Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973
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Julian Quijada / Hans W. Rachdorf
ZUR SOZIO-ÖKONOMISCHEN ENTWICKLUNG SPANIENS (TEIL 1)
Der Bonapartismus gab vor, "alle Klassen zu vereinigen durch die
Wiederbelegung des Trugbilds des nationalen Ruhms. In Wirklich-
keit war es die einzig mögliche Regierungsform zu einer Zeit, wo
die Bourgeoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon
verloren und wo die Arbeiterklasse diese Fähigkeit noch nicht er-
worben hatte."
Karl Marx: "Bürgerkrieg in Frankreich", MEW 17, S. 337/38
Vorbemerkung
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Es herrscht ein erschreckender Informationsmangel über die Ver-
hältnisse in Spanien: Die deutschsprachige Literatur beschränkt
sich auf einige wenige Bücher, die allerdings nur sehr unzurei-
chend über die spezifisch spanischen Probleme zu informieren ver-
mögen. Die meisten bewegen sich auf der leicht zu erklimmenden
Anti-Franco-Ebene und ergehen sich in "demokratischen" Oberfläch-
lichkeiten; einige wenige schwelgen in Soziologismen, andere in
relativ unvermittelter Beschreibung der neuen Arbeiterbewegung.
Die Bürgerkriegsliteratur überwiegt noch immer.
Es gibt bedauerlicherweise nicht ein einziges erwähnenswertes Ge-
schichtswerk über Franco-Spanien in deutscher Sprache. Niemand
hat es bisher für nötig gehalten, die zum Teil ausgezeichneten
Arbeiten verschiedener französischer Historiker zu übersetzen.
Sicherlich sagt dieser desolate Informationsstand auch etwas über
das Erkenntnisinteresse der meisten Romanisten oder Hispanisten
aus: der schöngeistigen Literatur wird noch immer allzu selbst-
verständlich ein Alleinvertretungsanspruch eingeräumt. (Zur nähe-
ren Information sei verwiesen auf Michael Nehrlichs Aufsatz:
"Romanistik und Antikommunismus" in: ARGUMENT 72.)
Wir haben uns vorgenommen, in zwei Artikeln mit der Aufarbeitung
und Analyse des Materials zur Entwicklung des spanischen Kapita-
lismus seit Ende der fünfziger Jahre (1. Teil) und der neuen spa-
nischen Arbeiterbewegung (2. Teil) zu beginnen.
Dabei hat sich besonders bei der Arbeit am ersten und zweiten
Teil als großer Nachteil erwiesen, daß die Kommunistische Partei
Spaniens (PCE) im Untergrund und im Exil arbeiten muß (29.4.72:
Ausweisung des Generalsekretärs Santiago Carrillo aus der BRD
durch Innenminister Genscher). So ist es ihr z.B. nicht möglich,
wie andere KP's eigene Institute zu unterhalten, um in eigenen
Erhebungen die oft dilettantischen, falschen oder gefälschten
Statistiken des Franco-Staates zu überprüfen. Und Gewerkschaften,
die diesen Namen verdienten, gibt es nicht.
Dennoch verdanken wir wesentliche Interpretationen und Hinweise
einem Buch, das von einem PCE-nahen Verlag herausgegeben wurde:
"Un futuro para Espana: la democracia economicay politica", Paris
1967. "Dieses Buch ist die kollektive Arbeit einer Gruppe von
PCE-Mitgliedern, Lehrern, Soziologen, Ökonomen, Medizinern, Juri-
sten, Agronomen, Ingenieuren und Psychologen mit kommunistischer,
sozialistischer, katholischer und fortschrittlicher Ausrichtung,
die an verschiedenen Punkten Spaniens, einige auch im Exil, leben
und arbeiten ... Ihre Namen können heute aus Gründen der Vorsicht
nicht genannt werden ..." (Santiago Carrillo im Vorwort). Weiter-
hin verdanken wir dem trotz aller Mängel und Oberflächlichkeiten
grundlegenden Werk von Ramon Tamames: "La estructura economica de
Espana", Madrid 1971, 6. Ausg., wichtige Anregungen.
Wir haben darauf verzichtet, durchgehende Anmerkungen zu machen,
und stattdessen bibliographische Hinweise angehängt, die Interes-
senten als Grundlage dienen mögen. Wenn also im Text genannten
Büchern keine näheren Angaben beigestellt sind, findet sich das
Werk im bibliographischen Anhang.
Zwei Makel (dieser sind wir uns zumindest bewußt) hängen diesem
Artikel an. Der erste ist, daß die vorhandenen Daten in den mei-
sten Fällen nur bis 1969/70 reichen; diese uns im ökonomischen
Teil aufgezwungene Begrenzung kann aber im zweiten Teil über die
Klassenkämpfe in Spanien nicht eingehalten werden, da Ausmaß und
Entschiedenheit der neuen spanischen Arbeiterbewegung nach dem
Prozeß von Burgos und der damit verbundenen Solidaritätskampagne
mit den zum Tode verurteilten Basken eine neue Stufe erreicht ha-
ben.
Der zweite Makel ist, daß der Artikel uns selbst über einige
Strecken sehr stark deskriptiv erscheint und aufgrund der vielen
Statistiken zum Gähnen reizen mag. Trotz der Einsicht haben wir
wenig auf Abhilfe gesonnen. Es gibt zuwenig deutschsprachiges Ma-
terial über Spanien, um diesen Aufsatz nicht auch als ersten um-
fangreichen Versuch einer Materialsammlung und -ordnung zu ver-
stehen. Wir haben nicht vor, es dabei zu belassen.
Aus diesen Überlegungen heraus haben wir denn auch die manchmal
feuilletonistisch anmutenden Passagen, so wie sie aus unserer
parteilichen Auseinandersetzung mit der spanischen Wirklichkeit
entstanden sind, im Text belassen. Sie mögen, sofern sie gelungen
sind, dem Leser zur Erholung dienen.
Spanien: das ist für "die einen" Franco, Faschismus, Folterungen,
keine Devisen ins Land bringen (höchstens nach Ibiza); für "die
anderen" Eurafrika, Sonne mit Meersalz und Flamenco garniert,
Blut fließt nur beim Stierkampf, Urlaub.
Sicher ist, daß Spanien sein Gesicht in den letzten zehn Jahren
vielerorts verändert hat. Die vielen Millionen Touristen, die je-
den Sommer die Küsten der iberischen Halbinsel heimsuchen, sonnen
sich immer öfter vor Wolkenkratzern, die wie die Krätze an den
Stranden entlangwuchern. Erste Autobahnen verbinden jene Ausge-
burten profitgieriger Kapitalhirne. Und es sind nicht mehr nur
ausländische Autos, die sie benutzen. Längst können die Spanier
mit ihren ratengekauften 600er Lizenz-FIATs ihre Städte selber
zweimal am Tag im Verkehrschaos ersticken lassen. Auf den Bild-
schirmen in den Neubauslums der Arbeitervorstädte wird das Nacht-
gebet vom TV-Sandmännchen vorgekaut, und anschließend verrichtet
El Cordobes Kunsthandwerk.
Gewiß, auch das sind Stereotypen. Aber sie geben ein Abbild Spa-
niens, das sich von dem unserer Gesellschaft kaum unterscheidet.
Auf den ersten Blick. Und auf den zweiten immer weniger. Die spa-
nische Bourgeoisie hat doch noch begonnen, ihre Geschichte in Be-
ton zu gießen. Und sie braucht Franco, damit der Tag, an dem die
600er SEATs alle in eine Richtung fahren, noch nicht so bald kom-
men möge. Denn ihre Wirtschaft besorgt sie wie alle Bourgeoisien
selbst Und wie!?
1. Kurzer Abriß der wirtschaftlichen Entwicklung von 1939-57
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Nach drei Jahren (1936-39) erbitterten Bürgerkrieges konnte die
Finanz- und Großgrundbesitzer-Oligarchie ihre Herrschaft nur
durch einen nach nazi-deutschem und duce-italienischem Modell
aufgebauten Staat absichern. Armee und katholische Kirche liefer-
ten Stütze und Legitimation. In der Hand von Francisco Paulino
Hermenegildo Teodulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo, Führer und
Staatschef von Gottes Gnaden (caudillo de Espana por la gracia de
Dios) vereinigten sich alle öffentlichen Gewalten. Er stand auch
an der Spitze der allein zugelassenen Nationalen Bewegung, die
von nun an die gesamte Bürokratie beschlagnahmen sollte. Neben
dem damit verbundenen Verbot von Parteien wurden faktisch alle
Menschenrechte suspendiert. Die Autonomie-Statute Kataloniens und
Euzkadis (Baskenland) wurden zugunsten einer fiktiven politischen
und kulturellen Einheit der Nation aufgehoben; die Klassen in
einem sogenannten "vertikalen Syndikat" nach Berufsständen
gegliedert, zwangsweise zusammengefaßt. Erklärung XIII,5 des
"Grundgesetzes der Arbeit": "Das vertikale Syndikat ist ein In-
strument zu Diensten des Staates, durch das er hauptsächlich
seine Wirtschaftspolitik ausüben wird." Es verwundert denn auch
nicht weiter, daß das Syndikat aus den sogenannten "Ausschüssen
zur Regulierung der Produktion" entstanden ist. Diese waren wäh-
rend des Krieges, besetzt mit Unternehmern und deren Interessen-
vertretern, im Namen des Staates mit der Verteilung von Großauf-
trägen, Festsetzung von Steuern und Preisen u.a. betraut. Ab 1942
übernahm die Regierung auch offiziell die Festsetzung der Lohnta-
rife.
Die während des Bürgerkrieges in den republikanischen Gebieten
begonnene und beträchtlich vorangetriebene Agrarreform, welche
ein Lösungsversuch für das älteste und gravierendste Strukturpro-
blem Spaniens - Latifundien im Süden, Minifundien im Norden -
war, wurde schnell und gründlich rückgängig-gemacht. Mehr noch,
die staatlich festgesetzten, für Landarbeiter besonders niedrigen
Löhne sowie staatlich fixierte Preise begünstigten die offen to-
lerierten Schwarzmarktpraktiken der Großgrundbesitzer.
Die Industriegesetze von 1939 leiteten jene Autarkiepolitik ein,
die für die nächsten mindestens dreizehn Jahre oberstes Leitprin-
zip aller Wirtschaftspolitik in Franco-Spanien werden sollte. Sie
gaben dem Staat die Macht, die Wirtschaft durch direkte Eingriffe
zu steuern. Die beiden Hauptinstrumente waren das Institute
Nacional de Industria (INI) und die Banken.
Die Banken machten zu dieser Zeit einen starken Konzentrations-
und Monopolisierungsprozeß durch, der vorwiegend durch die Erklä-
rung eines "Status quo" im Jahre 1938 begünstigt wurde: neue
Bankinstitute durften nicht mehr eröffnet werden.
Die Jahre 1939-51 waren gekennzeichnet durch wirtschaftliche Sta-
gnation, wenn nicht sogar Rückgang. Die land- und viehwirtschaft-
liche Produktion brach, in erster Linie wegen der agrarischen Ge-
genreform, zusammen. Die Lebensmittelknappheit machte sich beson-
ders in der Arbeiterklasse bemerkbar und führte zur Ausbreitung
blühender Schwarzmärkte. Die staatlichen Arbeitsreglementierungen
hielten die Löhne niedrig, nahezu auf dem Subsistenzminimum, was
der Oligarchie trotz wirtschaftlicher Stagnation relativ hohe
Profite sicherte. Vor allem im Süden stellte die Arbeitslosigkeit
ein großes Problem dar: die Landarbeiter verkauften jeden Tag auf
dem Marktplatz dem Meistbietenden ihre Arbeitskraft.
Hunderttausende ließ Franco nach seinem "glorreichen Kreuzzug" in
Gefängnisse werfen und erschießen. Millionen, darunter ein großer
Teil qualifizierter Facharbeiter, mußten ins Exil gehen. Und der
Krieg selbst hatte über eine halbe Million Tote gefordert.
Die Kriegsschulden gegenüber Deutschland und Italien belasteten
zusammen mit den vorgenannten Faktoren die auswärtigen, vor allem
Handelsbeziehungen derart, daß sie quasi vollständig zum Erliegen
kamen und ihrerseits die wirtschaftliche Entwicklung hemmten. Die
Auswirkungen der katastrophalen Wirtschaftssituation waren so
verheerend, daß ein "Reruralisierungsprozeß" eingeleitet wurde:
die aktive Landbevölkerung war 1940 und auch noch 1950 merklich
größer als 1930, beträchtlich größer sogar noch als im letzten
Vorkriegsjahr. Damit verbunden war der Rückfall weiter Landge-
biete in Subsistenzwirtschaft, Tauschhandel und soziale Inaktivi-
tät. Erst 1953, 14 Jahre nach Beendigung des Bürgerkrieges, er-
reichte das Volkseinkommen den Vorkriegsstand.
Der seit 1951 langsam einsetzende Wandel in Spanien ist vorwie-
gend auf außenpolitische Umstände zurückzuführen. Mit der Ver-
schärfung des Kalten Krieges im Gefolge des Koreakrieges wurde
Spanien für die USA strategisch interessant. 1951 schon konnte
Franco finanzielle Schwierigkeiten und Engpässe der Rohstoffbe-
schaffung sowie in der Lebensmittelversorgung mit Krediten der
US-Import-Export-Bank überwinden. Im September 1953 schließlich
wurden die inoffiziellen Kontakte zwischen den USA und Spanien
durch die Unterzeichnung eines Militärabkommens offenkundig.
Diese "Madrider Verträge" machten Spanien zu einer der wichtig-
sten Positionen in der US-Nuklearstrategie. In der Folge durfte
Spanien die US-Agrarüberschüsse verzehren, was einerseits zwar
zur kurzfristigen Verbesserung der Versorgungssituation beitrug,
andererseits aber den Ausbau der Landwirtschaft behinderte, die
Preise steigen, die Inflation traben und die Peseta aushöhlen
ließ.
Dennoch wurde die wirtschaftliche Entwicklung durch langfristige
Kredite anderer Staaten (Großbritannien, Frankreich, Belgien)
wieder in Gang gebracht, da sich mit ihnen der Außenhandel wieder
belebte, der durch seine weitgehende Inexistenz einer der wesent-
lichen Faktoren der Stagnationsjahre war.
Mit dem Jahr 1951 endete aber auch die innenpolitische Lähmung.
Die steigenden Lebenshaltungskosten führten zu Protesten, die im
Frühjahr 1951 in Barcelona ihren ersten Höhepunkt fanden: voll-
ständiger Boykott aller öffentlichen Verkehrsmittel und General-
streik. Im Winter 1951 konnte der Zusammenbruch der Lebensmittel-
versorgung nur durch massive Einfuhren verhindert werden.
Die Proteste führten zu einer Regierungsumbildung. Die neuen Mi-
nister liberalisierten den Handel, was zusammen mit zwei Rekord-
ernten (1951/52) zu einer leichten Belebung der Produktion
führte. Ausländische Kredite, Überweisungen der Emigranten, erste
kräftigere Touristenströme und verbesserte Außenhandelsbeziehun-
gen ließen die Industrialisierung wieder in Gang kommen. Es bil-
deten sich vor allem Klein- und Mittelbetriebe, die die nun ein-
setzende Landflucht nicht verkraften konnten. Die Entstehung von
Slums zwang zu einer Intensivierung der Bautätigkeit. Die anhal-
tende Landflucht macht Strukturveränderungen im Agrarsektor not-
wendig, um die Versorgung der schnell wachsenden Stadtbevölkerung
zu sichern. Flurbereinigung ohne Einbeziehung des Großgrundbesit-
zes und Bewässerungspolitik verstärkten noch die bestehenden
ländlichen Machtstrukturen und verursachten zusammen mit der
wachsenden Verschuldung der Kleinbauern aufgrund der Kapitalisie-
rung der Landwirtschaft durch die Finanzoligarchie eine Intensi-
vierung der Land-Stadt-Wanderungen.
Nach 1954 schließlich führten die grundlegenden Widersprüche der
kapitalistischen Produktionsweise im allgemeinen und die spezi-
fisch spanische Situation im besonderen zu einer Wirtschaftslage,
in der nur noch durch Unterstützung von außen der endgültige
Bankrott verhindert werden konnte. Bis 1954 waren die Preise noch
relativ stabil geblieben. Ab 1955 jedoch stiegen sie unaufhör-
lich, während die Peseta an den ausländischen Börsen innerhalb
kurzer Zeit rapide fiel. Dieselben Kredite, welche die Wirt-
schaft, insbesondere die Industrialisierung, wieder in Gang ge-
bracht hatten, waren jetzt Grund dieser Inflation. Da jegliche
übergreifende Planung fehlte, konnten die privaten Monopole im
Schutze der staatlichen Exportbeschränkungen dort investieren, wo
auf kurze Sicht die größten Profite zu machen waren und so ihre
Monopolstellung beträchtlich ausbauen.
Die Autarkiepolitik, die Spanien vor dem Konkurrenzdruck der aus-
ländischen Märkte abgeschirmt hatte, schuf selbst die Widersprü-
che, zu deren Überwindung ab 1957 bis zum heutigen Tage die größ-
ten Anstrengungen gemacht werden. Investitionen flössen in zu
kleine Fabriken mit veralteter Technik; staatliche Lohnfestset-
zungen ließen hohe Profite zu und gaben keinerlei Anlaß zu Ratio-
nalisierungen. Weder Staat noch Monopole bemühten sich um eine
langfristige Grundlagenforschung, die der spanischen Wirtschaft
die Konkurrenz auf dem Weltmarkt erleichtert hätte. Diese Inve-
stitionspolitik nach puren privatkapitalistischen Profitmaßstäben
bei gleichzeitiger Nichtbeachtung der langfristig benötigten
Strukturbedingungen führte schließlich zu steigenden Kosten, die
zusammen mit unkontrollierbar anwachsenden Staatsausgaben durch
rasch steigende Preise den ohnehin eingeschränkten Export merk-
lich erschwerten. Die Exportschwierigkeiten wurden durch das un-
einheitliche Wechselkurssystem, welches Importe de facto belohnte
und Exporte behinderte,- noch verstärkt. Das daraus resultierende
Handelsbilanzdefizit war schließlich so groß, daß auch die Devi-
sen der Touristen und der Emigranten die Zahlungsbilanz nicht
mehr ausgleichen konnten. Die Folge waren immer höhere Kosten zur
künstlichen Aufrechterhaltung der staatlich festgesetzten Wech-
selkurse bei jäh fallenden Peseta-Notierungen und das rapide Weg-
schmelzen der Devisenreserven.
Dies ist die Situation, in der 1956 an den Universitäten die
Kämpfe gegen die faschistisch beherrschte Studentengewerkschaft
SEU ausbrechen. Im Frühjähr 1956 wird der Norden Spaniens durch
Streiks der Bergleute und Metallarbeiter erschüttert. Sie kämpfen
für höhere Löhne und kollektive Lohntarifverhandlungen. Die er-
kämpften Lohnerhöhungen werden bald durch Preissteigerungen auf-
gefressen; das Nachgeben der Regierung in der Frage kollektiver
Tarifverhandlungen ist fruchtlos: es fehlen Gewerkschaften, die
die neuen Möglichkeiten im Interesse der Arbeiter ausnützen könn-
ten. Ansonsten reagiert das Regime hart: Polizeieinsätze, Depor-
tationen, Bei Boykottmaßnahmen gegen die öffentlichen Transport-
mittel in Barcelona und Madrid kommt es im Januar und Februar
1957 zu Straßenschlachten, Bombenanschlägen und Massenverhaftun-
gen. Folterungen sind in den Kommissariaten und Gefängnissen gang
und gäbe.
2. Das Opus Dei
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Diese wirtschaftliche und politische Situation zwingt Franco zur
schwerwiegendsten Regierungsumbildung seit seinem Machtantritt.
Mit López Rodo tritt im Dezember 1956 der erste neue Mann sein
Amt an: er wird Technischer Generalsekretär des Regierungspräsi-
denten (Franco). Am 25. Februar 1957 schließlich stellt Franco
ein neues Kabinett vor, in dem fast alle Wirtschaftsressorts von
Opus-Dei-Leuten besetzt werden. Einfädler der ganzen Wachablösung
ist der heutige starke Mann, Statthalter Francos und Königsmacher
von Juan Carlos, Admiral Luís Carrero Blanco.
Das Opus Dei, zu deutsch: Werk Gottes, ist eine geheime Laien-Or-
ganisation der katholischen Kirche, hierarchisch und autoritär in
Ränge eingeteilt, deren Mitglieder alle Schlüsselpositionen in
Staat und Gesellschaft einnehmen. Die "heilige Maffia" besitzt
oder kontrolliert:
"- die Spanische Volksbank, zwei Industriebanken und zahlreiche
lokale Kredit-Institute;
- Versicherungs-, Finanzierungs-, Holding- und Investmentgesell-
schaften;
- Werbe- und Presseagenturen, Tageszeitungen, Frauenzeitschrif-
ten, Buchverlage, eine Filmgesellschaft und einen Rundfunksender;
- eine Universität in Pamplona, höhere Schulen in Madrid, Barce-
lona und Bilbao, ein Institut für Unternehmensführung, Haushalts-
schulen und Studentenheime."
(SPIEGEL Nr. 46, 1970, S. 152; vgl. Jesus Ynfante: "La prodigiosa
aventura del Opus Dei. Génesis y desarrollo de la Santa Mafia",
Paris 1970)
Der opus-intern so genannte "Vater", der Pater José María Escrivá
de Balaguer, meint in der 479 Punkte umfassenden Satzung, die Yn-
fante ans Tageslicht fördern konnte: "197. Unser Institut ist
zweifellos eine Familie, aber außerdem ist es auch eine Miliz.
Eine Familie ohne die Unannehmlichkeiten der körperlichen Liebe;
und eine Miliz mit der besten Kampfkraft und mit der stärksten
Disziplin ... 202. Mittel unseres Apostolats sind die öffentli-
chen Ämter, insbesondere leitende Positionen." Das Opus Dei ist
für Franco und das spanische Bürgertum die einzige konservative
Gruppe, welche sich anbietet, die drohende Katastrophe zu bekämp-
fen. Im Grunde symbolisiert dieser Regierungswechsel die gewach-
sene politische Macht der Finanz- und Industriebourgeoisie, nach-
dem die Landwirtschaft ihre beherrschende Rolle in den fünfziger
Jahren verloren hat - eine Entwicklung, die sich in den sechziger
Jahren verstärkt fortsetzt.
3. Der Stabilisierungsplan
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Die erste wichtige Amtshandlung der neuen Regierung, die Festset-
zung eines einheitlichen Wechselkurses von 42 Pesetas pro Dollar,
legt im April 1957 die währungspolitische Grundlage für das all-
gemeine Ziel: Abbau der Autarkiepolitik. Die Steuerreform vom De-
zember desselben Jahres behebt zunächst die chronischen Geld-
schwierigkeiten des Staates zumindest teilweise. Eine nur ange-
deutete Verwaltungsreform führt zum Krach mit der Bürokratie und
fällt sachte unter den Tisch. Neben der Erhöhung der Steuern sol-
len andere Maßnahmen wie die Anhebung des Diskontsatzes und die
Einfrierung der Löhne und Gehälter stabilisierend auf die kata-
strophale Situation wirken.
1958 ist ein "internationales" Jahr für Spanien: Januar: Eintritt
in die OEEC (Organization for European Economic Cooperation; ab
1961: OECD - Organization for Economic Cooperation and Develop-
ment); September: Eintritt in den Internationalen Währungsfonds;
November: Eintritt in die Internationale Bank für Wiederaufbau
und Entwicklung. Und damit klar wird, was das ganze wirklich be-
zweckt, wird der Kapitalimport im Juli wesentlich erleichtert.
Eine neugegründete Planungsinstitution (Oficina de Coordinación y
Programación Económica de la Presidencia del Gobierno - OCYPE)
hat schon im März ein "Programm zur Neuordnung der öffentlichen
Investitionen" veröffentlicht.
Doch zeitigt dies alles vorerst nur äußerst spärlich die er-
wünschten Ergebnisse. Nach zwei Jahrzehnten allgemeiner und
"institutionalisierter" Wirtschaftsanarchie mit Preissteigerun-
gen, die zu schwerwiegenden Ungleichheiten zwischen den verschie-
denen Produktionszweigen geführt haben, ist es praktisch unmög-
lich, eine einheitliche Politik zu betreiben. Vermutlich weil zum
erstenmal in der spanischen Wirtschaftsgeschichte jemand daran
dachte, klassische kapitalistische (Keynes'sche) Wirtschaftsme-
thoden anzuwenden, sprechen kritische Beobachter seitdem vom spa-
nischen "Neokapitalismus".
Die plötzliche Öffnung der Grenzen führt zu sprunghaften Steige-
rungen der Einfuhr. Im August 1959, knapp einen Monat nach der
Bekanntgabe des offiziellen Stabilisierungsplans, reichen die
verfügbaren Devisen gerade noch für die Importe eines Monats. Der
Plan de Estabilización vom 21./22. Juli 1959 hat das Ziel, durch
Stabilisierung der Preise und Ausgleich der Zahlungsbilanz den
inflationären Prozeß zu stoppen. Zur Stabilisierung im Innern
werden die Löhne und Gehälter eingefroren, die Ausgaben unter
Kontrolle gestellt. Steuern und staatliche Tarife (Post, Eisen-
bahn etc.) erhöht, Kredite beschränkt und der Diskontsatz aber-
mals gehoben. Den Ausgleich im Außenbereich sollen die Abwertung
der Peseta auf 60 ptas pro Dollar, Importbeschränkungen bei
gleichzeitiger Begünstigung von Exporten, Anleihen im Ausland und
Verbesserung der Anlagebedingungen für ausländische Investoren
herbeiführen.
Drei Maßnahmen bilden den Kern dieses Programms:
1. Die Festsetzung eines neuen, um 43 Prozent (!) niedrigeren
Wechselkurses verstärkt die Touristenschwemme und vergrößert das
Exportvolumen, was teilweise jedoch auch auf Überschuß-Exporte um
jeden Preis wegen der durch den Plan herbeigeführten Rezession
zurückzuführen ist. Was die Touristen und ihren entscheidenden
Beitrag zur Stabilisierung angeht (ihre Devisen ermöglichen den
Ausgleich der bis auf das für die "opusdeistas" erfolgreiche Jahr
1960 weiterhin negativen Handelsbilanz), so ist die Gottes-
werkler-Regierung daran unschuldig. Die Touristeninvasion wird
erst zum Rechnungsfaktor, als man mit ihrer Regelmäßigkeit rech-
nen kann. Ihre Ursache ist Spaniens geographische Lage und das
günstige Klima, der unmittelbare Anlaß die Prosperitätswelle in
der neuen EWG und die Peseta-Abwertung. Kredite des Internationa-
len Währungsfonds, der Haupt-OEEC-Länder, von US-Privatbanken und
Regierung sowie Importerleichterungen für Rohstoffe überbrücken
die Devisenknappheit.
2. Die Einfrierung der Löhne und Gehälter ist der Versuch, Stabi-
lität auf Kosten der werktätigen Massen zu erreichen, nachdem die
starken Preissteigerungen die Lohnerhöhungen von 1956 schon auf-
gefressen haben. Den Unternehmern wird obendrein eine leichtere
Handhabung von Entlassungen zu Füßen gelegt und gleichzeitig, um
Überdruck zu vermeiden, werden die Emigrationsquoten erhöht. Der
offizielle Auswanderungssaldo für die vier Jahre 1959-1962
beläuft sich auf 459.442, andere Angaben der Banco de Bilbao
liegen darunter, in einigen Publikationen taucht immer wieder
"über 700.000" auf, was allerdings nicht näher differenziert
wird. Doch schon die offiziellen Angaben bedeuten einen Verlust
von ca. 4 Prozent der aktiven Bevölkerung. Auf diese Weise werden
nicht nur viele Klassenkämpfe vermieden, die fleißigen-
Überweisungen der Exportierten bringen so viele heißerwünschte
Devisen, daß Tamames meint, ohne sie wäre möglicherweise sogar
die gesamte Stabilisierung gefährdet gewesen.
3. Nach Jahrzehnten inflationsfördernder Haushaltspolitik wird
nun der Versuch gemacht, eine wirksame Ausgabenkontrolle durch-
zuführen (wie und in wessen Interesse, s.u.). Vor allem werden
keine staatlichen Pfandbriefe mit Kreditgarantie mehr ausgegeben,
denn sie waren seit 1939 der unmittelbar entscheidende Faktor für
den ständigen Betrieb der Notenpresse und damit für die Preis-
steigerungen. Den Privatbanken werden Kreditbeschränkungen aufer-
legt, die einerseits zur Stärkung der Banken, andererseits zur
finanziellen Schwächung der nicht-monopolistischen Unternehmen
beitragen.
Diese Maßnahmen führen nach Abbau der Lagervorräte schon im zwei-
ten Halbjahr 1959 zu Produktionsdrosselungen und damit zu umfang-
reichen Entlassungen, Abbau der Überstunden und Kurzarbeit, was
in einigen Industriezweigen Lohneinbußen bis zu 50 Prozent mit
sich bringt. Bei gleichzeitiger Hochkonjunktur in den EWG-Ländern
verursacht diese Politik Massenauswanderungen.
Nutznießer dieser künstlich herbeigeführten Rezession ist die Fi-
nanzoligarchie. Die Banken erzielen vor allem wegen der 1960 und
1961 abermals erhöhten Zinssätze die höchsten Profite ihrer Ge-
schichte, während das Nationaleinkommen insgesamt 1959 um 2,7
Prozent sinkt und 1960 noch unter dem Abschluß von 1958 liegt.
Erst 1961 und nach der Aufhebung der Bremsmaßnahmen beginnen
Preise, Investitionen und Gewinne allgemein wieder zu steigen, um
1962 das sogenannte "spanische Wirtschaftswunder" einzuleiten.
Das "Wunder" steht allerdings vorerst auf wackligen Beinen, weil
die spanischen Kapitalisten das während Rezessionsphasen Übliche:
stabilisierende Rationalisierungen und Strukturveränderungen, we-
gen der mit dem Stabilisierungsplan verbundenen Importbeschrän-
kungen nur unzureichend realisieren konnten. Die Hoffnungen der
gottgewirkten Regierung auf ausländische Kapitalhilfe in Form von
Direktinvestitionen wird wegen der Rezession nur schwach erfüllt.
So gerät die Aufhebung dieser Nachteile nicht nur zur Grundlage
eines beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwungs, sondern auch zu
seiner ersten Phase. Die geöffneten Grenzen setzen den spanischen
Kapitalismus der starken Konkurrenz der EWG-Länder aus. Zusammen
mit den heftigen Klassenkämpfen von 1962 und der folgenden Jahre,
die dem gottbegnadeten Franco und seinen Gottesmaffiosi de facto
das Streikrecht und weit höhere Löhne abtrotzen, führt dies zu
relativ umfangreichen Rationalisierungen und Modernisierungen.
4. Einige makroökonomische Angaben
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Um einen allgemeinen Überblick über die wirtschaftliche Entwick-
lung Spaniens während der sechziger Jahre zu geben, wollen wir,
bevor wir eine detaillierte Analyse erstellen, einige makroökono-
mische Angaben machen.
Tabelle 1
Nationaleinkommen in Ptas von 1964 (Mio.)
Jahr Ptas Änderungsrate
58 671.046 5,2
59 653.017 2,7
60 661.658 1,3
61 743.481 12,4
62 818.859 10,1
63 894.418 9,2
64 946.228 5,8
65 1.013.169 7,1
66 1.087.636 7,3
67 1.127.825 3,7
68 1.194.133 5,9
69 1.270.972 6,4
70 1.348.501 6,1
_____
(Quelle: Informe Económico 1970, Banco de Bilbao)
Die im allgemeinen günstige Entwicklung der spanischen Wirt-
schaft, zumindest aus der Sicht des Kapitalisten, zeigt sich in
Tabelle 1. Darin wird direkt deutlich, welchen Einfluß die Wirt-
schaftspolitik der neuen Regierung auf die gesamte Entwicklung
der spanischen Wirtschaft gehabt hat. In den Jahren 1959 und 1960
führt die künstlich erzeugte Deflation zu einem Einbruch in der
langsamen Aufwärtsentwicklung des Nationaleinkommens.
Als die Gotteswerkler die Grenzen öffnen und Kreditbremsen loc-
kern, schießen die Zuwachsraten hoch und stabilisieren sich all-
mählich bei einem durchschnittlichen Wachstum von 6,5 Prozent für
die sechziger Jahre. Zum Vergleich: nur Japan kann höhere Raten
aufweisen (9,8%). Die Türkei (5,8%), Griechenland (5,7%) und Por-
tugal (4,7%), Länder mit vergleichbar niedrigem Ausgangsniveau,
sowie Italien (4,6%) und Frankreich (4,4%) folgen mit teils be-
trächtlichem Abstand.
Vergleicht man jedoch absolute Daten, wie etwa das Bruttoinland-
sprodukt pro Kopf, so zeigt sich sofort, auf welcher Ebene die
obengenannte Rate zu betrachten ist. Spanien weist zwar relativ
hohe Zuwachsraten des Nationaleinkommens auf, hinkt jedoch weit
hinter höher entwickelten Ländern (auch Italien) her. Lediglich
die Türkei bleibt erheblich hinter der spanischen Quote zurück.
Tabelle 2
Jahresdurchschnitte für den Zeitraum 1961-70:
Reale Wachstums- Aktive Produktivitäts-
rate des BIP's zu Bevölkerung steigerungsrate
Faktorkosten
1 2 3
Landwirtschaft,
Forst und Fischerei 2,93% 2,58% 5,62%
Industrie 9,76% 2,99% 6,53%
Dienstleistungssektor 7,68% 2,14% 5,46%
_____
(Quelle: Informe del servicio de EStudios del Banco Urquijo 1970)
Das schnelle Wachstum des Nationaleinkommens stützt sich eindeu-
tig auf Industrie- und Dienstleistungssektor, während die Land-
wirtschaft aufgrund ihrer überkommenen Struktur nur geringe Stei-
gerungsraten zu verzeichnen hat (s. Tabelle 2, 1). Es zeigt sich,
daß die stattgefundene Mechanisierung nur bedingt Einfluß auf
diese Entwicklung besessen hat. Neben der verstärkten Stützung
des Industriesektors hat die Stabilisierungspolitik der Jahre
1959/60 starken Einfluß auf die Arbeitskräftebewegungen (Land-
und Landesflucht) gehabt hat. Die aktive Agrarbevölkerung hat um
2,58 Prozent pro Jahr abgenommen, die der Industrie um fast 3
Prozent zugenommen. Vor allem der Tourismus ließ die Beschäftig-
tenzahl im Dienstleistungssektor anwachsen. Das zehnjährige Mit-
tel verdeckt allerdings das wahre Ausmaß der stattgefundenen Wan-
derungen (Tabelle 2, 2). Aus den Angaben über die Produktivität
schließlich (s. Tabelle 2, 3) geht hervor, daß die mit Touristen-
devisen gekauften neuen und modernen Maschinen zu einer beträcht-
lichen Produktivitätssteigerung geführt haben. In welchem Maße
daran die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter beteiligt ist, läßt
sich allerdings nicht feststellen.
Ein Blick auf die Höhe der Bruttoinvestitionen macht deutlich,
daß der spanische Kapitalismus trotz der erheblichen Veränderun-
gen, die er in den sechziger Jahren erfahren hat, im Vergleich
mit anderen Ländern nur sehr unzureichend in der Lage ist, die
vorhandenen Mittel voll auszuschöpfen. Die Tabelle 3 zeigt aber
auch, daß die Akkumulation sich in Grenzen hält.
Neben der starken Emigrationsbewegung mag noch der geringe Anteil
der arbeitenden Frauen an der Bevölkerung das alles in allem
niedrige Entwicklungsniveau der Industrie kennzeichnen.
Tabelle 3
Investitionsrate: Bruttoanlageinvestitionen gemessen am Bruttoso-
zialprodukt
'65 '66 '67 '68 Durchschnitt
Spanien 22,9 22,7 21,3 20,9 21,9
Italien 18,8 18,3 18,9 19,4 18,8
Griechenland 22,8 23,9 21,7 26,0 23,6
Frankreich 24,4 25,5 25,2 24,9 24,9
BRD 26,3 25,4 22,8 23,1 24,4
_____
(Quelle: Banco de Bilbao 1970)
Aus der Tabelle 4 ist zu ersehen, daß überwiegend männliche Ar-
beitskräfte das Land verlassen haben: ihr Anteil an der Bevölke-
rung ist im fraglichen Zeitraum gesunken, während derjenige der
Frauen konstant geblieben ist.
Tabelle 4
Aktive Bevölkerung in % der Gesamtbevölkerung
1960 1965 1967 1968 1969
männlich 64,2 60,0 59,7 59,6 59,0
weiblich 13,5 17,1 17,5 17,4 17,5
gesamt 38,1 38,2 39,9 37,9 37,1
_____
(Quelle: Spanien, Länderkurzberichte 1971, S. 17)
Schlüsselt man die aktive Bevölkerung nach Sektoren auf, so ist
die in den sechziger Jahren endgültig vollzogene Entwicklung Spa-
niens von einer agrarisch-industriellen zu einer industriell-
agrarischen Gesellschaft klar zu erkennen (Tabelle 5). Während
die Landwirtschaft fast ein Drittel ihrer Beschäftigten verlor
und heute der anteilmäßig kleinste Sektor geworden ist, haben In-
dustrie- und Dienstleistungssektor wesentlich an Bedeutung gewon-
nen. Allerdings zeigt ein Vergleich mit Italien, Frankreich und
der BRD, daß der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten
an der aktiven Bevölkerung immer noch weit über dem der hochent-
wickelten Industrieländer liegt.
Tabelle 5
Erwerbstätigkeitsstruktur in einigen Ländern, % nach Sektoren
Spanien Italien Frankreich BRD
1960 1970 1970 1970 1970
Agrarsektor 41,7 29,4 19,6 14,0 9,0
Industriesektor 31,8 37,3 43,7 38,9 50,3
Dienstleistungs-
sektor 26,5 33,3 36,7 47,1 40,7
_____
(Quelle: Banco de Bilbao)
Im Verhältnis zur immer noch sehr hohen Zahl der im Primärsektor
Beschäftigten ist der landwirtschaftliche Ertrag bescheiden. Sein
Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt ist in nur fünf Jahren um 5 Pro-
zent zurückgegangen. Bei gleichzeitigem Ansteigen des industriel-
len Beitrags ist auch hier wieder das größere Gewicht der Indu-
strie, wie wir sehen werden, vor allem der verarbeitenden Indu-
strie, abzulesen (Tabelle 6). Das größte Gewicht besitzt aller-
dings der Tertiärsektor, was in Spanien weniger auf ein weiteres
Anschwellen der ohnehin reichlich aufgeblasenen Bürokratie als
auf die rasante Entwicklung des Tourismus mit seinen Reisebüros,
Hotels, Bars usw. zurückzuführen ist.
Tabelle 6
Beitrag der jeweiligen Sektoren zum Bruttoinlandsprodukt (in %)
I II III
Land- u. Berg- Indu- Bau Elek- Trans- Handel Andere
Forst- werke strie tri- port Dienst-
wirtsch. zität leistun-
u. Fisch gen
Spanien 1966 18 1 27 5 2 6 12 29
67 16 1 26 5 2 7 12 31
68 16 27 5 2 7 12 31
69 15 28 5 2 7 12 31
70 13 28 5 2 7 12 32
Italien 68 13 29 8 7 12 31
70 10,3 40,5 49,2
Frankreich 70 6,0 48,1 45,9
_____
(Quelle: Banco de Bilbao)
Über die Entwicklung der Lebenshaltungskosten geben Daten im Ka-
pitel zur sozialen Lage der Arbeiterklasse Aufschluß.
5. Staatsausgaben
-----------------
Wie bisher gezeigt worden ist, verfügt der spanische Staat über
umfangreiche Möglichkeiten, in den Verlauf der Wirtschaft ein-
zugreifen, was er zugunsten der Oligarchie und zur Unterdrückung
und Auspowerung der Arbeiterklasse auch mehr als genug geübt hat.
Als öffentlicher Investor hingegen hat er im Vergleich mit eini-
gen anderen OECD-Staaten bisher nur sehr wenig lenkend inter-
veniert. Daran ändern auch die verschiedenen Plan-Versuche nichts
Entscheidendes. Dies zeigt der folgende Vergleich der Staatsaus-
gaben verschiedener Länder, gemessen am Bruttosozialprodukt
(Tabelle 7).
Tabelle 7
Gesamtausgaben des Staates in % des Bruttosozialproduktes
BRD Frankreich Italien EWG Spanien
1959 38,7 38,1 32,7 36,5 15,6
1960 36,7 32,7 34,5 19,4
1966 40,1 40,9 36,8 40,2 21,6
_____
(Quelle: Hacienda pública española, Nr. 6/7, 1967)
Aus dieser Tabelle geht hervor, daß zwar auch in Spanien die
staatlichen Angaben und ihr Anteil am BSP gestiegen sind, doch
auf einer Ebene, die weit unter dem EWG-Mittel liegt. Der Stabi-
lisierungsplan hat offensichtlich hohe Investitionen seitens des
Staates erfordert. 1960 steigt der Anteil der Staatsausgaben am
BSP im Vergleich zu 1959 um 3,8 Prozent, um in den folgenden fünf
Jahren nur noch um insgesamt 2,2 Prozent zuzunehmen. Daraus läßt
sich ableiten, daß der Staat seit dem Eintritt der Geheimlaien
des Opus in die Regierung in stärkerem Maße eine subsidiäre Rolle
als Investor spielt. Ungefähr 40 Prozent der Ausgaben umfassen
Personalkosten (1968: 42,1%), 32,5 Prozent sind
Kapitaloperationen. Die staatlichen Investitionen machen damit
19,5 Prozent der gesamten Investitionen aus. Das ist allerdings
im Verhältnis zum Anteil staatlicher Mittel an der Finanzierung
von Kapitalanlagen in anderen Ländern während der letzten Jahre
ziemlich wenig. In den USA macht dieser Anteil 31 Prozent, in
Großbritannien sogar 45, in Frankreich und Italien 30 Prozent
aus.
Dies steht im Einklang mit der Stützfunktion des Staates in Zei-
ten, in denen nationales und internationales Kapital aufgrund ei-
ner starken Konjunktur günstige und ausreichende Verwertungsbe-
dingungen vorfinden. Es kommt nicht von ungefähr, daß die auslän-
dischen Investitionen in diesen Jahren des wirtschaftlichen Auf-
schwungs relativ konstant fast 10 Prozent der Gesamtinvestitionen
ausmachen (vgl. Kapitel über Kapitalimport).
In den letzten Jahren haben interessanterweise die Staatsausgaben
für den Erziehungsbereich, besonders die Universitäten, zugenom-
men (1968: 11,6%). Zum Vergleich: Armee und andere Sicherheitsor-
gane zusammen bekommen ca. 20 Prozent (1968). Falls es Ziel der
vermehrten Erziehungsausgaben war, der starken Studentenbewegung
die Spitze zu nehmen, so handelte es sich um beträchtliche
Fehlinvestitionen. Der Kampf der Studenten, der Mitglieder des
"Mittelbaus" und nicht weniger Professoren sowie eines großen
Teils der "Gymnasiasten" gegen die neuen Bildungsgesetze, die
Franco-Opus-Regierung und den Kapitalismus ist nie stärker gewe-
sen als in den letzten Jahren. Am 14. Februar 1972 lagen nahezu
alle Universitäten des Landes lahm, keine blieb unberührt vom
Aufruf zum universitären Generalstreik. In diesem Jahr fand in
Madrid sogar ein Examensstreik statt.
Sollte das Ziel der erhöhten Bildungsinvestitionen jedoch auch
einer Reorganisierung und Anpassung des wissenschaftlichen Nive-
aus an die Anforderungen der veränderten Bedingungen des spani-
schen Kapitalismus gewesen sein, dann muß man sich wirklich fra-
gen, ob die Laien-Regierer ihre eigene Politik noch zu überblic-
ken in der Lage sind. Denn zu einer langfristig angelegten Poli-
tik zur Nutzung der Produktivkraft Wissenschaft gehört mehr als
die Ausbildung von ein paar Studenten der Großbourgeoisie. Die
staatlichen u n d privaten Investitionen in Forschung (im wei-
testen Sinne) erreichen zwischen 1963 und 1967 den erschlagend
mächtigen Anteil am Bruttosozialprodukt von durchschnittlich 0,2
Prozent. Das ist etwa zwanzigmal weniger als in den hochentwic-
kelten kapitalistischen Ländern. Die Tatsache, daß die großen Mo-
nopole, vor allem die von ausländischem Kapital kontrollierten,
dennoch den höchsten technischen Anforderungen entsprechen, läßt
das Ausmaß der technologischen Abhängigkeit Spaniens zumindest
ahnen.
Staatseinnahmen
---------------
Eine der ersten Opus-Aktionen nach dem Regierungsantritt im Jahre
1957 war eine Steuerreform, deren einziger Zweck in der Erhöhung
der Staatseinnahmen lag. Eine weitere solche Reform im Jahre 1964
brachte im Prinzip nichts anderes. Keine der beiden hat etwas an
der starken Steuerregression geändert, die das spanische Steuer-
system charakterisiert. Hier herrscht das Prinzip, daß diejeni-
gen, welche viel haben, am wenigsten und diejenigen, welche wenig
haben, am meisten Steuern zahlen, besonders ausgeprägt. Darüber-
hinaus gibt es unzählige Möglichkeiten, sich dem Finanzamt zu
entziehen; Möglichkeiten, die größtenteils ohnehin nur von Rei-
chen genutzt werden können.
Was das spanische Steuersystem besonders unsozial macht, ist der
mit 70 Prozent besonders hohe Anteil indirekter Steuern (direkte:
30%). Diese Verbrauchssteuer stellt für die Masse der Bevölke-
rung, die Werktätigen und ihre Familien, eine besonders schwere
Belastung dar. Welches Gewicht diese Steuern haben, zeigt der
Staatshaushalt: der Anteil der indirekten Steuern an den gesamten
Budgeteinnahmen liegt bei 60 Prozent.
6. Plan de Desarrollo
---------------------
Im Touristen- und Streikjahr 1962 wird die Comisaria del Plan de
Desarrollo (Entwicklung) geschaffen und 1964 halten die Geheimka-
tholiken die Zeit für die Fortsetzung ihrer Plan-Wirtschaft für
gekommen. Am 28. Dezember 1963 wird der I. Plan de Desarrollo
Economico y Social Gesetz. Im ersten Abschnitt des Plans für
1964-1967 heißt es: "Der Wiederaufbau- und Entwicklungsprozeß
während der letzten zwanzig Jahre hat einen Reifegrad erreicht,
der die Formulierung eines allgemeinen Plans empfiehlt, in dem
global die unmittelbaren Ziele der Wirtschaftspolitik festgesetzt
und die zu ihrer Erreichung notwendigen Maßnahmen ergriffen wer-
den."
Wenn oben gesagt wurde, mit dem Opus Dei habe Keynes auch in Spa-
nien seinen Einzug gehalten, heißt das nicht, daß damit gleich
Meister vom Himmel gefallen wären. Im Gegenteil, bei ihrer plan-
vollen "Wirtschaftswunder"-Politik sind die Opus-Leute recht mit-
telmäßige Zauber-Lehrlinge der französischen "planification" und
angesichts der Ergebnisse eher aus allen Wolken gefallen. Sie
übernehmen schematisch die Praktiken einer Wirtschaft, die mit
der spanischen aufgrund ihres viel höheren Entwicklungsstandes
und ihrer unterschiedlichen Strukturen nur gemein hat, daß sie
auch kapitalistisch ist. So kann es geschehen, daß man ungeachtet
aller ökonomischen wie technischen Voraussetzungen vom vierten
Plan der Franzosen abschreibt und dabei übersieht, daß etwa deren
erster sich "Plan de Modernisation et d'Equipment" nannte. Mögli-
cherweise sollte der Stabilisierungsplan diese Rolle spielen,
doch hat der Plan durch seine eigene Widersprüchlichkeit den re-
lativen Mißerfolg provoziert. Nicht einmal die für Planung unbe-
dingt notwendigen statistischen Bedingungen sind ausreichend, wie
denn auch wir bei der Arbeit an diesem Artikel immer wieder zu
spüren bekamen.
In den Eingangskapiteln des ersten Entwicklungsplanes wird er-
klärt, die Richtlinien für den privaten Sektor seien mit Rück-
sicht auf die "freie Initiative und die individuellen wirtschaft-
lichen Entscheidungen" lediglich "indikativ", also unverbindlich,
und für den öffentlichen Sektor "bindend". Um den privaten Sektor
etwas mehr zu binden, wird eine "konzertierte Aktion" ins Leben
gerufen, wobei bestimmte Unternehmen freiwillig gute Miene zum
Zahlenspiel des jeweils zuständigen Ministeriums machen. Die Par-
titur enthält Angaben über das zu erreichende Produktionsvolumen,
zu schaffende Arbeitsplätze, Exportziffern und Maßnahmen zur Ra-
tionalisierung und Kostensenkung. Damit die Unternehmer dabei
nicht aus dem Takt kommen, erhalten sie Steuervergünstigungen,
Zuschüsse, billige Kredite usw.
Darüberhinaus werden öffentliche Gelder für Investitionen ausge-
geben: etwa für sogenannte "Förderungszentren" zur Stabilisierung
wenig entwickelter Landesteile oder um schwächere Wirtschafts-
zweige, manchmal auch einzelne Unternehmen zu stützen.
Vergleicht man Plan und Wirklichkeit, so zeigt sich, wie wenig
sich privater u n d öffentlicher Sektor nach den Linien des
Plans gerichtet haben. Wenn man die Inflationsrate der Jahre
1964-1967 in Rechnung stellt, ergibt sich, daß der Staat im
Durchschnitt sein eigenes Investitionsprogramm nur zu 77,5 Pro-
zent erfüllt hat (1964: 83,1%; 1965: 77,6%; 1966: 70,5%; 1967:
81,1%). Die folgende Tabelle 8 aus dem Jahre 1966, die Plan und
Realität der makroökonomischen Entwicklung vergleicht, bedarf
keines Kommentars.
Tabelle 8
Entwicklung der makroökonomischen Größen (Zuwachs in %)
Plan 1964 1965 1966
jährl.Rate provisorisch
Bruttosozialprodukt 6,0 7,5 7,8 7,8
Privater Verbrauch 5,5 3,9 9,1 7,9
öffentlicher Verbrauch 5,0. 5,1 5,0 5,0
Bruttekapitalbildung 9,0 13,3 18,9 8,1
Exporte 10,0 25,0 -1,0 8,6
Importe 9,0 15,0 33,0 14,9
Preise
Großhandel - 9,1 5,5 1,5
Lebenshaltungskosten - 13,5 9,4 5,3
_____
(Quelle: López Muñoz/García Delgado: Crecimiento y crisis del ca-
pitalismo español)
In zwei wichtigen Einzelbranchen der spanischen Wirtschaft, dem
Tourismus und der Bauindustrie, ist den Gotteswerklern die wirk-
liche Entwicklung, am weitesten gegen den Richtstrich gelaufen.
Der Plan sah für 1964 eine Ausweitung der Bautätigkeit um 8 Pro-
zent vor, tatsächlichs betrug sie 20 Prozent. Von den Touristen
wünschte man sich, sie möchten 10,9 Prozent mehr Devisen ins Land
bringen; sie übererfüllten ihr Soll und brachten 39,2 Prozent.
Ziemlich ähnlich verhält es sich mit der Automobil Industrie. Der
II. Plan de Desarrollo Economico y Social von 1968-1971 braucht
hier nicht näher beleuchtet zu werden. Dem Leser würde dadurch
kein neues Licht aufgehen. Momentan versucht gerade der III. Plan
(1972-1975) zu laufen. Das gelingt ihm nach Meinung des Vertre-
ters der Ständeorganisation der Volks- und Betriebswirte (Colegio
de Economistas) in den Cortes, Senor Diaz Llanos, deshalb nicht
so recht, weil in dem Plan "kein centimo für eine Kirche oder ein
Gebetshaus" enthalten sei; "weil dieser Plan von Frankreich abge-
guckt worden ist, und Frankreich hat ihn von Rußland abgeguckt
und Rußland hat einen materialistischen Plan gemacht, ohne jeden
geistigen Gehalt. Das hätte jeder Marxist oder Sozialist genauso
machen können. Das ist ein und dasselbe." (Triunfo, Nr. 506,
10.7.1972)
7. Außenhandelsbeziehungen
--------------------------
Vorwiegend im Zusammenhang mit der "Öffnung nach Europa" stellt
sich die für die spanische Wirtschaft grundlegende Frage nach
Art, Umfang und Entwicklung der Außenhandelsbeziehungen. Im Ver-
gleich mit den meisten europäischen Ländern fällt das geringe Ge-
wicht des Außenhandels auf, obwohl dieser im Verlauf der sechzi-
ger Jahre eine beachtliche Steigerung erfahren hat (Tabelle 9).
1961 machte er 11 Prozent, 1967 schon 19,8 Prozent und 1969 24
Prozent des Nationaleinkommens aus. Wie aus Tabelle 12 ebenfalls
zu ersehen ist, ist die Handelsbilanz chronisch negativ. Aus der
folgenden Tabelle 10 geht dies noch einmal deutlich hervor. Al-
lerdings ist die Lücke in den letzten Jahren immer kleiner gewor-
den. 1967 wurden die Importe nur zu 40 Prozent durch Ausfuhren
gedeckt (Tabelle 11), während die Deckungsquote 1971 schon 59,1
Prozent erreichte.
Tabelle 9
Nationaleinkommen und Außenhandel 1967 (in Mrd. der jeweiligen
Landeswährung)
(1) (2) (3) (4) 3 2
Import Export Total Volksein- - . 100 - . 100
Ex + Im kommen 4· 1
Spanien 212 85 297 1497 19,8 40,0
Frankreich 61 56 117 405 28,8 91,8
Griechenland 36 15 51 173 29,7 41,7
Italien 6061 5439 11500 33365 34,9 89,7
Türkei 6 5 11 88 12,5 83,3
_____
(Nach Angaben des Institute Nacional de Estadistica (INE)
Tabelle 10
Entwicklung der Handelsbilanz, in Mio. Dollar und %
Steigerung
68 69 % 70 % 71 %
Einfuhren C.I.F. 3.522,1 4.233,0 20,1 4.747,2 12,1 4.970,3 4,7
Ausfuhren F.O.B. 1.589,2 1.900,2 19,6 2.388,5 25,7 2.937,8 23,1
Handelsdefizit 1.932,9 2.332,8 20,6 2.358,7 1,1 2.032,5
-14,0
Deckungsquote 45,1 44,8 50,3 59,1
_____
(Quelle: Boletín Estadístico del Banco de España)
Tabelle 11
Außenhandel nach Warengruppen in Mrd ptas; Einfuhr (Im) cif, Aus-
fuhr (Ex) fob
1961 1963 1966 1968 1970
Im Ex Im Ex Im Ex Im Ex Im Ex
Nahrungsmit-
tel 9,65 17,02 18,80 17,64 31,6 29,6 29,4 36,3 33,6 41,2
Getränke u.
Tabak 1,70 1,88 1,95 2,36 3,1 3,1 4,5 4,2 5,2 5,6
Miner. Brenn- und
Schmierstof-
fe 10,65 2,52 14,82 2,60 20,7 3,4 37,9 9,6 43,9 9,2
Rohstof-
fe 12,77 3,80 14,05 4,10 33,4 1,2 39,6 3,0 56,5 8,4
Tierische u. pflanzl.
Fette 2,85 4,10 5,02 2,94 2,1 2,8 1,9 2,3 2,1 10,0
Verarbeitete
Prod. 27,90 13,62 62,62 14,51 123,4 35,1 131,7 55,8 188,7 92,7
Gold - - - - 1,1 - 1,4 - 2 2 -
Ge-
samt 65,54 42,57 117,27 44,11 215,4 75,2 246,5 111,2 332,3 167,7
_____
(Angaben nach INE)
Die spanische Wirtschaft ist aufgrund ihres relativ niedrigen In-
dustrialisierungsniveaus, wenn sie die augenblicklichen Wachs-
tumsraten beibehalten will, gezwungen zu modernisieren. Aus eige-
ner Kraft ist sie dazu allerdings nicht in der Lage. Es fehlen
immer noch nicht nur viele Ausrüstungsgüter samt eigener Maschi-
nenbauindustrie und das technische wie organisatorische Know-how,
sondern auch eine ganze Reihe wichtiger Grundstoffe. Nahrungsmit-
tel müssen in ständig steigendem Umfang eingeführt werden. Hier
offenbart sich eine grundlegende Schwäche des spanischen Kapita-
lismus: nämlich der Widerspruch zwischen den dynamischen Anstößen
einiger Industriezweige und seiner schlichtweg archaischen Struk-
tur. So ist er z.B. nicht in der Lage gewesen, eine Agrarreform
durchzuführen, die eine ausreichende Lebensmittelversorgung der
Bevölkerung, vor allem der aufgrund der Landflucht ständig an-
wachsenden Stadtbevölkerung, garantieren könnte. Eine andere
Schwäche ist aus der Sicht der Kapitalisten das Fehlen
"horizontaler" Gewerkschaften, die durch ihre regelmäßigen Lohn-
forderungen eine ebenso regelmäßige Modernisierung und Umorgani-
sierung der Produktion erforderlich gemacht hätten. Es ist offen-
sichtlich, daß hier der Faschismus als Staatsform widersprüchli-
che Auswirkungen gehabt hat: zum einen war er zwar in der Lage,
die Herrschaft der Bourgeoisie über die Arbeiterklasse aufrecht
zu erhalten; zum anderen aber hat er jeglichen Versuch, die Ar-
beiterklasse in das kapitalistische System zu integrieren, unmög-
lich gemacht. Die Folge war die Perpetuierung eben jenes Kräfte-
verhältnisses zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie, welches
die offene Herrschaft des Faschismus notwendig machte.
Nach alledern muß man sich, um auf die Außenhandelsbeziehungen
zurückzukommen, angesichts des Gewichts von Touristendevisen und
Überweisungen der exportierten Arbeiter (die zusammen mit auslän-
dischen Kapitaleinflößungen aus der negativen Handelsbilanz eine
ausgeglichene Zahlungsbilanz werden lassen) fragen, in welchem
Ausmaß und wie lange diese noch ausreichen werden, um den stei-
genden qualitativen Anforderungen an die Einfuhr gerecht zu wer-
den. Mit Sicherheit kann jedenfalls gesagt werden, daß der kon-
junkturelle Verlauf der spanischen Wirtschaft in sehr wesentli-
chem Maße von der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen
Situation in Europa (sprich: EWG) abhängig ist und bleiben wird.
Die Importziffern weisen stark wachsende Nahrungsmitteleinfuhren
auf; der Inlandsverbrauch ist beträchtlich gestiegen. Davon haben
zwar auch-die Spanier etwas abbekommen, aber zwanzig Millionen
Touristen wollen eben versorgt sein. Ebenfalls stark gestiegen
ist die Einfuhr von Brennstoffen und Rohmaterialien. Hier hat der
wachsende Bedarf der Industrie, deren Ausrüstungsgüter zu einem
beachtlichen Teil gleichfalls aus dem Ausland kommen, seinen Nie-
derschlag gefunden. Da Spanien nicht über eigene öl- und Roh-
kautschukvorkommen verfügt, erhält der Import dieser Materialien
lebenswichtige Bedeutung. Das gleiche gilt für die Ausbeutung der
bedeutenden Phosphatvorkommen in der "Spanischen Sahara"-Kolonie
in Zusammenarbeit mit US- und BRD-Firmen (Krupp). Bisher mußte
Phosphat für teures Geld importiert werden. (Tabelle 12) Diese
vierzehn namentlich aufgezählten Güter machen ca. 65 Prozent des
gesamten Importwertes aus.
Tabelle 12
Wichtigste spanische Importgüter, 1968 in Mio. Ptas.
Nichtelektrische Maschinen 40.205,0
Erdöl und Derivate 37.984,3
Eisen und Stahl · 13.864,8
Organ. Chemie 10.071,2
Getreide 10.050,1
Elektrische Maschinen 9.609,2
ölhaltige Kerne 8.544,1
Kupfer 7.761,6
Fahrzeuge 5.850,9
Fleisch 5.223,8
Flugzeuge 5.054,1
Optik und Fotografie 4.783,9
Holz und seine Produkte 4.674,1
Kunststoffe 4.284,7
Andere 85 Waren 89.684,8
---------
Insgesamt 246.546,0
_____
(Angaben nach: INE Balanza de Pagos)
Die Gewichtung der Ausfuhrgüter weist zwei Hauptmerkmale auf: ei-
nerseits verliert der Export von Früchten (vorwiegend Zitrus-
frächten) relativ an Bedeutung; darin finden u.a. die wachsenden
Schwierigkeiten im Handel mit der EWG ihren Ausdruck. Anderer-
seits werden immer mehr Fertigwaren exportiert. Güter wie Maschi-
nen, Schuhe, Schiffe und Erdölnebenprodukte gewinnen schnell an
Gewicht. Vor allem der Export von Maschinen wird vom Staat mit
großzügigen Krediten und Prämien bedacht, wie man am berühmten
Fall MATESA leicht zeigen kann. Die Banco de Bilbao drückt das in
ihrer bescheidenen Art so aus: "Die folgenden Angaben zeigen uns
die Entwicklung der offiziellen Kredite zugunsten des Exports
seit ihren Anfängen. So ist uns daran gelegen, den ausgezeichne-
ten Kreditzuwachs zu betonen, den die Staatsbanken seit 1967 re-
gistrieren, welche damit höher lagen als die Privatbanken im
Jahre 1968. Dieser Zuwachs war vor allem auf die Ausweitung der
Kredite für den Export von Textilmaschinen zurückzuführen; diese
machten 97 Prozent der 5,253 Milliarden Pesetas aus, die die In-
dustriekredit-Bank 1968 der Finanzierung des Ausrüstungsgüterex-
ports (ausgenommen Schiffe) zukommen ließ." Etwas unverblümter
hört sich das jedoch so an: die staatliche Industriekredit-Bank
vergab, und zwar vollkommen legal mit Einwilligung der zuständi-
gen (Opus-) Minister, 97 Prozent der Exportkredite für Ausrü-
stungsgüter des Jahres 1968 an die Firma MATESA, bei der das Got-
teswerk ebenfalls seine Finger im Spiel hatte. Dummerweise
stellte sich aufgrund von Beschwerden südamerikanischer Firmen im
Spätsommer 1969 heraus, daß dieses Unternehmen lediglich ganz we-
nige sehr mangelhafte und nicht aus eigener Produktion stammende
Textilmaschinen geliefert hatte und daß große Teile der vertrag-
lich versprochenen Lieferungen seit Jahren ausstanden. Die rest-
lichen Maschinen, für deren Bestellung im Lauf der Jahre Kredite
von insgesamt ca. 10 Milliarden Pesetas (andere Quellen sprechen
von ca. 18 Mrd) in Empfang genommen worden waren, standen in at-
ten Lagerschuppen von Scheinfirmen in Frankreich oder die Maschi-
nen existierten überhaupt nur als Bestellzettel. Als der Skandal
platzte, versuchte die Regierung ihn mit allen Mitteln zu vertu-
schen. Nur ein Beispiel: eine Zeitung ("Diario SP") wurde finan-
ziell ruiniert, weil das im selben Verlag erscheinende Wochenma-
gazin ("Revista SP") den Rausschmiß aller Wirtschaftsminister
forderte. Der Hauptverantwortliche, Industrieminister López
Bravo, profiliert sich seit dem gleichen Jahr als Außenminister.
Vor etwa einem Jahr unterzeichnete er während eines Staatsbesu-
ches in Algerien für eine private (Opus-) Firma (Gas Natural
S.A.) einen Liefervertrag, der dieser auf zwanzig Jahre hinaus
das Importmonopol für Erdgas sichert. Offizielle Begründung: Bre-
chung des Gasmonopols der Firma Butan-Gas S.A.
Die oben und in Tabelle 13 umrissene Gewichtsverteilung auf die
einzelnen Güter gilt im großen und ganzen auch noch für 1970. In
diesem Jahr machen Fahrzeuge 9,1 Prozent, Obst und Gemüse 19 Pro-
zent, chemische Erzeugnisse 5 Prozent und nichtelektrische Ma-
schinen 7,5 Prozent des Gesamtexportes aus.
Tabelle 13
Hauptexporte in 1968 in Mio. Ptas.
Obst 14.307,4
Erdölnebenprodukte 9.617,2
Maschinen 8.340,1
Obstkonserven 6.943,7
Schuhe 4.696,6
Getränke 4.069,5
Schiffe 3.763,0
Getreide 3.054,8
Gemüse und Knollen 3.515,3
Bücher 3.100,5
Kupfer 3.043,0
Eisen und Stahl 2.687,3
Öle und Fette 2.298,5
Fisch 2.187,2
Inorg. Chemie 2.202,4
Fahrzeuge 2.042,1
Andere 83 Produkte 37.374,2
---------
Insgesamt 111.244,0
_____
(Angaben nach: Banco de Bilbao)
Offensichtlich ist es der spanischen Industrie aufgrund der ein-
gekauften modernen Maschinen gelungen, ihre Wettbewerbsfähigkeit
zu steigern, wie der ständig wachsende Exportanteil von Fertigar-
tikeln vermuten läßt. Allerdings muß hier wie in anderen Berei-
chen bedacht werden, daß gerade die größten und modernsten Unter-
nehmen mit ausländischen Patenten und Lizenzen arbeiten, wie der
große Posten Royalties in der Zahlungsbilanz zeigt. Das kompli-
ziert den Export in die hochentwickelten Industrieländer und
bringt eine weitgehende Beschränkung auf den inneren Markt mit
sich (Ausweichmöglichkeiten siehe unten). Eine wichtige Ausnahme
sind die (Auto-) Modelle 600 und 850 von SEAT, Lizenzunternehmen
von FIAT, welche aus Gründen der kapitalistischen Arbeitsteilung
nur noch in Spanien hergestellt werden.
Tabelle 14
Vergleich von Export und Import aus und in verschiedene Wirt-
schaftsgebiete (in %)
Wirtschaftsgebiete 1966 1968 1070
Export Import Export Import Export Import
EWG (6 Länder) 33,5 37,5 28,6 34,1 36,6 32,9
EFTA 20,0 17,3 20,7 15,3 - -
RGW 4,6 1,3 4,6 1,9 - -
USA 11,7 16,9 17,6 16,7 14,1 18,8
ALALC 9,1 6,6 12,0 8,1 - -
Rest der Welt 21,1 20,4 16,5 23,9 - -
_____
(Quelle: Balanza de Pagos, Ministerio de Comercio)
Die wichtigsten Handelspartner sind die EWG-Länder, wie aus der
folgenden Tabelle 14 zu ersehen ist. An Ein- und Ausfuhr sind sie
mit jeweils über einem Drittel beteiligt, worin sich die Abhän-
gigkeit Spaniens vom "Gemeinsamen Markt (der Sechs) zeigt. Diese
Abhängigkeit (oder wie immer man das nennen mag) wird sich mit
der schon erfolgten Erweiterung und der abzusehenden noch be-
trächtlich verstärken, wie aus der folgenden Tabelle 15 zu erse-
hen ist. Schon die jetzige erweiterte EWG (es bleibt abzuwarten,
ob sich die norwegische Regierung nicht doch noch über den Volks-
entscheid hinwegsetzt) ist Bestimmungsgebiet von 47,3 Prozent der
spanischen Exporte; eine nochmals, dann auf 16 Mitglieder erwei-
terte EWG würde über die Hälfte, nämlich 54,2 Prozent abnehmen.
Tabelle 15
Export in die EWG (1971) , in %
in die EWG (der Sechs) 37,1
in die neuen Mitgliedsländer
(einschließlich Norwegen) 10,2
----
Total 47,3
in die zukünftige EWG der 16
(einschließlich Norwegen), er-
weitert um Portugal, Island,
Österreich, Finnland und
Schweden Total 54,2
_____
(Angaben nach: Dirección General de Aduanas)
Von den Ländern der Sechser-Gemeinschaft ist die BRD wichtigster
Handelspartner Spaniens. Insgesamt nimmt sie hinter den USA den
zweiten Platz in der Rangliste ein: USA 1970: 14,1 Prozent des
Gesamtexports und 18,8 Prozent des Gesamtimports. BRD 1970: 11,5
und 12,6 Prozent vom Gesamtex- und -import resp. An dritter
Stelle steht Frankreich.
Interessant ist auch die Verteilung des Exports nach großen Wirt-
schaftsgebieten, aufgeteilt in Warengruppen. Die verhältnismäßig
hohe Zahl unterentwickelt gehaltener Länder unter den Empfängern
von Industriegütern demonstriert die Doppelfunktion Spaniens in
der imperialistischen Welt: gegenüber diesen Ländern tritt es als
Teil des europäischen Imperialismus auf, ist andererseits selbst
jedoch "unterprivilegiertes" Zielgebiet von Kapitalgütern und,
wie wir noch sehen werden, des Kapitalexports der imperialisti-
schen Metropolen.
Tabelle 16
Exporte in große Wirtschaftsgebiete, aufgeteilt nach Warengruppen
1966 1971
Agrarprodukte
in Tausend Dollar 559.750 927.361
in Prozent in:
entwickelte Länder 83 84
unterentwickelte Länder 11 13
sozialistische Länder 6 3
Industrieprodukte
in Tausend Dollar 693.792 2.012.147
in Prozent in:
entwickelte Länder 54 66
unterentwickelte Länder 42 32
sozialistische Länder 3 2
Total
in Tausend Dollar 1.253.542 2.939.508
in Prozent in:
entwickelte Länder 67 72
unterentwickelte Länder 28 26
sozialistische Länder 5 2
_____
(Quelle: Información comercial española)
Der Handel mit den sozialistischen Ländern wird allem Anschein
nach trotz der Ausweitung der politischen Beziehungen kaum über
das bisherige relativ unbedeutende Maß hinausgehen. 1966 machte
dieser Handel 5 Prozent, 1971 2 Prozent des Gesamtexports aus.
Die Einfuhr von Ausrüstungsgütern seit der Liberalisierung der
Außenhandelsbeziehungen im Jahre 1960 hat mit 25 Prozent die
größte Bedeutung gehabt. Auf die damit verbundenen Rationalisie-
rungs- und Modernisierungsmaßnahmen ist vor allem der wachsende
Anteil industrieller Güter an der Ausfuhr zurückzuführen. Welches
Gewicht dabei ausländische Firmen haben, die ihre Produktion in
das Niedriglohn-Land Spanien verlagert haben, ist nicht auszuma-
chen.
Trotz alledem bleiben für das wichtigste Zielgebiet, die EWG,
landwirtschaftliche Produkte vorrangig, was Spanien angesichts
des wachsenden EWG-Protektionismus in nicht allzu ferner Zukunft
möglicherweise mit erheblichen Problemen konfrontieren wird. Denn
wenn sich die politischen Machtstrukturen nicht ändern (das wer-
kle Gott), werden es sich sehr wenige europäische Regierungen
leisten können, gegen den Widerstand der antifaschistischen
Kräfte - der kommunistischen Parteien und der Gewerkschaften,
aber etwa auch der Labour Party - für die Aufnahme Spaniens in
die EWG einzutreten, wie eine Reihe von Erklärungen in der letz-
ten Zeit gezeigt hat.
8. Tourismus
------------
Die Peseta-Milliarden, welche Touristen jedes Jahr nach Spanien
bringen, haben zusammen mit den Überweisungen der Emigranten vor
allem seit Beginn der sechziger Jahre einen stark stabilisieren-
den Effekt für die spanische Wirtschaft gehabt. Die chronisch ne-
gative Handelsbilanz konnte so in der Zahlungsbilanz immer ausge-
glichen werden. Die Einnahmen aus dem Tourismus machen fast drei
Viertel derer aus dem Export aus (1969), was im Laufe von zehn
Jahren eine Steigerung um das Achtfache bedeutet. Ohne diese De-
visen wäre das "spanische Wirtschaftswunder" nicht möglich gewe-
sen. Deshalb erscheint es notwendig, kurz etwas detaillierter auf
den Tourismus einzugehen.
Spanien verfügt über die größten "Touristengebiete" Europas. Na-
hezu die gesamte Mittelmeerküste, die Balearen (Mallorca, Ibiza)
und die Kanarischen Inseln sowie Teile der nördlichen Atlantikkü-
ste (Golf von Biscaya) sind dem Tourismus vorbehalten. Die Mit-
telmeerküste mit ihren jährlichen Durchschnittstemperaturen um
15-16 Grad Celsius und durchschnittlichen Sommertemperaturen
(Juni bis September) um 22-24 Grad Celsius bieten an Sand- und
Felsenstränden ideale klimatische Bedingungen. Das Landesinnere
mit seinen unzähligen historischen Stätten empfiehlt sich mit ei-
ner schier unglaublichen landschaftlichen: Vielfalt: von den
Halbwüsten und Steppengebieten des Südens, den Dreitausendern der
Sierra Nevada, über die endlose tischebene Meseta bis zu den grü-
nen Hügeln und Bergen Galiziens und des Kantabrischen Scheidege-
birges sowie den Dreitausendern der Pyrenäen.
1951 beginnen die Touristenzahlen im Drei-, Vierhunderttausender-
Rhythmus zu steigen. Als die Peseta-Abwertung, die zeitlich mit
einer Prosperitätswelle in den hochentwickelten Ländern zusammen-
fällt, Spanien 1959 zum billigsten Land Europas macht, erreichen
die Zuwächse neue Dimensionen. Lediglich die mageren Jahre 1965
und 1967 fallen aus dem Millionenschritt. (Tabelle 17) Die Ent-
wicklung des Devisenstroms geht entsprechend sprunghaft vor sich.
In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre sind deutlich die Aus-
wirkungen der Großen Rezession und der Peseta-Abwertung (1967)
sowie DM-Aufwertung (1969) zu erkennen.
Tabelle 17
Die Entwicklung des Tourismus von 1951-1969
Reisende Devisen in Index Durchschnittseinnahme
in Tsd. Mio. Dollar pro Tourist in Dollar
1951 1.263 - - -
1952 1.485 58,4 100 -
1957 3.187 76,9 132 -
1958 3.593 71,6 127 -
1959 4.194 128,6 220 -
1960 6.113 297,0 509 48
1961 7.445 384,6 659 52
1962 8.668 512,6 878 59
1963 10.931 679,3 1.163 62
1964 14.102 918,6 1.563 65
1965 14.250 1.156,9 1.981 77
1966 17.251 1.292,5 2.213 74
1967 17.858 1.209,8 2.071 68
1968 19.183 1.210,0 2.072 63
1969 21.682 1.310,7 2.243 60
_____
(Angaben nach: INE)
Betrachtet man die Herkunft der Touristen, so fällt die starke
Abhängigkeit von nur wenigen Ländern auf. 1970 kommt über die
Hälfte der Urlauber aus dem EWG-Bereich. Die vier wichtigsten
Herkunftsländer zusammen ergeben schon 67,4 Prozent aller
Tabelle 18
Touristen nach Herkunftsländern, in %
1968 1970
Frankreich 45,2 36,6
Portugal 7,2 11,3
Großbritannien 9,5 10,2
BRD 7,3 8,6
USA 4,8 4,3
Niederlande 2,0 3,6
_____
(Quelle: INE)
Aus dem obengesagten geht hervor, daß der Tourismus einer der
wichtigsten Wirtschaftssektoren geworden ist. Diese 'Industrie'
nimmt alljährlich Tausende von landflüchtigen Arbeitskräften auf.
Sie machen einen beträchtlichen Teil der spanischen Saisonarbei-
ter aus. Ihre Arbeitsplätze sind die unzähligen Hotels, Pensio-
nen, Restaurants, Reisebüros und Transportunternehmen, aber auch
die gesamte vom Touristenstrom abhängige Lebensmittelindustrie
usw.
Am Tourismus sind nicht wenige Spanier reich geworden, einige,
wie die Familie Melia, sogar steinreich. Diese Familie konnte in-
nerhalb von nur zehn Jahren aus einem kleinen Reisebüro eine Ho-
telkette aufbauen, die von eigenen Reisebüros beschickt wird und
die ihre Gäste mit eigenen Bussen aus halb Europa holt. Doch ist
gerade der Tourismus und das damit verbundene Immobiliengeschäft
immer mehr zu einer der Hauptinvestitionsbranchen ausländischen
Kapitals geworden.
9. Ausländisches Kapital
------------------------
Seit Ende der Stabilisierungszeit haben ausländische Kapitalisten
nicht aufgehört, Spanien als billiges Investitionsland zu be-
trachten. Ausländisches Kapital ist in Spanien erwünscht, seit
das Opus Dei die Staatsmacht in den Händen hält. Die Regierungs-
verordnung vom 27. Juli 1959 gehört zu den schärfsten Brüchen mit
der Autarkiepolitik der Franco-Falange-Regierungen. Diese Verord-
nung erlaubt es ausländischen Kapitalisten, ohne jegliche Be-
schränkung bis zu 50 Prozent des Betriebskapitals zu stellen. Bei
Beteiligungen über 50 Prozent (bis 100%) entscheidet der Mini-
sterrat. Ausgeschlossen sind nur Betriebe der "nationalen Vertei-
digung", Informationsmedien und öffentliche Dienste. Profite dür-
fen samt Zinserträgen und Patenten in voller Höhe rücktransfe-
riert werden. Diese kapitalfreundlichen Bedingungen werden nach
Beendigung der Rezessionsjahre 1959/60 von den ausländischen Mo-
nopolen als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. 1961 kommt der er-
ste große Kapitalschub. Nach dem leicht gebremsten Jahr 1962 fas-
sen Privatinvestoren wie internationale Kapitaleinrichtungen
(Weltbank, Internationaler Währungsfonds usw.) Vertrauen in die
spanische Profitrate und verlieren es auch nicht mehr. Das ein-
zige Jahr, das stark aus der Steigerungsreihe tanzt, ist 1969. In
diesem Jahr mögen die ungeheuren Gewinne des weltweiten Auf- und
Abwertungskarussells während der großen Währungskrise davon abge-
halten haben. Besonders deutlich wird der Grad der Kapitalhilfe
internationaler Institutionen in den Stabilisierungsjahren. Da-
nach nimmt sie absolut und relativ ab, um in der zweiten Hälfte
der sechziger Jahre wieder zuzunehmen. In der Zahlungsbilanz
macht der Kapitalimport immerhin über ein Viertel der Exportsumme
aus (1969), was seit 1959 einer Verdreifachung entspricht.
Tabelle 19
Entwicklung der ausländischen Investitionen 1959-69
(Nettokapitalimporte in Millionen Dollar)
1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 Total
langfr.Privatinvest.
67 40 207 107 214 268 323 302 504 43 479 2.947
langfr., öffentl. Invest.
55 20 19 13 5 -14 -13 41 33 145 24 328
langfr. Nettokapitalinvest. Gesamt
122 60 226 120 219 254 310 343 537 581 503 3.275
Rücktransfer der Gewinne
10 15 3 13 16 22 31 73 92 110 116 551
Nettokapitalimport (minus Rücktransfer)
112 45 223 107 203 232 279 270 445 471 337 2.724
_____
(Nach: Muñoz/Roldan/García Delgado, La economia española 1970)
Die USA stehen auch hier an der Spitze der Investoren. Im Jahre
1971 kontrolliert US-Kapital über die Hälfte aller Unternehmen,
die seit 1960 unter ausländische Kontrolle geraten sind. Mr.
Kearns, seines Zeichens Direktor der US-Export-Import-Bank, meint
im Februar 1971: "Spanien ist aufgrund seiner Entwicklungs-
möglichkeiten eines der Hauptländer, denen immer mehr nord-
amerikanische Investitionen zufließen werden." (Informe del Banco
de Bilbao) Mit Sicherheit fließen sie auch über die Schweiz, die
an zweiter Stelle steht, zu. Die BRD hat sich inzwischen vor
Frankreich an die dritte Stelle geschoben. Mit Abstand folgen
britisches, niederländisches und italienisches Kapital.
1971 sind schätzungsweise 9 Milliarden Pesetas lediglich für
Mehrheitsbeteiligungen (mindestens 50%) in Spanien eingeflossen.
Davon kamen aus der BRD 21,4 Prozent gleich 1,9 Milliarden, aus
den USA 1,3, aus der Schweiz 1,26, aus Großbritannien 0,97 und
aus Frankreich 0,94 Milliarden Pesetas. Die chemische Industrie
bekam von diesen 9 Milliarden am meisten, nämlich 31,63 Prozent
ab. Es folgen Immobilien mit 12,77 und der Maschinenbau mit 10,28
Prozent. (Angaben aus den Monatsberichten der Deutschen Überseei-
schen Bank). Diese Angaben enthalten allerdings nicht die Inve-
stitionen, die unter 50 Prozent liegen. Aber gerade sie dürften
über ein Drittel des einfließenden ausländischen Kapitals ausma-
chen. Diese meldungspflichtigen Investitionen gehen vor allem auf
den Immobilienmarkt. Die "Frankfurter Rundschau" veranschlagt für
diese "unsichtbaren Anlagen" im Jahre 1971 "rund 5 Milliarden Pe-
setas" (7. Februar 1972). Schlüsselt man die autorisierungs-
pflichtigen Mehrheitsbeteiligungen nach Branchen auf, so zeigt
sich, daß bei diesen großen Investitionssummen die Chemie vor den
Dienstleistungen am meisten ausländisches Kapital aufnimmt. Be-
liebt sind aber auch die Nahrungsmittelindustrie und der Maschi-
nenbau, wie aus der folgenden Tabelle zu ersehen ist. Auffallend
ist für alle Bereiche, daß die Investitionen von Jahr zu Jahr er-
heblich schwanken.
Es ist an dieser Stelle nicht nötig, die einzelnen "ausländi-
schen" Unternehmen mit Kapitalanteil zu benennen. Hier einige der
bekanntesten Namen: Fiat/Citroën, General Eléctrica Española,
Siemens Ibérica, Standard Eléctrica, Philips, Telefunken, Bayer,
Schering, Hilton usw. (Vgl. Kap. 11)
10. Der Primärsektor: Landwirtschaft, Forst und Fischerei
---------------------------------------------------------
Der stete Bedeutungsverlust der Landwirtschaft ist nicht nur ein
Grund für den Übergangsprozeß von der agrarisch-industriellen zur
industriell-agrarischen Wirtschaft gewesen: er ist auch als Fol-
geerscheinung zu betrachten. Der Agraranteil am Bruttoinlandspro-
dukt ist von 22,5% (1960) auf 14,4% (1970) gesunken. Der Auf-
schwung der Industrie seit 19617 62 setzt eine starke Landflucht-
bewegung in Gang, welche die antiquierten Strukturen der spani-
schen Landwirtschaft in ihrer ganzen Schwäche offenbart. Dem
letzten Agrarzensus (von 1962) zufolge gibt es 2.831.000 land-
wirtschaftliche Betriebe (Frankreich: 1,5 Millionen) mit einer
durchschnittlichen Anbaufläche von 10 ha und einem Mittel von 14
Parzellen.
Doch ergibt sich aus dem Durchschnitt ein vollkommen verzerrtes
Bild, denn 1,8 % der Betriebe bedecken eine Fläche von 55,4 % des
verfügbaren Bodens, während 98,2 % die restlichen 44,6 % einneh-
men. Dieser krasse Gegensatz von Latifundien und Minifundien fin-
det in Europa nicht seinesgleichen.
Die Latifundien haben durch extensive Bearbeitungsmethoden (kaum
Fruchtwechsel; große Brachflächen; geringe Mechanisierung) einen
sehr niedrigen Hektarertrag. Oft wohnt der Besitzer in Madrid
oder in der Provinzhauptstadt (Absentismus). Die Zahl der Agrar-
unternehmer ist gering. Nicht selten fließen die Gewinne auf
Sparkonten in Madrid oder werden in der Industrie investiert. Der
Kapitalabfluß wird durch den Preismechanismus - relativ niedrige
Agrarpreise gegenüber hohen Fertigproduktpreisen - und die zuneh-
mende Übernahme der Absatzorganisation durch das Finanzkapital
verstärkt.
Es sind vor allem die Latifundien des Südens, die meist verkehrs-
günstig liegen und leicht zu mechanisieren wären. Zwar ist der
Grad der Mechanisierung vor allem ab 1962 infolge der Landflucht
und der Aufhebung von Einfuhrbeschränkungen auf Agrargeräte wie
etwa Traktoren und Mähdrescher stark angehoben worden. Doch weist
die Mechanisierung abnehmende Zuwachsraten auf und kann einem in-
ternationalen Vergleich bei weitem noch nicht standhalten. 1967
wird pro Hektar ein Wert von 15 Dollar, pro aktiver Person 50
Dollar registriert; der europäische Schnitt liegt bei jeweils 60
und 250 Dollar.
Das Minifundium hingegen, entstanden durch die Parzellierung, ist
nicht etwa überwiegend durch Kleingrundbesitz gekennzeichnet. In
Alt-Kastilien z.B. besitzen in der Regel ca. 10% der Grundeigen-
tümer über die Hälfte des zu einer Gemeinde gehörigen Bodens.
Aber es existieren mehrere Typen von Pachtverhältnissen, so daß
der kleine Familienbetrieb, entweder im Eigenbesitz oder in
Pacht, vorherrscht.
Wenn auch seit 1962 die Flurbereinigung beschleunigt durchgeführt
wurde (Jahresmittel 187.000 ha), so blieb sie doch weit hinter
dem Rhythmus anderer europäischer Länder (Frankreich: 500.000 ha
pro Jahr) zurück. Im übrigen ändert es an der Rentabilität eines
landwirtschaftlichen Kleinbetriebes wenig, wenn man aus 15 Par-
zellen zu je 0,2 ha 2 Parzellen zu je 1,5 ha macht. Der Absentis-
mus ist daher auch hier eine gängige Erscheinung: 5,9 Millionen
Besitzern stehen nur 2,8 Millionen Betriebe gegenüber. Diese Si-
tuation wird durch die zunehmende Abwanderung der Klein-Besitzer
und die Aufgabe der kleinen Familienbetriebe weiter verschärft.
Es ist dies die einzige Art und Weise, die spanische Landwirt-
schaft zu stabilisieren, ohne eine radikale Bodenreform durch-
zuführen, die den Großgrundbesitz - und damit eine immer noch ge-
wichtige Fraktion der Bourgeoisie - abgeschafft hätte. Anfangs
kam es zu keiner Mechanisierung der Landwirtschaft, weil es Ar-
beitskräfte im Überfluß gab. Dann verringerte die Landflucht die-
ses Arbeitskräfteangebot, so daß die Löhne hoch und die Betriebe
zur Mechanisierung getrieben wurden. Letztere schließlich lohnt
sich aufgrund der hohen Kosten und der Rentabilität nur für Groß-
betriebe: der "latifundista" wird langsam aber sicher zum rechten
Agrarkapitalisten.
1950 waren noch 49% der aktiven Bevölkerung in der Landwirtschaft
beschäftigt, 1960 war die Zahl auf 41,5 % gesunken, 1965 (!)
schon auf 33,2% (einschließlich der Fischerei) und 1970 schließ-
lich auf 29,5 % (dito). Daraus wird ersichtlich, daß der Agrar-
exodus in der ersten Hälfte der sechziger Jahre besonders stark
ist. Hunderttausende ziehen in die Städte, vorwiegend nach
Barcelona, Madrid und Bilbao, um zu einem großen Teil - die
jeweiligen Exportplanziffern der Regierung werden weit über-
troffen - auf dem Gemeinsamen Arbeits-Markt zu landen. Sie
fliehen vor einer Landwirtschaft, die sie teils nur mühsam auf
dem Subsistanzniveau halten können. In der Masse aber sind sie
Landarbeiter, Saisonarbeiter und Tagelöhner, die der Arbeits-
losigkeit entkommen möchten. Georgel gibt (wahrscheinlich für die
fünfziger Jahre) folgende Zahlen: in der Provinz Cadiz
beschäftigen 533 Großgrundbesitzer (ab 250 ha) normalerweise
6.826 Landarbeiter, während der Saison (der Ernte) 35.835; in der
Provinz Cordoba stehen 11.017 "normale" 107.671 Saisonarbeitern
gegenüber; in der Provinz Sevilla ist das Verhältnis 17.759 zu
89.741.
1956 liegt der staatlich festgesetzte Mindestlohn bei 36 ptas pro
Tag. Zur gleichen Zeit meint der Erzbischof von Sevilla, eine Fa-
milie mit zwei Kindern brauche für ein menschenwürdiges Leben
schon mindestens 120 ptas.
Staatliche Maßnahmen sind für die starke Vernachlässigung der
Viehzucht mitverantwortlich. Weil für Weizen eine relativ hohe
Preisgarantie bestand und z.T. auch Weideflächen zur Aufforstung,
einer durchaus dringenden Aufgabe, benutzt wurden, weist die Fut-
terpflanzenproduktion zwischen 1964 und 1968 eine rückläufige
Tendenz auf (Futtergetreide: - 32,8 %) und der Viehbestand sta-
gniert im gleichen Zeitraum. Über ein Drittel des spanischen
Fleischbedarfs wird aus dem Import gedeckt.
In Spanien sind Wälder seit Jahrhunderten eine große Seltenheit.
Ihr Fehlen hat entscheidend zur starken Bodenerosion und zur Ver-
steppung riesiger Gebiete beigetragen. Mit der Aufforstung soll
letzten Endes das Klima verändert, mehr Regen herangezogen wer-
den. Der Versuch, die Abhängigkeit von der Holzeinfuhr (vor allem
für die Papierindustrie) abzubauen, ist allerdings an der schnel-
len Entwicklung des Holzverbrauchs gescheitert. Von 1940 bis 1968
sind insgesamt 2.131.187 ha aufgeforstet worden. Aufgrund der ge-
ringen Rentabilität dieses Sektors lag die Aktivität fast völlig
in der Hand des Staates. In den letzten zehn Jahren hat sich je-
doch der Rhythmus der Aufforstung merklich verlangsamt.
Wo kein Regen ist, muß man das Wasser anders heranschaffen. So
sind (zwischen 1950 und 1968) 839.000 ha bewässert worden, was
36,6% der gesamten bewässerten Fläche entspricht. Diese umfaßt
mit 2.289.000 ha 11,5% der Anbaufläche und etwa die Hälfte des
bewässerbaren Bodens, Aber auch hier zeigt sich der zunehmende
Bedeutungsverlust der Kleinbetriebe zugunsten von kapitalstärke-
ren Großbetrieben mit entsprechender Anbaufläche. Wurden vor 1939
nur 10,6% der Betriebe über 100 ha bewässert, so stieg dieser
Prozentsatz im Zeitraum 1939-50 schon auf 28 % und von 1950-62
auf 29,6%, um dann im Jahre 1962 auf 70,4% (!) hochzuschnellen.
So etwa präsentiert sich die spanische Landwirtschaft zu einem
Zeitpunkt, als die neuen Stadt-, oft Slumbewohner - zusammen mit
der Touristeninvasion - zu neuen Nachfragedimensionen führen,
denen die bestehende Landwirtschaft nicht mehr gewachsen ist, wie
der starke Anstieg des Lebensmittelimports deutlich zeigt.
Während der Stabilisierungsphase (1959-1961) steigt der Anteil
der Lebensmitteleinfuhr am Gesamtimport von 18% auf 30%, um dann
langsam abzunehmen und sich in der zweiten Hälfte der sechziger
Jahre auf höherem Niveau (um 24%) einzupendeln. Wir haben gese-
hen, daß der Beginn der verstärkten Mechanisierung mit dem
Hauptexodus zusammenfällt, welcher die Landarbeiterlöhne zwischen
1957 und 1966 um mehr als das dreifache steigen läßt und so zur
Mechanisierung zwingt, während er in den Städten auf die Löhne
drückt. Ein sehr großer Teil dieser nationalen Reservearmee wird
von der sich im Gefolge der Landflucht (Wohnungsbau) und der Tou-
ristenschwemme rapide entwickelnden Bauindustrie und Nachbarzwei-
gen, sowie von dem so erweiterten Dienstleistungssektor (Hotels
etc.) aufgenommen. Der Überschuß der L a n d flucht wird
großenteils zur L a n d e s flucht bewegt und damit zur inter-
nationalen Reservearmee. Der Staat verspricht sich davon mehr De-
visen (Überweisungen) und weniger Arbeitslose. Soziale Konflikte
können auf diese Weise zwar nicht vermieden, immerhin aber gemil-
dert werden. Zum Schluß sei noch kurz die Situation der Fischerei
geschildert. Sie ist seit Jahren mit ca. 1% am Bruttoinlandspro-
dukt beteiligt. Der Ertrag liegt mit 13,3 t pro Fischer und Jahr
weit unter der Pro-Kopf-Leistung der bundesrepublikanischen (74,4
t) oder norwegischen Fischer (26,8 t), was die geringe Konkur-
renzfähigkeit aufzeigt. Die wichtigsten Fischfanggebiete liegen
vor der galizischen, baskischen und andalusischen Atlantikküste.
11. Die industrielle Entwicklung
--------------------------------
In den vorhergehenden Kapiteln haben wir relativ ausführlich über
die fast 13 Jahre lange Phase berichtet, die die spanische Wirt-
schaft brauchte, um wieder das Niveau der Vorkriegsjahre zu er-
reichen. Die dabei zur Wirkung kommenden Widersprüche führten von
der Mitte der fünfziger Jahre an zu einer absoluten Verschärfung
der ökonomischen und sozialen Lage: die größtenteils an kurzfri-
stigen Profiten interessierte Politik des öffentlichen Sektors,
die damit verbundene Politik des billigen Geldes und die harten
Kämpfe der Arbeiterklasse vor allem des Jahres 1956 gegen die
ständige Verschlechterung ihrer Situation förderten die Geldent-
wertung, verursachten ein wachsendes Ungleichgewicht der Zah-
lungsbilanz und die immer niedrigere Notierung der Peseta an den
freien Devisenmärkten des Auslandes bei stetig teurer werdender
künstlicher Stützung des staatlich festgesetzten Kurses.
Wesentliche Strukturschwächen des spanischen Kapitalismus lagen
dieser Entwicklung zugrunde: ein konstant niedriges Volkseinkom-
men, relativ schwache Investitionstätigkeit, ein chronisches Han-
delsbilanzdefizit, ein regressives Steuersystem, archaisch anmu-
tende Agrarstrukturen etc. Die einzige Rettung für den spanischen
Kapitalismus lag in der Durchführung einer strikten Stabilisie-
rungspolitik, zu der die neuen Opus-Leute mit entschiedenem Bei-
stand von OEEC, Internationalem Währungsfonds sowie privaten und
staatlichen US-Krediten dann auch Zuflucht nahmen.
Aus der allgemeinen Beschäftigtenstruktur geht hervor, daß der
Industriesektor (verarbeitende, Bauindustrie und Bergbau) mit
36,2 Prozent der 1969 12.592.800 zählenden Bevölkerung inzwischen
zum stärksten Wirtschaftsbereich geworden ist.
Tabelle 20
Beschäftigtenstruktur 1969
in Tausend in %
Land- und Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei 3800,9 30,2
Extraktive Industrien 125,8 1,0
Verarbeitende Industrie 3345,1 26,5
Bauindustrie 1091,9 8,7
Wasser, Gas und Elektrizität 89,8 0,7
Handel 1320,5 10,5
Transporte 640,4 5,1
Andere Dienste 2178,4 17,3
_____
(nach INE)
Doch haben sich nicht nur insgesamt, sondern auch innerhalb der
Industrie erhebliche Verschiebungen ergeben, wie aus Tab. 21 her-
vorgeht.
Tabelle 21
Beschäftigte in der Industrie in Tausend
1960 1965 1968
Energiewirtschaft 56,8 62,1 61,8
Bergbau, Gewinnung von Steinen und Erden 176,9 142,6 121,0
Verarbeitendes Gewerbe 1602,0 1832,0 1931,0
darunter: Herstellung von Gemüsekonserven 35,2 46,3 51,3
Textilindustrie
Wollverarbeitung 41,0 49,4 49,2
Baum-und Zellwollverarbeitung 131,4 98,2 97,0
Bekleidungsindustrie 28,5 48,9 63,8
Druckerei und Vervielfältigung 52,8 64,0 67,3
Kunststoffverarbeitung 11,6 28,8 34,4
Kraftfahrzeugbau und Fahrräder 28,1 46,1 61,2
Baugewerbe - 919,0 1008,0
_____
(Allg. Stat. des Auslandes, Länderkurzberichte, Spanien 1971)
Während die Beschäftigtenzahl im Bergbau und bei der Gewinnung
von Steinen und Erden fast um ein Drittel zurückgegangen und die
der Energiewirtschaft nur unbedeutend gestiegen ist, kann das
verarbeitende Gewerbe einen beträchtlichen Beschäftigtenzuzug
verzeichnen, insbesondere der Kraftfahrzeug- und Fahrradbau, die
Kunststoffverarbeitung und die Bekleidungsindustrie. Auffallend
ist das relativ geringe Anwachsen der Beschäftigtenzahl in der
Bauindustrie, welche in den sechziger Jahren durch Landflucht
(Wohnungsbau) und Tourismus einen starken Aufschwung erlebte (s.
Tab. 23).
Der Beschäftigtenschwund in der extraktiven Industrie ist auf die
Drosselung der Produktion in diesem Bereich zurückzuführen, wie
die Stagnation der Indices (Tab. 22) zeigt. Demgegenüber haben
die verarbeitende Industrie und die Energiewirtschaft ihre Pro-
duktion im Laufe der 60er Jahre verdreifachen können.
Tabelle 22
Index der industriellen Produktion 1963 = 100
1960 1965 1970
Energiewirtschaft 73 122 217
Bergbau 99 104 104
Verarbeitende Industrie 70 128 210
Gesamtindustrieproduktion 72 127 205
_____
(nach INE)
Wenn man die negative Entwicklung im extraktiven Bereich genauer
unter die Lupe nimmt, wird deutlich, daß sie auf den Rückgang in
der Kohleförderung zurückzuführen ist. Dies konnte auch der rigo-
rose Eingriff des Staates über das Institute Nacional de Indu-
strie (INI) in den Steinkohlenbergbau (HUNOSA) nicht verhindern.
Und auch die alljährlichen Streiks der Kumpel im asturianischen
Becken, der Heimat des fortschrittlichsten Teils der spanischen
Arbeiterklasse, haben die Stillegung von Minen lediglich hinaus-
schieben können.
Die beiden anderen industriellen Bereiche, Energiewirtschaft und
verarbeitendes Gewerbe, haben ihren Beitrag zum Nettoinlandspro-
dukt beträchtlich gesteigert (1965-1970: ca. 8%), wobei vor allem
die metallverarbeitende, die chemische sowie die Bau- und Bau-
stoffindustrie überdurchschnittliche Quoten verbuchen können.
Die erheblichen Steigerungen in den obengenannten Bereichen sind
auf die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter und die schon erwähn-
ten Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen zurückzufüh-
ren. Dabei hat die zugespitzte soziale Lage der Jahre 1961/62 -
steigende Preise, Überangebot an Arbeitskräften durch verstärkte
Landflucht usw. - offensichtlich zusammen mit den Rationalisie-
rungen (vor allem ab 1962) besonders hohe Raten ermöglicht, denn
in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ist eine teils beträchtliche
Verminderung der Zuwachsraten zu verzeichnen, so daß die durch-
schnittliche Steigerungsrate für die sechziger Jahre um ganze 2
Prozent über derjenigen für die zweite Hälfte liegt.
Die chemische Industrie und die Glasindustrie mit einem relativ
großen Anteil ausländischen Kapitals können weiterhin hohe Stei-
gerungsraten aufweisen. In diesem Zusammenhang wird darüberhinaus
noch einmal deutlich, in welchem Maße Spanien von der Einfuhr mo-
derner Ausrüstungsgüter abhängig ist.
Sowohl der Einfluß ausländischen Kapitals als auch die wachs-
tumsorientierte Politik der Opus-Regierung haben seit 1959 star-
ken Einfluß auf die Konzentration des Kapitals gehabt. Mit dem
Stabilisierungsplan fing alles an: er verteilte die notwendigen
Subventionen für Rationalisierungen und Umstrukturierungen, öff-
nete die Tore weit für ausländisches Kapital und erhöhte den Kre-
ditplafonds, der den Klein- und Mittelunternehmern den Profit-
Beutel höher hängte. Die Großbanken - vertreten in allen wichti-
gen Firmen, vor allem aber in den zuständigen Regierungskreisen
und Staatsunternehmen - bestimmten, wer wo wann welche Unterneh-
menspolitik zu betreiben hatte.
Es ist schwierig, das komplizierte Geflecht von Fusionen und Be-
teiligungen zu überblicken, das durch den allumfassenden Einfluß
der sieben Großbanken, Personalunionen, Verflechtung mit dem INI
und ausländischem Kapital entstanden ist. Um jedoch einen Ein-
druck von dem immensen Konzentrationsprozeß zu vermitteln, der
sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzogen hat, soll hier für
die interessantesten Bereiche jeweils die Entwicklung der Be-
triebsgrößen untersucht werden. Davon lassen sich zwar keine un-
mittelbaren Aussagen über den Grad der Kapitalkonzentration und
-zentralisation ableiten, immerhin aber können von der Entwick-
lung der Betriebsgrößen gewisse Rückschlüsse gezogen werden.
Zum Beispiel der Nahrungsmittelsektor: 1958 hatten 87,7% aller
Betriebe eine Belegschaft zwischen 0 und 4 Beschäftigten. In die-
sen 87,7% aller Nahrungsmittelbetriebe arbeiteten 41,4% aller da-
mals in diesem Bereich Beschäftigten. Im gleichen Jahr beschäf-
tigten 0,04% aller Betriebe, nämlich die mit Belegschaften über
500 Leuten, 7,6 % aller Beschäftigten. Zehn Jahre später, 1968,
macht sich das Verhältnis in diesem von Auslandskapital und Opus
Dei getränkten Sektor etwas anders aus: jetzt arbeiten in den
Kleinstbetrieben, deren Anteil nur noch 42,9 % beträgt, lediglich
noch 4,2% aller Beschäftigten. Die Großbetriebe hingegen, deren
Anteil auf 0,6% gestiegen ist, beschäftigen nun 17,6% der Werktä-
tigen. In der Gruppe der Betriebe mit einer Belegschaft zwischen
100 und 500 Leuten ist die Veränderung noch spektakulärer. Wäh-
rend sie 1958 nur 0,2% der Betriebe ausmachten und 12,4% der Ge-
samtarbeitskraft im betreffenden Sektor beschäftigten, arbeiten
1968 in 4,6 % der Betriebe 37,8 % der Beschäftigten.
Noch um etliches schärfer wird der Kontrast in einer Nachbarindu-
strie: bei den Getränken. Abgesehen von den traditionsgemäß über-
wiegend britischen Mammutweingütern im Südwesten Spaniens, dürfte
kaum ein Tropfen Bier durch Spanier- oder Urlauberkehlen rinnen,
der nicht mit US-amerikanischem Kapital gesättigt wäre, das teils
über die Schweiz ("Sankt Moritz - Märzenbier"), teils direkt ein-
geflossen ist. Paradebeispiel: der größte Bier-Kapital ist der
Welt, Joseph Schlitz, verkauft in Spanien Schlitz-Bier, Lager,
Skool, La Cruzdel Campo, Henninger und einige Marken mehr, an
denen er mehr oder weniger maßgeblich beteiligt ist. 1958 hatten
80,1% der Unternehmen maximal 4 Beschäftigte, insgesamt aber
44,7%; in der Gruppe von 10 bis 49 Beschäftigte (6,2%) fanden
sich 23,5% der in diesem Sektor Arbeitenden; die Großbetriebe
(500 und mehr: 0,01%) beschäftigten nur 1,3%. 1968 hat sich das
Bild radikal gewandelt: die Zahl der Kleinstbetriebe ist weiter-
hin sehr hoch (77,8%), aber auf sie kommen nur noch 17,8% der
Gesamtbeschäftigtenzahl im Getränkesektor; der ehemals wichtige
Bereich (11-50 Beschäftigte) weist mit mehr Betrieben (8,8% ge-
genüber 6,2%) nur noch 18,7% (gegenüber 23,5%) der Arbeitenden
auf; bestimmend sind nun die Betriebe mit über 100 Beschäftigten:
im Bereich 101 bis 500 kommen auf 1,2% Betriebe jetzt 26,2% der
Beschäftigten (vorher: 0,2:6,6%), bei den Betrieben mit über 500
Leuten (0,2%) arbeiten 18,9% der werktätigen Getränkemacher.
Vor allem in der Bekleidungs- und Schuhindustrie, die zu den ex-
portstärksten Bereichen der verarbeitenden Industrie gehören, ist
es zu Erdrutschen gekommen. In der Ölindustrie hingegen, die von
Natur aus ein hohes Kapitalminimum erfordert, haben sich keine
wesentlichen Verschiebungen ergeben. Dafür ist der Staatsanteil
(INI; vgl. Kap. 13) am Ölgeschäft zu hoch. Allerdings mischt auch
in diesem Bereich das US-Kapital kräftig mit: ESSO (Rockefeller-
Gruppe), eng verknüpft mit Caltex und Texaco, und Gulf Oil haben
große Kapitalinteressen in Spanien. Die Standard Oil of Califor-
nia beispielsweise (hier identisch mit Caltex und Texaco) besitzt
40% der INI-Renommier-Raffinerie in Escombreras.
Beim Glas hat der französische Konzern Gobain sich die beherr-
schende Stellung erobert und damit zur Konzentration beigetragen.
Bei Eisen und Stahl haben vor allem der INI-Stahlgigant ENSIDESA
und Altos Hornosde Vizcaya (US-Steel: 25%) durch Zusammenfassun-
gen bzw. Neugründungen den Markt unter sich aufgeteilt. Die damit
verbundene Kapitalkonzentration erscheint bei den Betriebsgrößen
allerdings teilweise als rückläufige Entwicklung: je größer die
Betriebe, desto mehr Arbeitsplätze sind wegrationalisiert worden.
Hier zeigen sich deutlich die Grenzen des Demonstrationswertes
der Betriebsgrößenentwicklung.
Bei den Metall-Fabrikaten haben vor allem die Autoindustrie und
der Schiffsbau zur Konzentration beigetragen. Der Personenwagen-
markt wird größtenteils vom INI-gesteuerten SEAT-Konzern (Fiat-
Citroen-Kapital und -Lizenzen) beschickt, der 1970 66 Prozent al-
ler Tourenwagen herstellte. Daneben fabrizieren Chrysler, Renault
und British Leyland in großen Werken ihre PKW's. Die INI-Firma
Pegaso ist mit 67 Prozent aller gemeldeten LKW's über 10 Tonnen
und 75 Prozent aller Autobusse größter spanischer Transportmit-
telhersteller. Bei den Traktoren hat der US-Schotte John Deere
alleine das Sagen. Bei den Werften hat sich im Verlauf der sech-
ziger Jahre der Konzentrationstrend verschärft. Da: INI hat auch
hier die absolute Vorherrschaft mit rund 65 Prozent der fabri-
zierten Tonnage. Die spanischen Großwerften, großenteils an der
galizischen Nord- und Westküste angesiedelt, weisen den dritt-
größten Auftragsbestand der Welt auf und haben sich inzwischen an
die sechste Stelle der Weltproduktion geschoben.
Daß bei der Elektroapparateherstellung kein Spanier groß was zu
sagen hat, ist bei Namen wie Westinghouse, General Electric, ITT,
IBM, Siemens, AEG-Telefunken, Brown-Boveri etc. nicht weiter ver-
wunderlich. Hier beschäftigen 1968 13,3% aller Unternehmen 84,1%
aller Unternommenen. Das gleiche gilt für die Chemie-Industrie,
wo Namen wie Dow Chemicals, Hoechst, Bayer, Merck, Procter & Gam-
ble, Palmolive-Colgate, Avon etc. von jeher einen "guten Klang"
hatten. Aber gerade in der chemischen Industrie tauchen immer
wieder Beschwerden auf, die ein allgemeines Problem der spani-
schen Industrie mit Ausnahme nur weniger Bereiche erkennen las-
sen. Die chemische Grundstoffindustrie, über Klein- und Mittelbe-
triebe verteilt, kann der von Großkonzernen und -industrie be-
herrschten verarbeitenden Industrie nicht immer die kontinuierli-
che Versorgung garantieren. Noch kopflastiger ist die Gummi-Indu-
strie, wo Firmen wie Goodyear und Firestone/Phoenix im Verlaufe
der Auto-Mobilisierung der Spanier und resteuropäischen FIAT-Fah-
rer (SEAT 600 und 850) ihre Hauptinvestitionen aus dem Bereich
der größten Mittelbetriebe in den der Großbetriebe verlagerten.
(Alle Angaben über US-amerikanisches Kapital stammen aus: Gabello
Moya, Arturo: Las inversiones industriales norteamericanas en
Espana, Cuadernos para el Dialogo, Dez. 1969; die Daten zur Be-
triebsgrößenentwicklung werden dem Artikel von J.B. DONGES, From
an Antarchic Towards a Cantionsly Outward-Looking Industrializa-
tion Policy: The Case of Spain, entnommen, veröffentlicht in:
Weltwirtschaftliches Archis, Zeitschrift des Instituts für Welt-
wirtschaft an der Universität Kiel, Bd. 107, Tübinger 1971.)
Leider ist es sehr schwierig gewesen, Daten über die jeweiligen
regionalen Anteile am Industrieprodukt zu finden. Wir müssen uns
deshalb darauf beschränken, das traditionelle Nord-Süd-Gefälle
anhand der Einkommensverteilung nach Regionen darzustellen, wel-
che mit den industriellen Schwerpunktgebieten Katalonien (Barce-
lona und weitere Umgebung), Baskenland (Bilbao und weitere
Umgebung), Levante (Valencia) und nördliche Meseta (Madrid, Val-
ladolid) zusammenfällt.
In diesen 17 (von 50) Provinzen mit 26 Prozent der Gesamtfläche
Spaniens lebten im Jahre 1965 44 Prozent der Bevölkerung, die
59,5 Prozent aller Einkommen nach Hause trugen. Diese Konzentra-
tion hat sich durch eine Reihe von Faktoren verstärkt. 1955 besa-
ßen die 14 reichsten Provinzen noch einen Anteil von 51,5 Prozent
am Volkseinkommen, 1964 betrug ihr Anteil schon 56,3 Prozent.
Diese Entwicklung ist in der Hauptsache auf der anarchischen Ent-
wicklung der Industrie und der Unfähigkeit des spanischen Kapita-
lismus, eine Agrarreform durchzuführen, begründet. Das so ent-
standene und durch nichts gemilderte wirtschaftliche und soziale
Gefalle wird durch Folgeerscheinungen der beiden genannten Haupt-
faktoren wie Landflucht und Emigration ständig verschlimmert.
12. Bauwirtschaft
-----------------
Die Bauwirtschaft ist derjenige Industriebereich, dessen Bedeu-
tung seit Beginn der sechziger Jahre am stärksten zugenommen hat.
1967 belief sich die Wertschöpfung auf 78.275 Millionen Pesetas
oder auf 5.4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
1.074.000 Arbeiter, das sind 8,5%, waren Ende 1968 in diesem Sek-
tor beschäftigt. Doch geht es den spanischen Bauarbeitern nicht
besser als den europäischen Kollegen: aufgrund der starken Kon-
junkturabhängigkeit dieses Sektors sind Gelegenheits- und Saison-
arbeit gängige Erscheinungen. In den größten Bauunternehmungen
erreicht das nicht ständig beschäftigte Personal einen Anteil bis
zu 82,6% (!). Die Mehrheit dieser Gelegenheitsarbeiter sind unge-
lernte Kräfte. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, daß
viele die Arbeit auf dem Bau nur als vorübergehend und als
Sprungbrett ansehen, von dem aus sie den Absprung in die Fabrik
suchen, die stabilere Arbeitsverhältnisse zu bieten hat.
Der Aufschwung der Bauindustrie ist in engem Zusammenhang mit der
wüsten Bodenspekulation zu sehen, die mit der wachsenden Woh-
nungsknappheit als Folge der Landflucht und dem nicht endenwol-
lenden Bau von Hotels und Appartmentwolkenkratzern entlang der
Mittelmeerküste in Gang kam. Sie hat bis heute nicht aufgehört,
"Quelle" billigen und schnellen Profits zu sein.
Jedes Jahr werden zwischen 40 und 50% der Investitionen durch den
Bausektor geschleust (wassertechnische Bauten, Straßen und Auto-
bahnen, Eisenbahninfrastruktur, Wohnungsbau etc.).
Wohnungsbau
-----------
Der Mangel an Wohnungen hat in Spanien Tradition. Dieser Zustand
hat durch die Zerstörungen des Bürgerkrieges eine beträchtliche
Verschärfung erfahren.
Die heutige katastrophale Wohnungssituation ist, abgesehen von
der allgemeinen Struktur des spanischen Kapitalismus, im wesent-
lichen auf zwei Momente zurückzuführen.
Nach dem Krieg erlaubte die starre Autarkiepolitik der verschie-
denen Franco-Regierungen nicht, den starken Baustoff-Mangel durch
entsprechende Einfuhren zu überbrücken. Die Bauindustrie konnte
sich dementsprechend nur langsam entwickeln. Der dadurch nicht
nur nicht behobene, sondern noch verschlimmerte Zustand wurde
durch das Einsetzen der Landflucht in den fünfziger Jahren gera-
dezu unerträglich. Die Industriezonen des Baskenlandes (Bilbao
etc.) und Asturiens, Madrids und Barcelonas, saugten sich voll
mit landflüchtigen Tagelöhnern aus Andalusien und arbeitsuchenden
Kleingrundbesitzern aus dem Nordwesten.
Es ist nicht so, daß der Staat gar nichts gegen diese miserable
Situation unternommen hätte. Jedes Jahr wurden Steuermillionen in
den sogenannten "subventionierten Wohnungsbau" ("viviendas boni-
ficables") hineingestopft. Die privaten Baugesellschaften nahmen
dies nicht nur gerne hin, sie machten auf Staatskosten ungeheure
Profite und bauten, vor allem in den sechziger Jahren, dafür lu-
xuriöse Appartmentsilos mit Quadratmeterpreisen, die man mit ei-
nem Arbeiterlohn nicht bezahlen kann.
Wie sowas vorsichgeht, mag folgender Vergleich andeuten. Der II.
Entwicklungsplan sah den Bau von 318.336 Wohnungen für das Jahr
1971 vor. Diese Richtzahl wurde mit 317.914 fertiggestellten Woh-
nungen annähernd eingehalten. Betrachtet man jedoch wie diese
Zahl zustandegekommen ist, so fällt auf, daß das Wohnungsbaumini-
sterium wider alle planerische Vernunft diejenigen Detail-Richt-
daten, für deren Einhaltung es per Kreditierung und Bezuschussung
selbst verantwortlich ist, im Verhältnis zum freien Wohnungsbau
um Riesensummen unterschritten haben müßte - oder aber, daß die
Gelder zwar an den Bau-Mann gebracht, von diesem jedoch anderwei-
tig - "frei" - verwandt worden sind. Letzteres ist der Fall.
Tabelle 23
Geplante und fertiggestellte Wohnungen ,1971
geplant fertiggestellt % Differenz
Gruppe I, Mietpreisbindung 69.866 54.033 -22,67
Gruppe II, Mietpreisbindung 48.000 8.108 -83,11
Subventioniert 150.000 101.726 -32,19
Direktbau 18.000 25.827 +43,48
Frei 32.500 128.220 +294,52
Total 318.336 317.914 0,15
_____
(nach: Wohnungsbauministerium)
Gruppe I erhält 30 Prozent der Baukosten für maximal 8 Jahre,
Gruppe II bis zu 90 Prozent der Baukosten, abzahlbar in maximal
18 Jahren. Die subventionierten Bauherren erhalten 30.000 ptas
vom Nationalen Wohnungsbau-Institut geschenkt und 1.700 ptas pro
erstelltem Quadratmeter Wohnfläche zu 6,75 Prozent Zinsen auf ma-
ximal 18 Jahre von den Sparkassen oder der Baukredit-Bank gelie-
hen. Jahr für Jahr werden diese Posten zu hoch angesetzt und Jahr
für Jahr schließt der Posten "libre" - freier Wohnungsbau - mit
horrenden Überschüssen ab. Der Posten "Direktbau" beinhaltet die
Unterstützung vor allem des Eigenheimbaus und hat nach beträcht-
lichen Defiziten in den ersten drei Jahren des II. Vier-Jahres-
Entwicklungsplans zum ersten Mal positiv abgeschlossen.
So kam zustande, was die übergroße Masse der Touristen nicht
sieht: An den Peripherien der Millionenstädte bildeten sich
Slums, in denen Hunderttausende unter unmenschlichen Bedingungen
leben müssen, während wenige Meter entfernt neue Appartments
übereinandergestapelt werden, von denen der subventionierte Bau-
unternehmer schon vor dem Zuschlag weiß, daß sie leerstehen wer-
den.
So ist etwa Barcelona nicht nur ein Beispiel für Slumkultur, es
ist auch eines für die bis zu einhunderttausend (100.000) Wohnun-
gen, die - je Stadt, wohlgemerkt - zum Verkauf angeboten werden
und leerstehen, weil sie zu teuer sind. Das soll nicht heißen,
daß nicht auch spanische Architekten es geschafft hätten, jene
trostlosen Schlafstädte aus dem Boden stampfen zu lassen, die
nachher grau und abstoßend, ohne soziale Einrichtungen, Abstell-
plätze für neue, stinkteure Polstergarnituren, im Baudreck liegen
gelassen werden, weil nicht einmal mehr jemand das Geld für die
Straßen aufbringen will, auf denen der stolze Besitzer eines
600er SEAT nach seinem dritten Tagesjob abgerackert nach Hause
rollen könnte.
Subventionen und Bauboom im Gefolge von Landflucht und Touristen-
schwemme haben die Entstehung großer, relativ stark mechanisier-
ter Bauunternehmen begünstigt. Die 64 größten Unternehmen (von
insgesamt 12.000) haben sich in einer Vereinigung (sprich: Kar-
tell) zusammengeschlossen und erhalten 70% der staatlichen Bau-
aufträge; sie verfügen über 60% des gesamten Baumaschinenparks
und "ihre" Arbeiter führen 35% aller im Lande vergebenen Bauvor-
haben aus.
Trotz staatlicher Wohnungsbausubventionierung existieren kaum
allgemeine Besiedlungspläne. Die Wohnungen haben, ohnehin schon
zu klein, in den letzten Jahren zunehmend an Fläche verloren
(Durchschnittsfläche pro Wohneinheit: 63,9 m²; westeuropäischer
Schnitt: 73,2 m²; Durchschnittsfläche pro Zimmer: 12,4 m² (!);
westeuropäischer Schnitt: 18,3 m²). Hier wie anderswo treibt der
Profit zum schnellstmöglichen Bauen. Die Gebäude weisen entspre-
chend viele Mängel auf, ihre Lebensdauer ist kurz.
Alles in allem bietet der Bausektor als vitalster Bereich der
spanischen Wirtschaft deutlicher als alle anderen ein Bild von
der staatlich protegierten Grausamkeit der kapitalistischen Wirt-
schaftsanarchie, von Spekulation und Korruption.
13. INSTITUTO NACIONAL DE INDUSTRIA (INI)
-----------------------------------------
Das "Instituto Nacional de Industria" wurde zwei Jahre nach
Machtantritt Francos, 1941, mit dem ausdrücklichen Zweck gegrün-
det, "im Dienste der Nation die Schaffung und den Wiederaufbau
unserer Industrien voranzutreiben und zu finanzieren; besonders
derjenigen, deren Hauptziel die Lösung der sich aus den Erforder-
nissen der Landesverteidigung ergebenden Probleme oder die Ent-
wicklung unserer wirtschaftlichen Autarkie ist und die dem spani-
schen Sparer eine sichere und anziehungskräftige Anlagemöglich-
keit bieten". (Gesetzestext). Ein weiteres erklärtes Ziel war die
Brechung von Monopolstellungen verschiedener (u.a. ausländischer)
Unternehmungen.
Das INI ist de facto eine staatliche "Holding", die ihre ver-
schiedenen Unternehmen in der Art von Aktiengesellschaften ver-
waltet. Als Gründungskapital erhielt sie vom Staat 50 Mio Ptas.
und bewegliche Werte. Für eine weitere Finanzquelle sorgt das Fi-
nanzministerium mit der Ausgabe abschreibungsfähiger öffentlicher
Pfandbriefe oder schlicht durch Subventionen. Weiteres Kapital
kommt in der Form von Krediten von der (staatl.) Banco de Espa-
fia, aus selbstgemachten Profiten oder aus der Privatisierung gut
laufender Unternehmen durch Verkauf. Außerdem kann das INI Obli-
gationen ausgeben.
Bevor wir auf die Bedeutung des INI für die spanische Wirtschaft
eingehen, wollen wir kurz seine Rolle bei der Entwicklung des
spanischen Kapitalismus darstellen. Wie schon erwähnt, sollte das
INI nach offizieller Lesart anti-monopolistischen Zwecken dienen.
Daran ist nur soviel wahr, daß das INI private Monopole ablöste,
um dann diese Rolle selbst zu übernehmen. (Wie etwa der Automo-
bilsektor zeigt, der von der Zollprotektion und ausländischen Pa-
tenten lebt - SEAT -). Darüberhinaus besteht eine enge Verflech-
tung von INI und privaten Monopolunternehmen. Es spielt eine
wirtschaftliche und personelle Vermittlerrolle (Management).
Und was die angestrebte wirtschaftliche Autarkie anbetrifft, so
wurde sie freilich nie erreicht; geblieben sind der Masse der Be-
völkerung lediglich Erinnerungen an schlimme Hungerjahre. 1959
wurde sie dann sang- und klanglos vom Gotteswerk abserviert. Die
Not-Wendigkeit und europäische Einflüsterungen der OEEC sowie an-
derer internationaler Monopolorganisationen waren entscheidende
Motive. Das INI hat in den Nachkriegsjahren die Grundlagen für
Industrien gelegt, die aufgrund der damaligen Autarkiepolitik nie
konkurrenzfähig geworden sind und die heute ohne staatliche Pro-
tektion nicht mehr lebensfähig sind. Nicht einmal für die Landes-
verteidigung konnte das INI entscheidende Beiträge liefern.
Welche Bedeutung hat also das INI für die spanische Wirtschaft
gehabt? Prüft man die Geschichte der einzelnen Unternehmen, so
zeigt sich, daß das INI offensichtlich als Mittel staatlicher In-
tervention zur Verstärkung der Produktion zu einer Zeit war, in
der das Privatkapital nicht oder nur sehr unzureichend in der
Lage war, die Produktionspotenzen des Landes nutzbringend in Be-
wegung zu setzen. Das INI hat ohne Zweifel beträchtliche Summen
aus der öffentlichen Hand gefressen und im Vergleich zum Aufwand
bescheidene positive Ergebnisse gezeitigt - andererseits aber
z.B. die Inflation vorangetrieben.
Da kein Geld, aber eine Notenpresse vorhanden war, machte man
welches. Schließlich mußte das Geld ja irgendwo herkommen. Bei
gleichbleibenden Löhnen bedeutet dies schlicht und einfach, daß
die werktätige Bevölkerung zum Konsumverzicht gezwungen wurde.
Über den ständigen Druck auf das Lebenshaltungsniveau wird das
INI damit mittelbar zur Zwangssparkasse: zu Lasten von Millionen
und zum Profit einiger weniger Familien. Privatisierung von Pro-
fiten, Sozialisierung von Verlusten und Bankrotten.
Eine andere wichtige Frage ist die nach der Art der Investitio-
nen. In einigen Sektoren scheint das teure Geld für moderne Aus-
rüstungsgüter ausgegeben worden zu sein. So etwa in der Elektri-
zitätsproduktion, in der Eisen- und Stahlindustrie, der Bau- und
Werftindustrie sowie in den Raffinerien und im Fahrzeugbau. In
anderen Sektoren wurden notwendige Modernisierungen trotz vorhan-
dener Gelder unterlassen.
Einer der Hauptgründe für die wesentlichen Strukturmängel ist der
anarchische Charakter des kapitalistischen Systems im allgemeinen
wie der unharmonischen, weil nicht einmal kapitalistisch geplan-
ten Entwicklung der INI im besonderen. Letzteres ist vor allem
auf den ausschließlich subsidiären Charakter der staatlichen In-
vestitionstätigkeit zurückzuführen, die nur dort in die Pri-
vatinitiative eingriff, wo die Privatkapitalisten nicht investie-
ren wollten, weil ihnen der Profit zu gering erschien oder nicht
investieren konnten, weil es ihnen an Kapital mangelte. Anders
gesagt: das INI handelte und handelt klar erkennbar im privaten
Monopolinteresse. Daß (wieder-)hochgepäppelte Unternehmen repri-
vatisiert werden, rundet dieses Bild nur ab.
Darüberhinaus ist die Politik des INI nicht einmal konsequent
durchgeführt. Zum einen ist nicht ein einziger Bereich ganz ver-
staatlicht worden. Zum anderen ist der teils hohe Anteil an ein-
zelnen Sektoren nicht zu überschätzen, da sich hinter den Proz-
entzahlen meist keine Unternehmen mit optimaler Betriebsgröße,
sondern mehrere mittelgroße Betriebe verbergen, die untereinander
kaum oder gar nicht koordiniert werden.
Tabelle 24
Anteil der INI-kontrollierten Unternehmen am jeweiligen Sektor
(1968)
25% Eisen und Stahl 58% Aluminium
20% Elektrizität 40% Stickstoffhaltige Dünger
36% Steinkohle 46% Schiffbau
50% Automobile 48% raffiniertes Öl
Hierbei muß man allerdings bedenken, daß der im Vergleich mit dem
Gemeinsamen Markt sehr beschränkte spanische Inlandsmarkt die
Herausbildung optimaler Betriebsgrößen nicht gerade begünstigt.
Hier ist auch der Grund für das verhältnismäßig geringe Gesamtka-
pital der Unternehmen zu suchen, an denen das INI direkt oder in-
direkt beteiligt ist. Es beläuft sich bei 114 betroffenen Unter-
nehmen auf 485 Mill. Ptas. (1969). Nach dieser Bestandsaufnahme
stellt sich nun nochmals die Frage nach der tatsächlichen Bedeu-
tung des Instituto Nacional de Industrie für den spanischen Mono-
polkapitalismus. Unter Berücksichtigung aller referierten Merk-
male kann vorsichtig zusammengefaßt werden, daß das INI ein In-
strument zur Bereitstellung staatlicher Mittel im Interesse der
nationalen Finanz-Oligarchie, aber auch des ausländischen Kapi-
tals darstellt.
Zum Schluß seien die wichtigsten verfügbaren Daten zum Komplex
INI zusammengestellt.
Tabelle 25
Anteil staatl. Wertpapiere am Gesamtvolumen der Wertpapieremis-
sionen 1970
Gesamtvolumen (in Mio. Ptas) 156 888 100%
Staatliche Wertpapiere
Regierung 11 521
INI 10 323
Summe 21 844 13,9%
Private Wertpapiere
Obligationen 51 529
Aktien und passive Dividende 83 515
Summe 135 044 86,1%
_____
(nach: Banco de Bilbao 1970)
Das INI beschäftigt 4,4% der aktiven Bevölkerung und ist mit 13%
am Bruttoindustrieprodukt (1971) beteiligt, wobei interessanter-
weise festzustellen ist, daß dieser Anteil im Abnehmen begriffen
ist.
Wie schon erwähnt, existiert in Spanien auch eine "konzertierte
Aktion", die allerdings nichts mehr mit dem uns bekannten Begriff
zu tun hat, da die vertikale "Gewerkschaft" (sindicato) nicht
konzertiert zu werden braucht. Dieses Orchester würde weitgehend
ohne Disharmonien funktionieren, wenn die spanische Arbeiter-
klasse nicht der Wirt bei der ganzen Rechnung wäre. Konzertiert
werden die öffentlichen Kapitalspritzen zur Stützung struktur-
schwacher privater Sektoren. In diesem Zusammenhang ist auch,
ähnlich wie bei Gründung der Ruhrkohle-AG, die konzertierte Ak-
tion bei der Gründung der HUNOSA im Bergbaubecken von Asturien zu
sehen: als die Kohlenkonzerne sich Mitte der sechziger Jahre vor
die Notwendigkeit gestellt sahen, umfangreiche Investitionen zu
tätigen, setzten sie dem Staat die Pistole auf die Brust: entwe-
der ihr gebt uns Geld, oder wir machen zu. Dann könnt ihr sehen,
wie ihr mit den ohnehin rebellischen Kumpeln fertigwerdet. Der
Staat gab Geld. Das INI gründete 1967 eine Kohlen-AG, die HUNOSA,
in die die wichtigsten privaten Minen mit aufgenommen wurden. 77%
des Gründungskapitals (3380 Mill. Ptas.) stellte das INI. 60%
dieses Geldes benutzten die Privatkonzerne zur Tilgung ihrer
Schulden. Im Namen der "Umstrukturierung" wird jetzt eine Mine
nach der anderen geschlossen, und die teure Steinkohle muß in im-
mer größeren Mengen aus dem Ausland eingeführt werden.
14. Finanzoligarchie
--------------------
Spanien wird von einer verschwindend kleinen Minderheit be-
herrscht. Der im Verhältnis zur BRD oder Frankreich schwach ent-
wickelte spanische Kapitalismus hat einen überraschend hohen Kon-
zentrationsgrad erreicht. Die Verflechtung von Banken, Industrien
und Staat ist undurchdringlich.
Die "sieben Banken" verfügen über fast 70 % aller Fremdeinlagen
der Privatbanken und kontrollieren den Rest über ihre Aufsichts-
ratsmitglieder. Die sieben Großen haben entscheidenden Einfluß im
Obersten Bankrat, der als beratendes Organ des Finanzministeriums
im Rahmen des privaten Kreditsystems faktisch nichts anderes als
eine Institutionalisierung der Wettbewerbsbeschränkung darstellt
und welcher den Konzentrationsprozeß stark vorangetrieben hat.
Über 50% der Kredite werden von Privatbanken vergeben. Davon wie-
derum kontrollieren die großen Sieben 60%. Sie gelangten zu
dieser Machtfülle, indem sie sich nach und nach mit gesetzlicher
Unterstützung kleinere Banken einverleibten, die sie vorher u.a.
durch den Ausbau ihres Filialnetzes, ruinierten. Die Gesamtzahl
der Banken belief sich 1939 auf fast 200: im Jahre 1964 existier-
ten insgesamt noch 112 Banken.
Aufgrund der Tatsache, daß es sich bei den Sieben um gemischte,
Depositen- und Geschäftsbanken handelt, konnten sie die Kontrolle
über die großen Unternehmen gewinnen. Ihre Macht wird durch ihren
Einfluß auf die staatlichen Kreditinstitute lediglich noch abge-
rundet.
Da die meisten spanischen Großkonzerne nur über geringe Selbstfi-
nanzierungsmittel verfügen, sind sie auf die kurz- oder langfri-
stigen Kredite der Großbanken angewiesen, welche über umfangrei-
che Wertpapierbestände verfügen und im Namen einer großen Zahl
von Aktieninhabern ihr Depotstimmrecht ausüben. Es ist denn auch
nicht weiter verwunderlich, daß sich die sieben Großbanken 1967
unter den 20 gewinnstärksten spanischen Unternehmen wiederfinden.
Darüberhinaus nutzen die Banken die personelle Verflechtungs-
struktur mit der Industrie zu deren Kontrolle aus. Ihre Vertreter
sitzen in den Aufsichtsräten der wichtigsten Unternehmen oder
sind von vornherein eine B l u t s b a n d e, miteinander ver-
schwistert, verschwägert oder in sonst einer Weise verwandt, was
vor der Regierung und ihren B e s a t z e r n natürlich nicht
haltmacht, wie die Narjien Franco, Oriol y Urquijo, Allende y
García Baxter zeigen.
Auf diese verschiedenen Arten und Weisen reduziert sich die wirk-
liche 'Machtelite ' auf ca. einhundert Familien, welche (1966)
1.324 Aktiengesellschaften - das sind 8,27 % aller existierenden
- kontrollierten. Sie verfügen über Gesamtaktiva im Wert von
220.477,7 Millionen Pesetas, was 78,96% aller Aktiva entspricht.
Einige der renommierten spanischen Zeitungen (ABC, YA, Diario de
Barcelona etc.) preisen unter ihrer Kuratel auf der einen Seite
die unendlichen Vorteile der freien Welt, um auf der nächsten vor
ihren Versuchungen zu warnen: Libertad no es libertinaje. "Die
Hundert Familien" kontrollieren über die oben genannten direkten
oder indirekten Kanäle die grundlegenden Sektoren der spanischen
Wirtschaft:
Tabelle 26
Branchen, die von den "Hundert Familien" kontrolliert werden, in
% der Gesamtaktiva
Fahrzeugbau: 75,89
Zucker: 80,23
Staatsbanken: 96,56 (!)
Privatbanken: 86,30
Schiffbau 91,31
Elektrizität: 96,42
landw. Betriebe: 84,17
Eisenbahnen: 78,57
Bergbau: 76,13
staatl. Monopole: 100
(Raffinerien, Tabak,
Streichhölzer etc.)
Motoren: 80,30
Schiffahrt: 84,49
Chemische Produkte: 80,11
Eisen und Stahl: 96,03
_____
(nach: Horizonte Espanol 1966)
Ihr Kontroll-Anteil an solchen Zweigen wie: Zement: 58,13%; Bier:
51,47%; Maschinenbau: 51,41%; Elektromaterial: 70,18%; Versiche-
rungen: 56,01%; Straßenbahnen: 51,93%; Glas: 56,86% ist bedeu-
tend. Andere, sozusagen zweitrangige, nicht unter "den Hundert"
figurierenden Familien, haben hier große Interessen. Weitere In-
dustriezweige von geringerer Bedeutung stehen seit ihrer Gründung
unter der Fuchtel der Hundert: Kredit und Sparinstitute: 70,53%;
Kunststoffe: 86,40%; Salzwerke: 76,77%. Inwieweit sich diese
Kontrolle seit 1966 verstärkt hat und wie groß der Anteil auslän-
dischen Kapitals in einzelnen Zweigen geworden ist, ist schwer zu
überblicken. 1963-64 gab es laut 'Anuario Financiero y de Socie-
dades Anonimas de Espana' 55 Aktiengesellschaften (mit der staat-
lichen Eisenbahn RENFE 56) mit einem Gesamtkapital von jeweils
über einer Milliarde Pesetas. Die 55 zusammen verfügen über
112.734,4 Milliarden Pesetas. In den Aufsichtsräten dieser Unter-
nehmen mit Ausnahme der 'Empresa Nacional Calvo Sotelo' sitzen
Mitglieder der hundert Familien. Die privaten Konzerne stehen un-
ter ihrer absoluten Kontrolle, auf diejenigen des INI üben sie
maßgeblichen Einfluß aus. Genauer gesagt : 9 der "100 Familien"
sind in den INI-Konzernen mit über einer Milliarde Gesamtkapital
weitere 21 in kleineren vertreten.
Diese unglaubliche Verfilzung der Machtstrukturen erklärt auch,
weshalb es in Spanien nie zu schwerwiegenden Interessenkonflikten
zwischen Staat und Privatmonopolisten gekommen ist. Zwar haben
schwächere Teile dar Bourgeoisie immer wieder versucht, etwa ge-
gen das INI anzukämpfen, doch hat ihr Druck allem Anschein nach
nicht einmal gereicht, um die Großen aus der Reserve zu locken.
Die spanische Wirtschaft wird von einer kleinen Gruppe von Leu-
ten, die durch ökonomische und persönliche Verbindungen einen re-
lativ geschlossenen Block bilden, souverän beherrscht. Das Opus-
Dei ist nur e i n e Erscheinungsform dieser Machtelite.
Bibliographische Hinweise:
Allgemein:
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Y
POLITICA; Paris 1967: wegen der kenntnisreichen und übersichtli-
chen Analyse eine sehr wichtige Arbeit.
Autorenkollektiv: HORIZONTE ESPAÑOL 1966, 2 Bde. Paris 1966.
Autorenkollektiv: HORIZONTE ESPAÑOL 1972, 3 Bde. Paris 1972.
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ROLLO, 1808-1966, Paris 1968.
Ders. Hrsg.: ESPANA HOY, Paris 1963.
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schauliche Darstellung der Entwicklung seit 1939. Auch in spa-
nisch. Paris 1971.
Georgel, Jacques: LE FRANQUISME: Histoire et Bilan 1939-1969, Pa-
ris 1970. Datenreich, auch zum Nachschlagen geeignet. Spanische
Ausg. Paris 1971.
Vilar, Pierre: HISTORIA DE ESPANA, Paris 1971, das beste kurze
Geschichtswerk über Spanien, das es gibt.
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López Muñoz, Arturo y García Delgado, J.L.: CRECIMIENTO Y CRISIS
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Ed.: umfangreiches, grundlegendes Werk.
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