Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
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Fragen der Dialektik
Helmut Arnaszus
ERKENNTNISTHEORIE OHNE DIALEKTIK:
KARL R. POPPERS HEGELVERSTÄNDNIS UND SEIN OBJEKTIVER IDEALISMUS
Am Beispiel der Entwicklung der Erkenntnistheorie Poppers soll
hier skizziert werden, auf welche Weise die durch idealistische
Anschauungen verursachten Widersprüche der wissenschaftstheoreti-
schen Reflexion zunächst zur Aufgabe des extremen subjektiven
Idealismus zwingen. Andererseits läßt sich zeigen, daß das Miß-
verstehen der Dialektik Hegels und ihrer materialistischen Wen-
dung durch Marx unter Hinzunahme der entscheidenden erkenntnis-
theoretischen Kategorie der Praxis ein vollständiges Erfassen des
Prozesses wissenschaftlicher Erkenntnis nicht zulassen.
In der "Logik der Forschung" steht Popper noch auf subjektiv-
idealistischen Positionen. Die Entscheidung über die Bewußtseins-
kategorie "Theorie" wird letztlich von der Bewußtseinskategorie
"Basissatz" gefällt, der eine bloße Behauptung über einen "im in-
dividuellen Raum-Zeit-Gebiet beobachtbaren Vorgang" ist. So er-
gibt sich eine Definition von "Objektivität" höchstens als kon-
ventionell feststellbare Intersubjektivität im Anerkennen von Ba-
sissätzen. Auf dieser Anschauung läßt sich, wie auch der Empiris-
mus seit Hume weiß, das Entstehen theoretischer Systeme aus einer
dem Beobachter äußerlichen Realität nicht begründen. Popper ver-
zichtet daher - hierin konsequenter als Carnap u.a. - auf das In-
duktionsprinzip, und damit auf das Verstehen der "ersten Hälfte
der Tätigkeit des wissenschaftlichen Forschers": der Genese der
Theorie. Aus der Not eine Tugend machend, behauptet er, das
"Aufstellen der Theorien (sei) der logischen Analyse weder fähig
noch bedürftig". (Vgl. Logik der Forschung, Tübingen 1966, S. 6)
Popper meint zunächst den subjektiven Idealismus retten zu kön-
nen, indem er die in der Theorie zulässigen Sätze auf Existenzbe-
hauptungen einschränkt. Es komme dann nur darauf an, Hypothesen
so zu formulieren, daß sie durch anerkannte "Basissätze" falsifi-
zierbar sind. Dies ist aber eine bloß formale Umkehrung der All-
sätze und des mit ihnen verbundenen Verifikationsprinzips. Die
Frage nach der Genese von Theorie verweist Popper an die Psycho-
logie und schließt sie - unter Hinweis auf ein jeder Entdeckung
innewohnendes "irrationales Moment" und auf die "schöpferische
Intuition" (Ebenda, a.a.O.) - aus der "Erkenntnislogik" aus. Sie
wird, einem Brauch der modernen Empiristen folgend, als
"metaphysische" Frage abqualifiziert. (a.a.O., S. 72)
Der Streit zwischen dem Wiener Kreis und Popper zeigt die zwei
widersprüchlichen Möglichkeiten des agnostizistischen Ausweichens
vor der Grundfrage der Philosophie: Entweder wird versucht, Theo-
rie aus atomaren "Erlebnissen", aus "Protokoll-, Beobachtungsoder
Basissätzen" u.a. auf deduktivem bzw. induktivem Wege zu konstru-
ieren, oder aber sie wird als durch "Intuition", "Glaube" etc.
vorgegeben gedacht.
Die zweite, von Popper vertretene Lösung weist gleichzeitig über
den reinen subjektiven Idealismus hinaus. Ließ sich die Konstruk-
tion von Theorie aus Sätzen noch als ein rein logischer Vorgang,
also als ein Prozeß innerhalb des Bewußtseins darstellen und
hierin die Welt der Wissenschaft eingrenzen, so mußte Popper zur
Falsifikation von Sätzen der Theorie schon etwas außerhalb ihrer
selbst Liegendes annehmen, an dem sie überprüfbar wurden. Die
rein konventionalistische Lösung des Problems der Objektivität
genügte hier nicht mehr, zumal Popper auch die Methode des Expe-
rimentierens in der Wissenschaft nicht umgehen wollte. Die Blick-
richtung von der Theorie zu ihren Konkretionsmöglichkeiten wies
so notwendig auf die objektive Realität.
Aus diesen erkenntnistheoretischen Erwägungen heraus ist Popper
schließlich zu Positionen übergegangen, die er "realistisch"
nennt. Es ist das Anerkennen einer außerhalb des menschlichen
Subjekts liegenden physischen Realität, an der die "vermuteten
Theorien" überprüft und so der "Wirklichkeit" angenähert werden
können. (Vgl. Popper, Objektive Erkenntnis, dtsch., Hamburg 1973,
S. 53) Aber dieses Anerkennen erweist sich auch beim heutigen
Popper nur als scheinbarer Materialismus, denn er hält wie vordem
an dem vom erkennenden Subjekt unabhängigen Reich der Ideen und
Theorien fest: "Der erkenntnistheoretische Idealist hat in meinen
Augen recht, wenn er darauf besteht, daß alle Erkenntnis und al-
ler Erkenntnisfortschritt aus uns selbst stammen, und daß es ohne
diese selbsterzeugten Ideen keine Erkenntnis gäbe. Er übersieht
aber, daß es ohne eine Auslese dieser Mutationen durch Zusammen-
stoß mit der Umwelt nicht nur keinen Anstoß zu neuen Ideen, son-
dern überhaupt keine Erkenntnis von irgend etwas gäbe." (a.a.O.,
S. 82 Anm. 31)
Die eigentliche theoriegenerierende Funktion bleibt also dem
Reich der Ideen, dem Bewußtsein allein vorbehalten, und damit
bleibt sie ein irrationaler Vorgang. Objektive Erkenntnis ist nur
in der sog. "Welt 3" möglich, die "die Welt der logischen Gehalte
von Büchern, Bibliotheken, Informationsspeichern von Daten und
ähnlichem" ist. (a.a.O., S. 88) Die Ideen werden allerdings an
der "physikalischen Welt", der sog. "Welt 1", überprüft, d.h.
falsifiziert. Das erkennende Subjekt selbst fällt aus dieser er-
kenntnistheoretischen Beziehung der "Objektivität" als ein mit
individuellen Bewußtseins- oder Geisteszuständen bzw. Verhaltens-
und Reaktionsdispositionen behaftetes weitgehend heraus. (Vgl.
a.a.O., S. 126 ff.) Es entsteht eine "Erkenntnistheorie ohne er-
kennendes Subjekt". Andererseits sind sowohl "Welt 1" als auch
"Welt 3" nur auf das Subjekt, also "Welt 2" unmittelbar bezogen.
Seine Erkenntnis bezieht das Subjekt aus der "Welt 3", wobei
"Welt 1" nur zur Korrektur der Ideen, Probleme und Argumente der
"Welt 3" dient. Obwohl "Welt 3" wiederum ein "natürliches Erzeug-
nis des Lebewesens Mensch" (a.a.O., S. 129) ist, gewinnen diese
Erzeugnisse doch eine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit vom
Menschen. Sie sind in ihrer Entstehung vor allem nicht auf "Welt
1" zurückführbar.
Popper kehrt damit zu einer speziellen Form des objektiven Idea-
lismus zurück, dem eine erkenntnistheoretische Trennung von Ob-
jekt, Subjekt und Idee charakteristisch ist und deren Vermittlung
eine undialektische, also metaphysische bleibt. Die "Welt 3" hat,
entgegen seiner eigenen Einschätzung, durchaus nicht viel mit dem
"objektiven Geist" Hegels gemeinsam (Vgl. a.a.O., S. 123), son-
dern sie muß, wie Wilhelm R. Beyer äußerte, eher als eine Art
"objektivierter Geist" gekennzeichnet werden, der platt aus Bü-
chern u.a. besteht.
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