeiterklasse mit antimonopolistischem, antiimpe- rialistischem Inhalt wieder zurückgewonnen werden. Dies ist mög- lich geworden, weil aufgrund der schärfer werdenden Ausbeutung die ökonomischen Forderungen immer besser verknüpft werden können mit dem politischen Kampf gegen das staatsmonopolistische System. Bezogen auf Westberlin sind dies vor allem Paro¦en gegen Be- triebsverlagerungen, gegen Mietpreiswucher und Bodenspekulation, gegen Preistreiberei und Inflation (mehr als 8 Prozent Preisstei- gerung innerhalb eines Jahres), für die Verwirklichung der in der Berliner Verfassung garantierten demokratischen Grundordnung 35). Die sozialintegrationistischen Kräfte befinden sich eindeutig in der Defensive. Der DGB-Jugend Westberlins mußte durch den Landes- vorstand die Feier des 1. Mai unter freiem Himmel schon v e r b o t e n werden. Nach einer Pressemitteilung mußte Sic- kert gewerkschaftliche Teilnehmer der diesjährigen Mai-Demonstra- tion schon w a r n e n, "als Mitglieder einer dem DGB ange- schlossenen Gewerkschaft in Erscheinung zu treten" 36). Die Auseinandersetzung der klassenbewußten Gewerkschafter mit solchen reaktionären Positionen hat etwas mit der t a t s ä c h l i c h e n Frontstellung zu tun, in der um die Durchsetzung einer an den Forderungen der Arbeiterklasse orien- tierten Gewerkschaftspolitik gekämpft wird. Im Gegensatz dazu hatten verschiedene Momente in der studentischen Diskussion in Westberlin zum 1. Mai seit 1968 durchaus Scheincharakter. Parolen studentischer Herkunft, Marschblocks studentischer Sekten, bor- niert "antirevisionistische" Querelen, die in das Maikomitee ge- tragen wurden, ließen, nun aber aus ultralinker Richtung, in den Universitäten Diskussionen eher das Verhältnis zur SEW als zen- trales Problem erscheinen, als das die Stoßrichtung gegen das Mo- nopolkapital und für die Arbeiterrechte klar ausgedrückt worden wäre. Quintessenz der Mai-Kampagne einer dieser kleinbürgerlichen Gruppierungen ('KPD'-Aufbauorganisation) war es beispielsweise 1971, "mit... Entschiedenheit gegen die revisionistische SEW-Füh- rung (zu) kämpfen und damit die Widersprüche von Parteiführung und Mitgliedern weiter (zu) verschärfen" (sic) 37). Das erneute Sondervorhaben einiger Splittergruppen, sich auch am 1. Mai 1973 mit einer ultralinken Variante des "dritten Weges" zu versuchen und auf einer eigenen Demonstration ihrem Antisowjetismus und An- tikommunismus Ausdruck zu verleihen, kann hier unberücksichtigt bleiben. Dies hat nichts mehr gemein mit den antiimperialisti- schen und sozialistischen Tendenzen der Studentenbewegung, der diese Gruppen entstammen, deren kleinbürgerlich-illusionäre Züge sie aber kraftlos konservieren wollen. Die Konstituierung des Mai-Komitees '73 am 15. Januar 1973 (Gedenktag an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht) setzte den er- neuten Anfangspunkt zu einer umfassenden Kampagne, die wie in den letzten Jahren alle antimonopolistischen Kräfte in Westberlin zu einer "einheitlichen und machtvollen Demonstration und Kundgebung gegen Monopolmacht und Reaktion" bewegen soll. Beschlüsse und Meldungen dieser Kampagne geben nur die Öffentlichkeitsform einer Auseinandersetzung wieder, die ihren Schwerpunkt in Betrieben und Gewerkschaften besitzt. Dort findet der tägliche Kampf um Akti- onseinheit statt, dort erweist sich, daß der Hauptgegner der Ar- beiterklasse und der verbündeten Schichten das Monopolkapital ist, - nicht etwa nur eine sich furchtsam in die Isolation zu- rückziehende reaktionäre Gewerkschaftsspitze. Die einheitliche Demonstration am 1. Mai ist Ausdruck dieses Kampfes. Dies ist hier zu betonen, angesichts der Tatsache, daß sich neben dieser Kampagne ein Gespinst von sozialdemokratischen, trotzkistischen und linksopportunistischen Seitenambitionen befindet, die ihre desorientierenden Zielrichtungen oft nur mühsam verbergen (vgl. weiter unten). Im Mai-Komitee '73 befanden sich zum Zeitpunkt der Konstituierung Vertreter der SEW, Mitglieder des DGB, der DAG, Jugendvertreter und Betriebsräte, Mitglieder gewerkschaftlicher Jugendausschüsse, Vertreter der FDJW, Mitglieder der Aktionsgemeinschaften demokra- tischer und sozialistischer Hochschulangehöriger, Mitglieder der SPD und der Falken, Landesvorstandsmitglieder der Jungdemokraten und Vertreter des Sozialistischen Lehrerbundes - Westberlin. Das Mai-Komitee orientierte die Kampagne auf die Forderungen für Frieden und Sicherheit in Europa; für Klassenkampf - gegen Großkapital und konzertierte Aktion; für höhere Löhne und Gehälter - gegen Miet- und Preiswucher; für Arbeiterrecht in Betrieb, Wirtschaft und Gesellschaft - gegen die Macht der Monopole; für ein Berufsbildungs- und Jugendarbeitsschutzgesetz, die den wissenschaftlich-technischen Erfordernissen der Zeit und dem ge- sellschaftlichen Fortschritt entsprechen; für eine demokratische Bildungs- und Hochschulreform - gegen jede Formierung der Lernenden und Lehrenden im Monopolinteresse. Wie in den vorangegangenen Jahren erweisen sich auch in dieser Kampagne die SEW und die FDJW als die hauptsächlich organisie- rende Kraft. In der sozialdemokratischen BERLINER STIMME wurde von Seiten der Jungsozialisten formuliert: "Besonders in Westberlin können die Jusos nicht über die Tatsache hinwegsehen, daß die SEW im Betrieb und in der Gewerkschaftsar- beit vertreten ist und eine gezielte Interessenpolitik zugunsten der Arbeiter und Angestellten betrieben hat." 38) Die mit unzähligen Diskussionen verknüpfte Verteilung der Mai- Zeitungen (Auflage je über 150 000), der bisherige Verkauf von weit über 30 000 Mai-Plaketten (bis Ende März 1973) bezeugen die äußere Seite einer intensiven Mobilisierung in Betrieben, Gewerk- schaften, Schulen und Hochschulen. Dennoch stellt es einen ge- zielten und bewußt unternommenen Verfälschungsversuch dar, wenn bei gegenseitigem Einverständnis in bürgerlicher Presse und ul- tralinker Pamphletproduktion von einem Mai-Komitee der ("Führer der") SEW gesprochen wird. Dieses Mai-Komitee stellt den konkre- ten Ort politischer Aktionseinheit dar; das Aktionsbündnis, ori- entiert auf den antikapitalistischen Kampf, bedeutet nicht, daß die mitarbeitenden Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale, Chri- sten und andere, ihre unterschiedliche ideologische Basis aufge- ben. So sehr es sich - gerade in den Mai-Kampagnen - erwiesen hat, daß die Partei der Arbeiterklasse die bestimmende Kraft im antiimperialistischen Kampf in Westberlin darstellt, so wenig sind die an der Aktionseinheit beteiligten Sozialdemokraten und antikapitalistischen Liberalen zur Aufgabe ihres unterschiedli- chen Ausgangspunktes bemüßigt. Diese jetzt stattfindende Massenbewegung förderte innerhalb der Westberliner SPD eine Gegenbewegung, deren Einzelmomente wider- sprüchlichen Charakter besitzen, deren ursprüngliche Motivation durchaus angstvolle Züge trägt 39). Mehrere Kreisverbände der Westberliner SPD forderten eine eigene - von der SPD getragene - Maiveranstaltung; sie konnten sich da- bei auf die frühzeitige Anmeldung der traditionellen Demonstrati- onsroute zum 1. Mai durch die Westberliner Jungsozialisten stüt- zen. 40) Der Sprecher dieser Gruppierung formulierte, es sei "endgültig an der Zeit, daß die demokratische Linke (in anderen Veröffentli- chungen: soziale Demokraten versus demokratische Sozialisten; die Verf.) in West-Berlin zu einer v o n i h r s e l b s t b e s t i m m t e n Mai-Demonstration zusammenfindet". 41) In der bürgerlichen Presse hielt man es für notwendig, "daß an einem Tage wie dem 1. Mai die sozialen Demokraten praktische Abgrenzung betreiben und Flagge zeigen." 42) Die objektive Funktion dieser Sonderinitiative kommt dadurch deutlich zum Ausdruck. Formal wurde dieser Inhalt darin bestä- tigt, daß die Jungsozialisten ein "überparteiliches", "neutrales" Gremium 43) suchten und dies im Berliner Landesjugendring (in dem die FDJW noch nicht vertreten sein kann) finden wollten. Überdies wurde ihnen schließlich durch den Landesvorstand der Westberliner SPD am 29.1.73 eine Mai-Demonstration nur unter diesen diskrimi- nierenden Auflagen "zugestanden". Zeitliche und ö r t l i c h e A b g r e n z u n g von der DGB-Veranstaltung; Einschränkung des Inhalts der Parolen und Ansprachen auf "s o z i a l d e m o- k r a t i s c h e Ziele und Grundsätze"; Verbot jeglicher Z u- s a m m e n a r b e i t "mit Linksextremen". Es ist interessant, sich die durch Westberliner Jungsozialisten angegebene Zielrichtung der nunmehr n e b e n der Kampagne des Mai-Komitee '73 initiierten Mai-Vorbereitung der Jungsozialisten näher zu betrachten: "Die Mai-Kampagne ist für die Jusos erster Ansatz, für gewerk- schaftliche Forderungen und aktive Mitarbeit in den Gewerkschaf- ten besonders innerhalb der Sozialdemokratie zu mobilisieren." 44) "Der 1. Mai ist dabei nicht etwa Selbstzweck, sondern soll Anlaß sein, organisatorische und personelle Grundlagen für die notwen- dige Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit zu schaffen." 45) Man sieht als in einer Reihe: - Die reaktionäre Gewerkschaftsspitze, deren politische Existenz durch die wiedererstarkte Arbeiterbewegung gefährdet ist, die diese also möglichst zu negieren trachtet und dabei zur Lächer- lichkeit verkommt; - die linksopportunistische Tendenz, die statt der wirklichen Ar- beiterbewegung die Phrase (etwa der "revolutionären Gewerk- schaftsopposition") vorträgt und unter den ihr erreichbaren Ju- gendlichen und Randgruppen ihrer Spalterfunktion nachkommt; - und schließlich die oben angegebene Position der Jungsoziali- sten, des "linken" Flügels in der Sozialdemokratischen Partei, die sich die ganze Totalität möglicher Objekte (Betriebe, Gewerk- schaften, SPD) zum Ziele setzt, da es ihr an der Präsenz in der Arbeiterbewegung insgesamt mangelt. Nachdem durch die feste Verankerung der SEW als der organisierten und bewußt handelnden Partei in Betrieben und Gewerkschaften die erneute Mobilisierung i n der Arbeiterklasse für die kämpferi- sche Manifestation der Arbeiterforderungen zum 1. Mai ermöglicht wurde, wendet sich diese bisher nicht korrigierte Position der Jungsozialisten v o r und a u ß e r h a l b der Arbeiterbewe- gung gegen die SEW: Ihre Präsenz als offen auftretende Partei wird verstanden als notwendig demobilisierend gegenüber antikom- munistisch orientierten Teilen der SPD: "Um eine breite Mobili- sierung auch der Sozialdemokraten zu erreichen, muß ein n e u t r a l e r Träger des 1. Mai gefunden werden." 46) Der politischen Notwendigkeit der Aktionseinheit als der Zusammenar- beit unterschiedlicher, sich je offen definierender Kräfte zum gemeinsamen Ziel des antikapitalistischen Kampfes wird der Ab- schied gegeben, gefordert wird der "Kompromiß beiderseitiger In- teressen", konkret: der objektiv antikommunistische Wunsch nach Rückzug der SEW als P a r t e i aus der Kampagne zum diesjähri- gen 1. Mai. Auf diese Weise vermittelt die Vorbereitung des 1. Mai in West- berlin 1973 auch die politische Darlegung der Funktion des "linken" Flügels der Sozialdemokratischen Partei; erbringt sie das Bild eines schon g e s c h e i t e r t e n Versuches, auf dem Felde der wiedererstarkten Westberliner Arbeiterbewegung zu manövrieren, der SPD einen Rest von verlorenem Einfluß in der Westberliner Arbeiterbewegung wiederzugewinnen. Für viele inzwischen abgegebene Stellungnahmen aus gewerkschaft- lichen Organisationen, für die Aktionseinheit der Arbeiterklasse gegen den sozialdemokratischen Spaltungsversuch stehe das Votum der "Zentralen Jugendgruppe der IG-Druck und Papier", in der u.a. gesagt wird: "Die Gewerkschaftsjugend ist nach wie vor am 1. Mai auf der Straße. Jedoch sind wir der Ansicht, daß die Gründung eines Maiausschusses der Jungsozialisten eine eindeutige Spaltertätig- keit darstellt. Die Jungsozialisten haben bereits im Mai vorigen Jahres die Demonstrationsroute in Neukölln und Kreuzberg angemel- det. Seit 1971 demonstrierten dort unter dem Aufruf des Maikomi- tees '71 und '72 viele Westberliner Arbeiter, Gewerkschaftler, Schüler und Studenten für ihre Interessen. Die letzten Jahre ha- ben gezeigt, daß immer größere Teile der Arbeiterklasse mit ihren Forderungen am 1. Mai auf die Straße gehen. Dieser Erfolg lag vor allen Dingen (in der Aktionseinheit zwischen Gewerkschaftlern, Kommunisten, Sozialdemokraten u.a. Der Versuch der Jungsozialisten unter Führung und mit Finanzie- rung ihres Parteivorstandes einen eigenen Maiausschuß zu gründen, heißt, diese Aktionseinheit zu zerstören. Diese Regierungspartei ließ es zu, daß im letzten Jahr diverse Betriebe aus unserem Be- reich geschlossen wurden. Sie finanzierte gesunde Pleiten mancher Unternehmer und bescherte uns zu Beginn des Jahres weitere Preis- steigerungen. Diese Partei, die sich verstärkt gegen eine Zusam- menarbeit mit Kommunisten und anderen fortschrittlichen Kräften ausspricht, versucht den 1. Mai, den Kampftag der Arbeiterklasse, für ihre Zwecke zu mißbrauchen." *** Alle Verbote, alle Disziplinierungsversuche zur Durchsetzung der Spaltungsmanöver von Seiten der Westberliner SPD- und DGB-Spitze ändern nichts daran - bedingen in gewisser Weise sogar -, daß sich gegen den Einfluß des Opportunismus und Revisionismus das Klassenbewußtsein und damit die Kampfbereitschaft der Westberli- ner Arbeiterklasse zunehmend entwickelt. Ausdruck dieser Entwick- lung ist ohne Zweifel auch die diesjährige Aktionseinheit in der Kampagne zum 1. Mai. Die Mobilisierung für eine Massenbeteiligung an den Veranstaltun- gen zum 1. Mai erfährt dabei nicht zuletzt auch eine Unterstüt- zung in den gegenwärtigen Tarifauseinandersetzungen. Gerade im Bereich der IG Druck und Papier zeigte sich beispielhaft die Be- reitschaft, den Preissteigerungen eine kämpferische Aktivität für den notwendigen Ersatz der Arbeitskraftkosten entgegenzusetzen. Die hier gewonnenen Erfahrungen in einer Gewerkschaft mit relativ hohem Organisationsgrad bleiben nicht ohne Auswirkung auf die Kampfbereitschaft in den gewerkschaftlichen Bereichen, in denen die Tarifauseinandersetzungen noch ausstehen (wie etwa in der IG Chemie). An dieser Stelle wird nun auch deutlich, daß die weitere Entwick- lung der Arbeiterbewegung und damit des 1. Mai in Westberlin nicht spekulativ, sondern als ein in seinen inneren Momenten dia- lektischer Prozeß zu bestimmen ist. Die bewußt organisierte und organisierende Arbeit der Partei der Arbeiterklasse ist unabding- bar für die Stärkung der Arbeiterbewegung, diese aber selbst wie- der Voraussetzung für eine Stärkung der Partei. Stand am Beginn der Maikampagne das Verbot der sozialintegrationistischen Gewerk- schaftsspitze, über den engen Rahmen der denkwürdigen Saalveran- staltung hinauszugehen, so zwingen diese spezifischen histori- schen Bedingungen in Westberlin dazu, eine Mobilisierung für Ar- beiterinteressen zum 1. Mai auf keinen Fall außerhalb der Gewerk- schaften, aber doch zu einem gewissen Grad gegen die opportuni- stisch befriedeten Gewerkschaftsspitzen zu betreiben. Dennoch hatte die Aufklärungs- und agitatorische Arbeit sich nicht auf diese bereits überlebte Position zu richten, sondern das Inter- esse der Arbeiterklasse und ihrer Bündnispartner im Kampf gegen ihren Hauptgegner, den staatsmonopolistischen Kapitalismus, zu formulieren. Und nur in diesem Zusammenhang ist auch zu sehen, daß sich im Rahmen der Maikampagne immer mehr offizielle Gewerk- schaftsorganisationen (so etwa aus den Bereichen der IG Druck und Papier, der Gewerkschaft Nahrung, Genußmittel und Gaststätten u.a.) der politischen Entmündigung entzogen und ihre Unterstüt- zung für das Maikomitee darlegten. Dies zeigt auch, daß das Verhältnis von Mitgliedermassen und Ge- werkschaftsführung nicht in sektiererischer Weise statisch gefaßt werden kann (als seien Gewerkschaftsspitzen bereits qua Funktion zu den sichtbar gewordenen politischen Verhaltensweisen gezwun- gen). Eine effektive Durchsetzung der objektiven Interessen der Arbeiterklasse wird in dem Maße zunehmen, wie es gelingt, den Wi- derspruch zwischen den Mitgliedern und der Spitze im Wege der Durchsetzung der Arbeiterforderungen auf allen Ebenen der Gewerk- schaften aufzuheben. Wesentliches Ziel und Resultat der Kampagne zum 1. Mai ist daher auch die Stärkung der Gewerkschaften als zahlenmäßig größter Klassenorganisation der Arbeiter. Die Tätigkeit eines Komitees zur Vorbereitung des 1. Mai ist aus diesen Gründen nicht als die eines selbständig handelnden politi- schen Organs, als E r s a t z für eine konsequente Partei- und Gewerkschaftsarbeit, zu sehen. Der Versuch einer Bestimmung des Verhältnisses von vereinheitlichender, aber auf den bestimmten Termin des 1. Mai fixierten Kampagne und der allgemeinen Klassen- bewegung wird daher davon auszugehen haben, daß hier zunächst der Ort der Manifestation der v o r h a n d e n e n Aktionseinheit in Betrieben und Gewerkschaften gegeben ist. Eine Kampagne dieser Art kann nur soweit erfolgreich sein, als sie auf der vorhandenen organisierenden und mobilisierenden Arbeit fußen kann, wobei gleichzeitig diese Arbeit wesentlich vorangetrieben wird durch eine erfolgreiche Manifestation von Arbeiterinteressen am 1. Mai. Autorenkollektiv Redaktion SOPO _____ 1) W.I. Lenin: WERKE, Bd. 2, S. 101. 2) Rosa Luxemburg: GESAMMELTE WERKE, Bd. 2, Berlin 1972, S. 201. 3) W.I. Lenin: WERKE, Bd. 8, S. 343. 4) K. Marx/F. Engels: WERKE, Bd. 23, S. 280. 5) SACHWÖRTERBUCH DER GESCHICHTE, Bd. .1, Berlin 1969, S. 15. 6) Ebenda, S. 551. 7) Vgl. MEW 23, S. 318-320. 8) Siehe hierzu vor allem den Beitrag von J. Seyppel in der Mai- beilage 1972 der Westberliner Zeitung DIE WAHRHEIT vom 1. Mai 1972. 9) SACHWÖRTERBUCH .... a.a.O., S. 16. 10) K. Marx/F. Engels: WERKE, a.a.O., S. 320. 11) Institut für Marxismus/Leninismus beim ZK der SED: GESCHICHTE DER DEUTSCHEN ARBEITERBEWEGUNG, Bd. I, Berlin 1966, S. 639. 12) R. Luxemburg: GEWERKSCHAFTSKAMPF UND MASSENSTREIK, Berlin 1931, S. 278. 13) In Österreich wurde die Kampagne für den Achtstundentag weit- gehend mit dem Kampf für ein allgemeines Wahlrecht verbunden. Vgl. dazu vor allem: Ernst Winkler: DER 1. MAI. Seine Geschichte und Bedeutung, Wien 1961. 14) F. Engels, MEW 22, S. 60. 15) R. Luxemburg: GEWERKSCHAFTSKAMPF ..., a.a.O., S. 291. 16) R. Luxemburg: WERKE, Berlin 1970, Bd. 1/2, S. 537. 17) Ebenda, S. 537/538. 18) R. Luxemburg: GEWERKSCHAFTSKAMPF ..., a.a.O., S. 291. 19) R. Luxemburg: GESAMMELTE WERKE, Bd. 2, a.a.O., S. 204. 20) DIE INTERNATIONALE, Jg. 6, Heft 9, 1. Mai 1923, S. 257. 21) "1. Mai 1929", in: DIE INTERNATIONALE, Jg. 12, Heft 8-9, 1. Mai 1929, S. 241 f. 22) Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED: GE- SCHICHTE..., a.a.O., Bd. IX, Berlin 1967, S. 134. 23) SACHWÖRTERBUCH ..., a.a.O., S. 551. 24) Vgl. dazu: Thomas Funke: "Westberlin. Entwicklung 1945-1972", in: SOZIALISTISCHE POLITIK 21, 1972, S. 52 ff. 25) Nach DIE WAHRHEIT vom 22./23. April 1972. 26) Vgl. dazu: Thomas Funke, a.a.O., S. 50, S. 53 ff. 27) Vgl. dazu: Kathrin Schran, Sonja Piron: "Politik und Ökonomie in Westberlin nach dem Vierseitigen Abkommen", in: SOZIALISTISCHE POLITIK 20, 1972, S. 1 ff. 28) Vgl. ebenda, S. 32 ff. 29) ÖTV-DIALOG, Zeitung der Gewerkschaft ÖTV, Landesbezirk Ber- lin, 2/73. 30) SPANDAUER VOLKSBLATT vom 21.2.73. 31) BERLINER STIMME, Organ der Westberliner SPD, vom 20.1.73. 32) Ebenda. 33) Vgl. SPANDAUER VOLKSBLATT vom 21.2.73. 34) "Berlins Gewerkschaften erwarten von der Berliner SPD, daß sie sich mit dieser Entscheidung für eine Maifeier in den Hallen unter dem Funkturm solidarisiert und ihre Mitglieder zur Zustim- mung hierzu aufruft." (Sickert in der BERLINER STIMME vom 20.1.73). "Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Senioren der SPD for- dern alle Mitglieder der Partei auf, sich an den Veranstaltungen der Gewerkschaft am 1. Mai zu beteiligen." (sic!) (BERLINER STIMME vom 24.2.73). "Jeder bewußte Gewerkschafter nimmt an der DGB-Maifeier teil!" (ÖTV-DIALOG 2/73). 35) Vgl. zu Verfassung und Verfassungswirklichkeit in Westberlin Thomas Funke, a.a.O., S. 55 f. 36) Diese Meldung war ein Nachtrag zu einer vorherlaufenden dpa- Meldung, nach der "der Berliner DGB-Vorsitzende W. Sickert ... die Auffassung vertrat, daß keine Maßnahmen gegen Gewerkschafts- mitglieder ergriffen werden könnten, die sich am 1. Mai an der von der SEW und anderen linken Gruppierungen veranstalteten Mai- Demonstration beteiligen. Die Gewerkschaften seien keine partei- politische Organisation und deren Mitglieder könnten den in West- Berlin zugelassenen Parteien, also auch der SEW, angehören", (dpa/lbn 042 pol vom 21.2.73) Die vorstehende Meldung wurde denn auch in der bürgerlichen Presse nicht wiedergegeben. 37) ROTE PRESSE KORRESPONDENZ Nr. 115 v. 14.5.71. 38) W. Krause in der BERLINER STIMME vom 24.2.73. 39) "Die Berliner Sozialdemokraten können nicht verantworten, daß Teile der Betriebe und der Jugend zur Mai-Demonstration der Kom- munisten gehen und diesen Straßen und Plätze überlassen." (H. Ri- stock in: DER ABEND vom 29.1.73) Man kam "zur Auffassung, daß der 1. Mai 1973 von den Jusos schon deshalb durchgeführt werden müßte, um nicht endgültig die politi- sche Glaubwürdigkeit bei der politischen Jugend unserer Stadt, besonders bei der politischen Gewerkschaftsjugend, zu verlieren." (INFO der Jungsozialisten Berlin-Neukölln Nr. 4/73). 40) In einer Rechtfertigungsschrift im LANDES-INFO der Westberli- ner Jungsozialisten Nr. 2/73 wird dazu gesagt: "... der damalige Juso-Vorstand wollte der Parteirechten nicht den formalen Vorwand liefern, daß die Maidemonstration, wie in den zwei Jahren zuvor, von Vorstandsmitgliedern der SEW angemeldet wurde. Für die Mobi- lisierung dürfte es wohl letztlich gleichgültig sein, wer eine Demonstration angemeldet hat." (W. Biermann: "Der 1. Mai 1973, die Jusos und der 'Spalter-Vorwurf'") Im Nachhinein erwies sich dies aber als der erste einer Reihe von Versuchen, in Konkurrenz zur SEW diese als Partei nicht in Erscheinung treten zu lassen. 41) Am 28./29.1.73 in mehreren Zeitungen abgedruckt; Hervorhebung durch d. Verf. 42) DER ABEND vom 29.1.73. 43) Vgl. LANDES-INFO Nr. 2/73, S. 21. 44) W. Biermann, ebenda, S. 21. 45) Ders., BERLINER STIMME, 10.2.73. 46) W. Biermann, LANDES-INFO Nr. 2/73, S. 21. zurück