Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974


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       Fragen der Dialektik
       
       Bernhard Heidtmann
       

ABSTRAKTION UND DIALEKTIK IN MARX' ERKENNTNISKRITIK

Kants Vernunftkritik erweist ihre Bedeutung für Marx bereits dort, wo dieser in Auseinandersetzung mit der klassischen Ökono- mie die Prinzipien der dialektisch-materialistischen Methode hi- storischer Erkenntnis ('Allgemeine Einleitung zur Kritik der po- lit. Ökonomie') darlegt. Die rationalen wissenschaftlichen Prin- zipien der Philosophie Kants begegnen dort einem Typus von Dia- lektik, den Hegel aus seiner Kritik an Kant entwickelt, deren spezifische Rationalität sich jedoch erst in der Anwendung der Dialektik im Zusammenhang der Entwicklung der historisch-materia- listischen Geschichtsauffassung im 'Kapital' erweisen kann. Marx' Definition der Kategorie Arbeit als eine 'bestimmte Ab- straktion' führt zur Unterscheidung der marxistischen und der bürgerlichen Auffassung der methodischen Relevanz von wissen- schaftlichen Abstraktionen. Von der materialistischen Ableitung der Abstraktionen ist" wie Marx in der (Allgemeinen Einleitung' fordert - eine widerspruchsfreie Erkenntnis historischer Gesetz- mäßigkeiten abhängig, die klassischer Ökonomie und idealistischer Philosophie nicht möglich war. Die Analyse von Abstraktionen als notwendige Voraussetzungen der dialektischen Ableitung der Formen, in denen sie entstehen und sich manifestieren, bedeutet eine Konkretisierung von Abstrakte (nicht im vergegenständlichenden, sondern im materialistischen Sinne) dann, wenn sie gleichsam der dialektischen Ableitung öko- nomischer Formbestimmungen das Material liefert. Daher bildet die Analyse der Wertabstraktion als dialektische Ableitung der Wert- form aus abstrakter Arbeit die wesentliche Aufgabe des 'Kapital'. Die Ableitung der Wertform gewährleistet die Analyse der Katego- rie 'abstrakte Arbeit' und der Systeme, abstrakter Arbeit', der gesellschaftlichen Struktur dieser Abstraktion. Indem Marx diesen Untersuchungsprozeß dort ansetzt, wo die zu analysierende Ab- straktion und abzuleitende Form als 'einfachste', 'allgemeinste', am wenigsten entwickelt erscheint, ist damit bereits der erste Schritt über die der klassischen Ökonomie gesetzten theoretischen Grenzen hinausgetan. Zugleich ist der Anfang bestimmt der Anwen- dung der materialistischen Methode historischer Erkenntnis als der Exposition einer Theorie der Geschichte, deren Prinzipien in der Methode des 'Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten' vorge- zeichnet sind. Die dialektische Analyse von Systemen abstrakter Arbeit durch Marx bringt die eigentümliche Rationalität einer Handlung zum Vorschein, die mit der der Erkenntnistätigkeit des Verstandes bei Kant übereinstimmt. Daher stellt sich jetzt die Frage, inwiefern die Funktionsweise transzendentaler Erkenntnis diejenige Opera- tion widerspiegelt oder abbildet, die Marx als 'abstrakte Arbeit' bezeichnet. Abstrakte Arbeit ist - wie gezeigt - Aneignung bzw. Reproduktion von den im Wert abstrakt vergegenständlichten Pro- dukten konkreter Arbeit. Dieser Prozeß, der die Transformation des Produkts konkreter Arbeit in seine gesellschaftlich gültige Gegenständlichkeit bedeutet, ist Erfahrungskontinuum und Erkennt- nishorizont der in ihm ökonomisch handelnden Subjektes. Kommt es darauf an zu zeigen, von welcher Relevanz die kantische Erkenntnisproblematik für die Methode historischer Erkenntnis bei Hegel und bei Marx ist, so gilt es, die spezifisch antinomische Beschaffenheit der Erkenntnisproduktion und der Erkenntnispro- dukte im System Kants zu beachten. Aus dieser nämlich lassen sich Aussagen über Reichweite und Begrenztheit der bei Kant ausgebil- deten bürgerlichen Auffassung von Erkenntnis im Unterschied zur marxistischen erschließen. Dies insbesondere dann, wenn man be- rücksichtigt, daß die antinomische Struktur der Erkenntnistheorie Resultat dessen ist, daß bei Kant 'in bewußter Weise Materialis- mus und Empirismus mit dem Idealismus und der spekulativ-metaphy- sischen Dogmatik zusammentreffen'. (I.S. Narski, Kants Antinomien und die Logik der Erkenntnis, in: Dt. Zeitschr. f. Philos. 4,1974, S. 334.) Nach Kant muß sich die Erkenntnis apriori an der stofflichen Seite der Erfahrung, dem der Erkenntnis 'Gegebenen' entwickeln. Wird dies Gegebene in objektiver Erkenntnis reproduziert, ent- steht nach Kant eine Gegenständlichkeit, die er unter dem Termi- nus 'Erscheinung' faßt. Als 'Erscheinung' ist Gegenständliches der subjektiven Erkenntnis und Wahrnehmung, die zusammen die 'Vorstellung' bilden, gegeben. Das zwar dem Denken jedoch nicht subjektiver Erkenntnis Zugängliche der objektiven Gegenständlich- keit, die erscheint, wird von Kant unter dem Terminus 'Ding an sich' als existierend vorausgesetzt, transzendentiert in dieser Bedeutung aber die Möglichkeit subjektiver Erkenntnis und bleibt als Spekulationsobjekt reiner Vernunft von dieser unbegriffen. Daß die Gegenstände nicht Dinge an sich sind, sondern Erscheinun- gen, verbürgt zugleich, daß objektive Erkenntnis nur hinsichtlich jener Gegenstände möglich ist, die wir vermöge der Organisation unseres Verstandes selbst schaffen: 'In diesem Sinne wird durch die Ordnungsleitung des Verstandes der Gegenstand unserer Er- kenntnis konstituiert und nur dadurch, daß der Gegenstand derart produziert wird, ist allgemeingültiges und notwendiges Wissen über ihn möglich.' (S. Böhnisch, Studie zum Verhältnis von theo- retischer und praktischer Vernunft in der Philosophie Kants, in: Wissenschaftliche Zeitschrift, Universität Leipzig, 23. Jhrg. (1974), Heft 3, S. 157) Dem subjektiv-objektiven Konzept Kants zufolge stehen Erscheinun- gen unter dem Gesetz der Reproduktion die idealistische These Kants, nach der der 'Verstand der Natur die Gesetze vorschreibt' bezeichnet aber auch den realistischen Vorgang, in dem sich ein wesentliches Moment der Abbildung objektiver Strukturen und Mu- ster vollzieht. Von Marx her gesehen ist der theoretische Vorgang der Reproduk- tion realer Strukturen als Abbildung oder Widerspiegelung des Prozesses einer realen 'Verkehrung' zu interpretieren, der in Sy- stemen abstrakter Arbeit die Struktur von Erfahrung bildet. Al- lerdings geht Kant doch partiell über die erkenntnistheoretische Reproduktion der realen Verkehrung hinaus; an der Stelle seiner 'Kritik', wo er im Zusammenhang der 'transzendentalen Dialektik' eine 'Logik des Scheins' vorführt. Hier und insbesondere dort, wo Kant diese Dialektik in der Form der Aufstellung von 'Antinomien' behandelt, wird die grundsätzlich antinomische Struktur der kan- tischen Position überhaupt deutlich. An ihr kommt der Widerstreit materialistischer und idealistischer Tendenzen in der Erkenntnis- theorie Kants zum deutlichen Ausdruck. In seiner Kant-Kritik begreift Hegel es als einen Fortschritt, daß er mit der Positivierung der kantischen Antinomien - der dia- lektischen Erweiterung der Theorie bloßer Verstandeserkenntnis - den von Kant restriktiv behandelten dialektischen Charakter des Logischen weiterentwickelt habe. Gleichzeitig anerkennt Hegel je- doch, daß Kant in der Aufstellung der Antinomien 'auf das dialek- tische Moment des Logischen hingewiesen' habe. (Enzyklopädie, Ffm. 1973, § 48, Zusatz. Vgl. auch 'Wissenschaft der Logik' (ed. Lasson), 2. Buch, S. 187 ff.) Er hat sich jedoch wegen der idea- listischen bzw. der identitätsphilosophischen Voraussetzungen seiner Konzeption von Dialektik auf eine die Aufstellung der An- tinomien bei Kant bestimmende Problematik nicht eingelassen. Diese war für Hegel auch nicht Anlaß, jene Voraussetzungen in Frage zu stellen. Im Gegensatz zur Behandlung der antinomischen Struktur des Widerspruchs bei Marx werden in Hegels Kant-Kritik idealistische Voraussetzungen geltend gemacht, deren Ausbildung vernachlässigt, was Kant hinderte, zu einer positiven Lösung der Antinomien zu gelangen. In nahezu ausschließlicher Beachtung der philosophisch relevanten, die dem spekulativen Denken Vorschub leistenden Bestandteile der kantischen Konzeption, werden die wissenschaftsrelevanten Bestandteile dieser Konzeption, die in der marxistischen Theorie eine wesentliche Rolle spielen, ver- nachlässigt. Daher bedeutet Hegels Kant-Kritik durchaus nicht in allen Punkten eine Weiterentwicklung von dessen Problemstellung noch ihre ak- zeptierbare Lösung. Die Gründe, die Kant anführt, um einen wis- senschaftstranszendenten Gebrauch von Kategorien zu vermeiden (hier wird gewissermaßen eine Kritik der Hegelschen Spekulation vorweggenommen), werden in ihrer Rationalität von Hegel nicht an- erkannt. Sie fallen vielmehr unter das Verdikt der Abstraktion, die zur Erkenntnis dessen, was im Erkenntnisprozeß als solchem vor geht, nicht gelange. (Vgl. Enzyklopädie, a.a.O., § 52, Zu- satz.) Diese Gründe hat Kant dort formuliert, wo er einen 'positiven' Gebrauch von Ideen der Vernunft behandelt: sie in ih- rer regulativen Funktion. Die idealistische Kritik an Kant kriti- siert also einen Dogmatismus der Abstraktion der Verstandestheo- rie und ist nicht imstande, den Realismus der Konzeption des re- gulativen Gebrauchs der Ideen der Vernunft zu bemerken. (Ebenda, a.a.O., § 60.) In seiner spekulativen Theorie des absoluten Selbstbewußtseins, der Theorie einer Substantivierung und Subjektivierung der abso- luten Idee hat Hegel durchaus - entgegen den Vorbehalten Kants - dieses heuristische Prinzip in ein konstrtutives Prinzip der rei- nen Denkbewegung verwandelt. Insofern ist die dialektische Kon- kretisierung der Theorie der abstrakten Verstandeserkenntnis durch Hegel, nach der es darauf ankommt: 'die empirische Welt (zu denken) ... ihre empirische Form um (zu) ändern und sie in ein Allgemeines (zu) verwandeln' (Enzyklopädie, a.a.O., § 50), eine Umkehrung der von Kant getroffenen Unterscheidung des konstituti- ven und des regulativen Gebrauchs der Vernunft. War für Hegel ein 'bloß verständiges Denken auf die Form des abstrakt Allgemeinen beschränkt' und vermochte Kant deshalb nicht 'zur Besonderung dieses Allgemeinen' fortzuschreiten (Enzyklopädie, a.a.O., § 37, Zusatz), so geht es demgegenüber Hegel darum, der dialektischen Entwicklung des absoluten Selbstbewußtseins eine Konzeption der Konkretisierung gerade auch der in der Erkenntnistheorie Kants fixierten Abstrakta zu integrieren. Damit wäre eine nur 'äußerliche Ordnung', die durch die Kategorien hergestellt wird, in eine die objektiven Widersprüche von Denkbestimmungen begrei- fende Bewegung aufgenommen, der abstrakte Dualismus von Erkennt- nis und Denken, Kategorien und Denkbewegungen aufgehoben. (Ebenda, § 52, Zusatz.) Andererseits ist Kant indirekt Kritiker des dogmatischen Idealis- mus. Für Hegel dagegen begründet diese Rücksicht Kants den Vor- wurf der Äußerlichkeit abstrakter, in Urteilsformen ausgedrückter Gegenstandsbeziehungen. Wie er in seiner Kritik der 'sinnlichen Gewißheit' zeigt, in der sich eine nicht abstrakte Theorie allge- meingültiger Aussagen bewahrheiten soll, d. h. konkrete Allge- meinheit darstellen soll, muß Hegel, um diese Allgemeinheit aus- sagen zu können, von allen bewußtseinstranszendenten, vom Denken nicht herzustellenden Bestimmungen des sinnlichen Gegenstandes (der Wahrnehmung) abstrahieren. In idealisierender Transzendenz der Gegenstände der sinnlichen Gewißheit versucht Hegel, die be- wußtseinstranszendente materielle Qualität des Gegenstandes in Denkakten gewissermaßen einzufangen. In der Konsequenz dieses Vorgangs werden dann die sinnlich materiellen Gegenstandsbestim- mungen zum Verschwinden gebracht bzw. als 'Sein' in einen ontolo- gischen Gegenstand verwandelt, der nur als solcher für Hegel als Repräsentant eines begriffenen Allgemeinen gelten kann. Es stellt sich abschließend die Frage, ob Marx, indem er die spe- kulative Bedeutung einer die Realstruktur der bürgerlichen Ge- sellschaft abbildenden antinomischen Verfassung von Erkenntnis- vorgängen kritisiert, sich gewisse Prinzipien der kantischen Ver- nunftkritik zu eigen gemacht habe, 'in welcher Hinsicht man in der Marxschen Kritik der Hegelschen spekulativen Philosophie die Fortsetzung von Kants Vernunftkritik erkennen könne' (J. Zeleny: Die Wissenschaftslogik bei Marx und das 'Kapital', Ffm 1962, S. 300). Eine solche Übereinstimmung ist möglicherweise dort zu se- hen, wo Marx die Bedeutung der erkenntnistheoretischen Grenzzie- hung bei Kant in seiner Erkenntnismethode als historisch bedingte identifiziert, insofern diese Grenzziehung sich als eine Manife- station der in die Erkenntnistätigkeit hineinwirkenden gesell- schaftlich realisierten Widersprüche der bürgerlichen Gesell- schafterklären läßt. Hegels Überschreitung der von Kant festgesetzten Erkenntnisgren- zen führt zwar zur Entwicklung des von Engels hervorgehobenen 'historischen Sinnes' der Hegelschen Dialektik, die jedoch nur zur Ausbildung eines letztlich metaphysisch-theologischen Be- griffs von historischer Gesetzmäßigkeit führt. In der Kritik daran erneuert Marx Gründe gegen den idealistischen Vernunftge- brauch also nur soweit, als diese - wie zu zeigen war - in wis- senschaftlicher Korrespondenz zur Ausbildung der materialisti- schen Methode historischer Erkenntnis stehen. zurück