Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974


       zurück

       

FRAGEN DER DIALEKTIK

Materialien vom X. Hegel-Kongreß in Moskau ------------------------------------------ Vom 26. bis 30, August 1974 fand in Moskau der X. Internationale Hegel-Kongreß statt, ausgerichtet von der Internationalen Hegel- Gesellschaft (Präsident W.R. Beyer) und der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Es gehört zur Verfahrensweise der Internatio- nalen Hegel-Gesellschaft ihren alle zwei Jahre stattfindenden Kongreß alternierend in einem sozialistischen und nicht-soziali- stischen resp. kapitalistischen Land abzuhalten. Insofern ent- sprach die Wahl Moskaus dem Usus der Gesellschaft, war sie 'normal'. Die Resonanz allerdings auf den in Moskau durchgeführ- ten Hegel-Kongreß ging über den üblichen Kongreß-Rahmen hinaus. Dies drückte sich aus in der überaus großen Zahl von Teilnehmern (ca. 700) und Referenten (ca. 220) aus 36 verschiedenen Ländern und einer durchweg breiten Kommentierung durch die Massenmedien. Daß die sowjetischen Publikationsorgane in systematischer Weise den Kongreß würdigen und schildern würden, war von Kennern und Freunden der Sowjetunion nicht anders erwartet worden. Ihr Ver- hältnis zu Hegel ist eindeutig und nicht zwiespältig bestimmt. Sie weiß sich in der Tradition und als Verwirklicher der positiv- sten Momente der Hegelschen Philosophie, insbesondere ihres wich- tigsten Kerns: der Dialektik. Lenin charakterisierte die Hegel- sche Philosophie als auf den Kopf gestellten Materialismus (Werke 38, 94) und sah die Notwendigkeit der Bewahrung und Weiterent- wicklung des Hegelschen wie Marxschen Werks in der d i a- l e k t i s c h e n Bearbeitung der Geschichte des menschlichen Denkens, der Wissenschaft und der Technik. (Werke 38, 137) Historisch erwies sich augenscheinlich die Sowjetunion, die schon in ihrer Gründung durch historisches und dialektisch-mate- rialistisches Denken bestimmt ist, als vorzüglich ausgewiesener Ort, das Zentralthema Dialektik zu diskutieren. Die sowjetischen Philosophen selbst dokumentierten in unübersehbarerweise den ho- hen Stand und Differenziertheitsgrad der theoretischen Diskussion in der SU über die Spezifikation der Dialektik in unterschiedli- chen Gegenstandsbereichen. Besonders Bogomolov, Kedrov, Lek- torski, Narski, Oiserman seien hier genannt Neben den philosophi- schen Repräsentanten der SU spiegelte sich in den Beiträgen der Theoretiker aus der CSSR (Ruml, Zeleny) und DDR (Buhr, Hörz, Ko- sing, Kröber, Kumpf, Ley, Löwe, Camilla Warnke und Vera Wrona) das entwickelte Niveau philosophischer Reflexion in sozialisti- schen Ländern wider. In welchem Maße eine entfaltete materiali- stische Philosophie Ausdruck einer starken Arbeiterbewegung sein kann, wurde für kapitalistische Staaten am Auftreten der Vertre- ter Frankreichs: Althusser, Besse und Sève deutlich. Auch in der BRD und Westberlin hat sich trotz mannigfacher staatlicher Re- pression bis hin zu den derzeit praktizierten illegalen Berufs- verboten die materialistische Betrachtung der Philosophiege- schichte nicht unterdrücken lassen. An der Stellung zu Hegel mißt sich die Stellung zu Marx. Eine entschieden materialistische Po- sition nahmen unter unterschiedlichen Thematisierungen für die BRD Heiseler, Sandkühler, Steigerwald, Otte und de la Vega ein, als Philosophen aus Westberlin Arnaszus, Heidtmann und Tripp. Die Vertretung der marxistischen Philosophie blieb also nicht auf die sozialistischen Staaten beschränkt, obgleich diese naturgemäß die profundesten und subtilsten Sachkenner stellten, die gegenüber westlichen Marxisten in der schöpferischen Anwendung und Fortent- wicklung des Marxismus bereits einen großen Schritt nach vorn ge- tan haben, während diese - durch die Umstände bedingt - sich z.T. noch in der Phase der Rezeption der umfassenden marxistischen philosophischen Diskussion befinden. Auf dem Moskauer Hegel-Kon- greß wurden gerade auch diejenigen Kräfte deutlich, gegen die eine fortschrittliche Bewahrung des Hegelschen Erbes in Geltung zu bringen ist, Kräfte, die z.T. von explizit rechtshegeliani- schen Positionen aus argumentieren und die in der BRD teils seit jeher großen Einfluß auf Wissenschaftspolitik, Lehrstuhlbesetzung und Nachwuchsförderung besitzen, oder teils als Vertreter der hermeneutischen Schule einer angeblich wertfreien Hegelrezeption das Wort reden, vollzogen im 'herrschaftsfreien' Dialog. Auf ihre Repräsentanten Lübbe, Becker und Henrich wird noch in gesonderter Form einzugehen sein. Es manifestiert sich durch sie eine Philo- sophie, die ein Staat duldet, fördert und unterstützt, in dem die vielen durch wenige von der Mitbestimmung an den Produktionsmit- teln und an der Verfügung über die Produkte ausgeschlossen sind. Daß gerade auch sie in Moskau zu Wort kamen, exemplifiziert ein weiteres Mal die außerordentliche Diskussionsbereitschaft der so- wjetischen Gastgeber wie der Internationalen Hegel-Gesellschaft, denn nur im Meinungsstreit - und nur in ihm - bewährt sich die Relevanz, Weite und der Grad der Präzision einer Theorie, nur in ihm entwickelt sich eine Theorie weiter. Diese Moskauer 'Situation' wurde von allen aktiven Teilnehmern des Kongresses ausnahmslos anerkannt, von Prof. Lübbe (Zürich), Mitglied des Bundes 'Freiheit der Wissenschaft' in einem sowjeti- schen Fernsehinterview ausdrücklich erwähnt. Dies trug ihm in der ARD-Berichterstattung den Vorwurf ein, auch (!) er habe sich ver- einnahmen lassen. Das jahrelang von Regierung und Massenmedien verzeichnete Bild der Sowjetunion konnte von keinem Teilnehmer auch nur im Ansatz bestätigt werden. Moskau erwies sich vielmehr als offenes Forum, das die bürgerliche Berichterstattung vor un- lösbare Schwierigkeiten stellte, weil es dem konzipierten Feind- bild nicht entsprach. Nahezu alle Darstellungen in der bürgerli- chen Presse spiegeln diese Diskrepanz wider und sind somit der Ausdruck einer in die Defensive geratenen Ideologie. Insofern kann der Moskauer Kongreß als ein Markstein in der Auseinander- setzung zwischen Materialismus und Idealismus bezeichnet werden, der deutlich macht, in wie starkem Maße die fortschrittliche He- gel-Rezeption immer stärker Rang und Anhang gewinnt, vor allem unter jüngeren Wissenschaftlern aus kapitalistischen Ländern, die einen Zusammenhang von Philosophie und Politik herstellen und sich für demokratische Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen einsetzen. Es sind vornehmlich diejenigen, die nicht länger gewillt sind, Philosophie abgelöst von gesellschaftlicher Praxis und damit Verantwortung zu begreifen. Die BRD- und West- berliner Presse hat versucht sie zu diffamieren oder totzuschwei- gen, um nicht in eine sachliche Diskussion eintreten zu müssen. Es ist gerade auch vornehmlich Aufgabe der Zeitschrift für Sozia- listische Politik, diese Kräfte zu Wort kommen zu lassen, im An- satz und Rahmen des Möglichen die Moskauer Diskussion einer brei- teren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und fortzuführen. Kein Bereich der sozialistischen Politik k a n n a u f e i n e A u s e i n a n d e r s e t z u n g u m F r a g e n d e r D i a l e k t i k v e r z i c h t e n und hat deshalb gerade auch die theoretischen Voraussetzungen materialistischer Dialek- tik zu reflektieren. Im folgenden wird der Versuch unternommen, einen Überblick der Moskauer Diskussion vorzustellen. Auszüge aus einigen Originalreferaten schließen sich an. Eine vollständige Sammlung aller Referate wird im Frühjahr 1975 im Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, erscheinen. Marxens Bemerkung, 'daß alle Wissenschaft überflüssig wäre, wenn die Erscheinungsformen und das Wesen der Dinge unmittelbar zusam- menfielen' sei heute aktueller denn je. Diesen Kerngedanken wis- senschaftlichen Erkennens und bewußter Alltagserfahrung rief W.R. Bayer in seiner Begrüßungsansprache in Erinnerung. Sie sollte als Aufforderung verstanden werden, sich der Hegel-Kritik von Marx, Engels und Lenin, dem jahrhundertlangen ideologischen Kampf zwi- schen Idealismus und Materialismus in der Gegenwart, hier und jetzt, zu stellen und ihn fortzusetzen. Das besondere Interesse der marxistischen Wissenschaftler und Philosophen gelte dem, in Lenins Worten, materialistisch vom Kopf auf die Füße gestellten Hegel, dessen genialer Grundgedanke der universelle, allseitige lebendige Zusammenhang von allem mit allem und der Widerspiege- lung dieses Zusammenhangs in den Begriffen der Menschen sei, so- wie der Negativität als bewegendes und erzeugendes Prinzip der Dialektik überhaupt. Den rationellen Kern der Dialektik im System der Hegelschen Ge- dankenentwicklung freizulegen und die Dialektik als Methode und Bewegungsgesetzmäßigkeit im historischen und dialektischen Mate- rialismus zu begreifen, zu begründen und weiterzuentwickeln ist Anspruch und Aufgabe des wissenschaftlichen Sozialismus, des Mar- xismus - Leninismus. Diese Arbeit habe sich - nach Beyer - im Kampf gegen die bürgerliche Ideologie zu bewähren, die aus Angst vor der wirklichen Entwicklung der Gesellschaft und der Wissen- schaften, entweder im Namen akademischer Textscholastik die Dia- lektik zum strittigen Sachverhalt zu stilisieren sich anstrengt oder sie in positivistischen Schattierungen als pseudo-wissen- schaftlichen Kunstgriff kaltzustellen sich eingelassen hat. P.M. Kedrow, bis vor kurzem Leiter der Akademie der Wissenschaf- ten in Moskau, referierte in der Eröffnungssitzung über die hi- storischen Schicksale der Hegelschen Dialektik und zeigte in der Einordnung von Marx in die Umwälzung der Wissenschaften vom 16. bis 19. Jahrhundert den revolutionären Charakter des Zusammen- bruchs des Glaubens an ein unveränderliches Wesen der Dinge in Gesellschaft und Natur. Die beiden Haupttypen der Erkenntnisbewe- gung, die in diesem Prozess zur Entfaltung gekommen sind, lassen sich, nach Kedrow, in der Form dialektisch-logischer Gesetzmäßig- keiten zusammenfassen: vom Schein zum wirklichen Wesen und von der Unveränderlichkeit der Dinge zu ihrer Entwicklung. Erst im sozialgeschichtlichen Zusammenhang dieser epochemachenden Ereig- nisse sind Widerspruch und dialektische Negation als die Kern- stücke der Hegelschen Entwicklungsauffassung und des historischen Fortschrittgedankens voll zu verstehen. Lenins prägnante Kurzfor- mel 'Dialektik als die Algebra der Revolution' legte M. Buhr (Berlin/DDR) seinem Eröffnungsvortrag über die Kraft der materia- listischen Dialektik zugrunde. Er verwies auf Hegels rationale Einsicht, daß das Eigentum der Realisierung der Vernunft in der bürgerlichen Gesellschaft entgegenstehe, wie wohl die Hegelsche Philosophie in den Schranken ihrer Zeit sich zum absoluten Ver- söhnungsgedanken verflüchtigt habe. Mit der Kategorie des Wider- spruchs fände das Proletariat Eingang in die Philosophie und um- gekehrt habe die Arbeiterklasse aufgrund der materialistischen Einsicht in die gesetzmäßige Notwendigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung die historische Funktion übernommen, diese Philoso- phie zu revolutionärer Wirklichkeit zu bringen. Von dem geistigen Reichtum und der lebendigen Aktualität des He- gelschen Denkens legten namhafte Wissenschaftler aus der So- wjetunion, der DDR und anderen sozialistischen Ländern beredtes Zeugnis ab. Mit aufmerksamem Interesse wurden die sowjetischen Beiträge verfolgt, die Aufschluß über den wissenschaftlichen Stand der dialektisch-materialistischen Hegelforschung in der UdSSR gaben, die einerseits sich durch umfassende Kenntnisse des bürgerlichen Hegelianismus auszeichnet und andererseits zum Pro- blem der dialektischen Logik fortgeschrittene Forschungsarbeiten vorzuweisen hat. Zu welcher präzisen Detailarbeit die materialistische Lektüre He- gels führt, stellten die Überlegungen von AF. Bogomolow (Moskau) zum Begriff der Entwicklung, sowie E.P. Sitkowski (Moskau) zur Dialektik des Prozesses der Notwendigkeit und W.A. Lektorskji (Moskau) zur Dialektik von Objekt und Subjekt in Hegels Logik vor. Eine gründliche Interpretation der Dialektik in den Enzyklopädi- schen Schriften Hegels legte J.S. Narski (Moskau) vor, in der er die spekulative Problemlösung der von objektiv und subjektiv gno- seologischen Widersprüchen bewegte Verstandesdialektik dar- stellte. Marxens Analyse der Funktion des Widerspruchs im 'Kapital' setze eine historische Dimension frei, die als 'Inhaltlichkeit der Logik' in der dialektisch-materialistischen Erkenntnislogik die richtungsweisende Problemorientierung um- fasse. Von zentraler Bedeutung für das Verständnis des Aufbaus und des Systems der Hegelschen Logik ist nach/V. Ley (Berlin/DDR) die Be- wegungsstruktur ihrer Begriffswelt, deren eigentümlicher Charak- ter in der Flüssigkeit der Kategorien bestünde. E.W. Iljenkow (Moskau) konzentrierte sich in seinem Vortrag auf das Problem des Verhältnisses von Sprache und Denken in der dia- lektischen Logik; E. Albrecht (Greifenswald/DDR) veranschaulichte den politischen Stellenwert der Kritik der gegenwärtigen bürger- lichen Sprachphilosophie am Beispiel der Semantik, ihre Funktion als Instrument des Antimarxismus. In ihrem Referat 'Relativismus statt Dialektik' begründete C. Warnke (Berlin/DDR) den systematischen Geltungsanspruch des Ge- setzbegriffs im dialektischen Materialismus. Mit dem Ziel der Kritik bürgerlicher Sozialtheorien entlarvte sie an Rornbachs on- tologischem Strukturalismus und an Luhmanns radikalisiertem Funk- tionalismus die ideologische Variante des phänomenologischen Sub- jektivismus in der BRD. Über die vielfältigen Lösungsversuche des Widerspruchproblems in der materialistischen Dialektik stellten die verschiedenen Beiträge von J. Cerny, M. Soka und J. Zeleny aus Prag, W. Eichhorn (Berlin/DDR) und L. Erdei (Budapest) einen Überblick her. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind die Be- merkungen von F. Kumpf (Berlin/DDR), der die in den sozialisti- schen Ländern kontroverse Diskussion um die Gegenstandsbestimmung der dialektischen und formalen Logik und ihr Verhältnis zueinan- der zusammenfaßte. Politische Überlegungen zur Wissenschaftswissenschaft stellte G. Kröber (Berlin/DDR) an. In der Anwendung des Prinzips der 'Negation der Negation' auf die Wissenschaftsentwicklung unter dem Gesichtspunkt des Systemvergleichs der BRD und DDR widerlegte er schlüssig die Grundannahmen und Zielsetzungen der bürgerlichen Konvergenztheorie, die als evolutionistische Theorie den nivel- lierenden Charakter der geschichtsideologischen Grundkonzeption der 'Totalitarismus'-Theorie in der BRD restauriert hat. Zu einer heftigen Auseinandersetzung kam es in der Diskussion über das vermischen von Naturdialektik und Gesellschaftsdialektik im historischen Materialismus. Die von Marxologen ins Feld geführten Differenzen zwischen Marx und Engels in der Auslegung der Naturdialektik wies A. Kosing (Berlin/DDR) in seinen Ausfüh- rungen als unhaltbare Konstruktion nach. Hegels Bedeutung für die gegenwärtige Politische Philosophie und Rechtsphilosophie nahm auf dem Kongreß breiten Raum ein. Den An- laß zu politischen kontroversen gaben einzelne Beiträge, die Pro- bleme der bürgerlichen Staats- und Verfassungslehre untersuchten. Die Analysen hielten den Wandel juristischer Kategorien fest, die als Erscheinungsformen ökonomischer Funktionen der Institutionen und des Staatsapparates den allmählichen Verfallprozess rechts- staatlicher Legalität verschleierten. So sprach E. Rabofski (Wien) über den im Arbeitsrecht verborgenen Klassenwiderspruch und exemplifizierte, wie sich die reale Durch- setzung materieller Privatinteressen von der normativen Kraft ei- ner Rechtsordnung leiten läßt, die mit den grundlegendsten demo- kratischen Rechtsansprüchen in schärfstem Widerspruch geraten sei. Ergänzende Beiträge zur Problematik gesellschafts- und rechts- politischer Klassenkonflikte lieferten P. Löwe (Berlin/DDR) zur Dialektik des Politischen, V. Wrona (Berlin/DDR) über die Bezie- hung von Vernunft und Geschichte, und J.H. von Heiseler (Frankfurt/BRD) zum Verhältnis von Theorie und Geschichte. In einem von unmittelbar politischen Erfahrungen geprägten Vor- trag 'Neue Welt in Hegels Geschichtsphilosophie und die Dialektik der Ungleichzeitigkeit' gelang es A. Klein (Buenos Aires), die historische Situation des lateinamerikanischen Kontinents zu ver- gegenwärtigen. Als Verwalter des 'kapitalistischen Rationalismus' bewege sich der barbarische USA-Imperialismus Nordamerikas im Wi- derspruch zu den revolutionären Volksbewegungen Südamerikas, die sich befreiende Latinität begreife sich dagegen als die Verwirk- lichung geschichtlicher Vernunft. Der sich vor allem in der BRD als die 'Erfolgsphilosophie' und 'Philosophie der Demokratie' profilierende Neopositivismus K.R. Poppers wie der sogenannte 'Kritische Rationalismus' H. Alberts waren Gegenstand kritischer Untersuchungen von V. Ruml (Prag), A. Gedö (Budapest) und H. Arnaszus (West-Berlin) . Im Rahmen der Abendveranstaltungen initiierten und gestalteten Vertreter der Zeitschriften "Marxistische Blätter" (Frankfurt) und "Sozialistische Politik" (West-Berlin) die Diskussion über Mitbestimmung und Integration, sowie über die Funktionsbestimmung der Philosophie in der bürgerlichen Ideologie. In diesem Zusammenhang hob R. Steigerwald die politische Notwen- digkeit der Kritik gegenwärtiger Sozialphilosophien und deren utopistischen und sozial reformistischen Gesellschaftsentwürfen hervor, wie sie derzeit in der bürgerlichen Soziologie vorherr- schen, etwa die Systemtheorie Luhmanns in der Entwicklungspolitik Epplers oder der 'herrschaftsfreie Dialog' Habermas' in der Kul- turpolitik Oerztens. Ebenso der Hinweis auf das SPD-Lagzeitprogramm und Schmidts Re- gierungsentwurf, worin die Stückwerk-Technologie Poppers und Al- berts als Legitimationsbasis eines pragmatischen Modells den ob- jektiven Stellenwert für Handlungsstrategien sozial- und gesell- schaftspolitischer Observanz gewonnen habe, verdeutlichte den wissenschaftspolitischen Verwertungszusammenhang der Sozialwis- senschaften in Wirtschaft und Politik. Die Beiträge der Vertreter des Marxismus-Leninismus und der fort- schrittlich-demokratischen Wissenschaftler aus der BRD, West-Ber- lin und anderer nichtsozialistischen Länder fanden überhaupt breite Anerkennung. Galt unter ihnen das wissenschaftliche Inter- esse vorwiegend spezifischen Problemstellungen des dialektischen und historischen Materialismus, waren sie sich gerade der beson- deren Bedingungen materialistischer Theoriebildung voll bewußt. L. Sève (Paris) stellte die zentrale Frage nach der Dialektik des antagonistischen und nichtantagonistischen Widerspruchs in der historisch objektiven Gesetzmäßigkeit der Klassenkämpfe. Die re- lative Unscharfe des Unterschieds von Antagonismus und Wider- spruch bei Marx und Lenin erfordere eine wesentliche Begriffsbe- stimmung der Kategorie des Antagonismus, die es zur Entwicklung einer allgemeingültigen Widerspruchstheorie zu erarbeiten gelte. Nach Sève ist mit der Marxschen Umkehrung der Hegelschen Dialek- tik unter dem materialistischen und revolutionären Gesichtspunkt die entscheidende Bruchstelle in der Kritik festgehalten, an der aufweisbar ist, wie und warum Hegel die Dialektik in ihrer speku- lativen Form reiner Abstraktion bewußtlos mit der nichtantagoni- stischen Form des Widerspruchs identifizierte und in deren mysti- fiziertem Ausdruck die wesentliche Bewegungsstruktur aller Dia- lektik bestimmte. R. de la Vega (Giessen) sprach über die Rolle des Linkshegelia- nismus für die marxistische Dialektik der 20er und 30er Jahre. Er zeigte, daß die Hegelianisierung des Marxismus nicht zuletzt als die historisch bedingte Gegenbewegung auf den sozial reformisti- schen Ökonomismus des sozialistischen Neukantianismus der II. In- ternationale zu verstehen ist, die durch die intellektuellen Kräfte der III. Internationale, Lukacs, Korsch, Revai und Deborin den Typus linksrevisionistischen und linksopportunistischen Den- kens darstellt. Die idealistisch-utopische Auffassung von gesell- schaftlicher Praxis beruhe als politische Folge der Überwertung des subjektiven Faktors auf der mechanistischen Begründung der Spontanitätstheorien, die in letzter Zeit in der 'Ontolo- gisierung' des gesellschaftlichen Seins eine aktuelle Auflage erfahren habe. Von politischer Aktualität waren die Ausführungen von R. Steiger- wald (Frankfurt/BRD) über den besonderen Typus von Dealektik im Maoismus. Auf der Grundlage A.M. Rumjanzews Quellenmaterial deckte der die mechanistische Widerspruchsdialektik komplementä- rer Erscheinungen in den Schriften Mao Tsetungs auf, die bereits in Bogdanows und später Bucharins Gleichgewichtstheorie Gestalt angenommen hatte. Mit der Frage nach Marxens Einschätzung der Dialektik und der Funktion der Abstraktion bei Hegel und Kant beschäftigte sich B. Heidtmann (West-Berlin). Von der materialistischen Konzeption der Erkenntniskritik ausgehend, analysierte er für die Vorgeschichte der marxistischen Philosophie relevante Problemstellungen in der idealistischen Erkenntnismethode. Die Überwindung von deren Er- kenntnisgrenzen und die Auflösung der Widerspruchsauffassung der sich in diesen Grenzen reflektierenden rationalistischen Ver- nunftkritik war, wie der Referent im einzelnen darlegte, allein mit der Herausbildung der materialistischen Theorie historischer Erkenntnis bei Marx möglich. G.M. Tripp (West-Berlin) konzentrierte sich auf die zentrale Fra- gestellung der materialistischen Gnoseologie, auf das Verhältnis von Dialektik und Widerspiegelung in den Marxschen Schriften zur Hegelkritik. Die Kategorie der Widerspiegelung, die als Reflexi- onskategorie entscheidendes Unterscheidungsmerkmal von Marxscher und Hegelscher Philosophie zu begreifen sei, gewänne ihre histo- rische Dimension in der Vermittlung von gegenständlicher und nichtgegenständlicher Tätigkeit, worin die Prozessualität der Ge- nesis des Denkens sich materialistisch erfassen ließe. In seinem Referat über das historische Prinzip der Leninschen dialektischen Logik stellte H.J. Sandkühler (Bremen) den durch Lenin streng gefaßten materialistischen Historismus als histori- sche Widerspruchsdialektik heraus. Der wissenschaftliche Status jeder logischen Kategorienanalyse setze die differenzierte Ver- hältnisbestimmung von materialistischer Dialektik als Wissen- schaft der Objektivität und dialektisch-materialistischer Gnoseo- logie in Form der Leninschen dialektischen Logik voraus. Sie prinzipiell gegen die Tendenzen des Erkenntnisrelativismus und des polit-ökonomischen Reduktionismus zu verteidigen, erfordere die praktisch-materialistische Aufhebung der revolutionären Qua- lität der Hegelschen Logik. Guy Besse (Paris) sprach zu einigen Aspekten der Dialektik bei Rousseau. Die Einsicht in den Widerspruch zwischen Natur des Men- schen und einer dieser Natur nicht adäquaten gesellschaftlichen Verfassung mündet bei Rousseau im Prinzip in eine Konzeption der Überwindung dieses Widerspruchs durch den realen Geschichtsprozeß selbst. Was bei Rousseau (Emile, Contrat Social) als sozialhisto- rischer Prozeß angelegt ist, wird von Hegel - von dem bekannt ist, daß er schon früh sich mit 'Emile' beschäftigte - in seiner 'Phänomenologie des Geistes' sozusagen in umgestülpter Form als Bewegung des Bewußtseins aufgenommen. W. Schmied-Kowarzik (Kassel/BRD) setzte sich kritisch mit L. Alt- hussers Thesen zum Verhältnis von idealistischer und materiali- stischer Dialektik bei Hegel und Marx auseinander. In der Kon- frontation Althussers mit Hegel versuchte er nachzuweisen, daß gerade in der radikalen Trennung der Hegelschen von der marxisti- schen Dialektik bei Althusser ein heimlicher Hegelianismus sich verberge. Andererseits konstatierte er einen Positionswandel in Althussers neueren Versuchen, die Besonderheit der marxistischen Philosophie und das Verhältnis von philosophischer Theoriebildung und Klassenstandpunkt zu bestimmen. Wie bei fortschrittlich-gesinnten Wissenschaftlern im bürgerli- chen Wissenschaftsbetrieb die institutionell bedingte Verinnerli- chung brüchig gewordener idealistischer Positionen eine wissen- schaftliche Kompromißhaltung erzwingt, die heimlichen Dezisionis- mus birgt, demonstrierten F. Fulda und M. Theunissen aus Heidel- berg. So reduzierte der erstere den Geltungsbereich der Dialektik als Methode auf die speziell im Marxschen 'Kapital' ausgeführte Darstellungsweise. Das als phänomenologisches Verfahren bezeich- nete Darstellungsunternehmen beschreibe die Marxsche 'Katastro- phentheorie' in der ihr eigentümlichen Darstellungsform, deren Erfahrungs- und Wirklichkeitsgehalt von rein begrifflicher Natur sei. Auf die Habermassche Auffassung der Widerspruchslogik als Logik von Geltungsansprüchen Bezug nehmend, faßte M. Theunissen in sei- nen Erörterungen über die dialektische Widerspruchstheorie den Hegelschen Widerspruch als Indiz einer 'Krise der Macht', der in seiner Auflösung durch die machtübergreifende Vernunft des macht- habenden Begriffs die 'Dialogik gegenseitiger Anerkennung' kon- stituiere. Das Resultat der Auslegung der 'Kritik der politischen Ökonomie' war folgerichtig eine auf Begriffslogik verkürzte Re- flexionsdialektik des Verhältnisses von Kapital und Arbeit, die - so Theunissen - als 'hegelianisierende Theorie der realhistori- schen Genese des Kapitals im Totalitätsmodell' keinen logisch-sy- stematischen Ort zuzuweisen fähig sei. Die in antizipierender Ab- sicht erheischte 'geschichtstheoretische Perspektive' beruhe auf dem bei Marx zum wesentlichen Gegensatz zugespitzten Widerspruch, der noch nicht gesetzt sei; durch die 'Kollision', die Machter- greifung der Arbeiterklasse, erst gesetzt werden könnte. Die von der bürgerlichen Kathederphilosophie getragene Stoßrich- tung des 'Professoren-Idealismus' besteht nach wie vor in dem Versuch, die Hegelsche Dialektik zu enthistorisieren: sie losge- löst von jeder geschichtlichen Determinierung erklären zu wollen, oder sie als vorwissenschaftliche residuale Denkfigur zu elimi- nieren. Gegen den im Namen des Antidogmatismus auftretenden Universali- tätsanspruch der philosophischen Hermeneutik von R. Bubner (Frankfurt/BRD) und anderen Vertretern aus der BRD wurde geltend gemacht, daß es sich mit dem 'kritischen Reflexionswissen' der Hermeneutik dem Wesen nach um eine solipsistische Abwandlung des transzendental-philosophischen Subjektivismus handele. D. Henrich (Heidelberg), Präsident der Hegel-Vereinigung, führte vor, wie Hegels Dialektik zu einer methodischen Grundoperation neutralisiert und als Negationsform in subtiler Sprachmodellie- rung in ein bedeutungsidentifikatorisches 'Konglomerat' verwan- delt werden kann, dessen 'eigentlicher Sinn' einer semiotischen Bestimmung der Begriffsordnung bedürfe. Entgegen Hegels Selbstin- terpretation, läge in Hegels Theorieprogramm und logischem Kon- struktionsverfahren die Besonderheit in der 'Konfundierung' von ontologisierten Aussageformen und eigentümlichen Formen selbstbe- züglicher Negation vor, die - nach Henrich - allein schon die Un- haltbarkeit erkennen ließe, irgendwelche Gesetze der Dialektik herzuleiten oder der Vernunft Objektivitätsanspruch zuzusprechen. Hier wird vorgegeben, Dialektik diesseits von idealistischen und materialistischen Konzeptionen zu verorten. Mit H. Lübbe (Zürich) und W. Becker (Frankfurt/BRD) waren füh- rende bürgerliche Ideologen und Mitglieder des Bundes "Freiheit der Wissenschaft" beim Kongreß anwesend. Dem nationalliberalen Erbe des rechten Sozialdemokratismus verpflichtet, vertreten sie den politischen Pragmatismus als die technokratische Variante des in der BRD aufkommenden Neokonservatismus, der im radikalen Anti- hegelianismus den konsequenten ideologischen Ausdruck fand. Lübbe wußte denn in seinem Referat über Begriffsgeschichte als dialek- tischen Prozeß in der Dialektik Hegels, gemessen an der transzen- dentalen Dialektik des Scheins bei Kant, nur mehr eine 'operativ- argumentative Konstruktion' zu erkennen. In der Marxschen Version sei sie als ein beliebig 'transformierbarer Parameter' zu einer Leerformel deformiert worden, deren ideologisiertes Erkenntnisin- teresse einzig im begriffsgeschichtlichen Zugang noch wissen- schaftlich faßbar werde. Die totale Demontage der dialektischen Methode nahm sich Becker vor. Hegels Lehre vom Widerspruch und der dialektischen Negation wie auch Marxens Arbeitswertlehfe 'überführte' er schlicht der prinzipiellen Irrationalität der Weltanschauung. Deren mystische Begriffsdialektik rekurriere auf eine subjektivistische Entschei- dungslogik bar jeder Erfahrungsbasis und strenger wissenschaftli- cher Überprüfbarkeit, während die Dialektik als Methode, auf der kategorialen Verwechselung von Prognose und Bewertung beruhend, sich kraft unkontrollierbarer Identifikation geschichtsphiloso- phische Aussagen erschleiche. Die diesen Thesen anhaftenden unverkennbaren Grundzüge des Eklek- tizismus neopositivistischen Denkens verrieten das dezidierte Ziel bürgerlicher Philosophen, den professionellen Antimarxismus als wesentliches Element des gegenwärtigen Antikommunismus zu stabilisieren. Auf der anderen Seite bestätigten I. Soll (Madison) und W. Kauf- mann (Princeton), Vertreter der in den USA vorherrschenden sprachanalytisch-orientierten Philosophie, daß die der Hegelschen Philosophie zugrundeliegende geschichtliche Erfahrungssubstanz und das ihr innewohnende Prinzip der Entwicklung gesellschaftli- cher Widersprüche sich dem Verständnis der analytischen Wissen- schaftstheorie und der angelsächsischen Sprachphilosophie entzie- hen. Der Kongreß behandelte ebenfalls Fragen der Dialektik in der Äs- thetik und der Kultur. Dabei wurden gehaltvolle Referate zu He- gels Ästhetik vorgetragen, etwa von I. Abrahamoviceva (Bratislava) über Hegels Kritik der Romantik oder M.F. Owsjanni- kow (Moskau) über die Entwicklungsidee in Hegels System der Äs- thetik. Andere Aspekte der Hegelschen Schriften beleuchtete U. Apitsch (Frankfurt/BRD), die das von Hegel bei der Ausarbeitung seiner Ästhetik erforschte literarische Material zusammenzufassen suchte. Aktuelle Probleme kultureller Dialektik erörterten M. Ma- ren-Grisebach (Hamburg) und V. Gransow (West-Berlin). Maren-Gri- sebach wandte sich in ihrem Vortrag über die Weiterentwicklung der Form-Inhalt-Dialektik für die Literatur sowohl gegen 'inhaltistische' als auch gegen formalistische Tendenzen. Gransow entwickelte einen dialektischen Kulturbegriff, der Kultur nicht als 'Bereich', sondern als eine Seite des gesellschaftlichen Le- bens versteht; damit stellten sich nach Gransows Auffassung neue Forderungen an die demokratische und sozialistische Kulturpoli- tik. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Ausführungen T.I. Oiser- manns (Moskau) auf der abschließenden Plenarsitzung zum Verhält- nis von Dialektik, Logik und Erkenntnistheorie. Sie knüpften ge- wissermaßen an Kedrows Referat auf der Eröffnungssitzung an. Oisermann betonte, daß mit Hegel, gegen Kant, das Verständnis der Historizität der Kategorien der Logik in Form der Universalisie- rung des Denkens zur Substanz alles Bestehenden beginnt und zeigte auf, wie Marx im 'Kapital' auf der Grundlage des Prinzips der Einheit von Dialektik, Logik und Erkenntnistheorie die ökono- mischen Kategorien als Ausdruck der Kritik historischer Erkennt- nis begriff. Die (philosophischen) Kategorien, die, im Gegensatz zu den (wissenschaftlichen) Begriffen, in keiner direkten Bezie- hung zu empirischen Fakten stünden, seien letztlich als Sublimate des gesamten historischen Entwicklungsprozesses menschlicher Er- kenntnis zu begreifen: Logik als Verallgemeinerung der menschli- chen Erkenntnisdialektik. In einem abschließenden Referat über die Dialektik der Entwick- lung des jungen Marx nahm L. Althusser (Paris) Stellung zu der auf dem Kongreß zentralen Auseinandersetzung um die Marxsche He- gel-Kritik. Die innere Einheit des Verhältnisses von politischen, theoretisch-philosophischen und wissenschaftlichen Momenten in Marxens Entwicklung vom bürgerlich-radikalen Liberalismus zum wissenschaftlichen Kommunismus - mit dem dramatischen Knotenpunkt der Pariser Manuskripte - verdeutliche exemplarisch den ge- schichtlichen Prozeß der Entstehung der materialistischen Ge- schichtswissenschaft und der Vereinigung des wissenschaftlichen Sozialismus mit der revolutionären Arbeiterbewegung. Marxens theoretischer Standpunktwechsel im Erfahrungsprozeß seiner poli- tischen Praxis war konstitutiv für die 'Abrechnung mit seinem ehemaligen philosophischen Gewissen' und Voraussetzung seiner re- volutionären wissenschaftlichen Leistung. Das Prinzip materiali- stischer Dialektik unterscheide sich - nach Althusser - dem Wesen nach radikal von dem ideologischen Prinzip der analytisch-teleo- logischen Methode Hegels und habe erst als deren gerades Gegen- teil revolutionär wirksam werden können. Auf der Mitgliederversammlung der Internationalen Hegel-Gesell- schaft wurde erneut, W.R. Beyer zum 1. Vorsitzenden gewählt. Er- wähnenswert dabei ist der wissenschaftliche Beirat, der neu ge- bildet wurde und dessen Mitglieder A. Klein (Argentinien), L. Sève (Frankreich), E. Chitas (Portugal), T.I. Oisermann (UdSSR), I. Soll (USA) und HJ. Sandkühler (BRD) sind. Der nächste Kongreß wird 1976 in Porto (Portugal) stattfinden und sich dem Thema "Idee und Materie" widmen. Mit diesem Beschluß der Mitgliederversammlung hat die Hegel-Gesellschaft ihr Vertrauen in die demokratische Bewegung in Portugal bekundet. zurück