Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
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André Gisselbrecht
KULTURPOLITIK IN FRANKREICH HEUTE
Vorbemerkung - Spendenaufruf für LENDEMAINS
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Der folgende Beitrag von André Gisselbrecht, Professor an der
Universität Vincennes und Redakteur der Nouvelle Critique sollte
als Beitrag in der ersten Nummer einer neuzugründenden Zeit-
schrift erscheinen: LENDEMAINS. Zeitschrift für Frankreichfor-
schung und Französischstudium, herausgegeben von Michael Nerlich,
ord. Professor an der TU Berlin, unter ständiger Mitarbeit von W.
Alff, H.H. Baumann, K.U. Bigott, M. Bock, P. Brockmeier, U.L.
Figge, H.U. Gumbrecht, François Hincker, Lothar Peter, W. Pollak,
R. Rohr, O. Sahlberg, J. Schramke, Jacques Seebacher, France Ver-
nier. International bekannte Wissenschaftler aus zahlreichen so-
zialistischen und nicht-sozialistischen Staaten hatten bereits
ihre Zusage zur Mitarbeit gegeben. Die erste Nummer, die dem
Thema V e r t e i d i g u n g d e r K u l t u r i n
F r a n k r e i c h (mit Beiträgen zur Gründung der A s-
s o c i a t i o n d e s E c r i v a i n s e t A r t i s t e s
R e v o l u t i o n n a i r e s, zum E r s t e n a n t i f a-
s c h i s t i s c h e n S c h r i f t s t e l l e r k o n-
g r e ß z u r V e r t e i d i g u n g d e r K u l t u r,
Paris 1935, Z u r F u n k t i o n d e r K u n s t i m
a n t i f a s c h i s t i s c h e n W i d e r s t a n d d e r
R e s i s t a n c e und - Gisselbrechts Beitrag - zur K u l-
t u r p o l i t i k i n F r a n k r e i c h h e u t e sowie
der Politik des D e u t s c h e n R o m a n i s t e n V e r-
b a n d e s (der sich gegen den Radikalenerlaß ausgesprochen
hat) und der Spalterkräfte in diesem Fachverband (neben aktuellen
Analysen zur ökonomischen und politischen Situation in Frank-
reich) gewidmet war, sollte im Frühjahr dieses Jahres im Athe-
näum-Verlag (heute Logos) erscheinen, als der Verlag in fi-
nanzielle Schwierigkeiten geriet und Teile seines Programms li-
quidierte. Doch obwohl es keine bundesdeutsche und keine westber-
liner Universität oder Hochschule gibt, an der das Massenfach
Französisch (1972: 16 000 Studenten) nicht unterrichtet wird, und
obwohl es (im Gegensatz zu Frankreich, wo fünf Zeitschriften aus-
schließlich der Deutschlandforschung gewidmet sind, und zwar
sowohl der BRD als auch - z.T. ausschließlich - der DDR) in der
BRD und Westberlin keine einzige (Fach-) Zeitschrift gibt, die
regelmäßig und wissenschaftlich relevant über Frankreich und die
Frankreichforschung berichtet, war es nicht möglich, einen
anderen bundesdeutschen oder westberliner Verlag zu finden, der
nicht unzumutbare inhaltliche (politische) oder finanzielle Be-
dingungen gestellt hätte.
Da sich um diese Zeitschrift ein namhafter Teil der bundesdeut-
schen und westberliner Frankreichforschung auf den Gebieten Öko-
nomie, Politik, Geschichte, Kultur, Literatur, Sprache, Medien
geschart hat, ergibt sich jetzt die folgende, angesichts der Be-
deutung Frankreichs für die BRD und Westberlin groteske Alterna-
tive: entweder wird Frankreich besonders das fortschrittliche
Frankreich weiterhin (vor allem auch für die zukünftigen Franzsö-
sischlehrer) die selbst von konservativen Wissenschaftlern wie
Alfred Grosser festgestellte terra incognita bleiben, auf die
auch die zweifelhaften Anti-Frankreichmeldungen des SPIEGEL kein
Licht werfen werden, oder aber es gelingt, LENDEMAINS mit Hilfe
von Spenden und Fördererabonnements das Startkapital zu beschaf-
fen, das die Zeitschrift braucht, um ab Frühjahr 1975 aus eigener
Kraft im Verlag Sozialistische Politik zu erscheinen. Wir bitten
daher alle Interessenten an Frankreich, den deutsch-französischen
Beziehungen und der Frankreichforschung entweder Spenden in be-
liebiger Höhe oder die Summe von 50 DM (an aufwärts) für ein För-
derabonnement auf das Postscheckkonto Verlag und Vertrieb Sozia-
listische Politik GmbH, Nr. 620 10-107 Postscheckamt Berlin-West
(Zahlkarte beiliegend) zu überweisen. Es erübrigt sich, zu beto-
nen, daß das Geld ausschließlich der Herstellung und dem Vertrieb
der Zeitschrift zugute kommt und nicht etwa in Herausgeber- und
Redaktionshonorare fließt. Über die Verwendung der Spenden und
Förderabonnements erfolgt Abrechnung gegenüber den Spendern und
Förderern. Sollte trotz unseres Aufrufs nicht genügend Startkapi-
tal zusammen kommen, erhalten alle Spender und Förderer ihre Zu-
wendungen zurück. Die Zeitschrift soll viermal im Jahr in einem
Umfang von ca. 140 Seiten DIN A 5 erscheinen. Der Heftpreis wird
7 DM betragen, der Abonnementspreis pro Jahrgang 24 DM
(Studentenabonnement 20 DM). Wer nicht in der Lage ist. Spenden
oder Fördererabonnements aufzubringen bzw. zu bezahlen, LEN-
DEMAINS jedoch beziehen möchte, den bitten wir den Betrag für das
Jahresabonnement (24 bzw. 20 DM) auf das angegebene Konto zu
überweisen (bitte bei der Überweisung angeben: S = Spende; F =
Fördererabonnement; StA = Studentenabonnement; A = Abonnement).
Die Zeitschrift wird je Nummer berichten aus dem Bereich der
Frankreichforschung (geplante Hefte: Stand und Perspektiven der
Frankreichgeschichtsforschung; Rezeption Aragons in der BRD und
in der DDR; Klassenkämpfe in Frankreich heute; Kleinbürgerbewe-
gung in Frankreich; Verteidigung der Kultur - 40 Jahre antifa-
schistischer Schriftstellerkongreß; Balzac-Forschung in der BRD,
usw.). Dabei wird sowohl auf die speziellen Interessen der Fran-
zösisch-Studenten als auch auf die eines breiteren Publikums ori-
entiert. Der zweite Teil ist der Analyse der aktuellen Ereignisse
in Frankreich auf den wichtigsten Gebieten der Ökonomie, Politik,
Wissenschaft und Kultur gewidmet. Der dritte Teil bringt aktuelle
Berichte und Analysen aus dem engeren Bereich der deutsch-franzö-
sischen Beziehungen und der Frankreichforschung in der BRD und in
Westberlin. Der vierte Teil unterrichtet über die wichtigsten
Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Frankreichforschung (aber
auch über wichtige Neuerscheinungen theoretischer Art, die für
Frankreichforschung bzw. Französischstudium von Bedeutung sind).
Wir bitten die Leser der SoPo, die selbst an einem Abonnement der
Zeitschrift LENDEMAINS nicht interessiert sind, den vorstehenden
Aufruf an mögliche Interessenten weiterzugeben.
Der hier abgedruckte Aufsatz von Andre Gisselbrecht, Mitarbeiter
an L'Humanite, Europa, Pensee, Nouvelle Critique, Allemagnes
d'Aujourd'hui, Sinn und Form (usw.) ist von besonderem Interesse,
weil er sich grundsätzlich mit der unterschiedlichen Kulturpoli-
tik der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten,
repräsentiert in den verschiedenen politischen Parteien, in einem
hochentwickelten monopolkapitalistischen Staat auseinander-
setzt.Dabei steht neben der Analyse der reaktionären und kul-
turzerstörenden Politik der herrschenden Klasse die demokratisch-
sozialistische Alternative einer breiten Einigungsbewegung, die
vor allem von Kommunisten und Sozialisten getragen wird und die
ihren Ausdruck in einem gemeinsamen Regierungsprogramm gefunden
hat, im Mittelpunkt. Dieses Programm, das in Übersetzung in der
BRD und in der DDR erschien, umfaßt auch grundsätzliche Äußerun-
gen zur Kulturpolitik, zu denen der (nur unwesentlich gekürzte)
Aufsatz von Gisselbrecht einen fundierten Kommentar liefert, in
dem nicht zuletzt die Divergenzen zwischen FKP und SP Aufmerksam-
keit verdienen (ebenso und vielleicht noch mehr die Lösung dieser
Divergenzen). Gewiß ist vieles an Gisselbrechts Ausführungen aus
der speziellen französischen Situation zu verstehen, als Erfah-
rungsbericht und Aktionsanalyse eines französischen Kommunisten
wird er jedoch auch wichtige Impulse für die Diskussion bei uns
abgeben (ganz abgesehen davon, daß sich an ihm, abgefaßt vor der
gerade erfolgten Präsidentschaftswahl, die entsprechende Politik
der Regierung Giscard d'Estaings und Chiracs messen lassen wird:
Sie begann mit der Abschaffung des Kulturministeriums).
I. Einleitung
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Seit der Machtübernahme de Gaulies, 1958, gibt es in Frankreich
ein Ministerium für kulturelle Angelegenheiten. Wenn auch die Bi-
lanz des Jahres 1973 mager ist, so kann das nicht heißen, die
Fünfte Republik habe als Staat nichts auf dem Gebiet der Kultur
getan: es gab Prestigeunternehmungen, denen nichts folgt(e). Wenn
nun die vereinte Linke, die großen Gewerkschaftszentralen und die
Kulturassoziationen der Werktätigen dieser Kulturpolitik eine al-
ternative Kulturpolitik entgegensetzen, dann deshalb, weil jene
nicht die sozialen Bedürfnisse unserer Epoche befriedigen kann.
Sie schlagen angesichts der objektiven Entwicklung der heutigen
Bedürfnisse an Wissen, an Entwicklung der ganzen Persönlichkeit ,
an Teilnahme am öffentlichen Leben eine andere Kulturpolitik vor.
II. Die Kulturpolitik der herrschenden Klasse
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1. Illusorische Hoffnungen
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Diejenigen, die z.B. in die "Maisons de la Culture" 1) einige,
angesichts des Charakters des Regimes notwendigerweise illusori-
sche Hoffnungen setzten, sind die gleichen, die heute ungerech-
terweise diese Institute verdammen, weil sich die sozio-profes-
sionelle Zusammensetzung ihrer Besucher nicht oder fast nicht
verändert hat.
Diejenigen, die dem Aufschwung des "Livre de poche" (Taschenbuch)
mit dem Vorwurf begegnen, nur ein "kultiviertes" Publikum er-
reicht zu haben, - obwohl sich unter diesen Publikationen auch
wirklich marxistische Streitschriften befinden, weil sie verlangt
werden - lassen die Tatsache unberücksichtigt, daß die, die schon
einmal lesen, sich dadurch mehr Bücher als sonst verschaffen
konnten. Wenn die kapitalistische "Industrialisierung" des Buch-
handels und Verlagswesens die Haltung der Mehrheit der Bevölke-
rung gegenüber dem Buch nicht grundsätzlich veränderte, drückt
das doch nur noch klarer die unüberwindlichen und auf lange Sicht
unerträglichen Grenzen aus, die das gegenwärtige Regime der Ent-
wicklung der persönlichen und der öffentlichen Lektüre setzt,
trotz der Initiativen der UNESCO 2) und anderer weniger offiziel-
ler Organisationen. Sagen wir also gleich zu Anfang, daß es
falsch wäre, die Veränderungen sowohl zu überschätzen als auch zu
unterschätzen, die sich auf dem Gebiet des Vertriebs und des Ver-
brauchs kultureller Güter vollzogen haben, d.h. dort, wo öffent-
liche und ökonomische Machtinteressen wirksam sind.
2. Der Schlüssel zur kulturellen Macht
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Ebenso haben diejenigen, die mit Victor Hugo sagen "ceci tuera
cela" (das eine bringt das andere um), unrecht, wenn sie meinen,
das Fernsehen könne Buch, Rundfunk und Film verdrängen. Die Mas-
senmedien können das Beste wie auch das Schlimmste bewirken: Zu-
gang zu neuen Realitäten und Schärfung des kritischen Verstandes
ebenso wie Verdummung und Zeitverlust. Alles hängt von den Inter-
essen und Zielsetzungen derer ab, die die Massenmedien
b e s i t z e n. Die Einschätzung ihres Einflusses auf das Pu-
blikum hängt ab von einem abgewogenen, dialektischen und nicht
von einem einseitigen fatalistischen Urteil, das die Möglichkeit
individuellen oder organisierten Widerstands nicht berücksich-
tigt. Man denke an Schlagworte wie "Bewußtseinsindustrie",
"Nivellierung", grenzenlose "Manipulation" des Verstandes usw.
Wenn z.B. Sendungen, die für die etablierten Machthaber unange-
nehm waren, im staatlichen französischen Rundfunk und Fernsehen
(ORTF = Office de la Radiodiffusion et Telévision françaises) ge-
sendet werden konnten, heißt das, daß die Regierung, die das ORTF
völlig unter ihrer Kontrolle hat, auch die Forderungen eines be-
achtlichen Teils der Franzosen berücksichtigen muß. Diese Forde-
rungen sind Ausdruck sowohl der Klassenkämpfe, als auch des We-
sens des ORTF als öffentliche Anstalt (war dies doch eine Errun-
genschaft der Befreiung Frankreichs vom Faschismus). Deswegen be-
müht sich die Regierung das ORTF zu amputieren, zu reprivatisie-
ren, keimfrei zu machen, die "freundlichen" Seiten des Lebens zu
zeigen, Frankreich in "freudige Stimmung" zu versetzen. Das Re-
gime hat verstanden: Wer die Massenmedien in der Hand hält, be-
sitzt den Schlüssel zur kulturellen Macht und darüberhinaus einen
beachtlichen Teil der ideologischen und politischen Kampfmittel,
eben weil das Fernsehen, neben seinem Auftrag, zu (des-) infor-
mieren,alle anderen Formen des Kunstschaffens, die Gesamtheit der
im ganzen Land verstreuten kulturellen Aktivitäten massenhaft
verbreitet.
Deshalb sagte Chaban-Delmas schon 1971: "Eins unserer (!) größten
Probleme wird in den nächsten Jahren die Bewältigung der außeror-
dentlichen Revolution sein, die sich im Bereich der audiovisuel-
len Kommunikationsmittel abzeichnet" 3). Deshalb die Politik der
Verflechtung des "Staatsmonopols ORTF" und der großen Gesell-
schaften wie Hachette oder der Elektrokonzerne, wenn nötig durch
die "Personalunion" von Leuten, die vom ORTF in die Dienste der
Konzerne oder umgekehrt wechseln. Deshalb ebenfalls der Abbau der
Teams von Kunstschaffenden, die noch von talentierten "Meistern
ihres Fachs", von wirklichen Fernsehkünstlern geleitet werden,
welche zum großen Teil, sogar nach den Säuberungen vom Juni 1968
in der Öffentlichkeit als "Oppositionelle" bekannt sind. Mit an-
deren Worten, es handelt sich um eine Jagd auf jeden ideenreichen
Kunstschaffenden. "Ein Künstler ist frei", sagte ein ehemaliger
Generaldirektor des Fernsehens, "er ist nicht dazu verpflichtet,
beim ORTF zu arbeiten".
Deshalb der demagogische Aufruf an die am wenigsten fortgeschrit-
tenen Zuschauer, an die tiefste Provinz und das flache Land, sich
gegen das (wie die Kommission für kulturelle Angelegenheiten des
6. Plans es nannte) "esoterische Parisertum", gegen den
"belehrenden Ton" der Kultur zu wenden. Als ob Demokratisierung
der Kultur lediglich darin bestünde, die Rezeption zu erweitern,
ohne den Grad der Aufnahmebereitschaft der Mehrheit der Bevölke-
rung in Betracht zu ziehen. Als ob die Trennung zwischen dem
französischen Volk und der Kunst, besonders der, die unter unse-
ren Augen produziert wird, Schuld allein derjenigen sei, die sie
produzieren, nämlich Schuld der Kulturschaffenden.
Deshalb auch die mehr und mehr betonte Bevorzugung der Traumwelt,
der Realitätsflucht gegenüber Fakten und Diskussionen: die Tren-
nung zwischen "Information" und "den anderen Teilen des Pro-
gramms: Untersuchungen, Dokumentarfilme, auch dramatische, histo-
rische und humoristische Stücke, die in keinem Fall Anlaß oder
Vorwand zur Polemik oder politischen Propaganda sein dürfen", das
heißt, die Trennung zwischen "Information" und dem ganzen Rest.
...
Deshalb die wahllose Anhäufung der Sendungen, in denen das Sensa-
tionelle und Anekdotische über dem Wesentlichen steht, wobei man
sich lediglich auf die vermutete Wirkung auf das Publikum beruft,
die durch kommerzielle "Meinungsumfragen" über die "Einschaltquo-
ten" ermittelt wird.
Der Jurist und Politologe Maurice Duverger schreibt, daß aus der
Vorherrschaft der "Information" durch Rundfunk und Fernsehen ein
Impressionismus entstünde, "der die bestehenden Kulturen, d.h.
die Systeme globaler Erklärung des Menschen und der Gesellschaft
zu erschüttern droht" 4). Deshalb schließlich die Tatsache, daß
die Zensur - direkt durch Verschwindenlassen schon geschaffener
Sendungen in den Schubladen, Redeverbot für gewerkschaftliche und
politische Organisationen, indirekt durch Verschieben auf späte
Abendstunden von Sendungen, die am meisten zum Nachdenken anre-
gen, Einschränken der Zeitdauer und Qualität kultureller Sendun-
gen wegen der Erfordernisse der Werbespots - daß die Zensur also
im Fernsehen am strengsten ist, viel strenger als im Theater
(zumindest bis vor kurzem) oder sogar im Kino, wobei das Buch
noch am wenigsten behelligt wird, außer wenn es unter dem beque-
men Vorwand der "guten Sitten" und des "Jugendschutzes" zensiert
wird.
3. Absichtserklärungen und Realität
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Die zuletzt genannten Bereiche der Kultur fallen unter die Kompe-
tenz des Ministeriums für kulturelle Angelegenheiten, dessen
ideologische Funktion unter anderem darin besteht, angeblich die
gesamte Kulturpolitik des gegenwärtigen Regimes zu vertreten.
Aber das ORTF fällt nicht unter seine Kompetenz. Ein Beweis da-
für, daß der Liberalismus, dessen sich die Regierung im Bereich
des Kulturschaffens rühmt - relative Seltenheit direkter Zensur,
ungeachtet massiver Vorzensur oder Selbstzensur über die Finanzen
(Forderungen nach "Rentabilität", die aufgrund vorgeblicher, in
Wirklichkeit aber künstlich hervorgebrachter "Vorlieben" des Pu-
blikums kalkuliert wird) - sich dem Grad der Verbreitung und der
Wirkung umgekehrt proportional verhält.
Es wäre falsch, die Kulturförderung der Regierung nur nach den
Absichtserklärungen der verschiedenen Kulturminister (Malraux,
Michelet, Duhamel, Druon 5), der die faschistoide Wende einlei-
tete) zu beurteilen. Seit der Amtszeit von Chaban-Delmas übernah-
men sie soweit wie möglich die Analysen und besonders die Formu-
lierungen der Linken, allerdings ohne deren Begründungen und Lö-
sungsvorschläge: "Die Kultur nicht als ein besonderes Phänomen
für sich begreifen, sondern als wesentliches Element menschlicher
Aktivität, nicht mehr als Luxus, sondern als Ausdruck eines we-
sentlichen Bedürfnisses" 6), "dem Menschen ermöglichen, die Welt
zu begreifen, in der er lebt" 7), "es kann nicht auf der einen
Seite einige Kulturschaffende geben, die am Rand der Gesellschaft
arbeiten, und auf der anderen Seite eine jeder schöpferischen
Leistung gegenüber indifferenten Masse" 8).
Dieselben (Chaban-Delmas z.B.) bereiteten direkt die autoritäre
Wende des "ordre moral" 9) der Amtszeit Druons durch Sätze vor,
wie "es ist unwürdig, Kultur und Politik miteinander zu vermen-
gen". Es besteht also in Wirklichkeit kein Bruch in der Kontinui-
tät zwischen Malraux, der das antimilitaristische Stück "Les Pa-
ravents" von Jean Genet verteidigt, und Druon, der die talentier-
testen Theaterleute als "têtes malades" (ungefähr, wenn nicht
noch schlimmer, die "Pinscher" des BRD-Kanzlers Erhard) bezeich-
nete. Denn sonst würde man nicht den offenen Widerspruch verste-
hen zwischen den nach außen vorgetragenen Ambitionen des Ministe-
riums und der lächerlichen Bescheidenheit seines Budgets. Auf der
einen Seite z.B. die "Kulturrevolution", die Malraux von den Mai-
sons de la Culture erwartete (die übrigens schon von der Volks-
frontregierung 1936 eingerichtet worden sind), oder die Proklama-
tion des "Rechts auf Kultur" für alle (in Anlehnung an das "Recht
auf Bildung" unter der dritten Republik) und auf der anderen
Seite das Kulturbudget in Höhe von 0,36 bis 0,50% des Gesamtbud-
gets. Daher auch der breite Erfolg der einheitlichen Kampagne
für: "1% für die Kultur".
Man würde auch nicht die für die "Grande Nation" niederschmett-
ternde Bilanz verstehen, die sich aus folgenden, höchst offiziel-
len Zahlen ergibt: heutzutage lesen 58% der Franzosen keine Bü-
cher (der Anteil bei den Arbeitern beträgt 74%, bei den Bauern
82%), 87% gehen nie ins Theater (3/4 derer, die Theater mögen,
gehen aus sozialen Gründen nicht hin). Das Kinopublikum hat in 10
Jahren um die Hälfte abgenommen. Viele Kinos, besonders in den
bescheideneren Vierteln, den Vororten, haben zugemacht, während
in den "Kulturzentren der großen Städte art-et-essai-Kinos oder
aus mehreren Kinos bestehende Uraufführungstheater eröffnet wer-
den - ein typisch elitäres Phänomen.
4. Technokratismus und Spiritualismus
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Zunächst muß man, wenn man das Verhältnis eines gegebenen sozia-
len Systems zur Kultur analysieren will, die Gesamtheit dessen
untersuchen, was dieses System im kulturellen Bereich bewirkt.
Deshalb haben wir mit dem ORTF begonnen, das direkt vom Staats-
präsidenten abhängt, aber ebenso wie das Verlagswesen, der Film,
die Schallplattenproduktion auch von anderen Ministerien, beson-
ders dem Ministerium für Handel und Industrie.
Das Ministerium für kulturelle Angelegenheiten, das zu einem
Zeitpunkt geschaffen wurde, als die kapitalistischen Monopole
sich um einen Bereich kümmern mußten, den sie bis dahin mehr oder
weniger vernachlässigt hatten ( die "Kultur" im traditionellen
Sinn) beschränkt sich in Wirklichkeit auf die "schönen Künste und
die Literatur" (Theater, Literatur, Musik, Plastik, Tanz, Archi-
tektur, Archäologie, "Bestandsaufnahme des Erbes" französischer
Baukunst, die übrigens bis heute nicht geleistet ist). Dieses Mi-
nisterium unterscheidet sich vom ehemaligen "Staatssekretariat
für die schönen Künste" einerseits durch seine Ideologie, ("der
Masse die Kunstwerke zugänglich zu machen", "die Kunstschöpfung
begünstigen" - nicht nur die Bewahrung), andererseits durch die
Ausweitung der "action culturelle", die trotz positiver Ergeb-
nisse und der Notwendigkeit dieser Arbeit innerhalb der Grenzen
des Systems zu einer Mythologisierung der "animation"
("Kulturanregung") und des "animateur" führte. Sie ist verführe-
risch für die großzügigen, aber idealistischen Gemüter, die darin
eine zeitgemäße Art sahen, "zum Volk zu gehen" und die sozialen
Widersprüche durch die "Kommunikation" einzuebnen. Aber parado-
xerweise werden gerade das beschränkte Einflußfeld und die be-
grenzten materiellen Mittel des Ministeriums ideologisch ausge-
schlachtet: indem es in einem beschränkten und für die etablierte
Ordnung wenig gefährlichen Rahmen die freie Meinungsäußerung, die
notwendige Qualität und Verschiedenheit der Werke und der kul-
turellen Aktivitäten beschwört, liefert es dem Regime, das ande-
rerseits den ganzen riesigen Rest des kulturellen Lebens den Ge-
setzen des kapitalistischen Marktes unterwirft, ein Alibi, auf
das noch einige hereinfallen. Denn das Regime erklärt sich un-
schuldig für die Auswirkungen der "Privatinitiative" auf das
Kunstschaffen und seine Verbreitung, das in unserem Gesell-
schaftssystem nur völlig "frei" sein kann, was jegliche Kulturpo-
litik verhindert (wie man sagt, um sich dazu - jeden "Dirigismus"
ablehnend - zu gratulieren oder es zu beklagen). So konnte Mal-
raux gegen die "Traumverkäufer" zu Felde ziehen, die die
"Urinstinkte von Sex und Blut" ausnutzen 10) ohne die geringsten
Maßnahmen - und seine Nachfolger tun dies noch weniger - gegen
die Konzerne zu ergreifen, die die grundsätzliche Orientierung
des Verlagswesens, des Filmverleihs, der Schallplattenindustrie
(Showbusiness) beeinflussen. Aber die Kulturpolitik des Regimes
besteht ja gerade in dieser Dualität, in ihrem Anteil am ideolo-
gischen Kampf, der mit dem Stärkerwerden der linken Parteien und
Gewerkschaften immer lebhafter wird.
Das Regime gibt s e i n e Erklärung der heutigen sozialen Miß-
stände, ohne sich selbst infrage zu stellen: es übernimmt den Be-
griff "Krise" (besonders "moralische Krise": Drogen, Sex, feh-
lende Ideale) und stellt sie dar als "Zivilisationskrise" (vgl.
die Sonntagsreden von Pompidou, Chaban-Delmas, Duhamel ...),
"Dämonisierung" der Naturwissenschaften und der Technisierung...
Zusätzlich zu diesen "Erklärungen" führt es aus, welche Missionen
der Kultur zukommen: "Supplément d'âme ("etwas mehr Seele"), -
diese Bergsonsche Redeweise stammt von Chaban-Delmas -
"Kompensation", die erlaubt, das Unerträgliche "besser" zu ertra-
gen, ohne daß es jemals von Arbeits- und Lebensbedingungen, von
den Bildungsbarrieren und der Verschlechterung der Schule
spricht. Diese sind jedoch die Gründe der "modernen Kulturmisere"
und der Schlüssel zu ihrer Überwindung, und jegliches Gerede über
"kulturelle Entwicklung", das nicht von ihnen ausgeht mit der Ab-
sicht, ihnen ein Ende zu setzen, mystifiziert.
Außerdem sagt das Regime, es habe schon die soziale Gleichheit
aller vor der Kultur realisiert, so wie die "Vermögensbildung"
die kapitalistische Ausbeutung überwunden habe: kurz, die Entfal-
tung des Individuums sei in einer Art Bündnis von Kapital und
Kopfarbeit zu suchen. Die einzigen Hindernisse und Grenzen befän-
den sich in jedem "freien" Individuum, in dem Gebrauch, den es
von dem - offiziell garantierten - "Recht auf Kultur" macht oder
nicht macht. Die dominierenden, komplementären und sich nicht wi-
dersprechenden ideologischen Themen sind einerseits der T e c h-
n o k r a t i s m u s (Widerspruch à la C.P. Snow zwischen "zwei
Kulturen", der "abstrakten" und der "konkreten", den "humani-
stischen" und den "technischen" Notwendigkeiten des "Lebens" -
d.h. ein enggefaßter Utilitarismus, der von der monopolistischen
Produktionsweise gefordert wird - von daher die Abschaffung der
"unnützen Kenntnisse", die Parole von "lernen zu lernen", sogar
von "lernen zu lieben" 11)), andererseits der Spiritualismus
(Kunst als Nachfolgerin der versagenden Religion, so Malraux,
Kultur als Ort der "Befreiung" von der "Konsumgesellschaft", die
das Glück nicht bringt und von den "Arbeitsverhältnissen", die
Chaban-Delmas nur als psychologische Kategorien betrachtet).
5. Rückzugsmanöver
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Seit kurzem kommen neue, sehr bezeichnende Themen hinzu: Rück-
zugsmanöver, die den Machthabern von den heute umfassend erarbei-
teten Positionen der Linksparteien und von dem, was davon ins
Programme Commun (Gemeinsames Regierungsprogramm) aufgenommen
wurde, aufgezwungen werden.
Das erste Thema läuft auf die Rückführung der sozialen Unter-
schiede auf kulturelle hinaus, die selber unüberwindbar erschei-
nen, weil sie eben den unterschiedlichen "Fähigkeiten" und
"Anstrengungen" der Individuen zugeschrieben werden. Dieses Thema
ist der Ideologie der "Begabung" aufgepfropft, die die Schulbar-
rieren rechtfertigen soll.
Nun haben Soziologen (besonders die der Schule von P. Bourdieu)
die Nichtigkeit der apologetischen Theorie der "Freizeitge-
sellschaft" aufgezeigt, die, indem sie voraussetzt, daß die
materiellen Bedürfnisse befriedigt sind und die Arbeitszeit in
Frankreich verkürzt wurde, das Problem einzig und allein auf den
Gebrauch der Freizeit verlagert (reformistische Variante der
herrschenden Ideologie der "Lebensqualität"). Weiterhin kon-
zentriert sich diese Theorie auf die Erwachsenenbildung zuungun-
sten der obligaten Schulbildung, die als zu eng und das Gefallen
an kulturellen Dingen und die kreative Spontaneität verhindernd
beurteilt wird. Hingegen zeigten die Soziologen um P. Bourdieu,
daß entfremdeter Arbeit nur entfremdete Freizeit entsprechen
kann, daß Kultur sich nicht mit Freizeit deckt, als ob Arbeit
Synonym für Unkultur sei und nichts an ihrem entfremdeten Charak-
ter geändert werden könnte, welches auch immer die Gesellschafts-
form und der Zweck der Arbeit seien.
Aber vor allem machen sie klar, daß die Ungleichheiten in der
Produktion (soziale Herkunft der Künstler) und Rezeption der ho-
hen Kultur (Besuche von Museen, Theater, Kino-Klubs usw.) nur die
Ungleichheit der Schulausbildung widerspiegeln: der Benutzung ei-
ner bestimmten kulturellen Einrichtung entspricht ein bestimmter
Schulabschluß (im allgemeinen das Abitur oder mehr). Jede Ideolo-
gie der "Entschulung" der Kultur, des "Endes der Schule als In-
stitution", ist also, wie "revolutionär" sie sich auch geben mag,
objektiv rückschrittlich: "Was man in der Schule nicht lernt,
kann man später nicht nachholen, und alles übrige erhalten die,
die es schon haben ... Dank der Schule (d.h. was der staatsmono-
polistische Kapitalismus aus der Schule macht) übernimmt die bür-
gerliche Ideologie des Verdienstes die aristokratische Ideologie
der Begabung, aber jetzt demokratisch legitimiert".
Eine weitere Verteidigungsstrategie des Systems, das sich in der
allgemeinen Krise befindet, besteht auf dem kulturellen Sektor
wie auf allen anderen darin, denen, deren gemeinsamer Gegner es
ist, zu suggerieren, daß sie selbst Schuld seien oder aber, sie
gegeneinander aufzubringen bzw. sie zu spalten. Zunächst wird
versucht, Schuldgefühle bei den Verbrauchern zu erwecken: wenn
die Arbeiter sich wenig um die eigene kulturelle Bildung kümmern,
dann deshalb, weil sie es "vorziehen", sich in Überstundenarbeit
zu erschöpfen, um mehr zu verdienen, statt ihre Freizeit der Kul-
tur zu widmen. Dabei handelt es sich für die Arbeiter nicht
darum, zwischen der Erhöhung der Kaufkraft und der Verkürzung der
Arbeitszeit, d.h. der Verlängerung der Freizeit, von der die kul-
turelle Entwicklung abhängt, zu wählen, sondern beides zu erkämp-
fen. Dann versucht man, bei den Intellektuellen ebenfalls Schuld-
gefühle zu erwecken: angeblich sind sie verantwortlich für den
Graben zwischen den Volksmassen und der kulturellen Schöpfung.
Die kritische Kunst der Avantgarde wird verdächtigt, nur aus
Freude an Morbidität gemacht zu werden und aus Verachtung des
"Volkes", das, wie man unterstellt, ein ewiges Kind sei.
Wenn sich auch das Regime hütet, die Künstler offen zu zwingen,
sich auf das "Verständnisniveau" des Volkes "herabzulassen", so
ist es doch gerade das, was es von ihnen erwartet. Nichts fürch-
tet es so sehr, wie die "Organisierung des Verstehens" (Aragon)
von ungewöhnlichen, schwierigen künstlerischen Versuchen, die
"Erweiterung des kleinen Kennerkreises zu einem großen" (Brecht),
was den kulturellen Aktionen der demokratischen Kräfte zugrunde-
liegt. So forderten Chaban-Delmas und Duhamel die Künstler auf,
dem "Volk" "auf halbem Wege entgegenzukommen". Aber ein ehemali-
ger Direktor des ORTF drückt die geheimsten Gedanken des Regimes,
die heute unverhüllt in Maurice Druon verkörpert werden, viel
weitgehender aus, wenn er sagt: "Wenn die intellektuelle Elite
sich nicht dauernd über ihre Aufgaben gegenüber dem Volk im kla-
ren ist, die sich von ihrer kulturellen Überlegenheit herleiten,
so werden wir verhängnisvollen Explosionen entgegengehen, die un-
sere ganze Zivilisation in Frage stellen."
Mit dem Minister Druon, den das Regime zum jetzigen Zeitpunkt
wählen mußte, so wie es einen Armeeminister wählen mußte, der die
Armee zu einem "Bollwerk der liberalen Gesellschaft" ernennt,
wurde ein regelrechtes "Kulturdelikt" institutionalisiert. Alle,
die in Frankreich heute als Künstler von Bedeutung sind, sind in
der Tat angeklagt, "intellektuelle Unruhefaktoren", "zersetzende
Elemente" für die (natürlich ewigen) Werte unserer Gesellschaft
zu sein (die Deutschen kennen diese Sprache, die in tiefen Kri-
senzeiten immer wieder dann auftaucht, wenn die Profitgesell-
schaft wirklich bedroht ist). Druon wirft ihnen weiter vor, in
der einen Hand den "Bettelsack" (als ob die staatlichen Subven-
tionen Almosen wären und nicht eine öffentliche Pflicht) und in
der anderen einen "Molotow-Cocktail" zu halten. Die Zahl und die
Qualität derjenigen, die Herr Druon nur mit Mühe versammeln
konnte, damit sie ihn unterstützen: eine Handvoll traditionell
rechts stehender Akademiemitglieder und Boulevardschreiber,
spricht für sich selbst.
Es ist ebenfalls nicht ohne Bedeutung, daß der erste direkte An-
griff auf die Freiheiten auf dem kulturellen Sektor geführt wurde
und daß die ersten, die (unterstützt von den organisierten Arbei-
tern) für die Verteidigung dieser Freiheiten auf die Straße gin-
gen (30. Oktober 1973) die Regisseure und Schauspieler waren (von
denen 80% arbeitslos sind). Üblicherweise versuchen die Regimes
der "Ordnung", die dauernd von politischen und kulturellem
"Pluralismus" sprechen, um ihn in der Praxis zu verneinen, die
Künstler, Intellektuellen und Wissenschaftler von den Volksmassen
zu isolieren, indem sie sie als die Hauptschuldigen der
"pollution des ames" (Brunnenvergiftung), der Schwarzmalerei, wie
überhaupt jeglicher Umweltverschmutzung anklagen. Eine der be-
liebtesten Methoden besteht darin, von Pornographie und morali-
scher Korruption zu sprechen, wobei man an die politischen Gegner
denkt (darin war Royer 12) ein Vorläufer von Druon). Das soll
nicht heißen, (man vgl. z.B. den Streit um den Film "Das große
Fressen"), daß die demokratische Bewegung und deren Arbeiter-
avantgarde ohne Vorbehalt alle "gewagten" Versuche auf diesem
Sektor gutheißen sollte, denn einige spiegeln nur die moralische
Krise des Regimes wider, anstatt sie zu entlarven, was sie
natürlich vor der Verurteilung durch die zur Zeit Herrschenden
bewahrt. Deshalb mußte sich vor einiger Zeit die CGT
(Confédération générale du Travail = Gewerkschaftsbund) aus den
oben genannten Gründen kritisch von bestimmten Tendenzen auf
diesem Sektor distanzieren. Und dies nicht etwa aus irgendeinem
"Rückfall" in Positionen des "Puritanismus", in dem eine gewisse
kleinbürgerliche "Linke" den offenen Beweis für Konterrevolution
gesehen hat, den sie nahezu als Hauptfeind bekämpfen will.
Erwähnen wir noch zum Schluß den Versuch, der aus dem Ministerium
Duhamel stammt: Man wollte den vom "historischen" Gaullismus mehr
oder weniger aufgegebenen Gedanken einer europäischen Kultur
wiederbeleben. Dieser schrieb man bestimmte, dem supranationalen
Kleineuropa gemeinsame "Werte" zu, die man dann in entsprechenden
Institutionen verankern wollte: die Heilige Allianz gegen die
Volksbewegung durfte auf keinen Fall die kulturelle Sphäre, d.h.
hier die ideologische, vernachlässigen.
Mit den Wachstumsdebatten hat auch die Diskussion über die Rolle
der Kultur in Frankreich eine neue Wendung genommen. Der Mans-
holt-Plan z.B. sieht "einen starken Rückgang des Individualkon-
sums materieller Güter vor, der durch die Ausweitung des Konsums
ideeller Güter kompensiert werden soll". Das aber widerspricht
der Tendenz der monopolistischen Ökonomie, aus Gründen der Über-
akkumulation von Kapital die infrastrukturellen Ausgaben systema-
tisch aufzugeben. Allerdings bezeichnet es die Möglichkeit für
eine Entwicklung und Demokratisierung der Kultur: Wohnungs-, Ver-
kehrs-, Erziehungs- und Gesundheitswesen, kurz, alles, was für
das Kapital nicht "verwertbar" ist. Deshalb wird seit einiger
Zeit von jedermann, von der Rechten bis zu den "Linksradikalen"
die Kultur als viel umfassender, denn als bloß intellektuelle de-
finiert, was an sich völlig richtig ist. Es handelt sich um
nichts weniger, als die Beziehungen zwischen materieller Produk-
tion und Lebensweise, Sinn und Zweck der Produktion und um die
Frage, was muß wie produziert werden? Valerie Giscard d'Estaing,
der in diesen Fragen "kompetente" Regierungsdenker, legte in der
Zeitschrift "Preuves" (1972, No. 10) seine Variante der amerika-
nischen Konzeption des M.I.T. (Massachusetts Institute of Techno-
logy) so dar: "In dem Maße, wie die materiellen Wünsche voll er-
füllt sind, (sie)" muß "in den Vordergrund des kollektiven Be-
wußtseins" die Frage "nach den gemeinsamen Zielen einer Gesell-
schaft, deren zentrales Thema nicht mehr die Steigerung der phy-
sischen Produktion ist, rücken-. Das ökonomische Wachstum unserer
Gesellschaft wird durch das kulturelle abgelöst". Woran man, ne-
benbei gesagt, sehen kann, daß in Fragen der "Kultur" die
höchsten politischen Funktionäre in Frankreich sich nicht
scheuen, in die Arena hinabzusteigen und dabei schriftlich und
mündlich einiges zu riskieren.
Es wäre jedoch naiv, zu glauben, das Regime verfüge nicht über
andere Waffen wie die Spaltung der Intellektuellen und die Orien-
tierung der Unzufriedenheit auf falsche Verantwortliche und
falsche "Lösungen"; was genau das Wesentliche des Reformismus von
der Rechten bis zur extrem "Linken" kennzeichnet. Manche, die
vergessen, die Behörden, die die für kulturelle Angelegenheiten
vorgesehenen Gelder verwalten, an ihre Pflicht zu erinnern, er-
liegen der Versuchung, die Löcher im Budget für kulturelle Aufga-
ben zu verteilen, indem sie "Paul ausziehen, um Peter anzuklei-
den", einen (vorübergehend) besser ausgestatteten Kollegen benei-
den oder feststellen, nicht etwa daß es Streit gibt zwischen den
Theaterregisseuren, die in die Vorstädte und in die Provinz ge-
hen, und dem Ministerium, das ihnen keine Subventionen gibt, son-
dern zwischen dem Regisseur X und dem Regisseur Y. Dabei erklären
sie, wenn nötig, daß der erste eine weniger "subversive" Kunst
praktiziert als der zweite, was unter umgekehrten Vorzeichen auf
die gleiche politische Diskriminierung hinausläuft, wie sie durch
die Ministerialbürokratie finanziell praktiziert wird.
Darüber hinaus geben bestimmte Leute die Hauptschuld gewissen In-
stitutionen als solchen: der Académié Française, wenn schon nicht
der Comédie Française, den Literaturpreisen (vor allem dem Prix
Goncourt), der Popularität einiger Schlagersänger, die diese oder
jene Linkspartei einfach nicht tadeln will: es ist doch nicht die
Schuld von Mireille Mathieu, die, das ist wahr, sowohl auf den
Empfängen von Pompidou wie auf der "Fête de l'Humanité" singt,
daß viele Franzosen noch in einem Geisteszustand leben, der dem
Aberglauben nahekommt oder daß sie blind für die Ursachen und die
wirklichen Verantwortlichen ihres Elends bleiben. Oder aber, sie
setzen die positive Einstellung zur "Klassik" gleich mit
"Vergangenheitssehnsucht" oder musealem Geist, wo doch die tägli-
che Erfahrung zeigt, daß diese oder jene Neuinszenierung von Mo-
lière, die die kritische Kraft dieses Klassikers zur Geltung
bringt, mehr die "schweigende Mehrheit", besonders in der Pro-
vinz, entrüstet, beunruhigt, als ein zeitgenössisches, noch so
provokatorisches Stück. Dies umsomehr, als die "Gegenkultur"
("contre-culture"), wie sie gewisse Leute innerhalb des heutigen
kapitalistischen Systems befürworten, nicht weniger schwer zu-
gänglich, nicht weniger elitär ist, als die sog. "bürgerliche"
Kultur. Und bisher hat man noch von keiner Revolution gehört, die
mit der Kultur begänne oder die wesentlich, wenn nicht aus-
schließlich, kulturell wäre (die Diskussion hierüber wird z.Zt.
noch zwischen Kommunisten, "Linksradikalen" und einigen Soziali-
sten geführt).
III. Die demokratische Alternative
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1. Zwischen den Klippen
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Die demokratische Alternative mußte immer und muß auch heute noch
sich einen Weg bahnen zwischen den Klippen der Regierungspolitik
des Mangels und der Spaltung, mit ihrem autoritären und techno-
kratisch-reformistischen Flügel einerseits, und andererseits den
Versuchen, die Revolution "abzukürzen" durch Mini-"kultur-
revolutionen" in bestimmten Bereichen. ("Alle Macht den Künst-
lern!" "Den Cineasten das Kino!" usw. ... "pädagogische Pro-
vinzen", "Schafft Inseln der Revolution an Gymnasien und an der
Universität!"). Die demokratische Alternative muß dabei ebenso
einheitlich sein wie die Kulturpolitik der V. Republik (trotz al-
ler scheinbarer Improvisation und dauernder Anpassung) einheit-
lich ist.
Gewiß, zur gemeinsamen Kulturpolitik, wie man sie jetzt im Pro-
gramme Commun nachlesen kann, ist man innerhalb der Linken nicht
mit einem Schlag gekommen (wobei das Kapitel über die Ausbildung
nicht so sehr Probleme zwischen Sozialisten und Kommunisten auf-
warf, bis auf das des "Ideologiepluralismus"). Das Programme Com-
mun ist Resultat einer Entwicklung innerhalb der zwei Parteien
(aus Platzgründen möchten wir hier nicht auf den dritten Unter-
zeichner des Programme Commun, die Radicaux de Gauche 13), weiter
eingehen).
2. Zur Kulturpolitik der FKP (Französische Kommunistische Partei)
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Die FKP hatte bessere Startbedingungen als ihre Bruderparteien in
Osteuropa: sie wußte, daß der Sozialismus in Frankreich auf einer
materiellen Basis hochentwickelter (materieller und menschlicher)
Produktivkräfte aufbauen wird, sie wußte, daß man nicht die
"asiatische Barbarei", die Lenin brandmarkte, besiegen mußte, daß
die Kunstrezeption und die Freiheiten der künstlerischen Avant-
garde nicht an einfachen Unkenntnissen des Lesens und Schreibens
zu scheitern drohen würden (die wirklichen Hindernisse stehen auf
einem ganz anderen Blatt).
Früher wie heute zählt die Partei Pioniere von der Größe eines
Léger, Picasso, Eluard oder Aragon zu ihren Mitgliedern, die ihr
den Kontakt mit Künstlern und künstlerischen Experimenten er-
leichterten. Sie hat diese Versuche für ebenso unentbehrlich er-
klärt (vergleiche die Erklärung von Argenteuil) wie die wissen-
schaftlichen, trotz eines Arbeiterpublikums, das im kulturellen
Bereich ziemlich traditionell orientiert bleibt. Man denke nur an
die langwierigen und schwierigen Anstrengungen der CGT, der Co-
mites d'Entre-prise 14), einer Vereinigung wie Travail et Cul-
ture, den Eklektizismus à la "Volksbühne" und die Neigung für
Stücke, die von der Wirklichkeit ablenken, zu überwinden.
Allerdings mußte die Partei wie die anderen die Rückschläge des
Stalinismus hinnehmen. Sie kannte die Parole der engstirnigen Po-
litisierung der Kunst und es erlagen (wenn auch nicht in der Füh-
rung) einige Mitglieder der Versuchung der Einparteienherrschaft
und der "administrativen" Gestaltung des kulturellen Lebens. Man
kann sagen, daß die Partei sich gewandt und eindeutig aus diesem
Stadium herausgearbeitet hat, das freilich auch Spuren hinter-
ließ: man denke an die mutigen Selbstkritiken, die sich ohne un-
nötige Provokationen, durch das bloße Beispiel (Erklärungen, öf-
fentlichen Diskussionen, Politik der Kommunistischen Gemeinden)
von jeglichem Schablonen-Denken auf diesem Gebiet distanzieren...
Diese aktuellen Tendenzen, die im Programme Commun nur durch-
scheinen, obwohl gerade dies im kulturellen Bereich dem Programm
der FKP "Changer de cap" mehr verdankt als dem Programm der So-
zialistischen Partei, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
Zunächst ist die Kultur nicht nur auf Literatur und schöne Künste
beschränkt (der Vereinfachung halber sprachen wir bisher nur da-
von). Sie umfaßt die politische Kultur (tragen die politischen,
gewerkschaftlichen und religiösen Aktivitäten nicht zur kulturel-
len Entwicklung bei?) und die Entwicklung des Bürgersinns (was
etwas anderes ist als "Staatsbürgerkunde"), die wissenschaftlich-
technische Kultur und die schon von der Schule an betriebene Ent-
wicklung des wissenschaftlichen Denkens gegen das nicht-wissen-
schaftliche; ferner gehören dazu die Körperkultur (die wiederum
die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten fördert - die DDR
dient auf diesem Gebiet als Vorbild), die Kenntnis ökonomischer
und produktiver Abläufe, die Beziehungen Mensch-Natur (Wohn- und
Lebensverhältnisse), die Mode und, warum nicht, die Gastronomie.
...
In diesem Zusammenhang sind die Gemeinsamkeiten frappierend, die
sich zwischen den oben aufgeführten Positionen und denen der DDR
ergeben, wie sie aus dem Bericht Kurt Hagers über die Kultur auf
dem 6. Plenum der SED (Juli 1972) hervorgehen: Gemeinsamkeiten,
die die FKP in kulturellen Fragen bis dahin vor allem auch mit
der Kulturpolitik Ungarns hatte.
Ferner ist das Ziel nicht eine marxistische "Gelehrtenrepublik",
die dann die Mitbürger in ihrem Denken bevormunden sollte. Die
Partei akzeptiert nicht nur, sondern zieht es vor, mit Ideen ge-
gen Ideen zu kämpfen: der ideologische Pluralismus (keine
"Staatsphilosophie"), in dem die marxistische Ideologie nicht
schwerer wiegt als ihr wirklicher Einfluß in der Gesellschaft und
ihre Überzeugungskraft, ist nicht etwa ein taktischer Zug, um die
Intellektuellen vor der Eroberung der Macht zu "kriegen", und
auch kein Zugeständnis der politischen Gewalt. Es ist viel mehr
eine Notwendigkeit wie die Erfahrung zeigt: Verbotene Früchte
wecken den Appetit, gleich, ob sie schmackhaft sind oder nicht,
man erhält keinen Zulauf, keine echte "Hegemonie" durch Staats-
zwang.
Vielmehr verurteilt die FKP (vgl. Programme Commun) jegliche Art
der Zensur oder Vorzensur (die unter dem aktuellen Regime viel
verbreitetere und schwerwiegendere Selbstzensur ist zu komplex,
als daß ein Programm sie im Detail abhandeln könnte), um statt-
dessen im Augenblick, wo das Kunstwerk erschienen ist, den Kampf
der I d e e n zu führen, wobei sie dann für sich und für andere
das Recht in Anspruch nimmt, wenn nicht die Kunst, so doch zumin-
dest die Ideologie z.B. eines Solschenyzin oder eines zukünftigen
französischen Solschenyzin nicht zu schätzen.
So beruht die Haltung der Partei gegenüber den Künstlern - diese
Haltung bestimmt sich nicht durch "Mehrheitsvotum", denn die
Künstler haben ein Gespür, eine Art Voraussicht für die soziale
und menschliche Wirklichkeit, die man respektieren muß - auf ei-
ner allgemeinen Auffassung von den objektiven (morgen subjekti-
ven? ) gleichen Interessen zwischen Arbeiterklasse und den Intel-
lektuellen. Ebenso wie sie sich weigert, bei offenen Diskussionen
kraft Parteibeschluß zu trennen zwischen Spezialisten der Natur-,
Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, genausowenig "ist das
kulturelle Leben zu denken ohne Forschung, ohne Strömungen und
verschiedene Schulen, ohne deren Wettbewerb untereinander bei
freier Entfaltung des Stils, der Phantasie, der Persönlichkeit
jedes Einzelnen". Die FKP ist wie die Sozialistische Partei, un-
ter der Bedingung, daß nicht Rassismus oder gewaltsame Konterre-
volution gepredigt werden, damit einverstanden, daß sogar die
Künstler, die die demokratische Regierungsform heftig kritisieren
werden, die die Partei zu errichten anstrebt, aus den Steuermit-
teln des Volkes subventioniert werden.
Die Basis für dieses Bündnis ist nicht der "Anschluß", die indi-
viduelle "Bekehrung" und auch nicht die Leugnung des eigenen in-
tellektuellen Status aus Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den
materiellen Produzenten (die Arbeiter b r a u c h e n den
Künstler, w e i l er Künstler ist, den Forscher, w e i l er
Forscher ist): das Bündnis gründet in vergleichbaren ökonomisch-
moralischen Interessen gegenüber dem Großkapital (sozialer Ab-
stieg in die Schicht der Lohnabhängigen, Fesseln für die Entfal-
tung der eigenen Talente bei Architekten, Medizinern, um nur von
den sogenannten "freien" Berufen zu sprechen), in einer Interes-
sen-Gemeinschaft, und nicht etwa in einer "Verschmelzung", die
angeblich in einem "historischen Block" bereits realisiert wäre
(wie Garaudy in eigenwilliger Interpretation Gramscis behauptet),
als ob die wissenschaftlich-technische Revolution schon vollzogen
sei, die Wissenschaft schon "direkte Produktivkraft" wäre, was
vor allem die Ingenieure, Techniker und technischen Angestellten
betrifft.
Schließlich glauben die Kommunisten trotz aller Vorwürfe von sei-
ten der "Linken" 15) nicht, daß die "kulturelle Revolution", so
wie sie Lenin definiert hat, darin bestünde, "Shakespeare der
großen Masse zu offerieren" oder das "Erbe", den "kulturellen Ku-
chen" gerechter zu verteilen, wobei der Inhalt der gleiche
bliebe: "Das Erbe wird heute geschrieben".
In einer vor kurzem gehaltenen Rede (Nouvelle Critique, Nr. 70,
1974) zitiert Roland Leroy, zuständig für die Kulturpolitik der
FKP, Freud neben Lenin und Einstein und ruft in Erinnerung, daß
"die Romanciers sich die Entdeckungen der Psychologie zu Nutze
gemacht haben, daß Apollinaire und Leger die Maschinen und Werk-
zeuge in ihre Kunst haben eingehen lassen, daß die Surrealisten
empfänglich gewesen sind für die Poesie der modernen Stadt... Le-
nin und die Surrealisten haben gleichzeitig, jeder von seiner
Seite, die Wichtigkeit des Films erkannt; gleiches gilt heute für
das Fernsehen." In seiner Kritik der "ultralinken" Vorstellung,
die Ideologie sei der strategische Ort, an dem sich alles ent-
scheide, sie sei es, die die gesellschaftlichen Verhältnisse her-
vorbringe - oder zumindest reproduziere - und um die gesell-
schaftlichen Verhältnisse zu ändern, müsse man durch
"ideologische Indoktrinierung" das Bewußtsein revolutionieren,
wendet er sich dagegen, daß die Revolution ein wesentlich volun-
taristisches Phänomen sein soll, resultierend aus der Addition
von Verhaltensänderungen einzelner Individuen und nicht eine
breite gesellschaftliche Massenbewegung. So kommt er zu der Fest-
stellung, "die bestehende Kultur bildet ein Ganzes, aber ein wi-
dersprüchliches Ganzes: der objektive Kern (das wahre Wissen) und
seine ideologischen Deformationen, die Dominanz der bürgerlichen
Ideologie und das Aufsteigen der demokratischen Ideologie der Ar-
beiterklasse sind dabei nicht in mechanischer Weise zu trennen".
Ideologiekritik ist kein Selbstzweck; es gilt, von einer bloß
verneinenden Haltung zu einer konstruktiven, wahrhaft revolutio-
nären Position zu gelangen.
3. Zur Kulturpolitik der Sozialistischen Partei
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Die Sozialistische Partei befand sich, was die Probleme der Kul-
tur angeht, in einem unbestreitbaren Rückstand gegenüber der FKP.
Lange Zeit hatte sie dem Eklektizismus gehuldigt ("Über Geschmack
und Farben läßt sich nicht streiten"), dem "kulturellen Unanis-
mus" 16), demzufolge die Kultur ein politisches Niemandsland sei,
wo sich alle Menschen, die guten Willens sind, im Sinn des
allgemeinen Wohls versöhnen - jenseits von Klassentrennungen und
den objektiven Zielen eines gesellschaftlichen Systems - als ob
es eine "Kulturecke" gäbe, wie es in bürgerlichen Häusern eine
"Kinderecke" gibt, wo man frei herumtollen kann, als ob die El-
tern nicht da wären...
Dieser Unanimismus ging einher mit einer laizistischen Vorstel-
lung von Schule, die von der ursprünglich k ä m p f e r i-
s c h e n Stoßrichtung des Laizismus (gegen die Variante des
Irrationalismus, des Mystizismus, des falschen Liberalismus)
völlig abgekommen war. Eine Zeitlang hing die Sozialistische
Partei in der Kultur dem "schwedischen Modell" an, dann dem
jugoslawischen, um sich schließlich wie die Kommunistische
Partei, auf einen "französischen", einen antimonopolistischen Weg
hin zu orientieren.
Die Sozialistische Partei hat mit ihrer besonders vordringlichen
Sorge, jegliche Bürokratisierung der Kultur, jegliche
"Parteiposition" zu vermeiden 17), mit ihrer Kritik an der kul-
turellen Praxis der sozialistischen Länder wie der UdSSR 18) die
Kommunistische Partei in keiner Weise, das steht fest, "bekehrt",
sondern in ihrem Willen nach Veränderung angeregt und bestärkt:
so daß das Finden von Kompromissen, worauf es ja bei der Abfas-
sung des Programme Commun ankam, gerade beim Kapitel "Kultur"
nicht unbedingt die allergrößten Schwierigkeiten machte.
Trotz ihres gemeinsamen Engagements bewahren FKP und SP ihre ei-
genen Vorstellungen von Kultur, die immer noch bemerkenswerte Un-
terschiede aufweisen. Obwohl gegen jede "Zerstörung der Schule",
stellt die SP doch in gewisser Weise schulische Kultur und Kultur
an sich gegenüber, indem sie mehr Gewicht legt auf "Ausbildung",
auf "Kommunikation" zwischen den Menschen und den sozio-profes-
sionellen Schichten, auf "Kreativität" (spontan, überwuchernd),
als auf Wissenserwerb, Lernen, Wissensanhäufung. Sie hat die
"pädagogische Utopie" der Aufklärung noch nicht wirklich aufgege-
ben, das heißt die Idee (der II. Internationale), daß ein Über-
gang zum Sozialismus nicht möglich ist ohne eine vollkommene in-
nere ("kulturelle") Vorbereitung der Individuen; daher dann die
Vorstellung von Kultur als "Selbstpolitisierung" - eine Idee, die
die Rolle des Staates, seiner demokratischen Organe, der Massen-
organisationen (zu denen die SP selbst gehört) unterschätzt. Man
findet bei ihr Spuren des metaphysischen Gegensatzes zwischen dem
"Qualitativen" und dem "Quantitativen" - Lieblingstopos des herr-
schenden Regimes - zwischen "Sein" und "Haben" (Kultur - Konsum),
zwischen "Kunstwerk" als konsumierbaren Produkten der Kultur und
"Bewußtwerdung" ("Rezipieren ist nicht Bewußtwerdung").
Die SP hat die Idee des "Nicht-Publikums" - zum ersten Mal vorge-
bracht im Mai 68 auf der Tagung von Villeurbanne 19) - aufgegrif-
fen. "Nicht-Publikum", das ist die ungeheure Menge derer, die
"keinen Zugang und auch keine Gelegenheit des Zugangs zum Phäno-
men Kultur haben, in der Form, in der es sich in den meisten Fäl-
len immer noch darstellt". Nun verdeckt diese Dichotomie Publi-
kum-Nicht-Publikum die Dichotomie Kultur- Nicht-Kultur, wobei man
von der stillschweigenden Voraussetzung ausgeht, das Kriterium,
das Maß nach dem der kultivierte Mensch zu messen sei, sei bei-
spielsweise ... die Häufigkeit seines Theaterbesuches; dies wie-
derum heißt, außer acht lassen, daß auch das Nachdenken Kultur
ist, daß Arbeit, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, aktive
Politik, Kultur ist: Wer würde - von diesem Standpunkt aus -
leugnen, daß nicht wenige sogenannte "Nicht-Kultivierte" einer
großen Zahl sogenannter "Kultivierter", denen die Erfahrung des
Produktionsprozesses und der Ausbeutung fehlt, die politisch we-
nig tiefblickend, um nicht zu sagen naiv sind, durchaus Beträcht-
liches voraus haben? Viele der sogenannten "kulturellen Wüsten"
sind - wenn man sich diese grundlegende Realität vor Augen führt
- gar keine. Auf der anderen Seite setzt der Begriff "Nicht-Pu-
blikum" voraus, daß das Hindernis für den Zugang zum Kulturleben
eher in den Formen liegt, in denen es sich "noch immer dar-
stellt", als in den von den ersten Schuljahren an wirksamen Klas-
senschranken unserer Gesellschaft.
4. Lektürehinweise zum Programme Commun
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Aber diese Unterschiede sind sekundär im Vergleich zu der grund-
legenden Übereinstimmung, die im Programme Commun besiegelt ist.
Da es ja in beiden deutschen Staaten übersetzt worden ist 20),
möchte ich hier besonderen Nachdruck legen auf d i e A r t,
i n d e r e s g e l e s e n w e r d e n m u ß, auf seinen
inneren Aufbau, seine Kohärenz.
Obwohl das Kapitel "Kulturelles Leben" nur drei von insgesamt 138
Seiten umfaßt (in der Ausgabe der FKP), ist das ganze Programme
Commun, von der FKP auf eine "neue ökonomische Logik: die von den
Bedürfnissen und ihrer Befriedigung" aufgebaut, in seinem Wesen
und in seiner Zielrichtung k u l t u r e l l. Deshalb muß die-
ses Kapitel in Verbindung mit den anderen gesehen werden. Natür-
lich sieht es konkrete, sofort anwendbare Maßnahmen vor, wie etwa
die Wiederherstellung des öffentlichen Status, wo dieser verletzt
worden ist (ORTF, Union cinématografique, unter Beteiligung der
"Interessierten", Kunstschaffenden und Interpreten, an der Defi-
nition ihrer Teilnahme am kulturellen Leben des gesamten Landes),
wie die Ausdehnung der 1%-Regel (1% des den Schulen zur Verfügung
stehenden Budgets muß für die künstlerische Ausgestaltung verwen-
det werden) auf alle öffentlichen Gebäude, Schaffung eines Natio-
nalfonds für Künste und Wissenschaft, eines nationalen "Rates für
das kulturelle Erbe". Weitere, allgemeinere Maßnahmen: Abschaf-
fung jeder Form von Zensur oder Vorzensur, Schwächung des Ein-
flusses des Finanzkapitals auf das Buch, das Theater, den Film,
die Schallplatte, das Fernsehen, die Video-Kassette - dies mit
Hilfe der vorgesehenen Verstaatlichungen, von staatlicher Ein-
griffnahme in Privatgesellschaften, von spezialisierten öffentli-
chen Kreditanstalten. Weiter: Aufbau von gesellschaftlichen Ein-
richtungen in den Vororten und ländlichen Gegenden; besondere An-
strengung für die Bibliotheken: Lesen ist immer noch - wenn die
"Massenmediologen" es auch nicht wahr haben wollen - der bevor-
zugte Zugang zu einer nicht nur oberflächlichen Kultur; regionale
Dezentralisierung, je nachdem, wozu sich eine Stadt oder Provinz
"berufen" fühlt, jedoch durchaus unter Beibehaltung der hervorra-
genden nationalen wie internationalen Rolle von Paris, die nicht
nur als das unselige Erbe des französischen zentralistischen
Staates zu betrachten ist. Das von der FKP und SP lange vernach-
lässigte Problem der "Regionalkulturen", das an anderer Stelle im
Programm angesprochen wird - von manchen werden sie neuerdings
"Nationalkulturen" genannt - wird wahrscheinlich in Anbetracht
seiner Dringlichkeit und der demagogischen Hochstilisierung, die
es erfährt, aufgegriffen und neu formuliert werden. Schließlich
formuliert das Programm Leitlinien: Kultur ist "weder ein Luxus
noch eine Ware" und ist nicht mit den gewöhnlichen Rentabilitäts-
kriterien zu erfassen. Die Funktion des künstlerischen Schaffens
in der Gesellschaft ist "unersetzbar" - dies bringt eine materi-
elle und m o r a l i s c h e Aufwertung des Statuts der Künst-
ler, Schriftsteller und Interpreten mit sich.
Aber dieses Kapitel kann in seiner vollen Bedeutung und Reich-
weite nur erfaßt werden im Zusammenhang mit dem Ganzen." in er-
ster Linie mit dem Kapitel "Verstaatlichung", vor allem auf dem
Banksektor (obwohl der grüne Trust (21), Hachette, nicht explizit
erwähnt wird). Dann mit dem Kapitel "Besser leben, das Leben än-
dern", das unter anderem die 40-Stunden/5-Tage-Woche vorsieht und
Urlaubsverlängerungen für Jugendliche, Frauen und Arbeiter, die
schwere Arbeiten verrichten. Das Programm stützt sich auf die
Idee, daß der soziale - also kulturelle - Fortschritt den ökono-
mischen Fortschritt begünstigt, ja erst möglich macht, und daß
die kulturelle Entwicklung, die verstärkte reale Mitbestimmung in
allen betrieblichen und überhaupt gesellschaftlichen Angelegen-
heiten ein Produktivitätsfaktor ist - eine Erfahrung, die einige
der sozialistischen Länder inzwischen machen. In dieser Hinsicht
ist die FKP, die sich lange an die Kulturdefinition des Physikers
Langevin 22) gehalten hat: "Kultur ist alles, was den Horizont
eines Menschen über sein spezielles Berufsfach hinaus erweitert",
zu einer Definition gekommen, die der Forderung nach "fort-
schrittlicher Demokratie" eher entspricht: Alles was den Menschen
befähigt, sein persönliches und kollektives Schicksal zu
meistern, was ihm erlaubt, seine eigene Stellung zu bestimmen,
ein Gesamtbild zu gewinnen, und in Kenntnis der Dinge selbstän-
dige Entscheidungen zu fällen. Der gebildete Mensch wird der
sein, der bewußt am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, der viele
Interessengebiete und die verschiedensten Anliegen hat.
Weiterhin muß man das Kapitel "Recht auf Information" hinzuziehen
(keine Demokratie ohne freien Zugang zur Information, ihren
freien Gebrauch, "Garantie des Pluralismus von Meinungen und
Überzeugungen"): Es muß also der Widerspruch aufgehoben werden
zwischen dem öffentlichen Charakter der Information und dem mit
der zunehmenden Konzentration immer stärker hervortretenden pri-
vaten Charakter der Informationsmittel. Das Kapitel "Gesell-
schaftliche Einrichtungen", das von den Lebensbedingungen
handelt: den "qualitativen" Bedürfnissen der Bevölkerung, Städte-
bau, öffentliche Verkehrsmittel, Umweltschutz, steht in direktem
Zusammenhang mit den Bedingungen eines kulturellen Aufschwungs.
Desgleichen das Kapitel über den Sport - als "kulturelle Aktivi-
tät" anerkannt - und natürlich vor allem das Kapitel "Erziehung
und Bildung". "Die Schule, die ... jedem das Recht auf Schul- und
Erwachsenenbildung gewährleisten wird... wird die dreifache Auf-
gabe haben, den Werktätigen, den Bürger und den Menschen heranzu-
bilden. Alle Bildungsschranken sind abzulehnen, alle Ungleichheit
in der Bildung ist zu bekämpfen... jedem werden alle Möglichkei-
ten offenstehen, ein Studium aufzunehmen oder weiterzuführen und
den Beruf im Laufe des Lebens zu wechseln". Die laizistische Er-
ziehung, so wird dort gesagt, ist "gegründet auf dem Geist der
Wissenschaft und der Demokratie". Die staatsbürgerliche und mora-
lische Erziehung wird sich nicht auf eine "farblose Darstellung
der öffentlichen Institutionen" beschränken, sondern alle Aspekte
menschlicher Tätigkeit einschließen: Probleme der Arbeit im Be-
trieb, des Städtebaus, der Lebensbedingungen, des Friedens, der
Unterentwicklung, des Rassismus und aller Arten von "Unter-
drückung und Abhängigkeit".
An den Hochschulen werden Lehre und Forschung eng miteinander ge-
koppelt sein, wobei zwischen Grundlagenforschung und angewandter
Forschung nicht getrennt wird. Aufgabe der Hochschule wird es
sein, "die gesamte Ausbildung nach Abschluß des Abiturs" neu auf-
zugliedern, die Verantwortlichen für kulturelle und sportliche
Aktivitäten auszubilden, sowie zum großen Teil die Weiterbildung
zu übernehmen. Die Studenten, die volles Mitspracherecht bei der
Entscheidung haben - sie werden entsprechend informiert ", werden
sich nicht mehr "eine Kultur aufzwingen lassen, über deren Sinn
und Zweck sie nicht mitbestimmen können".
Obwohl die menschliche Definition von Kultur die Arbeit miteinbe-
zieht, sind doch Quantität und Qualität der Freizeit von großer
Wichtigkeit: das Kapitel "Freizeit und Erholung" hält grundsätz-
lich fest, daß "die Freizeit nicht allein für die Wiederherstel-
lung der Arbeitskraft zu verwenden ist". Es sieht vor, daß für
diesen Bereich den Betriebsräten ("kulturelle Schaltstellen"),
den Gemeinden (deren kulturelle Aktivitäten, wie alle nationalen
Kulturgüter, von der Besteuerung, die sie stark lahmt, entlastet
werden sollen) und den "Bürgerinitiativen für Kultur" höhere Zu-
wendungen zur Verfügung gestellt werden. Desweiteren wird festge-
stellt, daß der Tourismus entwickelt werden muß (um wieviel
Kenntnisse kultureller Art werden 70% der Franzosen gebracht,
ganz einfach ... weil sie nicht in Urlaub fahren können? ) und
nicht "als Entschuldigung für die Unterentwicklung bestimmter Ge-
biete dienen darf" (Provence, Bretagne, Centre, Korsika).
Schließlich wird man sich auch den Kapiteln zuwenden müssen, die
sich mit den "Kolonisierten" beschäftigen, den kulturell
"Unterentwickelten", wie den Frauen, den Bauern und den Gastar-
beitern.
IV. Zusammenfassung
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Hier ist also eine andere Kulturpolitik umrissen, die in einer
Legislaturperiode durchgeführt werden kann. Das heißt nicht, daß
man die nächsten Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen und den
Triumph dieses Programms abwarten soll: die französische Linke,
die 46% der Stimmen bei den letzten Parlamentswahlen auf sich
vereint hat, versteht es nicht so. Ebenso, wie das Programme Com-
mun aus dem Schwung des Ideenreichtums des Mai/Juni 68 heraus
entstanden ist - damals, als die "Assises générales du cinéma"
ins Leben gerufen wurden, als die Diskussionen und Zusammenarbeit
zwischen Theaterschaffenden begannen, als auf die Diskussion über
das Festival von Avignon seine Konsolidierung in einem von Jean
Vilar inspirierten staatsbürgerlichen Geiste folgte, der jedem
"ordre moral" feindlich gegenübersteht - Jean Vilar, den Kommuni-
sten und Sozialisten gemeinsam grüßen als einen großen Förderer
der Demokratisierung der Kultur ", als schließlich eine (kleine)
Schriftstellervereinigung gegründet wurde; ebenso wie damals also
spielen sich heute, unter der Regierung Messmers, bittere Kämpfe
ab gegen die Angriffe auf die freie Meinungsäußerung (wie z.B.
letzthin das Verbot des Films "Histoire d'A" zum Thema Abtrei-
bung), für die Anhebung des Budgets im Bildungswesen und in der
Forschung, für das "1% für die kulturellen Angelegenheiten".
Bei der hier kurz dargelegten Geschichte, nicht der Kultur und
ihrer Schöpfungen, sondern der französischen Kulturpolitik seit
der Herrschaft des Gaullismus habe ich es bewußt vermieden, in
die Nähe der "Werbekataloge" zu geraten, wie sie manche Botschaf-
ten herausbringen. Auch die Haltung des ewigen Nörglers war mir
fern; das Anekdotische wollte ich ebenso vermeiden wie die inven-
tarhafte Aufzählung der Situation der einzelnen Künste. Ich habe
im Gegenteil versucht, in diesem angeblich ätherischen Bereich,
dem materielle Gesichtspunkte fremd sein sollen, "von den Eigen-
tumsverhältnissen zu sprechen", wie Brecht es den humanistischen
Schriftstellern in der Emigration empfahl.
Diese Kulturpolitik nun habe ich nach zwei Seiten hin untersucht:
einmal nach der der Regierung, zum anderen nach der der demokra-
tischen Opposition - wobei die letztere für die nächste Zukunft
Perspektiven hat, die die Mehrheit der politischen Beobachter
übereinstimmend als realistisch einschätzen. Es sei denn "die ge-
wöhnliche Sprache des Faschismus" gewinnt die Oberhand, die Edgar
Faure in den gaullistischen "CDR" 23) wiedererkannte und die man
zum ersten Mal aus dem Mund eines Ministers der Republik hörte,
als M. Druon als Kulturminister eingesetzt wurde. Aber die Ge-
schichte wiederholt sich nicht, das Kräfteverhältnis hat sich ge-
wandelt, die gegenwärtige allgemeine Krise ist nicht mit der von
1929 zu vergleichen. Mit dieser Gewißheit, daß ein solcher Aus-
gang dem Frankreich des Jahres 1974 ganz und gar unmöglich ist,
wollte ich schließen.
_____
*) Übersetzt von Hubertus Magnus, Maren Kroymann, H.J. Neyer,
Evelyne Sinnassamy-Nerlich: Redaktion LENDEMAINS.
1) Maison de la Culture, Maison des Jeunes et de la Culture: 1959
gegründet durch das Ministerium Malraux, um die Kultur zu
"demokratisieren". Darüber und über die gesamte Problematik der
Kulturpolitik cf. Gérard Belloin, CULTURE, PERSONNALITE ET SO-
CIETES, editions sociales, Paris 1973. Nicht zu verwechseln mit
der Maison de la Culture, die 1935 durch die "Association des
Ecrivains et Artistes Revolutionnaires" (AEAR) gegründet wurde.
Cf. dazu Georges Cogniot L'AVENIR DE LA CULTURE, Paris 1937.
2) z.B. "Jahr des Buches".
3) REVUE DES DEUX MONDES, Januar 1971.
4) JANUS, LES DEUX FACES DE L'OCCIDENT, Fayard, Paris.
5) Am 1.3.1974 hat sich die Regierung Messmer von Maurice Druon
getrennt, dem das Kunststück gelungen war, die öffentliche Mei-
nung uneingeschränkt gegen sich aufzubringen. Sein Nachfolger
wurde Alain Peyrefitte. Nur für kurze Zeit: nach den gerade er-
folgten Präsidentschaftswahlen ist das Ministerium für kulturelle
Angelegenheiten wieder abgeschafft worden - das bestätigt die
Analyse der Regierungspolitik in diesem Artikel.
6) VIeme PLAN, 1971-1975, Editions 10/18, Paris 1971, 110. Seit
Ende des 2. Weltkrieges gibt es eine "Planung" in Frankreich, cf.
darüber TRAITE MARXISTE D'ECONOMIE POLITIQUE, LE CAPITALISME MO-
NOPOLISTE D'ETAT, editions sociales, 1971, besonders das Kapital
IX, La planification du capitalisme monopoliste d'etat. Tome 2,
267-347. Cf. dazu die Beiträge von Paul Boccara in SoPo 18 und
19, 1972.
7) Chaban-Delmas, REVUE DES DEUX MONDES, Januar 1971.
8) Id. , Ibidem.
9) "ordre moral" hat weder mit "Ordnung" noch mit "Moral" zu tun.
Unter "ordre moral" versteht man sämtliche politische Aktivitäten
à la Druon oder Royer (cf. Fußnote 12): "Wir müssen die überholte
politische Konzeption des "ordre public" aufgeben, um sie durch
die des "ordre moral" zu ersetzen... Es ist klar, daß wir deshalb
verbieten müssen." (Royer, Interview im NOUVEL OBSERVATEUR,
13.12.1971).
10) Er sah nur ein Gegenmittel, die Kunst, der "einzige Bereich",
in dem wir "unsere Würde wiederfinden".
11) Wie Malraux einmal ganz im Sinn der herrschenden Ideologie
die Aufgabe der Maison de la Culture, d.h. der Kunst, definierte,
indem er sie der Schule gegenüberstellte, die durch den Zwang und
die Anhäufung von Wissen gekennzeichnet sei. Aber heute handelt
es sich, wie in der Bildungspolitik z.B., darum, alles, was sich
in den Menschen der "industriellen Mentalität" entgegenstellt, zu
liquidieren: Widerstand gegen die "Mutation", Festhalten an er-
kämpften Rechten, an Sicherung der Arbeitsplätze, also wie Pompi-
dou herabsetzend sagte, "passeisme"!
12) Jean Royer, Bürgermeister von Tours, mit ultrarechten Parolen
Kandidat für die Präsidentschaft, machte sich berühmt durch sei-
nen Feldzug gegen den "Verfall von Sitte und Ordnung" (indem er
u.a. Kinoplakate zerreissen und Bilder aus Ausstellungen entfer-
nen ließ), cf. Fußnote 9.
13) "Radicaux de Gauche": nicht zu verwechseln mit dem "Parti Ra-
dical" (Jean-Jacques Servan-Schreiber), den sie verlassen haben,
um mit den Sozialisten und den Kommunisten das Programme Commun
zu verteidigen. Sie haben auch nichts gemeinsam mit den
"Linksradikalen", die in Frankreich als "gauchistes" oder
"extréme-gauche" bezeichnet werden.
14) Betriebsräte, sie erfüllen eine wichtige kulturelle Funktion.
Dazu cf. Lothar Peter, KLASSENKÄMPFE IN FRANKREICH HEUTE, Frank-
furt, 1972, 62.
15) Cf. u.a. P. Gaudibert ACTION CULTURELLE: INTEGRATION ET/OU
SUBVERSION, Castermann; R. Demercy ELEMENTS D'UNE SOCIOLOGIE DU
SPECTACLE, ebenso Zeitschriften wie POLITIQUE AUJOURD'HUI, PAR-
TISANS, LES TEMPS MODERNES.
16) "unanimisme": literarisch-philosophische Schule um Jules Ro-
mains (LA VIE UNANIME, 1908; LES HOMMES DE BONNE VOLONTE, 1932-
1946).
17) Die FKP erklärt, sie wünscht, daß die Künstler "den Stand-
punkt der Arbeiterklasse einnehmen".
18) Hierzu äußert die FKP, sie wisse den "klassenmäßig bedingten
Antikommunismus sehr wohl von den mitunter äußerst kritischen
Fragen zu unterscheiden, die sich die Intellektuellen über den
Marxismus und die sozialistischen Länder stellen".
19) Mai 68 trafen sich - bezeichnenderweise in einem Vorort von
Lyon, in Villeurbanne - Film- und Theaterregisseure, Schauspie-
ler, Direktoren der Maison de Culture, kurz alle "animateurs", um
über ihre Rolle, ihr Publikum, ihre Kulturkonzeptionen und u.a.
über die Dezentralisierung zu diskutieren.
20) In der BRD und WB: GEMEINSAMES REGIERUNGSPROGRAMM FKP UND SP,
Marxistische Taschenbücher, Frankfurt, 1972.
21) Viele Bücher von Hachette sind grün eingebunden.
22) Paul Langevin (1872-1946): einer der großen Physiker des XX.
Jh. , Professor am College de France, Mitglied mehrerer Akade-
mien. Er war auch Philosoph und Bildungstheoretiker (der Plan
Langevin-Wallon spielte und spielt noch eine große Rolle in der
Diskussion über die Demokratisierung des Bildungs- und Erzie-
hungswesens). Als die Nazis ihn 1940 ins Gefängnis warfen, demon-
strierten hunderte von Studenten. Er war immer politisch enga-
giert und 1944, als seine Tochter im KZ war und sein Schwieger-
sohn, der Physiker Jacques Solomon von den Nazis erschossen
wurde, trat er in die FKP ein.
23) CDR: Comites de Defense de la Republique, Stoßtruppe, die für
die Union des Democrates pour la Republique (Gaullisten) tätig
sind. Ihr besonders brutaler Einsatz während der Wahlkampagne von
Giscard d'Estaing hat Empörung bis in die regierungsfreundlichen
Zeitungen wie LE FIGARO hervorgerufen.
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