Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
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Fragen der Dialektik
Günter Kröber
NEGATION DER WISSENSCHAFTSENTWICKLUNG
Hegel verbindet den Begriff der Negation mit dem der Qualität.
Erst die Qualität als die "seiende Bestimmtheit" (G.W.F. Hegel:
Wissenschaft der Logik. Erster Teil. Leipzig 1951, S. 95; auch:
Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 90), als Be-
stimmtheit des Daseins enthält in sich die Negation ihrer selbst.
Das reine abstrakte Sein hingegen ist keiner Negation fähig; es
ist das "unbestimmte Unmittelbare" (G.W.F. Hegel: Wissenschaft
der Logik. Erster Teil, S. 66), das "qualitätslose Sein"
(Ebenda), das "ohne alle weitere Bestimmung" (Ebenda) ist, "die
reine Unbestimmtheit und Leere" (Ebenda) und somit "in der Tat
Nichts" (Ebenda). Es ist zwar "das absolut Negative" (G.W.F. He-
gel: Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften, § 87), das
jedoch ohne jede konkrete Bestimmung ist. Erst die Qualität des
durch die Vermittlung von Sein und Nichts gewordenen Daseins hat
konkrete Bestimmtheit an sich und bestimmt sich damit als Etwas
gegen ein Anderes als seine Negation. Die Negation, wie Hegel sie
versteht, ist also nicht das abstrakte Nichts (Vgl.: Ebenda, §
91), sondern selbst ein qualitativ-bestimmtes Dasein und Etwas,
dessen Bestimmtheit durch die Bestimmtheit jenes Daseins, dessen
Negation sie ist, determiniert ist.
Und weiter: "E t w a s ist durch seine Qualität erstlich
e n d l i c h und zweitens v e r ä n d e r l i c h, so daß die
Endlichkeit und Veränderlichkeit seinem Sein angehört." (Ebenda,
§ 92) Für die durch die Qualität gesetzte Negation ihrer selbst
bedeutet das, daß diese, erstens, die abstrakte Negation der end-
lichen Qualität und somit die negativ bestimmte (oder auch
"schlechte") Unendlichkeit, und, zweitens, die konkrete Negation
des Etwas durch ein bestimmtes Anderes, das als Qualität selbst
wieder endlich ist, sein kann. Dieses Andere aber kann als
N e g a t i o n des Etwas nichts anderes als der konkrete Gegen-
satz dessen sein, d.h. die Negation der Qualität des Etwas ist
durch diese Qualität selbst bestimmt, sie hebt die Qualität in
dem bekannten doppelten Sinne auf: macht ihr ein Ende und erhält
sie zugleich. "So ist das Aufgehobene ein zugleich Aufbewahrtes",
"es ist das Nichtseiende, aber als Resultat, das von einem Sein
ausgegangen ist. Es hat daher die Bestimmtheit, aus der es her-
kommt, noch an sich" (G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik. Er-
ster Teil, S. 94); mit anderen Worten: die Negation als der kon-
krete Gegensatz ist nicht die bloße, abstrakte Negation, sondern
ist zugleich eine Position und somit Negation der Negation, die
Vermittlung des Etwas mit sich selbst. Hegel besteht deshalb dar-
auf, daß "die Negation als e r s t e, als Negation ü b e r-
h a u p t wohl zu unterscheiden (ist) von der zweiten, der
Negation der Negation, welche die konkrete, a b s o l u t e
Negativität, wie jene erste dagegen nur die a b s t r a k t e
Negativität ist" (Ebenda, S. 103).
Eine Interpretation dieser bekannten Hegelschen Wendungen aus der
Sicht der marxistisch-leninistischen Philosophie hat nun m.E.
folgendes zu berücksichtigen.
1. Die Hegelsche Dialektik von Position, Negation und Negation
der Negation versteht sich als eine l o g i s c h e, z e i t-
l o s e Dialektik und nicht als eine Dialektik r e a l e r
Entwicklungsprozesse i n d e r Z e i t. Das Hegelsche Etwas
w i r d nicht zum Anderen als seiner Negation, sondern der
B e g r i f f des Etwas e n t h ä l t a l s s e i n e
B e s t i m m u n g die Entgegensetzung zum Anderen; die
bestimmte Qualität wird nicht in einem zeitlichen Prozeß negiert,
sondern i s t als seiende Bestimmtheit z u g l e i c h die
Negation des Anderen: omnis determinatio est negatio. In gleicher
Weise wird die konkrete Negation nicht in einem realen zeitlichen
Prozeß wiederum negiert, sondern i s t bereits die Negation der
Negation, da sie die Bestimmtheit der Qualität, aus der sie
herkommt, noch an sich hat, somit Position und damit Negation der
Negation ist.
Die Hegelsche Methode der Negation der Negation ist deshalb eine
Methode der l o g i s c h e n Entwicklung der B e g r i f-
f e, nicht aber eine Methode der gedanklichen Erfassung und
Widerspiegelung der realen Entwicklung materieller oder ideeller
Objekte . Um die Negation der Negation selbst als objektiven
Prozeß bzw. als ein Entwicklungsgesetz realer Objekte aus
dialektisch-materialistischer Sicht darstellen zu können, muß das
logische Schema Hegels in einen realen Prozeß aufgelöst werden,
d.h. es muß der Zeitfaktor eingeführt und das, was bei Hegel lo-
gische Stadien der begrifflichen Analyse sind, in eine zeitliche
Aufeinanderfolge realer Stadien eines objektiven Entwicklungspro-
zesses auseinandergefächert werden. Dann aber ergibt sich bei
sonstiger Anlehnung an Hegel folgendes.
2. Ein materielles oder ideelles Objekt, das der Entwicklung fä-
hig ist, ist zunächst ein Ganzes vieler Qualitäten. Rein theore-
tisch gesehen kann jede dieser Qualitäten im Laufe der Entwick-
lung des Objekts dialektisch negiert werden. Das Objekt verfügt
in diesem Sinne über ein gewisses N e g a t i o n s p o t e n-
t i a l oder auch: eine gewisse N e g a t i o n s m ä c h-
t i g k e i t. Die Parameter, durch welche die einzelnen zu
negierenden Qualitäten charakterisiert werden können, seien
N e g a t i o n s p a r a m e t e r genannt. Unter Benutzung
dieses Terminus kann der Entwicklungsprozeß des Objekts als ein
Prozeß gleichzeitiger oder aufeinander folgender dialektischer
Negationen verstanden werden, von denen jede durch einen anderen
Negationsparameter charakterisiert wird. Das Objekt kann, mit
anderen Worten, im Laufe seiner Entwicklung nach ganz verschie-
denen Negationsparametern negiert werden, und jede dieser einmal
erfolgten Negationen kann wiederum negiert werden. Kommt es nun
zur Negation einer bereits negierten Qualität, also zur Negation
der Negation, so wird die ursprüngliche Qualität des Objekts,
oder besser: die dem ursprünglichen Wert des betreffenden
Parameters entsprechende Qualität des Objekts wiederhergestellt.
In bezug auf den Wert d i e s e s Parameters ist das Objekt im
Stadium der Negation der Negation mit seinem ursprünglichen
Zustand identisch; es unterscheidet sich jedoch vom
ursprünglichen Zustand dadurch, daß es inzwischen auch noch nach
einer ganzen Reihe anderer Parameter negiert worden ist. Das
Stadium der Negation der Negation schließt somit einen bestimmten
E n t w i c k l u n g s z y k l u s ab, der durch einen bestimm-
ten Negationsparameter charakterisiert wird. - Der Unterschied
zwischen dem Zustand des Objekts im Stadium der Negation der Ne-
gation und seinem ursprünglichen Zustand läßt sich durch den Be-
griff des E n t w i c k l u n g s a b s t a n d e s kennzeich-
nen. Der Entwicklungsabstand zwischen dem ursprünglichen Zustand
und dem im Stadium der Negation der Negation wird durch die Ge-
samtheit dialektischer Negationen nach anderen Negationsparame-
tern bestimmt. Der Gesamtentwicklungsprozeß des Objekts stellt
sich so als eine Menge ineinandergreifender, relativ abgeschlos-
sener Entwicklungszyklen dar, von denen jeder durch einen anderen
Negationsparameter charakterisiert wird. Ist ein Entwicklungszy-
klus abgeschlossen, d.h. ist der mögliche Wertebereich des be-
treffenden Negationsparameters ausgeschöpft, so kann die weitere
Entwicklung des Objekts nur noch nach anderen Negationsparametern
verlaufen.
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