Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
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Winfried Wotschack
DDR-FORSCHUNG UNTER ANPASSUNGSZWANG
Die materielle Lebensweise und die ihr entsprechenden ideologi-
schen Formen ergeben als Bereiche der Gesellschaft einen spezifi-
schen Zusammenhang. Sind es die materiellen Verhältnisse, die in
widersprüchlicher Weise die ideologischen und politischen Formen
hervorbringen, so üben die verschiedenen Momente des Überbaus, um
eine oft von bürgerlichen Theoretikern zitierte Passage aus einem
Brief von F. Engels (an J. Bloch vom 21./22. Sept. 1890) zu er-
wähnen, auf der Basis der ökonomischen Lage "auch ihre Einwirkung
auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in
vielen Fällen vorwiegend deren F o r m." Die bürgerlichen Pro-
duktionsverhältnisse als historische Stufe der Organisation ge-
sellschaftlicher Produktion bedingen - selbst ein Bestandteil der
bürgerlichen Gesellschaft - die Verkehrung realer Verhältnisse in
der bürgerlichen Ideologie. Den bürgerlichen Auffassungen von den
Verhältnissen in den sozialistischen Ländern liegt diese
'naturwüchsige' Verkehrung zugrunde.
Die theoretisch-ideologischen Konzeptionen als Reflex der Exi-
stenzbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft sind heute zuneh-
mend weniger aus den materiellen Bedingungen des Kapitalismus al-
lein zu bestimmen. Die Existenz der sozialistischen Gesellschaft
bedingt die (historisch sich wandelnde) Reaktion durch das kapi-
talistische System. D.h., die relativ eigengesetzlichen ideolo-
gisch-politischen Bereiche bringen unter dem Einfluß der soziali-
stischen Gesellschaft Wirkungen hervor, die andere Teile der Ge-
sellschaft beeinflussen, die selbst die ökonomische Basis des Ka-
pitalismus nicht unberührt lassen. Die dem Kapitalismus eigenen
Gesetzmäßigkeiten erfahren eine Modifikation durch die politisch-
strategischen Notwendigkeiten hinsichtlich des sozialistischen
Weltsystems.
Die von den bürgerlichen Verhältnissen unterschiedenen soziali-
stischen Verhältnisse werden in der bürgerlichen Ideologie we-
sentlich ebenfalls zu bürgerlichen Formen gesellschaftlicher Or-
ganisation. Die Fortentwicklung der sozialistischen Gesellschaft
bringt entsprechend erst mittelbar, über die Erkenntnis des ver-
änderten Kräfteverhältnisses der antagonistischen Systeme, ideo-
logisch-theoretische Formwechsel hervor. Insbesondere die Versu-
che der Analyse der sozialistischen Gesellschaft sind deshalb ei-
nerseits als Reflex realer gesellschaftlicher Veränderungen ab-
hängig von der Entwicklung sowohl der bürgerlichen wie der sozia-
listischen Gesellschaft. Als Bestandteil der bürgerlichen Ideolo-
gie sind die verschiedenen Kommunismus-Auffassungen andererseits
grundsätzlich ideologisch-theoretische und strategiebildende Auf-
fassungen der konkreten internationalen Situation; d.h. sie sind
unmittelbar bestimmt erst durch die W e c h s e l w i r k u n-
g e n der entgegengesetzten Gesellschaftssysteme.
Da abhängig von materiellen gesellschaftlichen Bewegungen, sind
die Formwechsel in der bürgerlichen Analyse sozialistischer Län-
der - einschließlich des auf der Basis bestimmter Gesellschafts-
theorien zur Anwendung kommenden Instrumentariums und der Ar-
beitsweise - selbst Ausdruck eines objektiven Entwicklungs- bzw.
Anpassungsprozesses. Die realen Konflikte spiegeln sich auf theo-
retischer Ebene in Modifikationen bürgerlicher Gesellschaftsauf-
fassungen wider. Auch eine gegenwärtige zu verzeichnende Tendenz
bestimmter Teile der 'Kommunismusforschung', die Forderung nach
wirklichkeitsnäherer Analyse auch des kapitalistischen Systems,
trägt den internationalen Entwicklungen Rechnung. Die Analysen
sozialistischer Verhältnisse schlagen - gleichsam als Rückwirkung
- um in Versuche, die eigene Gesellschaftsordnung schärfer zu er-
kennen.
In der Entwicklung der mit der Analyse sozialistischer Gesell-
schaft befaßten Wissenschaftsdisziplinen sind aufgrund der engen
(bis direkten) Verbindung mit der praktischen Politik eigene Evo-
lutionslinien, wenn überhaupt, nur am Rande auszumachen: Die
Richtungsänderungen in der 'Kommunismusforschung' erfolgten be-
dingt durch Reaktionen auf internationale Veränderungen in der
politischen Sphäre. Der Anpassung der 'Kommunismusforschung' (und
der DDR-Forschung) an strategische Erfordernisse trägt die nach-
folgende ideologiekritische Arbeit Rechnung. Die scheinbare Viel-
falt der gegenwärtigen Anschauungen über die sozialistische Ge-
sellschaft wird folglich als historisch, aus strategischen Erfor-
dernissen, entstanden betrachtet. Aus bestimmten einschneidende-
ren Umorientierungen der Außenpolitik lassen sich die Hauptformen
der Sozialismus-Theorie ableiten, die in ihren Verbindungsmög-
lichkeiten als Vielfalt erscheinen.
Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges sind für die 'Kommunismus-
forschung' zwei grundsätzliche Umorientierungsprozesse zu ver-
zeichnen, deren Ausdruck jeweils ein Streit um Methoden war.
Auslösendes Moment für die Dominanz bestimmter Strömungen
innerhalb der 'Kommunismusforschung' waren - wie es die
'Kommunismusforschung' der Gegenwart selbst reflektiert - Kursän-
derungen in der Außenpolitik gegenüber den sozialistischen Staa-
ten. Insgesamt läßt sich die 'Kommunismusforschung' über das Mit-
telglied der Politik als verzerrtes Spiegelbild des sich verän-
dernden internationalen Kräfteverhältnisses auffassen. Folge die-
ses Wandels ist das quantitative und qualitative Anwachsen der
international verflochtenen 'Kommunismusforschung'. Insbesondere
zwei Gründe machen es unumgänglich, deren Entwicklung in unmit-
telbarem Zusammenhang mit den Bestrebungen maßgeblicher politi-
scher Kreise zu analysieren: Einmal fassen sich die 'Kommunismus-
forscher' selbst als (widersprüchlich) verbunden mit den poli-
tischen Anforderungen auf (besonders, was die Finanzierung und
die personelle Verflechtung betrifft); zweitens verlangen die
politischen Entscheidungen der bestimmenden Kreise in den
kapitalistischen Ländern im Gegensatz zu der früheren 'Naturwüch-
sigkeit' zunehmend stärker nach wissenschaftlicher Fundierung.
I. Zur Entwicklung der 'Kommunismusforschung' nach 1945 1)
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In dem folgenden kursorischen Abriß der Entwicklungen und Verän-
derungen innerhalb der 'Kommunismusforschung' der BRD und West-
berlins und damit auch der Bestimmung entscheidender Einschnitte
- als sich aus realen Entwicklungen ableitende ideologische Zäsu-
ren - werden die verschiedenen bürgerlichen Konzeptionen weitge-
hend als 'ideale' Theorien über den Sozialismus aufgefaßt. Sie
bedeuten damit in gewisser Weise eine Abstraktion von den in der
Regel vermischten Ansätzen. Entscheidend ist, daß nicht nur die
grundlegende Strategie gegenüber dem Sozialismus sich bis in die
Gegenwart erhalten hat, sondern ebenso wie die politischen Akti-
vitäten sind auch die einzelnen Momente der verschiedenen histo-
rischen Grundmodelle des Sozialismus - zum Teil modifiziert -
heute nebeneinander anzutreffen.
1. Dominanz der 'Totalitarismus'-Konzeption
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Die als Korrelat zur Politik der 'Eindämmung' sozialistischer
Staaten dominierende 'Sozialismus'-Theorie bestand in der
'Totalitarismus'-Konzeption, welche - ausgehend von den USA - in
der BRD und Westberlin bis in die 60er Jahre hinein weiteste Ver-
breitung fand. Diese Theorie hatte im wesentlichen den
'totalitären' Kommunismus als permanente Bedrohung der bürgerli-
chen Gesellschaft nachzuweisen, um die weitgefächerten Aktionen
gegen den Sozialismus - von militärischen über Wirtschaftsblocka-
den bis zur ideologischen Diversion - ideologisch zu untermauern.
Unter Berücksichtigung von nach der Zerschlagung des Faschismus
weit verbreiteten antifaschistischen und antiimperialistischen
Einstellungen schien der 'Ostforschung' mit dem 'Totalitarismus'-
Konzept am wirkungsvollsten ein neues Feindbild konstruierbar,
indem eine Wesensgleichheit von Faschismus und Sozialismus sugge-
riert, der Kommunismus auf dieser Grundlage aber als der
'totalitäre' Hauptfeind bezeichnet wurde. Die Hauptaufgabe der
'Ostforschung' in der BRD lag in ihrer Ideologieproduktion in be-
zug auf die westdeutsche Bevölkerung. Der Leser aller einschlägi-
gen Schriften "sollte instandgesetzt werden, die Einnebelungen zu
durchdringen, die mit den Methoden marxistischer Dialektik und
bedenkenloser Unwahrhaftigkeit zwar mit sehr mäßiger Wirkung den
Untertanen gegenüber, mit um so durchschlagenderem Erfolg jedoch
gegenüber der westlichen Welt und speziell auch gegenüber den
Bürgern der Bundesrepublik betrieben wird." 2)
Der deutsche Imperialismus hatte - anders als im ersten Weltkrieg
- im Ergebnis des zweiten Weltkrieges nicht nur einen Gebiets-,
d.h. einen ökonomischen Verlust erfahren. Auf dem Gebiet des ehe-
maligen Deutschen Reiches existierte eine Gesellschaftsordnung,
die sich als gesellschaftliche Alternative auswies. Die Politik
der 'Abschaffung der DDR' - 'rechtlich' durch das Bonner Grundge-
setz abgesichert - hatte folglich in besonderem Maße die Immuni-
sierung der westdeutschen und Westberliner Bevölkerung zu gewähr-
leisten. Jeder Erfolg gegen die DDR wurde zum Erfolg des Antikom-
munismus und seines Bestandteils, der 'Ostforschung'. Diese be-
ruhte im wesentlichen in der ideologischen Umsetzung der von der
Bundesregierung verfolgten außenpolitischen Taktik: Durch die
'Politik der Stärke' sollte die DDR von anderen sozialistischen
Ländern isoliert werden, falls die sozialistischen Länder nicht,
einschließlich der Sowjetunion, insgesamt 'befreit' werden konn-
ten. Zugleich sollte der - als unvermeidlich prophezeite - wirt-
schaftliche Zusammenbruch der DDR durch ein entsprechendes Kon-
sumgefälle und der damit verbundenen Abwerbung von DDR-Bürgern
beschleunigt werden. 3)
Aus dem besonders direkten Zusammenhang von Politik und
'Kommunismusforschung' machen die sich mit den sozialistischen
Ländern befassenden bürgerlichen Theoretiker der Gegenwart keinen
Hehl: "'DDR-Forschung'", schreiben z.B. K. Sontheimer und W.
Bleek, "stand ... in der Bundesrepublik von Anfang an unter poli-
tischen Vorzeichen, d.h. sie diente im wesentlichen den politi-
schen Zielen der Bundesregierung." Der "politischen Phase der
Ignorierung und Disqualifizierung der DDR entsprach eine wissen-
schaftliche Beschäftigung mit der DDR, die vor allem darauf ab-
zielte zu zeigen, daß dieser Staat totalitär und somit unfrei-
heitlich und undemokratisch sei,... und daß seine Politik im we-
sentlichen im Vollzug von Direktiven aus Moskau bzw. der in Ost-
deutschland residierenden Statthalter der Sowjetmacht bestünde."
4)
Die bürgerliche Gesellschaft galt der 'Ostforschung' ohne Ein-
schränkung als Gesellschaft schlechthin, die Entwicklung des So-
zialismus in den osteuropäischen Staaten als Betriebsunfall der
Geschichte. Indem die sozialistischen Verhältnisse in der DDR al-
lein als Produkt sowjetischer Eingriffe gewertet wurden, erhob
man den Ablösungsprozeß vom Kapitalismus in den Rang der Zufäl-
ligkeit.
Wenn seit einigen Jahren der 'Totalitarismus'-Theorie Ineffekti-
vität vorgeworfen wird, dann erscheint dies zwar berechtigt hin-
sichtlich ihrer strategiebildenden Funktion. Unter der Annahme
eines schnellen Zusammenbruchs der DDR mußte sich ihre absolute
Verketzerung aber als angemessenste Methode kurzfristig zu erzie-
lender Einstellungen in der eigenen Bevölkerung darstellen.
Fußend auf der starren Gegenüberstellung von 'freiheitlich-demo-
kratischem' Kapitalismus und totalitärem' Kommunismus hatte die
sozialistische Gesellschaft im wesentlichen als statische Gesell-
schaft zu gelten, womit infolge der Weiterentwicklung des Sozia-
lismus die strategiebildende Funktion des 'Totalitarismus'-Kon-
zepts zunehmend weniger erfüllt werden konnte. 5)
2. 'Naive Konvergenzthese'
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Die Entwicklungen gegen Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre ver-
anlaßten die herrschende Klasse (vor allem in den USA) zur Modi-
fikation der Außenpolitik gegenüber dem Sozialismus: Die 'roll-
back'-Strategie hatte sich infolge der Weiterentwicklung der so-
zialistischen Länder als irreal erwiesen. Unter anderem vertrat
H. Kissinger ab Ende der 50er Jahre eine Taktik lokaler, begrenz-
ter Kriege, eine militärisch 'flexible Reaktion' statt der Dok-
trin der 'massiven Vergeltung'. Scharf kritisierte dann Kennedy
in seinem 1960 veröffentlichten Buch "Strategie des Friedens" die
amerikanische Politik der 50er Jahre. Er war der Auffassung, daß
"die vor acht Jahren stolz verkündete 'Befreiungs'-Politik ...
sich als Betrug und Blendwerk erwiesen hat)." 6) In der militäri-
schen Doktrin der 'massiven Vergeltung' sah er eine negative Wir-
kung, da sie angesichts der Gefahr eines globalen Krieges zum fe-
steren Zusammenschluß der sozialistischen Länder führte. Den USA
bliebe daher keine Möglichkeit einer differenzierten Politik ge-
genüber einzelnen sozialistischen Staaten.
Nach Kennedys Taktik der 'friedlichen Einbeziehung' der soziali-
stischen Länder sollten diese - nach Gruppen aufgeteilt - ideolo-
gisch und wirtschaftlich im Sinne der USA beeinflußt werden, um
ihren Umschlag in den Kapitalismus zu erzielen. Bis etwa 1963 war
die amerikanische Außenpolitik jedoch sowohl durch Elemente der
'Eindämmung' (Kuba, Vietnam) wie auch der 'friedlichen Einbezie-
hung' geprägt. 1963 propagierte Kennedy dann eine Politik, die
Johnson 1964 als Doktrin des "Brückenschlags nach Osteuropa" of-
fiziell verkündete. Entscheidendes Glied dieser Konzeption war
die Entzweiung der sozialistischen Länder, ihre 'Erosion'.
Der Umorientierungsprozeß in der Bundesrepublik, d.h. im wesent-
lichen die Anpassung an die amerikanische Politik, umfaßte die
Zeitspanne bis Mitte der 60er Jahre. Nach dem Rücktritt K.
Adenauers versuchte Außenminister G. Schröder seit 1962/63 gegen
den Widerstand einer Gruppierung um K. Adenauer, F.J. Strauß und
von Guttenberg eine differenzierte, auf die Isolierung der DDR
gerichtete Taktik durchzusetzen, womit die Regierung Erhard den
Anschluß an die USA erreichen und die außenpolitische Stagnation
überwinden wollte.
In die auseinandergehenden taktischen Positionen der Bundesregie-
rung und der USA versuchte die Gruppe um W. Brandt sich vermit-
telnd einzuschalten, Brandts Pressechef E. Bahr legte am
15.7.1963 vor der Evangelischen Akademie in Tutzing seine 'neue
Ostpolitik' dar. Angeleitet von der Kennedy'schen 'Strategie des
Friedens', erklärte er: "Die amerikanische Strategie des Friedens
läßt sich auch durch die Formel definieren, daß die kommunisti-
sche Herrschaft nicht beseitigt, sondern verändert werden soll."
Die Politik des Alles oder Nichts würde in Zukunft ausscheiden:
"Die Zone muß mit Zustimmung der Sowjets transformiert werden ...
Das ist eine Politik, die man auf die Formel bringen könnte: Wan-
del durch Annäherung." 7) Vorerst erfolglos, fand schließlich die
Gruppe um W. Brandt mit Teilen der CDU/CSU eine übereinstimmende
Taktik, die zur Grundlage der großen Koalition wurde.
Die insgesamt wenig flexible Reaktion der Außenpolitik der Bun-
desregierung und besonders der 'Kommunismusforschung' ist augen-
fällig. Weder hatte die offizielle 'Kommunismusforschung' den Po-
litikern einen Entscheidungsvorlauf verschaffen können, da wenig
oder nur stark verzerrte Daten vorlagen. 8) Noch war sie fähig,
einen Prozeß einzuleiten, der die Bevölkerung auf die Erforder-
nisse einer modifizierten Ostpolitik vorbereiten konnte. 9)
Der dennoch sich langsam in Gang setzende Prozeß der ideologisch-
konzeptionellen Umorientierung der 'Kommunismusforschung' brachte
in den 60er Jahren hinsichtlich der Analyse der DDR eine Ver-
schiebung des Schwergewichts auf die Strategiebildung in einer
Einseitigkeit mit sich, deren Grenzen Ende der 60er Jahre immer
offensichtlicher wurden. Der Forschungsschwerpunkt zur Analyse
der DDR verschob sich seit Anfang der 60er Jahre von der So-
wjetunion auf die DDR. Statt des einen Extrems - der Nichtberück-
sichtigung aktueller Entwicklung in der DDR - geriet die
'Kommunismusforschung' in ein anderes: Die Spezifik der DDR wurde
von den allgemeinen Prozessen sozialistischer Entwicklung losge-
löst und verabsolutiert. Der nicht zu übersehende strategische
Hintergrund - das 'Erosions'-Konzept - bedingte die theoretische
und methodologische Neuformierung, die Veränderungen in der Orga-
nisation mit sich brachten. Schon bestehende Institutionen der
'Ost-Forschung' spezialisierten sich (Einführung von Teildiszi-
plinen, z.B. der DDR-Forschung und der 'Sino-Kommunismusfor-
schung'), oder es wurden direkt neue Forschungsinstitutionen ge-
schaffen. Bürgerliche Gesellschaftswissenschaften - besonders So-
ziologie und Politikwissenschaft - wurden in die zuvor hauptsäch-
lich von Slawisten und Historikern betriebene 'Ostforschung' in-
tegriert. Als das den Erfordernissen der 'neuen Ostpolitik' ent-
sprechende effektive Grundmodell des Sozialismus wurde nach dem
Vorbild der USA die ursprünglich für den Kapitalismus entwickelte
Theorie von der 'modernen Industriegesellschaft' als 'Sozialis-
mus-Theorie' übernommen.
Zu Beginn der 60er Jahre mußte die Frage, "... ob und wie wir die
Unzufriedenheit im Lager unserer Gegner ausnutzen sollten ..."
10) noch präzisiert werden. Während der 60er Jahre erlangte die
Vorstellung einer automatischen 'Konvergenz' - des Sozialismus
zum Kapitalismus - einige politische Bedeutung. Wie der Kapita-
lismus sich aufgrund von 'Sachzwängen', also spontan zur
'nachkapitalistischen' Gesellschaft entwickeln würde, so wurde
der Sozialismus ebenfalls als ein sich spontan entwickelnder Pro-
zeß betrachtet. Eine scheinbare Untermauerung erhielt diese Kon-
zeption durch das Zusammenfallen der wissenschaftlich-technischen
Entwicklung mit der in den 60er Jahren zeitweiligen Prosperität
innerhalb des kapitalistischen Krisenzyklus. 11)
Eine entsprechende Bewertung (nämlich die Verabsolutierung) der
Entwicklung der Produktivkräfte gab den theoretischen Hintergrund
ab. Diese theoretische Richtung kam zu der Auffassung, daß sich
die Überbauverhältnisse des Sozialismus zwangsläufig verändern
würden, was dann die Wandlung der Eigentumsverhältnisse (in im
wesentlichen kapitalistische) nach sich ziehen würde.
Nach dieser 'naiven Konvergenzthese' 12), zu deren Vertretern W.
Rostow, R. Aron, H.F. Achimow, E. Lemberg zu rechnen waren, er-
schien der Sozialismus als eine sich im "Stadium der Entwicklung
zur Reife" befindende "Industriegesellschaft". 13) Der Sozialis-
mus galt als mögliche Alternative zur früh-kapitalistischen Indu-
strialisierung, als "Ersatz-Frühkapitalismus" 14), Sozialismus
und Kapitalismus als "zwei Arten ein und derselben Gattung oder
zwei Abwandlungen ein und desselben sozialen Typs ..." 15) "Mit
dieser Art Fragestellung vermag man, von vornherein, den Gegen-
satz Sozialismus-Kapitalismus zu vermeiden und Sozialismus und
Kapitalismus als zwei Abwandlungen derselben Gattung, nämlich der
industriellen Gesellschaft anzusehen." 16)
Auf der Grundlage der vermeindlichen Unvermeidlichkeit der Trans-
formation und 'Erosion' des Sozialismus einerseits und der ver-
geblichen Bemühungen, ein ideologisches Gegenprogramm zur marxi-
stisch-leninistischen Theorie aufzustellen andererseits, fand die
'naive Konvergenzthese' ihre Entsprechung in der These von der
Entideologisierung des gesellschaftlichen Lebens, dem "Ende der
Ideologie". 17)
Die These der 'Entideologisierung' war in den 60er Jahren auch
Bestandteil des 'demokratischen Sozialismus'. Nachdem die SPD in
den 40er Jahren die Konzeption eines 'dritten Weges' zwischen Ka-
pitalismus und Sozialismus vertreten hatte, stellte sie sich in
den 50er und 60er Jahren zunehmend stärker hinter die kapitali-
stische Entwicklung. Der sozialdemokratische Theoretiker G.
Bartsch erklärt 1966 die Ziele des Sozialismus für im Grunde ver-
wirklicht, denn in den 'Industriegesellschaften' des Westens
seien die "ehemaligen Grenzen zwischen Arbeiterschaft und Bürger-
tum ... zerflossen". Eine neue Gesellschaft erübrige sich.
"Zunächst, weil sie in Gestalt der industriellen Gesellschaft
schon da ist, aber auch deshalb, weil die Industriegesellschaft
soviel Sozialismus in sich aufgenommen hat, wie sich mit ihrer
Funktion vereinbaren läßt... Der Sozialismus in seiner alten Form
ist überholt, weil die sozialistischen Ziele bei uns weitgehend
erreicht sind, soweit sie realisierbar waren." 18)
3. Die Evolutionskonzeption
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Auslösendes Moment für eine erneute Modifikation und Neueinschät-
zung der Außenpolitik, entsprechend der Entwicklung innerhalb des
sozialistischen Systems und zutage getretener Entwicklungsschwie-
rigkeiten des Kapitalismus, waren die Ereignisse in der CSSR im
Jahre 1968. Die Kritik an bestimmten konzeptionellen Auffassungen
erfuhr einen Höhepunkt. Der Ende der 60er Jahre entstandenen po-
litischen Situation entsprach (wie zu Beginn der 60er Jahre) eine
ideologische Zäsur, die sich auf die 'Kommunismusforschung' aus-
wirkte.
Unter der Nixon-Administration traten Termini wie kommunistische
Bedrohung', 'Roll back' und 'Brückenschlag' weitgehend zurück,
ein Ausdruck der neuen politischen Situation beim Übergang in die
70er Jahre. "Wir sind zur Koexistenz gezwungen", verdeutlichte H.
Kissinger 1972 die Lage der Vereinigten Staaten, "und haben die
unausweichliche Verpflichtung, gemeinsam nach einem Fundament des
Friedens zu suchen. Die Erkenntnis dieser Realität ist Anfang und
Ende einer zeitgemäßen und wirksamen Außenpolitik." 19) Hierbei
wird die politische Lage in den USA neben der Entwicklung des in-
ternationalen Kräfteverhältnisses 20) zunehmend durch die Ausein-
andersetzungen politischer Fraktionen in den USA selbst bestimmt.
21) Erforderlich war die Anpassung der globalen Strategie der USA
an neue Bedingungen: "Wir haben", schrieb R. Nixon, "unsere
grundlegende Auffassung von Amerikas Ziel beibehalten, doch die
Art und Weise, in der dieses Ziel verfolgt wird, den sich verän-
dernden Verhältnissen einer sich verändernden Welt angepaßt." 22)
Entscheidend für die Einschätzung der Politik gegenüber dem So-
zialismus ist die Auffassung von der Notwendigkeit einer Politik
der Entspannung. Auch die Bundesrepublik mußte "zur Kenntnis neh-
men, daß die weltpolitischen Kräfteverhältnisse sich seit 1963
nicht zugunsten des Westens verschoben hatten." 23) Die Erwartun-
gen, die in die Ostpolitik der 60er Jahre gesetzt worden waren,
hatten sich nicht erfüllt, die separate 'Wandlung' der DDR als
Folge des 'Brückenschlags' war ausgeblieben. Als zentrales Moment
der Politik gegenüber dem sozialistischen Weltsystem trat die
'Wandlung' der sozialistischen Länder insgesamt in den Vorder-
grund; das Konzept der 'Erosion' wurde differenzierter.
Es ergibt sich die Frage nach den Konsequenzen für "... das poli-
tische und wissenschaftliche Interesse, das man in der Bundesre-
publik dem anderen Teil Deutschlands entgegenbringt", und dessen
grundsätzliche Umorientierung Sontheimer/Bleek erst für das Jahr
1969 ansetzen. 24) Auch W. Pfeiler z.B. konstatiert die Umorien-
tierung in "... wissenschaftliche Forschungsinstitute im eigent-
lichen Sinne ... eigentlich erst Ende der 60er Jahre." 25)
Die Industriegesellschaftstheorie in der optimistischen Form der
'naiven Konvergenzthese' hatte trotz ihrer Verbreitung in den
60er Jahren nie die ungeteilte Zustimmung der 'Kommunismusfor-
schung' erlangt. Schon 1963 hatten Z. Brzezinski und Huntington
bezweifelt, daß in der UdSSR Anzeichen für den 'Wandel' zur
Konvergenz sichtbar wären. Da die USA und die UdSSR, schrieben
sie, "bisher Erfolg hatten, ist nicht anzunehmen, daß sie sich
entscheidend ändern werden." 26) Und 1965 kennzeichnete
Brzezinski den Vorlauf der amerikanischen Politik: "Anstatt dar-
auf zu warten, daß die kommunistische Herrschaft zusammenbricht,
wollten die Vereinigten Staaten künftig evolutionäre Änderungen
in den einzelnen kommunistischen Ländern und im sowjetischen
Block als Ganzem fördern. Bei der Verfolgung dieser Politik er-
griffen sie vor den westeuropäischen Staaten die Initiative ..."
27)
Es ist ersichtlich; daß schon während der Dominanz der 'naiven
Konvergenztheorie' ein theoretisches Konzept vorbereitet wurde,
mit dem die (theoretisch angenommene) Überflüssigkeit von offen-
siven Versuchen zur Einwirkung in die sozialistischen Länder
überwunden wurde und zugleich, entsprechend den durch die reale
Lage verminderten Möglichkeiten, diese Einwirkung effektiviert
werden konnte. Diese neue Form der Industriegesellschaftstheorie,
die Evolutionskonzeption 27a), erfuhr ihre Verbreitung in Zusam-
menhang mit den Ereignissen in der CSSR im Jahre 1968. Die
Grundaussage dieser Theorie besteht in der Feststellung, daß für
den 'Wandel' sozialistischer Länder die industrielle Entwicklung
keine ausreichende Bedingung ist, denn der sozialistische Überbau
verhindere (entgegen der 'Naturwüchsigkeit' wirtschaftlicher Ent-
wicklung) eine 'Konvergenz'. Deshalb gäbe es "... keinen Sach-
zwang zur Konvergenz, der zielstrebiges politisches Handeln über-
flüssig macht". 28)
Schon 1968 schreibt Kassof in einem Sammelband unter seiner Re-
daktion: "Dem unvoreingenommenen Beobachter fällt weniger der Un-
terschied zwischen der sowjetischen und der westlichen Indu-
striegesellschaft als vielmehr ihre Ähnlichkeit auf. Ungeachtet
der äußerlichen Ähnlichkeit zeichnet sich jedoch die sozialisti-
sche Variante der Industriegesellschaft ab, die sich von der ka-
pitalistischen unterscheidet. Deshalb liegt kein Grund zu der An-
nahme vor, daß die Sowjetunion mit Notwendigkeit dem Westen ähn-
lich wird, daß eine Konvergenz erfolgen wird." 29) Womit der So-
zialismus nicht mehr als 'Nebenweg' (Rostow) zu einer hochindu-
strialisierten - d.h. im Ergebnis kapitalistischen - 'Industrie-
gesellschaft' betrachtet wird. Brzezinski, Mitglied des Außen-
politischen Planungsstabes, kritisiert in Anbetracht der
Entwicklung in der CSSR "... den schlichten Optimismus der 60er
Jahre,... insbesondere soweit, als er sich auf die angebliche
'Konvergenz' des kommunistischen und demokratischen Systems be-
zog." 30)
Die durch die Evolutionskonzeption begründete Auffassung von der
Entwicklung des Sozialismus lenkte in den letzten Jahren die Auf-
merksamkeit der 'Kommunismusforschung' zunehmend stärker auf den
sozialistischen Überbau und insbesondere auf die Rolle der Partei
und Ideologie. Auf dem Hintergrund der nur durch ä u ß e r e
Beeinflussung - im Überbaubereich - zu erreichenden 'Wandlung'
des Sozialismus lassen sich folgende Momente unterscheiden, die
auf praktisch-politischer Ebene zugleich differenzierte taktische
Schritte beinhalten:
- Die zeitlichen Vorstellungen vom Untergang des Sozialismus wur-
den - mit wissenschaftlicher Begründung - in eine relativ ferne
Zukunft verlegt, "ein Nebeneinander sowohl wirtschaftlicher Wei-
terentwicklung als auch der Beibehaltung der ideologischen und
politischen Struktur..." sei anzunehmen. 31)
- Da die Schwächung des politischen Überbaus als Bedingung für
die 'Wandlung' der Gesamtgesellschaft gilt, tritt die Analyse ge-
sellschaftlicher Widersprüche in den sozialistischen Staaten -
zwischen Basis und Überbau und innerhalb des Überbaus - weiter in
den Vordergrund.
- Fußend auf der Annahme der Entwicklung von 'Konflikten' in
großen Zeiträumen, werden verschiedene Etappen des Untergangs der
sozialistischen Staaten wissenschaftlich begründet.
- Dem 'Reformkommunismus' gegenüber tritt die Betonung nationaler
Besonderheiten der sozialistischen Staaten insgesamt zurück.
D.h., die Betonung des Nationalismus (bzw. 'Nationalkommunis-
mus'), z.B. in bezug auf die DDR und Jugoslawien, wird unter das
Konzept der 'reformkommunistischen Evolution' sozialistischer
Länder in ihrer Gesamtheit subsumiert. Parallel zur Feststellung
J.F. Kennedys zu Beginn der 60er Jahre, daß die Bedrohung der
sozialistischen Länder deren Zusammenschluß fördert, meint Z.
Brzezinski nach den Ereignissen in der CSSR, daß z.B. besondere
Beziehungen
"... zu unabhängigeren Staaten wie Jugoslawien und Rumänien ...
es der Sowjetunion leichter machen (würde), die anderen bei der
Stange zu halten. Eine kooperative Annäherungspolitik sollte da-
her an alle osteuropäischen Staaten adressiert sein ..." Weiter
betont er, "... daß es unser Ziel ist, sowohl Osteuropa als auch
die Sowjetunion in ein engeres Verhältnis zum Westen zu bringen
und dadurch die allmähliche Wiedervereinigung des deutschen Vol-
kes zu fördern." 32)
"Die 'Entideologisierungs'-These tritt gegenüber der - schon ab
Mitte der 60er Jahre elementar vorhandenen - Betonung der beson-
deren Rolle der Ideologie als das die Gesellschaftssysteme tren-
nende zurück, ein Resultat der Anerkennung grundsätzlich anderer
gesellschaftlicher Strukturen in den sozialistischen Ländern.
"Ideologische Aushöhlung ist", schrieb Z. Brzezinski 1969, "...
die eigentliche Ursache politischen Wandels in den kommunisti-
schen Gesellschaften." 33) Den verstärkten ideologischen Aktivi-
täten entsprechend Versuche der Erarbeitung von alternativen
theoretisch-ideologischen Systemen zum wissenschaftlichen Kommu-
nismus, deren Erfolglosigkeit sich in der Betonung der
'Methodenvielfalt', der Anwendung "... einer prinzipiell unbe-
grenzten Zahl von Methoden ..." (34) äußert. Die Herausforderung
durch die sozialistischen Länder - Kommunismus sei "stets als
Ideologie und nicht als soziale Herausforderung verstanden wor-
den" 35) - vor allem deren sichtbarer werdende Dynamik, bedingt
die Aktivierung opportunistischer, revisionistischer und reformi-
stischer Strömungen als Teilaspekte bürgerlicher Ideologie. Mit
ihrer Hilfe werden die dem Kapitalismus eigenen Züge (bzw. der
Kapitalismus insgesamt) als zum Teil sozialistisch oder als zu
sozialistischen Elementen tendierend ausgegeben. Der
'demokratische Sozialismus' (als 'Reformkommunismus' und Reform-
ideologie zur Verminderung der Widersprüche der bürgerlichen Ge-
sellschaft) und Disziplinen wie die Sozialpsychologie spielen
hierbei eine besondere Rolle.
Eine wichtige - in der Bundesrepublik die entscheidende - Ver-
wirklichkeitsform besitzt die 'Evolutions'-Konzeption in der
Strategie des 'demokratischen Sozialismus'. Dazu notwendig war
dessen erneute, seit Ende der 60er Jahre erfolgte Verwandlung.
Die sich verstärkenden sozialen Konflikte im Innern wie die ver-
änderte internationale Situation zwangen zur ideologischen Modi-
fikation. Von der weitgehenden Identifizierung mit dem gegenwär-
tigen Kapitalismus ging der 'demokratische Sozialismus' erneut
zur Propagierung des 'dritten Weges' zwischen Kapitalismus und
Sozialismus über. Damit verbunden ist die Abkehr von der
'Entideologisierungs'-These. "Jetzt sind wir zu der Schlußfolge-
rung gelangt", äußerte R. Löwenthal Anfang 1972, "daß in unserem
Zeitalter ohne glaubwürdige Festlegung auf eine übergreifende
Idee keine wirksame Machtpolitik getrieben werden kann." 36)
Durch die nicht eindeutig auf das kapitalistische System - wel-
ches wieder als solches bezeichnet wird - gerichtete Zielvorstel-
lung sollen die ideologischen Einflußmöglichkeiten auf die sozia-
listischen Länder erweitert werden. Entsprechend wird die bürger-
liche Gesellschaft als ebenso entwicklungsbedürftig wie -fähig
dargestellt. "Im Zusammenhang mit der erneuten Re-Ideologisie-
rungs- und Konvergenz-Diskussion wird die Problematik eines drit-
ten Weges wieder aktuell", konstatiert O.K. Flechtheim, "der über
den etablierten Kapitalismus hinausweisen will." 37)
Die außenpolitische Stoßrichtung der gegenwärtigen Variante des
'demokratischen Sozialismus' ist eine anerkannte Form der Anpas-
sung an den Stand der Systemauseinandersetzung und die globale
Taktik der Evolution. Auch nach Z. Brzezinskis Ansicht ist "...
der Marxismus in Osteuropa heute nur in seiner sozialdemokrati-
schen Ausprägung populär..., obwohl er sich vorwiegend noch in
seiner östlichen Form an der Macht hält." 38) Die allgemeine
Strategie hinsichtlich des anderen Systems hat sich nicht verän-
dert. Die Veränderungen betreffen nur die Form der Taktik des
bürgerlichen Systems. "Die Kommunisten in der DDR", kann mit W.
Pfeiler zusammengefaßt werden, "erwarten, daß auch die BRD eines
Tages auf Grund einer allgemeinen historischen Gesetzmäßigkeit
ein sozialistischer Staat werden wird", was sie "... zur Solida-
rität mit den Kommunisten in der BRD verpflichtet... Das westli-
che Gegenstück zu den kommunistischen Erwartungen sind die soge-
nannten Konvergenztheorien und hier speziell die sozialdemokrati-
sche Variante, die unter der Bezeichnung 'Wandel durch Annähe-
rung' firmiert. Hier wird die Erwartung gehegt, daß die Politik
der Entspannung zu mehr Kooperation und diese wiederum zu allmäh-
lichen gesellschaftlichen Umgestaltungen im anderen System führt,
und zwar solchen Umgestaltungen, die sozialdemokratischen Wunsch-
vorstellungen entsprechen." 39)
II. Die DDR-Forschung in den 70er Jahren
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Das gegenwärtige Kräfteverhältnis zwischen den antagonistischen
Systemen findet seinen Ausdruck in der Tendenz zur politischen
Entspannung. Ruft diese Tendenz einerseits allgemein den Wider-
stand bestimmter politischer (d.h. ökonomischer) Interessengrup-
pen hervor, so kompliziert sich die Koordination der kapitalisti-
schen Außenpolitik gegenüber den sozialistischen Ländern auf dem
Hintergrund dieses Kräfteverhältnisses sowohl durch internatio-
nale Spannungen - hervorgerufen durch die ökonomische Entwicklung
- und zunehmende innere Schwierigkeiten.
Die Politik der USA ist selbst schon durch eine Vielfalt von Ten-
denzen gegenüber dem Sozialismus gekennzeichnet - z.B. durch die
Absicht gleicher Behandlung der verschiedenen sozialistischen
Länder und andererseits der Förderung 'polyzentristischer' Ent-
wicklung und spezifischer Momente auf militärischer Ebene - mit
den sich aus diesen Teilkonzeptionen ergebenden Folgen. Die ein-
geschränkte Führungsrolle der Vereinigten Staaten bringt unter
anderem auch für die Bundesrepublik Widersprüche zwischen spezi-
fischen Eigeninteressen und dem Zwang zur Anpassung an die ameri-
kanische Regierungspolitik mit sich, was sich stark auf die Be-
ziehungen der beiden deutschen Staaten und folglich auf die DDR-
Forschung auswirkt.
Die Traditionen der DDR-Forschung und die Einschätzung der poli-
tischen Entwicklung zwischen der BRD und der DDR machen eine er-
neute Interpretation der amtlichen Regierungspolitik für die zu-
künftige DDR-Forschung zur Notwendigkeit. Die sich aus der gegen-
wärtigen internationalen Lage ergebenden Umstellungen lösen na-
turgemäß gerade unter den mit der Analyse sozialistischer Länder
befaßten Wissenschaftsdisziplinen eine starke Reaktion aus. Auch
der gegenwärtige - besonders heftige - Streit um die wissen-
schaftlich richtige Vorgehensweise zur Erforschung der DDR er-
klärt sich nicht aus wissenschaftsinternen Differenzen, sondern
aus der widersprüchlichen Anforderung durch die Politik.
1. Die politischen Anforderungen an die DDR-Forschung
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Kern der Auseinandersetzung um die Zukunft der DDR-Forschung ist
der 1973 abgeschlossene Grundlagenvertrag mit der DDR. Als Ergeb-
nis der Entwicklung der vergangenen Jahre wirkt er auf die DDR-
Forschung als ein Wendepunkt, der zusammen mit dem Rückblick auf
die Genesis der 'Kommunismusforschung' von dem Bedürfnis nach ei-
ner präziseren Fassung des Verhältnisses von DDR-Forschung (als
Wissenschaft) und Politik gekennzeichnet ist. Deutlich wird - ei-
nerseits in der Auswahl der Daten und andererseits in der Form
ihrer Aufbereitung - die wichtige Rolle der durch die Politik
vorgegebenen Forderungen, der "Verwertungszusammenhang" (C. Bur-
richter), betont. Unmittelbar werden die Funktionen einer DDR-
Forschung sichtbar, von denen als wesentliche zu nennen sind:
- Entscheidungshilfe für die politische Taktik zu sein;
- zur Unterstützung und Effektivierung der außenpolitischen Akti-
vitäten der Bundesregierung beizutragen;
- ideologische Veränderungen innerhalb der DDR-Bevölkerung her-
beizuführen;
- die eigene Bevölkerung mit bestimmten Sozialismus-Vorstellungen
zu versehen.
Die politischen Anforderungen für die DDR-Forschung ergeben sich
aus den für die Verhältnisse der Bundesrepublik spezifizierten
politischen Aktivitäten innerhalb der global zur Anwendung kom-
menden Strategie. D.h. es müssen sowohl die maßgeblichen politi-
schen Interessen wie auch die Vorstellungen von den Besonderhei-
ten' des Verhältnisses BRD-DDR gegenüber dem Verhältnis BRD
(Kapitalismus)-Sozialismus berücksichtigt werden.
Politische Aufgabenstellung der Gegenwart
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Die CDU/CSU hat auch gegenwärtig den Anschluß an eine
'zeitgemäße' Politik nicht gefunden. In ihr versuchen sich
ökonomische Gruppierungen, die eine Revanchepolitik noch nicht
aufgegeben haben, ein Instrument zu erhalten, mit dem gege-
benenfalls wieder auf eine Politik der Stärke übergeleitet werden
kann. Wenn aufgrund der Themenstellung die Aktivität der CDU/CSU
von den 60ef Jahren ab vernachlässigt ist, so ist damit keine
Aussage über potentiell mögliche Formveränderungen außenpoliti-
scher Strategie der BRD getroffen. Andererseits erlangt man über
die Analyse der CDU/CSU-Auffassungen weniger ein Spiegelbild der
Gegenwart, sondern eher das eines in den 40er und 50er Jahren an-
genommenen internationalen Kräfteverhältnisses.
Auch diese weniger flexiblen Kräfte hatten zwar versucht, ihre
strategischen Vorstellungen gegenüber den sozialistischen Ländern
zu revidieren, über eine Aggregation von "... immer fadenscheini-
ger werdenden Resten des alten Konzepts" 40) und einer flexible-
ren Taktik kamen sie jedoch nicht hinaus. Selbst der CDU/CSU ge-
wogene Ideologen fordern ihren Übergang zu einer Politik, die
eher geeignet wäre, ihr wieder die Initiative zu verschaffen. H.
Buchheim z.B. rät, die CDU/CSU soll "... unserem Volk klar ma-
chen, daß die jetzige Bundesregierung die alten Grundlagen so
gründlich zerstört hat, daß auch diejenigen nichts mehr damit an-
fangen können, die sie einst geschaffen und damit zwanzig Jahre
lang die Offensive der DDR erfolgreich abgewehrt haben." 41) Die
eingeschränkten Möglichkeiten der westdeutschen Außenpolitik
sieht er nicht in dem sich objektiv verändernden internationalen
Kräfteverhältnis (bzw. in den wachsenden Möglichkeiten der sozia-
listischen Länder), sondern leitet sie aus subjektiven Einflüssen
ab, daraus, "... daß die Regierung Brandt/Scheel die altbewährten
Grundsätze der Deutschlandpolitik durch die Legitimierung der DDR
zunichte gemacht hat." 42) Im übrigen 'konvergiert' er hier mit
P.Ch. Ludz, der "die internationale Aufwertung der DDR" als
"maßgeblich durch die Revision der deutschlandpolitischen Vor-
stellungen in der Bundesrepublik erst ermöglicht..." ansieht. 43)
Konkret weiß H. Buchheim aber nur vorzuschlagen, die CDU/CSU
solle die Gegebenheiten der Gegenwart dazu benutzen, den "... er-
zielbaren Gewinn zugunsten der politisch-nationalen Einheit"
durch hochgeschraubte Bedingungen gegenüber der DDR zu vergrö-
ßern. 44) Die Notwendigkeit, sich aus "einer faktisch unmöglichen
Situation" zu befreien, ergäbe sich überdies aus dem Verhältnis
zu den westeuropäischen Bündnispartnern. "Nachdem es die SPD war,
die nach 1945 eine stark nationalistisch akzentuierte Politik
vertrat, während die CDU/CSU durch ihre praktischen Entscheidun-
gen dazu beitrug, das nationalistische Empfinden zugunsten euro-
päischen Denkens zu überwinden, ist es schon beinahe grotesk, wie
diese Partei jetzt durch ihr eigenes Verhalten ihren Gegnern
hilft, sie in die nationalistische Ecke zu manövrieren." 45) H.
Buchheim bedauert dann auch die gegenwärtige CDU/CSU-Politik als
weniger flexibel als die unter ihrem "verehrten Patriarchen" K.
Adenauer.
Dagegen konnte E. Bahr in einer Rede am 11.7'.1973 in der Evange-
lischen Akademie Tutzing die Kontinuität der SPD-Politik seit An-
fang der 60er Jahre herausstreichen. - 'Wandel durch Annäherung'
", zog er die Verbindung zu dem zehn Jahre zuvor verkündeten Pro-
gramm, "ist das Konzept für die Haltung der Nation, solange sie
geteilt ist. Es ist ein Konzept, das seit diesem Sommer zu einem
wirksamen Vertrag geworden, seine Bewährung begonnen hat." 46)
Erneut setzt er sich von den unflexiblen Strategievorstellungen
der Regierung unter Adenauer ab, deren "... erklärte und ver-
folgte Politik der Umgehung, der Isolierung der DDR, zum Schei-
tern verurteilt sein würde, weil schon damals unsere Politik eine
gewollte oder ungewollte Solidarisierung der anderen Staaten des
Warschauer Vertrages bewirkte." Die "Lösung der deutschen Frage"
war seit Anfang der 60er Jahre "... weder als Anschluß noch als
einmaliger Akt, sondern nur als Ergebnis eines geschichtlichen
Prozesses vorstellbar geworden ... Dies aber hieß, daß die Staat-
lichkeit der DDR nicht länger geleugnet werden konnte...".
E. Bahr will die gegenwärtige Regierungspolitik nicht nur als Be-
standteil der globalen Politik der westlichen Verbündeten - "der
unvergessenen 'Strategie des Friedens'" - verstanden wissen, son-
dern sieht darüber hinaus die SPD-Konzeption als vorbildlich für
die europäischen Bündnispartner an: "Wandel durch Annäherung ist
ein europäisches Konzept."
Entsprechend der internationalen Lage seit Ende der 60er Jahre
nimmt er die zeitliche Verschiebung des endgültigen Erfolgs der
Außenpolitik gegenüber den sozialistischen Ländern in sein Pro-
gramm auf. Entgegen der theoretisch angenommenen Möglichkeit,
"... über ein vielleicht zeitlich begrenztes Zwischenstadium zur
staatlichen Einheit zu kommen", müsse heute aufgrund der objekti-
ven Entwicklung eingeräumt werden, "... daß das damalige Konzept
nicht mehr für eine begrenzte Übergangszeit gilt, sondern unbe-
grenzt, solange also der Grundlagenvertrag zwischen ihnen gilt."
47)
Auch P.Ch. Ludz, der sich in seinem 1974 erschienenen Essay auf
diese Bahrrede bezieht, sieht die Konstruktion einer Kausalität
von Annäherung/Wandel als (noch) nicht bestätigt an. Zwar hätte
zum Teil eine 'Annäherung' der beiden deutschen Staaten stattge-
funden, "allerdings ist von einem 'Wandel' im ursprünglich von
Bahr gemeinten Sinn in der Haltung der KPdSU - wie SED-Führung
noch wenig zu spüren." 48) Ebenfalls lehnt E. Bahr "die übliche
Konvergenzthese" ab, "denn die unterschiedlichen Interessen der
Staaten bleiben." Bei gleicher industrieller Entwicklung der
"unterschiedlichen Industriegesellschaften" seien "Macht- und
Glaubensfragen ... auch künftig potentielle Gefahren in der Phase
der fruchtbaren Koexistenz ...". Indem E. Bahr den 'Wandel' als
Zukunftsaufgabe auffaßt, orientiert er auf die Einbettung in die
globale Strategie - einschließlich der "Abschreckungsqualität",
die "glaubwürdig bleiben" müsse. 49) "Die Grundlagen der Annähe-
rung sind gelegt, der Wandel zwischen uns und der DDR, zwischen
Ost und West, muß wachsen." 50)
Wie andere maßgebliche Politiker betont auch E. Bahr die Absicht,
die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten besonders zu beachten,
eine Erscheinung, die im wesentlichen auf die eingeschränkte Füh-
rungsrolle der USA innerhalb des westlichen Bündnisses zurückzu-
führen ist. Die Verbindung einer relativ möglich gewordenen ei-
genständigen Politik gegenüber den sozialistischen Ländern mit
der Unterordnung unter die Vorstellungen der Verbündeten wirft
spezifische Widersprüche auf. "Es wäre unrealistisch und in hohem
Grade unvernünftig", faßt P. Frank das Dilemma der BRD-Politik
zusammen, "angesichts der bestehenden Machtverhältnisse und ange-
sichts unserer Mittellage (in Europa - W.W.) auf die Isolierung
des einen oder anderen unserer östlichen Gesprächspartner zu set-
zen." 51) Die nicht in absehbarer Zeit zu erwartende und sich
nicht 'automatisch' einstellende 'Konvergenz' in Verbindung mit
der Aktivierung der Ideologie 52) stecken auch für die Bundesre-
publik den allgemeinen Rahmen der gegenwärtigen außenpolitischen
Stoßrichtung ab.
Sonderinteressen der Bundesrepublik
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Mit der 'neuen Ostpolitik' konnte die Bundesregierung ihre außen-
politische Stagnation bis 1968 überwinden, indem sie sich der
globalen Strategie der kapitalistischen Staaten anpaßte. Das be-
deutet aber nicht, daß damit Sonderinteressen hinsichtlich der
DDR hinfällig würden. In seiner Tutzinger Rede erklärte E. Bahr:
"Die Dinge konnte so geführt werden, daß die Einmaligkeit des
Verhältnisses zwischen den beiden deutschen Staaten geklärt war,
bevor diese in die Vereinten Nationen eintraten ..." 53), was
P.Ch. Ludz als Absicht interpretiert, "... Sonderinteressen zwi-
schen den beiden deutschen Staaten deutlich zu machen." 54) Nach
P. Frank galt es die für die BRD "falsche Alternative" zu vermei-
den, "... entweder sich als allseits lästigen Störenfried zu iso-
lieren, oder ihre natürlichen Belange der in Gang gesetzten Ent-
spannungspolitik widerspruchslos zu opfern ..." 55) Deshalb ging
die Bundesregierung gegen Ende der 60er Jahre von der Zwei-Staa-
ten-Theorie aus. Sie beinhaltete "... die Anerkennung der fakti-
schen politischen Existenz des anderen deutschen Staatsgebildes
... Die Bundesregierung hat diesen Schritt 1969 vollzogen und ist
seither bemüht, das Verhältnis zwischen den beiden deutschen
Staaten zu normalisieren, ohne die Tatsache aus den Augen zu ver-
lieren, daß es sich nach wie vor um zwei d e u t s c h e Staa-
ten handelt." 56) K. Sontheimer und W. Bleek kennzeichnen damit
die Art der Lösung des Problems, unter Anerkennung der vom Kapi-
talismus prinzipiell zu unterscheidenden Entwicklung und der of-
fensichtlich gewordenen Stabilität sozialistischer Länder dennoch
auf "natürliche Belange" nicht zu verzichten: In bezug auf die
DDR wird stärker auf das aus der Vergangenheit Gemeinsame orien-
tiert. "Wir kennen", führte W. Brandt 1974 aus, "die Unterschiede
in den Gesellschaftssystemen der beiden deutschen Staaten; sie
trennen uns stärker als die unterschiedlichen Auffassungen von
der Nation." 57)
Die Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit, d.h. die Unter-
mauerung und Anwendung der These von der "einheitlichen Nation" -
ergibt das Spezifikum der DDR-Forschung gegenüber den sich aus
den außenpolitischen Erfordernissen allgemein ergebenden Aufgaben
der (übernationalen) 'Kommunismusforschung'. Im Begriff von der
'einheitlichen Nation' soll eine ideologisch tragfähige Basis des
'Wandels' der DDR geschaffen werden. "Der Anspruch, d e r deut-
sche Modellstaat auf deutschem Boden zu sein, ist von der Bundes-
regierung explizit, jedoch nicht implizit aufgegeben worden." 58)
Gegenüber der Forderung von CDU/CSU nach direkter auf die Isolie-
rung der DDR gerichteter Außenpolitik ordnet der 'demokratische
Sozialismus' den Aspekt des 'Nationalkommunismus' dem der
'reformkommunistischen' Evolution der sozialistischen Länder in
ihrer Gesamtheit unter. "Ein wesentliches Ziel der Ost-West-Poli-
tik der Bundesregierung ist daher darin zu sehen, die Einheit der
Nation nicht nur als Fernziel offenzuhalten, sondern sie auf We-
gen zu stärken, die uns ohne diese Politik verschlossen blieben
... Nicht Wandel oder Konvergenz werden zur Einheit der Nation
führen, sondern der offene Wettbewerb zweier Gesellschaftssysteme
in Deutschland." 59) Aus diesen Äußerungen P. Franks geht
zugleich hervor, daß der Kampf sich nicht auf die ideologische
Sphäre reduziert, sondern die 'Evolution' der Gesamtgesellschaft
betreffen soll.
Die CDU/CSU-Kritik hinsichtlich der A u ß e n politik beruht im
Grunde nur auf anderen Vorstellungen von der Form der Einwirkung
auf die DDR. Während CDU/CSU auf eine härtere Außenpolitik drin-
gen, verbindet der 'demokratische Sozialismus' diese differen-
ziert mit seinen gesellschaftspolitischen Vorstellungen des
'dritten Weges'; in Anbetracht der globalen Strategie könne der
Schwerpunkt "... nicht Außenpolitik, sondern nur Gesellschaftspo-
litik sein, die den gesellschaftlichen Gegensatz zwischen den
beiden Blöcken überwindet," 60)
Zur Ideologie als Instrument der Außenpolitik
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Schon 1963 hatte W. Brandt festgestellt, daß bei strategischen
Festlegungen "... nicht zuerst darüber nach(zu)denken (sei -
W.W.), wie wir die Kommunisten beeinflussen könnten ...", sondern
daß man auf die anderen Gruppen der Bevölkerung zielen müsse. 61)
Auch der Begriff von der 'einheitlichen Nation', den z.B. P.Ch.
Ludz als vage und im Grunde als unwissenschaftlich ansieht, soll
in der praktischen Anwendung die Wirkung zeitigen, die Bevölke-
rung der DDR für die westliche Gesellschaftsordnung zu gewinnen.
"Gegenüber der SED", meint Ludz, "haben SPD und FDP wie auch
CDU/CSU heute kein tragfähiges Konzept der Nation anzubieten ...
in der Realität schrumpft die Nation für die bundesdeutschen Po-
litiker auf die Feststellungen von Gemeinsamkeiten in Sprache,
Kultur und Geschichte - und auf die Möglichkeiten der Begegnung
zusammen." Deshalb ist für die Politik der Bundesregierung
"Nation ... nicht in erster Linie eine Formel für die komplexe
Substanz der Geschichte; vielmehr soll dieser ... Begriff sich an
den 'Erfahrungen der neuen Begegnungen' erproben. Mit diesen Wor-
ten hat Bundesminister Egon Bahr während der ersten Lesung des
Grundlagenvertrages im Bundestag, im Februar 1973, die politische
Stoßrichtung der Bundesregierung umrissen." Der Vorwurf von
CDU/CSU bezöge sich auf das Interimistische dieses Konzepts. Ludz
charakterisiert die (wissenschaftliche) Ebene, auf der man diese
Konzeption anzusiedeln habe: Die Bundesregierung nutze "... eine
im Psychologischen-Historischen wurzelnde Realität für sich." Da-
mit setzt die Art der Beeinflussung der DDR-Bevölkerung wenig auf
die gesellschaftliche Wirklichkeit, sondern bewußt auf die Akti-
vierung von Emotionen und Traditionen. Sozialpsychologie und Wer-
bepsychologie werden zu legitimen Instrumenten dieses Konzepts.
Drei Momente sind es vor allem nach P.Ch. Ludz, auf denen diese
Konzeption zum Tragen kommen soll:
- "... die Möglichkeiten der Begegnung ... (können) nicht hoch
genug eingeschätzt werden." Insbesondere der von der Bundesregie-
rung gezeigte Wille zur Normalisierung soll die BRD für die DDR-
Bürger attraktiv machen.
- Die so zu erringende Anziehungskraft hätte "... die Abgrenzung
vom Staatssozialismus sowjetischen Typs gefördert." Das hier
sichtbare 'Erosions'-Konzept will Ludz durch die Demonstration
der "... Sicherheit des Einzelmenschen im freiheitlichen Rechts-
staat ..." intensivieren. Paradoxerweise gibt er "sozialpoli-
tische Initiativen der Bundesregierung (Boden- und Mietrecht,
Mitbestimmung, Bildungs- und Ausbildungsrecht)" an, soziale
Bereiche, in denen (auch nach Aussagen bürgerlicher Wissen-
schaftler) die DDR als Vorbild gilt.
- Erst bei Begegnungen könnten die Bürger beider Staaten sich als
jeweils Deutsche fühlen; sie würden ihre stärkeren Gemeinsam-
keiten, als die mit z.B. "Franzosen, Russen oder Amerikanern",
gezwungenermaßen registrieren. 62)
Schon in diesen Vorstellungen zeigt sich die enge Verbindung mit
der Beeinflussung der eigenen Bevölkerung, die in zweifacher
Weise Zielgruppe der 'Kommunismusforschung' ist: Als Instrument
der Übertragung von Ideologie und zur innenpolitischen Stabili-
sierung. Offensichtlich ist der Zusammenhang von Realität und
Wissenschaft hier nicht als Darstellung tatsächlicher Entwicklun-
gen mit Hilfe von Forschungsergebnissen aufgefaßt. Die vorgege-
bene Interpretation der Realität läßt Schlußfolgerungen für den
Erkenntniswert der 'Kommunismusforschung' zu.
'Dritter Weg' als außen- und innenpolitische Problembewältigung
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Ist somit von einer Taktik der 'Entideologisierung' hinsichtlich
der DDR-Bevölkerung wenig zu spüren, so legt P.Ch. Ludz umso mehr
Gewicht auf die Feststellung, daß "einer Tendenz zur Versachli-
chung, Entideologisierung, ja Entpolitisierung der deutschen
Frage ... in der Bundesrepublik eine Re-Ideologisierung gegen-
über(steht)." 63)
Aus der Art der Begegnung sich verstärkender Opposition in der
Bundesrepublik - die unmittelbar auf die eingeschränkte Wirkung
des primitiven Antikommunismus zurückgeführt wird - ergeben sich
die tatsächlichen Differenzen von CDU/CSU und Regierungsparteien.
CDU/CSU sehen in der Politik des 'dritten Weges' eine über den
Rahmen des Möglichen hinausgehende Infragestellung des eigenen
Systems. Der Neoliberalist W. Röpke bezeichnet es als einen der
größten Triumphe des Kommunismus, ".... daß es ihm gelungen ist,
den Antikommunismus, die völlig illusionslose Kennzeichnung der
bolschewistischen Gefahr, als Dummheit oder Bosheit oder eine Mi-
schung von beiden auszugeben und das sogar zu einer heute fast
bestimmenden Meinung ... zu machen." 64)
Ebenso macht P.Ch. Ludz die Revision eines undifferenzierten An-
tikommunismus für eine Gegenbewegung verantwortlich, die über die
Kritik kapitalistischer Entwicklungstendenzen (als Beispiel gibt
er die Chancenungleichheit im Bildungssektor an) zu einer 'Re-
Ideologisierung' der deutschen Frage führe. Sich verstärkende
ideologische Probleme führt er auf zwei Ursachen zurück. Einmal
werde Westdeutschland von internationalen Entwicklungen tangiert
und sei "... in eine Entwicklungsphase eingetreten, in der seine
Grundlagen und gesamte Gesellschaftspolitik und Wirtschaftsord-
nung zum ersten Mal nach dem Kriege infrage gestellt werden" 65),
was sich in Perspektivlosigkeit und sichtbar werdenden Reich-
tumsunterschieden ausdrücke. Zum anderen "... beschäftigen sich
(jetzt) gewisse Gruppen innerhalb und außerhalb der SPD mit den
Verhältnissen in der DDR; sie vergleichen Programm und Wirk-
lichkeit des 'ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden'
miteinander und setzen sie zur Bundesrepublik in bezug." Be-
stimmte Veränderungen in der DDR würden ausdrücklich begrüßt, "so
vor allem die Verstaatlichung der Industrie und des Bank- und
Kreditwesens. Damit verschaffen sich Teile der westdeutschen Lin-
ken eine Abstützung ihres - bisher eher konfusen - Programms; da-
mit wollen sie auch ihre Isolierung in der Bundesrepublik durch-
brechen." 66) Diese 'Re-Ideologisierung' dürfe aber nicht mit den
Intentionen der Regierung verwechselt werden, die auf
'Versachlichung' zielen. 67)
Während die von P.Ch. Ludz aufgezeigte Entwicklung scharfe Reak-
tionen von CDU/CSU hervorruft, faßt Ludz sie als unvermeidliche
Begleitumstände einer dennoch optimalen Politik des 'demokrati-
schen Sozialismus' auf. Wegen des Funktionsverlustes der 'Ent-
ideologisierungs'-These dürften SPD und FDP in ihrer Ge-
sellschafts- und Sozialpolitik die Sehnsucht der Bürger "... nach
einer evolutionären, offenen Philosophie des sozialen und wirt-
schaftlichen Fortschritts ..." nicht enttäuschen. 68) Entgegen
der Einseitigkeit von CDU/CSU, die - "'Demokratie' und 'Sozialis-
mus' als unvereinbare Prinzipien nebeneinandersetzt" müsse eine
Philosophie des "Gemeinwohls" und des "Gesamtinteresse(s) der
Gesellschaft" vertreten werden. Der BRD-Bürger müsse fähig
werden, die Probleme des Alltags "... mit einer solchen, aus
einer demokratischen und liberalen Tradition behutsam angebotenen
Philosophie bewältigen (zu - W.W.) können. Das ist unser Ziel."
69) Die differenzierte Aufnahme der innenpolitischen Problematik,
d.h. die Berücksichtigung der in der Konzeption des 'dritten
Weges' unmittelbar enthaltenen 'Selbstkritik' der bürgerlichen
Gesellschaft, ist eine wichtige Vorgabe für die gegenwärtige DDR-
Forschung. Die Entwicklung der DDR sei hierbei durchaus zu
trennen von den Widersprüchen im ideologischen Bereich der BRD-
Gesellschaft. Denn "... die realistischere Einschätzung der DDR
und ein neu erwachendes Interesse der Bundesdeutschen am anderen
Deutschland ..." sei nicht notwendig Ursache für eingeschränkten
Antikommunismus und 'Re-Ideologisierung'. 70) Womit der
Stellenwert des DDR-Bildes angedeutet ist, welches von der DDR-
Forschung erarbeitet wird. Die Anforderungen des 'demokratischen
Sozialismus' ergeben sich ja in ihrem Kern aus dem Argument, daß
das Unterschreiten eines bestimmten Grades von Realität eine
unzureichende Massenwirksamkeit nach sich zieht.
Die in den 60er Jahren einsetzende Korrektur der DDR-Darstellung
erfüllte insbesondere zwei Aufgaben, die über die 60er Jahre hin-
aus aktuell geblieben sind. Diktiert waren diese Teilkorrekturen
durch die Anpassung an die weltpolitische Lage und das Bestreben,
in der Bevölkerung genügend Resonanz zu finden. Einerseits hatte
die realistischere Darstellung der DDR die Erfordernisse einer
'neuen Ostpolitik' für die Bevölkerung einsichtig zu machen (als
eine Auswirkung können die Sympathiestreiks zugunsten der
SPD/FDP-Koalition im Jahre 1972 angesehen werden); andererseits
dienten die weiterhin vorhandenen Entstellungen und spezifischen
Interpretationen in den DDR-Darstellungen zur Vorbereitung der
BRD-Bevölkerung auf die Konfrontation mit der Realität der DDR
selbst. Damit wurde dem entsprochen, was P.Ch. Ludz bezeichnete
als in der DDR "... zu beobachtende Ausdrucksformen eines gestie-
genen Selbstbewußtseins, des Stolzes auf die eigene Leistung.
Während also große Teile der Bevölkerung nach wie vor nicht be-
reit sind/die SED in ihren politischen (!) Aktionen voll zu un-
terstützen, nehmen sie doch Anteil an der Entwicklung der DDR-Ge-
sellschaft." 71) Ein Besucher aus der Bundesrepublik dürfte weder
besonders überrascht von den tatsächlichen Entwicklungen in der
DDR sein, noch sollte er die Fähigkeit verlieren, zum ideologi-
schen Wandel der DDR beizutragen. Eine wichtige Funktion in die-
ser Hinsicht erfüllten in den 60er Jahren die an kapitalistischen
Maßstäben gemessenen Vergleiche; z.B. die eines 'Wirtschafts-
wunders' hüben und drüben, welche weder die unterschiedlichen
Ausgangspositionen der beiden deutschen Staaten in Rechnung
stellten, noch die verschiedenen Zielstellungen der unter-
schiedlichen Gesellschaftsordnungen einbezogen.
Diese Art des Systemvergleichs stößt seit Beginn der 70er Jahre
auf Widerstand. Die Berücksichtigung innerpolitischer Konflikte
und offensichtlicher gewordener Tendenzen der DDR-Entwicklung er-
fordern einen erneuten Anpassungsprozeß an die weltpolitische
Lage. Charakteristisch für diese Tendenz ist die Kritik H. Lipp-
manns, der fordert, "... Systemgegenüberstellungen (sollten)
nicht immer vom Objekt her deckungsgleich sein. Vielmehr kommt es
auf die Wertung des gesamten Lebensstandards der Bevölkerung an
... Die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Prozesse in
der DDR sollten nicht mit westlichen Maßstäben gemessen werden,
sondern müßten am Eigenmodell analysiert werden." 72) Die erfor-
derliche Korrektur der DDR-Forschung löste auf dem Hintergrund
des Grundlagenvertrages Diskussionen aus, die weitgehend gefärbt
sind durch die Konzeption des 'demokratischen Sozialismus'. D.h.,
die exaktere Analyse "... schließt ideologische Konfrontation
nicht aus, sondern ermöglicht sie erst, da nur so ein klares Bild
zu gewinnen ist. Das verhängnisvolle Selbstbelügen sollte aufge-
geben und eine realistischere Einschätzung ermöglicht werden."
73)
2. Zu neueren Problemen der DDR-Forschung
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Der inhaltliche und organisatorische Umorientierungsprozeß der
DDR-Forschung ist auch gegenwärtig nicht abgeschlossen. In einer
im 'Deutschland Archiv' im Jahre 1973 geführten Diskussion um
"Aufgaben und Ziele der DDR-Forschung heute" werden als wesentli-
che Momente, von denen her die weitere Entwicklung der DDR-For-
schung bestimmt sein soll, angegeben:
- Der Stellenwert der DDR-Forschung hinsichtlich der Situation
nach Inkrafttreten des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und
der DDR;
- die Effektivierung der DDR-Forschung durch Differenzierungen in
der Verbindung zur Politik;
- der Zusammenhang von DDR-Forschung und anderen Wissenschafts-
disziplinen.
DDR-Forschung und Politik
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Wie die DDR-Forscher selbst hervorheben, ist es auch gegenwärtig
die Politik, die in der DDR-Forschung ihren Niederschlag finden
soll. Mußte die Bundesregierung ihre Rolle des 'Störenfrieds'
überwinden, im Nachhinein muß es auch die Forschung. "Der Grund-
lagenvertrag zwischen der Bundesrepublik ... und der DDR soll
sich nach den Vorstellungen der Vertragspartner auch auf die Wis-
senschaft auswirken." 74) Zusammen mit der Ableitung von Erfor-
dernissen aus der politischen Situation sind es die Lehren aus
der Vergangenheit der 'Kommunismusforschung', die den Hintergrund
für die Versuche einer erneuten Fixierung des Verhältnisses von
DDR-Forschung (bzw. der Person des Forschers) zur politischen
Exekutive abgeben. Wie P.Ch. Ludz konkretisiert, haben die For-
schungsinstitute und Forscher zu beachten, "... daß mit der Her-
ausbildung dessen, was heute 'Ostpolitik' genannt wird, die DDR-
Forschung neue Aspekte gewonnen hat und sich weiterentwickeln
wird - ebenso wie sich diese Politik entwickelt. Das 'Neben-
einander' der beiden deutschen Staaten, das einmal zu einem
'Miteinander' führen soll, hat viele Facetten und Aspekte." 75)
Ein sich zuspitzender Konflikt, oder mit P.Ch. Ludz ausgedrückt,
die zu verzeichnenden "Konkurrenzkämpfe zwischen den DDR-For-
schern" 76), ergibt sich aus traditionell an der früheren Stoß-
richtung der DDR-Forschung (bzw. 'Ostforschung') orientierten und
den auf flexiblere Anpassung drängenden Strömungen; ein kontro-
verser Prozeß, der sich notwendig aus der engen Verbindung der
DDR-Forschung mit der praktischen, aktuellen Politik ergibt. "Der
Konflikt", stellte W. Maibaum 1972 als Studienleiter des Ostkol-
legs der Bundeszentrale für Politische Bildung fest, "zwischen
denen, die aus persönlichem Engagement und mit tatkräftiger Un-
terstützung offizieller Stellen die DDR-Forschung in den Jahren
des Kalten Krieges getragen haben, und einer Anfang der 60er
Jahre noch kleinen, inzwischen jedoch beachtlichen Gruppe von So-
ziologen, Politologen, Pädagogen und Historikern, die die DDR-
Forschung für sich weitgehend als freies Feld der Wissenschaft
entdecken, war unausweichlich." 77)
Die Varianten der DDR-Forschung werden insbesondere nach der Di-
rektheit ihres Wirksamwerdens in der Auseinandersetzung mit der
sozialistischen Gesellschaftsordnung unterschieden. "Manche", po-
lemisiert P.Ch. Ludz, "die heute bei den Geldgebern in Bonn
ebenso wie bei gewissen Kreisen aus Wissenschaft und Forschung in
Ostberlin Kontakt und Kommunikation suchen, wollten noch vor ei-
nigen Jahren in die DDR, damals 'Mitteldeutschland' genannt,
'hineinwirken'." 78)
Nach den 50er Jahren begrüßt W. Bergsdorf eine zweite Phase der
DDR-Forschung, in der "die detaillierte politische Zielsetzung"
der 50er Jahre verschwamm. Zugleich warnt er für die Zukunft vor
einem apolitischen Wissenschaftsverständnis, eingedenk der un-
rühmlichen Rolle, die diese Auffassung in der deutschen Wissen-
schaftsgeschichte unseres Jahrhunderts gespielt hat. 79)
Daß die DDR-Forschung politisch motiviert ist und auch sein
sollte, wird grundsätzlich nicht bestritten. "Man darf nie ver-
gessen, daß alles, womit DDR-Forschung zu tun hat, seine weltan-
schaulichen und politischen Hintergründe und Bezüge hat..." 80)
Auch nach der Auffassung von P.Ch. Ludz - als Vertreter einer Va-
riante des Positivismus - "besteht eine solche Politik-Orien-
tiertheit bei dieser Art Forschung stets in einem bestimmten
Maße." 81) Die Meinung darüber, in welche Weise Politik und DDR-
Forschung eine akzeptable Verbindung eingehen sollten, variiert
entsprechend den politischen und methodologischen Richtungen.
Während z.B. J.B. Gradl ein Freihalten der DDR-Forschung von der
Politik, eine Beschränkung "... auf reine Sammlung von Tatsachen
und ihren politisch sterilen Vergleich ..." 82) ablehnt, hat nach
P.Ch. Ludz "... die DDR-Forschung a l s F o r s c h u n g
zunächst keine direkten politischen Aufgaben." 83), um zwei Ex-
treme - die allerdings beide von der Rentabilität politischer
Verwertbarkeit ausgehen - anzudeuten. Im Zentrum der Überlegungen
dieser in wissenschaftstheoretischer Hinsicht unergiebigen Refle-
xion über die Politabhängigkeit steht in der Regel das Verweisen
auf die "Verwertbarkeit" (Zimmermann), den "Verwertungszusam-
menhang" (Burrichter). Die Aufträge durch die politische Admini-
stration (bei Vorbehalt pluralistischer Lösungsversuche) oder -
deutlicher - die Finanzierung werden zu primären Problemen. 84)
Wissenschaftstheoretische Argumente werden - wenn überhaupt -
höchstens angedeutet.
Die Notwendigkeit, daß auf die politischen Vorgaben mit einer ge-
wissen Flexibilität reagiert werden sollte, wird unabhängig von
den verschiedenen Standpunkten gefordert, wobei unterschiedliche
Gründe angeführt werden:
- Die Einseitigkeit der Forschungsergebnisse - hervorgerufen
durch die starre Verbindung von Politik und Forschung - muß über-
wunden werden. Die DDR-Forschung sollte, wie P.Ch. Ludz schreibt,
keine direkten politischen Aufgaben erfüllen, "Forschungsergeb-
nisse können und sollten jedoch den Trägern der politischen
Entscheidung zur Verfügung gestellt werden - schon deshalb, um
Tabus und falsche Vorstellungen abzubauen, Wunschträume zu
zerstören und politischen Entscheidungen ein Höchstmaß an
Rationalität und Transparenz zu verleihen." 85)
- Viele Forscher finden sich heute - nach ihren Aussagen zu eige-
ner Überraschung - in die Kategorie der 'kalten Krieger' einge-
reiht, oder sind der zukünftigen 'Verwertung' ihrer Arbeiten ge-
genüber skeptisch geworden. Die Politik, beklagt W. Bergsdorf,
"... überläßt die DDR-Forschung sich selbst und nimmt dann mehr
oder weniger staunend ihre Resultate zur Kenntnis und verwendet
sie eklektisch, immer nur dann und so weit, wie es ihr die aktu-
elle politische Diskussion erlaubt." 86) Will man mit W. von Bre-
dow annehmen, daß nur eine Minderheit der 'Kommunismusforscher'
die Unterminierung des Sozialismus b e w u ß t betrieben hätte
("mit Sicherheit z.B. ... Walt W. Rostow ..." und "... diejenigen
Politik-Berater im Umkreis der amerikanischen Administration, die
zu Beginn der sechziger Jahre eine 'Auflockerungs'-Politik gegen-
über Osteuropa konzipierten ..."), dagegen "die Mehrheit westli-
cher Konvergenztheoretiker... über lange Jahre hinweg keineswegs
sensibel für die strategischen Möglichkeiten ihrer Hypothesen"
gewesen sei 87), dann sollten Schlußfolgerungen darüber ange-
stellt werden, daß Ideologie - einschließlich der theoretischen
Konzeptionen - keineswegs notwendig auf die Bewußtheit der For-
scher angewiesen ist.
Auf dieser Ebene ist die Diskussion nicht geführt worden. Im Ge-
genteil wurden pragmatische Lösungen angeboten. "Voraussetzung
für die erfolgreiche Fortsetzung dieser Entwicklung (zur Sach-
lichkeit - W.W.)", so H. Lippmann, "ist jedoch die strenge Tren-
nung der DDR-Forschung in der Bundesrepublik von der durchaus le-
gitimen politischen Auseinandersetzung mit dem anderen System
..." 88) Am deutlichsten führt J.B. Gradl aus: "Natürlich muß man
die Sorge von Wissenschaftlern verstehen, die mit ihrer Arbeit
nicht als Werkzeuge kalten Krieges, polemischer Agitation und
psychologischer Kriegsführung mißbraucht werden wollen. Dies kann
in der Tat nicht Sache der DDR-Forschung sein. Das politische
Ringen, das ist Sache der Politik und der Politiker. Die DDR-For-
schung soll Sacherkenntnisse und abgewogene Urteile leisten,
nicht Propaganda liefern." 89) Den Kern dieser Aussage kann man
sich verdeutlichen, wenn man beachtet, daß Gradl die Aktivitäten
des Forschungsbeirates z.B. nie als Propaganda ansah. 90)
W. von Bredow vertritt die Auffassung, Marxisten würden den bür-
gerlichen Verfechtern der Konvergenztheorien "... allzuoft ein
Problembewußtsein auf diesem Gebiet (unterstellen), das sie gar
nicht besitzen." 91) Die Wissenschaftler sozialistischer Länder
unterscheiden aber bekanntlich - eine Grundlage der marxistisch-
leninistischen Erkenntnistheorie und Ideologiekritik - das Be-
wußtsein der Einzelperson von den gesellschaftlich herrschenden
Ideen als Widerspiegelung der objektiven materiellen Lebensbedin-
gungen der Gesellschaft. 92) Zur Charakterisierung der grundle-
genden theoretisch-konzeptionellen Grundlagen der 'Kommunismus-
forschung' ist daher von den individuellen Beweggründen durchaus
zu abstrahieren - was das reale Leben ohnehin tut. Ob die "...
Zuweisung (bestimmter politischer Funktionen - W.W.) in einzelnen
Fällen mit den Absichten der betroffenen Wissenschaftler über-
einstimmt oder nicht..." 93), ist folglich (für den Marxisten)
ein Problem, welches auf einer anderen wissenschaftlichen Ebene
anzusiedeln ist.
- Neben der Berücksichtigung einer für die Bevölkerung der BRD
(nach Ansicht der DDR-Forscher) adäquaten Darstellung des Sozia-
lismus beinhaltet die 'Anerkennung' der DDR-Wissenschaft - den
Wissenschaftlern aus der DDR sollte "... mehr Gelegenheit gegeben
werden, ihren Standpunkt in der Bundesrepublik zu vertreten ...
Diesem parteilichen Disput müssen wir uns stellen, wenn er auch
nicht mit unserem Wissenschaftsbegriff übereinstimmt" 94) -
zugleich die Abgrenzung vom Marxismus-Leninismus innerhalb der
Bundesrepublik. "Da in der Gegenwart", gibt L. Bress zu bedenken,
"nur an Reformuniversitäten mit eindeutiger politischer Orientie-
rung diese Anforderungen (gemeint ist die kontinuierliche Erar-
beitung der DDR-Theorie - W.W.) aufgenommen werden, wird manch
ein Bundesbürger über die eines Tages anlaufende Informationspo-
litik über die DDR in Erstaunen geraten ..." 95) Auch P.Ch. Ludz
nennt von den Größen, die die DDR-Forschung "nachhaltig beein-
flußt haben und weiterhin beeinflussen werden", an erster Stelle
die seit 1968/69 veränderte universitäre Lage, durch die DDR-For-
schung nur unter Schwierigkeiten betrieben werden könne. 96)
Während einerseits zur Behebung dieser Schwierigkeiten' eine
stärkere Zentralisierung der DDR-Forschung gefordert wird (z.B.
von Bress), plädieren andere für eine an den Universitäten be-
triebene Forschung. In Anbetracht der in der BRD zutagegetretenen
Konflikte schlägt H. Zimmermann vor, man müsse bestimmten Teilen
der jungen Generation "Einsicht in die Komplexität moderner Indu-
striegesellschaften" verschaffen. 97) Das Anwachsen des Marxismus
in der BRD sieht er "... nicht zuletzt aus der mehrheitlich arro-
ganten (weil pauschalen und unseriösen) Leugnung des erkennt-
nisaufschließenden Gehalts Marxscher Fragestellungen in den er-
sten Jahrzehnten nach 1945". Gerade die DDR-Forschung könnte "...
zu größerer Realitätsbezogenheit... veranlassen", indem die DDR
entsprechend dargestellt wird. 98) Bei einer an den Universitäten
betriebenen DDR-Forschung sieht G. Neugebauer keine Apologeten am
Werk: "Diese konnten auf Forschung ruhig verzichten, da ihr Bild
ohnehin vorbestimmt ist." 99)
Die (wissenschaftliche) Lösung dieses Problems zeichnet sich bei
W. Bruns ab, der "verschiedene Richtungen und Tendenzen der 'DDR-
Forschung' " aufzeigt, die sich bei ihm aus der Richtung der
'Kritik' (von rechts oder links) und der Wertfreiheit ergeben.
Die "apologetische DDR-Forschung" klammert er aus, denn "in die-
sem Genré figurieren die DDR und die Sowjetunion als der bereits
materialisierte Sozialismus. Die Verhältnisse dort werden folg-
lich als vorbildlich für die kapitalistischen Staaten rezipiert
und propagiert." Diese "Affirmative Verblendung" hat demzufolge
aus dem Rahmen einer - im übrigen von ihm selbst geforderten -
parteilichen Wissenschaft zu fallen. 100) Trotz Anerkennung von
parteilicher Wissenschaft (in oben gezeigter pragmatischer Fas-
sung 101), geforderter Kooperation mit Wissenschaftlern aus der
DDR und proklamiertem Wissenschaftspluralismus ist damit der Ver-
such unternommen, dennoch den Marxismus-Leninismus mit wissen-
schaftlicher Begründung auszuschließen.
Bürgerliche Gesellschaftstheorie und Analyse des Sozialismus
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Die verschiedenen Argumente zur Frage des Verhältnisses von Wis-
senschaft und Politik sind also nicht auf der grundsätzlichen
Ebene der Parteilichkeit der DDR-Forschung angesprochen worden.
Allerdings lassen sich Problematisierungen in dieser Richtung
konstatieren. M. Ackermann wirft die Frage auf, inwieweit die
Einstellung des einzelnen DDR-Forschers gegenüber der aktuellen
Politik auch seine wissenschaftliche Methodik beeinflußt; 102) G.
Neugebauer sieht die Gefahr, "... der DDR stets äußerlich zu
bleiben"; 103) und W. Bergsdorf nimmt an, daß "... die wissen-
schaftstheoretische Diskussion die These des Geburtsfehlers poli-
tisch motivierter Forschung so zerzaust (hat), daß heute die An-
tithese gelegentlich ernsthaft diskutiert wird, nach der nur eine
an politischen Zielsetzungen ausgerichtete Forschung den Ansprü-
chen einer Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden vermag. Noch
hat die Parteilichkeit als Qualitätsmerkmal der Wissenschaft
nicht Eingang gefunden in unser Mobiliar von Vorurteilen." 104)
Wie eine "nicht äußerliche" oder "parteiliche" DDR-Forschung zu
bestimmen sei, wird aber nicht zum Problem der Determiniertheit
durch relevante sozialökonomische Gruppierungen, sondern den Hin-
tergrund bilden die von dem gesamtgesellschaftlichen Bezug ab-
strahierten Vorgaben durch die politische Exekutive. Sieht man ab
von dem Beitrag J.B. Gradls und besonders dem K.C. Thalheims, der
sich unter Berufung auf das Urteil des BVG im Rechtsstreit um den
Grundlagenvertrag gegen eine Neufixierung der DDR-Forschung
stellt, 105) dann ist die Zukunftsvorstellung am besten charakte-
risiert durch den Vorsatz: "Nach dem Grundvertrag verlangt die
neue Etappe des 'friedlichen' Wettbewerbs von der DDR-Forschung
eine realistischere Beurteilung der DDR." 106)
In dem Streit um die Neuorientierung der DDR-Forschung fällt all-
gemein auf, daß die grundlegende Gesellschaftstheorie, auf deren
Basis DDR-Forschung begründet werden soll, kaum ins Blickfeld ge-
rückt wurde. Ebenso werden weltanschauliche Grundlagen nur an der
Oberfläche berührt. So z.B. wenn M. Ackermann mögliche Bewertun-
gen der Befürworter der Normalisierung unterscheidet: "Wer uner-
wünschte gesellschaftspolitische Veränderungen befürchtet, ver-
hält sich skeptisch abwartend. Für wen es sich lediglich um einen
außen- und sicherheitspolitischen Vorgang handelt, der nimmt die
Tatsachen zur Kenntnis, ohne gesellschaftspolitische Schlußfolge-
rungen zu ziehen. Eine dritte Gruppe begrüßt die Politik und
nimmt sie als auslösendes Moment für gesellschaftspolitische Ver-
änderungen sowohl in außen- wie innenpolitischer Hinsicht." 107)
Die Diskussion um die wissenschaftstheoretisch richtige Vorge-
hensweise der DDR-Forschung, die einen breiten Raum einnimmt,
wird relativ abgehoben geführt von dem (unterstellten) theoreti-
schen Gesellschaftsmodell, zugleich Ausdruck einer spezifischen
Auffassung von dem Zusammenhang von Methode und Gesellschafts-
theorie. Ohne auf deren gegenseitige 'Bereicherung' genauer ein-
zugehen 108) - die auch nicht expliziert wird - erweist sich die
'Industriegesellschafts'-Theorie (wenn auch oft nur indirekt) als
die zugrundeliegende allgemeine Gesellschaftstheorie. Eine an den
Entwicklungsphasen der 'Kommunismusforschung' (letztlich an der
jeweiligen Reflexion des internationalen Kräfteverhältnisses)
orientierte Dreiteilung nimmt M. Ackermann vor. Er unterscheidet
nach dem Maßstab der 'Kommunismusforschung' ("Der idealtypische
Bezugspunkt für die DDR-Forschung ist die BRD, eine Sache 'an
sich', die DDR selbst"):
- "Eine s y s t e m d i f f e r e n t e Betrachtung der DDR
geht konsequent von der eigenen Gesellschaftsvorstellung aus,
macht diese allein zum Maßstab für Analysen und Wertungen. Daraus
resultiert dann entschiedene Ablehnung der DDR, die Notwendigkeit
der Abgrenzung, das pointierte Aufdecken von Fehlern und Schwä-
chen, das Abschwächen von Vorzügen."
- "Eine s y s t e m v e r g l e i c h e n d e Betrachtung ist
einerseits am ehesten auf die politische Normalisierung einge-
stellt. Sie geht aus von zwei Staaten und zwei unterschiedlichen
Gesellschaftsordnungen." Neben der Gefahr "Unvergleichliches mit-
einander zu vermengen" ("der 'Sinn' eines Systems... wird ausge-
klammert") gerät der Systemvergleich durch den Versuch des Auf-
baus einer systemübergreifenden Logik "in das Zwielicht beider
Systeme".
- "Die s y s t e m i m m a n e n t e Betrachtung hat - entgegen
landläufiger Nach-Antikommunismus-Auffassung - noch gar nicht
stattgefunden. Traditionell heißt systemimmanente Betrachtung:
System'vergleich' unter Weglassung der BRD. Die erst zu erstel-
lende systemimmanente Betrachtung darf Marx oder Lenin nicht nur
als Kirchenväter zitieren, sondern muß ausgehen von einem an den
Schriften der Klassiker orientierten Begriff von Sozialismus ..."
109)
Der Systemvergleich gilt - bei Nichtangabe der Art der
"systemübergreifenden Logik" und oft unter Hinweis auf dessen
Problematik - als wichtigstes Vorgehen zur Analyse der DDR - in-
nerhalb der "erkenntnistheoretischen Pluralität" (C. Burrichter).
Wogegen die "systemimmanente" Betrachtungsweise aufgrund des un-
zureichenden "Begriffsverständnis(ses) der DDR-Kategorien"
(Erdmann) bzw. der Klassiker des Marxismus-Leninismus als anstre-
benswert bezeichnet wird.
Insbesondere der Versuch des Einbeziehens des Ziels oder des
'Sinns' eines Systems gerät zu einem spezifischen Problem.
Zugleich wird der Widerspruch zwischen der systemvergleichenden
und systemimmanenten Betrachtung deutlich. Denn die Frage nach
der Bewegung eines Gesellschaftssystems ist nur über die Analyse
objektiver Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten in den verschie-
denen Gesellschaftsformationen zu beantworten. Das heißt aber,
diese müssen in ihren w e s e n t l i c h e n Triebkräften er-
faßt werden. Worin sich diese Gesellschaften unterscheiden - und
darauf nur kann sich der Vergleich stützen - ist aber eine Frage
der Gesellschaftstheorie. Ist diese als 'moderne Industriegesell-
schaft' in ihrem Kern vorgegeben, dann erlauben die Methoden le-
diglich eine Stützung dieser Theorie. Die (oberflächliche) Unter-
scheidung bestimmter politischer Strukturen oder anderer aus der
Totalität einer Gesellschaftsformation herausgelöster Bereiche
erzeugen ja letztlich jenes "beliebig manipulierbare DDR-Bild".
(G. Neugebauer), oder eine "DDR-Sicht, in der eigene Wertvorstel-
lungen alleiniger Maßstab sind" (H. Weber).
Die Notwendigkeit des Einbezugs der Dynamik des gesellschaftli-
chen Systems in der DDR ruft dagegen Modifikationen in der Metho-
dologie hervor, was sich z.B. in der Kritik des 'kritischen Posi-
tivismus' widerspiegelt. Werden die unter der Leitung von P.Ch.
Ludz entstandenen "Materialien zur Lage der Nation" einerseits
als Höhepunkt realistischer DDR-Forschung angesehen, so wird an-
dererseits relativiert, hinsichtlich der Erfassung der Weiterent-
wicklung der DDR seien sie unzureichend. "Mit dem kritischen Po-
sitivismus ist allenfalls eine Beschreibung des Ist-Zustandes
möglich", sieht W. Bruns die Grenzen des Ludz' sehen Ansatzes.
"Es werden lediglich Erscheinungen erfaßt, das Wesen bleibt wei-
testgehend unbefragt." 110) Die sich intensiv entwickelnden Wis-
senschaften in den sozialistischen Ländern, durch die "die
(tatsächlichen und potentiellen) wissenschaftlichen Potenzen des
Kapitalismus radikal beschränkt worden" sind 111), ruft den Zwang
zum Vergleich von Wissenschaftssystemen hervor. Hierzu legt C.
Burrichter den Forschungsansatz des Instituts für Gesellschaft
und Wissenschaft Erlangen (IGW) dar, wobei er das Erkenntnisin-
teresse als vom "Charakter des Systemwettstreites bestimmt und
motiviert" angibt. Er zeigt auf, "wie aufgrund des veränderten
Charakters im Systemwettstreit für die DDR-Forschung die verglei-
chende Analyse notwendig wird." Die Forschungsarbeit legitimiert
er (politisch) durch den "Qualitativen Wandel der Beziehungen der
Systeme", wobei die Dominanz der Konfliktebene sukzessive zugun-
sten der konkurrierenden Beziehungen abgebaut wird." 112) Als
Grundmodell des Sozialismus dient die 'Industriegesellschafts'-
Theorie,denn die kapitalistischen Gesellschaften "... sind in der
Lage zu erkennen, daß ein beträchtlicher Teil ihrer Probleme auch
in anderen - in sozialistischen - Gesellschaften ansteht. Die
Konflikte und Entwicklungsstörungen hochentwickelter Industriege-
sellschaften sind zunächst nicht typisch 'sozialistischer' oder
'kapitalistischer' Natur, sondern Folgen des wissenschaftlich-
technischen und industriellen Reifegrads dieser Gesellschaften."
113) Der unterschiedliche politische Überbau der Systeme läßt
sich nach Burrichter 'umgehen', indem der Vergleich "... jetzt
nicht mehr auf eine der beiden Vergleichsgrößen (BRD oder DDR)
hin angelegt... sondern an einer dritten, gemeinsamen Größe aus-
gerichtet" wird, den "spezifischen Lösungsversuche(n)" gesell-
schaftlicher Probleme. 114)
In großer Klarheit zeichnen sich bei C. Burrichter aber zwei wei-
tere Aspekte der Analyse der DDR ab: Die Bestimmung des Verhält-
nisses der DDR zum Sozialismus als Gesellschaftssystem und das
Begreifen der DDR als 'Alternative' zur BRD.
Probleme des zukünftigen 'DDR-Bildes'
-------------------------------------
In welchem Verhältnis die DDR zum Sozialismus (genauer: zur
'sozialistischen Variante' der 'Industriegesellschaft') stehen
sollte, wird für die DDR-Forschung sowohl auf dem Hintergrund po-
litischer Vorgaben ('einheitliche Nation' bzw. in Relation zu
'Gesamteuropa') als auch in bezug auf den organisatorischen Zu-
sammenhang von DDR- und 'Kommunismus'-Forschung diskutiert. Am
eindeutigsten nimmt J.B. Gradl eine Abtrennung der DDR vor. "Wenn
die DDR", schreibt er, "für uns in der Bundesrepublik ein fremdes
Land, Ausland wäre, wie etwa die Sowjetunion oder Ungarn, dann
wäre sie nicht Gegenstand eines besonderen Forschungsbereichs.
Man würde bei uns die DDR-Entwicklung genauso zu verstehen, zu
analysieren, zu interpretieren, zu beurteilen haben wie bei allen
anderen Staaten, in denen Staat und Gesellschaft nach kommunisti-
schen Ordnungs- und Wertvorstellungen gestaltet werden." 115) Die
DDR sei dagegen ein Staat in Deutschland und gehöre "in den Ge-
samtzusammenhang der Nation". 116) Womit er - ähnlich argumen-
tiert K.C. Thalheim 117) - in krasser Weise eine Einschränkung
des Erkenntniswertes der DDR-Forschung vornimmt. Denn eine Über-
windung der 'wertfreien' Analyse solcherart unterstellt, eine in
der BRD betriebene DDR-Forschung habe zu anderen Ergebnissen zu
gelangen, als die anderer (kapitalistischer) Staaten.
Dagegen zeichnet sich bei anderen eine differenziertere Vorge-
hensweise ab. 118) Ludz sieht den 'nation-building'-Ansatz als
Forschungsschwerpunkt neben anderen. Bress verlangt in Zusammen-
hang mit einer Zentralisierung der DDR-Forschung die Einordnung
der - 'DDR-Forschung' in einen übergeordneten geographischen und
politischen Zusammenhang" ("Europa-Osteuropa/UdSSR"). Dadurch ge-
wänne die DDR-Forschung "eine gewisse Autorität", da "diese aus
dem Gravitationsfeld politischer Zwecke herausgenommen würde..."
119)
Eine Bevorzugung der DDR als Forschungsobjekt anderer Art zeich-
net sich z.B. bei H. Zimmermann ab. Ihm scheint die wissenschaft-
liche Beschäftigung mit der DDR "besser als die Analyse anderer
politischer und sozialer Systeme geeignet, die Problematik ebenso
wie die Vorzüge und Entwicklungsmöglichkeiten und -notwendigkei-
ten der eigenen politisch-sozialen Ordnung schärfer zu erkennen."
120) Die DDR habe u.a. ein ähnliches technologisches Entwick-
lungsniveau und die Materialbasis sei besser als die für andere
Volksdemokratien. Die Entwicklungsschwierigkeiten kapitalisti-
scher Länder und die Entwicklung sozialistischer Länder spiegeln
sich (bezogen auf die BRD und DDR) unmittelbar wider. "Heute
sieht sich die DDR-Forschung nicht nur in einem gewandelten au-
ßenpolitischen Kontext, sondern auch in einer veränderten innen-
politischen Situation. In ihr steht die DDR-Forschung erneut vor
der Frage, ob und in welcher Weise sie gesellschaftliche Reformen
befördern kann und will." 121) L. Bress sieht die Möglichkeit der
"Aufdeckung von Alternativen in der Gesellschaftspolitik". "So
hätten viele Irrtümer in der Hochschulpolitik vermieden werden
können, wenn man die Hochschulreform in der DDR vorher studiert
hätte." 122) Auch P.Ch. Ludz konstatiert einen "... Wettbewerb
der beiden deutschen Staaten und Gesellschaftssysteme - ein Wett-
bewerb, der aufgrund der bestehenden weltpolitischen Läge vor al-
lem ein Wettbewerb der 'Lebensqualität' unterschiedlicher Gesell-
schaftssysteme auf deutschem Boden sein wird." 123) Für Teile der
DDR-Forscher findet somit das Problem der Übernahme von Elementen
der sozialistischen Gesellschaft in die bürgerliche Eingang in
die theoretischen Überlegungen zur Analyse der DDR. Neben der
Tendenz der 'Anerkennung' der DDR als integraler Bestandteil des
Sozialismus als Weltsystem werden auf wissenschaftlicher Ebene
auch Probleme der Entwicklung des Kapitalismus relevant. Die Not-
wendigkeit eines Zusammenbruchs des Sozialismus hat sich somit
über den behaupteten Nachvollzug zu kapitalistischen Verhältnis-
sen in einen Versuch der Überwindung von Schranken des kapitali-
stischen Systems selbst entwickelt. Die DDR-Forschung, schreibt
G. Neugebauer, kann "... auf politischer Ebene nur dann eine
Funktion haben, wenn die 'Alternative DDR' Modellcharakter für
eine nachkapitalistische Entwicklung der Bundesrepublik hätte."
124)
Nicht unwesentlich in der Selbstreflexion ist auch die Rolle der
DDR-Forscher, die sich aus einer anzustrebenden Kooperation mit
den Wissenschaftlern der DDR ergibt. Hier wird der - bewußte oder
unbewußte - Antikommunismus innerhalb der 'Kommunismusforschung'
zu einem spezifischen handicap. Denn, "es kann nicht geleugnet
werden, daß die DDR-Forschung bis in die 60er Jahre hinein, viel-
fach auch gegen den Willen der beteiligten Forscher selbst, einen
ausgesprochen 'antikommunistischen' Effekt hatte." 125)
M. Ackermann konstatiert, wichtiger gegenüber der allgemeinen
Frage nach dem Einfluß der Tagespolitik auf die DDR-Forschung sei
die Frage, ob "... die DDR ihre Meinung über die DDR-Forschung
überprüfen ..." wird. 126) In diesem Sinne fordert auch
(selbstkritisch) H. Weber eine Revision der DDR-Forschung, die
"nach dem Grundvertrag ihre Position zu verbessern ..." hat. "Die
DDR-Forschung", macht er deutlich, "muß in erster Linie den zwei-
felhaften Ruf überwinden, ein Produkt des 'kalten Krieges' zu
sein. Daher muß sie jede Einseitigkeit, alle Spekulationen und
jeden Propagandaverdacht vermeiden. Bei aller Notwendigkeit, die
DDR kritisch zu betrachten, ist doch die Objektivität der Analy-
sen und ihre wissenschaftliche Absicherung die Voraussetzung da-
für, daß Diffamierungen abgewehrt werden. Das geschieht am wir-
kungsvollsten durch eine weitere Steigerung der Qualität der DDR-
Forschung, eine Verbesserung ihrer Methoden und der Arbeits-
weise." 127) Bezeichnenderweise macht er keine Aussage über das
den Methoden zugrundeliegende theoretische Grundmodell des Sozia-
lismus.
Als fatal empfindet es W. von Bredow, "... wenn auch in Zukunft
DDR-Forschung in der Regel mit einer Wissenschaft assoziiert
würde, die eigentlich nur Strategie sein will." 128) Mögliche
strategische Hintergründe deuten sich (auf der Grundlage der kri-
tischen Einschätzung der gegenwärtigen DDR-Forschung) allerdings
bei L. Bress an, der eine Trennung von DDR-Wissenschaftlern vor-
nimmt in Theoretiker, die in "SED-eigenen Instituten" arbeiten
und den übrigen Gesellschaftswissenschaftlern (z.B. den am IPW
tätigen). Dies Ausspielen von Wissenschaft gegen die Partei ist
traditioneller Bestandteil der 'Aufweichungs'-Taktik des soziali-
stischen Überbaus.
Die Grenzen hinsichtlich der notwendig gewordenen Präzision in
der Aufarbeitung der Theorie des Marxismus-Leninismus ergeben
sich aus der Zwiespältigkeit objektiverer bzw. weniger verfängli-
cher Ansätze. Denn dieses Vorgehen sei "delikat, wegen des Zwan-
ges, in mitunter fremden theoretischen Deduktionen mitzudenken
...". 129)
3. Schranken und Möglichkeiten der DDR-Forschung
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Aufgabestellung der Arbeit war die Analyse von Tendenzen, die ei-
ner objektiven wissenschaftlichen Erforschung des Sozialismus
durch die bürgerliche Wissenschaft entgegenstehen. Der in der
neueren DDR-Forschung zu verzeichnenden Differenziertheit steht
(auf wissenschaftlicher Ebene) weiterhin das die wesentlichen Un-
terschiede zwischen Kapitalismus und Sozialismus nivellierende
theoretische Grundmodell, vor allem die 'Industriegesellschafts'-
Theorie, entgegen. "Die erkenntnishemmende Kraft bürgerlicher ge-
sellschaftskonzeptioneller und sozialtheoretischer Doktrinen ver-
hindert das Verständnis für die realen Prozesse in der soziali-
stischen Gesellschaft. Das trifft selbst auf Verfasser zu, die
sich über die zwangsläufige Erfolglosigkeit einer illusionsbe-
ladenen antikommunistischen Politik nicht im unklaren sind und
für unvoreingenommene Forschungen plädieren. Sie sind Gefangene
ihrer theoretischen Prämissen." 130) Dies vorausgesetzt und abge-
sehen von traditionell reaktionären Strömungen, finden sich unter
den DDR-Forschern einerseits Teile, die alte Ziele nur effektiver
verfolgen wollen, und andere, die zur Vertiefung der wissen-
schaftlichen Forschung streben. Die Angriffe auf die liberalen
Seiten der DDR-Forschung - die auch als Instrument von der Regie-
rungspolitik berücksichtigt werden - tragen nicht unwesentlich
dazu bei, antikommunistische Vorurteile in den verschiedenen Be-
völkerungsschichten abzubauen.
Der Ausgangspunkt nicht nur der Analyse der bürgerlichen Gesell-
schaft, sondern auch der der sozialistischen ergibt sich aus der
Totalität der unterschiedlichen Gesellschaftsformationen. Zur Er-
forschung des Sozialismus kann die DDR als Beispiel gelten, wel-
ches den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten sozialistischer Entwick-
lung unterzurordnen ist. Die Theorie von der 'Industrie-
gesellschaft', in der Kapitalismus und Sozialismus als zwei
Varianten gefaßt sind, macht demgegenüber eine Analyse von
Gesellschaft zur Spekulation. Die Erforschung von Gesellschaft
würde reduziert auf eine Aufzählung von Bestandteilen; den Mit-
gliedern der Gesellschaft schiene freizustehen, welche Elemente
sie in ihr System integrieren wollen und welche nicht.
Die damit verbundene Konzeption, einen 'weniger kapitalistischen'
Kapitalismus entstehen zu lassen, ist wissenschaftlich ebenso we-
nig haltbar, wie die Forderung, sozialistische Staaten müßten be-
stimmte ideologisch-politische Vorleistungen zur Durchführung ei-
nes solchen Programms erbringen und dadurch zugleich die friedli-
che Koexistenz ermöglichen. W. von Bredow z.B. kritisiert die
'Konvergenz'-Vorstellungen und führt einen Begriff der
'antagonistischen Kooperation' ein. "Der Weg der Ost-West-Politik
führt auch in den siebziger Jahren nicht vom Antagonismus zur
Konvergenz. Statt dessen wird hier vorgeschlagen, für die sich
entwickelnde intersystemare Zusammenarbeit den Begriff
'antagonistische Kooperation' zu verwenden. Beides, der ideologi-
sche Konflikt und die partielle Kooperation, werden auch in Zu-
kunft Kennzeichen der Ost-West-Politik sein." 131)
_____
1) Vgl. dazu ausführlicher: W. Wotschack: ZUR DISKUSSION UM THEO-
RIEN ÜBER DEN SOZIALISMUS. Gesellschaftspolitische Grundlagen der
DDR-Forschung in der Bundesrepublik, unveröffentlichte Diplomar-
beit, Westberlin 1974, S. 6-30.
2) W. Leissner: DIE VERWALTUNG DER SBZ, Stuttgart 1961. Zit. nach
K. Sontheimer/W. Bleek, DIE DDR. POLITIK, GESELLSCHAFT, WIRT-
SCHAFT, Hamburg 1972, S. 14, 15.
3) Vgl. K. Steinhaus: "Probleme der Systemauseinandersetzung im
nachfaschistischen Deutschland", in: BRD-DDR SYSTEMVERGLEICH,
Köln 1971, S. 402 ff.
4) Sontheimer/Bleek, a.a.O., S. 12, 13. Die Autoren, die letzt-
lich dennoch nicht behaupten wollen, "daß die wissenschaftlichen
Bemühungen um die Erfassung der Vorgänge in der DDR zwischen 1950
und 1960 wertlos und im Grunde unwissenschaftlich gewesen wären",
geben Aufschluß über die Uferlosigkeit des bürgerlichen Wissen-
schaftsbegriffs. (Ebenda, S. 13, 14).
5) Das in der 'Totalitarismus'-Doktrin enthaltene Syndrom von
Oberflächenerscheinungen der politischen Sphäre wird ab Anfang
der 60er Jahre unter dem Begriff der 'autoritären Herrschaft'
fortgeführt. Ebenso werden einzelne Elemente der sozialistischen
Gesellschaft als 'totalitär' in die 'Industriegesellschafts'-Kon-
zepte integriert. So meint z.B. P.Ch. Ludz, auf Grund der Ent-
wicklung sozialistischer Staaten zur 'Industriegesellschaft'
fände sozialer Wandel und "Wandel des ideologischen Dogmas"
statt, die man "mit dem klassischen Begriff des Totalitarismus
... nicht mehr adäquat" erfassen könne. "Der Begriff der totali-
tären Partei kann dagegen, allerdings ebenfalls modifiziert, bei-
behalten werden." (P.Ch. Ludz: "Entwurf einer soziologischen
Theorie totalitär verfaßter Gesellschaft", in: KÖLNER ZEITSCHRIFT
FÜR SOZIOLOGIE UND SOZIALPSYCHOLOGIE, Sonderheft 8/1964, S. 16).
6) J.F. Kennedy: DER WEG ZUM FRIEDEN (The Strategy of Peace),
Hrsg. A. Nevis, Düsseldorf 1961, S. 343.
7) E. Bahr in einer Rede in der Evangelischen Akademie Tutzing am
15.7.1963, abgedruckt in: DEUTSCHLAND ARCHIV (im folgenden DA),
Heft 8/1973, S. 862 ff.
8) Im Gegenteil legte der 'Forschungsbeirat für Fragen der Wie-
dervereinigung Deutschlands' noch 1965 eine neue - die vierte Va-
riante eines Planes vor, wie nach der Wiederangliederung der DDR
die sozialistischen Verhältnisse innerhalb eines Jahres rückgän-
gig zu machen seien - "Liquidierung des derzeitigen Machtregi-
mes". Vgl. H. Bertsch: "Rolle und innere Konflikte der bürgerli-
chen 'DDR-Forschung'", in: IPW-BERICHTE, Heft 7/1972, S. 8.
9) Dies geschah zunächst weniger von offizieller Seite. Wie W.
Pfeiler feststellt, habe man "den August 1961 als einen Zeitpunkt
zu betrachten, an dem viele begonnen haben umzudenken", schnell
sei klargeworden, "daß sich dort im Osten - bei aller weiterge-
henden Abhängigkeit von der UdSSR - eine eigenständige Entwick-
lung vollzog." W. Pfeiler: "Über den politischen Wert einer wis-
senschaftlichen DDR-Forschung", in: DA, Heft 5/1973, S. 495.
Diese Maßnahme der DDR ermöglichte vielen - wenn auch mit zeitli-
chem Abstand - ein Überdenken der Situation der Bundesrepublik.
So schrieb der Kolumnist S. Haffner im Jahre 1964, indem er den
August 1961 direkt mit dem Nov. 1918 und dem 8. Mai 1945 gleich-
setzte: "Er war die dritte - diesmal Gott sei Dank unblutige Nie-
derlage einer deutschen Politik, die Deutschlands Situation durch
Druck, Zwang und kalten Krieg, in der letzten Konsequenz notfalls
auch durch wirklichen Krieg, zu verbessern hoffte ... Adenauer
war seit dem 13. August ein gescheiterter Politiker, nicht weni-
ger als vor ihm Wilhelm II. und Hitler." (STERN vom 15.11.1964;
zit. nach G. Keiderling/P. Stulz, BERLIN 1945-1968, Berlin 1970,
S. 489.)
10) W. Brandt: KOEXISTENZ - ZWANG ZUM WAGNIS, Stuttgart 1963, S.
37.
11) Vgl. G.B. Chromuschin u.a.: ANTIKOMMUNISMUS - IDEOLOGISCHE
HAUPTWAFFE DES IMPERIALISMUS, Berlin 1974, S. 10.
12) Ch. Graf von Krockow: "Der Wettkampf der Systeme. Betrachtun-
gen über eine mögliche Konvergenz". in: GEIST UND TAT, Frank-
furt/M., Heft 3/1971, S. 148.
13) W. Rostow: STADIEN WIRTSCHAFTLICHEN WACHSTUMS, Göttingen
1961, S. 6.
14) H.F. Achimow: "Der Ersatz-Frühkapitalismus. Der geschichtli-
che Standort des modernen Kommunismus", in: DAS PARLAMENT vom
14.7.1968, Beilage.
15) R. Aron: DIE INDUSTRIELLE GESELLSCHAFT, Frankfurt/M./Hamburg
1964, S. 37.
16) Ebenda, S. 36.
17) D. Bell: THE END OF IDEOLOGY, New York 1969.
18) B. Bartsch: "Sozialistische Partei oder Volkspartei?", in:
DIE NEUE GESELLSCHAFT, Heft 3/1966, S. 209, 210.
19) Rede H. Kissingers im Juni 1972 in den USA. Wortlaut in:
DEUTSCHE ZEITUNG/CHRIST UND WELT vom 30.6.1972.
20) Kennzeichnend ist auch die eingeschränkte Führungsrolle der
USA unter den Verbündeten, "... die USA müssen alle Erwartungen
aufgeben ..., daß unsere Rezepte immer oder automatisch beachtet
werden." (R. Nixon: "Der reale Weg zum Frieden", in: U.S. NEWS &
WORLD REPORT vom 26.6.1972).
21) Vgl. M. Hall: "Zur inneren Situation der USA im Wahljahr",
in: BLÄTTER FÜR DEUTSCHE UND INTERNATIONALE POLITIK, Heft 4/1972,
S. 410 ff.
22) Nixon: "Der reale ...", a.a.O.
23) R. Löwenthal: "Faktoren und Perspektiven der sowjetischen
Westpolitik", in: SOWJETPOLITIK DER 70ER JAHRE (Hrsg. R. Lö-
wenthal/H. Vogel), Stuttgart/(West) Berlin/Köln/Mainz 1972, S.
33.
24) Sontheimer/Bleek, a.a.O., S. 11.
25) W. Pfeiler: "Über den politischen ...", a.a.O., S. 493.
26) Z. Brzezinski/Huntington: POLITISCHE MACHT USA/UDSSR. Ein
Vergleich, Köln/(West)Berlin 1966, S. 467.
27) Z. Brzezinski: ALTERNATIVE ZUR TEILUNG: NEUE MÖGLICHKEITEN
FÜR EINE GESAMTEUROPÄISCHE POLITIK, Köln/(West)Berlin 1966, S.
151.
27a) Vgl. K. Zeisler: "Die Evolutionskonzeption imperialisti-
scher Kommunismusforschung, in: IPW-BERICHTE, Heft 4 und 5/1972.
28) H. Heimann: "Demokratischer Sozialismus in Ost und West. Die
Deutschland- und Ostpolitik: Anregungen zu einer konkreten Uto-
pie", in: DAS PARLAMENT vom 2.9.1972, Beilage, S. 17.
29) A. Kassof: Schlußartikel in: PROSPECTS FOR SOVIETY, London
1968; zit. nach G.B. Chromuschin u.a., a.a.O., S. 71, 72.
30) Z. Brzezinski: "Entspannungspolitik im Schatten Prags", in:
C. Grosser u.a. (Hrsg.): DAS 198. JAHRZEHNT. Eine Teamprognose
für 1970 bis 1980, Hamburg 1969, S. 49.
31) Brzezinski/Huntington: POLITISCHE MACHT..., a.a.O., S. 455.
32) Brzezinski: "Entspannungspolitik...", a.a.O., S. 50.
33) Ebenda, S. 43.
34) SOWJETSYSTEM UND DEMOKRATISCHE GESELLSCHAFT. Eine verglei-
chende Enzyklopädie, Bd. II, Freiburg im Breisgau, Sp. 927.
35) L. Bress: "Hat die DDR-Forschung eine Zukunft?", in: DA, Heft
7/1973, S. 720.
36) R. Löwenthal: "Welt ohne Anker", in: DIE ZEIT, 1972, Nr. 1.
37) O.K. Flechtheim: "Der dritte Weg in der deutschen Parteipoli-
tik nach 1945", in: DAS PARLAMENT vom 23.6.1972, Beilage, S. 3.
38) Brzezinski: "Entspannungspolitik ...", a.a.O., S. 38.
39) W. Pfeiler: "Ober den politischen ...", a.a.O., S. 497. Vgl.
auch W. von Bredow: "Abgrenzung und Entspannung - Konvergenztheo-
rie und antagonistische Kooperation", in: DA, Heft 3/1973, S. 252
ff.
40) H. Buchheim: "Gibt es noch einen Weg zur Einheit der Deut-
schen in Freiheit?", in: POLITISCHE STUDIEN, Nr. 208, März/April
1973, S. 188.
41) Ebenda, S. 185.
42) Ebenda.
43) P.Ch. Ludz: DEUTSCHLANDS DOPPELTE ZUKUNFT, München 1974, S.
101.
44) H. Buchheim: a.a.O., S. 181.
45) Ebenda, S. 188.
46) E. Bahr in einer Rede in der Evangelischen Akademie Tutzing
am 11.7.1973, abgedruckt in: DA, Heft 8/1973, S. 865 ff.
47) Ebenda, S. 866, 867.
48) P.Ch. Ludz: DEUTSCHLANDS ..., a.a.O., S. 16.
49) Rede von E. Bahr 1973, a.a.O., S. 871.
50) Ebenda, S. 873.
51) P. Frank: "Europäische Gespräche in einer sich wandelnden
Welt", in: SOWJETPOLITIK. DER 70ER JAHRE (Hrsg. R. Lö-
wenthal/H.Vogel), Stuttgart/(West)Berlin/Köln/Mainz 1972, S. 17.
52) "Es gibt keine ideologische Koexistenz sagte der regierende
Bürgermeister vor zehn Jahren. Dies wird auch in zehn Jahren noch
richtig sein." (Bahrrede, S. 867).
53) Rede von E. Bahr 1973, a.a.O., S. 867.
54) P.Ch. Ludz: DEUTSCHLANDS ..., a.a.O., S. 17.
55) P. Frank: "Die Bundesrepublik im west-östlichen Spannungs-
feld", in: AUSSENPOLITIK, Heft 3/1973, S. 297.
56) K. Sontheimer/W. Bleek, a.a.O., S. 10, 11.
57) W. Brandt: "Die Lage der Nation", in: DAS PARLAMENT vom
2.2.1974.
58) P.Ch. Ludz: DEUTSCHLAND ..., a.a.O., S. 99.
59) P. Frank: "Die Bundesrepublik ...", a.a.O., S. 22, 23.
60) H. Heimann: "Überwindung der Spaltung Europas und Deutsch-
lands durch demokratischen Sozialismus. Antworten auf die Kritik
an den 'Anregungen zu einer konkreten Utopie'", in: DAS PARLAMENT
vom 19.5.1973, Beilage, S. 27.
61) W. Brandt: KOEXISTENZ ..., a.a.O., S. 37.
62) Vgl. P.Ch. Ludz: DEUTSCHLANDS ..., a.a.O., S. 97-101.
63) Ebenda, S. 113.
64) W. Röpke, in: "Was müssen wir für die Freie Welt tun?", Akti-
onsprogramm sozialer Marktwirtschaft, Tagungsprotokoll Nr. 24,
Ludwigsburg 1965, S. 10.
65) Vgl. P.Ch. Ludz: DEUTSCHLANDS ..., a.a.O., S. 111, 112.
66) Ebenda, S. 112, 113.
67) Indirekt schafft P.Ch. Ludz in diesen Aussagen die Verbindung
zwischen den sich bedingenden Funktionen der 'Entideologisie-
rungs'-These, der Förderung einer passiven Haltung in Hinsicht
auf die Widersprüche des kapitalistischen Systems und der
Abgrenzung gegen das Beispiel DDR und den Marxismus-Leninismus.
68) Ebenda, S. 120, 121.
69) Ebenda, S. 122.
70) Vgl. Ebenda.
71) P.Ch. Ludz, Einleitung zu: WISSENSCHAFT UND GESELLSCHAFT IN
DER DDR, München 1971, S. 20.
72) H. Lippmann: "Der Grundlagenvertrag und die DDR-Forschung",
in: DA, Heft 5/1973, S. 501, 502.
73) Ebenda, S. 502.
74) H. Weber: "Die DDR-Forschung nach dem Grundvertrag", in: DA,
Heft 6/1973, S. 587.
75) P.Ch. Ludz: "Die Zukunft der DDR-Forschung", in: DA, Heft
5/1973, S. 488.
76) Ebenda.
77) W. Maibaum: "Konzeption und Schwierigkeiten der DDR-For-
schung", in: POLITISCHE BILDUNG, Heft 2/1972, S. 3.
78) P.Ch. Ludz: "Die Zukunft der ...", a.a.O., S. 489.
W. von Bredow, der den "Veteranen" der 'Kommunismusforschung' die
unüberwundenen eigenen Vorurteile vorwirft, kennzeichnet die
Stoßrichtung der Vergangenheit als "Hoffnung auf die systemspren-
gende Kraft des osteuropäischen Nationalismus, die der eine oder
andere höchst interessierte Beobachter Osteuropas bis noch vor
kurzem gehegt hat ..." Der Beweis, daß sich diese Hoffnung "wohl
endgültig als obsolet erwiesen hat ...", müßte indes erst er-
bracht werden. (W. von Bredow: "Die DDR als Forschungsobjekt",
in: DA, Heft 8/1973, S. 822, 823.)
79) Vgl. W. Bergsdorf: "Eine dritte Phase der DDR-Forschung?",
in: DA, Heft 6/1973, S. 591, 592.
80) J.B. Gradl: "DDR-Forschung als eigene Aufgabe", in: DA, Heft
5/1973, S. 487.
81) P.Ch. Ludz: "Die Zukunft der ...", a.a.O., S. 492.
82) J.B. Gradl: "DDR-Forschung als ...", a.a.O., S. 487.
83) P.Ch. Ludz: "Die Zukunft der ...", a.a.O., S. 492.
84) Nicht umsonst findet es H. Lippmann erfreulich, wenn er auf
den DDR-Wissenschaftler H. Bertsch verweisen kann, der bemerkt,
einzelne Wissenschaftler in der BRD könnten auch bei sachlicher
DDR-Forschung "Auftrag und Entgelt" sichern. Vgl. H. Lippmann:
"Der Grundvertrag ...", a.a.O., S. 499; H. Bertsch: "Rolle und
...", a.a.O., S. 4, 10.
85) P.Ch. Ludz: "Die Zukunft der ...", a.a.O., S. 492.
86) W. Bergsdorf: "Eine dritte Phase ...", a.a.O., S. 592.
87) W. von Bredow: "Abgrenzung und ...", a.a.O., S. 255.
88) H. Lippmann: "Der Grundvertrag ...", a.a.O., S. 500.
89) J.B. Gradl: "DDR-Forschung ...", a.a.O., S. 487.
90) Vgl. ebenda.
91) W. von Bredow: "Abgrenzung und Entspannung ...", a.a.O., S.
255. Ebenso W. Pfeiler: "Über den politischen Wert ...", a.a.O.,
S. 497.
92) Vgl. V. Wrona: "Die Offensive des Marxismus-Leninismus und
die Krise der Ideologie des Imperialismus", in: EINHEIT, Heft
4/1973, S. 393, 394. "Diese Mystifikation ist selbst wiederum
kein Produkt der Willkür, sondern resultiert aus der objektiven
Erscheinungsweise der kapitalistischen Produktionsverhältnisse,
aus der Warenproduktion und dem Warentausch." (Vgl. ebenda).
93) W. von Bredow: "Die DDR als ...", a.a.O., S. 823.
94) H. Lippmann: "Der Grundvertrag ...", a.a.O., S. 500.
95) L. Bress: "Hat die 'DDR-Forschung' ...", a.a.O., S. 720.
96) P.Ch. Ludz: "Die Zukunft der ...", a.a.O., S. 488.
97) H. Zimmermann: "Zu einigen innenpolitischen Aspekten der DDR-
Forschung", in: DA, Heft 7/1973, S. 714.
98) Ebenda, S. 715.
99) G. Neugebauer: "DDR-Forschung ...", a.a.O., S. 1038.
100) Vgl. W. Bruns: "Richtungen und Probleme der DDR-Forschung
...", in: DA, Heft 6/1973, S. 595-597.
101) Die Oberflächlichkeit von Auffassungen über Parteilichkeit
dokumentiert sich in der Erkenntnis H. Webers, die DDR sei "...
eine ausgesprochen politisch verfaßte Gesellschaft ...", woraus
sich der Zusammenhang von Politik und DDR-Forschung begründe.
Ebenso zielt die Aussage K. Erdmanns, "Forschung über Bereiche
eines Staates, der das Primat der Politik auf seine Fahnen gehef-
tet hat, kann wohl kaum unpolitisch betrieben werden ..." direkt
auf die Abtrennung des Zusammenhangs von DDR-Forschung und Poli-
tik einerseits und dem Prinzip der Parteilichkeit der Wissen-
schaft andererseits, ab. (H. Weber: "Die DDR-Forschung ...",
a.a.O., S. 588; K. Erdmann: "Kritische Analyse unerläßlich", in:
DA, Heft 6/1973, S. 599).
102) Vgl. M. Ackermann: "Die Normalisierung der Beziehungen zwi-
schen der DDR und den DDR-Forschern", in: DA, Heft 6/1973, S.
589.
103) G. Neugebauer: "DDR-Forschung nur Büttel der Politik?", in:
DA, Heft 10/1973, S. 1038.
104) W. Bergsdorf: "Eine dritte Phase ...", a.a.O., S. 592.
105) Vgl. K.C. Thalheim: "Zur Notwendigkeit und zu den Aufgaben
der DDR-Forschung", in: DA, Heft 9/1973, S. 916 ff.
106) H. Weber: "Die DDR-Forschung ...", a.a.O., S. 589.
107) M. Ackermann: "Die Normalisierung ...", a.a.O., S. 589.
108) Auf die welthistorischen Zusammenhänge der modernen Wissen-
schaftsdebatten gehen Domin u.a. ein, wobei sie diese neben dem
Anknüpfen an traditionelle Wissenschaftsvorstellungen wesentlich
als durch die Entwicklung des Sozialismus diktiert analysieren.
Die gegenseitige Beeinflussung von Gesellschaftsauffassung und
Wissenschaftsbestimmung (wobei die 'soziale Bestimmung' stärker
betont wird) führt letztlich zur Verschiebung der Abstraktions-
ebene der Gesellschaftsauffassung selbst. Andererseits soll eine
Erweiterung der Zielgruppe z.B. positivistischer Argumentationen
durch die Verflechtung mit gesellschaftstheoretischen Aspekten
ermöglicht werden, d.h. die technokratische Auffassung der Ge-
sellschaftsentwicklung soll in ihrer ideologischen Wirksamkeit
erhöht werden. (Vgl. G. Domin u.a.: BÜRGERLICHE WISSENSCHAFTS-
THEORIE UND IDEOLOGISCHER KLASSENKAMPF, Berlin 1973, S. 15 ff.).
109) M. Ackermann: "Die Normalisierung ...", a.a.O., S. 590.
110) W. Bruns: "Richtungen und Probleme ...", a.a.O., S. 597.
111) R. Rilling: "Zur bürgerlichen Interpretation der DDR-For-
schungspolitik", in: DAS ARGUMENT, Heft 73/1972, S. 509.
112) C. Burrichter: "Systemwettstreit und Systemvergleich. Anmer-
kungen zur vergleichenden Wissenschaftsforschung", in: DA, Heft
8/1973, S. 819.
113) Ebenda, S. 820.
114) Ebenda.
115) J.B. Gradl: "DDR-Forschung ...", a.a.O., S. 485.
116) Ebenda, S. 486.
117) C.K. Thalheim: "Zur Notwendigkeit ...", a.a.O., S. 917 ff.
118) W. von Bredow ist der Auffassung, "Das das ganz und gar und
alle anderen Überlegungen zunächst aus dem Felde schlagende Be-
sondere an der DDR ... mit dem Grundvertrag und seinem politi-
schen Milieu nun aufgehoben" sei. (W. von Bredow: "Die DDR als
...", a.a.O., S. 823). Inwieweit dieser Ausgangspunkt zumindest
bei einzelnen Forschern zum Tragen kommen wird, bleibt abhängig
davon, ob der Ansatz für die DDR-Analyse (wie für die anderen so-
zialistischen Staaten) in dem Internationalen des Sozialismus ge-
sehen wird.
119) L. Bress: "Hat die 'DDR-Forschung'...", a.a.O., S. 485.
120) H. Zimmermann: "Zu einigen innenpolitischen ...", a.a.O., S.
716.
121) Ebenda, S. 714.
122) L. Bress: "Hat die 'DDR-Forschung'...", a.a.O., S. 718.
123) P.Ch. Ludz: "Die Zukunft der ...", a.a.O., S. 493.
124) G. Neugebauer: "DDR-Forschung ...", a.a.O., S. 1038.
125) H. Zimmermann: "Zu einigen innenpolitischen ...", a.a.O., S.
713.
126) M. Ackermann: "Die Normalisierung ...", a.a.O., S. 589.
127) H. Weber: "Die DDR-Forschung ...", a.a.O., S. 587.
128) W. von Bredow: "Die DDR als ...", a.a.O., S. 824.
129) L. Bress: "Hat die 'DDR-Forschung'...", a.a.O., S. 719.
130) K. Zeisler: "Genesis und Funktionen der gegenwärtigen impe-
rialistischen 'Kommunismusforschung'", in: ZEITSCHRIFT FÜR GE-
SCHICHTSWISSENSCHAFT, Heft 10/1973, S. 1179.
131) W. von Bredow: VOM ANTAGONISMUS ZUR KONVERGENZ. STUDIEN ZUM
OST-WEST-PROBLEM, Frankfurt/M. 1972, S. 188.
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