Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
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REDAKTIONELLE NOTIZ
Kultur, nicht verstanden als ein aparter Bereich gehobener men-
schlicher Äußerungsformen, abgelöst von der Produktion und Repro-
duktion des gesellschaftlichen Lebens, sondern als Methode, wie
zu leben sei, mitsamt ihren institutionellen Rahmenbedingungen
und mannigfaltigen Objektivationsformen: die so verstandene Kul-
tur in ihrem Interesse zu bestimmen und zu entwickeln, hat die
arbeitende Bevölkerung Grund und Anspruch. Streitig gemacht wird
ihr das von zwei Seiten: Den Bürgern, denen sowieso schon unter
den Händen zerfällt, was sie sich zu allem übrigen noch ange-
eignet haben, was sie aber um keinen Preis freiwillig herauszuge-
ben gewillt sind, wird immer wieder aufs neue von "links" die Ar-
beit abgenommen. Diese "Linken", die in und an der bürgerlichen
Kultur groß geworden sind, entfachen dann "Kulturkämpfe", in de-
ren Verlauf unterschiedslos ausgerottet werden soll, was den Na-
men der Kultur beansprucht. Die Vorstellung, Kultur sei von vorn-
herein und vollständig mit den bürgerlichen Gesellschaftsverhält-
nissen verbunden, muß in ihren rechten wie linken Verkleidungen
bekämpft werden. Immer deutlicher wird in den politischen Ausein-
andersetzungen in der BRD und in Westberlin: die Arbeiterklasse
und ihre Verbündeten haben hier noch Forderungen einzuklagen.
"Indem nämlich der Arbeiter nicht Herr seiner Arbeitsbedingungen
ist, kann er auch nicht über die Produkte seiner Arbeit verfügen.
Die von ihm erbrachte Kulturleistung wird nicht als solche er-
fahrbar. Sie sublimiert in jener "höheren Kultur", die dem Arbei-
ter als ihm völlig fremde und unzugängliche Sphäre des gesell-
schaftlichen Lebens gegenüber tritt. Darum ist es falsch, Kultur
als Vorrecht einer kleinen Minderheit zu bezeichnen. Das
"Vorrecht" dieser kleinen Minderheit ist vielmehr der Genuß der
kulturellen Leistung des Großteils der Bevölkerung." (Wulf D.
Hund, Dieter Kramer)
Die Begriffe zu schärfen, Erfahrungen zu vermitteln, kulturpoli-
tische Bewegung in Westberlin und in der BRD zu befördern: dazu
will die SoPo 29 beitragen. Wie sehr bei allem Fortschritt in der
kulturtheoretischen Diskussion Fragen und Probleme noch offen
bleiben, zeigt beispielsweise der Aufsatz von Hund und Kramer,
der den Stand materialistischer Forschung zum Kulturbegriff zu
markieren und politische Schlußfolgerungen, vor allem für die
kommunale Kulturpolitik, zu ziehen versucht. (Der Artikel muß aus
technischen Gründen gekürzt erscheinen.) So wird etwa die Bestim-
mung des Verhältnisses von "objektiver Kultur" und kapitalisti-
schen Produktionsverhältnissen ebenso weiterer Diskussion bedür-
fen, wie die von den beiden Autoren vorgeschlagene Unterscheidung
zwischen demokratischer und proletarischer Kulturpolitik. Hierzu
leisten u.E. die folgenden Aufsätze von André Gisselbrecht und
Lucien Sève einen wichtigen Beitrag. Daß wir die kulturpoliti-
schen Reflexionen zweier französischer Kommunisten zu einem
Schwerpunkt des Heftes zusammenziehen, hat einen guten Grund: Von
den Erfahrungen in einem kapitalistischen Nachbarland mit so rei-
chen Kampftraditionen und starken Organisationen der Arbeiter-
klasse, in der sich das Kräfteverhältnis in einer Weise gewandelt
hat, daß die demokratische Umwälzung im Rahmen der Aktionseinheit
von Sozialisten und Kommunisten auf der Tagesordnung steht - von
solchen Erfahrungen kann gelernt werden, ohne freilich mechani-
schen Anwendungsverfahren sich überlassen zu dürfen. Untersucht
Gisselbrecht die französische Kulturpolitik seit der Herrschaft
des Gaullismus nach den zwei Seiten der Regierung und der demo-
kratischen Opposition, vor allem hinsichtlich der kulturpoliti-
schen Bedeutung des Programme Commun, so setzt sich Sève mit
linksradikalen Argumentationsmustern zur Schulpolitik auseinan-
der. Scheinrevolutionäre Forderungen, wie sie am Exempel der
"Entschulung" der Kultur bei Gisselbrecht schon am Rande berührt
werden, nimmt Sève noch einmal auf und entwickelt ihnen gegenüber
grundlegende Prinzipien demokratischer Bildungspolitik. Den Ver-
such, solche Prinzipien in "Alternativen beruflicher Bildung in
der BRD" konkret umzusetzen, unternehmen Peter Faulstich und Mi-
chael Wende. Daß sie von der Frage ausgehen, welches Bild von der
Persönlichkeit des arbeitenden Menschen die bildungs- und schul-
politischen Konzeptionen implizieren, verklammert ihren vornehm-
lich an den ökonomischen, institutionellen und ideologischen Pro-
blemen der beruflichen Bildung orientierten Beitrag mit dem kul-
turpolitischen Rahmen dieses Heftes.
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