Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974


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       Peter Faulstich / Michael Mende
       

ALTERNATIVEN BERUFLICHER BILDUNG IN DER BRD

Obwohl die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes, die ursprüng- lich für das Frühjahr 1974 vorgesehen war, nun nach der Kabi- nettsumbildung ins Unbestimmte verschoben worden ist, der Bericht der "Sachverständigenkommission Kosten und Finanzierung der be- ruflichen Bildung" 1) den Weg in die Aktenregale genommen hat und die jüngst von der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates veröffentlichte Empfehlung "Zur Neuordnung der Sekundarstufe II" gleich nach ihrem Erscheinen in den entsprechenden Presseorganen bei wenn auch "vielen nützlichen Anregungen" als doch realitäts- fern bewertet wurde 2), bleibt trotzdem die bildungspolitische Auseinandersetzung im Bereich der Berufsbildung auf der Tagesord- nung. Gerade die unverhüllte Obstruktion, die Drohung mit dem Entzug von Ausbildungsplätzen, begleitet von einer Propagandakampagne der Spitzenverbände der Unternehmer in der BRD, zeigt in aller Deutlichkeit auf, welcher Stellenwert der Berufsbildung von die- ser Seite innerhalb der Klassenauseinandersetzung zugemessen wird. Gleichzeitig wird die immer wieder angekündigte und nie durchgeführte Reform zu einem Kernpunkt "fortschrittlicher" Poli- tik hochstilisiert, bis hin zu der konsequenzlosen Aussage, daß es sich bei Bildungsfragen um Klassen- um Machtfragen handelt. 3) Trotz dieser Phraseologie gilt es Klarheit darüber zu bewahren, daß die halbherzigen Reformkonzepte, die gleichzeitig angekündigt werden, den Klassencharakter des bundesrepublikanischen Bildungs- systems nicht antasten, sondern durch politische Rhetorik davon ablenken. Es ist deshalb notwendig, Informationen über die derzeit vorlie- genden, scheinbar vielfältigen Vorstellungen zur Verbesserung des gegenwärtig in der BRD existierenden Systems der nicht-akademi- schen Berufsbildung, insbesondere des sogenannten "dualen Sy- stems" gleichzeitiger schulischer und betrieblicher Ausbildung, zu liefern, darüber hinaus jedoch auch einen allgemeinen Orien- tierungsrahmen zu entwickeln. Diese Einordnung sowohl der krisen- haften Erscheinungen im Bereich der Berufsbildung als auch der diversen Konzepte zu ihrer Beseitigung ist gerade auch für die Arbeit in den Gewerkschaften und den politischen Organisationen der arbeitenden Jugend hinsichtlich der täglichen Auseinanderset- zungen wichtig. Ansatzpunkte ergeben sich dabei sowohl aus ver- schiedenen Einzelproblemen in der Realität der Berufsbildung wie z.B. Verstößen gegen das Berufsbildungsgesetz, das Jugendarbeits- schutzgesetz, mangelnder materieller und personeller Ausstattung der Ausbildungseinrichtungen, als auch gegenüber der Fülle modi- scher Vorschläge teils demagogischen Einschlages zur Beseitigung der "Krise in der Berufsbildung". Dies gilt auch für das weite "linke" Spektrum solcher Vorstellungen, die entweder nur Global- forderungen oder anarchisierende Negativformeln enthalten und günstigstenfalls moralisch begründetes Mitgefühl ausdrücken und hervorrufen. Ebenfalls entwickeln Konzepte, die mehr "populistisch" an den Interessen der arbeitenden Jugend am Ver- kauf ihrer Arbeitskraft anknüpfen, meist keine Vorstellungen dar- über, welche weitergehende Bedeutung "Bildung" für den jugendli- chen Arbeiter haben könnte, welchen Zielsetzungen deren Inhalte zu unterliegen hätten oder gar, wie die Beschränkung auf die ge- sellschaftliche Stellung bloß Arbeitskraft zu sein aufhoben wer- den könnte. An dieser Stelle haben alle bildungspolitischen Konzeptionen sich die Frage zu stellen, welches Bild von der Persönlichkeit des ar- beitenden Menschen sie implizieren, welche Position sie zu der bildungsmäßigen, im weiteren Sinne kulturellen und damit letzten Endes auch politischen Weiterentwicklung beziehen wollen. Hier entscheidet sich auch eigentlich die Klassenposition, die Klas- sen- und Machtfrage "Bildung". Im Folgenden wird diese Frage am zentralen bildungspolitischen Problem einer "Integration allgemeiner und beruflicher Bildung" aufgegriffen. Die Einschätzung der politischen Chancen der "Integration ..." setzt eine zumindest grobe Klärung der Zusam- menhänge von Arbeit und Bildung, von Kultur und Persönlichkeit voraus (Teil 1.1.). Zweitens hat eine politische Strategie auszu- gehen von einer Analyse der aktuellen Situation der Berufsbil- dung, hier vor allem der Lehrlingsausbildung (Teil 1.2.), und drittens von den Tendenzen zu einer Veränderung der Anforderungen im gesellschaftlichen Produktionsprozeß, sowohl von seinen ar- beitsorganisatorisch-technischen Grundlagen als auch von den je- weiligen Verwertungsbedingungen. (Teil 1.3.) Dem können dann die gegenwärtigen Forderungen und Bemühungen um eine "Integration..." gegenübergestellt werden (Teil 2). Als Ergebnis können abschlie- ßend die Programme und politischen Konflikte eingeordnet werden und nach Ansatzpunkten und Verwirklichungsmöglichkeiten gefragt werden. (Teil 3) Dabei geht es vor allem darum, zu zeigen, daß die vorliegenden Integrationskonzepte nicht allein deshalb beschränkt bleiben, weil sie entweder noch keine konsistenten organisatorischen und curricularen Modelle entwickelt haben oder aber ihre Reichweite und Durchsetzungsmöglichkeiten falsch einschätzen. Vielmehr zeigt sich darüberhinaus, daß nach der Auflösung des neuhumanistischen Bildungsideals die bürgerliche Pädagogik und Bildungspolitik nicht mehr in der Lage sind, ein gesellschaftliches Ziel der All- gemeinbildung, an dem sich Inhalte und Form der Lernprozesse ori- entieren könnten, zu entwickeln, und deshalb mit Versuchen rea- gieren, die Funktionalität der Lernprozesse zu erhöhen, ohne daß die hinter dieser Anpassung stehenden Interessen aufgedeckt wer- den. Auch die Bezugnahme auf ein abgelöstes Leitbild, abstrakte "Emanzipation", reicht nicht aus, um die bürgerliche Begrenztheit zu durchbrechen. Demgegenüber gilt es festzuhalten am Begriff der Allgemeinbildung als Zielrichtung und als Forderung einer umfas- senden und einheitlichen Bildung für die arbeitende Bevölkerung. 1.1. Zum Verhältnis von Arbeit und Bildung ------------------------------------------ Mit der Forderung nach "Integration allgemeiner und beruflicher Bildung", als dem zentralen Postulat auf der Palette der Ansatz- punkte zur Verbesserung bzw. grundlegenden Veränderung des Bil- dungssystems, wird nicht nur ein internes curriculares oder orga- nisatorisches Problem aufgeworfen, sondern da Ausbildung auf je- weils verschiedene Berufe hinleitet, schließt sich daran die Frage an, wodurch diese Tätigkeiten, die gleichzeitig Positionen im System gesellschaftlicher Arbeitsteilung kennzeichnen, be- stimmt und unterschieden werden. Denn offensichtlich ist Ausbil- dung nicht Selbstzweck, sondern zielt immer schon auf spätere Tä- tigkeit, sogar noch in der scheinbar abgelösten Form verinner- lichter Bewußtseinsbildung. 4) Insofern sind die Probleme der Be- rufsbildung auch nicht abgelöst zu betrachten, so als ob sie nur die Lehrlinge etwas angingen, sondern sie ergeben sich aus dem Zusammenhang von Vorbereitung und Einsatz im Prozeß der gesell- schaftlichen Produktion. Ebenso sind die vielbeklagten Mängel der Berufsbildung keineswegs beliebig aufhebbare Einzelerscheinungen sondern Ausdruck und Ausfluß der besonderen Form der Arbeitstei- lung in der kapitalistischen Gesellschaftsformation. "Generell ist aber für das Problem der Bildung wesentlich, daß es sich um ein doppeltes Verhältnis handelt. Es geht einmal um den Stoffwechselprozeß des Menschen mit der Natur, um die Bearbeitung der Natur durch den Menschen und andererseits um das Verhältnis der Menschen zueinander in diesem Prozeß." 5) Das Bildungswesen, die einzelnen Bildungsprozesse in ihm, sind also unmittelbar Ausdruck der jeweiligen Gesellschaftsformation, in der sie eingebettet sind, insbesondere spiegeln sie den Cha- rakter der Arbeit, die Art und Weise gesellschaftlicher Arbeits- teilung wider. Auf der Grundlage vor allem der gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse ergeben sich die Zugangsmöglichkeiten zur Bildung, d.h. durch Bildungsprozesse wird nicht nur auf arbeits- teilige Aufgaben vorbereitet, sondern damit zugleich ein Platz in der Gesellschaft zugeteilt. Als ungelernter, angelernter oder ge- lernter Arbeiter, einfacher, mittlerer oder gehobener Angestell- ter usf. ergeben sich für den Ausgebildeten unterschiedliche Re- produktionsmöglichkeiten, die sich in entsprechend unterschiedli- chem Einkommen, individuellen Einflußmöglichkeiten, Vorrechten usw. ausdrücken. Für das einzelne Individuum bedeutet dies gleichzeitig die Zu- teilung verschiedener Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten seiner Persönlichkeit. In der Persönlichkeit als Ergebnis von Bildungsprozessen verwirklicht sich die Kultur, deren Charakter in einer bestimmten Gesellschaftsformation, hier derjenigen der BRD, im wesentlichen bestimmt wird "durch die Art und Weise der Teilnahme der verschiedenen Klassen und Schichten an der (materiellen) Produktion, Verteilung und Aneignung geistiger Werte, ... (in Abhängigkeit) von der ökonomischen Basis und sozialen Gliederung der Gesellschaft". 6) Demnach ist Kultur nicht einfach das 'Unnütze', nur Schöne, oder das 'Schöpferische an sich', auch nicht einfach die Summe aller materiellen und geistigen Werte, die der Höherentwicklung des Menschen dienen, sondern das System von folgenden Hauptelementen: "dem Entwicklungsgrad menschlichen Schöpfertums 7; d.V.), wie er durch die praktischen und intellektuellen Fähigkeiten, das sitt- liche Verhalten und die ästhetischen Vermögen Gestalt gewinnt; 2. dem Prozeß der Vervollkommnung des Menschen selbst durch seine Umweltgestaltung zum Zwecke der Höherentwicklung seiner Lebens- weise; 3. der bewußten Aufnahme dieser Beziehung ihrer weltan- schaulichen, ethischen und ästhetischen Deutung sowie der dadurch bewirkten Formung des geistigen Lebens sozialer Menschengruppen, verbunden mit dem sich aus dem Gesamtsystem der Gesellschaft er- gebenden Bildungstyp und dem sich aus der Stellung des arbeiten- den Menschen in dieser Gesellschaftsordnung ergebenden Menschen- bild; 4. der erreichten Stufe der Übereinstimmung menschlichen Handelns mit den Gesetzen der objektiven Realität, das Zuberei- ten, Ordnen und Formieren nach menschlichen Sinnvorstellungen" bzw. Normen im gesellschaftlichen Bewußtsein. 8) Die Organisation des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses stellt somit die Grundlage - praktisch und theoretisch - für den Prozeß der Bildung dar, d.h. sowohl die Struktur des Bildungssystems als auch die ihr entsprechende Theorie der Auswahl und Vermittlung der Inhalte beziehen sich auf die Stellung, die die Angehörigen einer historisch gegebenen Gesellschaft im Prozeß ihrer Reproduk- tion einnehmen. Diese Stellung ist in zweifacher Hinsicht be- stimmt: als quasi technisches, arbeitsfunktionelles Verhältnis im Stoffwechselprozeß mit der Natur und als soziales Verhältnis in diesem Prozeß. Hierin eingeschlossen ist die Stellung der Klassen und Schichten einer Gesellschaft zum Wissen, den gesellschaftlichen Erfahrungen in der Beherrschung der Natur und der Gesellschaft selbst, also zur Wissenschaft als der Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft sowie ihrer Umsetzung im Prozeß der gesell- schaftlichen Reproduktion. Von der Auseinandersetzung um den Zu- gang zum gesellschaftlichen Wissen, dem Grad seiner Aneignung in Bildungsprozessen, hängt es ab, wie sich die Angehörigen bestimm- ter Klassen und Schichten als individuelle Persönlichkeiten ent- falten können. In gleicher Weise gilt dies auch für den Charakter der Arbeit als dem wesentlichen Inhalt der gesellschaftlichen Tä- tigkeit des Menschen. Die jeweilige Stellung des einzelnen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung drückt sich in seinem "Beruf" aus. Der Beruf umfaßt einerseits die Bündelung von Erfahrungen und Können, von Wissen und Fertigkeiten, die arbeitsfunktional notwendig sind, andererseits die Werthaltungen und traditionell verfestigten Erwartungen, die für die Positionierung in der be- trieblichen und gesellschaftlichen Hierarchie anpassen. Der Beruf stellt eine Einheit dar von Qualifikationen, als dem Entspre- chungsverhältnis von individuellen Voraussetzungen der Arbeiten- den und technisch-organisatorischen Anforderungen der Arbeitsmit- tel und -gegenstände, und von Integrationselementen, d.h. der Einordnung in die spezifische Form der Arbeits- und Herrschafts- verhältnisse. Ihre Vielfalt, der Umfang eines Berufs, sein Anteil am gesellschaftlichen Wissen und an der Verfügungsgewalt kenn- zeichnen den Grad der Spezialisierung und Hierarchisierung einer Tätigkeit, in der sich der Beruf verwirklicht. Die Voraussetzun- gen dafür werden in den Prozessen der Bildung gelegt. "Die Bildung ist Ausdruck der notwendigen Akkumulation des Wis- sens und Geschicks der Gesellschaft, ... Solange des einzelnen Menschen Wissen, Können usw. weitgehend identisch war mit dem ge- sellschaftlichen Wissen, Können usw. konnte es kein Problem der Bildung geben. Es gab keinen Grund der Gegenüberstellung und des Ausschließens von individuellem und gesellschaftlichem Wissen, Können usw. In dem Maße, wie eine undifferenzierte Aufnahme und Entwicklung von Wissen, Können usw. nicht mehr möglich war, sich die körperliche und geistige Arbeitsteilung entwickelte, es zu immer feineren Differenzierungen der Tätigkeit des Menschen kam, entstand der Widerspruch zwischen dem, was der einzelne Mensch in Erfahrung brachte (bringen konnte, d.V.), wußte und wissen mußte, um seine Tätigkeit auszuüben, und dem, was die Gesellschaft als Summe der vielen Einzelerfahrungen hervorbrachte und ihr damit (als Wissenschaft - d.V.) zur Verfügung stand. ... Dieser Wider- spruch ist objektiv real, er ist fördernd und notwendig von dem Zeitpunkt an, da die Arbeitsteilung ein Maß erreicht hatte, wel- ches es dem Einzelnen nicht mehr möglich machte, alles zu über- schauen. Dieser Widerspruch tritt natürlich immer konkret-histo- risch hervor und die historisch nachweisbaren Lösungsversuche zum Bildungsproblem tragen dementsprechend immer Klassencharakter." 9) Die jeweiligen Inhalte und Formen und auch die Verteilung von Bildung widerspiegeln die Interessen, aber auch die Illusionen und Utopien verschiedener Klassen. So wurde das Problem der All- gemeinbildung auf die Tagesordnung gesetzt, als im Gegensatz zum feudalständischen Prinzip 10) beschränkter gesellschaftlicher Tä- tigkeiten und Stellungen die frühbürgerliche Gleichheitsforderung gestellt wurde, die jedes Mitglied der Gesellschaft einbeziehen sollte in die allseitige Ausformung eines Allgemein-Menschlichen. Ihre klarste Ausprägung erhielt dieses gegen die feudal-klerika- len Bildungsmonopole gerichtete frühbürgerlich-demokratische Pa- thos in den Schriften Ratkes und Komenskys. "Allgemeinbildung wurde vor allem gefaßt als Ausrüstung aller Menschen mit dem, was ihr Menschentum voll zu entwickeln in der Lage war, ohne Rück- sicht auf soziale Herkunft, Vermögen und Geschlecht." 11) Von den beiden Aspekten, die der Inhalt des Begriffs "Allgemeinbildung" in sich aufnimmt, nämlich erstens "Bildung für alle" und zweitens "Bildung für alle Lebensaufgaben" zu sein, ha- ben bürgerliche Bildungsideologie und kapitalistisches Bildungs- system sehr schnell die zweite Bedeutung aufgegriffen und in der Folge den verschiedenen Schichten der Gesellschaft verschiedene Lebensstellungen und also auch Bildungsaufgaben zugeordnet. Indem die Bildungsgänge auf unterschiedliche soziale Positionen vorbe- reiten, spaltet sich Bildung einerseits auf in eine niedrige Bil- dung für die große Masse des Volkes, wird dabei auf notwendigste Arbeitsvorbereitung beschränkt und andererseits in eine "zweckfreie" geistige Bildung, welche die Zugangsmöglichkeiten zur herrschenden Klasse begrenzt. Der Klassencharakter des kapi- talistischen Bildungssystems zeigt sich in dieser Trennung von Eliten- und Massenbildung. Die Differenzierung des Bildungssy- stems folgt dabei den sozialen Hierarchien der Berufs- und Le- bensstellungen. Die hauptsächlichen Unterschiede der vorhandenen Bildungsgänge bestehen in der Aufspaltung hinsichtlich weiterfüh- render Studierfähigkeit bzw. unmittelbarer Berufsvorbereitung. Dabei gilt für die derzeit in der BRD herrschenden Verhältnisse, daß zwar formal seit den 50er Jahren eine gewisse Enthierarchi- sierung des Bildungssystems, ein höheres Maß an Durchlässigkeit erreicht worden ist, etwa im Rahmen des "Zweiten Bildungsweges" und mit den Gesamtschulversuchen. Materiell stehen dem jedoch weiterhin eine Reihe von Schranken entgegen, insbesondere im Zu- sammenhang der Facharbeiterausbildung oder noch darüber hinaus bei Beendigung jeder Bildung nach Verlassen der Hauptschule. Nach wie vor geht es auch noch bei der Differenzierung der Gesamt- schule um die Trennung einer hinreichend qualifizierten und mobi- len Produzentenmasse von künftigen Führungsschichten, die auf sy- stemerhaltende und staatstragende Positionen vorbereitet werden sollen. Die "Bildungssackgassen" bleiben weiterhin erhal- ten.Jedoch sind auch im weiteren Sinne Beschränkungen in Qualität - Wissenschaftlichkeit - und Quantität - Dauer des Schulbesuchs - fortgesetzt vorhanden. Sie finden ihre Entsprechung in curricu- lumtheoretischen Überlegungen, bei der Festlegung der Inhalte der Bildung, ihrer Zielsetzungen, von der Analyse "relevanter Lebens- situationen" auszugehen, um daraus "erfahrungswissenschaftlich legitimierbare Qualifikationen" zu gewinnen. 12) Wenn auch zunächst vorgegeben wird, Relevanzkriterium gegenüber den Lebens- situationen sei die Hinführung des Schülers zu mehr "Mündigkeit", zu mehr Selbstständigkeit im urteilenden Denken, zu mehr Verhal- tenssicherheit in eben diesen Lebenssituationen bei gleichzeiti- ger Entwicklung des Tranfers solche Dispositionen schließlich gar zur "Empanzipation", so wird doch gleichzeitig die Einheit der Bildung, ihr eigentlich gesellschaftlicher Zusammenhang aufgege- ben. Dies geschieht aus einer pluralistisch-ideologiekritischen Position heraus, die davon ausgeht, daß es einen gesellschaftlich verbindlichen Begriff, einen einheitlichen Inhalt der Allgemein- bildung nicht nur nicht gäbe, sondern auch um der Ideologiekritik oder Normenzurückweisung willen nicht geben dürfe. 13) Tatsäch- lich gibt es in der Schule der BRD heute keinen einheitlichen In- halt der Allgemeinbildung. So zeigt die Differenzierung nach "Interessen und Neigungen" wozu etwa auch die "praktische Nei- gung" gehört, die bisher einen Übergang in die gymnasiale Ober- stufe, in der neuen Sprachregelung als studienbezogene Sekundar- stufe II bezeichnet, verhindert, ebenso wie die Profilierung der Abschlüsse bei vorgezogenen professionalisierenden Momenten und die Betonung des Qualifikationsbegriffes in der Diskussion um die Umgestaltung des allgemeinbildenden Schulwesens und seiner Lehr- pläne, 14) daß eher an eine Effektivierung in der Bereitstellung von Arbeitskraft als eine an die Entwicklung der Anlagen und Mög- lichkeiten zur "allseitig gebildeten Persönlichkeit" gedacht wird. Hiermit läge von Anfang an eine verkürzte, kapitalistische Vari- ante der "Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung" vor. Allerdings verweist der Entstehungszusammenhang einer institutio- nalisierten, formalisierten Bildung auch auf eine andere Möglich- keit der "Integration..." Dabei folgt auf eine einheitlich für alle Gesellschaftsmitglieder verlaufende Phase der Aneignung der notwendigen Grundlage im gesellschaftlichen Wissen und Können, z.B. in Form der zehnjährigen demokratischen Einheitsschule, in der Phase der beruflichen Bildung, ein erst allmählicher Übergang von allgemeinbildenden Inhalten zur Aneignung der für bestimmte Tätigkeiten notwendigen Ausschnitte im gesellschaftlichen Wissen und Können. Ansätze für eine solche Lösung des Übergangs bzw. der Verbindung von Allgemeinbildung und Berufsbildung als "Spezialbildung" könnte man in den Grundlagenfächern der Berufs- bildung in der DDR erblicken. Zudem weisen die Grundberufe mit einer Reihe von Integrationsmomenten in Form gemeinsamer fach- theoretischer Lehrplanelemente und des Fortbestehens der Vermitt- lung naturwissenschaftlichen und mathematischen Wissens z.B., das nicht auf spezielle Tätigkeiten allein bezogen ist, in diese Richtung. Hierbei ist schließlich auch ein Übergang in der Phase der beruflichen Erstausbildung selbst von mehr "allgemeinen", für ein Spektrum verwandter Berufe gültigen Ausbildungselementen zu spezifisch auf einen beruflichen Tätigkeitskomplex allein gerich- teten, als berufliche Spezialausbildung faßbaren Aneignungsprozeß zu bemerken. 15) Demgegenüber weisen Ansätze in der BRD, wie z.B. Berufsgrundbil- dungsjahr und Stufenausbildung 16) erhebliche Beschränkungen auf. Eine "allgemeine", im Sinne einheitlicher umfassender Bildung für alle, auf der aufzubauen wäre, besteht nicht. Vielmehr bleibt im noch bestehenden dreigliedrigen Schulwesen die Auslese und Zube- reitung für beschränkte Tätigkeiten die Perspektive für die Mehr- zahl der Jugendlichen. 1.2 Zur Situation in der Lehrlingsausbildung -------------------------------------------- Durch die Auswahl der vermittelten Inhalte und durch die Auslese der zu den verschiedenen Bildungsgängen zugelassenen Teilnehmer ist das kapitalistische Bildungssystem funktional auf die Quali- fikations- und Integrationsforderungen der kapitalistischen Pro- duktionsweise bezogen. Seine Interessenspezifität, d.h. sein Klassencharakter, wird also nicht mehr erst durch externe Ein- flußnahme ökonomischer Machtgruppen hergestellt, sondern bereits durch seinen internen Aufbau. 17) Kennzeichnend für die Grund- struktur der Bildungseinrichtungen der BRD ist trotz der Gesamt- schulansätze nach wie vor das dreigliedrige Schulsystem und die Trennung von Allgemein- und Berufsbildung. Das Auseinanderfallen von "Allgemeinbildung" und "Berufsbildung" ist als Ergebnis der Arbeitsteilung der kapitalistischen Gesellschaft entstanden und sichert diese dann selbst wieder. Diese Desintegration ist eines der Hauptkennzeichen für die Gliederung des Bildungssystems in der BRD. Während damit auf der einen Seite eine Anpassung der individuel- len Fähigkeiten, Kenntnisse und Einstellungen an die Produktions- und Herrschaftsinteressen und eine entsprechende Zuweisung auf Berufs- und Lebensstellungen geleistet wird, werden auf der ande- ren Seite die Risiken und sozialen Kosten des technisch-wissen- schaftlichen Fortschritts auf die abhängig Beschäftigten abge- wälzt. Die Unterordnung unter die Bedingungen profitabler Ar- beitsprozesse und die Schwankungen des kapitalistischen Arbeits- marktes erzeugen für den einzelnen Lohnabhängigen eine Einschrän- kung der Berufswahl, eine durch Entqualifizierung oder steigende Belastung gefährdete Berufstätigkeit und oft einen Zwang zum Be- rufswechsel. 18) Berufsausbildung bedeutet Ausbildung auf niedrigem Anspruchsni- veau und mit begrenzter Berufsperspektive. "Der Begriff Be- rufsausbildung wird in Zusammenhang mit nicht weiterführenden Bildungsgängen gebraucht, das heißt vor allem zur Kennzeichnung der Vorbereitung auf untergeordnete Positionen." 19) Aufstiegs- hoffnungen erweisen sich für die meisten Jugendlichen als Illu- sion. Diejenigen Ausgebildeten, die überhaupt in ihrem erlernten Beruf weiter tätig sind, arbeiten überwiegend als gelernte Arbei- ter (Facharbeiter, Handwerksgesellen u.a.) und Angestellte der unteren Tarifgruppen. 20) Der Hauptanteil aller Jugendlichen durchläuft eine Lehrlingsaus- bildung im sogenannten "Dualen System". Die Ausbildung der Ju- gendlichen in der Sekundarstufe II, d.h. nach dem zehnten Schul- jahr, verteilte sich auf vollzeitliche studienbezogene Bildung (15,1%), Berufsausbildung in Vollzeitschulen (12,7%), Berufsaus- bildung durch Betrieb und Teilzeitberufsschule (63,1%) und auf ungelernte Arbeitskräfte, die bis zum Ende der Schulpflicht die Teilzeitberufsschule besuchen müssen (9,1%). 21) Die Vorbereitung und Einübung für die Anforderungen der kapitali- stischen Produktionsprozesse, für die Anpassung des Konsumenten- verhaltens und für die Sicherung der bürgerlichen Herrschafts- struktur vollzieht sich also für fast zwei Drittel aller Jugend- lichen in einer unmittelbar an die Schulentlassung - meist aus der Hauptschule - anschließende Lehre, d.h., einer Ausbildung im Betrieb mit einem begleitenden Unterricht in der Berufsschule. Im "Dualen System" nimmt die Trennung von Arbeit und Ausbildung eine Übergangsform ein. Sie ist Ausdruck des langfristigen Ver- drängungsvorgangs handwerklicher durch industrielle Produktions- prozesse und der entsprechenden Anforderungen an die Arbeits- kräfte. Die Produzenten, Meister, Geselle und Lehrling, verrich- ten jeweils eine bestimmte Arbeit, als deren Ergebnis bestimmte Gebrauchswerte entstehen. Die Fähigkeiten der Handwerker sind an diese speziellen Arbeitsprozesse gebunden, ihre Tätigkeit geht darin auf. Der Meister hat für sein besonderes Handwerk Kunstfer- tigkeit, eben Meisterschaft, entwickelt und wird zugleich Lehrer für den Nachwuchs, "er weiht erst seine Lehrlinge in das Geheim- nis des Handwerks ein." 22) Die Form der Ausbildung entspricht dem handwerklich-zünftigen - noch nicht technisch-wissenschaftli- chen - Charakter der Arbeitsprozesse selbst. Ihre Aufgabe ist die Einübung in die besondere Arbeit, noch nicht die Vermittlung all- gemein gefaßter Kenntnisse. Der entfaltete Kapitalismus durchbricht diese Bindung an die Be- sonderheiten der einzelnen Produktionsprozesse. Die Verwertung des Kapitals ist zunächst gleichgültig gegenüber den stofflichen Bedingungen der verschiedenen Anlagemöglichkeiten, ausschlagge- bend ist der Profit auf das eingesetzte Kapital. Das gilt ebenso für den Einsatz der Arbeitskräfte, "so unterstellt jene gleiche Flüssigkeit des Kapitals seine Gleichgültigkeit gegen den beson- deren Charakter des Arbeitsprozesses, den es sich aneignet, die- selbe Flüssigkeit und Variabilität in der Arbeit". 23) Andererseits ist wertschaffende Arbeit aber nur möglich als be- stimmte besondere Arbeit. Die Gleichgültigkeit 24) des Kapitals gegenüber seinen Anlagesphären und konkreten Produktionsbedingun- gen kann deshalb nur eine relative Indifferenz sein. Die kapita- listische Form der Teilung der Arbeit gemäß dem Prinzip profita- bel-effizienter Produktion zerlegt komplexe Arbeitsprozesse in einzelne Teilvollzüge und zergliedert damit die Arbeitsfunktionen des einzelnen Arbeiters in einseitige Teilaufgaben. Die Verwer- tung des Kapitals erzeugt also einen dauernden Wechsel der Arbeit und erfordert eine allseitige Beweglichkeit des Arbeiters, gleichzeitig erneuert sie die Teilung der Arbeit und die Anbin- dung des einzelnen an den jeweiligen Betrieb. Dieser Widerspruch setzt sich um in die jeweils konkrete Organi- sation des Bildungssystems und die unterschiedlichen Anteile der Ausbildung unter staatlicher bzw. betrieblicher Kontrolle. Das "Duale System" ist, wie gezeigt, ein Zwischenergebnis des Trennungsprozesses von Produktion und Ausbildung. 24a) Teile der Ausbildung werden als spezielle Einpassung im einzelnen Betrieb, Teile als davon abstrahierte Unterrichtung in der Schule durchge- führt. Die Ausbildung des Arbeitsvermögens geht mehr und mehr von einer privaten Angelegenheit der einzelnen Unternehmen über in eine "öffentliche Aufgabe" des Staates. Seine Veränderungsmög- lichkeiten sind vorrangig abhängig von den Verschiebungen der ge- sellschaftlichen und betrieblichen Arbeitsteilung. Allerdings gilt es dabei zweierlei Mißverständnisse zu vermeiden: weder ist ein Automatismus zwischen solchen Veränderungsmöglichkeiten und technischer Entwicklung einerseits, noch abstrakt ökonomischen Verwertungsbedingungen andererseits gegeben. Vielmehr entfalten hier entsprechende , z.B. gewerkschaftliche Forderungen in der Klassenauseinandersetzung ihre Wirksamkeit. Die Struktur des "Dualen Systems" und die immer noch vorhandene Verankerung der Lehrlingsausbildung im Handwerk sind also partielles Relikt der traditionellen Meisterlehre, gleichzeitig funktionales Instrument für die Unterordnung der Ausbildung unter die Interessen der Un- ternehmer. Die betrieblichen Ausbildungsteile sollen durch ar- beitsfunktionale Begrenzung auf verwertbare Kenntnisse und Fer- tigkeiten und ideologische Anpassung die Verwertbarkeit und Ange- paßtheit der Arbeitskräfte erhöhen. Durch die Form der Berufsaus- bildung im "Dualen System" erhält die Privatwirtschaft unmittel- baren Einfluß auf den Reproduktionsprozeß der Arbeitskräfte. Das "Duale System" verleiht den Unternehmern und ihren Verbänden die direkte Kontrolle über die berufliche Qualifikation und die poli- tische Indoktrination des Nachwuchses der arbeitenden Bevölke- rung. Die Betriebsgebundenheit der Ausbildung stellt erstens sicher, daß die Auszubildenden dem besonderen Bedarf der einzelnen Be- triebe angepaßt werden. Gleichzeitig dient der "Betrieb als Er- ziehungsfaktor" dazu, den Lehrling in die betriebliche Herr- schaftsorganisation einzuüben. Durch die Ausbildung in der "Ernstsituation" wird das gewünschte, durch Pünktlichkeit, Or- dentlichkeit, Sauberkeit, Ausdauer, Belastbarkeit, Anpassung, Ge- horsam gekennzeichnete und also den Unternehmern wohlgefällige Arbeitsverhalten eingeübt. Die Einordnung und Unterordnung in die betriebliche Funktionshierarchie beschränkt auch das Einsichts- vermögen in soziale Zusammenhänge, verhindert politische Bewußt- seinsentwicklung und begrenzt die entsprechenden Verhaltensmög- lichkeiten. Die Verhaltensanforderungen an den "kollegialen Mit- arbeiter" werden denen an "demokratische Staatsbürger" gleichge- setzt und durch die gleichen Loyalitätsbedingungen und durch Au- toritätsgläubigkeit geprägt. 25) In letzter Zeit treten auch Konzeptionen scheinbar gegenteiliger Intention auf, die mehr auf eine "kritische", dadurch aktivere Loyalität zum Betriebsziel orientieren. Zum Teil sind sie einge- bunden in Vorhaben zur "Humanisierung der Arbeit" als Konzeptio- nen betrieblicher "Mitbestimmung" am Arbeitsplatz. Kennzeichnend ist dabei die stärkere Berücksichtigung von Konflikten "zwischen- menschlicher" Art und ihre Lösung. 26) ihre Lösung. 26) Die Vorteile der Betriebsgebundenheit und Privatheit der Ausbil- dung für die Unternehmer sind gleichzeitig Nachteile für die Lehrlinge. Quantität und Qualität der Ausbildungsplätze werden bestimmt durch die Gewinninteressen der Betriebe, nicht durch die Entfaltungsmöglichkeiten der Jugendlichen. Mit der Anbindung an die konjunkturelle, regionale und branchen- spezifische Wirtschaftslage variiert nicht nur die Quantität der Ausbildungsfrequenzen, sondern auch die Qualität differiert be- sonders zwischen industriell-großbetrieblichen und handwerklich- kleinbetrieblichen Lehrstellen. Die Unterschiede der Ausgaben für die Ausbildung führen gleichzeitig zu einer starken Streuung der Güte zwischen einzelnen Berufen und Betrieben. Schon bei der Ein- haltung der Vorschriften des Berufsbildungsgesetzes bestehen er- hebliche Mängel. "Im einzelnen ergab sich aus den Erhebungen, daß die gesetzlichen Vorschriften von den Trägern der Berufsausbil- dung in sehr unterschiedlichem Maße eingehalten werden." 27) Auf die Misere der Berufsausbildung ist von den Lehrlingen selbst in ihrem Kampf um eine Verbesserung ihrer Situation immer wieder hingewiesen worden. Diese Lehrlinge rekrutieren sich hauptsäch- lich aus den Kindern der Arbeiterklasse, die Berufsausbildungsmi- sere trifft also die verschiedenen sozialen Schichten unter- schiedlich. - Viele Lehrlinge verfügen über keinen Ausbildungsplan oder ken- nen ihn nicht. - Die theoretischen und praktischen Ausbildungsteile sind kaum aufeinander abgestimmt. - Die Ausbildung findet an veralteten Geräten und mit schlechter Ausstattung statt. - Viele Lehrlinge vor allem in den handwerklichen Berufen werden mit ausbildungsfremden Neben- und Hilfsarbeiten beschäftigt. - Das Ausbildungspersonal ist fachlich, besonders aber pädago- gisch und psychologisch ungenügend ausgebildet. - In den meisten Betrieben haben die Lehrlinge keine eigene In- teressenvertretung Schon die durch das Angebot an Lehrstellen vorhandenen Berufsmög- lichkeiten sind den einzelbetrieblichen Kalkülen der Unternehmer unterworfen. Zahl, Art und Ausstattung des Lehrstellenangebots richten sich nach der konjunkturellen Lage, der regionalen Streu- ung und der Branchengliederung der Betriebe. Auf wirschaftliche Schwierigkeiten, aber auch auf politische Auseinandersetzungen können die Unternehmen durch eine Verschlechterung der Ausbil- dungsbedingungen oder sogar durch eine Verhinderung von Ausbil- dungsmöglichkeiten reagieren. 28) Zumindest große Teile der Indu- strie variieren die Lehrlingseinstellung prozyklisch, d.h. es be- stehen für einen großen Teil der Jugendlichen mit der Konjunktur variierende Chancen, Lehrstellen zu finden. Zusätzlich werden die Möglichkeiten für eine freie Berufswahl durch die regionale Bran- chenstruktur eingeschränkt. Nicht nur durch die branchenspezifi- sche Festlegung, sondern darüberhinaus durch die Schwierigkeiten strukturschwachen Regionen überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen, werden mögliche Berufswünsche durch Fehlen entsprechen- der Lehrstellen unterdrückt. 30) Auch die Berufsvorbereitung z.B. durch Arbeitslehre oder die Be- rufsberatung ist meist an der jeweiligen Arbeitsmarktlage orien- tiert. Berufsberatung beschränkt sich meist auf Lehrstellen- oder Arbeitsvermittlung. 31) Die Tendenzen der Berufsausbildung setzen sich aufgrund der Ungleichzeitigkeit der technisch-ökonomischen Entwicklung nicht in allen Wirtschaftsbereichen gleichzeitig durch. Zwischen den einzelnen Betrieben bestehen erhebliche Un- terschiede sowohl in der Form als auch in den Gründen für die Durchführung der Berufsausbildung. 32) Die Beschleunigung der Zentralisation und Konzentration des Eigentums an Produktionsmit- teln führt, da für die spezifischen Interessen einzelner Kapitale vorbereitet wird, auch in der Berufsausbildung zu unterschiedli- chen, zum Teil gegensätzlichen Interessen der Monopole einerseits und der einfachen Warenproduzenten, der Handwerker, der Klein- händler sowie kleiner und mittlerer kapitalistischer Unternehmen andererseits. Die Umsetzung der wissenschaftlich-technischen Ent- wicklung findet zuerst bei den großen Konzernen statt. Die Aus- bildung ist ausgerichtet an den Anforderungen hochtechnisierter und durchorganisierter Arbeitsabläufe. Für einen kleinen Teil der Lehrlinge müssen deshalb ausreichende Qualifizierungsmöglichkei- ten bereitgestellt werden, die für eine spätere anspruchsvolle Arbeitstätigkeit vorbereiten. 33) Insgesamt werden aber nur we- nige Lehrlinge in Großbetrieben ausgebildet. Der restliche Ar- beitskräftebedarf wird aus Ungelernten, "freigesetzten" Hand- werksgesellen und proletarischen Bauern, Handwerkern und kleinen Warenproduzenten und Händlern rekrutiert. Die Kleinbetriebe in Handwerk und Einzelhandel, die unter starkem Konkurrenzdruck und vor sinkenden Überlebenschancen stehen, betreiben "Lehrlings- haltung" vor allem, um ihre durchschnittlichen Lohnkosten zu senken. In der Ausbildung im Handwerk steht die Vermittlung allgemein gefaßter Kenntnisse gegenüber dem Einüben von Fer- tigkeiten im Arbeitsprozeß im Hintergrund. Die Lehrlinge werden bereits während der Ausbildung gewinnbringend eingesetzt und nach Abschluß der Lehre zum großen Teil wieder entlassen. 34) Die verschiedenen Ausbildungserfordernisse in einzelnen Produkti- onsbereichen ergänzen sich dabei teilweise. Die Großunternehmer bilden weniger Lehrlinge aus, als ihrem Arbeitskräftebedarf ent- spricht, und decken ihren steigenden Bedarf an ungelernten Ar- beitskräften durch Umsetzung von Ausgebildeten aus dem Handwerk und dem Einzelhandel, die dort nicht weiterbeschäftigt werden. Der Großteil der Lehrlingsausbildung bleibt gerade den Betrieben überlassen, die dazu am wenigsten geeignet sind. Für die Arbei- terjugend heißt das, während der Lehre den Überlebenskampf von Betrieben mit vorindustrieller Produktionsweise verlängern helfen, um danach als dequalifizierte Arbeitskräfte in der Großproduktion verschlissen zu werden. Die Gründe für diese Situation in der Lehrlingsausbildung sind eben nicht zufällige Schwankungen oder einzelne Mißstände, sondern diese entstehen aus der Unterordnung der Ausbildung der Lehrlingen unter die privaten Betriebszwecke. Da prinzipiell immer die Gefahr besteht, daß ausgebildete Arbeitskräfte den Betrieb verlassen, ergibt sich für ein ausbildendes Unternehmen die Gefahr von Verlusten. Um die Gefahr der Abwanderung zu unterbinden, versuchen die Unternehmen durch enge betriebliche Qualifizierung, durch Bindefristen, Treueprämien, Nachfragekar- telle und Pensionsregelungen, die Arbeitskräfte an den Betrieb zu fesseln. 35) Zusätzlich ist an dieser Stelle noch hervorzuheben, daß die Be- rufsschule in ihrer gegenwärtigen politischen und didaktischen bzw. curricularen Stellung nicht in der Lage ist, hierfür eine Kompensation zu schaffen. Vielmehr erweist sich gerade ihre Un- terordnung unter die betriebliche Ausbildungstätigkeit, d.h. die Dualität der Berufsbildung ist eine bloß Formale. Verschärft wird diese Situation für die Auszubildenden durch das geringe theore- tische Niveau der meisten Berufsschulen, das sich in Anknüpfung an die "volkstümliche", "konkret-praktisch-situationsgebundene" Bildung der Volksschule nicht über ein "Denken im Horizont des Gebrauchens" erhebt, sich lediglich als ein Kommentar einer dann auch überwiegend nur fiktiven Abfolge von Elementen manueller Ausbildung im Betrieb versteht. Die vielfach vorgebrachte Forde- rung nach verbesserter Koordinierung zwischen Betrieb und Schule wird dann nur als Verbesserung der Bezugnahme von kommentierender Fach"kunde" auf die betrieblichen Ausbildungsabläufe einge- schränkt. 1.3 Arbeitsanforderungen und Berufsbildung ------------------------------------------ Die Mängel in der beruflichen Bildung und die Widersprüche bei ihrer Weiterentwicklung finden ihre Ursachen überwiegend in der Privatheit der wesentlichen Teile des beruflichen Bildungswesens, in der Unterordnung unter die sich spontan durchsetzenden Inter- essen verschiedener einzelner Kapitalverhältnisse. Ihre Auswir- kungen auch auf das staatliche Bildungswesen führten zum "orga- nisierten Chaos" in diesem Bereich. Dabei widerspricht die fehlende Einheitlichkeit zunehmend den Verwertungsinteressen, Der wachsenden Konzentration und Zentralisation wird langfristig eine Überwindung der bisherigen Zersplitterung entsprechen müssen. So müssen z.B. mit dem Verschwinden einer Vielzahl kleiner Betriebe neue industrielle oder aber schulische Ausbildungskapazitäten ge- schaffen werden. Die Zahl der Ausbildungsbetriebe sinkt und gleichzeitig werden vermehrt überbetriebliche Lehrwerkstätten eingerichtet. 37) An dieser Stelle wird dann die ökonomische Tä- tigkeit des Staates relevant mit der Bereitstellung von Mitteln für betriebliche und überbetriebliche Lehrwerkstätten. Die ten- denzielle Abtrennung der Ausbildung von der profitablen Produk- tion, der Übergang von der Privatheit der Lehrlingshaltung zur zunehmenden Vergesellschaftung der Bildungsprozesse, führt dazu, immer mehr Ausbildungsaufgaben dem Staat zu übertragen. Auch in den Berufstätigkeiten selbst haben sich Veränderungen er- geben, die eine andere didaktische und organisatorische Struktu- rierung der beruflichen Bildungsprozesse, ein größeres Maß an Theoretisierung als bisher erfordern und damit eine Loslösung des Kerns der beruflichen Bildung vom unmittelbaren Produktionspro- zeß, ein größeres Maß an Formalisierung implizieren. 38) Grundlage dafür ist die zunehmende Vergesellschaftung der Arbeitsprozesse, die Komplizierung ihrer Beziehungen und die damit erzeugte Tendenz zu einer Integration der Berufe bei gleichzeitiger Spezialisierung. Mit dem Übergang zu industriell organisierten Arbeitsprozessen auf höheren Mechanisierungsstufen bilden sich Strukturmomente heraus, die auch unter den Bedingungen der kapitalistischen Pro- duktionsweise einzelne berufliche Tätigkeiten in ihrem Charakter einander annähern. An der Skizzierung der Veränderungen in der Tätigkeitsstruktur bzw. den Leistungsanforderungen im Übergang von handwerklichen zu industriellen und von mechanischen zu auto- matisierten Produktionsprozessen - für die z.B. die kontinuierli- chen Fließprozesse der chemischen Industrie als Beispiel genannt werden können - soll dies verdeutlicht werden. Als wesentliche Veränderungen im technologischen Charakter der Arbeit sieht Win- fried Hacker an, daß "im Unterschied zur handwerklichen Arbeit. ... Bestandteile der Produktentstehung vom unmittelbaren Tä- tigsein des Menschen gelöst (sind) und von Maschinen bzw. Maschi- nensystemen in unterschiedlich vollständigem Maße erledigt (werden). Die industrielle Arbeitstätigkeit ist also nicht das selbstständige Ganze des Fertigungsvorganges, sondern sie wird als abhängiger Bestandteil durch den umfassenderen Produktions- prozeß und die ihm technologischen (sowie darin eingeschlossenen - sozialen - d.V.) Gesetzmäßigkeiten determiniert. ... Diese De- termination schafft weitere Rahmenbedingungen für den industriel- len Arbeitsprozeß, die der Arbeitende berücksichtigen muß. ... Da der Produktionsprozeß teilweise von der aktuellen menschlichen Arbeitstätigkeit verselbständig abläuft, kann nicht überall und zu jedem Zeitpunkt bzw. jeder Fertigungsphase in die Produk- tenentstehung eingegriffen werden." 39) Die Punkte des Tätigwer- dens in arbeitsfunktioneller Hinsicht, im Mensch-Maschine System, nennt Hacker "Knoten- bzw. Eingriffspunkte". Ihnen entsprechen auf der kognitiven Ebene der Qualifikation "Orientierungspunkte des Wissens", "Knotenpunkte im operativen Abbildsystem", das der Arbeitende vom Ablauf des Arbeitsprozesses besitzt, und die mit- einander zusammenhängende Kenntnisse sind. Diese Kenntnisse als Grundlage beruflichen Könnens in industriellen Arbeitsprozessen müssen - vor allem, um wandlungs- und erweiterungsfähig zu sein - auf wissenschaftlicher Grundlage angeeignet worden sein, bzw. einen tätigkeitsrelevanten Ausschnitt der Wissenschaft als ge- sellschaftliche Erfahrung auf dem betreffenden Gebiet darstellen. Da der industrielle Produktionsprozeß nicht mehr mit dem vom Men- schen geleisteten Arbeitsprozeß identisch ist, sich aus ihm also auch keine unmittelbaren Erfahrungen des Umgangs erwerben lassen, die einer, wenn auch spontanen Systematik genügen, bedarf es, z.B. bei der Konzipierung einer beruflichen Grundbildung, Überle- gungen, entsprechende "Knotenpunkte des Wissens" als orientie- rende Inhalte und Methoden zu bestimmen und in eine solche Syste- matik zu bringen, die als Orientierungsgrundlage des Handelns, als wissenschaftliches Bild des Produktionsprozesses, dienen kann. Dies verlangt also eine stärkere Theoretisierung der Aus- bildung. Da sich die Parameter der Produktentstehung nicht mehr über die Hand oder hauptsächlich über die unmittelbar sinnliche Erkenntnis ("Anschaulichkeit") mitteilen, sind produktionsrele- vante Kenntnisse immer weniger aus der Umgangserfahrung, der Ma- nipulation mit Material und Werkzeug, zu erhalten. Vielmehr muß die Erkenntnistätigkeit auf ein solches Abstraktionsniveau ange- hoben sein, das der unmittelbaren Anschauung des Gegenstandes selbst und seiner Manipulation, nicht mehr bedarf, um überhaupt Wissenschaft aneignen und praktisch anwenden zu können. Die damit implizierte arbeitsfunktionelle Notwendigkeit analytisch-diagno- stischer Tätigkeit im Produktionsprozeß, antizipierenden bzw. perspektivischen Denkens im Durchschauen umfangreicher und kom- plizierter produktionstechnischer Zusammenhänge wird noch deutli- cher im Übergang zu automatisierten Produktionsprozessen, deren - kontinuierlicher - Ablauf sich nicht mehr unmittelbar der sinnli- chen Anschauung erschließt, sondern nur noch über Meßwerten oder andere zentrale Einrichtungen gesteuert werden kann. Anders auch als bei diskontinuierlichen, mechanischen Fließprozessen - z.B. bei der Bandarbeit in der Automobilindustrie - bei denen der ein- zelne Arbeiter sich in seiner Qualifikation nur auf einen Aus- schnitt dieses Prozesses in seiner Tätigkeit bezieht, deren Ab- lauf sich an den beobachteten Zustandsveränderungen des Arbeits- gegenstandes orientiert und zudem streng determiniert ist, gilt es bei kontinuierlichen automatisierten Prozessen, ihren Normzu- stand zu halten. Für die dazu notwendige Überwachungstätigkeit ist die Kenntnis des Gesamtvorganges vorausgesetzt. Hierbei kommt verstärkt zum Ausdruck, wie die Beschränkung der Handlungsmög- lichkeiten des Arbeitenden auf separierte Arbeitsfunktionen, die Beschneidung aller wesentlichen Planungs- oder Dispositionsfunk- tionen, in Widerspruch zu den Verwertungsinteressen auch eines Einzelbetriebes gerät. Dem wird zwar durch arbeitsorganisatori- sche Maßnahmen oder betriebssoziologische Arrangements zu begeg- nen gesucht, ohne die eigentliche Quelle dieses Widerspruchs, die spontane und disproportionale Entwicklung der gesamten Volkswirt- schaft anzugreifen. So wird beim Übergang zur automatisierten Produktion das antizipierende Denken zu einer wesentlichen Lei- stungsvoraussetzung sowohl für die Realisierung der Arbeitsaufga- ben als auch für die Identifikation mit dem Ziel der Produktion. Die Entwicklung der Technik, die in der bisherigen Argumentation als Ausgangspunkt für die angeführten Tendenzen der Qualifikatio- nen angegeben wurde, bildet aber immer eine Einheit von stoffli- cher Grundlage und ökonomischer Form. Insofern ergeben sich die Qualifikationsanforderungen nur auf der abstraktesten Ebene aus arbeitsfunktionalen Leistungsvoraussetzungen. Die Erstellung nützlicher Güter im Arbeitsprozeß stellt Mindestanforderungen an die Qualität der Beschäftigten. "Um die allgemein menschliche Na- tur so zu modifizieren, daß sie Geschick und Fertigkeit in einem bestimmten Arbeitszweig erlangt, bedarf es bestimmter Bildung und Erziehung. ..." (40) Der Arbeitsprozeß als "zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten", (40) der zunächst betrachtet wurde, "entklei- det. ... jeder gesellschaftlichen Form und Charakterbestimmtheit" 41), verlangt aber bestimmte Beziehungen der Produzenten unter- einander. "Sie produzieren nur, indem sie auf eine bestimmte Weise zusammenwirken und ihre Tätigkeit gegeneinander austau- schen." 42) Dieses Verhältnis konkretisiert sich innerhalb ver- schiedener Gesellschaftsformationen, indem der Arbeitsprozeß nie ein individueller, sondern immer schon ein sozialer Prozeß ist. 43) Diese Beziehungen gehen in die Ausgestaltung der Produk- tivkräfte (Arbeitskraft, Produktionsmittel, Wissenschaft, Organi- sation der Arbeit) mit ein. Die Maschinerie erhält also eine dop- pelte Bestimmung als Einheit von Arbeitsmittel und Verwertungs- mittel. Der Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsver- hältnissen beschränkt die Möglichkeit der wissenschaftlich-tech- nischen Entfaltung durch ihre ökonomische Formbestimmung. In der kapitalistischen Gesellschaftsformation wird die Beziehung von Arbeitsplatzstruktur und Qualifikationsstruktur hergestellt durch die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital. Richtung und Aus- maß des technischen Wandels werden festgelegt durch die Dominanz des Profitinteresses. "Die entscheidende Maxime für die Auslösung und Planung technischer Veränderungen ist das Prinzip rein ökono- mischer Rationalität." 44) Die einzelnen Unternehmen verfügen aber nicht über eine autonome Entscheidungskompetenz über die Produktionsstrukturen. Der Prozeß der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung ist für den einzel- nen Kapitalisten nicht steuerbar, "die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitali- stischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhal- ten, und ausdehnen kann er es nur vermittels progressiver Akkumu- lation." 45) Die Durchsetzung der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung in der Produktion ist unter kapitalistischen Bedin- gungen ein naturgeschichtlicher Prozeß, unkontrolliert von den Bewußtseinsformen der einzelnen Akteure. Die Anforderungen, die der Produktionsprozeß an die Qualität der Arbeitskraft stellt, sind also keineswegs dem Belieben der einzelnen Kapitale unter- worfen. "Die Veränderung der Qualifikationsstruktur ist ein ge- setzmässiger Prozeß." 46) Die konkreten qualifikatorischen Konsequenzen sehen so aus, daß "... die innerbetriebliche Arbeitsteilung von den Unternehmen in der Art vorangetrieben (wird), daß aus neu entstehenden Tätigkei- ten komplexen Charakters Arbeitsfunktionen, die höhere Anforde- rungen an Allgemeinbildung, berufliche Qualifikation und geistige Beweglichkeit stellen und sowohl Elemente geistiger als auch schöpferischer Arbeit enthalten, herausgelöst und speziellen Ar- beitskräften übertragen werden, während die Mehrheit der Arbeits- kräfte auf die verbleibenden Routinefunktionen fixiert wird. ... Es geht bei diesen Tätigkeiten zum Teil nur um reflexartiges Han- deln...", ohne daß damit Prozesse differenzierteren intellektuel- len Handelns verbunden wären. 47) Hiermit wird das Dilemma kapi- talistischer Automatisierung und der mit ihr korrespondierenden Ausbildung sichtbar: "die Ausweitung des Blickfeldes, das Ab- straktwerden der Produktionsvorgänge und die Schwierigkeiten des Begreifens der neuen Aufgaben auf Grund fehlenden Interesses und mangelnder Qualifikation beim Arbeiter der kapitalistischen Pro- duktion." 48) Insgesamt gesehen resultiert die Entwicklung des gesellschaftli- chen Durchschnittsniveaus in den Qualifikationsanforderungen an die Arbeitskraft in der BRD aus sehr verschiedenartigen, zwar gleichzeitig ablaufenden, häufig jedoch einander entgegengesetz- ten Tendenzen in einzelnen Berufen und Berufsgruppen. Durch die Entwicklung der materiell-technischen Basis der kapitalistischen Produktion unterliegen die in der Berufsbildung und in der beruf- lichen Erfahrung erworbenen Qualifikationen einem ständigen mora- lischen Verschleiß, der es notwendig macht, einer Dequalifizie- rung durch ausreichende ausbildungsmäßige Vorbereitung entgegen- zutreten. Angesichts beschleunigten Verschleißes von Qualifika- tion sind erhöhte Anforderungen an das Niveau der Reproduktion der Arbeitskraft zu stellen. Hierin liegt eine zentrale Aufgabe gewerkschaftlichen Kampfes, gerade auch vor dem Hintergrund des widersprüchlichen Prozesses im allmählichen Übergang zur vorwie- gend intensiv erweiterten Reproduktion. Dabei stellt der Kampf um die Reproduktion der Arbeitskraft "auf erweiterter Stufenleiter" selbst einen Stimulus des technischen Fortschritts dar. Sieht man von Ausnahmen einzelner Bereiche oder Abschnitte im Prozeß der Reproduktion der Arbeitskraft wie z.B. dem bereits vergesellschafteten allgemeinbildenden Schulwesens ab, so bleibt er im wesentlichen Angelegenheit der Arbeiterklasse bzw. des ein- zelnen Arbeiters selbst. Dies gilt auch besonders hinsichtlich des Kampfes um eine Erhöhung des qualitativen Niveaus der Repro- duktion der Arbeitskraft. Darüber hinaus zeigt auch die Entwick- lung in der BRD Einschränkungen der individuellen Konsumtion, zeigt, daß auch die entsprechende gesellschaftliche Konsumtion - etwa auf dem Gebiet der Bildung - nur in Auseinandersetzungen mit dem Staat gesichert werden kann, selbst dann, wenn objektiv hö- here Anforderungen an die Arbeitskraft gestellt sind. "Es ist durchaus keine Seltenheit, daß bei erweiterter Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals für große Teile der Arbeiter- klasse nicht einmal die einfache Reproduktion ihrer Arbeitskraft gewährleistet ist. Das betrifft durchaus nicht nur die Arbeitslo- sen und Kurzarbeiter oder jene Teile der Arbeiterklasse, die als Opfer der übermäßigen psychischen und physischen Belastungen vor- zeitig aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden müssen." 49) Darüberhinaus zeigen sich weitgehende Mängel bei der Ausstattung für den kollektiven Konsum, z.B. gerade im Bildungswesen, die in der erweiterten Reproduktion 50) erbracht werden muß. Die Ursa- chen für den Übergang von der vorwiegend extensiven zur vorwie- gend intensiv erweiterten Reproduktion des Kapitals, insbesondere der Arbeitskraft in der BRD um 1960, sind in den Schranken zu su- chen, die sich der Ausweitung der Ausbeutungsmöglichkeiten entge- genstellten: die Verlangsamung der Bevölkerungsentwicklung, die zunehmende Erschöpfung des Proletarisierungspotentials, der Um- stand, daß eine Verlängerung der Arbeitszeit und eine Arbeitsin- tensivierung auf wachsenden Widerstand stieß. Eine Verschärfung trat durch akuten Arbeitskräftemangel ein. Innerhalb der intensiv erweiterten Reproduktion, der Erhöhung des Wirkungsgrads der Ar- beitskräfte, "liegt heute die größte Quelle zur Steigerung der Mehrwertmasse im Übergang zu komplizierter Arbeit. Dieses Poten- tial ist praktisch unerschöpflich, da eine obere Grenze des Kom- plizierungsgrades nicht bestimmbar ist. " 51) Die damit hervorge- rufenen höheren Reproduktionskosten führen das Kapital an den Wi- derspruch heran, der sich aus der einerseits durch Kompliziert- heit der Arbeit gewonnenen größeren Masse des Mehrwerts ergibt und andererseits aus der Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung die- ser Art der Reproduktion die notwendigen Kosten tragen müssen. "Komplizierte Arbeit gilt also für das Kapital nur dann als pro- duktiver, wenn die Mehrwertmasse schneller wächst als die Repro- duktionskosten qualifizierter Arbeitskräfte. Viele der neuen Er- scheinungsformen im Kampf der Arbeiterklasse um die Sicherung ih- rer Reproduktion haben ihre ökonomische Grundlage gerade darin, daß das Kapital zwar den Effekt der komplizierten Arbeit voll- ständig als Mehrwertsteigerung zu realisieren versucht, der Aner- kennung der damit wachsenden Reproduktionskosten der Arbeitskraft jedoch erbitterten Widerstand leistet." 52) Hierin äußert sich auch der Widerspruch zwischen dem Anspruch auf volle Entfaltung der Persönlichkeit des arbeitenden Menschen und den ihm aufge- drängten Lebensbedingungen. Allerdings zeigen sich bereits Auswirkungen der durch die Kompli- zierung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses - vgl. dazu auch die zunehmend bedeutungsvollere Rolle , die Ergebnisse und Metho- den der Wissenschaft unmittelbar für seine Aufrechterhaltung spielen - hervorgerufenen Notwendigkeit vermehrter "öffentlicher" Aufwendungen die berufliche Bildung. So sinkt z.B. durch die Heraufsetzung des pädagogischen Niveaus der Ausbilder mit der Ausbildereignungsverordnung 53), durch die notwendige materielle Verbesserung der Ausrüstung der Ausbil- dungsstätten über die Durchführungsverordnung zur Förderung über- betrieblicher Lehrwerkstätten 54), den vermehrten Übergang zu staatlichen Vorgaben z.B. über die Mittelvergabe und die erhöhte staatliche Kontrolle die Zahl der Ausbildungsbetriebe relativ und absolut. Die Grenzen im Tempo dieser Entwicklung zeigte aller- dings der erbitterte Widerstand der Unternehmerverbände und ein- zelner Kapitale gegen die Vorhaben der Bundesregierung zur Novel- lierung des Berufsbildungsgesetzes, insbesondere die Akkreditie- rung, d.h. die staatliche Anerkennung als Ausbildungsbetrieb bei Erfüllung verschiedener Auflagen, und gegen die Mitbestimmungs- forderungen der Gewerkschaften. Die Entwicklungstendenzen im Produktionsbereich und ihre Umset- zung in Arbeitsanforderungen und Bildungserfordernisse bleiben aber trotz gegenläufiger Strategien und Tendenzen die Grundlage dafür, daß eine Umgestaltung der Berufsbildung notwendig und po- litisch möglich wird. "Die Aufgabe, die rapiden und explosiven Prozesse des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts zu bewältigen, steht als ein drängendes Problem aber auch vor der Schule und vor der pädagogischen Wissenschaft in den kapitalisti- schen Ländern." 55) Die kapitalistische Produktion bedingt einerseits einen ständigen Wechsel der Arbeit und erfordert damit die allseitige Beweglich- keit des Arbeiters, andererseits erzeugt sie jeweils neue Teilung der Arbeit und kettet den einzelnen an Teilaufgaben. Dieser Wi- derspruch zwischen Mobilität und Spezialisierung, der nur aufheb- bar wäre durch eine dauernde Fortbildung auf der Grundlage einer umfassenden Allgemeinbildung, versucht die bürgerliche Pädagogik durch immer neue Hilfskonstruktionen zu lösen. 2. Konzepte zur "Integration allgemeiner und beruflicher Bildung" ----------------------------------------------------------------- in der Sekundarstufe II ----------------------- Neben Teilreformen wie Blockunterricht, Berufsgrundbildungsjahr und Stufenausbildung ist die "Integration ..." im Zusammenhang der aktuellen Diskussion um die Reform der Berufsausbildung zum zentralen Begriff für eine umfassende Umgestaltung der Sekundar- stufe II geworden. In diesem Zusammenhang finden verschiedene bildungspolitische, berufspädagogische, gewerkschaftliche und parteipolitische Versuche ihren Platz. 56) Dabei geht es vor al- lem darum, die Aufspaltung zwischen verschiedenen Bildungsgängen aufzuheben. Die Forderung nach der Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung wird aus dieser Sicht, die vor allem von den Gewerkschaften hervorgehoben wird, zu einem Schlüsselproblem der Bildungspolitik. Es geht darum, die Bevorrechtigung weniger, wo sie auf Kosten vieler erfolgt, abzubauen. In der Forderung nach "Integration ..." wird die Gleichheitsforderung gegen die Realität der Bildungsprivilegien gestellt. 57) Deshalb wendet sich die Integrationspolitik auch nach zwei Seiten: einmal gegen die Bevorrechtigung der gymnasialen Oberstufe, zum anderen gegen die Benachteiligung der Lehrlingsausbildung. Besonders hervorge- hoben wird dieser Aspekt durch den Begriff der Gleichwertigkeit. Damit ist zunächst eine Gleichwertigkeit der Bildungsgänge und Abschlüsse gemeint, realisiert werden kann dieses Postulat aber nur, wenn die vorhandene Ungleichwertigkeit der Berufsstellungen beseitigt wird. Es geht nämlich keineswegs nur um gleiches Anse- hen verschiedener Berufe nach dem Motto "jeder an seinem Platz" 58), sondern um eine wirkliche Gleichheit der gesellschaftlichen Stellung. Parallel dazu ist die Debatte um die "Humanisierung der Arbeits- welt" zu sehen, wobei als Beispiele praktischer Verwirklichung solcher Vorstellungen immer wieder die Beseitigung bestimmter re- striktiver Formen der Montagearbeit an Fließbändern in den Be- trieben von Volvo, Saab oder auch Philipps-Eindhoven genannt wer- den. 59) Auch bei diesen Beispielen finden wir den Versuch, den oben benannten Widerspruch zwischen der Komplizierung der gesell- schaftlichen Arbeit mit der Folge erhöhter Anforderungen an tech- nisches Wissen und Können sowie an ökonomische Verantwortung ei- nerseits und der demgegenüber zurückbleibenden Qualifikation der Arbeitskraft mit arbeitsorganisatorischen Maßnahmen zu lösen. Auf ihrer Grundlage scheint es zunächst möglich, in erweitertem Maße als bisher die Schöpferkraft der Werktätigen zu nutzen und eine Identifikation mit den ökonomischen Zielsetzungen des Einzelbe- triebes zu erreichen. Dabei werden insbesondere im emotionalen Bereich Bedürfnisse der Arbeitenden aufgenommen, um ein Gefühl der Arbeitszufriedenheit zu erzielen. Insgesamt gesehen läßt sich gerade bei der Notwendigkeit des Übergangs zur vorwiegend inten- siv erweiterten Reproduktion angesichts der Erschöpfung des Ar- beitsmarktes das Vorhaben bei den betreffenden Betrieben vermu- ten, ihre Stellung auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern und damit eine gewisse Auslese treffen zu können. Entsprechende Strategien zur Heranbildung eines Facharbeiterstamms und seiner Sicherung bzw. Erweiterung lassen sich auch im Bereich der betrieblichen Berufsbildung bemerken, etwa in Form gezielter Werbung mit quali- tativ über dem Durchschnitt stehenden Ausbildungsmöglichkeiten z.B. in strukturschwachen Regionen. Beide Formen der Auflösung des genannten Widerspruchs bedürfen jedoch erheblicher Aufwendun- gen und sind deshalb meist nur von Großbetrieben zu verwirkli- chen. Im Gegensatz dazu sind die Vorstellungen zur "Integration allge- meiner und beruflicher Bildung" von der Forderung geleitet, die Hierarchisierung der beruflichen Positionen real abzubauen und dazu das Ausgangsniveau etwa in Form der Bildungsabschlüsse zu vereinheitlichen. Dieses Bemühen läuft unter den Stichworten "Gleichwertigkeit" und "Durchlässigkeit" der Bildungsgänge. Al- lerdings ergeben sich sowohl in den Konzeptionen selbst als auch in den Ansätzen ihrer Verwirklichung eine Reihe von Unklarheiten und Mängeln. Eine wesentliche Beschränkung liegt bereits begründet in dem Ver- ständnis dessen, was als Inhalt allgemeiner Bildung zu begreifen wäre. Dazu wäre nämlich einerseits eine radikale Kritik der neu- humanistischen Bildungstheorie zu leisten, die über ein Jahrhun- dert zur Begründung eifersüchtig gewahrter Sozialprivilegien diente, andererseits - und hier versagt die spätbürgerliche Päd- agogik - wäre dem aber auch positiv ein Konzept der Allgemeinbil- dung für die arbeitende Bevölkerung gegenüberzustellen. Aller- dings darf nicht übersehen werden, daß es keineswegs nur um ein ideologisches Problem - quasi als Konflikt pädagogischer Lehrmei- nungen - handelt, sondern daß die Trennung verschiedener Bil- dungsgänge ihre materielle Grundlage in den Klassenverhältnissen hat. Eine "Integration ..." müßte überhaupt nicht gefordert wer- den, wenn nicht die Separierung "allgemeiner Bildung" und "beruflicher Bildung" durch die spezifische Form der Arbeitstei- lung der bürgerlichen Gesellschaft entstanden und durch die prä- dominante neuhumanistische Bildungstheorie gestützt worden wäre. Die Auflösung dieser neuhumanistischen Bildungstheorie ist mitt- lerweile vorangeschritten. In nahezu allen Verlautbarungen zum Problem der "Integration ..." wird der Begriff der Allgemeinbil- dung als realitätsfern und dysfunktional gekennzeichnet. "Alles, was für dieses Verständnis eines Gebildeten wichtig war, ist zer- brochen: es gibt keinen Konsensus über die gesellschaftliche Ord- nung mehr, in der der Gebildete wie von selbst seinen Platz und insofern auch sich selbst fand; der für das Bildungsverständnis fundamentale Zusammenhang mit der Tradition von Bildung und Ge- sellschaft ist abgerissen und nicht wieder herstellbar." 60) Dies geschieht insbesondere unter Hinweis auf den Bildungskanon, das "Curriculum" des traditionellen Gymnasiums. Die Kritik wird zugleich auch an Erscheinungsformen der bürgerlichen Intelligenz wie dem "Bildungsbürgertum" festgemacht, die als Produkt der schulpolitischen Realisierung neuhumanistischer Bildungstheorie, dem sprachlichliterarisch orientierten Gymnasium hervorgebracht wurden. Kennzeichnend für diese Kritik sind die Versuche, den traditionellen Literaturunterricht mit seinem formalen Bildungs- ziel scheinbar über-politischer Gesinnung, zugunsten Professiona- lisierender Methoden und Inhalte abzubauen. In der Strategie der "Integration ..." kommt diesem Abbau insofern gewissermaßen zen- trale Bedeutung zu, als mit ihm die Behauptung verbunden ist, hierdurch finde eine Entkleidung der gymnasialen Oberstufe von ihrem Charakter als Institution der Hervorhebung einer bürgerli- chen Bildungselite statt, werde ein Schritt in Richtung auf die Verwirklichung von "Chancengleichheit" vollzogen. 61) Die Studien klassischer Literatur, die z.B. für Hegel 'das gei- stige Bad' und die 'profane Taufe' des Menschen bedeuteten 62) oder auch für Humboldt die Grundlage darstellten, frei von Erwä- gungen der Nützlichkeit "... innerhalb der gegebenen individuel- len Einmaligkeit Vollendung zu erlangen" 63), d.h. eine individu- ell-privat orientierte, nach "innen" gewandte Bildungsgesell- schaft als Elite zu konstituieren, werden aufgegeben. Die durch Formalbildung am Kulturgut antiker Sklavenhaltergesellschaften, insbesondere Griechenlands, von "natürlicher Individualität" 64) zu "schöner Einheit", zum "Adel" geführte Persönlichkeit ent- sprach den politischen Möglichkeiten der sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Preußen entwickelnden Bourgeoisie. Dieses Konzept der Allgemeinbildung mit einer überzeitlich gefaßten "Persön- lichkeit" im Mittelpunkt diente zur ideologisch-politischen Abgrenzung gegenüber Adel und Volksmassen. Es charakterisiert als Leitbild noch heute z.B. die Politik des Philologenverbandes. Wenn auch heute in bildungspolitischen Überlegungen dieser Richtung nicht mehr explizit auf das "Griechentum als Inkarnation der Menschheit" wie um 1800 65) Bezug genommen wird und der entsprechende Kanon nicht mehr unmittelbares Vorbild für Cur- ricula in der Schule der BRD ist, so bleibt dennoch die mit die- sem Bezug verbundene Auffassung, einer "Demokratie der Eliten" wirksam erhalten. In der schulischen Realität wird auch immer noch von einer Tren- nung der "niederen", "mittleren" und "höheren" Allgemeinbildung ausgegangen, die in der gegenwärtigen Hauptschule noch immer als "volkstümliche Bildung" und im Gymnasium als wissenschaftsorien- tierte Bildung bestehen, und die im beruflichen Schulwesen ihre Fortsetzung finden. Dies gilt auch für die Realschule mit der ihr zugeordneten Fortsetzung in der Fachoberschule oder Fachschule. Diese Trennung reicht hinunter bis in methodische Prinzipien wie "handgreiflich-anschaulich", "anschaulich-begrifflich" und "ab- strakt-begrifflich", denen auf der Ebene der Lehrmittel etwa das Realien- oder Lesebuch, das Sachbuch oder die wissenschaftliche Quelle entsprechen. 66) In der gewerblich-technischen Berufs- bildung herrschen immer noch im berufspraktischen Teil handwerk- liche, quasi sprachlose Vermittlungsformen auf Basis des "imitatio-Prinzips", des Vormachens durch den Meister und des Nachmachens durch den Lehrling. Die "Fachkunde" der gewerblich- technischen Teilzeitberufsschule beschränkt sich weitgehend auf einen Kommentar zur betrieblichen Ausbildung auf der Ebene "bildlicher Darstellungen", "plastischer sprachlicher Formulie- rungen", die sich Analogien, handgreiflicher Beispiele, Metaphern und wissenschaftlich fragwürdiger Bilder zum erklärenden Ver- gleich bedient. Ausgehend von didaktischen Positionen der "volkstümlichen Bildung" im Unterricht der Hauptschule, die Schü- lern und Auszubildenden ein Denken lediglich "im Horizont des Gebrauchs" unterstellen, gelangt der Berufsschulunterricht häufig nur zu Faustregeln, rezeptartigen Handlungsanweisungen und "schlichten Erfahrungsbeweisen". Dies gilt nicht allein für den Bereich der "Fachkunde", in der statt des mathematischen Funkti- onsbegriffs ein "mechanisches Umstellen der Formeln" geübt wird, 67) sondern auch für den Bereich der politischen Bildung bzw. besser Indoktrination mit Unternehmerstandpunkten. Das Konzept einer einheitlichen Allgemeinbildung als "Volksbildung" das seine Entstehung frühbürgerlichen Vorstellungen verdankt und mit dem Postulat der Gleichheit korrespondierte, muß gegenüber den Bedin- gungen in der BRD in mehrfacher Hinsicht erst entwickelt werden: einmal schulorganisatorisch, zum anderen inhaltlich-curricular, 68) und schließlich hinsichtlich der Realisierung von Bildung im gesellschaftlichen Produktionsprozeß, der kulturellen Situation der BRD. In der letzten Zeit sind zur Verwirklichung der Forde- rung nach "Integration ..." - allerdings immer unter bewußtem Verzicht auf die Entwicklung einer verbindlichen Vorstellung von "Allgemeinbildung " - vor allem zwei miteinander verwandte bzw. aufeinander aufbauende Modelle entwickelt worden: die "Kollegstufe NW", der Versuch einer integrierten Sekundarstufe II in NRW 69) und die integrierte Sekundarstufe II nach der Empfeh- lung der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates. 70) "Der Modellversuch Kollegstufe soll zeigen, ob und wie die Inte- grationsforderung sich verwirklichen läßt." 71) Äußere Kennzei- chen der "Integration ..." in der Kollegstufe NW sind: die orga- nisatorische bzw. verwaltungsmäßige Vereinigung von Gymnasien mit berufsbildenden Schulen, die Ersetzung des Klassenprinzips durch Kurssysteme, die drei "Lernbereichen" Schwerpunktprofil, obliga- torischer Bereich und Wahlbereich zugeordnet werden, und schließ- lich die "curriculare Integration", die die Zuordenbarkeit der Kurse zu möglichst vielen "Schwerpunktprofilen", ihre Verwendbar- keit in möglichst vielen Abschlüssen im Sinne eines Baukastensy- stems von Lehrgängen bedeutet. Die Empfehlung der Bildungskommis- sion geht darüber hinaus, indem sie insbesondere den betriebli- chen Teil der beruflichen Bildung in den Bereich staatlich-schu- lischer Verantwortung bzw. Leitung hineinnehmen will. Allerdings müßte damit die bisherige Lenkung der betrieblichen Berufsausbil- dung durch die Kammern aufgehoben und die Kompetenzverteilung auf der staatlichen Ebene zwischen Bund - betriebliche Seite - und Ländern - schulische Seite - geklärt werden. Die Kurse respektive Kurssysteme, die hier als "Bildungsgänge" bezeichnet werden, werden gegliedert in die Lernbereiche 1. "Schwerpunkt", dessen Bezugsfeld zwischen Ausbildungsberuf und Berufsfeld - z.B. "Metall" - liegt und der Pflicht- und Wahl- pflichtkurse enthalten soll, 2. "obligatorischer Bereich" mit Sprache, Politik, Mathematik und "Spiel" und 3. Wahlbereich. Den Bildungsgängen sind als Lernziele "Kompetenzen" zugeordnet, die in etwa den allgemeinen Richtzielen traditioneller Lehrpläne ent- sprechen und unter denen "humane", "gesellschaftlichpolitische" und fachliche Kompetenz genannt werden. Hierbei ist quasi als "Allgemeinbildung" erwähnt, daß neben den speziellen "Ausbil- dungsinteressen" des Jugendlichen dessen "menschliche Ent- wicklung" zu sichern sei. 72) Damit wird versucht, alle bisheri- gen Ausbildungsformen für die Jugendlichen von 15 bis 18 Jahren, auch für die Lernbehinderten, zu vereinheitlichen. Durch die Zu- sammenfassung zu einem "Angebotssystem" von Kursen soll eine "Öffnung der Schule für berufliche Praxis" und der "Berufsbildung für wissenschaftliche Theorie" gewährleistet werden, die ihren Ausdruck in der Gestaltung entsprechender Abschlüsse und Berech- tigungen finden. Davon wird eine größere Durchlässigkeit zwischen den Bereichen der traditionellen Ausbildungsformen bzw. "Insti- tutionen erwartet. Unter der Dachinstitution "Kolleg" sollen - bei staatlicher Verantwortung bzw. Kontrolle vier Lernorte zusammenwirken: Schule, Betrieb, Lehrwerkstatt - die in schuli- scher, betrieblicher oder überbetrieblicher Form in Ergänzung zur betrieblichen Ausbildung z.B. Trainingsprogramme an komplizierten Anlagen oder Simulatoren, Laborversuche, experimentelle techni- sche Vorhaben usw. durchführen - und "Studio" - in dem die "freien Schöpferkräfte" ohne an bestimmte Zwecke gebunden zu sein sich kreativ in Musik, Tanz, Malerei und dergleichen mehr entfalten sollen. Die Abschlüsse sind den Kurskombinationen ent- sprechend profiliert. In jedem Fall soll es eine "Doppelquali- fikation" entweder mit beruflicher oder mit Studienorientierung geben. In der ersten ist eine voll anerkannte Berufsqualifikation enthalten. Angesichts dieses globalen Ansatzes verwundert die Nachlässigkeit gegenüber den Vorbedingungen für den Übergang in das "Kolleg". Es scheint recht offensichtlich, daß unter neuem Namen sich das alte dreigliedrige Schulwesen fortsetzt, wenn der Frage der fehlenden Einheitlichkeit der Sekundarstufe l kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde und hinsichtlich der Forderung nach dem 10. Schuljahr für alle nur eine Übergang auch nach dem 9. Schuljahr in Aussicht ge- stellt wird. Besieht man sich die Schwierigkeiten, die sich be- reits sehr viel bescheideneren Ansätzen der "Integration ..." in den Weg stellen, wie z.B. dem Blockunterricht in der Teilzeitbe- rufsschule, so stellt sich die Frage, wie das duale System, bzw. sein schulischer Teil ein den übrigen Vollzeitschulen gleichwer- tiges Programm an die Seite stellen sollen. Es scheint unsicher der Effekt zu registrieren, daß das Gymnasium vom "kulturellen Ballast befreit" eine stärkere Hinwendung zum Propädeutikum wis- senschaftlicher Hochschulen erfährt und dann organisatorisch, teils auch curricular, eine Integration mit der Fachoberschule und der Berufsfachschule vollzogen wird. Die volle Durchsetzung des Rechts auf Bildung, d.h. die Beseitigung des Problems der "Jungarbeiter" steht ebenfalls aus. 73) Während damit die curricularen und organisatorischen Probleme nur kurz angedeutet wurden, wobei festzuhalten ist, daß die kriti- sierten Konzepte durchaus fortschrittlich in dem Sinn sind, daß sie gegenüber der vorhandenen Situation erhebliche Vorteile auch für die arbeitende Jugend bringen, entstehen spezifische Antino- mien aus den bildungstheoretischen Prämissen der Modelle. Weitge- hend handelt es sich bei dem gegenwärtig vollzogenen Abbau der auf eine Egalität allein der "Gebildeten" zielenden Konzeption traditioneller höherer Allgemeinbildung um eine Anpassung an ob- jektive Gegebenheiten wie beispielsweise an die zunehmenden Pro- letarisierung der Mittelschichten, an die zunehmenden Charakteri- sierung der gesellschaftlichen Situation von Beamten und Ange- stellten durch ähnliche Merkmale wie für die Existenzbedingungen von Industriearbeitern. Darüber hinaus finden sich in der modi- schen Diffamierung des Begriffs der Allgemeinbildung als einer 'überholten Ideologie' des 19. Jahrhunderts, sowohl Positionen eines spätbürgerlichen Pessimismus, der ein umfassendes gesell- schaftliches Leitbild nicht mehr entwerfen kann, als auch Ele- mente technokratischer Funktionalität für die kapitalistischen Verwertungsprozesse. Mit der endgültigen Auflösung des Begriffs Allgemeinbildung gibt das Bürgertum den Anspruch auf die Entfal- tung aller Menschen auf. Dem entsprechen eben Programme, die da- von ausgehen, daß es ein einheitliches Konzept für Allgemeinbil- dung "natürlicherweise" gar nicht geben könne, vielmehr eine "Individualisierung" des Unterrichts in den allgemeinbildenden Schulen, seine Differenzierung nach "Interessen und Neigungen" stattzufinden habe, weil er damit den "Bedürfnissen" der Betrof- fenen, der Schüler, entspräche. Die Hauptargumente lauten sinnge- mäß: Weil die Einheit des Welt- und Gesellschaftsbildes und die Kontinuität der Kulturtradition für uns verlorengegangen sind und die Entwicklung der Wissenschaften unüberschaubar geworden ist, kann es keine inhaltliche Definition von allgemeiner Bildung mehr geben. 74) In diesen Konzepten scheint der Klassencharakter von Bildungsprozessen gleichsam mit aufgelöst. Während aber real die Klassenstruktur der Gesellschaft weiterbesteht, wird nicht an- deres erreicht als eine Herauslösung des einzelnen aus seinem ge- sellschaftlichen Zusammenhang. Die Entwicklung kollektiver Iden- tität als Klassenbewußtsein wird verhindert durch scheinbare Er- folgschancen nach dem Leistungsprinzip, das in den Kursen insti- tutionalisiert wird. Gerade aus der Einsicht aber, daß es nicht um individuellen Auf- stieg sondern um kollektive Befreiung geht, daß eben Bildungsfra- gen wirklich Klassenfragen sind, folgt die unmittelbare Verbin- dung bildungspolitischer Fragen mit dem politischen Kampf der Ar- beiterklasse. Von dieser Position her ergibt sich aber nicht etwa eine pau- schale Ablehnung vorliegenden Integrationskonzepte, sondern eine differenzierte Einschätzung ihrer Grenzen. Dabei gilt es festzuhalten an der Forderung nach einer inhaltlich begründeten Allgemeinbildung, die abzusetzen ist einerseits gegen relati- vistische Auflösungsbestrebungen, andererseits gegen illusionäre Hoffnungen. Mit der Forderung nach umfassender und einheitlicher Allgemeinbildung geht die humanistische Tradition ein in die po- litischen Auseinandersetzungen der organisierten Arbeiterklasse. Die Gestaltung der Ziele und Inhalte der Bildung wird Bestandteil der umfassenden Veränderung der Arbeits- und Lebensbedingungen. 3. Zur politischen Diskussion um eine Integration allgemeiner ------------------------------------------------------------- und beruflicher Bildung ----------------------- Während es also an Forderungen und Entwürfen zur "Integration" nicht fehlt, so sind die vorliegenden Konzepte sowohl verkürzt in Bezug auf die hinter ihnen stehende Bildungstheorie als auch wirklichkeitsfern, wenn man nach ihren Realisierungsmöglichkeiten fragt. Sie sind ideologischer Ausdruck für das Dilemma bürgerli- cher Pädagogik, der die Aufgabe zufällt, die Anforderungen der wissenschaftlichen und technischen Veränderungen an das Bildungs- system zu bewältigen, während gleichzeitig die Form kapitalisti- scher Arbeitsteilung einer umfassenden Allgemeinbildung für die Mehrheit der Bevölkerung entgegensteht. Deshalb bleiben auch die fortgeschrittensten Entwürfe für eine Verbindung allgemeiner und beruflicher Bildung auf eine partielle Integration beschränkt. Obwohl einerseits mit der Abstraktion der Qualifikationsanforde- rungen vom einzelnen, unmittelbaren Arbeitsprozess eine Vorbedin- gung für eine allgemeine Verwissenschaftlichung der Ausbildung gegeben ist, führt andererseits der profitable Einsatz der Ar- beitskräfte weiterhin zu einer Aufspaltung der Arbeitspositionen und einer entsprechenden Aufspaltung der Ausbildungsgänge in eine elitäre höhere Bildung und einer demgegenüber beschränkten Aus- bildung für die Kinder der arbeitenden Bevölkerung. Die Realität des Bildungssystems bleibt hinter den Möglichkeiten zurück, die aufgrund des Entwicklungsstandes der Produktivkräfte gegeben wä- ren. Gerade bei den Versuchen, die Misere der Berufsbildung zu überwinden, zeigen sich die alten Widersprüche der Bildungspoli- tik im Kapitalismus - die Bildungsanforderungen für eine langfri- stige Entfaltung der Produktivkräfte geraten in Gegensatz zum Be- stand der Produktionsverhältnisse. Gleichzeitig ist damit aber auch die Grundlage gegeben, um eine Veränderung des Bildungssystems im Interesse der Lohnabhängigen durchzusetzen. Die Auseinandersetzung um Organisation und Inhalte der beruflichen Bildung wird zu einem Machtproblem. Von der poli- tischen Stärke und Bewußtheit der arbeitenden Bevölkerung hängt es dann ab, ob in der Diskussion um eine Reform der Berufsbildung eine nur kapitalkonforme Anpassung des Bildungssystems verhindert werden kann. Die Berufsbildung hat in den letzten Jahren erhebli- chen Raum in Verlautbarungen und Pressemitteilungen eingenommen. Die Reformvorschläge häufen sich. Allerdings zeigt sich mehr und mehr, daß das Reformgerede und das Ausbleiben tatsächlicher Ver- änderungen offensichtlich zwei Seiten der gleichen Politik sind. Je länger die Diskussion ohne reale Konsequenzen bleibt, desto stärker wird aber auch die zunehmende Konfrontation und Politi- sierung der Argumente und Aktionen. Die laufende Reformdiskussion konzentriert sich auf die gesetzlichen Regelungen der Berufsbil- dung. Nachdem das Berufsbildungsgesetz von 1969, das offiziell nach über ein halbes Jahrhundert dauernden politischen Kämpfen als "epochemachendes Ereignis" hochgelobt worden ist, 75) eine verbesserte Anpassung der beruflichen Bildung an die verschie- denen gesellschaftlichen Anforderungen nicht gebracht hat, steht es schon wieder zur Novellierung an. Schon bei der Verabschiedung des noch gültigen Berufsbildungsge- setzes haben die Gewerkschaften schwerwiegende Kritik angemeldet. Neben dem Verbleib der Kontrolle über die Berufsbildung bei den "Arbeitgeber"-Kammern, - der unzureichenden Mitbestimmungsregelung, - der fehlenden Verbesserung der rechtlichen Situation der Lehr- linge, - der mangelnden Überwachung durch unscharfe und unzureichende Vorschriften, - dem Fehlen jeder Finanzierungsregelung, - neben allen diesen Kritikpunkten wird vor allem durch die Zer- splitterung in den Ausbildungsbereichen besonders zwischen Hand- werk und Industrie und durch die Trennung betrieblicher Ausbil- dung und Berufsschule eine Integration verhindert. Diese Bedenken haben sich nach vier Jahren Praxis bestätigt. Sie drücken sich aus in der nach wie vor katastrophalen Situation der Berufsbil- dung und sie sind Ausgangspunkt für die Forderungen, welche die Gewerkschaften an eine Novellierung des Gesetzes stellen. Mittlerweile reden fast alle Parteien und Verbände in der BRD von einer notwendigen Reform der Berufsbildung. Die Integration all- gemeiner und beruflicher Bildung wird als Kernpunkt der Bildungs- reform angesehen. Aber bei genauer Durchsicht der konkreten Pro- gramme und ihrer Konsequenzen verbergen sich dahinter erhebliche Unterschiede und sogar Gegensätze der Vorstellungen. Erst in der Ausfüllung der Integrationskonzepte durch einzelne inhaltliche und organisatorische Maßnahmen zeigen sich die realen Interessen- konflikte. Die gemeinsame Bezugnahme nahezu aller politischer Po- sitionen in der BRD auf das Integrationspostulat resultiert dage- gen aus der Bedeutung des zugrundeliegenden formalen Gleichheits- grundsatzes für die Legitimation bürgerlicher Herrschaft. Vom Strukturplan des Bildungsrates, über den Bildungsbericht 70 der Bundesregierung und den von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung vorgelegten Bildungsgesamtplan bis zu den politi- schen Programmen und akademischen Konzepten ist die Forderung nach Integration allgemeiner und beruflicher Bildung zu einer leeren Hülse geworden, die beliebig mit gegensätzlichen Inhalten gefüllt wird. Durch scheinbar radikale Formulierungen werden Re- formaktivitäten vorgetäuscht, während gleichzeitig die reale In- tegration geblieben ist, was nach den Interessen der Mehrzahl der angesprochenen Positionen auch bleiben soll, - ein Postulat. Un- ter dem Deckmantel der Integrationsforderung werden höchstens Teilreparaturen durchgeführt. Auch die schönen Worte von Bildung als Programm und gleichzeitig Instrument der "Emanzipation" ver- hindern eher die Entwicklung konkreter Alternativen und deren Durchsetzung in politischen Aktionen. Mit der Übersteigung der pädagogischen Möglichkeiten im Kapitalismus wird der Verhinderung bildungspolitischer Strategien im Interesse der Lohnabhängigen Vorschub geleistet. Unter diesem Gesichtspunkt überrascht es dann nicht mehr, wenn ausgerechnet die CDU 76) der Bildungspolitik die Aufgabe zu- spricht, die Voraussetzungen für die Selbstverwirklichung des einzelnen in der Gesellschaft zu schaffen und die Gleichwertig- keit der beruflichen Bildung mit anderen Bildungswegen durch- zusetzen. Alle Formeln der bürgerlich-pädagogischen Illusionie- rung tauchen auf: Mündigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortlich- keit und Leistungsbereitschaft. Indem der Anschein hergestellt wird, diese Forderungen seien unter den gegebenen gesellschaftli- chen Verhältnissen zu verwirklichen, sollen eben diese Verhält- nisse unangetastet bleiben. Es wird lediglich eine "Verbesserung" der Ausbildung in Schule und Betrieb im Sinne einer Effektivierung vorhandener arbeits- funktionaler Zurüstung und eine wirksame "Verzahnung von Praxis und Theorie" zur Beseitigung unökonomischer Überschneidungen oder mangelnder zeitlicher Abfolge betrieblicher und schulischer Aus- bildungsabschnitte mit thematischer Verwandtschaft gefordert. Die verlangten abgestuften Ausbildungswege und das entsprechende System differenzierter Abschlüsse sind aber nichts weiter als neue Bezeichnungen für die vorhandenen Ausbildungshierarchien. Zentrales ideologisches Legitimationsmodell für das Weiterbeste- hen gesellschaftlicher Ungleichheit ist dabei das Leistungsprin- zip. Unterschiedliche individuelle Leistungsfähigkeit und Lei- stungswilligkeitwerden unhinterfragt vorausgesetzt, die gesell- schaftlichen Bedingungen für ihr Entstehen werden unterschlagen. Das Konzept zur "Reform der beruflichen Bildung" dient zu nichts anderem, als die bestehenden Klassenverhältnisse zu rechtfertigen und zu erhalten. An einem anderen Aspekt bürgerlicher Ideologie, nämlich an der Behauptung gleicher Möglichkeiten für alle Mitglieder der Gesell- schaft, kann die Kritik am Reformkonzept der FDP 77) ansetzen. Die FDP hat als Hauptgedanken ihrer Vorschläge, die angeblich ein grundlegend neues System für die berufliche Bildung liefern, ein Baukastenmodell herausgestellt, das eine jeweils individuelle Kombination von allgemeinen, politischen betriebskundlichen, ar- beitsrechtlichen und beruflichen Kursen ermöglichen soll. Vorge- schlagen wird damit eine echt "liberale " Lösung: Es werden for- male Bildungschancen angeboten, ohne daß die materiellen Bedin- gungen vorhanden sind, die für die Mehrheit der Bevölkerung glei- che Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten überhaupt erst ge- währleisten könnten. Von der Reichweite ihrer Forderungen her beurteilt ist die SPD 78) weitergegangen. "Integration soll berufsqualifizierende und studiengerichtete Bildungsgänge inhaltlich und organisatorisch zusammenfügen." "Die Integration soll es den Jugendlichen ermög- lichen, eine erste berufliche Qualifikation und gleichzeitig - oder mit nur geringem zeitlichen Mehraufwand - auch die Studien- berechtigung zu erwerben." Die Voraussetzungen für die Verwirkli- chung einer "Gleichwertigkeit beruflicher und allgemeiner Bil- dung" werden aber nicht hinreichend angegeben bzw. auf die in- terne Struktur des Bildungssystems z.B. die rechtlichen Kompeten- zen und den Anteil schulischer Bildung bezogen. Die gesellschaft- lichen Bedingungen für eine Integration werden nicht untersucht, die Forderung ist deshalb kaum mehr als ein unverbindlicher Zu- kunftsentwurf. Daher fallen auch die Schritte: - "1. langfristige Konzeption der Integration von beruflicher und allgemeiner Bil- dung, 2. kurz- und mittelfristige Maßnahmen zur Verbesserung und Wei- terentwicklung aktueller Teilbereiche der Berufsbildung" ausein- ander. Es wird nicht gezeigt, wie die Einzelmaßnahmen auf ein Ge- samtziel hinführen, oder wie es überhaupt erreicht werden kann. Vorschläge zur Berufs- und Bildungsberatung, zur überbetriebli- chen Berufsbildung, zu den Ausbildungsordnungen, zur Qualifika- tion der Ausbilder, zur Kontrolle der betrieblichen Ausbildung, zur Berufsschule und zur Finanzierung setzen jeweils an der aktu- ellen Misere an und nehmen einzelne Verbesserungen vor. Die par- teioffiziellen Vorstellungen der SPD sind insofern reformistisch, als sie bestrebt sind, die gröbsten Mängel der Berufsbildung im Kapitalismus zu beseitigen, ohne zu sehen, daß diese Mißstände von dieser Gesellschaftsformation selbst hervorgebracht und immer wieder verschärft erneuert werden. Als Konkretisierung der Reformkonzeptionen der Bonner Regierungs- parteien wurden vom Bundesministerium für Bildung und Wissen- schaft "Grundsätze zur Neuordnung der beruflichen Bildung (Markierungspunkte)" 79) vorgelegt, die als Vorarbeiten für einen Gesetzentwurf anzusehen sind, für den mittlerweile ein Referen- tenentwurf erarbeitet und wieder zurückgezogen worden ist. Die "inhaltliche und organisatorische Neuordnung der Organisation der Oberstufe mit dem Ziel der vollständigen Integration von berufli- cher Bildung und sogenannter allgemeiner Bildung (Förderung der Verflechtung und Verzahnung) bei Verbesserung der personellen und sachlichen Ausstattung auch der beruflichen Schulen" wird als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine Verbesserung der Qualität der beruflichen Bildung aufgeführt. Obwohl also der Ge- danke der Integration ausdrücklich betont wird, halten die Mar- kierungspunkte an einer Eigenständigkeit der betrieblichen Be- rufsausbildung im dualen System fest. Vor allem fehlt ein überge- ordnetes und einheitliches Konzept für die Entwicklung der Be- rufsbildung im gesamten Bildungssystem. So bleiben die einzelnen Reformpunkte, wie Abstimmung der betrieblichen Ausbildungsordnun- gen und der schulischen Lehrpläne, Ausbau berufsbildender Schu- len, Schaffung überbetrieblicher Ausbildungsplätze, kurzfristige Reaktion auf aktuelle Krisenerscheinungen der Berufsbildung. Die Bundesregierung hat in den . Markierungspunkten Tendenzen, die sich bisher naturwüchsig durchsetzten, aufgenommen und zum Pro- gramm erhoben. In der letzten Fassung der Markierungspunkte gibt es höchstens Ansätze aber keine konkreten Schritte in Richtung auf Integration. 80) Die Antwort der Unternehmerverbände, besonders des Deutschen In- dustrie- und Handelstages, auf die gar nicht umwälzenden Markie- rungspunkte erfolgte einerseits in einer Propagandawoge, in der alle Phrasen vom "freien Unternehmertum" aktiviert wurden, ande- rerseits durch massiven ökonomischen Druck, indem durch Entzug von Ausbildungsplätzen der arbeitenden Jugend gezeigt wurde, wer die Macht in diesem Staat besitzt. In den - DIHT-Markierungspunkten zur beruflichen Bildung" 81) wird heftig auf einer "Eigenständigkeit des beruflichen Bildungs- wesens" bestanden. Das duale System wird als Ergebnis einer lan- gen und sinnvollen Entwicklung hingestellt, so daß Reformkon- zepte, die eine grundlegende Veränderung anstreben von Anfang an zum Scheitern verurteilt seien, weil sie die "Angepaßtheit der Berufsbildung an die Entwicklung in den sozialökonomischen Berei- chen" zerstören. Die Ausbildung in den Betrieben erscheint als einzige Möglichkeit, die Verbindung von Ausbildung und technisch- ökonomischer Entwicklung zu behalten, jede "zentralistische Pla- nung" gefährdet die Berufsbildung. Mängel treten in dieser Per- spektive vor allem bei der schulischen Bildung auf durch fehlende Lehrer und mangelnde Schulbauten. Durch einen "Kreuzzug im Namen der freiheitlichen Ordnung" und eine "Generalmobilmachung gegen soziale Reformen" 82) versuchen die Unternehmerverbände die Wirk- lichkeit zu verwischen und Angst vor Veränderungen zu erzeugen. Eine "Reform" soll nichts anderes bringen als eine bruchlose Wei- terentwicklung des dualen Systems. Demgegenüber haben zumindest Teile des DGB erkannt, daß die In- teressen der arbeitenden Bevölkerung eine grundlegende Verände- rung auch im Bildungsbereich erfordern und daß die Integration dazu unabdingbare Voraussetzung ist. "Reform der Berufsausbildung das heißt Bildungspolitik als Bestandteil eines gesellschaftspo- litischen Konzepts betreiben, dessen Kern die prinzipielle Unver- sehrtheit der bestehenden Gesellschaftsstruktur bildet. Integra- tion allgemeiner und beruflicher Bildung wird überhaupt nur sinn- voll als Bestandteil einer Gesellschaftspolitik, deren Kern das Streben nach Veränderung der gesellschaftlichen Struktur hin zu mehr Gleichheit und Gerechtigkeit ausmacht." 83) Der DGB hat festgestellt, daß die Markierungspunkte gemessen an den gewerkschaftlichen Zielvorstellungen nur Detailkorrekturen bringen und höchstens Teilschritte machen zur Verbesserung der Berufsbildung. "So wird mit der vorgesehenen Neufassung des Be- rufsbildungsgesetzes die Integration von allgemeiner und berufli- cher Bildung nicht erreicht." 84) Durch die geforderte Ausdehnung des Geltungsbereiches des Gesetzes, die Abstimmung zwischen schu- lischer und außerschulischer Berufsbildung und zwischen Erstaus- bildung und Weiterbildung werden zwar Ansätze zu einer Zusammen- fassung des Bildungssystems geliefert, die Abtrennung der Be- rufsausbildung als eigenständiger Bereich bleibt aber bestehen und könnte, wenn man gesetzliche Regelungen im Auge hat, erst durch ein einheitliches und umfassendes "Bildungsgesetz" überwun- den werden. In den "Forderungen des DGB zur beruflichen Bildung" 85) wurde im Rahmen der bildungspolitischen Grundsätze als Zielrichtung die "Verwirklichung gleicher Bildungschancen und die Demokratisierung des Bildungswesens" festgelegt. Dabei muß auf die Zwiespältigkeit dieser Formulierungen hingewiesen werden. Während sie einerseits in der Gefahr schweben, nicht vorhandene Lösungs- und Durchset- zungsmöglichkeiten im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung vorzutäuschen, so werden sie andererseits, wenn die Bedingungen angegeben werden, unter denen sie überhaupt erst verwirklicht werden können, zu Forderungen sozialistischer Politik, die sich gegen den Klassencharakter des bestehenden Bildungssystems selbst wenden. In den "Bildungspolitischen Vorstellungen", 86) den "Forderungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur beruflichen Bildung" 87) und auf der "Bildungspolitischen Konferenz" 88) 1973 wurde ein umfangreicher Katalog bildungspolitischer Ziele und Maßnahmen vorgelegt. Der Integrationsforderung wird in diesem Rahmen ein zentraler Stellenwert eingeräumt. "Insbesondere muß eine Integra- tion von allgemeiner und beruflicher Bildung erfolgen, um die traditionelle Unterscheidung und Diskriminierung der beruflichen Bildung aufzuheben." 89) Gleichzeitig wird eine gegenüber sonsti- gen Vorstellungen weitergehende Lösung gefordert. "Die Gesamt- schule ist dabei verantwortlicher Träger aller beruflichen Bil- dungsmaßnahmen, unabhängig von einer möglichen Einbeziehung au- ßerschulischer Lernorte." Mit diesen Forderungen hat der DGB das umfassendste Integrationskonzept vorgelegt. Allerdings fehlt in den verabschiedeten Programmen einerseits eine klare Einbeziehung der Bildungspolitik in eine Gesamtstrategie der Arbeiterbewegung und andererseits eine präzisere Konkretisierung der Einzel- schritte. Vor allem die Gewerkschaftsjugend, die von den Auswirkungen der Berufsbildung unmittelbar betroffen wird, hat nicht nur Reforman- sprüche angemeldet, sondern auch "Durchsetzungsmöglichkeiten für kurz-, mittel- und langfristige Forderungen" 90) gesucht. Dabei wurde herausgestellt, daß die begrenzten Probleme der Ausbil- dungszeit Auswirkungen der Interessengegensätze zwischen Kapital- besitzern und Lohnabhängigen sind. Wahrend die Unternehmer an der Arbeitskraft nur soweit interessiert sind, wie sie Profit bringt und deshalb auch die Ausbildung an diesem Ziel messen, zeigen sich entscheidende Widersprüche zu den Interessen der Lohnabhän- gigen. "Wenn die Gewerkschaften den Anspruch stellen, das kapita- listische Herrschaftssystem verändern zu wollen, dann müssen sich die Lohnabhängigen auch so qualifizieren können, daß sie bessere Voraussetzungen für den kollektiven Kampf um die Veränderung des augenblicklichen Herrschaftssystems haben." 91) Daher haben die Lohnabhängigen ein von den Unternehmern grundlegend verschiedenes Interesse an Bildung und Ausbildung. Da sie gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, geht es zunächst darum, die Chancen für diesen Verkauf zu erhöhen. Das heißt, daß erstens die fachli- chen Kenntnisse und Fähigkeiten erworben werden müssen, um die konkreten Anforderungen am Arbeitsplatz zu erfüllen. Zweitens aber ist die Anbindung an die Interessen des einzelnen Betriebs aufzuheben, um zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen wählen zu können und sich auf technische Veränderungen einstellen zu kön- nen. Berufsausbildung muß deshalb ein arbeitsplatzunabhängiges Grundlagenwissen und allgemeine Fähigkeiten vermitteln. Trotzdem bleibt dann die Unterordnung der Lohnabhängigen unter die Kapi- talinteressen weiter bestehen. Arbeitsorganisation und Technik werden gestaltet nach den Kosten/Ertrags' Rechnungen der Be- triebe. Nur wenn die Lohnabhängigen die Voraussetzungen für die kollektive Einflußnahme auf die gesellschaftlichen Arbeitsbedin- gungen erwerben, können sie die Verwendung ihrer Arbeitskraft, indem sie den Arbeitsprozeß und die Gesellschaftsstruktur durch- schauen und beherrschen lernen, letztlich selbst bestimmen. Drittens ist deshalb die fachliche Qualifizierung zu verbinden mit einer politischen Bildung, die zur Einflußnahme auf die ge- sellschaftliche Entwicklung befähigt. Dabei wird unter den beste- henden Bedingungen ausgebildet für einen Arbeitsprozeß, der kei- neswegs nach den Interessen der Lohnabhängigen gestaltet ist und für ein Wirtschaftssystem, das für eine umfassende Persönlich- keitsentwicklung der Mehrheit der Bevölkerung keinen "Bedarf" entwickelt. Ausbildung im Interesse der Lohnabhängigen wird also nur dann möglich, wenn nicht nur das Bildungssystem sondern auch das Produktionssystem umgewälzt wird. Bei der Auseinandersetzung um die Berufsbildung geht es um die Stellung der arbeitenden Be- völkerung im Betrieb und in der Gesellschaft. Die Forderungen der Gewerkschaften und der Gewerkschaftsjugend lassen sich in folgenden Grundsätzen zusammenfassen: - Berufliche Bildung darf nicht länger als eigenständiger Bereich abgesondert bleiben. Die Integration der beruflichen und allge- meinen Bildung innerhalb der Sekundarstufe II ist dafür Voraus- setzung. Die Gesamtschule soll dabei als koordinierender Träger aller Bildungsmaßnahmen an den Lernorten Arbeitsplatz, Lehrwerk- stätten und Schule eingesetzt werden. - Die Inhalte der Bildungsprozesse sollen orientiert werden an den Grundsätzen polytechnischer Bildung, welche die allgemeinen Prinzipien aller Produktionsprozesse theoretisch vermittelt und gleichzeitig einführt in den praktischen Gebrauch der Arbeitsmit- tel. - Die berufliche Ausbildung ist als ein Bereich der Mitbestimmung so zu organisieren, daß die Gewerkschaften und die Auszubildenden in allen die Ausbildung betreffenden Fragen maßgeblich entschei- den. Für die Verwirklichung dieser Forderungen kommt es weniger darauf an, großartige abstrakte Konzepte zu entwerfen, sondern vor allem konkrete Strategien zu entwickeln, die es ermöglichen, eine brei- tere umfassendere Bildung und Ausbildung aller Werktätigen durch- zusetzen. 92) Die Realisierung bildungspolitischer Konzepte wird dann vorrangig eine Machtfrage, eine Frage der Stärke der Arbei- terbewegung. "Die entscheidende Voraussetzung dafür ist, daß sie Mitbestimmungsrechte im gesamten Bildungswesen erkämpfen und da- durch die Organisation und die Inhalte in der Bildung bestimmen. Das entscheidende Ziel muß dabei sein, daß durch veränderte Bil- dungsinhalte bessere Voraussetzungen für den gewerkschaftlichen Kampf zur Veränderung des kapitalistischen Gesellschaftssystems geschaffen werden, daß also die Lohnabhängigen schon in der Aus- bildung bessere Voraussetzungen für die kollektive Durchsetzung ihrer Interessen bekommen" 93) Die Integration allgemeiner und beruflicher Bildung als Grundlage für eine umfassende Allgemein- bildung aller Mitglieder der Gesellschaft wird solange Forderung - wenn auch notwendige Forderung bleiben - solange die gesell- schaftliche Arbeitsteilung dominiert wird durch die privaten Pro- fitinteressen. _____ 1) Sachverständigenkommission "Kosten und Finanzierung der beruf- lichen Bildung": KOSTEN UND FINANZIERUNG DER AUSSERSCHULISCHEN BERUFLICHEN BILDUNG (Abschlußbericht), Bonn 1974, (hekt. Ma- nuskr.). 2) Vgl. den Kommentar von Kurt Reumann: "Die Bildungskommission ergreift Partei." "Das Für und Wider der Empfehlungen zur Neuord- nung der beruflichen Bildung"; in : FAZ vom 29.4.74, S. 10. 3) Klaus von Dohnanyi: "Zwischenbilanz zur Bildungsreform", in: GEWERKSCHAFTLICHE BILDUNGSPOLITIK, Heft 2/73. S. 69. 4) "Es ist nicht so, daß allgemeine Bildung auf die Lebensführung außerhalb des Berufes vorbereitet und die berufliche Bildung auf die Ausübung einer Erwerbstätigkeit. Allgemeine Bildung ist viel- mehr Vorbereitung auf die Wahrnehmung der oberen Funktionen in der Pyramide des Erwerbssystems, während berufliche Bildung für die mittleren und unteren Positionen präpariert." Erich Frister: "Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung als Bestand- teil gewerkschaftlicher Politik"; in: GEWERKSCHAFTLICHE MONATS- HEFTE, Heft 3/73, S. 146 f. 5) Karl-Friedrich Wessel: "Grundprobleme des Verhältnisses von marxistisch-lenistischer Philisophie und Pädagogik"; in: DEUTSCHE ZEITSCHRIFT FÜR PHILOSOPHIE, Heft 10/73, S. 1199. 6) Fred Staufenbiel: "Kultur" ; in: PHILOSOPHISCHES WÖRTERBUCH, Leipzig und Westberlin 1969, S. 629. 7) Vgl. dazu das Stichwort "Schöpfertum"; in: KULTURPOLITISCHES WÖRTERBUCH, Berlin 1970, S. 477, wo Schöpfertum als Einheit wirk- lichkeitsverändernder Erkenntnis und entsprechender Tätigkeit verstanden wird. Eingeschlossen darin ist die "... Fähigkeit zur kooperativen Zusammenführung von Teilerkenntnissen und arbeits- teiligen praktischen Handlungen. ... Schöpfertum verlangt die Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten der zu gestaltenden Dinge, Pro- zesse und Systeme sowie Macht, Fähigkeit und organisierte Tätig- keit, diese Gesetzmäßigkeiten entsprechend der menschlichen Ziel- setzung in Aktion und zur Wirkung zu bringen." 8) Fred Staufenbiel: "Kultur"; in: WÖRTERBUCH DER MARXISTISCH- LENINISTISCHEN SOZIOLOGIE; Berlin, Köln und Opladen 1969, S. 261 ff. 9) Karl-Friedrich Wessel: a.a.O. 10) Hinsichtlich des Verhältnisses von Bildung und Feudalismus ist die Statik gesellschaftlicher Verhältnisse kennzeichnend, die durch die Fesselung der Gesellschaftsmitglieder an den Boden als Hauptproduktionsmittel im wesentlichen hervorgerufen wurde, durch die damit verbundene "Borniertheit des Landlebens". Dies gilt auch für die kleine Warenproduktion in den Städten jener Epoche auf der Grundlage eines niedrigen und relativ gleichbleibenden Standes der Technik bei gering entwickelten Makrtbeziehungen. 11) Franz Hofmann: ALLGEMEINBILDUNG. Eine problemgeschichtliche Studie, Köln 1973, S. 28. 12) Vgl. dazu Doris Knab: "Ansätze zur Curriculumreform in der BRD" ; in: betrifft: erziehung, Heft 2/71, S. 15 und: Jürgen Zim- mer: "Curriculumforschung: Chance zur Demokratisierung der Lehr- pläne"; in: DIDACTICA 3, 1969, S. 32. 13) Vgl. Herwig Blankertz: "Kollegstufenversuch in Nordrhein- Westfalen. Das Ende der gymnasialen Oberstufe und der Berufsschu- len" ; in: DIE DEUTSCHE BERUFS- UND FACHSCHULE, Heft 1/72, S. 2. 14) Vgl. dazu Saul Robinson: BILDUNGSREFORM ALS REFORM DES CURRI- CULUM, Neuwied und Berlin 1967. 15) Vgl. dazu Arnold Knauer: "Beruf und Bildung in der DDR" ; in: AUFGABE ZUKUNFT. Qualität des Lebens, Bd. 2, Bildung, Frankfurt 1972, S. 60. 16) Zur Kritik siehe: DGB Bundesvorstand, Abteilung Jugend (Hg.): PROBLEME DER BERUFLICHEN BILDUNG, Düsseldorf o.J. (1973) S. 11 ff. 17) Vgl. z.B. Martin Baethge: AUSBILDUNG UND HERRSCHAFT, Frank- furt o.J., (1970). 18) Vgl. z.B. Fritz Bohle/Norbert Altmann: INDUSTRIELLE ARBEIT UND SOZIALE SICHERHEIT. Eine Studie über Risiken im Arbeitsprozeß und auf dem Arbeitsmarkt, Frankfurt 1973. 19) Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg (Hg.): MANIFEST ZUR REFORM DER BERUFSAUSBILDUNG, Hamburg 1973, (hekt. Manuskr.), S. 4. 20) Kommission "Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung": a.a.O., S. 52. 21) Bund-Länder Kommission für Bildungsplanung: BILDUNGSGESAMT- PLAN, Bd. l, Stuttgart 1973, S. 32. 22) Karl Marx: RESULTATE DES UNMITTELBAREN PRODUKTIONSPROZESSES, Frankfurt 1969,8. 55. 23) Ebenda, S. 39. 24) Die "Gleichgültigkeit" bezieht sich gegenüber den konkret- einzelnen Verwertungsbedingungen auch auf die Allgemeingültigkeit des gesellschaftlichen Produktionsverhältnisses des Kapitals. Im engeren Sinne soll die Gleichgültigkeit hier im Alltagsverständ- nis gemeint sein, also die Gleichgültigkeit des privaten Kapital- verhältnisses gegenüber der lebendigen Arbeit. Dieser Sachverhalt weist auf das Kapitalverhältnis als Herrschaftsverhältnis hin, auf den Objektcharakter der lebendigen Arbeit. 24a) Als solches ist das duale System erst relativ jüngeren Da- tums, da von ihm erst im Zusammenhang der vollen Durchsetzung der Berufsschulpflicht 1937 die Rede sein kann. Vordem gab es nur für höhere Kategorien von Facharbeitern eine besondere fachkundliche Unterweisung in schulischer Form bzw. vor 1920 die Fortbildungs- schule als im wesentlichen eine Ergänzung der Allgemeinbildung der Volksschule. Insgesamt erhielt nur ein Teil der Volksschulab- solventen überhaupt eine Berufsausbildung selbst im heutigen Sinne. Dies gilt vor allem für die weiblichen Volksschulabsolven- ten. 25) Vgl. Helga Deppe-Wolfinger: ARBEITERJUGEND. Bewußtsein und politische Bildung, Frankfurt 1972, S. 149 ff. 26) Vgl. Fritz Vilmar (Hg.): MENSCHENWÜRDE IM BETRIEB, Reinbek 1973. 27) Kommission "Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung": a.a.O., S. 802. Einen Überblick über die Situation in der Berufs- bildung geben auch die folgenden empirischen Untersuchungen der letzten Zeit: Karl-Heinz Diekershoff, Gundolf Kliemt, Sibylle Diekershoff: JUGENDARBEITSSCHUTZ AUS DER SICHT JUGENDLICHER, Es- sen 1972; Reinhard Crusius: DER LEHRLING IN DER BERUFSSCHULE, München 1973; Jürgen Daviter: DER LEHRLING IM BETRIEB, München 1973, Heinen/Welbers/Windszus: LEHRLINGSAUSBILDUNG, Mainz 1972; Laszlo Alex, Heinrich Heuser , Helga Reinhardt: DAS BERUFSBIL- DUNGSGESETZ IN DER PRAXIS, München 1973. 28) Vgl. Fritz Kral: "Wirtschaft bietet immer weniger Ausbil- dungsplätze", Interview mit Vertretern der BfA; in: FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 21.2.74, S. 5. 30) Friedrich Stooß: "Zur regionalen Ungleichheit der beruflichen Bildungschancen in der BRD" ; in: MITTEILUNGEN DES IAB, Heft 2/71, S. 142. 31) A. Jaeger: JUGENDLICHE IN DER BERUFSENTSCHEIDUNG, Weinheim 1973; und Gerd Köhler: "Beratung zwischen Anpassung, Aufklärung und Veränderung", in: STUDENTISCHE POLITIK, Heft 6/7/1973, S. 3. 32) Kommission "Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung": a.a.O., S. 803. 33) Nur ca. 14% der Auszubildenden werden in Großbetrieben be- schäftigt; vgl. DGB Bundesvorstand, Abteilung Jugend (Hg.): a.a.O., S. 3; Armin Hegelheimer: BERUFSBILDUNG UND ARBEITSWELT, Stuttgart 1971, S. 56; zudem bestehen erhebliche qualitative Un- terschiede zwischen einzelnen Ausbildungsgängen innerhalb der Be- triebe. 34) Das Handwerk in der BRD bildet 34% aller Lehrlinge aus, be- schäftigt jedoch nur 15% der Lohnabhängigen; vgl. "Das Handwerk in der BRD", Abbildung in; FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 6.3.1974. 35) Vgl. dazu Wolfgang Dietrich Winterhager: KOSTEN UND FINANZIE- RUNG DER BERUFLICHEN BILDUNG, Stuttgart 1969, S. 37 ff. 36) Gustav Grüner: "Facharbeiterschule und Berufliches Gymnasium. Vorschläge für eine Verknüpfung berufs- und studienbezogener Bil- dungsgänge"; in: VERKNÜPFUNG STUDIEN- UND BERUFSBEZOGENER BIL- DUNGSGÄNGE. Deutscher Bildungsrat, Gutachten und Studien der Bil- dungskommission, Bd. 29; Stuttgart 1974. 37) Kommission "Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung" : a.a.O., S. 48. 38) Hierin findet die zunehmende Kompliziertheit des gesell- schaftlichen Arbeitsprozesses ihren Ausdruck. 39) Winfried Hacker: ALLGEMEINE ARBEITS- UND INGENIEURPSYCHOLO- GIE, Berlin 1973, S. 70 f. 40) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. 1, Berlin 1968, S. 186. 41) Ebenda S. 198. 42) Ders.: DAS KAPITAL, Bd. 3, Berlin 1968, S. 823. 43) A.A. Kusin: KARL MARX UND PROBLEME DER TECHNIK, Leipzig 1969, S. 17 ff. 44) WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE ASPEKTE DES TECHNISCHEN WANDELS IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND, Erster Band, Sieben Berichte, (Kurzfassung der Ergebnisse), Frankfurt 1970, S. 293. 45) Karl Marx: DAS KAPITAL, Bd. l, a.a.O., S. 618. 46) Justina Marx: "Die Entwicklung des Gegensatzes von körperli- cher und geistiger Arbeit im Kapitalismus und ihre Widerspiege- lung in der Entwicklung der Qualifikationsstruktur der Arbeiter- klasse", in: WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT, Heft 5/1973, S. 726. 47) Ebenda, S. 725. 48) H.P. Wolf: "Antizipierendes Denken im Arbeitsprozeß und die wachsende Rolle der Arbeiterklasse", in: WISSENSCHAFTLICHE ZEIT- SCHRIFT KARL MARX UNIVERSITÄT LEIPZIG, gesellschafts- und sprach- wissenschaftliche Reihe, Heft 6/1973, S. 576. 49) Autorenkollektiv unter der Leitung von Heinz Petrak: PROLETA- RIAT IN DER BRD. Reproduktion, Organisation, Aktion, Berlin 1974, S. 58. 50) Erweiterte Reproduktion des Kapitals insgesamt kann entweder vorwiegend "extensiv" oder vorwiegend "intensiv" erfolgen. Dabei wächst im ersten Fall der Umfang der Produktion durch die quantitative Erweiterung der vorhandenen oder die Schaffung neuer, zusätzlicher Produktionskapazitäten ohne Veränderung ihrer Effektivität. Der Aufwand je Produktionseinheit, der Wert der einzelnen Ware bleibt also gleich. Die Mehrwertmasse wächst nur durch die Erhöhung der A r b e i t s i n t e n s i t ä t - z.B. in Form der Vervielfachung der Zahl mechanischer Bewegungen ", Verlängerung der Arbeitszeit und Ausbeutung zusätzlicher Arbeits- kräfte wie Jugendliche, Frauen, Ausländer und Arbeitende aus an- deren Wirtschaftszweigen. Demgegenüber wird in der i n t e n s i v e r w e i t e r t e n R e p r o d u k t i o n das Kapital in einer produktiveren Form reproduziert, was zunächst erhöhten Aufwand in Verbesserung der Technik aber auch der Qualifikation bedeutet. "Die intensiv er- weiterte Reproduktion darf nicht vermengt werden mit den intensi- veren Weg der Erhöhung der Ausnutzung der Produktionsmittel und der Arbeitskräfte. Das Wachstum der Produktion durch Erhöhung der Arbeitsintensität, durch die 'Verdichtung der Poren des Arbeits- tages' , durch die Liquidierung von Stillstandszeiten usw., das ist extensiv erweiterte Reproduktion." (Siehe : PROLETARIAT IN DER BRD, a.a.O. S. 66). Die F a k t o r e n d e r i n t e n s i v e r w e i t e r- t e n R e p r o d u k t i o n sind die Erhöhung des technischen Niveaus des fixen Kapitals, die Vervollkommnung der Technologie, des Fertigungsablaufs, der Organisation von Produktion und Arbeit, die Ökonomisierung der vergegenständlichten Arbeit überhaupt. Dies schließt eine zumindest tendenzielle Verbesserung der Leistungsfähigkeit - also der Qualifikation - der Arbeitenden ein. 51) PROLETARIAT IN DER BRD, a.a.O., S. 83. 52) Ebenda, S. 83/84. 53) Allerdings ist mittlerweile eine Zurücknahme dieser "Ausbil- dereignungsverordnung" erfolgt. Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft: NACHRICHTEN 12/74, S. 3. 54) Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft: RICHTLINIEN ZUR FÖRDERUNG VON ÜBERBETRIEBLICHEN AUSBILDUNGSSTÄTTEN, Bonn 1973. 55) Franz Hofmann: a.a.O., S. 10. 56) z.B. Deutscher Bildungsrat: STRUKTURPLAN FÜR DAS BILDUNGSWE- SEN, Stuttgart 1970; Der Bundesminister für Bildung und Wissen- schaft: BILDUNGSBERICHT 70; Bonn 1970; Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: "Zur Integration beruflicher und allgemeiner Bil- dung. Planspiel einer integrierten Sekundarstufe II, in: IM BRENNPUNKT, 4/1971: STRUKTURFÖRDERUNG IM BILDUNGSWESEN DES LANDES NORD RHEIN-WESTFALEN. "Eine Schriftenreihe des Kultusministers, Heft 17, Ratingen 1972; Günter Ploghaus: "Integration von beruf- licher und allgemeiner Bildung in der Gesamtschuloberstufe, in: DIE DEUTSCHE BERUFS- UND FACHSCHULE, Heft 5/1971, S. 321; Karl- wilhelm Stratmann: "Die Integration von Allgemein- und Berufsbil- dung. Ihre Bedingungen und Konsequenzen," in: DIE NEUE SAMMLUNG, Heft 2/73, S. 153; Wolfgang Lempert: "Materiale Chancengleichheit für Alle? Der Modellversuch Kollegstufe Nordrhein-Westfalen", in: BERUFLICHE BILDUNG ALS BEITRAG ZUR GESELLSCHAFTLICHEN DEMOKRATI- SIERUNG, Frankfurt 1974, S. 257 ff.; Deutscher Bildungsrat: EMP- FEHLUNG ZUR NEUORDNUNG DER SEKUNDARSTUFE II, Bonn 1974; (damit sind nur die wichtigsten Veröffentlichungen erwähnt). 57) Gustav Grüner: a.a.O., S. 12. 58) Z.B. Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (Hg.): FÜR BESSERE BERUFSBILDUNG. Grußwort Staatsminister Dr. Maier, Bayern, München 1973, S. 9. 59) Zum Überblick vgl. Klaus Gülden/Wolfgang Krutz/ Ingrid Krutz- Ahlring: HUMANISIERUNG DER ARBEIT. Ansätze zur Veränderung von Form und Inhalt industrieller Arbeit, Berlin (West) 1973. 60) Karlwilhelm Stratmann: a.a.O. S. 156. 61) Vgl. dazu Auseinandersetzungen um die hessischen Rahmenricht- linien "Deutsch" für die Sekundarstufe I, insbesondere den Streit um die Rolle der Umgangssprache gegenüber der Hochsprache in der Literatur und ihrer Bedeutung im Unterricht. Gerd Köhler/Ernst Reuter (Hg.): WAS SOLLEN SCHÜLER LERNEN? , Frankfurt 1973, insbe- sondere S. 146 ff. 62) G.W. Hegel: ENCYKLOPÄDIE DER PHILOSOPHISCHEN WISSENSCHAFTEN IM GRUNDRISSE, Leipzig 1949, S. XIII; hier zitiert nach Franz Hofmann: a.a.O. S. 58. 63) Ebenda, S. 60. 64) Vgl. den für die traditionelle bürgerliche Pädagogik bis in die sechziger Jahre hinein gültigen Begriff der biologisch deter- minierten Begabungstypen und deren als "naturwüchsig" angenomme- nen Entsprechungen in der Klassenstruktur. 65) Franz Hofmann: a.a.O. S. 61. 66) Heinrich Roth: "Stimmen die Lehrpläne noch? ", in: Frank Ach- tenhagen / Hubert Meyer (Hg.): CURRICULUMREVISION. Möglichkeiten und Grenzen, München 1971. 67) Gustav Grüner: a.a.O., S. 49 f. 68) Dies gilt umsomehr, als beispielsweise innerhalb der Haupt- schule in einigen Bundesländern nochmals eine Auslese durch Lei- stungsdifferenzierung stattfindet. So werden in Bayern nur solche Schüler zur Abschlußprüfung der Hauptschule überhaupt zugelassen, die die Mehrzahl der Fächer erfolgreich im oberen Leistungskurs durchlaufen haben. Gegenwärtig werden dann auch nur ca. 45% der Hauptschüler mit dem Abschluß entlassen, der "in der Wirtschaft" zur Aufnahme in die Berufsbildung anspruchsvollerer und an Bedeu- tung zunehmender technischer Berufe berechtigt, während die übri- gen als "Abgänger" gelten; vgl. Erwin Kitzinger / Gerhard Mahler / Harald Ponader: UNTERRICHT IN DER HAUPTSCHULE. Erläuterungen und Anregungen zu einem Hauptschulentwurf, Donauwörth 1974, S. 288 ff. 69) STRUKTURFÖRDERUNG IM BILDUNGSWESEN ... ; a.a.O. 70) Deutscher Bildungsrat: EMPFEHLUNGEN ZUR NEUORDNUNG DER SEKUN- DARSTUFE II; a.a.O. 71) Herwig Blankertz: Vorwort zu: STRUKTURFÖRDERUNG IM BILDUNGS- WESEN... ; a.a.O. 72) Knut Nevermann: "Anspruchsvolle Perspektive", in: BETRIFFT: ERZIEHUNG Heft 5/74, S. 48. 73) Realistischer scheinen die Vorschläge Grüners zu sein, die Berufsschule in eine wissenschaftsorientierte "Facharbeiter- schule" umzuwandeln und nach ihrem Besuch den Übergang auf ein "Berufliches Gymnasium" zu ermöglichen, das einen höheren Berufs- abschluß mit einer fachgebundenen Studienberechtigung vermittelt. Das Berufliche Gymnasium entspräche gegenwärtig in etwa seinen Abschlüssen nach der Fachoberschule und der Fachschule. Allerdings bleibt natürlicherweise auch bei Grüner die Frage ungelöst, wie entsprechende Leistungsanforderungen im durch- schnittlichen Arbeitsprozeß einer kapitalistischen Produktion, die überdies das Recht auf Arbeit entweder nicht kennt oder zumindest nicht verwirklichen kann, hergestellt werden können. Dies obschon er Ansatzmöglichkeiten in einzelnen industriellen Tätigkeiten sieht, die Unterschiede z.B. zwischen Facharbeitern und Technikern bzw. Technologen von Qualifikation und Tätig- keitsanforderung her einzuebnen. 74) Wolfgang Lempert: a.a.O., S. 269. 75) Rudolf Müller-Oldenburg: "Kritische Stimmen zum Berufsbil- dungsgesetz", in: DIE BERUFSBILDENDE SCHULE, Heft 1/71, S. 63. 76) CDU (22. Bundesparteitag): REFORM DER BERUFLICHEN BILDUNG, Hamburg 1973, (hekt. Manuskr.) . 77) FDP (Argumente zur Bildungspolitik 6): BERUFLICHE BILDUNG IM BAUKASTENSYSTEM, Bonn 1974. 78) SPD (Berufsbildung): ZIELE UND MASSNAHMEN, Reihe Bildungspo- litik, Heft l; Bonn 1973, insbes. S. 9f. Demgegenüber hat die DKP in: VORSCHLÄGE FÜR EIN DEMOKRATISCHES BILDUNGSWESEN, Düsseldorf 1970, weitreichende Forderungen zum Recht auf Ausbildung für alle Jugendlichen, Mitbestimmung der Gewerkschaften und Arbeiterju- gendorganisationen aufgestellt. 79) Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft: GRUNDSÄTZE ZUR NEUORDNUNG DER BERUFLICHEN BILDUNG (Markierungspunkte); Bonn 1973. Nach den letzten Äußerungen des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft, Rohde, sind auch die Markierungspunkte als hi- storisches Material anzusehen. 80) Otto Semmler: "Markierungspunkte für eine Reform der Berufs- bildung", in: DIE DEUTSCHE BERUFS- UND FACHSCHULE, Heft 12/73, S. 883 und Stellungnahme des DGB: "Zu den Markierungspunkten der Bundesregierung für die berufliche Bildung vom 15. November 1973", in: ERZIEHUNG UND WISSENSCHAFT, Nummer 3/74, Materialien und Dokumente. 81) Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung: DOKU- MENTATION ZUR BILDUNGSPOLITIK UND BERUFSBILDUNG. DIHT-Markie- rungspunkte zur beruflichen Bildung, Bonn 1973. 82) "Loderer sieht Mobilmachung", in: FRANKFURTER RUNDSCHAU, vom 30.3.1974. 83) Erich Frister: a.a.O., S. 151. 84) Stellungnahme des DGB: "Zu den Markierungspunkten ..." , a.a.O. 85) FORDERUNGEN DES DGB ZUR BERUFLICHEN BILDUNG, Düsseldorf 1972. 86) BILDUNGSPOLITISCHE VORSTELLUNGEN DES DEUTSCHEN GEWERKSCHAFTS- BUNDES, Düsseldorf 1972. 87) FORDERUNGEN DES DGB ... , a.a.O. 88) Siehe die Materialien zur Bildungspolitischen Konferenz des DGB 1973 in Essen in: DGB GEWERKSCHAFTLICHE BILDUNGSPOLITIK, Heft 1/73 und die Konferenzprotokolle in Hell 2/73. 89) FORDERUNGEN DES DGB ... , a.a.O., S. 4 und S. 8. 90) DGB-Bundesvorstand, Abteilung Jugend: PROBLEME DER BERUFLI- CHEN BILDUNG, a.a.O., S. 2. 91) Bundesarbeitstagung der DGB-Jugend: "Gewerkschaftsjugend und berufliche Bildung", in: GEWERKSCHAFTSSPIEGEL 4/73, S. 45. 92) So beschränkt sich z.B. die SDAJ darauf, zunächst solche For- derungen in den Vordergrund zu stellen, die durch die Aktivität der jungen Arbeiter und Angestellten selbst verwirklicht werden können: Durchsetzung des Zweiten Berufsschultages, theoretische Durchdringung auch der fachpraktischen Ausbildung im Betrieb. Die Beschlüsse des Bildungskongresses der Jungsozialisten in der SPD in Saarbrücken 1973 zeigen ebenfalls Ansätze konkreter Durchset- zungsstrategien im Bereich der Berufsbildung. 93) DGB-Bundesvorstand, Abteilung Jugend: PROBLEME DER BERUFLI- CHEN JUGEND, a.a.O. zurück