Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973


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       Julian Quijada / Hans W. Rachdorf
       

ZUR SOZIO-ÖKONOMISCHEN ENTWICKLUNG SPANIENS (TEIL 1)

Der Bonapartismus gab vor, "alle Klassen zu vereinigen durch die Wiederbelegung des Trugbilds des nationalen Ruhms. In Wirklich- keit war es die einzig mögliche Regierungsform zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse diese Fähigkeit noch nicht er- worben hatte." Karl Marx: "Bürgerkrieg in Frankreich", MEW 17, S. 337/38 Vorbemerkung ------------ Es herrscht ein erschreckender Informationsmangel über die Ver- hältnisse in Spanien: Die deutschsprachige Literatur beschränkt sich auf einige wenige Bücher, die allerdings nur sehr unzurei- chend über die spezifisch spanischen Probleme zu informieren ver- mögen. Die meisten bewegen sich auf der leicht zu erklimmenden Anti-Franco-Ebene und ergehen sich in "demokratischen" Oberfläch- lichkeiten; einige wenige schwelgen in Soziologismen, andere in relativ unvermittelter Beschreibung der neuen Arbeiterbewegung. Die Bürgerkriegsliteratur überwiegt noch immer. Es gibt bedauerlicherweise nicht ein einziges erwähnenswertes Ge- schichtswerk über Franco-Spanien in deutscher Sprache. Niemand hat es bisher für nötig gehalten, die zum Teil ausgezeichneten Arbeiten verschiedener französischer Historiker zu übersetzen. Sicherlich sagt dieser desolate Informationsstand auch etwas über das Erkenntnisinteresse der meisten Romanisten oder Hispanisten aus: der schöngeistigen Literatur wird noch immer allzu selbst- verständlich ein Alleinvertretungsanspruch eingeräumt. (Zur nähe- ren Information sei verwiesen auf Michael Nehrlichs Aufsatz: "Romanistik und Antikommunismus" in: ARGUMENT 72.) Wir haben uns vorgenommen, in zwei Artikeln mit der Aufarbeitung und Analyse des Materials zur Entwicklung des spanischen Kapita- lismus seit Ende der fünfziger Jahre (1. Teil) und der neuen spa- nischen Arbeiterbewegung (2. Teil) zu beginnen. Dabei hat sich besonders bei der Arbeit am ersten und zweiten Teil als großer Nachteil erwiesen, daß die Kommunistische Partei Spaniens (PCE) im Untergrund und im Exil arbeiten muß (29.4.72: Ausweisung des Generalsekretärs Santiago Carrillo aus der BRD durch Innenminister Genscher). So ist es ihr z.B. nicht möglich, wie andere KP's eigene Institute zu unterhalten, um in eigenen Erhebungen die oft dilettantischen, falschen oder gefälschten Statistiken des Franco-Staates zu überprüfen. Und Gewerkschaften, die diesen Namen verdienten, gibt es nicht. Dennoch verdanken wir wesentliche Interpretationen und Hinweise einem Buch, das von einem PCE-nahen Verlag herausgegeben wurde: "Un futuro para Espana: la democracia economicay politica", Paris 1967. "Dieses Buch ist die kollektive Arbeit einer Gruppe von PCE-Mitgliedern, Lehrern, Soziologen, Ökonomen, Medizinern, Juri- sten, Agronomen, Ingenieuren und Psychologen mit kommunistischer, sozialistischer, katholischer und fortschrittlicher Ausrichtung, die an verschiedenen Punkten Spaniens, einige auch im Exil, leben und arbeiten ... Ihre Namen können heute aus Gründen der Vorsicht nicht genannt werden ..." (Santiago Carrillo im Vorwort). Weiter- hin verdanken wir dem trotz aller Mängel und Oberflächlichkeiten grundlegenden Werk von Ramon Tamames: "La estructura economica de Espana", Madrid 1971, 6. Ausg., wichtige Anregungen. Wir haben darauf verzichtet, durchgehende Anmerkungen zu machen, und stattdessen bibliographische Hinweise angehängt, die Interes- senten als Grundlage dienen mögen. Wenn also im Text genannten Büchern keine näheren Angaben beigestellt sind, findet sich das Werk im bibliographischen Anhang. Zwei Makel (dieser sind wir uns zumindest bewußt) hängen diesem Artikel an. Der erste ist, daß die vorhandenen Daten in den mei- sten Fällen nur bis 1969/70 reichen; diese uns im ökonomischen Teil aufgezwungene Begrenzung kann aber im zweiten Teil über die Klassenkämpfe in Spanien nicht eingehalten werden, da Ausmaß und Entschiedenheit der neuen spanischen Arbeiterbewegung nach dem Prozeß von Burgos und der damit verbundenen Solidaritätskampagne mit den zum Tode verurteilten Basken eine neue Stufe erreicht ha- ben. Der zweite Makel ist, daß der Artikel uns selbst über einige Strecken sehr stark deskriptiv erscheint und aufgrund der vielen Statistiken zum Gähnen reizen mag. Trotz der Einsicht haben wir wenig auf Abhilfe gesonnen. Es gibt zuwenig deutschsprachiges Ma- terial über Spanien, um diesen Aufsatz nicht auch als ersten um- fangreichen Versuch einer Materialsammlung und -ordnung zu ver- stehen. Wir haben nicht vor, es dabei zu belassen. Aus diesen Überlegungen heraus haben wir denn auch die manchmal feuilletonistisch anmutenden Passagen, so wie sie aus unserer parteilichen Auseinandersetzung mit der spanischen Wirklichkeit entstanden sind, im Text belassen. Sie mögen, sofern sie gelungen sind, dem Leser zur Erholung dienen. Spanien: das ist für "die einen" Franco, Faschismus, Folterungen, keine Devisen ins Land bringen (höchstens nach Ibiza); für "die anderen" Eurafrika, Sonne mit Meersalz und Flamenco garniert, Blut fließt nur beim Stierkampf, Urlaub. Sicher ist, daß Spanien sein Gesicht in den letzten zehn Jahren vielerorts verändert hat. Die vielen Millionen Touristen, die je- den Sommer die Küsten der iberischen Halbinsel heimsuchen, sonnen sich immer öfter vor Wolkenkratzern, die wie die Krätze an den Stranden entlangwuchern. Erste Autobahnen verbinden jene Ausge- burten profitgieriger Kapitalhirne. Und es sind nicht mehr nur ausländische Autos, die sie benutzen. Längst können die Spanier mit ihren ratengekauften 600er Lizenz-FIATs ihre Städte selber zweimal am Tag im Verkehrschaos ersticken lassen. Auf den Bild- schirmen in den Neubauslums der Arbeitervorstädte wird das Nacht- gebet vom TV-Sandmännchen vorgekaut, und anschließend verrichtet El Cordobes Kunsthandwerk. Gewiß, auch das sind Stereotypen. Aber sie geben ein Abbild Spa- niens, das sich von dem unserer Gesellschaft kaum unterscheidet. Auf den ersten Blick. Und auf den zweiten immer weniger. Die spa- nische Bourgeoisie hat doch noch begonnen, ihre Geschichte in Be- ton zu gießen. Und sie braucht Franco, damit der Tag, an dem die 600er SEATs alle in eine Richtung fahren, noch nicht so bald kom- men möge. Denn ihre Wirtschaft besorgt sie wie alle Bourgeoisien selbst Und wie!? 1. Kurzer Abriß der wirtschaftlichen Entwicklung von 1939-57 ------------------------------------------------------------ Nach drei Jahren (1936-39) erbitterten Bürgerkrieges konnte die Finanz- und Großgrundbesitzer-Oligarchie ihre Herrschaft nur durch einen nach nazi-deutschem und duce-italienischem Modell aufgebauten Staat absichern. Armee und katholische Kirche liefer- ten Stütze und Legitimation. In der Hand von Francisco Paulino Hermenegildo Teodulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo, Führer und Staatschef von Gottes Gnaden (caudillo de Espana por la gracia de Dios) vereinigten sich alle öffentlichen Gewalten. Er stand auch an der Spitze der allein zugelassenen Nationalen Bewegung, die von nun an die gesamte Bürokratie beschlagnahmen sollte. Neben dem damit verbundenen Verbot von Parteien wurden faktisch alle Menschenrechte suspendiert. Die Autonomie-Statute Kataloniens und Euzkadis (Baskenland) wurden zugunsten einer fiktiven politischen und kulturellen Einheit der Nation aufgehoben; die Klassen in einem sogenannten "vertikalen Syndikat" nach Berufsständen gegliedert, zwangsweise zusammengefaßt. Erklärung XIII,5 des "Grundgesetzes der Arbeit": "Das vertikale Syndikat ist ein In- strument zu Diensten des Staates, durch das er hauptsächlich seine Wirtschaftspolitik ausüben wird." Es verwundert denn auch nicht weiter, daß das Syndikat aus den sogenannten "Ausschüssen zur Regulierung der Produktion" entstanden ist. Diese waren wäh- rend des Krieges, besetzt mit Unternehmern und deren Interessen- vertretern, im Namen des Staates mit der Verteilung von Großauf- trägen, Festsetzung von Steuern und Preisen u.a. betraut. Ab 1942 übernahm die Regierung auch offiziell die Festsetzung der Lohnta- rife. Die während des Bürgerkrieges in den republikanischen Gebieten begonnene und beträchtlich vorangetriebene Agrarreform, welche ein Lösungsversuch für das älteste und gravierendste Strukturpro- blem Spaniens - Latifundien im Süden, Minifundien im Norden - war, wurde schnell und gründlich rückgängig-gemacht. Mehr noch, die staatlich festgesetzten, für Landarbeiter besonders niedrigen Löhne sowie staatlich fixierte Preise begünstigten die offen to- lerierten Schwarzmarktpraktiken der Großgrundbesitzer. Die Industriegesetze von 1939 leiteten jene Autarkiepolitik ein, die für die nächsten mindestens dreizehn Jahre oberstes Leitprin- zip aller Wirtschaftspolitik in Franco-Spanien werden sollte. Sie gaben dem Staat die Macht, die Wirtschaft durch direkte Eingriffe zu steuern. Die beiden Hauptinstrumente waren das Institute Nacional de Industria (INI) und die Banken. Die Banken machten zu dieser Zeit einen starken Konzentrations- und Monopolisierungsprozeß durch, der vorwiegend durch die Erklä- rung eines "Status quo" im Jahre 1938 begünstigt wurde: neue Bankinstitute durften nicht mehr eröffnet werden. Die Jahre 1939-51 waren gekennzeichnet durch wirtschaftliche Sta- gnation, wenn nicht sogar Rückgang. Die land- und viehwirtschaft- liche Produktion brach, in erster Linie wegen der agrarischen Ge- genreform, zusammen. Die Lebensmittelknappheit machte sich beson- ders in der Arbeiterklasse bemerkbar und führte zur Ausbreitung blühender Schwarzmärkte. Die staatlichen Arbeitsreglementierungen hielten die Löhne niedrig, nahezu auf dem Subsistenzminimum, was der Oligarchie trotz wirtschaftlicher Stagnation relativ hohe Profite sicherte. Vor allem im Süden stellte die Arbeitslosigkeit ein großes Problem dar: die Landarbeiter verkauften jeden Tag auf dem Marktplatz dem Meistbietenden ihre Arbeitskraft. Hunderttausende ließ Franco nach seinem "glorreichen Kreuzzug" in Gefängnisse werfen und erschießen. Millionen, darunter ein großer Teil qualifizierter Facharbeiter, mußten ins Exil gehen. Und der Krieg selbst hatte über eine halbe Million Tote gefordert. Die Kriegsschulden gegenüber Deutschland und Italien belasteten zusammen mit den vorgenannten Faktoren die auswärtigen, vor allem Handelsbeziehungen derart, daß sie quasi vollständig zum Erliegen kamen und ihrerseits die wirtschaftliche Entwicklung hemmten. Die Auswirkungen der katastrophalen Wirtschaftssituation waren so verheerend, daß ein "Reruralisierungsprozeß" eingeleitet wurde: die aktive Landbevölkerung war 1940 und auch noch 1950 merklich größer als 1930, beträchtlich größer sogar noch als im letzten Vorkriegsjahr. Damit verbunden war der Rückfall weiter Landge- biete in Subsistenzwirtschaft, Tauschhandel und soziale Inaktivi- tät. Erst 1953, 14 Jahre nach Beendigung des Bürgerkrieges, er- reichte das Volkseinkommen den Vorkriegsstand. Der seit 1951 langsam einsetzende Wandel in Spanien ist vorwie- gend auf außenpolitische Umstände zurückzuführen. Mit der Ver- schärfung des Kalten Krieges im Gefolge des Koreakrieges wurde Spanien für die USA strategisch interessant. 1951 schon konnte Franco finanzielle Schwierigkeiten und Engpässe der Rohstoffbe- schaffung sowie in der Lebensmittelversorgung mit Krediten der US-Import-Export-Bank überwinden. Im September 1953 schließlich wurden die inoffiziellen Kontakte zwischen den USA und Spanien durch die Unterzeichnung eines Militärabkommens offenkundig. Diese "Madrider Verträge" machten Spanien zu einer der wichtig- sten Positionen in der US-Nuklearstrategie. In der Folge durfte Spanien die US-Agrarüberschüsse verzehren, was einerseits zwar zur kurzfristigen Verbesserung der Versorgungssituation beitrug, andererseits aber den Ausbau der Landwirtschaft behinderte, die Preise steigen, die Inflation traben und die Peseta aushöhlen ließ. Dennoch wurde die wirtschaftliche Entwicklung durch langfristige Kredite anderer Staaten (Großbritannien, Frankreich, Belgien) wieder in Gang gebracht, da sich mit ihnen der Außenhandel wieder belebte, der durch seine weitgehende Inexistenz einer der wesent- lichen Faktoren der Stagnationsjahre war. Mit dem Jahr 1951 endete aber auch die innenpolitische Lähmung. Die steigenden Lebenshaltungskosten führten zu Protesten, die im Frühjahr 1951 in Barcelona ihren ersten Höhepunkt fanden: voll- ständiger Boykott aller öffentlichen Verkehrsmittel und General- streik. Im Winter 1951 konnte der Zusammenbruch der Lebensmittel- versorgung nur durch massive Einfuhren verhindert werden. Die Proteste führten zu einer Regierungsumbildung. Die neuen Mi- nister liberalisierten den Handel, was zusammen mit zwei Rekord- ernten (1951/52) zu einer leichten Belebung der Produktion führte. Ausländische Kredite, Überweisungen der Emigranten, erste kräftigere Touristenströme und verbesserte Außenhandelsbeziehun- gen ließen die Industrialisierung wieder in Gang kommen. Es bil- deten sich vor allem Klein- und Mittelbetriebe, die die nun ein- setzende Landflucht nicht verkraften konnten. Die Entstehung von Slums zwang zu einer Intensivierung der Bautätigkeit. Die anhal- tende Landflucht macht Strukturveränderungen im Agrarsektor not- wendig, um die Versorgung der schnell wachsenden Stadtbevölkerung zu sichern. Flurbereinigung ohne Einbeziehung des Großgrundbesit- zes und Bewässerungspolitik verstärkten noch die bestehenden ländlichen Machtstrukturen und verursachten zusammen mit der wachsenden Verschuldung der Kleinbauern aufgrund der Kapitalisie- rung der Landwirtschaft durch die Finanzoligarchie eine Intensi- vierung der Land-Stadt-Wanderungen. Nach 1954 schließlich führten die grundlegenden Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise im allgemeinen und die spezi- fisch spanische Situation im besonderen zu einer Wirtschaftslage, in der nur noch durch Unterstützung von außen der endgültige Bankrott verhindert werden konnte. Bis 1954 waren die Preise noch relativ stabil geblieben. Ab 1955 jedoch stiegen sie unaufhör- lich, während die Peseta an den ausländischen Börsen innerhalb kurzer Zeit rapide fiel. Dieselben Kredite, welche die Wirt- schaft, insbesondere die Industrialisierung, wieder in Gang ge- bracht hatten, waren jetzt Grund dieser Inflation. Da jegliche übergreifende Planung fehlte, konnten die privaten Monopole im Schutze der staatlichen Exportbeschränkungen dort investieren, wo auf kurze Sicht die größten Profite zu machen waren und so ihre Monopolstellung beträchtlich ausbauen. Die Autarkiepolitik, die Spanien vor dem Konkurrenzdruck der aus- ländischen Märkte abgeschirmt hatte, schuf selbst die Widersprü- che, zu deren Überwindung ab 1957 bis zum heutigen Tage die größ- ten Anstrengungen gemacht werden. Investitionen flössen in zu kleine Fabriken mit veralteter Technik; staatliche Lohnfestset- zungen ließen hohe Profite zu und gaben keinerlei Anlaß zu Ratio- nalisierungen. Weder Staat noch Monopole bemühten sich um eine langfristige Grundlagenforschung, die der spanischen Wirtschaft die Konkurrenz auf dem Weltmarkt erleichtert hätte. Diese Inve- stitionspolitik nach puren privatkapitalistischen Profitmaßstäben bei gleichzeitiger Nichtbeachtung der langfristig benötigten Strukturbedingungen führte schließlich zu steigenden Kosten, die zusammen mit unkontrollierbar anwachsenden Staatsausgaben durch rasch steigende Preise den ohnehin eingeschränkten Export merk- lich erschwerten. Die Exportschwierigkeiten wurden durch das un- einheitliche Wechselkurssystem, welches Importe de facto belohnte und Exporte behinderte,- noch verstärkt. Das daraus resultierende Handelsbilanzdefizit war schließlich so groß, daß auch die Devi- sen der Touristen und der Emigranten die Zahlungsbilanz nicht mehr ausgleichen konnten. Die Folge waren immer höhere Kosten zur künstlichen Aufrechterhaltung der staatlich festgesetzten Wech- selkurse bei jäh fallenden Peseta-Notierungen und das rapide Weg- schmelzen der Devisenreserven. Dies ist die Situation, in der 1956 an den Universitäten die Kämpfe gegen die faschistisch beherrschte Studentengewerkschaft SEU ausbrechen. Im Frühjähr 1956 wird der Norden Spaniens durch Streiks der Bergleute und Metallarbeiter erschüttert. Sie kämpfen für höhere Löhne und kollektive Lohntarifverhandlungen. Die er- kämpften Lohnerhöhungen werden bald durch Preissteigerungen auf- gefressen; das Nachgeben der Regierung in der Frage kollektiver Tarifverhandlungen ist fruchtlos: es fehlen Gewerkschaften, die die neuen Möglichkeiten im Interesse der Arbeiter ausnützen könn- ten. Ansonsten reagiert das Regime hart: Polizeieinsätze, Depor- tationen, Bei Boykottmaßnahmen gegen die öffentlichen Transport- mittel in Barcelona und Madrid kommt es im Januar und Februar 1957 zu Straßenschlachten, Bombenanschlägen und Massenverhaftun- gen. Folterungen sind in den Kommissariaten und Gefängnissen gang und gäbe. 2. Das Opus Dei --------------- Diese wirtschaftliche und politische Situation zwingt Franco zur schwerwiegendsten Regierungsumbildung seit seinem Machtantritt. Mit López Rodo tritt im Dezember 1956 der erste neue Mann sein Amt an: er wird Technischer Generalsekretär des Regierungspräsi- denten (Franco). Am 25. Februar 1957 schließlich stellt Franco ein neues Kabinett vor, in dem fast alle Wirtschaftsressorts von Opus-Dei-Leuten besetzt werden. Einfädler der ganzen Wachablösung ist der heutige starke Mann, Statthalter Francos und Königsmacher von Juan Carlos, Admiral Luís Carrero Blanco. Das Opus Dei, zu deutsch: Werk Gottes, ist eine geheime Laien-Or- ganisation der katholischen Kirche, hierarchisch und autoritär in Ränge eingeteilt, deren Mitglieder alle Schlüsselpositionen in Staat und Gesellschaft einnehmen. Die "heilige Maffia" besitzt oder kontrolliert: "- die Spanische Volksbank, zwei Industriebanken und zahlreiche lokale Kredit-Institute; - Versicherungs-, Finanzierungs-, Holding- und Investmentgesell- schaften; - Werbe- und Presseagenturen, Tageszeitungen, Frauenzeitschrif- ten, Buchverlage, eine Filmgesellschaft und einen Rundfunksender; - eine Universität in Pamplona, höhere Schulen in Madrid, Barce- lona und Bilbao, ein Institut für Unternehmensführung, Haushalts- schulen und Studentenheime." (SPIEGEL Nr. 46, 1970, S. 152; vgl. Jesus Ynfante: "La prodigiosa aventura del Opus Dei. Génesis y desarrollo de la Santa Mafia", Paris 1970) Der opus-intern so genannte "Vater", der Pater José María Escrivá de Balaguer, meint in der 479 Punkte umfassenden Satzung, die Yn- fante ans Tageslicht fördern konnte: "197. Unser Institut ist zweifellos eine Familie, aber außerdem ist es auch eine Miliz. Eine Familie ohne die Unannehmlichkeiten der körperlichen Liebe; und eine Miliz mit der besten Kampfkraft und mit der stärksten Disziplin ... 202. Mittel unseres Apostolats sind die öffentli- chen Ämter, insbesondere leitende Positionen." Das Opus Dei ist für Franco und das spanische Bürgertum die einzige konservative Gruppe, welche sich anbietet, die drohende Katastrophe zu bekämp- fen. Im Grunde symbolisiert dieser Regierungswechsel die gewach- sene politische Macht der Finanz- und Industriebourgeoisie, nach- dem die Landwirtschaft ihre beherrschende Rolle in den fünfziger Jahren verloren hat - eine Entwicklung, die sich in den sechziger Jahren verstärkt fortsetzt. 3. Der Stabilisierungsplan -------------------------- Die erste wichtige Amtshandlung der neuen Regierung, die Festset- zung eines einheitlichen Wechselkurses von 42 Pesetas pro Dollar, legt im April 1957 die währungspolitische Grundlage für das all- gemeine Ziel: Abbau der Autarkiepolitik. Die Steuerreform vom De- zember desselben Jahres behebt zunächst die chronischen Geld- schwierigkeiten des Staates zumindest teilweise. Eine nur ange- deutete Verwaltungsreform führt zum Krach mit der Bürokratie und fällt sachte unter den Tisch. Neben der Erhöhung der Steuern sol- len andere Maßnahmen wie die Anhebung des Diskontsatzes und die Einfrierung der Löhne und Gehälter stabilisierend auf die kata- strophale Situation wirken. 1958 ist ein "internationales" Jahr für Spanien: Januar: Eintritt in die OEEC (Organization for European Economic Cooperation; ab 1961: OECD - Organization for Economic Cooperation and Develop- ment); September: Eintritt in den Internationalen Währungsfonds; November: Eintritt in die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Und damit klar wird, was das ganze wirklich be- zweckt, wird der Kapitalimport im Juli wesentlich erleichtert. Eine neugegründete Planungsinstitution (Oficina de Coordinación y Programación Económica de la Presidencia del Gobierno - OCYPE) hat schon im März ein "Programm zur Neuordnung der öffentlichen Investitionen" veröffentlicht. Doch zeitigt dies alles vorerst nur äußerst spärlich die er- wünschten Ergebnisse. Nach zwei Jahrzehnten allgemeiner und "institutionalisierter" Wirtschaftsanarchie mit Preissteigerun- gen, die zu schwerwiegenden Ungleichheiten zwischen den verschie- denen Produktionszweigen geführt haben, ist es praktisch unmög- lich, eine einheitliche Politik zu betreiben. Vermutlich weil zum erstenmal in der spanischen Wirtschaftsgeschichte jemand daran dachte, klassische kapitalistische (Keynes'sche) Wirtschaftsme- thoden anzuwenden, sprechen kritische Beobachter seitdem vom spa- nischen "Neokapitalismus". Die plötzliche Öffnung der Grenzen führt zu sprunghaften Steige- rungen der Einfuhr. Im August 1959, knapp einen Monat nach der Bekanntgabe des offiziellen Stabilisierungsplans, reichen die verfügbaren Devisen gerade noch für die Importe eines Monats. Der Plan de Estabilización vom 21./22. Juli 1959 hat das Ziel, durch Stabilisierung der Preise und Ausgleich der Zahlungsbilanz den inflationären Prozeß zu stoppen. Zur Stabilisierung im Innern werden die Löhne und Gehälter eingefroren, die Ausgaben unter Kontrolle gestellt. Steuern und staatliche Tarife (Post, Eisen- bahn etc.) erhöht, Kredite beschränkt und der Diskontsatz aber- mals gehoben. Den Ausgleich im Außenbereich sollen die Abwertung der Peseta auf 60 ptas pro Dollar, Importbeschränkungen bei gleichzeitiger Begünstigung von Exporten, Anleihen im Ausland und Verbesserung der Anlagebedingungen für ausländische Investoren herbeiführen. Drei Maßnahmen bilden den Kern dieses Programms: 1. Die Festsetzung eines neuen, um 43 Prozent (!) niedrigeren Wechselkurses verstärkt die Touristenschwemme und vergrößert das Exportvolumen, was teilweise jedoch auch auf Überschuß-Exporte um jeden Preis wegen der durch den Plan herbeigeführten Rezession zurückzuführen ist. Was die Touristen und ihren entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung angeht (ihre Devisen ermöglichen den Ausgleich der bis auf das für die "opusdeistas" erfolgreiche Jahr 1960 weiterhin negativen Handelsbilanz), so ist die Gottes- werkler-Regierung daran unschuldig. Die Touristeninvasion wird erst zum Rechnungsfaktor, als man mit ihrer Regelmäßigkeit rech- nen kann. Ihre Ursache ist Spaniens geographische Lage und das günstige Klima, der unmittelbare Anlaß die Prosperitätswelle in der neuen EWG und die Peseta-Abwertung. Kredite des Internationa- len Währungsfonds, der Haupt-OEEC-Länder, von US-Privatbanken und Regierung sowie Importerleichterungen für Rohstoffe überbrücken die Devisenknappheit. 2. Die Einfrierung der Löhne und Gehälter ist der Versuch, Stabi- lität auf Kosten der werktätigen Massen zu erreichen, nachdem die starken Preissteigerungen die Lohnerhöhungen von 1956 schon auf- gefressen haben. Den Unternehmern wird obendrein eine leichtere Handhabung von Entlassungen zu Füßen gelegt und gleichzeitig, um Überdruck zu vermeiden, werden die Emigrationsquoten erhöht. Der offizielle Auswanderungssaldo für die vier Jahre 1959-1962 beläuft sich auf 459.442, andere Angaben der Banco de Bilbao liegen darunter, in einigen Publikationen taucht immer wieder "über 700.000" auf, was allerdings nicht näher differenziert wird. Doch schon die offiziellen Angaben bedeuten einen Verlust von ca. 4 Prozent der aktiven Bevölkerung. Auf diese Weise werden nicht nur viele Klassenkämpfe vermieden, die fleißigen- Überweisungen der Exportierten bringen so viele heißerwünschte Devisen, daß Tamames meint, ohne sie wäre möglicherweise sogar die gesamte Stabilisierung gefährdet gewesen. 3. Nach Jahrzehnten inflationsfördernder Haushaltspolitik wird nun der Versuch gemacht, eine wirksame Ausgabenkontrolle durch- zuführen (wie und in wessen Interesse, s.u.). Vor allem werden keine staatlichen Pfandbriefe mit Kreditgarantie mehr ausgegeben, denn sie waren seit 1939 der unmittelbar entscheidende Faktor für den ständigen Betrieb der Notenpresse und damit für die Preis- steigerungen. Den Privatbanken werden Kreditbeschränkungen aufer- legt, die einerseits zur Stärkung der Banken, andererseits zur finanziellen Schwächung der nicht-monopolistischen Unternehmen beitragen. Diese Maßnahmen führen nach Abbau der Lagervorräte schon im zwei- ten Halbjahr 1959 zu Produktionsdrosselungen und damit zu umfang- reichen Entlassungen, Abbau der Überstunden und Kurzarbeit, was in einigen Industriezweigen Lohneinbußen bis zu 50 Prozent mit sich bringt. Bei gleichzeitiger Hochkonjunktur in den EWG-Ländern verursacht diese Politik Massenauswanderungen. Nutznießer dieser künstlich herbeigeführten Rezession ist die Fi- nanzoligarchie. Die Banken erzielen vor allem wegen der 1960 und 1961 abermals erhöhten Zinssätze die höchsten Profite ihrer Ge- schichte, während das Nationaleinkommen insgesamt 1959 um 2,7 Prozent sinkt und 1960 noch unter dem Abschluß von 1958 liegt. Erst 1961 und nach der Aufhebung der Bremsmaßnahmen beginnen Preise, Investitionen und Gewinne allgemein wieder zu steigen, um 1962 das sogenannte "spanische Wirtschaftswunder" einzuleiten. Das "Wunder" steht allerdings vorerst auf wackligen Beinen, weil die spanischen Kapitalisten das während Rezessionsphasen Übliche: stabilisierende Rationalisierungen und Strukturveränderungen, we- gen der mit dem Stabilisierungsplan verbundenen Importbeschrän- kungen nur unzureichend realisieren konnten. Die Hoffnungen der gottgewirkten Regierung auf ausländische Kapitalhilfe in Form von Direktinvestitionen wird wegen der Rezession nur schwach erfüllt. So gerät die Aufhebung dieser Nachteile nicht nur zur Grundlage eines beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwungs, sondern auch zu seiner ersten Phase. Die geöffneten Grenzen setzen den spanischen Kapitalismus der starken Konkurrenz der EWG-Länder aus. Zusammen mit den heftigen Klassenkämpfen von 1962 und der folgenden Jahre, die dem gottbegnadeten Franco und seinen Gottesmaffiosi de facto das Streikrecht und weit höhere Löhne abtrotzen, führt dies zu relativ umfangreichen Rationalisierungen und Modernisierungen. 4. Einige makroökonomische Angaben ---------------------------------- Um einen allgemeinen Überblick über die wirtschaftliche Entwick- lung Spaniens während der sechziger Jahre zu geben, wollen wir, bevor wir eine detaillierte Analyse erstellen, einige makroökono- mische Angaben machen. Tabelle 1 Nationaleinkommen in Ptas von 1964 (Mio.) Jahr Ptas Änderungsrate 58 671.046 5,2 59 653.017 2,7 60 661.658 1,3 61 743.481 12,4 62 818.859 10,1 63 894.418 9,2 64 946.228 5,8 65 1.013.169 7,1 66 1.087.636 7,3 67 1.127.825 3,7 68 1.194.133 5,9 69 1.270.972 6,4 70 1.348.501 6,1 _____ (Quelle: Informe Económico 1970, Banco de Bilbao) Die im allgemeinen günstige Entwicklung der spanischen Wirt- schaft, zumindest aus der Sicht des Kapitalisten, zeigt sich in Tabelle 1. Darin wird direkt deutlich, welchen Einfluß die Wirt- schaftspolitik der neuen Regierung auf die gesamte Entwicklung der spanischen Wirtschaft gehabt hat. In den Jahren 1959 und 1960 führt die künstlich erzeugte Deflation zu einem Einbruch in der langsamen Aufwärtsentwicklung des Nationaleinkommens. Als die Gotteswerkler die Grenzen öffnen und Kreditbremsen loc- kern, schießen die Zuwachsraten hoch und stabilisieren sich all- mählich bei einem durchschnittlichen Wachstum von 6,5 Prozent für die sechziger Jahre. Zum Vergleich: nur Japan kann höhere Raten aufweisen (9,8%). Die Türkei (5,8%), Griechenland (5,7%) und Por- tugal (4,7%), Länder mit vergleichbar niedrigem Ausgangsniveau, sowie Italien (4,6%) und Frankreich (4,4%) folgen mit teils be- trächtlichem Abstand. Vergleicht man jedoch absolute Daten, wie etwa das Bruttoinland- sprodukt pro Kopf, so zeigt sich sofort, auf welcher Ebene die obengenannte Rate zu betrachten ist. Spanien weist zwar relativ hohe Zuwachsraten des Nationaleinkommens auf, hinkt jedoch weit hinter höher entwickelten Ländern (auch Italien) her. Lediglich die Türkei bleibt erheblich hinter der spanischen Quote zurück. Tabelle 2 Jahresdurchschnitte für den Zeitraum 1961-70: Reale Wachstums- Aktive Produktivitäts- rate des BIP's zu Bevölkerung steigerungsrate Faktorkosten 1 2 3 Landwirtschaft, Forst und Fischerei 2,93% 2,58% 5,62% Industrie 9,76% 2,99% 6,53% Dienstleistungssektor 7,68% 2,14% 5,46% _____ (Quelle: Informe del servicio de EStudios del Banco Urquijo 1970) Das schnelle Wachstum des Nationaleinkommens stützt sich eindeu- tig auf Industrie- und Dienstleistungssektor, während die Land- wirtschaft aufgrund ihrer überkommenen Struktur nur geringe Stei- gerungsraten zu verzeichnen hat (s. Tabelle 2, 1). Es zeigt sich, daß die stattgefundene Mechanisierung nur bedingt Einfluß auf diese Entwicklung besessen hat. Neben der verstärkten Stützung des Industriesektors hat die Stabilisierungspolitik der Jahre 1959/60 starken Einfluß auf die Arbeitskräftebewegungen (Land- und Landesflucht) gehabt hat. Die aktive Agrarbevölkerung hat um 2,58 Prozent pro Jahr abgenommen, die der Industrie um fast 3 Prozent zugenommen. Vor allem der Tourismus ließ die Beschäftig- tenzahl im Dienstleistungssektor anwachsen. Das zehnjährige Mit- tel verdeckt allerdings das wahre Ausmaß der stattgefundenen Wan- derungen (Tabelle 2, 2). Aus den Angaben über die Produktivität schließlich (s. Tabelle 2, 3) geht hervor, daß die mit Touristen- devisen gekauften neuen und modernen Maschinen zu einer beträcht- lichen Produktivitätssteigerung geführt haben. In welchem Maße daran die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter beteiligt ist, läßt sich allerdings nicht feststellen. Ein Blick auf die Höhe der Bruttoinvestitionen macht deutlich, daß der spanische Kapitalismus trotz der erheblichen Veränderun- gen, die er in den sechziger Jahren erfahren hat, im Vergleich mit anderen Ländern nur sehr unzureichend in der Lage ist, die vorhandenen Mittel voll auszuschöpfen. Die Tabelle 3 zeigt aber auch, daß die Akkumulation sich in Grenzen hält. Neben der starken Emigrationsbewegung mag noch der geringe Anteil der arbeitenden Frauen an der Bevölkerung das alles in allem niedrige Entwicklungsniveau der Industrie kennzeichnen. Tabelle 3 Investitionsrate: Bruttoanlageinvestitionen gemessen am Bruttoso- zialprodukt '65 '66 '67 '68 Durchschnitt Spanien 22,9 22,7 21,3 20,9 21,9 Italien 18,8 18,3 18,9 19,4 18,8 Griechenland 22,8 23,9 21,7 26,0 23,6 Frankreich 24,4 25,5 25,2 24,9 24,9 BRD 26,3 25,4 22,8 23,1 24,4 _____ (Quelle: Banco de Bilbao 1970) Aus der Tabelle 4 ist zu ersehen, daß überwiegend männliche Ar- beitskräfte das Land verlassen haben: ihr Anteil an der Bevölke- rung ist im fraglichen Zeitraum gesunken, während derjenige der Frauen konstant geblieben ist. Tabelle 4 Aktive Bevölkerung in % der Gesamtbevölkerung 1960 1965 1967 1968 1969 männlich 64,2 60,0 59,7 59,6 59,0 weiblich 13,5 17,1 17,5 17,4 17,5 gesamt 38,1 38,2 39,9 37,9 37,1 _____ (Quelle: Spanien, Länderkurzberichte 1971, S. 17) Schlüsselt man die aktive Bevölkerung nach Sektoren auf, so ist die in den sechziger Jahren endgültig vollzogene Entwicklung Spa- niens von einer agrarisch-industriellen zu einer industriell- agrarischen Gesellschaft klar zu erkennen (Tabelle 5). Während die Landwirtschaft fast ein Drittel ihrer Beschäftigten verlor und heute der anteilmäßig kleinste Sektor geworden ist, haben In- dustrie- und Dienstleistungssektor wesentlich an Bedeutung gewon- nen. Allerdings zeigt ein Vergleich mit Italien, Frankreich und der BRD, daß der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten an der aktiven Bevölkerung immer noch weit über dem der hochent- wickelten Industrieländer liegt. Tabelle 5 Erwerbstätigkeitsstruktur in einigen Ländern, % nach Sektoren Spanien Italien Frankreich BRD 1960 1970 1970 1970 1970 Agrarsektor 41,7 29,4 19,6 14,0 9,0 Industriesektor 31,8 37,3 43,7 38,9 50,3 Dienstleistungs- sektor 26,5 33,3 36,7 47,1 40,7 _____ (Quelle: Banco de Bilbao) Im Verhältnis zur immer noch sehr hohen Zahl der im Primärsektor Beschäftigten ist der landwirtschaftliche Ertrag bescheiden. Sein Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt ist in nur fünf Jahren um 5 Pro- zent zurückgegangen. Bei gleichzeitigem Ansteigen des industriel- len Beitrags ist auch hier wieder das größere Gewicht der Indu- strie, wie wir sehen werden, vor allem der verarbeitenden Indu- strie, abzulesen (Tabelle 6). Das größte Gewicht besitzt aller- dings der Tertiärsektor, was in Spanien weniger auf ein weiteres Anschwellen der ohnehin reichlich aufgeblasenen Bürokratie als auf die rasante Entwicklung des Tourismus mit seinen Reisebüros, Hotels, Bars usw. zurückzuführen ist. Tabelle 6 Beitrag der jeweiligen Sektoren zum Bruttoinlandsprodukt (in %) I II III Land- u. Berg- Indu- Bau Elek- Trans- Handel Andere Forst- werke strie tri- port Dienst- wirtsch. zität leistun- u. Fisch gen Spanien 1966 18 1 27 5 2 6 12 29 67 16 1 26 5 2 7 12 31 68 16 27 5 2 7 12 31 69 15 28 5 2 7 12 31 70 13 28 5 2 7 12 32 Italien 68 13 29 8 7 12 31 70 10,3 40,5 49,2 Frankreich 70 6,0 48,1 45,9 _____ (Quelle: Banco de Bilbao) Über die Entwicklung der Lebenshaltungskosten geben Daten im Ka- pitel zur sozialen Lage der Arbeiterklasse Aufschluß. 5. Staatsausgaben ----------------- Wie bisher gezeigt worden ist, verfügt der spanische Staat über umfangreiche Möglichkeiten, in den Verlauf der Wirtschaft ein- zugreifen, was er zugunsten der Oligarchie und zur Unterdrückung und Auspowerung der Arbeiterklasse auch mehr als genug geübt hat. Als öffentlicher Investor hingegen hat er im Vergleich mit eini- gen anderen OECD-Staaten bisher nur sehr wenig lenkend inter- veniert. Daran ändern auch die verschiedenen Plan-Versuche nichts Entscheidendes. Dies zeigt der folgende Vergleich der Staatsaus- gaben verschiedener Länder, gemessen am Bruttosozialprodukt (Tabelle 7). Tabelle 7 Gesamtausgaben des Staates in % des Bruttosozialproduktes BRD Frankreich Italien EWG Spanien 1959 38,7 38,1 32,7 36,5 15,6 1960 36,7 32,7 34,5 19,4 1966 40,1 40,9 36,8 40,2 21,6 _____ (Quelle: Hacienda pública española, Nr. 6/7, 1967) Aus dieser Tabelle geht hervor, daß zwar auch in Spanien die staatlichen Angaben und ihr Anteil am BSP gestiegen sind, doch auf einer Ebene, die weit unter dem EWG-Mittel liegt. Der Stabi- lisierungsplan hat offensichtlich hohe Investitionen seitens des Staates erfordert. 1960 steigt der Anteil der Staatsausgaben am BSP im Vergleich zu 1959 um 3,8 Prozent, um in den folgenden fünf Jahren nur noch um insgesamt 2,2 Prozent zuzunehmen. Daraus läßt sich ableiten, daß der Staat seit dem Eintritt der Geheimlaien des Opus in die Regierung in stärkerem Maße eine subsidiäre Rolle als Investor spielt. Ungefähr 40 Prozent der Ausgaben umfassen Personalkosten (1968: 42,1%), 32,5 Prozent sind Kapitaloperationen. Die staatlichen Investitionen machen damit 19,5 Prozent der gesamten Investitionen aus. Das ist allerdings im Verhältnis zum Anteil staatlicher Mittel an der Finanzierung von Kapitalanlagen in anderen Ländern während der letzten Jahre ziemlich wenig. In den USA macht dieser Anteil 31 Prozent, in Großbritannien sogar 45, in Frankreich und Italien 30 Prozent aus. Dies steht im Einklang mit der Stützfunktion des Staates in Zei- ten, in denen nationales und internationales Kapital aufgrund ei- ner starken Konjunktur günstige und ausreichende Verwertungsbe- dingungen vorfinden. Es kommt nicht von ungefähr, daß die auslän- dischen Investitionen in diesen Jahren des wirtschaftlichen Auf- schwungs relativ konstant fast 10 Prozent der Gesamtinvestitionen ausmachen (vgl. Kapitel über Kapitalimport). In den letzten Jahren haben interessanterweise die Staatsausgaben für den Erziehungsbereich, besonders die Universitäten, zugenom- men (1968: 11,6%). Zum Vergleich: Armee und andere Sicherheitsor- gane zusammen bekommen ca. 20 Prozent (1968). Falls es Ziel der vermehrten Erziehungsausgaben war, der starken Studentenbewegung die Spitze zu nehmen, so handelte es sich um beträchtliche Fehlinvestitionen. Der Kampf der Studenten, der Mitglieder des "Mittelbaus" und nicht weniger Professoren sowie eines großen Teils der "Gymnasiasten" gegen die neuen Bildungsgesetze, die Franco-Opus-Regierung und den Kapitalismus ist nie stärker gewe- sen als in den letzten Jahren. Am 14. Februar 1972 lagen nahezu alle Universitäten des Landes lahm, keine blieb unberührt vom Aufruf zum universitären Generalstreik. In diesem Jahr fand in Madrid sogar ein Examensstreik statt. Sollte das Ziel der erhöhten Bildungsinvestitionen jedoch auch einer Reorganisierung und Anpassung des wissenschaftlichen Nive- aus an die Anforderungen der veränderten Bedingungen des spani- schen Kapitalismus gewesen sein, dann muß man sich wirklich fra- gen, ob die Laien-Regierer ihre eigene Politik noch zu überblic- ken in der Lage sind. Denn zu einer langfristig angelegten Poli- tik zur Nutzung der Produktivkraft Wissenschaft gehört mehr als die Ausbildung von ein paar Studenten der Großbourgeoisie. Die staatlichen u n d privaten Investitionen in Forschung (im wei- testen Sinne) erreichen zwischen 1963 und 1967 den erschlagend mächtigen Anteil am Bruttosozialprodukt von durchschnittlich 0,2 Prozent. Das ist etwa zwanzigmal weniger als in den hochentwic- kelten kapitalistischen Ländern. Die Tatsache, daß die großen Mo- nopole, vor allem die von ausländischem Kapital kontrollierten, dennoch den höchsten technischen Anforderungen entsprechen, läßt das Ausmaß der technologischen Abhängigkeit Spaniens zumindest ahnen. Staatseinnahmen --------------- Eine der ersten Opus-Aktionen nach dem Regierungsantritt im Jahre 1957 war eine Steuerreform, deren einziger Zweck in der Erhöhung der Staatseinnahmen lag. Eine weitere solche Reform im Jahre 1964 brachte im Prinzip nichts anderes. Keine der beiden hat etwas an der starken Steuerregression geändert, die das spanische Steuer- system charakterisiert. Hier herrscht das Prinzip, daß diejeni- gen, welche viel haben, am wenigsten und diejenigen, welche wenig haben, am meisten Steuern zahlen, besonders ausgeprägt. Darüber- hinaus gibt es unzählige Möglichkeiten, sich dem Finanzamt zu entziehen; Möglichkeiten, die größtenteils ohnehin nur von Rei- chen genutzt werden können. Was das spanische Steuersystem besonders unsozial macht, ist der mit 70 Prozent besonders hohe Anteil indirekter Steuern (direkte: 30%). Diese Verbrauchssteuer stellt für die Masse der Bevölke- rung, die Werktätigen und ihre Familien, eine besonders schwere Belastung dar. Welches Gewicht diese Steuern haben, zeigt der Staatshaushalt: der Anteil der indirekten Steuern an den gesamten Budgeteinnahmen liegt bei 60 Prozent. 6. Plan de Desarrollo --------------------- Im Touristen- und Streikjahr 1962 wird die Comisaria del Plan de Desarrollo (Entwicklung) geschaffen und 1964 halten die Geheimka- tholiken die Zeit für die Fortsetzung ihrer Plan-Wirtschaft für gekommen. Am 28. Dezember 1963 wird der I. Plan de Desarrollo Economico y Social Gesetz. Im ersten Abschnitt des Plans für 1964-1967 heißt es: "Der Wiederaufbau- und Entwicklungsprozeß während der letzten zwanzig Jahre hat einen Reifegrad erreicht, der die Formulierung eines allgemeinen Plans empfiehlt, in dem global die unmittelbaren Ziele der Wirtschaftspolitik festgesetzt und die zu ihrer Erreichung notwendigen Maßnahmen ergriffen wer- den." Wenn oben gesagt wurde, mit dem Opus Dei habe Keynes auch in Spa- nien seinen Einzug gehalten, heißt das nicht, daß damit gleich Meister vom Himmel gefallen wären. Im Gegenteil, bei ihrer plan- vollen "Wirtschaftswunder"-Politik sind die Opus-Leute recht mit- telmäßige Zauber-Lehrlinge der französischen "planification" und angesichts der Ergebnisse eher aus allen Wolken gefallen. Sie übernehmen schematisch die Praktiken einer Wirtschaft, die mit der spanischen aufgrund ihres viel höheren Entwicklungsstandes und ihrer unterschiedlichen Strukturen nur gemein hat, daß sie auch kapitalistisch ist. So kann es geschehen, daß man ungeachtet aller ökonomischen wie technischen Voraussetzungen vom vierten Plan der Franzosen abschreibt und dabei übersieht, daß etwa deren erster sich "Plan de Modernisation et d'Equipment" nannte. Mögli- cherweise sollte der Stabilisierungsplan diese Rolle spielen, doch hat der Plan durch seine eigene Widersprüchlichkeit den re- lativen Mißerfolg provoziert. Nicht einmal die für Planung unbe- dingt notwendigen statistischen Bedingungen sind ausreichend, wie denn auch wir bei der Arbeit an diesem Artikel immer wieder zu spüren bekamen. In den Eingangskapiteln des ersten Entwicklungsplanes wird er- klärt, die Richtlinien für den privaten Sektor seien mit Rück- sicht auf die "freie Initiative und die individuellen wirtschaft- lichen Entscheidungen" lediglich "indikativ", also unverbindlich, und für den öffentlichen Sektor "bindend". Um den privaten Sektor etwas mehr zu binden, wird eine "konzertierte Aktion" ins Leben gerufen, wobei bestimmte Unternehmen freiwillig gute Miene zum Zahlenspiel des jeweils zuständigen Ministeriums machen. Die Par- titur enthält Angaben über das zu erreichende Produktionsvolumen, zu schaffende Arbeitsplätze, Exportziffern und Maßnahmen zur Ra- tionalisierung und Kostensenkung. Damit die Unternehmer dabei nicht aus dem Takt kommen, erhalten sie Steuervergünstigungen, Zuschüsse, billige Kredite usw. Darüberhinaus werden öffentliche Gelder für Investitionen ausge- geben: etwa für sogenannte "Förderungszentren" zur Stabilisierung wenig entwickelter Landesteile oder um schwächere Wirtschafts- zweige, manchmal auch einzelne Unternehmen zu stützen. Vergleicht man Plan und Wirklichkeit, so zeigt sich, wie wenig sich privater u n d öffentlicher Sektor nach den Linien des Plans gerichtet haben. Wenn man die Inflationsrate der Jahre 1964-1967 in Rechnung stellt, ergibt sich, daß der Staat im Durchschnitt sein eigenes Investitionsprogramm nur zu 77,5 Pro- zent erfüllt hat (1964: 83,1%; 1965: 77,6%; 1966: 70,5%; 1967: 81,1%). Die folgende Tabelle 8 aus dem Jahre 1966, die Plan und Realität der makroökonomischen Entwicklung vergleicht, bedarf keines Kommentars. Tabelle 8 Entwicklung der makroökonomischen Größen (Zuwachs in %) Plan 1964 1965 1966 jährl.Rate provisorisch Bruttosozialprodukt 6,0 7,5 7,8 7,8 Privater Verbrauch 5,5 3,9 9,1 7,9 öffentlicher Verbrauch 5,0. 5,1 5,0 5,0 Bruttekapitalbildung 9,0 13,3 18,9 8,1 Exporte 10,0 25,0 -1,0 8,6 Importe 9,0 15,0 33,0 14,9 Preise Großhandel - 9,1 5,5 1,5 Lebenshaltungskosten - 13,5 9,4 5,3 _____ (Quelle: López Muñoz/García Delgado: Crecimiento y crisis del ca- pitalismo español) In zwei wichtigen Einzelbranchen der spanischen Wirtschaft, dem Tourismus und der Bauindustrie, ist den Gotteswerklern die wirk- liche Entwicklung, am weitesten gegen den Richtstrich gelaufen. Der Plan sah für 1964 eine Ausweitung der Bautätigkeit um 8 Pro- zent vor, tatsächlichs betrug sie 20 Prozent. Von den Touristen wünschte man sich, sie möchten 10,9 Prozent mehr Devisen ins Land bringen; sie übererfüllten ihr Soll und brachten 39,2 Prozent. Ziemlich ähnlich verhält es sich mit der Automobil Industrie. Der II. Plan de Desarrollo Economico y Social von 1968-1971 braucht hier nicht näher beleuchtet zu werden. Dem Leser würde dadurch kein neues Licht aufgehen. Momentan versucht gerade der III. Plan (1972-1975) zu laufen. Das gelingt ihm nach Meinung des Vertre- ters der Ständeorganisation der Volks- und Betriebswirte (Colegio de Economistas) in den Cortes, Senor Diaz Llanos, deshalb nicht so recht, weil in dem Plan "kein centimo für eine Kirche oder ein Gebetshaus" enthalten sei; "weil dieser Plan von Frankreich abge- guckt worden ist, und Frankreich hat ihn von Rußland abgeguckt und Rußland hat einen materialistischen Plan gemacht, ohne jeden geistigen Gehalt. Das hätte jeder Marxist oder Sozialist genauso machen können. Das ist ein und dasselbe." (Triunfo, Nr. 506, 10.7.1972) 7. Außenhandelsbeziehungen -------------------------- Vorwiegend im Zusammenhang mit der "Öffnung nach Europa" stellt sich die für die spanische Wirtschaft grundlegende Frage nach Art, Umfang und Entwicklung der Außenhandelsbeziehungen. Im Ver- gleich mit den meisten europäischen Ländern fällt das geringe Ge- wicht des Außenhandels auf, obwohl dieser im Verlauf der sechzi- ger Jahre eine beachtliche Steigerung erfahren hat (Tabelle 9). 1961 machte er 11 Prozent, 1967 schon 19,8 Prozent und 1969 24 Prozent des Nationaleinkommens aus. Wie aus Tabelle 12 ebenfalls zu ersehen ist, ist die Handelsbilanz chronisch negativ. Aus der folgenden Tabelle 10 geht dies noch einmal deutlich hervor. Al- lerdings ist die Lücke in den letzten Jahren immer kleiner gewor- den. 1967 wurden die Importe nur zu 40 Prozent durch Ausfuhren gedeckt (Tabelle 11), während die Deckungsquote 1971 schon 59,1 Prozent erreichte. Tabelle 9 Nationaleinkommen und Außenhandel 1967 (in Mrd. der jeweiligen Landeswährung) (1) (2) (3) (4) 3 2 Import Export Total Volksein- - . 100 - . 100 Ex + Im kommen 4· 1 Spanien 212 85 297 1497 19,8 40,0 Frankreich 61 56 117 405 28,8 91,8 Griechenland 36 15 51 173 29,7 41,7 Italien 6061 5439 11500 33365 34,9 89,7 Türkei 6 5 11 88 12,5 83,3 _____ (Nach Angaben des Institute Nacional de Estadistica (INE) Tabelle 10 Entwicklung der Handelsbilanz, in Mio. Dollar und % Steigerung 68 69 % 70 % 71 % Einfuhren C.I.F. 3.522,1 4.233,0 20,1 4.747,2 12,1 4.970,3 4,7 Ausfuhren F.O.B. 1.589,2 1.900,2 19,6 2.388,5 25,7 2.937,8 23,1 Handelsdefizit 1.932,9 2.332,8 20,6 2.358,7 1,1 2.032,5 -14,0 Deckungsquote 45,1 44,8 50,3 59,1 _____ (Quelle: Boletín Estadístico del Banco de España) Tabelle 11 Außenhandel nach Warengruppen in Mrd ptas; Einfuhr (Im) cif, Aus- fuhr (Ex) fob 1961 1963 1966 1968 1970 Im Ex Im Ex Im Ex Im Ex Im Ex Nahrungsmit- tel 9,65 17,02 18,80 17,64 31,6 29,6 29,4 36,3 33,6 41,2 Getränke u. Tabak 1,70 1,88 1,95 2,36 3,1 3,1 4,5 4,2 5,2 5,6 Miner. Brenn- und Schmierstof- fe 10,65 2,52 14,82 2,60 20,7 3,4 37,9 9,6 43,9 9,2 Rohstof- fe 12,77 3,80 14,05 4,10 33,4 1,2 39,6 3,0 56,5 8,4 Tierische u. pflanzl. Fette 2,85 4,10 5,02 2,94 2,1 2,8 1,9 2,3 2,1 10,0 Verarbeitete Prod. 27,90 13,62 62,62 14,51 123,4 35,1 131,7 55,8 188,7 92,7 Gold - - - - 1,1 - 1,4 - 2 2 - Ge- samt 65,54 42,57 117,27 44,11 215,4 75,2 246,5 111,2 332,3 167,7 _____ (Angaben nach INE) Die spanische Wirtschaft ist aufgrund ihres relativ niedrigen In- dustrialisierungsniveaus, wenn sie die augenblicklichen Wachs- tumsraten beibehalten will, gezwungen zu modernisieren. Aus eige- ner Kraft ist sie dazu allerdings nicht in der Lage. Es fehlen immer noch nicht nur viele Ausrüstungsgüter samt eigener Maschi- nenbauindustrie und das technische wie organisatorische Know-how, sondern auch eine ganze Reihe wichtiger Grundstoffe. Nahrungsmit- tel müssen in ständig steigendem Umfang eingeführt werden. Hier offenbart sich eine grundlegende Schwäche des spanischen Kapita- lismus: nämlich der Widerspruch zwischen den dynamischen Anstößen einiger Industriezweige und seiner schlichtweg archaischen Struk- tur. So ist er z.B. nicht in der Lage gewesen, eine Agrarreform durchzuführen, die eine ausreichende Lebensmittelversorgung der Bevölkerung, vor allem der aufgrund der Landflucht ständig an- wachsenden Stadtbevölkerung, garantieren könnte. Eine andere Schwäche ist aus der Sicht der Kapitalisten das Fehlen "horizontaler" Gewerkschaften, die durch ihre regelmäßigen Lohn- forderungen eine ebenso regelmäßige Modernisierung und Umorgani- sierung der Produktion erforderlich gemacht hätten. Es ist offen- sichtlich, daß hier der Faschismus als Staatsform widersprüchli- che Auswirkungen gehabt hat: zum einen war er zwar in der Lage, die Herrschaft der Bourgeoisie über die Arbeiterklasse aufrecht zu erhalten; zum anderen aber hat er jeglichen Versuch, die Ar- beiterklasse in das kapitalistische System zu integrieren, unmög- lich gemacht. Die Folge war die Perpetuierung eben jenes Kräfte- verhältnisses zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie, welches die offene Herrschaft des Faschismus notwendig machte. Nach alledern muß man sich, um auf die Außenhandelsbeziehungen zurückzukommen, angesichts des Gewichts von Touristendevisen und Überweisungen der exportierten Arbeiter (die zusammen mit auslän- dischen Kapitaleinflößungen aus der negativen Handelsbilanz eine ausgeglichene Zahlungsbilanz werden lassen) fragen, in welchem Ausmaß und wie lange diese noch ausreichen werden, um den stei- genden qualitativen Anforderungen an die Einfuhr gerecht zu wer- den. Mit Sicherheit kann jedenfalls gesagt werden, daß der kon- junkturelle Verlauf der spanischen Wirtschaft in sehr wesentli- chem Maße von der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Situation in Europa (sprich: EWG) abhängig ist und bleiben wird. Die Importziffern weisen stark wachsende Nahrungsmitteleinfuhren auf; der Inlandsverbrauch ist beträchtlich gestiegen. Davon haben zwar auch-die Spanier etwas abbekommen, aber zwanzig Millionen Touristen wollen eben versorgt sein. Ebenfalls stark gestiegen ist die Einfuhr von Brennstoffen und Rohmaterialien. Hier hat der wachsende Bedarf der Industrie, deren Ausrüstungsgüter zu einem beachtlichen Teil gleichfalls aus dem Ausland kommen, seinen Nie- derschlag gefunden. Da Spanien nicht über eigene öl- und Roh- kautschukvorkommen verfügt, erhält der Import dieser Materialien lebenswichtige Bedeutung. Das gleiche gilt für die Ausbeutung der bedeutenden Phosphatvorkommen in der "Spanischen Sahara"-Kolonie in Zusammenarbeit mit US- und BRD-Firmen (Krupp). Bisher mußte Phosphat für teures Geld importiert werden. (Tabelle 12) Diese vierzehn namentlich aufgezählten Güter machen ca. 65 Prozent des gesamten Importwertes aus. Tabelle 12 Wichtigste spanische Importgüter, 1968 in Mio. Ptas. Nichtelektrische Maschinen 40.205,0 Erdöl und Derivate 37.984,3 Eisen und Stahl · 13.864,8 Organ. Chemie 10.071,2 Getreide 10.050,1 Elektrische Maschinen 9.609,2 ölhaltige Kerne 8.544,1 Kupfer 7.761,6 Fahrzeuge 5.850,9 Fleisch 5.223,8 Flugzeuge 5.054,1 Optik und Fotografie 4.783,9 Holz und seine Produkte 4.674,1 Kunststoffe 4.284,7 Andere 85 Waren 89.684,8 --------- Insgesamt 246.546,0 _____ (Angaben nach: INE Balanza de Pagos) Die Gewichtung der Ausfuhrgüter weist zwei Hauptmerkmale auf: ei- nerseits verliert der Export von Früchten (vorwiegend Zitrus- frächten) relativ an Bedeutung; darin finden u.a. die wachsenden Schwierigkeiten im Handel mit der EWG ihren Ausdruck. Anderer- seits werden immer mehr Fertigwaren exportiert. Güter wie Maschi- nen, Schuhe, Schiffe und Erdölnebenprodukte gewinnen schnell an Gewicht. Vor allem der Export von Maschinen wird vom Staat mit großzügigen Krediten und Prämien bedacht, wie man am berühmten Fall MATESA leicht zeigen kann. Die Banco de Bilbao drückt das in ihrer bescheidenen Art so aus: "Die folgenden Angaben zeigen uns die Entwicklung der offiziellen Kredite zugunsten des Exports seit ihren Anfängen. So ist uns daran gelegen, den ausgezeichne- ten Kreditzuwachs zu betonen, den die Staatsbanken seit 1967 re- gistrieren, welche damit höher lagen als die Privatbanken im Jahre 1968. Dieser Zuwachs war vor allem auf die Ausweitung der Kredite für den Export von Textilmaschinen zurückzuführen; diese machten 97 Prozent der 5,253 Milliarden Pesetas aus, die die In- dustriekredit-Bank 1968 der Finanzierung des Ausrüstungsgüterex- ports (ausgenommen Schiffe) zukommen ließ." Etwas unverblümter hört sich das jedoch so an: die staatliche Industriekredit-Bank vergab, und zwar vollkommen legal mit Einwilligung der zuständi- gen (Opus-) Minister, 97 Prozent der Exportkredite für Ausrü- stungsgüter des Jahres 1968 an die Firma MATESA, bei der das Got- teswerk ebenfalls seine Finger im Spiel hatte. Dummerweise stellte sich aufgrund von Beschwerden südamerikanischer Firmen im Spätsommer 1969 heraus, daß dieses Unternehmen lediglich ganz we- nige sehr mangelhafte und nicht aus eigener Produktion stammende Textilmaschinen geliefert hatte und daß große Teile der vertrag- lich versprochenen Lieferungen seit Jahren ausstanden. Die rest- lichen Maschinen, für deren Bestellung im Lauf der Jahre Kredite von insgesamt ca. 10 Milliarden Pesetas (andere Quellen sprechen von ca. 18 Mrd) in Empfang genommen worden waren, standen in at- ten Lagerschuppen von Scheinfirmen in Frankreich oder die Maschi- nen existierten überhaupt nur als Bestellzettel. Als der Skandal platzte, versuchte die Regierung ihn mit allen Mitteln zu vertu- schen. Nur ein Beispiel: eine Zeitung ("Diario SP") wurde finan- ziell ruiniert, weil das im selben Verlag erscheinende Wochenma- gazin ("Revista SP") den Rausschmiß aller Wirtschaftsminister forderte. Der Hauptverantwortliche, Industrieminister López Bravo, profiliert sich seit dem gleichen Jahr als Außenminister. Vor etwa einem Jahr unterzeichnete er während eines Staatsbesu- ches in Algerien für eine private (Opus-) Firma (Gas Natural S.A.) einen Liefervertrag, der dieser auf zwanzig Jahre hinaus das Importmonopol für Erdgas sichert. Offizielle Begründung: Bre- chung des Gasmonopols der Firma Butan-Gas S.A. Die oben und in Tabelle 13 umrissene Gewichtsverteilung auf die einzelnen Güter gilt im großen und ganzen auch noch für 1970. In diesem Jahr machen Fahrzeuge 9,1 Prozent, Obst und Gemüse 19 Pro- zent, chemische Erzeugnisse 5 Prozent und nichtelektrische Ma- schinen 7,5 Prozent des Gesamtexportes aus. Tabelle 13 Hauptexporte in 1968 in Mio. Ptas. Obst 14.307,4 Erdölnebenprodukte 9.617,2 Maschinen 8.340,1 Obstkonserven 6.943,7 Schuhe 4.696,6 Getränke 4.069,5 Schiffe 3.763,0 Getreide 3.054,8 Gemüse und Knollen 3.515,3 Bücher 3.100,5 Kupfer 3.043,0 Eisen und Stahl 2.687,3 Öle und Fette 2.298,5 Fisch 2.187,2 Inorg. Chemie 2.202,4 Fahrzeuge 2.042,1 Andere 83 Produkte 37.374,2 --------- Insgesamt 111.244,0 _____ (Angaben nach: Banco de Bilbao) Offensichtlich ist es der spanischen Industrie aufgrund der ein- gekauften modernen Maschinen gelungen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, wie der ständig wachsende Exportanteil von Fertigar- tikeln vermuten läßt. Allerdings muß hier wie in anderen Berei- chen bedacht werden, daß gerade die größten und modernsten Unter- nehmen mit ausländischen Patenten und Lizenzen arbeiten, wie der große Posten Royalties in der Zahlungsbilanz zeigt. Das kompli- ziert den Export in die hochentwickelten Industrieländer und bringt eine weitgehende Beschränkung auf den inneren Markt mit sich (Ausweichmöglichkeiten siehe unten). Eine wichtige Ausnahme sind die (Auto-) Modelle 600 und 850 von SEAT, Lizenzunternehmen von FIAT, welche aus Gründen der kapitalistischen Arbeitsteilung nur noch in Spanien hergestellt werden. Tabelle 14 Vergleich von Export und Import aus und in verschiedene Wirt- schaftsgebiete (in %) Wirtschaftsgebiete 1966 1968 1070 Export Import Export Import Export Import EWG (6 Länder) 33,5 37,5 28,6 34,1 36,6 32,9 EFTA 20,0 17,3 20,7 15,3 - - RGW 4,6 1,3 4,6 1,9 - - USA 11,7 16,9 17,6 16,7 14,1 18,8 ALALC 9,1 6,6 12,0 8,1 - - Rest der Welt 21,1 20,4 16,5 23,9 - - _____ (Quelle: Balanza de Pagos, Ministerio de Comercio) Die wichtigsten Handelspartner sind die EWG-Länder, wie aus der folgenden Tabelle 14 zu ersehen ist. An Ein- und Ausfuhr sind sie mit jeweils über einem Drittel beteiligt, worin sich die Abhän- gigkeit Spaniens vom "Gemeinsamen Markt (der Sechs) zeigt. Diese Abhängigkeit (oder wie immer man das nennen mag) wird sich mit der schon erfolgten Erweiterung und der abzusehenden noch be- trächtlich verstärken, wie aus der folgenden Tabelle 15 zu erse- hen ist. Schon die jetzige erweiterte EWG (es bleibt abzuwarten, ob sich die norwegische Regierung nicht doch noch über den Volks- entscheid hinwegsetzt) ist Bestimmungsgebiet von 47,3 Prozent der spanischen Exporte; eine nochmals, dann auf 16 Mitglieder erwei- terte EWG würde über die Hälfte, nämlich 54,2 Prozent abnehmen. Tabelle 15 Export in die EWG (1971) , in % in die EWG (der Sechs) 37,1 in die neuen Mitgliedsländer (einschließlich Norwegen) 10,2 ---- Total 47,3 in die zukünftige EWG der 16 (einschließlich Norwegen), er- weitert um Portugal, Island, Österreich, Finnland und Schweden Total 54,2 _____ (Angaben nach: Dirección General de Aduanas) Von den Ländern der Sechser-Gemeinschaft ist die BRD wichtigster Handelspartner Spaniens. Insgesamt nimmt sie hinter den USA den zweiten Platz in der Rangliste ein: USA 1970: 14,1 Prozent des Gesamtexports und 18,8 Prozent des Gesamtimports. BRD 1970: 11,5 und 12,6 Prozent vom Gesamtex- und -import resp. An dritter Stelle steht Frankreich. Interessant ist auch die Verteilung des Exports nach großen Wirt- schaftsgebieten, aufgeteilt in Warengruppen. Die verhältnismäßig hohe Zahl unterentwickelt gehaltener Länder unter den Empfängern von Industriegütern demonstriert die Doppelfunktion Spaniens in der imperialistischen Welt: gegenüber diesen Ländern tritt es als Teil des europäischen Imperialismus auf, ist andererseits selbst jedoch "unterprivilegiertes" Zielgebiet von Kapitalgütern und, wie wir noch sehen werden, des Kapitalexports der imperialisti- schen Metropolen. Tabelle 16 Exporte in große Wirtschaftsgebiete, aufgeteilt nach Warengruppen 1966 1971 Agrarprodukte in Tausend Dollar 559.750 927.361 in Prozent in: entwickelte Länder 83 84 unterentwickelte Länder 11 13 sozialistische Länder 6 3 Industrieprodukte in Tausend Dollar 693.792 2.012.147 in Prozent in: entwickelte Länder 54 66 unterentwickelte Länder 42 32 sozialistische Länder 3 2 Total in Tausend Dollar 1.253.542 2.939.508 in Prozent in: entwickelte Länder 67 72 unterentwickelte Länder 28 26 sozialistische Länder 5 2 _____ (Quelle: Información comercial española) Der Handel mit den sozialistischen Ländern wird allem Anschein nach trotz der Ausweitung der politischen Beziehungen kaum über das bisherige relativ unbedeutende Maß hinausgehen. 1966 machte dieser Handel 5 Prozent, 1971 2 Prozent des Gesamtexports aus. Die Einfuhr von Ausrüstungsgütern seit der Liberalisierung der Außenhandelsbeziehungen im Jahre 1960 hat mit 25 Prozent die größte Bedeutung gehabt. Auf die damit verbundenen Rationalisie- rungs- und Modernisierungsmaßnahmen ist vor allem der wachsende Anteil industrieller Güter an der Ausfuhr zurückzuführen. Welches Gewicht dabei ausländische Firmen haben, die ihre Produktion in das Niedriglohn-Land Spanien verlagert haben, ist nicht auszuma- chen. Trotz alledem bleiben für das wichtigste Zielgebiet, die EWG, landwirtschaftliche Produkte vorrangig, was Spanien angesichts des wachsenden EWG-Protektionismus in nicht allzu ferner Zukunft möglicherweise mit erheblichen Problemen konfrontieren wird. Denn wenn sich die politischen Machtstrukturen nicht ändern (das wer- kle Gott), werden es sich sehr wenige europäische Regierungen leisten können, gegen den Widerstand der antifaschistischen Kräfte - der kommunistischen Parteien und der Gewerkschaften, aber etwa auch der Labour Party - für die Aufnahme Spaniens in die EWG einzutreten, wie eine Reihe von Erklärungen in der letz- ten Zeit gezeigt hat. 8. Tourismus ------------ Die Peseta-Milliarden, welche Touristen jedes Jahr nach Spanien bringen, haben zusammen mit den Überweisungen der Emigranten vor allem seit Beginn der sechziger Jahre einen stark stabilisieren- den Effekt für die spanische Wirtschaft gehabt. Die chronisch ne- gative Handelsbilanz konnte so in der Zahlungsbilanz immer ausge- glichen werden. Die Einnahmen aus dem Tourismus machen fast drei Viertel derer aus dem Export aus (1969), was im Laufe von zehn Jahren eine Steigerung um das Achtfache bedeutet. Ohne diese De- visen wäre das "spanische Wirtschaftswunder" nicht möglich gewe- sen. Deshalb erscheint es notwendig, kurz etwas detaillierter auf den Tourismus einzugehen. Spanien verfügt über die größten "Touristengebiete" Europas. Na- hezu die gesamte Mittelmeerküste, die Balearen (Mallorca, Ibiza) und die Kanarischen Inseln sowie Teile der nördlichen Atlantikkü- ste (Golf von Biscaya) sind dem Tourismus vorbehalten. Die Mit- telmeerküste mit ihren jährlichen Durchschnittstemperaturen um 15-16 Grad Celsius und durchschnittlichen Sommertemperaturen (Juni bis September) um 22-24 Grad Celsius bieten an Sand- und Felsenstränden ideale klimatische Bedingungen. Das Landesinnere mit seinen unzähligen historischen Stätten empfiehlt sich mit ei- ner schier unglaublichen landschaftlichen: Vielfalt: von den Halbwüsten und Steppengebieten des Südens, den Dreitausendern der Sierra Nevada, über die endlose tischebene Meseta bis zu den grü- nen Hügeln und Bergen Galiziens und des Kantabrischen Scheidege- birges sowie den Dreitausendern der Pyrenäen. 1951 beginnen die Touristenzahlen im Drei-, Vierhunderttausender- Rhythmus zu steigen. Als die Peseta-Abwertung, die zeitlich mit einer Prosperitätswelle in den hochentwickelten Ländern zusammen- fällt, Spanien 1959 zum billigsten Land Europas macht, erreichen die Zuwächse neue Dimensionen. Lediglich die mageren Jahre 1965 und 1967 fallen aus dem Millionenschritt. (Tabelle 17) Die Ent- wicklung des Devisenstroms geht entsprechend sprunghaft vor sich. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre sind deutlich die Aus- wirkungen der Großen Rezession und der Peseta-Abwertung (1967) sowie DM-Aufwertung (1969) zu erkennen. Tabelle 17 Die Entwicklung des Tourismus von 1951-1969 Reisende Devisen in Index Durchschnittseinnahme in Tsd. Mio. Dollar pro Tourist in Dollar 1951 1.263 - - - 1952 1.485 58,4 100 - 1957 3.187 76,9 132 - 1958 3.593 71,6 127 - 1959 4.194 128,6 220 - 1960 6.113 297,0 509 48 1961 7.445 384,6 659 52 1962 8.668 512,6 878 59 1963 10.931 679,3 1.163 62 1964 14.102 918,6 1.563 65 1965 14.250 1.156,9 1.981 77 1966 17.251 1.292,5 2.213 74 1967 17.858 1.209,8 2.071 68 1968 19.183 1.210,0 2.072 63 1969 21.682 1.310,7 2.243 60 _____ (Angaben nach: INE) Betrachtet man die Herkunft der Touristen, so fällt die starke Abhängigkeit von nur wenigen Ländern auf. 1970 kommt über die Hälfte der Urlauber aus dem EWG-Bereich. Die vier wichtigsten Herkunftsländer zusammen ergeben schon 67,4 Prozent aller Tabelle 18 Touristen nach Herkunftsländern, in % 1968 1970 Frankreich 45,2 36,6 Portugal 7,2 11,3 Großbritannien 9,5 10,2 BRD 7,3 8,6 USA 4,8 4,3 Niederlande 2,0 3,6 _____ (Quelle: INE) Aus dem obengesagten geht hervor, daß der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren geworden ist. Diese 'Industrie' nimmt alljährlich Tausende von landflüchtigen Arbeitskräften auf. Sie machen einen beträchtlichen Teil der spanischen Saisonarbei- ter aus. Ihre Arbeitsplätze sind die unzähligen Hotels, Pensio- nen, Restaurants, Reisebüros und Transportunternehmen, aber auch die gesamte vom Touristenstrom abhängige Lebensmittelindustrie usw. Am Tourismus sind nicht wenige Spanier reich geworden, einige, wie die Familie Melia, sogar steinreich. Diese Familie konnte in- nerhalb von nur zehn Jahren aus einem kleinen Reisebüro eine Ho- telkette aufbauen, die von eigenen Reisebüros beschickt wird und die ihre Gäste mit eigenen Bussen aus halb Europa holt. Doch ist gerade der Tourismus und das damit verbundene Immobiliengeschäft immer mehr zu einer der Hauptinvestitionsbranchen ausländischen Kapitals geworden. 9. Ausländisches Kapital ------------------------ Seit Ende der Stabilisierungszeit haben ausländische Kapitalisten nicht aufgehört, Spanien als billiges Investitionsland zu be- trachten. Ausländisches Kapital ist in Spanien erwünscht, seit das Opus Dei die Staatsmacht in den Händen hält. Die Regierungs- verordnung vom 27. Juli 1959 gehört zu den schärfsten Brüchen mit der Autarkiepolitik der Franco-Falange-Regierungen. Diese Verord- nung erlaubt es ausländischen Kapitalisten, ohne jegliche Be- schränkung bis zu 50 Prozent des Betriebskapitals zu stellen. Bei Beteiligungen über 50 Prozent (bis 100%) entscheidet der Mini- sterrat. Ausgeschlossen sind nur Betriebe der "nationalen Vertei- digung", Informationsmedien und öffentliche Dienste. Profite dür- fen samt Zinserträgen und Patenten in voller Höhe rücktransfe- riert werden. Diese kapitalfreundlichen Bedingungen werden nach Beendigung der Rezessionsjahre 1959/60 von den ausländischen Mo- nopolen als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. 1961 kommt der er- ste große Kapitalschub. Nach dem leicht gebremsten Jahr 1962 fas- sen Privatinvestoren wie internationale Kapitaleinrichtungen (Weltbank, Internationaler Währungsfonds usw.) Vertrauen in die spanische Profitrate und verlieren es auch nicht mehr. Das ein- zige Jahr, das stark aus der Steigerungsreihe tanzt, ist 1969. In diesem Jahr mögen die ungeheuren Gewinne des weltweiten Auf- und Abwertungskarussells während der großen Währungskrise davon abge- halten haben. Besonders deutlich wird der Grad der Kapitalhilfe internationaler Institutionen in den Stabilisierungsjahren. Da- nach nimmt sie absolut und relativ ab, um in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wieder zuzunehmen. In der Zahlungsbilanz macht der Kapitalimport immerhin über ein Viertel der Exportsumme aus (1969), was seit 1959 einer Verdreifachung entspricht. Tabelle 19 Entwicklung der ausländischen Investitionen 1959-69 (Nettokapitalimporte in Millionen Dollar) 1959 1960 1961 1962 1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 Total langfr.Privatinvest. 67 40 207 107 214 268 323 302 504 43 479 2.947 langfr., öffentl. Invest. 55 20 19 13 5 -14 -13 41 33 145 24 328 langfr. Nettokapitalinvest. Gesamt 122 60 226 120 219 254 310 343 537 581 503 3.275 Rücktransfer der Gewinne 10 15 3 13 16 22 31 73 92 110 116 551 Nettokapitalimport (minus Rücktransfer) 112 45 223 107 203 232 279 270 445 471 337 2.724 _____ (Nach: Muñoz/Roldan/García Delgado, La economia española 1970) Die USA stehen auch hier an der Spitze der Investoren. Im Jahre 1971 kontrolliert US-Kapital über die Hälfte aller Unternehmen, die seit 1960 unter ausländische Kontrolle geraten sind. Mr. Kearns, seines Zeichens Direktor der US-Export-Import-Bank, meint im Februar 1971: "Spanien ist aufgrund seiner Entwicklungs- möglichkeiten eines der Hauptländer, denen immer mehr nord- amerikanische Investitionen zufließen werden." (Informe del Banco de Bilbao) Mit Sicherheit fließen sie auch über die Schweiz, die an zweiter Stelle steht, zu. Die BRD hat sich inzwischen vor Frankreich an die dritte Stelle geschoben. Mit Abstand folgen britisches, niederländisches und italienisches Kapital. 1971 sind schätzungsweise 9 Milliarden Pesetas lediglich für Mehrheitsbeteiligungen (mindestens 50%) in Spanien eingeflossen. Davon kamen aus der BRD 21,4 Prozent gleich 1,9 Milliarden, aus den USA 1,3, aus der Schweiz 1,26, aus Großbritannien 0,97 und aus Frankreich 0,94 Milliarden Pesetas. Die chemische Industrie bekam von diesen 9 Milliarden am meisten, nämlich 31,63 Prozent ab. Es folgen Immobilien mit 12,77 und der Maschinenbau mit 10,28 Prozent. (Angaben aus den Monatsberichten der Deutschen Überseei- schen Bank). Diese Angaben enthalten allerdings nicht die Inve- stitionen, die unter 50 Prozent liegen. Aber gerade sie dürften über ein Drittel des einfließenden ausländischen Kapitals ausma- chen. Diese meldungspflichtigen Investitionen gehen vor allem auf den Immobilienmarkt. Die "Frankfurter Rundschau" veranschlagt für diese "unsichtbaren Anlagen" im Jahre 1971 "rund 5 Milliarden Pe- setas" (7. Februar 1972). Schlüsselt man die autorisierungs- pflichtigen Mehrheitsbeteiligungen nach Branchen auf, so zeigt sich, daß bei diesen großen Investitionssummen die Chemie vor den Dienstleistungen am meisten ausländisches Kapital aufnimmt. Be- liebt sind aber auch die Nahrungsmittelindustrie und der Maschi- nenbau, wie aus der folgenden Tabelle zu ersehen ist. Auffallend ist für alle Bereiche, daß die Investitionen von Jahr zu Jahr er- heblich schwanken. Es ist an dieser Stelle nicht nötig, die einzelnen "ausländi- schen" Unternehmen mit Kapitalanteil zu benennen. Hier einige der bekanntesten Namen: Fiat/Citroën, General Eléctrica Española, Siemens Ibérica, Standard Eléctrica, Philips, Telefunken, Bayer, Schering, Hilton usw. (Vgl. Kap. 11) 10. Der Primärsektor: Landwirtschaft, Forst und Fischerei --------------------------------------------------------- Der stete Bedeutungsverlust der Landwirtschaft ist nicht nur ein Grund für den Übergangsprozeß von der agrarisch-industriellen zur industriell-agrarischen Wirtschaft gewesen: er ist auch als Fol- geerscheinung zu betrachten. Der Agraranteil am Bruttoinlandspro- dukt ist von 22,5% (1960) auf 14,4% (1970) gesunken. Der Auf- schwung der Industrie seit 19617 62 setzt eine starke Landflucht- bewegung in Gang, welche die antiquierten Strukturen der spani- schen Landwirtschaft in ihrer ganzen Schwäche offenbart. Dem letzten Agrarzensus (von 1962) zufolge gibt es 2.831.000 land- wirtschaftliche Betriebe (Frankreich: 1,5 Millionen) mit einer durchschnittlichen Anbaufläche von 10 ha und einem Mittel von 14 Parzellen. Doch ergibt sich aus dem Durchschnitt ein vollkommen verzerrtes Bild, denn 1,8 % der Betriebe bedecken eine Fläche von 55,4 % des verfügbaren Bodens, während 98,2 % die restlichen 44,6 % einneh- men. Dieser krasse Gegensatz von Latifundien und Minifundien fin- det in Europa nicht seinesgleichen. Die Latifundien haben durch extensive Bearbeitungsmethoden (kaum Fruchtwechsel; große Brachflächen; geringe Mechanisierung) einen sehr niedrigen Hektarertrag. Oft wohnt der Besitzer in Madrid oder in der Provinzhauptstadt (Absentismus). Die Zahl der Agrar- unternehmer ist gering. Nicht selten fließen die Gewinne auf Sparkonten in Madrid oder werden in der Industrie investiert. Der Kapitalabfluß wird durch den Preismechanismus - relativ niedrige Agrarpreise gegenüber hohen Fertigproduktpreisen - und die zuneh- mende Übernahme der Absatzorganisation durch das Finanzkapital verstärkt. Es sind vor allem die Latifundien des Südens, die meist verkehrs- günstig liegen und leicht zu mechanisieren wären. Zwar ist der Grad der Mechanisierung vor allem ab 1962 infolge der Landflucht und der Aufhebung von Einfuhrbeschränkungen auf Agrargeräte wie etwa Traktoren und Mähdrescher stark angehoben worden. Doch weist die Mechanisierung abnehmende Zuwachsraten auf und kann einem in- ternationalen Vergleich bei weitem noch nicht standhalten. 1967 wird pro Hektar ein Wert von 15 Dollar, pro aktiver Person 50 Dollar registriert; der europäische Schnitt liegt bei jeweils 60 und 250 Dollar. Das Minifundium hingegen, entstanden durch die Parzellierung, ist nicht etwa überwiegend durch Kleingrundbesitz gekennzeichnet. In Alt-Kastilien z.B. besitzen in der Regel ca. 10% der Grundeigen- tümer über die Hälfte des zu einer Gemeinde gehörigen Bodens. Aber es existieren mehrere Typen von Pachtverhältnissen, so daß der kleine Familienbetrieb, entweder im Eigenbesitz oder in Pacht, vorherrscht. Wenn auch seit 1962 die Flurbereinigung beschleunigt durchgeführt wurde (Jahresmittel 187.000 ha), so blieb sie doch weit hinter dem Rhythmus anderer europäischer Länder (Frankreich: 500.000 ha pro Jahr) zurück. Im übrigen ändert es an der Rentabilität eines landwirtschaftlichen Kleinbetriebes wenig, wenn man aus 15 Par- zellen zu je 0,2 ha 2 Parzellen zu je 1,5 ha macht. Der Absentis- mus ist daher auch hier eine gängige Erscheinung: 5,9 Millionen Besitzern stehen nur 2,8 Millionen Betriebe gegenüber. Diese Si- tuation wird durch die zunehmende Abwanderung der Klein-Besitzer und die Aufgabe der kleinen Familienbetriebe weiter verschärft. Es ist dies die einzige Art und Weise, die spanische Landwirt- schaft zu stabilisieren, ohne eine radikale Bodenreform durch- zuführen, die den Großgrundbesitz - und damit eine immer noch ge- wichtige Fraktion der Bourgeoisie - abgeschafft hätte. Anfangs kam es zu keiner Mechanisierung der Landwirtschaft, weil es Ar- beitskräfte im Überfluß gab. Dann verringerte die Landflucht die- ses Arbeitskräfteangebot, so daß die Löhne hoch und die Betriebe zur Mechanisierung getrieben wurden. Letztere schließlich lohnt sich aufgrund der hohen Kosten und der Rentabilität nur für Groß- betriebe: der "latifundista" wird langsam aber sicher zum rechten Agrarkapitalisten. 1950 waren noch 49% der aktiven Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, 1960 war die Zahl auf 41,5 % gesunken, 1965 (!) schon auf 33,2% (einschließlich der Fischerei) und 1970 schließ- lich auf 29,5 % (dito). Daraus wird ersichtlich, daß der Agrar- exodus in der ersten Hälfte der sechziger Jahre besonders stark ist. Hunderttausende ziehen in die Städte, vorwiegend nach Barcelona, Madrid und Bilbao, um zu einem großen Teil - die jeweiligen Exportplanziffern der Regierung werden weit über- troffen - auf dem Gemeinsamen Arbeits-Markt zu landen. Sie fliehen vor einer Landwirtschaft, die sie teils nur mühsam auf dem Subsistanzniveau halten können. In der Masse aber sind sie Landarbeiter, Saisonarbeiter und Tagelöhner, die der Arbeits- losigkeit entkommen möchten. Georgel gibt (wahrscheinlich für die fünfziger Jahre) folgende Zahlen: in der Provinz Cadiz beschäftigen 533 Großgrundbesitzer (ab 250 ha) normalerweise 6.826 Landarbeiter, während der Saison (der Ernte) 35.835; in der Provinz Cordoba stehen 11.017 "normale" 107.671 Saisonarbeitern gegenüber; in der Provinz Sevilla ist das Verhältnis 17.759 zu 89.741. 1956 liegt der staatlich festgesetzte Mindestlohn bei 36 ptas pro Tag. Zur gleichen Zeit meint der Erzbischof von Sevilla, eine Fa- milie mit zwei Kindern brauche für ein menschenwürdiges Leben schon mindestens 120 ptas. Staatliche Maßnahmen sind für die starke Vernachlässigung der Viehzucht mitverantwortlich. Weil für Weizen eine relativ hohe Preisgarantie bestand und z.T. auch Weideflächen zur Aufforstung, einer durchaus dringenden Aufgabe, benutzt wurden, weist die Fut- terpflanzenproduktion zwischen 1964 und 1968 eine rückläufige Tendenz auf (Futtergetreide: - 32,8 %) und der Viehbestand sta- gniert im gleichen Zeitraum. Über ein Drittel des spanischen Fleischbedarfs wird aus dem Import gedeckt. In Spanien sind Wälder seit Jahrhunderten eine große Seltenheit. Ihr Fehlen hat entscheidend zur starken Bodenerosion und zur Ver- steppung riesiger Gebiete beigetragen. Mit der Aufforstung soll letzten Endes das Klima verändert, mehr Regen herangezogen wer- den. Der Versuch, die Abhängigkeit von der Holzeinfuhr (vor allem für die Papierindustrie) abzubauen, ist allerdings an der schnel- len Entwicklung des Holzverbrauchs gescheitert. Von 1940 bis 1968 sind insgesamt 2.131.187 ha aufgeforstet worden. Aufgrund der ge- ringen Rentabilität dieses Sektors lag die Aktivität fast völlig in der Hand des Staates. In den letzten zehn Jahren hat sich je- doch der Rhythmus der Aufforstung merklich verlangsamt. Wo kein Regen ist, muß man das Wasser anders heranschaffen. So sind (zwischen 1950 und 1968) 839.000 ha bewässert worden, was 36,6% der gesamten bewässerten Fläche entspricht. Diese umfaßt mit 2.289.000 ha 11,5% der Anbaufläche und etwa die Hälfte des bewässerbaren Bodens, Aber auch hier zeigt sich der zunehmende Bedeutungsverlust der Kleinbetriebe zugunsten von kapitalstärke- ren Großbetrieben mit entsprechender Anbaufläche. Wurden vor 1939 nur 10,6% der Betriebe über 100 ha bewässert, so stieg dieser Prozentsatz im Zeitraum 1939-50 schon auf 28 % und von 1950-62 auf 29,6%, um dann im Jahre 1962 auf 70,4% (!) hochzuschnellen. So etwa präsentiert sich die spanische Landwirtschaft zu einem Zeitpunkt, als die neuen Stadt-, oft Slumbewohner - zusammen mit der Touristeninvasion - zu neuen Nachfragedimensionen führen, denen die bestehende Landwirtschaft nicht mehr gewachsen ist, wie der starke Anstieg des Lebensmittelimports deutlich zeigt. Während der Stabilisierungsphase (1959-1961) steigt der Anteil der Lebensmitteleinfuhr am Gesamtimport von 18% auf 30%, um dann langsam abzunehmen und sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre auf höherem Niveau (um 24%) einzupendeln. Wir haben gese- hen, daß der Beginn der verstärkten Mechanisierung mit dem Hauptexodus zusammenfällt, welcher die Landarbeiterlöhne zwischen 1957 und 1966 um mehr als das dreifache steigen läßt und so zur Mechanisierung zwingt, während er in den Städten auf die Löhne drückt. Ein sehr großer Teil dieser nationalen Reservearmee wird von der sich im Gefolge der Landflucht (Wohnungsbau) und der Tou- ristenschwemme rapide entwickelnden Bauindustrie und Nachbarzwei- gen, sowie von dem so erweiterten Dienstleistungssektor (Hotels etc.) aufgenommen. Der Überschuß der L a n d flucht wird großenteils zur L a n d e s flucht bewegt und damit zur inter- nationalen Reservearmee. Der Staat verspricht sich davon mehr De- visen (Überweisungen) und weniger Arbeitslose. Soziale Konflikte können auf diese Weise zwar nicht vermieden, immerhin aber gemil- dert werden. Zum Schluß sei noch kurz die Situation der Fischerei geschildert. Sie ist seit Jahren mit ca. 1% am Bruttoinlandspro- dukt beteiligt. Der Ertrag liegt mit 13,3 t pro Fischer und Jahr weit unter der Pro-Kopf-Leistung der bundesrepublikanischen (74,4 t) oder norwegischen Fischer (26,8 t), was die geringe Konkur- renzfähigkeit aufzeigt. Die wichtigsten Fischfanggebiete liegen vor der galizischen, baskischen und andalusischen Atlantikküste. 11. Die industrielle Entwicklung -------------------------------- In den vorhergehenden Kapiteln haben wir relativ ausführlich über die fast 13 Jahre lange Phase berichtet, die die spanische Wirt- schaft brauchte, um wieder das Niveau der Vorkriegsjahre zu er- reichen. Die dabei zur Wirkung kommenden Widersprüche führten von der Mitte der fünfziger Jahre an zu einer absoluten Verschärfung der ökonomischen und sozialen Lage: die größtenteils an kurzfri- stigen Profiten interessierte Politik des öffentlichen Sektors, die damit verbundene Politik des billigen Geldes und die harten Kämpfe der Arbeiterklasse vor allem des Jahres 1956 gegen die ständige Verschlechterung ihrer Situation förderten die Geldent- wertung, verursachten ein wachsendes Ungleichgewicht der Zah- lungsbilanz und die immer niedrigere Notierung der Peseta an den freien Devisenmärkten des Auslandes bei stetig teurer werdender künstlicher Stützung des staatlich festgesetzten Kurses. Wesentliche Strukturschwächen des spanischen Kapitalismus lagen dieser Entwicklung zugrunde: ein konstant niedriges Volkseinkom- men, relativ schwache Investitionstätigkeit, ein chronisches Han- delsbilanzdefizit, ein regressives Steuersystem, archaisch anmu- tende Agrarstrukturen etc. Die einzige Rettung für den spanischen Kapitalismus lag in der Durchführung einer strikten Stabilisie- rungspolitik, zu der die neuen Opus-Leute mit entschiedenem Bei- stand von OEEC, Internationalem Währungsfonds sowie privaten und staatlichen US-Krediten dann auch Zuflucht nahmen. Aus der allgemeinen Beschäftigtenstruktur geht hervor, daß der Industriesektor (verarbeitende, Bauindustrie und Bergbau) mit 36,2 Prozent der 1969 12.592.800 zählenden Bevölkerung inzwischen zum stärksten Wirtschaftsbereich geworden ist. Tabelle 20 Beschäftigtenstruktur 1969 in Tausend in % Land- und Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei 3800,9 30,2 Extraktive Industrien 125,8 1,0 Verarbeitende Industrie 3345,1 26,5 Bauindustrie 1091,9 8,7 Wasser, Gas und Elektrizität 89,8 0,7 Handel 1320,5 10,5 Transporte 640,4 5,1 Andere Dienste 2178,4 17,3 _____ (nach INE) Doch haben sich nicht nur insgesamt, sondern auch innerhalb der Industrie erhebliche Verschiebungen ergeben, wie aus Tab. 21 her- vorgeht. Tabelle 21 Beschäftigte in der Industrie in Tausend 1960 1965 1968 Energiewirtschaft 56,8 62,1 61,8 Bergbau, Gewinnung von Steinen und Erden 176,9 142,6 121,0 Verarbeitendes Gewerbe 1602,0 1832,0 1931,0 darunter: Herstellung von Gemüsekonserven 35,2 46,3 51,3 Textilindustrie Wollverarbeitung 41,0 49,4 49,2 Baum-und Zellwollverarbeitung 131,4 98,2 97,0 Bekleidungsindustrie 28,5 48,9 63,8 Druckerei und Vervielfältigung 52,8 64,0 67,3 Kunststoffverarbeitung 11,6 28,8 34,4 Kraftfahrzeugbau und Fahrräder 28,1 46,1 61,2 Baugewerbe - 919,0 1008,0 _____ (Allg. Stat. des Auslandes, Länderkurzberichte, Spanien 1971) Während die Beschäftigtenzahl im Bergbau und bei der Gewinnung von Steinen und Erden fast um ein Drittel zurückgegangen und die der Energiewirtschaft nur unbedeutend gestiegen ist, kann das verarbeitende Gewerbe einen beträchtlichen Beschäftigtenzuzug verzeichnen, insbesondere der Kraftfahrzeug- und Fahrradbau, die Kunststoffverarbeitung und die Bekleidungsindustrie. Auffallend ist das relativ geringe Anwachsen der Beschäftigtenzahl in der Bauindustrie, welche in den sechziger Jahren durch Landflucht (Wohnungsbau) und Tourismus einen starken Aufschwung erlebte (s. Tab. 23). Der Beschäftigtenschwund in der extraktiven Industrie ist auf die Drosselung der Produktion in diesem Bereich zurückzuführen, wie die Stagnation der Indices (Tab. 22) zeigt. Demgegenüber haben die verarbeitende Industrie und die Energiewirtschaft ihre Pro- duktion im Laufe der 60er Jahre verdreifachen können. Tabelle 22 Index der industriellen Produktion 1963 = 100 1960 1965 1970 Energiewirtschaft 73 122 217 Bergbau 99 104 104 Verarbeitende Industrie 70 128 210 Gesamtindustrieproduktion 72 127 205 _____ (nach INE) Wenn man die negative Entwicklung im extraktiven Bereich genauer unter die Lupe nimmt, wird deutlich, daß sie auf den Rückgang in der Kohleförderung zurückzuführen ist. Dies konnte auch der rigo- rose Eingriff des Staates über das Institute Nacional de Indu- strie (INI) in den Steinkohlenbergbau (HUNOSA) nicht verhindern. Und auch die alljährlichen Streiks der Kumpel im asturianischen Becken, der Heimat des fortschrittlichsten Teils der spanischen Arbeiterklasse, haben die Stillegung von Minen lediglich hinaus- schieben können. Die beiden anderen industriellen Bereiche, Energiewirtschaft und verarbeitendes Gewerbe, haben ihren Beitrag zum Nettoinlandspro- dukt beträchtlich gesteigert (1965-1970: ca. 8%), wobei vor allem die metallverarbeitende, die chemische sowie die Bau- und Bau- stoffindustrie überdurchschnittliche Quoten verbuchen können. Die erheblichen Steigerungen in den obengenannten Bereichen sind auf die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter und die schon erwähn- ten Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen zurückzufüh- ren. Dabei hat die zugespitzte soziale Lage der Jahre 1961/62 - steigende Preise, Überangebot an Arbeitskräften durch verstärkte Landflucht usw. - offensichtlich zusammen mit den Rationalisie- rungen (vor allem ab 1962) besonders hohe Raten ermöglicht, denn in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ist eine teils beträchtliche Verminderung der Zuwachsraten zu verzeichnen, so daß die durch- schnittliche Steigerungsrate für die sechziger Jahre um ganze 2 Prozent über derjenigen für die zweite Hälfte liegt. Die chemische Industrie und die Glasindustrie mit einem relativ großen Anteil ausländischen Kapitals können weiterhin hohe Stei- gerungsraten aufweisen. In diesem Zusammenhang wird darüberhinaus noch einmal deutlich, in welchem Maße Spanien von der Einfuhr mo- derner Ausrüstungsgüter abhängig ist. Sowohl der Einfluß ausländischen Kapitals als auch die wachs- tumsorientierte Politik der Opus-Regierung haben seit 1959 star- ken Einfluß auf die Konzentration des Kapitals gehabt. Mit dem Stabilisierungsplan fing alles an: er verteilte die notwendigen Subventionen für Rationalisierungen und Umstrukturierungen, öff- nete die Tore weit für ausländisches Kapital und erhöhte den Kre- ditplafonds, der den Klein- und Mittelunternehmern den Profit- Beutel höher hängte. Die Großbanken - vertreten in allen wichti- gen Firmen, vor allem aber in den zuständigen Regierungskreisen und Staatsunternehmen - bestimmten, wer wo wann welche Unterneh- menspolitik zu betreiben hatte. Es ist schwierig, das komplizierte Geflecht von Fusionen und Be- teiligungen zu überblicken, das durch den allumfassenden Einfluß der sieben Großbanken, Personalunionen, Verflechtung mit dem INI und ausländischem Kapital entstanden ist. Um jedoch einen Ein- druck von dem immensen Konzentrationsprozeß zu vermitteln, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzogen hat, soll hier für die interessantesten Bereiche jeweils die Entwicklung der Be- triebsgrößen untersucht werden. Davon lassen sich zwar keine un- mittelbaren Aussagen über den Grad der Kapitalkonzentration und -zentralisation ableiten, immerhin aber können von der Entwick- lung der Betriebsgrößen gewisse Rückschlüsse gezogen werden. Zum Beispiel der Nahrungsmittelsektor: 1958 hatten 87,7% aller Betriebe eine Belegschaft zwischen 0 und 4 Beschäftigten. In die- sen 87,7% aller Nahrungsmittelbetriebe arbeiteten 41,4% aller da- mals in diesem Bereich Beschäftigten. Im gleichen Jahr beschäf- tigten 0,04% aller Betriebe, nämlich die mit Belegschaften über 500 Leuten, 7,6 % aller Beschäftigten. Zehn Jahre später, 1968, macht sich das Verhältnis in diesem von Auslandskapital und Opus Dei getränkten Sektor etwas anders aus: jetzt arbeiten in den Kleinstbetrieben, deren Anteil nur noch 42,9 % beträgt, lediglich noch 4,2% aller Beschäftigten. Die Großbetriebe hingegen, deren Anteil auf 0,6% gestiegen ist, beschäftigen nun 17,6% der Werktä- tigen. In der Gruppe der Betriebe mit einer Belegschaft zwischen 100 und 500 Leuten ist die Veränderung noch spektakulärer. Wäh- rend sie 1958 nur 0,2% der Betriebe ausmachten und 12,4% der Ge- samtarbeitskraft im betreffenden Sektor beschäftigten, arbeiten 1968 in 4,6 % der Betriebe 37,8 % der Beschäftigten. Noch um etliches schärfer wird der Kontrast in einer Nachbarindu- strie: bei den Getränken. Abgesehen von den traditionsgemäß über- wiegend britischen Mammutweingütern im Südwesten Spaniens, dürfte kaum ein Tropfen Bier durch Spanier- oder Urlauberkehlen rinnen, der nicht mit US-amerikanischem Kapital gesättigt wäre, das teils über die Schweiz ("Sankt Moritz - Märzenbier"), teils direkt ein- geflossen ist. Paradebeispiel: der größte Bier-Kapital ist der Welt, Joseph Schlitz, verkauft in Spanien Schlitz-Bier, Lager, Skool, La Cruzdel Campo, Henninger und einige Marken mehr, an denen er mehr oder weniger maßgeblich beteiligt ist. 1958 hatten 80,1% der Unternehmen maximal 4 Beschäftigte, insgesamt aber 44,7%; in der Gruppe von 10 bis 49 Beschäftigte (6,2%) fanden sich 23,5% der in diesem Sektor Arbeitenden; die Großbetriebe (500 und mehr: 0,01%) beschäftigten nur 1,3%. 1968 hat sich das Bild radikal gewandelt: die Zahl der Kleinstbetriebe ist weiter- hin sehr hoch (77,8%), aber auf sie kommen nur noch 17,8% der Gesamtbeschäftigtenzahl im Getränkesektor; der ehemals wichtige Bereich (11-50 Beschäftigte) weist mit mehr Betrieben (8,8% ge- genüber 6,2%) nur noch 18,7% (gegenüber 23,5%) der Arbeitenden auf; bestimmend sind nun die Betriebe mit über 100 Beschäftigten: im Bereich 101 bis 500 kommen auf 1,2% Betriebe jetzt 26,2% der Beschäftigten (vorher: 0,2:6,6%), bei den Betrieben mit über 500 Leuten (0,2%) arbeiten 18,9% der werktätigen Getränkemacher. Vor allem in der Bekleidungs- und Schuhindustrie, die zu den ex- portstärksten Bereichen der verarbeitenden Industrie gehören, ist es zu Erdrutschen gekommen. In der Ölindustrie hingegen, die von Natur aus ein hohes Kapitalminimum erfordert, haben sich keine wesentlichen Verschiebungen ergeben. Dafür ist der Staatsanteil (INI; vgl. Kap. 13) am Ölgeschäft zu hoch. Allerdings mischt auch in diesem Bereich das US-Kapital kräftig mit: ESSO (Rockefeller- Gruppe), eng verknüpft mit Caltex und Texaco, und Gulf Oil haben große Kapitalinteressen in Spanien. Die Standard Oil of Califor- nia beispielsweise (hier identisch mit Caltex und Texaco) besitzt 40% der INI-Renommier-Raffinerie in Escombreras. Beim Glas hat der französische Konzern Gobain sich die beherr- schende Stellung erobert und damit zur Konzentration beigetragen. Bei Eisen und Stahl haben vor allem der INI-Stahlgigant ENSIDESA und Altos Hornosde Vizcaya (US-Steel: 25%) durch Zusammenfassun- gen bzw. Neugründungen den Markt unter sich aufgeteilt. Die damit verbundene Kapitalkonzentration erscheint bei den Betriebsgrößen allerdings teilweise als rückläufige Entwicklung: je größer die Betriebe, desto mehr Arbeitsplätze sind wegrationalisiert worden. Hier zeigen sich deutlich die Grenzen des Demonstrationswertes der Betriebsgrößenentwicklung. Bei den Metall-Fabrikaten haben vor allem die Autoindustrie und der Schiffsbau zur Konzentration beigetragen. Der Personenwagen- markt wird größtenteils vom INI-gesteuerten SEAT-Konzern (Fiat- Citroen-Kapital und -Lizenzen) beschickt, der 1970 66 Prozent al- ler Tourenwagen herstellte. Daneben fabrizieren Chrysler, Renault und British Leyland in großen Werken ihre PKW's. Die INI-Firma Pegaso ist mit 67 Prozent aller gemeldeten LKW's über 10 Tonnen und 75 Prozent aller Autobusse größter spanischer Transportmit- telhersteller. Bei den Traktoren hat der US-Schotte John Deere alleine das Sagen. Bei den Werften hat sich im Verlauf der sech- ziger Jahre der Konzentrationstrend verschärft. Da: INI hat auch hier die absolute Vorherrschaft mit rund 65 Prozent der fabri- zierten Tonnage. Die spanischen Großwerften, großenteils an der galizischen Nord- und Westküste angesiedelt, weisen den dritt- größten Auftragsbestand der Welt auf und haben sich inzwischen an die sechste Stelle der Weltproduktion geschoben. Daß bei der Elektroapparateherstellung kein Spanier groß was zu sagen hat, ist bei Namen wie Westinghouse, General Electric, ITT, IBM, Siemens, AEG-Telefunken, Brown-Boveri etc. nicht weiter ver- wunderlich. Hier beschäftigen 1968 13,3% aller Unternehmen 84,1% aller Unternommenen. Das gleiche gilt für die Chemie-Industrie, wo Namen wie Dow Chemicals, Hoechst, Bayer, Merck, Procter & Gam- ble, Palmolive-Colgate, Avon etc. von jeher einen "guten Klang" hatten. Aber gerade in der chemischen Industrie tauchen immer wieder Beschwerden auf, die ein allgemeines Problem der spani- schen Industrie mit Ausnahme nur weniger Bereiche erkennen las- sen. Die chemische Grundstoffindustrie, über Klein- und Mittelbe- triebe verteilt, kann der von Großkonzernen und -industrie be- herrschten verarbeitenden Industrie nicht immer die kontinuierli- che Versorgung garantieren. Noch kopflastiger ist die Gummi-Indu- strie, wo Firmen wie Goodyear und Firestone/Phoenix im Verlaufe der Auto-Mobilisierung der Spanier und resteuropäischen FIAT-Fah- rer (SEAT 600 und 850) ihre Hauptinvestitionen aus dem Bereich der größten Mittelbetriebe in den der Großbetriebe verlagerten. (Alle Angaben über US-amerikanisches Kapital stammen aus: Gabello Moya, Arturo: Las inversiones industriales norteamericanas en Espana, Cuadernos para el Dialogo, Dez. 1969; die Daten zur Be- triebsgrößenentwicklung werden dem Artikel von J.B. DONGES, From an Antarchic Towards a Cantionsly Outward-Looking Industrializa- tion Policy: The Case of Spain, entnommen, veröffentlicht in: Weltwirtschaftliches Archis, Zeitschrift des Instituts für Welt- wirtschaft an der Universität Kiel, Bd. 107, Tübinger 1971.) Leider ist es sehr schwierig gewesen, Daten über die jeweiligen regionalen Anteile am Industrieprodukt zu finden. Wir müssen uns deshalb darauf beschränken, das traditionelle Nord-Süd-Gefälle anhand der Einkommensverteilung nach Regionen darzustellen, wel- che mit den industriellen Schwerpunktgebieten Katalonien (Barce- lona und weitere Umgebung), Baskenland (Bilbao und weitere Umgebung), Levante (Valencia) und nördliche Meseta (Madrid, Val- ladolid) zusammenfällt. In diesen 17 (von 50) Provinzen mit 26 Prozent der Gesamtfläche Spaniens lebten im Jahre 1965 44 Prozent der Bevölkerung, die 59,5 Prozent aller Einkommen nach Hause trugen. Diese Konzentra- tion hat sich durch eine Reihe von Faktoren verstärkt. 1955 besa- ßen die 14 reichsten Provinzen noch einen Anteil von 51,5 Prozent am Volkseinkommen, 1964 betrug ihr Anteil schon 56,3 Prozent. Diese Entwicklung ist in der Hauptsache auf der anarchischen Ent- wicklung der Industrie und der Unfähigkeit des spanischen Kapita- lismus, eine Agrarreform durchzuführen, begründet. Das so ent- standene und durch nichts gemilderte wirtschaftliche und soziale Gefalle wird durch Folgeerscheinungen der beiden genannten Haupt- faktoren wie Landflucht und Emigration ständig verschlimmert. 12. Bauwirtschaft ----------------- Die Bauwirtschaft ist derjenige Industriebereich, dessen Bedeu- tung seit Beginn der sechziger Jahre am stärksten zugenommen hat. 1967 belief sich die Wertschöpfung auf 78.275 Millionen Pesetas oder auf 5.4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 1.074.000 Arbeiter, das sind 8,5%, waren Ende 1968 in diesem Sek- tor beschäftigt. Doch geht es den spanischen Bauarbeitern nicht besser als den europäischen Kollegen: aufgrund der starken Kon- junkturabhängigkeit dieses Sektors sind Gelegenheits- und Saison- arbeit gängige Erscheinungen. In den größten Bauunternehmungen erreicht das nicht ständig beschäftigte Personal einen Anteil bis zu 82,6% (!). Die Mehrheit dieser Gelegenheitsarbeiter sind unge- lernte Kräfte. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, daß viele die Arbeit auf dem Bau nur als vorübergehend und als Sprungbrett ansehen, von dem aus sie den Absprung in die Fabrik suchen, die stabilere Arbeitsverhältnisse zu bieten hat. Der Aufschwung der Bauindustrie ist in engem Zusammenhang mit der wüsten Bodenspekulation zu sehen, die mit der wachsenden Woh- nungsknappheit als Folge der Landflucht und dem nicht endenwol- lenden Bau von Hotels und Appartmentwolkenkratzern entlang der Mittelmeerküste in Gang kam. Sie hat bis heute nicht aufgehört, "Quelle" billigen und schnellen Profits zu sein. Jedes Jahr werden zwischen 40 und 50% der Investitionen durch den Bausektor geschleust (wassertechnische Bauten, Straßen und Auto- bahnen, Eisenbahninfrastruktur, Wohnungsbau etc.). Wohnungsbau ----------- Der Mangel an Wohnungen hat in Spanien Tradition. Dieser Zustand hat durch die Zerstörungen des Bürgerkrieges eine beträchtliche Verschärfung erfahren. Die heutige katastrophale Wohnungssituation ist, abgesehen von der allgemeinen Struktur des spanischen Kapitalismus, im wesent- lichen auf zwei Momente zurückzuführen. Nach dem Krieg erlaubte die starre Autarkiepolitik der verschie- denen Franco-Regierungen nicht, den starken Baustoff-Mangel durch entsprechende Einfuhren zu überbrücken. Die Bauindustrie konnte sich dementsprechend nur langsam entwickeln. Der dadurch nicht nur nicht behobene, sondern noch verschlimmerte Zustand wurde durch das Einsetzen der Landflucht in den fünfziger Jahren gera- dezu unerträglich. Die Industriezonen des Baskenlandes (Bilbao etc.) und Asturiens, Madrids und Barcelonas, saugten sich voll mit landflüchtigen Tagelöhnern aus Andalusien und arbeitsuchenden Kleingrundbesitzern aus dem Nordwesten. Es ist nicht so, daß der Staat gar nichts gegen diese miserable Situation unternommen hätte. Jedes Jahr wurden Steuermillionen in den sogenannten "subventionierten Wohnungsbau" ("viviendas boni- ficables") hineingestopft. Die privaten Baugesellschaften nahmen dies nicht nur gerne hin, sie machten auf Staatskosten ungeheure Profite und bauten, vor allem in den sechziger Jahren, dafür lu- xuriöse Appartmentsilos mit Quadratmeterpreisen, die man mit ei- nem Arbeiterlohn nicht bezahlen kann. Wie sowas vorsichgeht, mag folgender Vergleich andeuten. Der II. Entwicklungsplan sah den Bau von 318.336 Wohnungen für das Jahr 1971 vor. Diese Richtzahl wurde mit 317.914 fertiggestellten Woh- nungen annähernd eingehalten. Betrachtet man jedoch wie diese Zahl zustandegekommen ist, so fällt auf, daß das Wohnungsbaumini- sterium wider alle planerische Vernunft diejenigen Detail-Richt- daten, für deren Einhaltung es per Kreditierung und Bezuschussung selbst verantwortlich ist, im Verhältnis zum freien Wohnungsbau um Riesensummen unterschritten haben müßte - oder aber, daß die Gelder zwar an den Bau-Mann gebracht, von diesem jedoch anderwei- tig - "frei" - verwandt worden sind. Letzteres ist der Fall. Tabelle 23 Geplante und fertiggestellte Wohnungen ,1971 geplant fertiggestellt % Differenz Gruppe I, Mietpreisbindung 69.866 54.033 -22,67 Gruppe II, Mietpreisbindung 48.000 8.108 -83,11 Subventioniert 150.000 101.726 -32,19 Direktbau 18.000 25.827 +43,48 Frei 32.500 128.220 +294,52 Total 318.336 317.914 0,15 _____ (nach: Wohnungsbauministerium) Gruppe I erhält 30 Prozent der Baukosten für maximal 8 Jahre, Gruppe II bis zu 90 Prozent der Baukosten, abzahlbar in maximal 18 Jahren. Die subventionierten Bauherren erhalten 30.000 ptas vom Nationalen Wohnungsbau-Institut geschenkt und 1.700 ptas pro erstelltem Quadratmeter Wohnfläche zu 6,75 Prozent Zinsen auf ma- ximal 18 Jahre von den Sparkassen oder der Baukredit-Bank gelie- hen. Jahr für Jahr werden diese Posten zu hoch angesetzt und Jahr für Jahr schließt der Posten "libre" - freier Wohnungsbau - mit horrenden Überschüssen ab. Der Posten "Direktbau" beinhaltet die Unterstützung vor allem des Eigenheimbaus und hat nach beträcht- lichen Defiziten in den ersten drei Jahren des II. Vier-Jahres- Entwicklungsplans zum ersten Mal positiv abgeschlossen. So kam zustande, was die übergroße Masse der Touristen nicht sieht: An den Peripherien der Millionenstädte bildeten sich Slums, in denen Hunderttausende unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen, während wenige Meter entfernt neue Appartments übereinandergestapelt werden, von denen der subventionierte Bau- unternehmer schon vor dem Zuschlag weiß, daß sie leerstehen wer- den. So ist etwa Barcelona nicht nur ein Beispiel für Slumkultur, es ist auch eines für die bis zu einhunderttausend (100.000) Wohnun- gen, die - je Stadt, wohlgemerkt - zum Verkauf angeboten werden und leerstehen, weil sie zu teuer sind. Das soll nicht heißen, daß nicht auch spanische Architekten es geschafft hätten, jene trostlosen Schlafstädte aus dem Boden stampfen zu lassen, die nachher grau und abstoßend, ohne soziale Einrichtungen, Abstell- plätze für neue, stinkteure Polstergarnituren, im Baudreck liegen gelassen werden, weil nicht einmal mehr jemand das Geld für die Straßen aufbringen will, auf denen der stolze Besitzer eines 600er SEAT nach seinem dritten Tagesjob abgerackert nach Hause rollen könnte. Subventionen und Bauboom im Gefolge von Landflucht und Touristen- schwemme haben die Entstehung großer, relativ stark mechanisier- ter Bauunternehmen begünstigt. Die 64 größten Unternehmen (von insgesamt 12.000) haben sich in einer Vereinigung (sprich: Kar- tell) zusammengeschlossen und erhalten 70% der staatlichen Bau- aufträge; sie verfügen über 60% des gesamten Baumaschinenparks und "ihre" Arbeiter führen 35% aller im Lande vergebenen Bauvor- haben aus. Trotz staatlicher Wohnungsbausubventionierung existieren kaum allgemeine Besiedlungspläne. Die Wohnungen haben, ohnehin schon zu klein, in den letzten Jahren zunehmend an Fläche verloren (Durchschnittsfläche pro Wohneinheit: 63,9 m²; westeuropäischer Schnitt: 73,2 m²; Durchschnittsfläche pro Zimmer: 12,4 m² (!); westeuropäischer Schnitt: 18,3 m²). Hier wie anderswo treibt der Profit zum schnellstmöglichen Bauen. Die Gebäude weisen entspre- chend viele Mängel auf, ihre Lebensdauer ist kurz. Alles in allem bietet der Bausektor als vitalster Bereich der spanischen Wirtschaft deutlicher als alle anderen ein Bild von der staatlich protegierten Grausamkeit der kapitalistischen Wirt- schaftsanarchie, von Spekulation und Korruption. 13. INSTITUTO NACIONAL DE INDUSTRIA (INI) ----------------------------------------- Das "Instituto Nacional de Industria" wurde zwei Jahre nach Machtantritt Francos, 1941, mit dem ausdrücklichen Zweck gegrün- det, "im Dienste der Nation die Schaffung und den Wiederaufbau unserer Industrien voranzutreiben und zu finanzieren; besonders derjenigen, deren Hauptziel die Lösung der sich aus den Erforder- nissen der Landesverteidigung ergebenden Probleme oder die Ent- wicklung unserer wirtschaftlichen Autarkie ist und die dem spani- schen Sparer eine sichere und anziehungskräftige Anlagemöglich- keit bieten". (Gesetzestext). Ein weiteres erklärtes Ziel war die Brechung von Monopolstellungen verschiedener (u.a. ausländischer) Unternehmungen. Das INI ist de facto eine staatliche "Holding", die ihre ver- schiedenen Unternehmen in der Art von Aktiengesellschaften ver- waltet. Als Gründungskapital erhielt sie vom Staat 50 Mio Ptas. und bewegliche Werte. Für eine weitere Finanzquelle sorgt das Fi- nanzministerium mit der Ausgabe abschreibungsfähiger öffentlicher Pfandbriefe oder schlicht durch Subventionen. Weiteres Kapital kommt in der Form von Krediten von der (staatl.) Banco de Espa- fia, aus selbstgemachten Profiten oder aus der Privatisierung gut laufender Unternehmen durch Verkauf. Außerdem kann das INI Obli- gationen ausgeben. Bevor wir auf die Bedeutung des INI für die spanische Wirtschaft eingehen, wollen wir kurz seine Rolle bei der Entwicklung des spanischen Kapitalismus darstellen. Wie schon erwähnt, sollte das INI nach offizieller Lesart anti-monopolistischen Zwecken dienen. Daran ist nur soviel wahr, daß das INI private Monopole ablöste, um dann diese Rolle selbst zu übernehmen. (Wie etwa der Automo- bilsektor zeigt, der von der Zollprotektion und ausländischen Pa- tenten lebt - SEAT -). Darüberhinaus besteht eine enge Verflech- tung von INI und privaten Monopolunternehmen. Es spielt eine wirtschaftliche und personelle Vermittlerrolle (Management). Und was die angestrebte wirtschaftliche Autarkie anbetrifft, so wurde sie freilich nie erreicht; geblieben sind der Masse der Be- völkerung lediglich Erinnerungen an schlimme Hungerjahre. 1959 wurde sie dann sang- und klanglos vom Gotteswerk abserviert. Die Not-Wendigkeit und europäische Einflüsterungen der OEEC sowie an- derer internationaler Monopolorganisationen waren entscheidende Motive. Das INI hat in den Nachkriegsjahren die Grundlagen für Industrien gelegt, die aufgrund der damaligen Autarkiepolitik nie konkurrenzfähig geworden sind und die heute ohne staatliche Pro- tektion nicht mehr lebensfähig sind. Nicht einmal für die Landes- verteidigung konnte das INI entscheidende Beiträge liefern. Welche Bedeutung hat also das INI für die spanische Wirtschaft gehabt? Prüft man die Geschichte der einzelnen Unternehmen, so zeigt sich, daß das INI offensichtlich als Mittel staatlicher In- tervention zur Verstärkung der Produktion zu einer Zeit war, in der das Privatkapital nicht oder nur sehr unzureichend in der Lage war, die Produktionspotenzen des Landes nutzbringend in Be- wegung zu setzen. Das INI hat ohne Zweifel beträchtliche Summen aus der öffentlichen Hand gefressen und im Vergleich zum Aufwand bescheidene positive Ergebnisse gezeitigt - andererseits aber z.B. die Inflation vorangetrieben. Da kein Geld, aber eine Notenpresse vorhanden war, machte man welches. Schließlich mußte das Geld ja irgendwo herkommen. Bei gleichbleibenden Löhnen bedeutet dies schlicht und einfach, daß die werktätige Bevölkerung zum Konsumverzicht gezwungen wurde. Über den ständigen Druck auf das Lebenshaltungsniveau wird das INI damit mittelbar zur Zwangssparkasse: zu Lasten von Millionen und zum Profit einiger weniger Familien. Privatisierung von Pro- fiten, Sozialisierung von Verlusten und Bankrotten. Eine andere wichtige Frage ist die nach der Art der Investitio- nen. In einigen Sektoren scheint das teure Geld für moderne Aus- rüstungsgüter ausgegeben worden zu sein. So etwa in der Elektri- zitätsproduktion, in der Eisen- und Stahlindustrie, der Bau- und Werftindustrie sowie in den Raffinerien und im Fahrzeugbau. In anderen Sektoren wurden notwendige Modernisierungen trotz vorhan- dener Gelder unterlassen. Einer der Hauptgründe für die wesentlichen Strukturmängel ist der anarchische Charakter des kapitalistischen Systems im allgemeinen wie der unharmonischen, weil nicht einmal kapitalistisch geplan- ten Entwicklung der INI im besonderen. Letzteres ist vor allem auf den ausschließlich subsidiären Charakter der staatlichen In- vestitionstätigkeit zurückzuführen, die nur dort in die Pri- vatinitiative eingriff, wo die Privatkapitalisten nicht investie- ren wollten, weil ihnen der Profit zu gering erschien oder nicht investieren konnten, weil es ihnen an Kapital mangelte. Anders gesagt: das INI handelte und handelt klar erkennbar im privaten Monopolinteresse. Daß (wieder-)hochgepäppelte Unternehmen repri- vatisiert werden, rundet dieses Bild nur ab. Darüberhinaus ist die Politik des INI nicht einmal konsequent durchgeführt. Zum einen ist nicht ein einziger Bereich ganz ver- staatlicht worden. Zum anderen ist der teils hohe Anteil an ein- zelnen Sektoren nicht zu überschätzen, da sich hinter den Proz- entzahlen meist keine Unternehmen mit optimaler Betriebsgröße, sondern mehrere mittelgroße Betriebe verbergen, die untereinander kaum oder gar nicht koordiniert werden. Tabelle 24 Anteil der INI-kontrollierten Unternehmen am jeweiligen Sektor (1968) 25% Eisen und Stahl 58% Aluminium 20% Elektrizität 40% Stickstoffhaltige Dünger 36% Steinkohle 46% Schiffbau 50% Automobile 48% raffiniertes Öl Hierbei muß man allerdings bedenken, daß der im Vergleich mit dem Gemeinsamen Markt sehr beschränkte spanische Inlandsmarkt die Herausbildung optimaler Betriebsgrößen nicht gerade begünstigt. Hier ist auch der Grund für das verhältnismäßig geringe Gesamtka- pital der Unternehmen zu suchen, an denen das INI direkt oder in- direkt beteiligt ist. Es beläuft sich bei 114 betroffenen Unter- nehmen auf 485 Mill. Ptas. (1969). Nach dieser Bestandsaufnahme stellt sich nun nochmals die Frage nach der tatsächlichen Bedeu- tung des Instituto Nacional de Industrie für den spanischen Mono- polkapitalismus. Unter Berücksichtigung aller referierten Merk- male kann vorsichtig zusammengefaßt werden, daß das INI ein In- strument zur Bereitstellung staatlicher Mittel im Interesse der nationalen Finanz-Oligarchie, aber auch des ausländischen Kapi- tals darstellt. Zum Schluß seien die wichtigsten verfügbaren Daten zum Komplex INI zusammengestellt. Tabelle 25 Anteil staatl. Wertpapiere am Gesamtvolumen der Wertpapieremis- sionen 1970 Gesamtvolumen (in Mio. Ptas) 156 888 100% Staatliche Wertpapiere Regierung 11 521 INI 10 323 Summe 21 844 13,9% Private Wertpapiere Obligationen 51 529 Aktien und passive Dividende 83 515 Summe 135 044 86,1% _____ (nach: Banco de Bilbao 1970) Das INI beschäftigt 4,4% der aktiven Bevölkerung und ist mit 13% am Bruttoindustrieprodukt (1971) beteiligt, wobei interessanter- weise festzustellen ist, daß dieser Anteil im Abnehmen begriffen ist. Wie schon erwähnt, existiert in Spanien auch eine "konzertierte Aktion", die allerdings nichts mehr mit dem uns bekannten Begriff zu tun hat, da die vertikale "Gewerkschaft" (sindicato) nicht konzertiert zu werden braucht. Dieses Orchester würde weitgehend ohne Disharmonien funktionieren, wenn die spanische Arbeiter- klasse nicht der Wirt bei der ganzen Rechnung wäre. Konzertiert werden die öffentlichen Kapitalspritzen zur Stützung struktur- schwacher privater Sektoren. In diesem Zusammenhang ist auch, ähnlich wie bei Gründung der Ruhrkohle-AG, die konzertierte Ak- tion bei der Gründung der HUNOSA im Bergbaubecken von Asturien zu sehen: als die Kohlenkonzerne sich Mitte der sechziger Jahre vor die Notwendigkeit gestellt sahen, umfangreiche Investitionen zu tätigen, setzten sie dem Staat die Pistole auf die Brust: entwe- der ihr gebt uns Geld, oder wir machen zu. Dann könnt ihr sehen, wie ihr mit den ohnehin rebellischen Kumpeln fertigwerdet. Der Staat gab Geld. Das INI gründete 1967 eine Kohlen-AG, die HUNOSA, in die die wichtigsten privaten Minen mit aufgenommen wurden. 77% des Gründungskapitals (3380 Mill. Ptas.) stellte das INI. 60% dieses Geldes benutzten die Privatkonzerne zur Tilgung ihrer Schulden. Im Namen der "Umstrukturierung" wird jetzt eine Mine nach der anderen geschlossen, und die teure Steinkohle muß in im- mer größeren Mengen aus dem Ausland eingeführt werden. 14. Finanzoligarchie -------------------- Spanien wird von einer verschwindend kleinen Minderheit be- herrscht. Der im Verhältnis zur BRD oder Frankreich schwach ent- wickelte spanische Kapitalismus hat einen überraschend hohen Kon- zentrationsgrad erreicht. Die Verflechtung von Banken, Industrien und Staat ist undurchdringlich. Die "sieben Banken" verfügen über fast 70 % aller Fremdeinlagen der Privatbanken und kontrollieren den Rest über ihre Aufsichts- ratsmitglieder. Die sieben Großen haben entscheidenden Einfluß im Obersten Bankrat, der als beratendes Organ des Finanzministeriums im Rahmen des privaten Kreditsystems faktisch nichts anderes als eine Institutionalisierung der Wettbewerbsbeschränkung darstellt und welcher den Konzentrationsprozeß stark vorangetrieben hat. Über 50% der Kredite werden von Privatbanken vergeben. Davon wie- derum kontrollieren die großen Sieben 60%. Sie gelangten zu dieser Machtfülle, indem sie sich nach und nach mit gesetzlicher Unterstützung kleinere Banken einverleibten, die sie vorher u.a. durch den Ausbau ihres Filialnetzes, ruinierten. Die Gesamtzahl der Banken belief sich 1939 auf fast 200: im Jahre 1964 existier- ten insgesamt noch 112 Banken. Aufgrund der Tatsache, daß es sich bei den Sieben um gemischte, Depositen- und Geschäftsbanken handelt, konnten sie die Kontrolle über die großen Unternehmen gewinnen. Ihre Macht wird durch ihren Einfluß auf die staatlichen Kreditinstitute lediglich noch abge- rundet. Da die meisten spanischen Großkonzerne nur über geringe Selbstfi- nanzierungsmittel verfügen, sind sie auf die kurz- oder langfri- stigen Kredite der Großbanken angewiesen, welche über umfangrei- che Wertpapierbestände verfügen und im Namen einer großen Zahl von Aktieninhabern ihr Depotstimmrecht ausüben. Es ist denn auch nicht weiter verwunderlich, daß sich die sieben Großbanken 1967 unter den 20 gewinnstärksten spanischen Unternehmen wiederfinden. Darüberhinaus nutzen die Banken die personelle Verflechtungs- struktur mit der Industrie zu deren Kontrolle aus. Ihre Vertreter sitzen in den Aufsichtsräten der wichtigsten Unternehmen oder sind von vornherein eine B l u t s b a n d e, miteinander ver- schwistert, verschwägert oder in sonst einer Weise verwandt, was vor der Regierung und ihren B e s a t z e r n natürlich nicht haltmacht, wie die Narjien Franco, Oriol y Urquijo, Allende y García Baxter zeigen. Auf diese verschiedenen Arten und Weisen reduziert sich die wirk- liche 'Machtelite ' auf ca. einhundert Familien, welche (1966) 1.324 Aktiengesellschaften - das sind 8,27 % aller existierenden - kontrollierten. Sie verfügen über Gesamtaktiva im Wert von 220.477,7 Millionen Pesetas, was 78,96% aller Aktiva entspricht. Einige der renommierten spanischen Zeitungen (ABC, YA, Diario de Barcelona etc.) preisen unter ihrer Kuratel auf der einen Seite die unendlichen Vorteile der freien Welt, um auf der nächsten vor ihren Versuchungen zu warnen: Libertad no es libertinaje. "Die Hundert Familien" kontrollieren über die oben genannten direkten oder indirekten Kanäle die grundlegenden Sektoren der spanischen Wirtschaft: Tabelle 26 Branchen, die von den "Hundert Familien" kontrolliert werden, in % der Gesamtaktiva Fahrzeugbau: 75,89 Zucker: 80,23 Staatsbanken: 96,56 (!) Privatbanken: 86,30 Schiffbau 91,31 Elektrizität: 96,42 landw. Betriebe: 84,17 Eisenbahnen: 78,57 Bergbau: 76,13 staatl. Monopole: 100 (Raffinerien, Tabak, Streichhölzer etc.) Motoren: 80,30 Schiffahrt: 84,49 Chemische Produkte: 80,11 Eisen und Stahl: 96,03 _____ (nach: Horizonte Espanol 1966) Ihr Kontroll-Anteil an solchen Zweigen wie: Zement: 58,13%; Bier: 51,47%; Maschinenbau: 51,41%; Elektromaterial: 70,18%; Versiche- rungen: 56,01%; Straßenbahnen: 51,93%; Glas: 56,86% ist bedeu- tend. Andere, sozusagen zweitrangige, nicht unter "den Hundert" figurierenden Familien, haben hier große Interessen. Weitere In- dustriezweige von geringerer Bedeutung stehen seit ihrer Gründung unter der Fuchtel der Hundert: Kredit und Sparinstitute: 70,53%; Kunststoffe: 86,40%; Salzwerke: 76,77%. Inwieweit sich diese Kontrolle seit 1966 verstärkt hat und wie groß der Anteil auslän- dischen Kapitals in einzelnen Zweigen geworden ist, ist schwer zu überblicken. 1963-64 gab es laut 'Anuario Financiero y de Socie- dades Anonimas de Espana' 55 Aktiengesellschaften (mit der staat- lichen Eisenbahn RENFE 56) mit einem Gesamtkapital von jeweils über einer Milliarde Pesetas. Die 55 zusammen verfügen über 112.734,4 Milliarden Pesetas. In den Aufsichtsräten dieser Unter- nehmen mit Ausnahme der 'Empresa Nacional Calvo Sotelo' sitzen Mitglieder der hundert Familien. Die privaten Konzerne stehen un- ter ihrer absoluten Kontrolle, auf diejenigen des INI üben sie maßgeblichen Einfluß aus. Genauer gesagt : 9 der "100 Familien" sind in den INI-Konzernen mit über einer Milliarde Gesamtkapital weitere 21 in kleineren vertreten. Diese unglaubliche Verfilzung der Machtstrukturen erklärt auch, weshalb es in Spanien nie zu schwerwiegenden Interessenkonflikten zwischen Staat und Privatmonopolisten gekommen ist. Zwar haben schwächere Teile dar Bourgeoisie immer wieder versucht, etwa ge- gen das INI anzukämpfen, doch hat ihr Druck allem Anschein nach nicht einmal gereicht, um die Großen aus der Reserve zu locken. Die spanische Wirtschaft wird von einer kleinen Gruppe von Leu- ten, die durch ökonomische und persönliche Verbindungen einen re- lativ geschlossenen Block bilden, souverän beherrscht. Das Opus- Dei ist nur e i n e Erscheinungsform dieser Machtelite. Bibliographische Hinweise: Allgemein: Autorenkollektiv: UN FUTURO PARA ESPAÑA: LA DEMOCRACIA ECONOMICA Y POLITICA; Paris 1967: wegen der kenntnisreichen und übersichtli- chen Analyse eine sehr wichtige Arbeit. Autorenkollektiv: HORIZONTE ESPAÑOL 1966, 2 Bde. Paris 1966. Autorenkollektiv: HORIZONTE ESPAÑOL 1972, 3 Bde. Paris 1972. Fundación Foessa: INFORME SOCIOLOGICO SOBRE LA SITUACION SOCIAL DE ESPAÑA, Madrid 1966 und 1970. Fernandez de Castro, I.: DE LAS CORTES DE CADIZ AL PLAN DE DESAR- ROLLO, 1808-1966, Paris 1968. Ders. Hrsg.: ESPANA HOY, Paris 1963. Gallo Max: HISTOIRE DE L'ESPAGNE FRANQUISTE, Paris 1969. Sehr an- schauliche Darstellung der Entwicklung seit 1939. Auch in spa- nisch. Paris 1971. Georgel, Jacques: LE FRANQUISME: Histoire et Bilan 1939-1969, Pa- ris 1970. Datenreich, auch zum Nachschlagen geeignet. Spanische Ausg. Paris 1971. Vilar, Pierre: HISTORIA DE ESPANA, Paris 1971, das beste kurze Geschichtswerk über Spanien, das es gibt. Wirtschaft: Brodel, Albert: ECONOMIE DE L'ESPAGNE, Textes et documents, Paris 1970. López Muñoz, Arturo y García Delgado, J.L.: CRECIMIENTO Y CRISIS DEL CAPITALISMO ESPAÑOL, Madrid 1968, 2. Ed. Muñoz, J., Roldán, S., García Delgado, J.L.: LA ECONOMIA ESPAÑOLA 1970, Madrid 1971. Tamames, Ramón: ESTRUCTURA ECONOMICA DE ESPAÑA, Madrid 1971, 6. Ed.: umfangreiches, grundlegendes Werk. Ders.: INTRODUCCION A LA ECONOMIA ESPAÑOLA, Madrid 1968, 2. Ed.; Kompendium des o.g. Hauptwerkes. Ders.: LOS MONOPOLIOS EN ESPAÑA, Madrid 1967. Deutsche Überseeische Bank: AUSSENWIRTSCHAFTLICHE MONATSBERICHTE. Statistisches Material: ANUARIOS ESTADISTICOS DE ESPAÑA, Institute Nacional de Estadí- stica (INE), Madrid. INFORME ECONOMICO DEL BANCO DE BILBAO (jährlich). EVOLUCION SOCIO-ECONOMICA DE ESPAÑA: Hrsg. Organizacion Sindical, Madrid. Statistisches Bundesamt: SPANIEN, LÄNDERKURZBERICHT, Wiesbaden 1971. Landwirtschaft: Flores, Xavier: ESTRUCTURA SOCIO-ECONOMICA DE LA AGRILCULTURA ES- PAÑOLA, Barcelona 1969. Malefakis, Edward: REFORMA AGRARIA Y REVOLUCION CAMPESINA EN LA ESPAÑA DEL SIGLO XX, Barcelona 1971. (engl.: Agrarian Reform and Peasant Revolution in Spain. Origins of the Civil War. N. Ha- ven/London 1970.) Naredo, Jose Manuel: LA EVOLUCION DE LA AGRICULTURA EN ESPAÑA, Barcelona 1971. zurück