Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1973


       zurück

       Diskussion, Besprechung
       

WIDERSPRÜCHE IM "KAPITAL" ODER KAPITALISTISCHE WIDERSPRÜCHE? *)

Worin liegt die "Raffiniertheit dialektischer Theoriebildung ge- nerell begründet"? "Darin nämlich, daß solche Theorien, die le- diglich falsche Theorien sind und diese ihre eigene Falschheit in ihrem begrifflichen Instrumentarium sogar selber zum Ausdruck bringen, plötzlich mit der Behauptung hervortreten, die Zeichen für ihre Falschheit als T h e o r i e n seien die Zeichen der Negativität und Widersprüchlichkeit dieser Sachverhalte" /102/. Dies Zitat Beckers sagt das Seine, Die in der Überschrift formu- lierte Frage bereits das Ihrige. Ist mehr noch zu sagen? Dies dann wohl doch. Nicht weil die von Becker dargelegte Begründung für "die methodische Irrationalität der ökonomischen Basistheo- rien des 'Kapital'" den Anspruch erheben könnte, irgend einen neuen und originalen Gedanken zu enthalten. Unzählige Male ist der Vorwurf, die dialektische Methode verlege Unstimmigkeiten und Widersprüche der Theorie in das von ihr untersuchte Objekt, von den positivistischen Vertretern der politischen Ökonomie, der Philosophie, der Soziologie und der Rechtstheorie erhoben worden. Dennoch stellt die Schrift Beckers in mancher Hinsicht eine neue Etappe in der bundesrepublikanischen Beschäftigung 1) mit der Marxschen Theorie dar. Sie kennzeichnet die neue und verschärfte Form, welche die ideologische Auseinandersetzung zwischen bürger- licher und marxistischer Theorie angenommen hat. Altbekanntes aus dem Droh- und Imponiergehabe der Marxtöter fin- det sich jedoch ebenfalls reichlich. Dies soll zunächst vorge- führt werden. Bevor der Marx-Bekämpfer die öffentliche Tribüne zum Zweikampf mit Marx betritt, weist er zunächst einmal lautstark auf die Ein- maligkeit seiner Darbietungen hin. Becker versichert, daß seine Kritik an der Marxschen Wertlehre einen Punkt behandeln werde, der in der "bisherigen Interpretati- onsgeschichte entschieden zu kurz" gekommen sei. /7/ Gemeint ist der Gegensatz von Wert und Gebrauchswert und die Bedeutung des Methodenaspekts für die politische Ökonomie von Marx sowie das Verhältnis der von Marx im Kapital angewandten Methode zu Hegels Dialektik. Die Stilisierung zum strahlenden Helden, der mit funkelndem Geist und der ganzen Kraft des zwiefach geschliffenen Wortes die Masse der niederen Marxinterpreten dahinmäht, läßt sich allerdings nur durch die Erklärung der Nichtexistenz von in Wirklichkeit sehr wohl vorhandenen Gegnern oder Mitstreitern erreichen. Die von Becker behandelte Problematik ist gerade in jüngster Zeit in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Marx ge- rückt. Insbesondere die Monographien von Zeleny 2) und Kosik 3), die Becker mit keinem Wort erwähnt, befassen sich eingehend mit der Wissenschaftslogik des "Kapital". Im Gegensatz zur Behauptung von Becker wird in diesen beiden Schriften, ebenso wie in der von Reichelt 4), auf die zu verweisen sich Becker immerhin noch her- abläßt, die Analyse der von Marx angewandten Methode akribisch vorgenommen. Im Gegenteil ist eher die Gefahr zu erkennen, die inhaltliche Behandlung des "Kapital" werde zugunsten der seiner logischen Struktur vernachlässigt. Ferner sei, um nur aus der in letzter Zeit erschienenen Literatur einiges herauszugreifen, auf Backhaus 5), Iljenko 6) und Wygodski 7) hingewiesen, die von Becker selbst - wenn auch nur ganz beiläufig und ohne wissen- schaftliche Auseinandersetzung mit ihnen - zitiert werden, sowie auf die Schriften von Tuchscheerer 8), Rosdolsky 9), Kumpf 10), die Becker der Erwähnung nicht für wert hält. Die Diskussion über die Marxsche Methode des Aufsteigens vom Ab- strakten zum Konkreten, über das Verhältnis von logischer und hi- storischer Methode, über die Beziehung zwischen realen, gesell- schaftlichen Widersprüchen und dem aus ihnen erwachsendem falschen, verdinglichten Bewußtsein, dem sich die gesellschaftli- chen Verhältnisse als sachliche darstellen, ist nicht nur eine literarische. An den Hochschulen wird dieser Problemkomplex in- tensiv diskutiert; der theoretische Standort, der in dieser Aus- einandersetzung eingenommen wird, ist zugleich mitbestimmend für die politische und hochschulpolitische Gruppenbildung. Die von Becker nicht verwandte Literatur ist also weder wissenschaftlich noch praktisch unbedeutend oder irrelevant. Am Vorgehen von Bec- ker zeigt sich, daß in der Auseinandersetzung mit Marx und seinen Interpreten sich ein Professor noch immer glaubt leisten zu kön- nen, was ihn, wenn er in gleicher Weise bürgerliche Wissenschaft- ler behandelte, wissenschaftlich disqualifizierte: der skandalöse Umgang mit der Literatur. Was ein rechter Marx-Vernichter ist, der begnügt sich selbstver- ständlich nicht damit, vor dem Kampf erst einmal sorgfältig Kon- kurrenten oder Gegner, die den eigenen Ruhm verdunkeln könnten, in die Nicht-Existenz hinabzustoßen. Auch das eigentliche Kampf- objekt muß zuvor schon entsprechend präpariert werden; den Stieren gleich, die sich der umjubelte Matador nur mit abge- schliffenen Hörnern und mit Beruhigungsspritzen versehen vor- führen läßt. Becker hält es für möglich, über die Marxsche Methode ein Buch zu schreiben, und sich dabei ausschließlich auf den ersten Band des "Kapital" zu beziehen; genauer, auf die ersten Kapitel des ersten Bandes. Er möchte vermeiden, seine Darstellung mit dem "hinsicht- lich der Wertlehre systematisch unklaren 3. Band des "Kapital" zu belasten"! /8/ Auch den "Rohentwurf" und die "Theorien über den Mehrwert" meint Becker unberücksichtigt lassen zu können. Dies, obwohl gerade die Bedeutung der Grundrisse für das Verständnis der Marxschen Methode in letzter Zeit verstärkt herausgestellt worden ist. Aber diese ganze Literatur wischt Becker souverän mit der Bemer- kung beiseite, es handele sich dabei um den Hang zur "philologisch-kasuistischen Behandlung der Marxschen Methode, die sich vor allem im deutschen Marx-Schrifttum eingebürgert" habe. /8/ Damit nun der Zuschauer nicht etwa auf die Idee kommt, das Schau- spiel der Marx-Zerschmetterung sei lediglich eine Nachmittag-Kin- dervorführung, bei der gerade die schwierigen interpretatorischen Balanceakte und die tollkühnen logischen Salti mortali fehlten und durch dümmlich-drollige Auftritte des Clowns ersetzt werden, wird dem Publikum nachdrücklich versichert, ihm werde wirklich das volle, ganze Programm geboten und es werde auch bei der Kon- kurrenz nichts Anderes oder Besseres zu sehen bekommen. Obwohl Becker nur die ersten Kapitel des "Kapital" abhandelt, be- hauptet er, seine Schrift könne "als eine Einführung in die grundlegenden Theorien der politischen Ökonomie von Marx gelesen werden". /7/ So alles wohl arrangiert habend, kann der Marx-Be- zwinger in Aktion treten. Wie sieht das aus? Man zeigt seine glänzende intellektuelle Rü- stung, macht einige vorbereitende Ausfälle. Da man deutscher Pro- fessor ist, bietet man Historisches. Das will heißen: Aus zwei, drei Büchern über die Geschichte der Ökonomie und ihrer Theorie wird einiges exzerpiert. Und nicht zu vergessen: Aristoteles ziert immer ganz ungemein. Niedergestreckt wird der Feind dann mit einem Bombardement von Verbalinjurien, das in jeder anderen wissenschaftlichen Polemik gerade von bürgerlicher Seite aus als indiskutabel und unwissenschaftlich bezeichnet werden würde, wel- ches aber gegenüber Marx in der BRD offensichtlich immer noch als die adäquate Form der Auseinandersetzung gelten darf. Das liest sich dann so: Marx geht es nicht um die Aufdeckung der inneren Gesetze der bürgerlichen Produktionsweise, vielmehr verfolgt er eine "Argumentationsstrategie", die Becker "kennzeichnet" /39/ und "charakterisiert" /41/; die Werttheorie hat "verheerende lo- gische Folgen" und ist von einem "offenkundigen "methodischen Ir- rationalismus", bei der Ausarbeitung der Werttheorie zeigt sich die "methodische Unvernunft" des Verhaltens von Marx und sein Festhalten an einer "unsinnigen Prämisse" /63/; dies setzt sich dann fort in der für die marxistische Tradition "seit je üblichen Gedankenlosigkeit und dogmatischen Kritikunfähigkeit gegenüber der eigenen theoretischen Basis" /64/, weil "der im Terminus 'Gegensatz' eingestandene logische Unsinn in den Rang der positi- ven Bestimmtheit des Warencharakters erhoben wird" /65/; die Marxsche Mehrwerttheorie ist demgemäß "der Ausdruck eines theore- tischen Zynismus" /130/, denn sie setzt "diesen Verhältnissen (den Arbeitsbedingungen in England im 19. Jahrhundert; P.R.) zy- nisch die Krone auf" /130/; außerdem kann sie "nicht anders denn als eine Rechtfertigungsideologie des kapitalistischen Profits und der kapitalistischen Mehrwertproduktion überhaupt betrachtet werden" /131/; "eklatant und nachweisbar falsch" ist deshalb "die gesamte bisherige Marxinterpretation, die es so darstellt, als impliziere die von Marx gelehrte Differenz von Tauschwert und Ge- brauchswert der Arbeit bereits die Kritik an einem ökonomischen System, welches von der Ausnutzung dieser Differenz lebt" /132/; gleichviel besitzt die Marxsche Theorie eine "Faszination", der "hauptsächlich Intellektuelle zu erliegen pflegen. Sie verschafft einem das Gefühl der theoretischen Überlegenheit gegenüber der gesellschaftlichen Situation, in der man lebt" /149/; daraus folgt: "Was uns in der Situation der westlichen Demokratien je- doch nichts nützt, sind Konzepte wie das Marxsche, welche nicht bloß Utopisches verheißen, sondern sowohl in Hinsicht auf ihre planbare Durchsetzung Utopiecharakter haben, als auch auf einer logisch-inkonsistenten = falschen Theorie basieren". /151/ So weit so gut oder auch so schlecht. So gerieren sich bekannter- maßen Marx-Töter. Worin zeigt sich denn nun die neue und verschärfte Form der ideo- logischen Auseinandersetzung, die überhaupt erst die, selbst iro- nische, Zurkenntnisnahme des Pamphlets von Becker rechtfertigt? Becker arbeitet mit Genauigkeit und Klarheit die "Basistheorie" des "Kapital" heraus als der "Lehre von der Arbeit als dem objek- tiven Tauschwert der Güter". Becker sieht richtig, daß die Me- thode, Marxkritik in der Form der Marxverfälschung zu betreiben oder in der des Ausspielens der Frühschriften von Marx gegen sein Hauptwerk, angesichts der breit wiederbelebten Marxbeschäftigung in der BRD keine sehr erfolgversprechende Strategie mehr sein kann. Um Marx radikal zu widerlegen, ist es erforderlich, seine Theorie - oder zumindest wichtige Teile derselben - zutreffend darzustellen. Dies erkennt Becker. Er geht aus von der Marxschen Analyse der einfachen Wertform: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder: 20 Ellen Leinwand sind ein Rock wert. Dieser Ausgangspunkt ist der richtige, denn: "Das Geheimnis aller Wertform steckt in die- ser einfachen Wertform. Ihre Analyse bietet daher die eigentliche Schwierigkeit". 11) In der angegebenen Gleichung befindet sich der Rock in der Äquivalentform, denn "die Leinwand drückt ihren Wert aus im Rock, der Rock dient zum Material dieses Wertaus- drucks" 12). Als Gebrauchswerte können Rock und Leinwand nur ein- ander gleichgesetzt werden, wenn sie einem gemeinsamen Dritten gleichgesetzt werden. Dies ist die "zur Herstellung eines Ge- brauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit". 13) Daraus ergibt sich: "Der Körper der Ware, die zum Äquivalent dient, gilt stets als Verkörperung abstrakt menschlicher Arbeit und ist stets das Produkt einer bestimmten, nützlichen konkreten Arbeit" 14). Becker schließt daraus, was Marx mit seiner Wertgleichung eigent- lich wolle: "Er faßt den Begriff der Äquivalentform, um den es hauptsächlich geht, als die i d e n t i s c h e Einheit zweier Maßstabsgrößen, als die I d e n t i t ä t von '1 Rock', der als Gebrauchswert W e r t a u s d r u c k des anderen Gebrauchswer- tes '20 Ellen Leinwand' sein soll, mit der in beiden Gebrauchs- werten verkörperten 'Wertgröße', der in ihnen 'materialisierten' 'abstrakten' Arbeit." 754/557 (Alle Sperrungen von W.B.) Der Kritik an der Entfaltung der Kategorie der einfachen Wertform ist der Hauptteil der Schrift Beckers gewidmet. Dabei stellt er immer wieder - und im Prinzip durchaus richtig - heraus, daß "ein Gebrauchswert im Rahmen der Wertgleichung in e i n e r u n d d e r s e l b e n Hinsicht als bewerteter Faktor u n d als Maßstab der Bewertung der Faktoren diene" /56/ (gesperrt W.B.), daß also im "Begriff der Äquivalentform die "Identifizierung von B e w e r t u n g s f a k t o r u n d B e w e r t u n g s- m a ß s t a b" vollzogen werde. /59/ Beckers Kritik an der Marx- schen Wertformanalyse läßt sich mit ihm in den Satz zusammen- fassen: "Was aber Teil des Bewerteten ist, kann nicht zugleich Maßstab der Bewertung sein". /55/ Aus der Tatsache, daß Becker meint, mit dieser Aussage die logi- sche Unhaltbarkeit der Marxschen Basistheorie dargetan zu haben, erklärt sich auch, daß es ihm gut gelingt, die Bedeutung der ein- fachen Wertformanalyse und der in ihr enthaltenen Unterscheidung von konkreter und abstrakter Arbeit für die Geldtheorie von Marx und für seine Erläuterungen über den Fetischcharakter der Waren aufzuzeigen. Durch den - zutreffenden - Nachweis nämlich, daß die Ausführungen von Marx über das Geld und über den Fetischcharakter der Waren sich notwendig aus der einfachen Wertformanalyse erge- ben, muß sich die angebliche "Irrationalität" der Wertformanalyse auch auf die Analyse des Geldes und des Fetischcharakters der Ware erstrecken. Becker ist deshalb auch in der Lage, berechtigte Kritik an marxi- stischen Marxinterpreten, z.B. an Mandel 15) und an dem Autoren- kollektiv Marx-Arbeitsgruppe Historiker 16) zu üben, weil diese die Ware zwar als Einheit von Gebrauchswert und Wert darstellen, den gegensätzlichen Charakter dieser Einheit aber nicht oder nicht deutlich genug herausarbeiten. Auf ihn aber kommt es, darin hat Becker Recht, zum Verständnis der Marxschen Theorie ganz ent- scheidend an. Die ganze Kritik Beckers besteht darin, unermüdlich zu wiederho- len, daß Marx mit seiner Behauptung, in der Ware, die als Äquiva- lent diene, sei der Gebrauchswert die Erscheinungsform seines di- rekten Gegensatzes, des Werts, sei die konkrete Arbeit die Er- scheinungsform ihres Gegensatzes, der abstrakten Arbeit, und sei die private Arbeit die Erscheinungsform ihres Gegensatzes der un- mittelbar gesellschaftlichen Arbeit, dasjenige zu einer objekti- ven Gegensätzlichkeit der Warenform erkläre, was lediglich die Widersprüchlichkeit und deshalb Unrichtigkeit der Theorie sei. "Damit erscheint der t h e o r e t i s c h e W i d e r- s p r u c h als eine ökonomische E i g e n s c h a f t d e r W a r e." /71/ (Hervorhebung W.B.) Das ganze sei aber ersicht- lich nichts weiter als ein übler logischer Kniff, denn Wider- sprüche in Theorien könnten ausschließlich als Zeichen für die Falschheit dieser Theorien dienen. Welche konkreten politischen Folgen die Behauptung von der Irrationalität der Basistheorie hat, das sagt Becker selbst mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit: "Wenn es auch schon den der Marxschen Lehre adäquaten Sozialismus nie geben wird, weil er auf einer durch und durch und nachweisbar irrationalen Theorie beruht, so kann man gleichwohl für die Einführung sozialistischer Elemente in einer bürgerlich-kapitalistischen Tauschwirtschaft plädieren, um den Auswüchsen des kapitalistischen Profitprinzips zu steuern. Ich behaupte, daß eine sinnvolle Diskussion über das Verhältnis von bürgerlich-kapitalistischem und sozialistischem Wirtschaftsprin- zip überhaupt erst geführt werden kann, wenn die Marxsche Theorie aus dem Spiel bleibt." /105/ Die von Becker aufgeworfene Frage, ob eine Theorie die gesell- schaftliche Wirklichkeit richtig widerspiegelt oder nicht, bleibt eine rein scholastische, wenn sie in der Beckerschen Manier unter Abstraktion von der wirklichen gesellschaftlichen Praxis behan- delt wird. 17) Erfahrung, Beobachtung, Experiment, gesellschaft- lich-historische Praxis entscheiden über die Richtigkeit einer Theorie. Wenn ein Naturwissenschaftler erklärt, ein Elementar- teilchen sei sowohl Materie als auch das Gegenteil derselben, Be- wegung, so kann dieser theoretische Widerspruch nicht als falsch bezeichnet werden, wenn sich diese Behauptung notwendig aus den experimentell festgestellten Tatsachen ergibt. Ob und in welcher Weise das Produkt einer komplizierten Arbeit wertmäßig dem Pro- dukt einfacher Arbeit gleichgesetzt werden kann, ist eine prakti- sche Frage. "Daß diese Reduktion beständig vorgeht, zeigt die Er- fahrung". 18) Bereits in der "Deutschen Ideologie" sagen Marx und Engels: "Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Le- bensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie die durch eigne Ak- tion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empiri- schem Wege konstatierbar." 19) Gerade im "Kapital" ist es der be- sondere Charakter der wissenschaftlich durchforschten gesell- schaftlichen Wirklichkeit, der die logische Struktur und die "dialektische Gliederung" des Werkes bestimmt 20). Die Richtigkeit der Theorie des "Kapital" zeigt sich darin, ob sie in der Lage ist, Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zu erklären und zutreffende Voraussagen zu machen. Im Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten muß sich die Basistheorie bewähren. Deshalb weist Marx auf die innere Verbundenheit der drei Bücher des Kapitals hin 21), weil erst in den späteren Ausführungen be- stimmte Erscheinungsformen, z.B. die Grundrente, behandelt wer- den. Die Richtigkeit dieser Theorie zeigt sich ferner darin, daß sie in der Lage ist, die Vergangenheit tiefer und richtiger zu erfassen. Vor allem erweist sich diese Theorie als richtig oder falsch, wenn sie Anleitung für das praktische Handeln der Men- schen geworden ist. Am methodischen Vorgehen von Becker, dem Aussparen der "Grundrisse", des dritten Bandes des "Kapital", der Voreingenom- menheit gegen die sozialistischen Staaten zeigt sich, daß er von vornherein ausklammert, was zur Erkenntnis beitrüge, daß nicht die Marxsche Theorie, sondern die Wirklichkeit falsch ist, die diese Theorie begreift. Die Schrift Beckers zeigt zugleich, und dies ist einer ihrer Vor- züge, daß es keineswegs ausreicht, sich, wie es in Arbeitsgruppen an den Universitäten häufig geschieht, lediglich mit den ersten Kapiteln des "Kapital" zu beschäftigen; von den didaktischen Pro- blemen, die bei einem solchen Vorgehen sich stellen, einmal ganz abgesehen. Beckers Abhandlung ist Reaktion auf die intensivere Beschäftigung mit den Grundkategorien der Marxschen Theorie in der BRD. Durch sie wird deutlich, daß die Verschärfung der ideologischen Ausein- andersetzung für den Marxismus sowohl Anlaß zu Genugtuung als auch zu verstärkter Anstrengung ist. Es ist ein Zeichen für die Stärke und Durchsetzungskraft marxistischer Theorie, wenn bürger- liche Theoretiker gezwungen werden, sich mit den wirklichen Kern- gedanken von Marx auseinanderzusetzen und mit der Taktik der Ver- fälschung oder des Verschweigens nicht mehr erfolgreich sein kön- nen. Andererseits erfordert die Konzentration der Kritik auf den wesentlichen Gehalt der marxistischen Theorie in verstärktem Maße die "Anstrengung des Begriffs". Peter Römer _____ *) Besprechung von Werner Becker: KRITIK DER MARXSCHEN WERTLEHRE. Die methodische Irrationalität der ökonomischen Basistheorien des "Kapital"; Hamburg 1972 (Seitenangaben in Schrägstrichen beziehen sich auf dieses Buch). 1) Vgl. dazu: W.R. Beyer: TENDENZEN BUNDESDEUTSCHER MARX-BESCHÄF- TIGUNG, Köln 1968. 2) J. Zeleny: DIE WISSENSCHAFTSLOGIK BEI MARX UND DAS "KAPITAL", Frankfurt/M., Wien o.J. (Copy 1972); vgl. insbes. S. 125 ff. 3) K. Kosik: DIE DIALEKTIK DES KONKRETEN. Eine Studie zur Proble- matik des Menschen und der Welt, Frankfurt/M. 1967. 4) H. Reichelt: ZUR LOGISCHEN STRUKTUR DES KAPITALBEGRIFFS BEI KARL MARX, Frankfurt/M., 3. Aufl. 1972. 5) H.-G. Backhaus: "Zur Dialektik der Wertform", in: A. Schmidt, Hrsg.: BEITRÄGE ZUR MARXISTISCHEN ERKENNTNISTHEORIE, Frankfurt/M. 1969, S. 128 ff. 6) E.W. Iljenkow: "Die Dialektik des Abstrakten und Konkreten im 'Kapital' von Marx", ebenda S. 87 ff. 7) W.S. Wygodski: DIE GESCHICHTE EINER GROSSEN ENTDECKUNG. Über die Entstehung des Werkes "Das Kapital" von Karl Marx, Berlin 1967. 8) W. Tuchscheerer: BEVOR "DAS KAPITAL" ENTSTAND, Berlin 1968, vgl. insbes. S. 358 ff. 9) R. Rosdolsky: ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES MARXSCHEN "KAPITAL". Der Rohentwurf des Kapital 1857-1858, 2 Bde., Frank- furt/M. 1968, vgl. insbes. Bd. 1, S. 146 ff. 10) F. Kumpf: PROBLEME DER DIALEKTIK IN LENINS IMPERIALISMUS-ANA- LYSE. Eine Studie zur dialektischen Logik, Berlin 1968, vgl. ins- bes. S. 146 ff. 11) K. Marx: DAS KAPITAL. Kritik der politischen Ökonomie, 1. Bd., MEW 23, S. 63. 12) K. Marx, a.a.O. 13) K. Marx: MEW 23, S. 54. 14) K. Marx: MEW 23, S. 72. 15) E. Mandel: MARXISTISCHE WIRTSCHAFTSTHEORIE, 2 Bde., Frank- furt/M. 1972. 16) Autorenkollektiv Marx-Arbeitsgruppe Historiker: SCHULUNGSTEXT ZUR KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, 3. Aufl., Westberlin 1971. 17) Vgl. J. Zeleny, a.a.O., S. 92 ff. 18) K. Marx: MEW 23, S. 59. 19) K. Marx/F. Engels: DIE DEUTSCHE IDEOLOGIE, MEW 3, S. 20. 20) Vgl. K. Kosik, a.a.O., S. 177. 21) K. Marx: Brief an F. Engels v. 30.4.1968, MEW 32, S. 70 ff., S. 74. zurück