Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974


       zurück

       Werner Rügemer
       

MARXISTISCHE PÄDAGOGIK IN DER OFFENSIVE *)

In der Unterdrückung des Marxismus, in der Geistlosigkeit des "Geisteslebens", in der materiellen und ideologischen Rückstän- digkeit von Erziehung und Wissenschaft sucht die Bundesrepublik Deutschland ihresgleichen; will man sie nicht in die Nähe faschi- stischer Länder rücken, so bleibt unter den vergleichbaren Län- dern außer den USA, der Führung des Weltimperialismus, nicht viel übrig. Der erneute Aufschwung demokratischer und revolutionärer Kräfte innerhalb und außerhalb der BRD haben in den letzten Jahren In- teresse und Möglichkeiten für Marxismus und Sozialismus erwei- tert. Wenn seit dem KPD-Verbot bis vor kurzem kein marxistisches pädagogisches Werk regulär herausgebracht werden konnte, so ist es nicht erstaunlich, daß der linke Markt pädagogischer Veröf- fentlichungen zuerst antiautoritär und maoistisch geprägt war, auch wenn vielfach mit dem Anspruch des Marxismus operiert wurde. Dies entsprach dem Charakter der antiautoritären Bewegung, die, in unmittelbarer Nähe zum Bildungssystem entstanden, auch den schnellsten Zugriff zur Theorienbildung in der Pädagogik hatte - teilweise nicht ungern von der herrschenden Klasse in schneller taktischer Wendung toleriert und gefördert, um eine Waffe gegen den ebenfalls erstarkenden Marxismus in die Hand zu bekommen. Die Antiautoritären und die Reformgläubigen sind nun "frustriert" oder "desillusioniert", die Emanzipationswelle ist vorbeige- schwappt, die Maoisten stehen in der Ecke, die Reaktionäre for- mieren sich. Diese Konstellation ist sicher nicht endgültig, aber ein wesentlicher Faktor kommt nun immer stärker hinzu: der Mar- xismus. Viele Menschen gebrauchen zunehmend ihren gesunden Men- schenverstand und fragen: warum haben die so viel "reicheren" ka- pitalistischen Länder so sehr viel ärmlichere Bildungssysteme als die sozialistischen Länder? Geben Weltanschauung und Bildungs- ideale bei uns eigentlich befriedigende Antworten auf die wichti- gen Menschheitsprobleme? Das abenteuerliche, breit ausgewalzte, linksdrapierte Bildungsgeschwätz mancher Verlage und Zeitschrif- ten in den letzten Jahren kann hier keine Orientierung bringen, sondern zerstört den demokratischen Reformwillen von Lehrern, El- tern und arbeitender Bevölkerung insgesamt. In dieser Situation ist es erfreulich, daß sich ein Verlag nicht nur, wie einige andere, mit der kommentarlosen Herausgabe von Werken der DDR- oder UdSSR-Pädagogik befaßt, sondern in einer Reihe ein engagiertes Programm marxistischer und fortschrittli- cher Pädagogik vertritt: dies hat Bedeutung für die ideologische und politische Auseinandersetzung in der BRD Zu 1. Hofmann, Allgemeinbildung ------------------------------- Allgemeinbildung ist in der BRD seit einiger Zeit kein Thema mehr. Mit dem schon verspäteten Versuch der herrschenden Pädago- gik, seit dem Anfang der 60er Jahre die Schule an die verstärkt spürbar werdenden Anforderungen der wissenschaftlich-technischen Revolution unter den Bedingungen des SMK anzupassen, wurde sowohl der Begriff der Bildung als auch der Allgemeinbildung in der Sub- stanz aufgegeben. Die in die Pädagogik eindringende Existenzphi- losophie und die theologisierenden Richtungen trugen ein übriges dazu bei, um Bildung wie Allgemeinbildung "fragwürdig" zu machen. Von anderer Seite wurde damit argumentiert, das "Anschwellen der Stoffmassen" mache eine umfassende Bildung unmöglich, "Menschen- bildung" sei in der "modernen Massengesellschaft" nicht mehr möglich, und der "Mut zur Lücke" sei die einzige Rettung. Wurde das Fossil reaktionärer CDU-Bildungspolitik, die "volkstümliche Bildung", als ein veraltetes Verdummungsinstrument über Bord geworfen, so wird sie in den modernsten Varianten der Curri- culumtheorie durch einen Katalog von "Qualifikationen" ersetzt, die im einzelnen sich nicht schlecht anhören mögen, aber - ohne den Zusammenhang eines schlüssigen Bildungsbegriffs konzipiert werden. Daran zeigt sich, daß die herrschende Klasse und die von ihr be- herrschte Pädagogik unfähig sind, eine fundierte Antwort auf die gegenwärtigen Menschheitsprobleme und für deren perspektivische Lösung zu geben. Man will und kann sich nicht auf eine schlüssige und definitive Analyse der gegenwärtigen Epoche einlassen. Die schnell wechselnden Konzepte der angeblichen Konsum-, Massen-, Industrie-, Leistungs-, technotronischen usw. Gesellschaft erwei- sen auch in Zusammenhang mit der Definition von Bildungszielen ihre Oberflächlichkeit und ihren eher verschleiernden als analy- tischen Charakter. Die Studie Hofmanns ist in ausgezeichneter Weise geeignet, den ideologischen Eiertanz der proimperialistischen Pädagogik über den Abgründen des Pessimismus und der Ausweglosigkeit des kapita- listischen Systems aufzudecken und die Kontinuität wie Perspek- tive der humanistischen Erziehung heute zu klären. Schon die Ver- knüpfung von historischem und systematischem Gesichtspunkt in der Studie von Hofmann stellt einen zentralen Angriff auf die gegen- wärtige bürgerliche Pädagogik dar, die mit der eignen Tradition nichts anderes anfangen kann als ideologisch manipulierte und isolierte Versatzstücke herauszugreifen und ohne Darstellung der Kontinuität als Beleg für irgendeine eigene Position zu mißbrau- chen: Rousseaus Kulturpessimismus, Comenius' mystische Ansätze, Pestalozzis 'Individuallage' usw. werden, um einige der von Hof- mann analysierten Beispiele anzuführen, als Rechtfertigung moder- ner irrationaler Konzepte verabsolutiert und überstrapaziert. Demgegenüber zeigt das marxistisch-leninistische Herangehen an das Problem der Allgemeinbildung, daß sowohl eine historische als auch kategoriale Kontinuität besteht, die zum Sozialismus führt und nur in ihm aus ihren Ansätzen heraus voll entfaltet werden kann. Während der Imperialismus sein kulturelles Erbe zunehmend verstümmelt, mißbraucht oder völlig über Bord wirft, arbeiten sich Marxismus und Sozialismus das progressive bürgerliche Erbe immer umfassender und gleichzeitig differenzierter an, auch in der Pädagogik. Während sich der Imperialismus von seiner und der Geschichte überhaupt trennt, bekommt sie der Sozialismus - im doppelten Sinn des Wortes - immer fester in den Griff. Hofmann verfolgt die Entwicklung der Allgemeinbildung von den Vorstufen in der Antike über die wissenschaftlichen Konzeptionen einer bürgerlichen Allgemeinbildung im 17. Jhd. (Ratke und Ko- mensky), über den Pietismus und andere Konzeptionen im 'Jahrhun- dert der Erziehung' und im 19. Jhd.: der 'wahre Adel der Bildung' des Neuhumanismus, die 'Idee der Elementarbildung' bei Pesta- lozzi, Diesterwegs und der Nationalerzieher Kampf um die bürger- liche Volksschule. Am Ende dieser fortschrittlichen, antifeudalen Phase des Bürgertums faßt Hofmann den kategorialen Ertrag zusam- men: Allgemeinbildung ist 1. Bildung für alle (Demokratie), 2. Bildung in allem (Wissenschaftlichkeit), 3. grundlegende Bildung, Konzentration aufs Wesentliche. 4. ein strukturiertes Ganzes, Einheitlichkeit des Wissens und Könnens. Hinter diese Kriterien zurückzufallen bedeutet, politisch, philo- sophisch und pädagogisch reaktionär zu werden. Hofmann untersucht die Auffassungen zur Allgemeinbildung im Umkreis der bürgerlichen Pädagogik in ihrer imperialistischen Phase: Herbartianismus, die Preußischen Regulative, Deweys und Kilpatricks Pragmatismus, die geisteswissenschaftlich orientierte Pädagogik von Dilthey über Spranger und Litt bis zu den ersten Arbeiten von Klafki, die der herrschenden Schulpolitik auch der BRD bis vor einigen Jahren die theoretische Begründung geliefert haben. Im Anschluß daran wird die Entwicklung der sozialistischen und proletarischen Auffassung der Allgemeinbildung vom utopischen Sozialismus über Marx, Engels bis zu Bebel, Zetkin und Hoernle und bis zum "Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem" der DDR von 1965 dar- gestellt. Die Veröffentlichung bei Pahl-Rugenstein stellt eine erweiterte Neufassung des 1966 in der DDR veröffentlichten Buches dar. Es ist ein gewisser Mangel, daß Hofmann die BRD-Literatur nur bis ca. 1965 verarbeitet, es fehlt die neuere Entwicklung der Curri- culumtheorie usw. Es hieße aber, auf einige der Illusionen dieser neueren Richtungen selbst hereinzufallen, wollte man annehmen, es hätte sich inzwischen substantiell sehr viel Neues ergeben. Viele erzieherisch Tätige und Interessierte haben zu Recht sich von den überholten und elitären Konzepten der Allgemeinbildung abgekehrt; es gilt, ihnen zu zeigen, daß, wie in den Bereichen Kunst und Wissenschaft und Philosophie, das Kind nicht mit dem Bade ausge- schüttet werden darf; die Kunstfeindlichkeit der antiautoritären Bewegung, das ästhetische und philosophische Abenteurertum der Maoisten sind solche falschen Reaktionen; es gilt, Bildung, wie Kunst und Wissenschaft und Philosophie in ihren humanistischen und für eine menschliche Gesellschaft n o t w e n d i g e n Funktionen, Inhalten und Formen zu rehabilitieren; es zeigt sich, daß nur der Marxismus dazu in der Lage ist. Zu 2. Neuner, Sozialistische Allgemeinbildung --------------------------------------------- Dieses vom Präsidenten der Akademie der Pädagogischen Wissen- schaften der DDR verfaßte Werk ist die theoretische Zusammenfas- sung der Lehrplansdiskussion in der DDR, die seit ca. 1963 mit der Vorbereitung des Gesetzes über das einheitliche sozialisti- sche Bildungssystem begann und 1972 mit der Vorlage von "Allgemeinbildung - Lehrplanwerk - Unterricht, Eine Interpreta- tion des Lehrplanwerks der sozialistischen Schule der DDR unter dem Gesichtspunkt der Gestaltung eines wissenschaftlichen und parteilichen Unterrichts" ihren vorläufigen Abschluß fand. Gegenüber der bürgerlichen Curriculumtheorie fällt auf, daß die wissenschaftlich-methodische Grundlage des Marxismus es erlaubt, schlüssige und übersichtliche Beziehungen zwischen den Grundfra- gen der Persönlichkeitstheorie, der sozialistischen Bildungskon- zeption und Schulpolitik, dem Lehrplan und schließlich den päd- agogischen und didaktischen Problemen herzustellen. Neuner han- delt diese Themen nacheinander ab. So findet sich beispielsweise die Auffassung vom Menschen als aktiver Gestalter der Natur und seines eigenen Wesens auf allen genannten Ebenen wieder, so als Prinzip der Selbständigkeit in der Oidaktik, als Prinzip der en- gen Verknüpfung des Unterrichts mit den revolutionären Aktivitä- ten der Arbeiterklasse in der Schulpolitik, als Prinzip der akti- ven Aneignung kultureller Errungenschaften im pädagogischen Pro- zeß usw. Kontinuität und qualitative Höherentwicklung gegenüber der fort- schrittlich-bürgerlichen Pädagogik werden im Vergleich der vier Prinzipien sozialistischer Schulpolitik mit dem von Hofmann dar- gestellten kategorialen Ertrag deutlich: in der DDR heißt es heute: 1. Einheit von Schule und Leben, Verbindung mit der Pro- duktion, 2. Einheitliche und hohe Allgemeinbildung für alle Mit- glieder der Gesellschaft, 3. Einheit von wissenschaftlicher Bil- dung und ideologischer Erziehung, 4. Verbindung von Unterricht und außerunterrichtlichen Bereichen (Jugendorganisation, Familie usw.). Zur Erreichung des Ziels der "allseitig und harmonisch entwickelten sozialistischen Persönlichkeit" werden gegenwärtig die Fächergruppen folgendermaßen proportioniert: Mathematik/ Naturwissenschaften 29,8%; Einführung in die sozialistische Produktion und Produktionsarbeit der Schüler 10,6%; Gesell- schaftswissenschaften/Muttersprache/Literarisch-künstlerischer Unterricht 41,1%; Fremdsprachen 10,6%, Sport 7,9% (157). In der Kritik vor allem am Neopositivismus bürgerlicher Pädagogik arbeitet Neuner die Einheit von Wissenschaft und Ideologie im Marxismus heraus sowie die Zielstellung einer einheitlichen wis- senschaftlichen Weltsicht, die sowohl der Lehrplangestaltung zu- grunde liegt als auch von ihr in Erziehung und Bildung realisiert werden soll. Gegenüber gängigen Verdrehungen werden den einzelnen Unterrichtsstoffen keine "Ideologien aufgepfropft", sondern in bestimmten pädagogischen Situationen wird aus jedem behandelten Stoff die enthaltene Ideologie "herauskristallisiert" (232). So gibt es auch keine lineare Abfolge von Zielbestimmung und Zielab- leitung, sondern dialektische Ziel - Inhalt - Methode - Relatio- nen, die zur Ermittlung von Unterrichtsstoffen führen. Manchen "westlichen" Pädagogen mag die Eleganz und Souveränität überraschen, mit der die sozialistische Pädagogik die modernsten Instrumente wie Kybernetik und Systemanalyse des pädagogischen Prozesses handhabt, wird doch in der bürgerlichen Pädagogik aus jeder solcher Einzeldisziplin ein sensationeller Modernismus, ein ganz neues Lösungsversprechen oder eine "eigenständige" "wissen- schaftliche" Richtung gemacht. Die Reife der marxistischen Pädagogik der DDR erweist sich auch in der Erarbeitung der Unter- richtsstoffe und ihrer An- und Zuordnung: sie werden im dialekti- schen Gefüge von ideologisch-politischer Zielsetzung, Gesetz- mäßigkeiten der Persönlichkeitsentwicklung (Altersstufen, System von Wissen-Fähigkeiten-Überzeugungen usw.) und Entwicklung der Wissenschaften und Kulturbereiche einschließlich ihrer prognosti- zierten zukünftigen Entwicklung ermittelt. Jede "westliche" Systemtheorie kann sich daneben als harmlos und oberflächliche Spielerei begraben lassen. Ein wesentlicher Fortschritt gegenüber den früheren Lehrplänen wurde in der Zuführung der Unterrichtsziele der einzelnen Fächer auf fachübergreifende Erkenntnislinien erreicht, was nicht nur eine Koordination entsprechender Fächer bedeutet, sondern u.a. ein Hinarbeiten auf gleiche fundamentale Erkenntnisse (Gesetz- mäßigkeiten in der Entwicklung des Lebens, die materielle Einheit der Welt usw.). Die Einheit von Wissenschaft und Ideologie, von Erziehung und Po- litik - durch Neopositivismus wie Existentialismus und geistes- wissenschaftliche Pädagogik gleichermaßen geleugnet - wird in der marxistischen Pädagogik klar gesehen. Nur auf dieser Grundlage kann auch der komplexe Planungsprozeß in Bildung und Erziehung wissenschaftlich fundiert und realisiert werden, während die bür- gerliche Pädagogik entweder von der herrschenden Klasse für ihre partikularen Interessen in Dienst genommen wird oder, wenn sie fortschrittlich auftritt ohne Unterstützung der Arbeiterklasse, ständig scheitert; die "frustrierten" Lehrplankonstrukteure ur- sprünglicher Richtlinien in Hessen oder NRW sind dafür eine aktu- elle Bestätigung. Demgegenüber ist die "Gemeinschaftsarbeit am neuen Lehrplanwerk" der DDR ein breiter, jahrelanger, politisch und ökonomisch abgesicherter Prozeß, der von Erfolg gekrönt ist. Gerade die Planung pädagogischer Prozesse muß sich auf langfri- stige Zeiträume einstellen: was jetzt konzipiert wird, lernen die Schüler in den nächsten 10 Jahren und legt die Grundlagen für das Weltverständnis dieser Generation für mehrere Jahrzehnte. Die Un- möglichkeit vernünftiger und langfristiger Bildungsplanung wird in der BRD durch den gegenwärtigen Unternehmerboykott von Ausbil- dungsstellen für Lehrlinge eindrücklich klargemacht. Nur wo die Mehrheit die Macht ausübt, kann sie auch ihre eigene Bildung und Erziehung planen: ein Argument mehr für den Sozialismus. Zu 3. Heinemann, Polytechnischer Unterricht ------------------------------------------- Diese Studie zum Polytechnischen Unterricht wird, neben der wei- ter unten besprochenen Arbeit über die Lerntheorie, auf das aktu- elle und breitere Interesse in der pädagogischen Diskussion der BRD und Westberlins stoßen, da in diesen Bereichen unmittelbare Unfähigkeiten des kapitalistischen Bildungssystems und der Theo- rie gegenwärtig von vielen Betroffenen empfunden werden. Obwohl die Polytechnik nur ca. 10% der Unterrichtszeit in der Allgemein- bildenden Polytechnischen Oberschule der DDR einnimmt (s.o. bei Neuner), zeigt sich hier am greifbarsten der Unterschied zur bür- gerlichen Schule und zugleich deren schärfste Kritik. Mit dem Prinzip des Polytechnischen wird die ganze Theorie von der Auto- nomie der Erziehung, vom unpolitischen Charakter der Pädagogik über den Haufen geworfen. Neben den Elaboraten der "Ostpädagogik" und der Harzburger Akade- mie, die bei aller detaillierten Dokumentation über den Polytech- nischen Unterricht eine scharfe Trennung zwischen Ideologie und Erziehung/Bildung/Polytechnik ziehen, und nach den verteufelnden Darstellungen aus den 60er Jahren liegt mit dem Buch von Heine- mann eine aktuelle, objektive und faktenreiche Untersuchung über die Polytechnische Bildung und Erziehung vor. Heinemann faßt die Aufgaben des Polytechnischen Unterrichts wie folgt zusammen: "- er muß die Verwirklichung des polytechnischen Prinzips, der Verbindung von Schule und Leben, von Unterricht und produktiver Arbeit, von Lernen mit gesellschaftlicher Praxis für die soziali- stische Allgemeinbildung gewährleisten; - er muß die in der gesellschaftlichen Produktion und ihrer Tech- nik verwirklichte Einheit von Beherrschung der natürlichen und gesellschaftlichen Funktionsbedingungen und der gesellschaftli- chen Zwecke darstellen, muß die Einheit von Technik, Ökonomie und Politik und die Unterordnung der Technik unter die Politik deut- lich machen; - er muß die Einführung in das technische Grundwissen und die Be- fähigung zu technischer Tätigkeit verbinden mit der Befähigung, das Handeln auf die gesellschaftlichen Bedingungen auszurichten, d.h. er muß die Schüler befähigen, seiner technischen Tätigkeit eine bestimmte politische, gesellschaftliche und ökonomische Zwecksetzung zu geben und sie im Zusammenhang mit den gesell- schaftlichen Bedingungen des Handelns und seinen Einfluß darauf zu sehen und danach zu handeln." (105/6). Diese Bestimmungen werden abgeleitet von der sozialistischen Per- sönlichkeitsauffassung, die Heinemann mehr als Neuner im direkten Rückgriff auf Marx und Engels sehr übersichtlich entwickelt. Die "Arbeit als die jeweils historisch bestimmte Form der Aneignung der Natur u n d des gesellschaftlichen Wesens des Menschen" 14) ist dabei der Ausgangspunkt auch für pädagogische Überlegungen. Im Anschluß daran werden die schulpolitischen Forderungen von Marx und Engels dargestellt, dann die Entwicklung der Polytechni- schen Bildung und Erziehung in der DDR, insbesondere anhand der Parteitagsdokumente der SED von 1958 bis 1971; es schließt sich eine sehr faktenreiche und detaillierte Analyse der gegenwärtigen Lehrpläne der Klassen 7-10 sowie der methodischen und didakti- schen Prinzipien an. An dieser Aufzählung der behandelten Bereiche wird schon klar, daß die Theorie der Polytechnik nicht jene Trennung von Ideologie und Pädagogik mitmacht, derer sich die Arbeitslehre - Theoretiker befleißigen. Ihr Eingeständnis, der Polytechnische Unterricht sei doch ein wichtiges pädagogisches Experiment und könne in vieler Hinsicht vorbildlich auch für uns sein, wird nur dadurch vor den entsprechenden Konsequenzen gerettet, daß man alle Teile, die einem nicht passen, zur "Ideologie" erklärt. Eine wesentliche Rolle spielt hier die Auffassung der Technik. Auch bürgerliche Pädagogen haben eingesehen, daß man sie von der Schule nicht mehr fernhalten sollte, und es werden neue Schulfächer wie Technik, Technologie usw. eingerichtet. Man steht auch gar nicht mehr an zuzugestehen, daß die Technik einen "sozialen Aspekt" habe, den es zu berücksichtigen gelte. Aber hier fängt die massive Verdummung schon an: Wer von den "Gefahren der Technik" oder den "Grenzen des Wachstums" aufgrund "technischer" Beschränkungen spricht, führt die Linie jener imperialistischer Technik-Philoso- phen wie Spengler oder jener reaktionären Pädagogen wie Litt fort, die im aufgeblähten Technik-Monstrum der Neuzeit die ge- samte herrschende Klasse verschwinden ließen und die Menschheit im allgemeinen und die Schüler im besonderen mit einem "Schicksal" vertraut machen bzw. vor ihm warnen wollten, das in Wirklichkeit Ergebnis einer bestimmten Politik ist und nur als solches geändert werden kann. Das neuere Anhängsel vom "sozialen Aspekt" der Technik stellt keine grundsätzlich neue Position dar. Die marxistische Analyse und die Polytechnische Erziehung zeigen sehr deutlich gegenüber solchen irrealen Auffassungen die Unter- ordnung der Technik unter die Politik. Nur diese Einsicht kann Grundlage einer humanistischen Politik und Erziehung sein. Zu 4. Lunatscharski, Volksbildung --------------------------------- Lunatscharski war von der Oktoberrevolution bis 1929 der Volks- bildungskommissar der jungen Sowjetmacht; die im angezeigten Band gesammelten Reden und Aufsätze stammen alle aus dieser Zeit und geben einen anschaulichen wie theoretisch klaren Eindruck von den wesentlichen Problemen der Volksbildung beim Aufbau des Sozialis- mus. Es geht daher nicht nur um die Schule, sondern ebenso um die Vorschule, die Erwachsenenbildung, um die Aufgaben der Pionier- und der Jugendorganisationen wie um die spezifischen Probleme der Frauen, der Bauern usw. Bei der Skizzierung der pädagogischen An- sichten Lenins und Krupskajas faßt Lunatscharski wichtige Grund- sätze kommunistischer Bildung und Erziehung zusammen. Die nun über 50jährige Geschichte des sowjetischen Bildungswesens ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, daß der Marxismus die Welt nicht nur richtig erklären, sondern im Interesse der Mehrheit tatsächlich verändern kann. In gut fünfzig Jahren wurden aus Völkern mit bis über 80% Anal- phabeten, die der jungen SU vom Zarismus hinterlassen wurden, Völker, die die Möglichkeiten eines demokratischen, eines der mo- dernsten Bildungssysteme der Erde nutzen und weiterentwickeln. Man vergleiche: was hat sich in der Schule auf dem Boden der heu- tigen BRD beispielsweise im gleichen Zeitraum an wesentlichen Fortschritten getan? Von einigen Ausnahmen abgesehen, praktisch nichts. Die pädagogischen Grundsätze von vor 50 Jahren gelten auch heute noch und bestimmen die Wirklichkeit. Während die Sowjetschule ein für allemal das bürgerliche Bildungsprivileg gebrochen hat, wird in den Bildungssystemen der "entwickelten" kapitalistischen Län- der die Masse der Arbeiter- und Bauernkinder von der höheren all- gemeinen Bildung ferngehalten; während die Sowjetschule die Schü- ler zur Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution befähigt, herrschen in der Pädagogik der BRD technik- und wissen- schaftsfeindliche Auffassungen; während in der Sowjetschule für Jungen und Mädchen eine einheitliche moderne und wissenschaftli- che Bildung realisiert wird, machen sich in der BRD offen- sichtlich immer noch Professoren und Kultusministeriale Gedanken um eine besondere "Mädchenerziehung" und werden selbst in der relativ fortschrittlichen Schule Hessens die Mädchen zur "Nadel- arbeit" geschickt, während die Jungen zum Werkunterricht gehen. Die ungeheuren materiellen und ideologischen Probleme beim Aufbau des sozialistischen Bildungssystems werden anhand der Lektüre Lu- natscharskis anschaulich klar: die riesige Masse der kleinbürger- lichen und teilweise konterrevolutionär eingestellten Lehrer und Schulbürokraten, die unvorstellbare Armut des weiten, agrarisch bestimmten Landes, der Analphabetismus; Lunatscharski geht auf die Manipulationen von Provinzregierungen bei der Bezahlung der Lehrer ein, schildert die Anstrengungen der Bauern eines Dorfes beim Bau eines Schulhauses; 1925 konnten erst ca. 50% der schul- fähigen Kinder unterrichtet werden, die Klassen hatten großen- teils 100 Kinder und mehr; neue Schulbücher wurden von den so- wjetfeindlichen Kanzleibeamten nicht ausgeliefert usw. usf. Hinzu kamen Auseinandersetzungen mit bürgerlichen und ultralinken päd- agogischen Auffassungen. Hier hat die Sowjetpädagogik Erfahrungen gesammelt, die auch heute zur Klärung höchst aktueller Probleme und angeblich "neuester" Konzeptionen beitragen können: so ging es beispielsweise schon in den 20er Jahren um die ultralinke Auf- fassung von der gänzlichen Abschaffung der Schule und um den Pro- letkult, es ging um bürgerliche Theorien einer angeblich "freien " Erziehung. Sehr häufig kommt Lunatscharski auf die große Bedeutung der An- eignung kultureller Errungenschaften aus der jahrtausendelangen Geschichte der Menschheit für die Entwicklung der marxistischen Kultur- und Bildungsauffassung zu sprechen, insbesondere der fortschrittlichen bürgerlichen Kultur des 18. und 19. Jahrhun- derts. Er definiert die proletarische Kultur als die "gesetz- mäßige Weiterentwicklung der unter der Ausbeutung geschaffenen Kultur." (33). Hier erweist der Marxismus seine wahrhaft humani- stische Substanz und seine wegweisende Kraft gegenüber im- perialistischen wie maoistischen Auffassungen, die ein ausbeute- risches und abenteuerliches Verhältnis zur Geschichte haben. Einen großartigen Sieg für die marxistischen Prinzipien errangen Lunatscharski, Lenin und Krupskaja in der Auseinandersetzung zwi- schen den Vertretern der Einheitsarbeitsschule und dem Hauptkomi- tee für technische Berufsausbildung (94). Letzteres trat ange- sichts des enormen Facharbeitermangels und angesichts der unab- weisbaren Notwendigkeit ökonomischer Produktivitätssteigerung für das Überleben des jungen Staates dafür ein, in der Schule auf Allgemeinbildung zu verzichten und die technisch unmittelbar er- forderliche und die Berufsausbildung in den Vordergrund zu stel- len. Lunatscharski hält dagegen an der Priorität der Allgemein- bildung fest und kann sich durchsetzen. Wenn das Zentrum der Per- sönlichkeit die Bereiche der Ideologie und Weltanschauung sind, dann muß gerade in der Situation auch ökonomischer Schwierigkei- ten am Vorrang der ideologischen Erziehung festgehalten werden. Die Geschichte hat Lunatscharski recht gegeben. Zu 5. Kienitz, Einheitlichkeit und Differenzierung -------------------------------------------------- Die Einheitlichkeit der Bildung, also die am wissenschaftlichen und kulturellen Höchststand orientierte Bildung für alle Mitglie- der der Gesellschaft ist von bürgerlich-progressiven Pädagogen als demokratische Forderung formuliert und von Marx wissenschaft- lich fundiert, präzisiert und zur Forderung der Arbeiterbewegung weiterentwickelt worden: die Entwicklung der Produktivkräfte er- forderte und machte zugleich möglich den allseitig entwickelten Menschen. Die Oktoberrevolution leitete die nächste Phase ein: die der Realisierung. Die fortschreitende wissenschaftlich-tech- nische Revolution, die Handhabung immer größerer und komplizier- terer Maschinen, die zunehmende Beherrschung der Natur durch den Menschen machen die Demokratisierung der Bildung immer dringli- cher. Gleichzeitig tritt die Notwendigkeit der Differenzierung immer stärker hervor, um den immer vielfältigeren Einzelproblemen der arbeitsteiligen Produktion und des gesellschaftlichen Lebens zu entsprechen. Die Bildungssysteme im Kapitalismus wie im Sozia- lismus stehen vor diesen Fragen. Es ist die Absicht der umfangreichen Untersuchung des Autorenkol- lektivs um Kienitz, allen konvergenztheoretischen Spekulationen den Boden zu entziehen. In den Jahren theoretischer Begeisterung für die Gesamtschule in der BRD wurden von sozialliberalen Refor- mern wie Robinsohn und Evers und von der "Ostpädagogik" Theorien entwickelt, die Bildungssysteme von Kapitalismus und Sozialismus würden sich annähern, und zwar indem im "Westen" die Einheitlich- keit und im "Osten" die Differenzierung nun stärker hervortreten würden. Es war die Zeit, in der die Bad Harzburger Pädagogen da- von träumten, die "Gesamtschule westlicher Prägung" könne die Schule eines vereinigten Großeuropas vom Atlantik bis zum Ural sein (353). Mit umfangreichem Material wird demgegenüber belegt, wie sich in allen Stufen (Pflichtschuloberstufe, zweite Bildungsstufe, Spe- zial/Sonderschulen) und auf dem Gebiet der Didaktik die Bildungs- systeme in Kapitalismus und Sozialismus immer stärker auseinande- rentwickeln. Die Untersuchung erfaßt alle sozialistischen Länder Europas, von den kapitalistischen Ländern u.a. die USA, England, Frankreich, Schweden und die BRD zum Stand des Schuljahres 1968/69, im Vorwort werden die wichtigsten Veränderungen zum Stand 1973 nachgetragen. Es werden auch die Unterschiede zwischen den einzelnen sozialistischen und den einzelnen kapitalistischen Ländern detailliert behandelt, dennoch liegt die Betonung auf der Entwicklung allgemeiner Aussagen. Die Einheitlichkeit der Bildung für alle kann nur dann wirklich realisiert werden, wenn sie, ver- bunden mit einem wissenschaftlich-humanistischen Menschenbild und einer materialistischen Begabungs- und Lerntheorie, von weiteren Maßnahmen wie Weltlichkeit und Unentgeltlichkeit, Lehrmittelfrei- heit, konsequenter Koedukation, Schulspeisung, Stipendiensystem, Unterricht in der Muttersprache für die verschiedenen Nationali- täten, Aufhebung der Benachteiligung der Landbevölkerung usw. be- gleitet wird. Nur auf dieser Grundlage kann die Differenzierung zu einem zusätzlichen emanzipatorischen Mittel werden, "wird es auch möglich zu verhindern, daß Differenzierungsmaßnahmen zur Förderung den Charakter sozial determinierter Selektionen anneh- men und den übrigen Schülern den Weg zu einer höheren und zur höchsten Bildung abschneiden" (25). Die Differenzierung trägt in der Schule also zur Sicherung eines gemeinsamen und hohen Lern- fortschritts des Klassen- und Schulkollektivs bei sowie zur Erhö- hung der Selbständigkeit des Einzelnen. So die Definition von Einheitlichkeit, Differenzierung und ihres Verhältnisses in den sozialistischen Ländern. Neue Formen wie Seminare, Gruppenunter- richt, differenzierte Hausaufgaben, individuelle Schüleraufträge, zeitweilige Niveau- und Ausgleichsgruppen, ständig sich auswei- tender Wahlunterricht und Arbeitsgemeinschaften tragen als Diffe- renzierungsmittel zur Erreichung des allgemeinen Ziels bei. Für die kapitalistischen Bildungssysteme wird umfangreich belegt, daß der alte Dualismus von niedriger, praktischer Volksbildung und höherer, theoretischer Elitebildung trotz moderner Modifika- tionen und Übergänge noch nirgends prinzipiell aufgehoben ist; auch die stärkere Entwicklung mittlerer Qualifikationen (Realschulen, Fachschulen) schaffen keine Einheitlichkeit, son- dern weiten ein mittleres Niveau zur Entwicklung einer umfangrei- chen Arbeiteraristokratie nur weiter aus. Die Differenzierung auf dieser Grundlage schreibt individuelle und soziale Unterschiede noch stärker fest als früher, dient also zur Stabilisierung von Ungleichheiten und nicht der Emanzipation. Diese scharfe Gegenüberstellung und die Erkenntnis der Abhängig- keit des Bildungssystems vom politischen System darf nicht zum ökonomistischen und mechanistischen Denken verführen. Der Unter- schied zwischen der BRD, in der die alte 3-Klassen-Schule am zä- hesten lebt, in der die Selektion am frühesten ansetzt (nach dem 4. Schuljahr) und die unsozialisten Auswirkungen hat, gegenüber anderen kapitalistischen Ländern, in denen die Selektion bei- spielsweise erst nach dem 8. Schuljahr einsetzt, zeigt, daß es "die Schule im Kapitalismus" im statischen Sinne nicht gibt; die Stärke der Arbeiterbewegung, so läßt "sich nachweisen, gestaltet auch die Schule je anders und kann sie im besten Falle sogar an Formen heranführen, die der Einheitsschule nahekommen und mit zur Herausbildung eines antimonopolistischen Bewußtseins beitragen können. Freilich ist auch hier klar: nur die sozialistische Um- wälzung kann die vollständige Lösung des Problems von Einheit- lichkeit und Differenzierung bringen. Zu 6. Sowjetische Beiträge zur Lerntheorie ------------------------------------------ Für viele wissenschaftlich und pädagogisch Interessierte in kapi- talistischen Ländern sind gegenwärtig nicht die allgemeinen Aus- sagen der marxistischen Persönlichkeits- und Erziehungstheorie überzeugend, sondern die Ergebnisse der auf dem Marxismus fußen- den Einzelwissenschaften. In diesem Zusammenhang ist die Heraus- gabe marxistischer Arbeiten zur Lerntheorie sehr bedeutsam. In der modernen Lernpsychologie haben sich zwei geschlossene und konsequente Lerntheorien herausgebildet: die behavioristische und die marxistische. Galperin begann in den 50er Jahren mit der Ent- wicklung einer marxistischen Lerntheorie, die den Positionen der materialistischen Persönlichkeitstheorie entspricht. In der So- wjetunion und in den anderen sozialistischen Ländern wird die me- chanistisch und biologistisch ausgerichtete Lerntheorie des Beha- viorismus erst seit einigen Jahren in der Psychologie, Schulpra- xis, Lehrerausbildung usw. abgelöst. Dies freilich ist ein faszi- nierender Prozeß, der die wachsende Reife und das Vordringen des Marxismus in alle einzelwissenschaftlichen Gebiete manifestiert. Auch auf dem Gebiet der Lerntheorie wird klar, daß erst der So- zialismus wahrhaft auf Individualität und Psyche des Menschen eingehen und zu seiner differenzierten und optimalen Entfaltung führen kann. Die im angezeigten Band gesammelten Beiträge fußen auf der lern- theoretischen Konzeption Galperins. Von Grundgedanken Wygotskis und Leontjews ausgehend sieht Galperin "das Wesen der geistigen Tätigkeit darin, daß sie Orientierungstätigkeit ist, d.h. sie er- faßt die Bedingungen des Verhaltens in der objektiven Realität und steuert Verhalten entsprechend diesen realen Bedingungen. Das Subjekt steht ununterbrochen in Wechselwirkung mit der Umwelt. Dabei hat es ständig im Interesse seines Lebens (von den biologi- schen Grundlagen bis zu den ethischen und ästhetischen Normen und Bedürfnissen) mit Hilfe materieller oder ideeller Handlungen ir- gendwelche Aufgaben zu lösen." (8/9). Wesentlich ist dabei die Tatsache der e t a p p e n w e i s e n Aneignung von Kenntnis- sen und geistigen Handlungen, wobei die Orientierungstätigkeit nicht auf kognitive Prozesse beschränkt ist. Die einzelnen Bei- träge beschäftigen sich mit dem Problem der Aufmerksamkeit, der Begriffsbildung bei Kindern, mit den psychologischen Bedingungen des Polytechnischen Unterrichts, mit der Begriffsbildung in ver- schiedenen Wissensgebieten/Unterrichtsfächern (Physik, Geometrie, Geschichte) und mit allgemeinen Problemen der Entwicklung wissen- schaftlichen Denkens. Höchst eindrucksvoll und ergebnisreich ist die Auseinandersetzung mit dem programmierten Unterricht. Das Skinnersche Modell war in der UdSSR ursprünglich kritiklos übernommen und angewandt worden. Auf der Grundlage der entwickelten marxistischen Lerntheorie wird nun jedoch festgestellt, daß die Methode Skinners keine Fort- schritte im Unterricht gebracht hat, ja sogar einen Rückschritt darstellt, da sie auf dem Menschenbild des Behaviorismus beruht. Berücksichtigt man jedoch alle psychologischen und pädagogischen Momente eines wissenschaftlichen und demokratischen Unterrichts, so erweist er sich als sehr viel komplexerer Regelkreis als Skin- ner und die im Westen gängige kybernetische Pädagogik annehmen. Der objektive Fortschritt auch für die marxistische Lerntheorie liegt in der Auffassung des Unterrichts als Steuer- und Rege- lungssystem, das allerdings auf einer höheren Ebene anzusetzen ist als das Primitivmodell Skinners. Die Theorie der etappenwei- sen Ausbildung geistiger Handlungen einerseits und das systema- tisch anzustrebende Ziel der Selbständigkeit und des wissen- schaftlichen und aktiven Problemlösungsverhaltens der Schüler führen zu einer Unterrichtsprogrammierung, die vom Skinnerschen Ansatz her grundsätzlich nicht zu lösen ist. Während die black box Skinners die geistigen Handlungen, die zum gewünschten Ergebnis führen, buchstäblich im Dunkeln läßt, nimmt Galperin ganz im Gegenteil die geistigen Handlungen als 'weißen' und durchsichtigen 'Kasten', dessen System erforscht wird. Wäh- rend so bei Skinner die geistige Tätigkeit spontan abläuft, ver- läuft sie bei Galperin bewußt, geplant, kontrolliert; während Skinner für Ideologie und Inhalt keine systematischen Kategorien bereitstellt und somit den Persönlichkeitskern des Menschen auf- löst in eine Ansammlung gleichwertiger Quanten, geht die marxi- stische Lerntheorie von einem gegliederten Gesamtsystem aller Persönlichkeitsfaktoren aus, wobei die Systemvariablen Ideologie und Inhalt nicht beliebig austauschbar sind, sondern in kausaler Abhängigkeit auch zu Lernen, Lerneffektivität, Motivation etc. stehen. In gleicher Weise aktuell und fruchtbar ist beispielsweise die Untersuchung Dawydows "Über das Verhältnis zwischen abstrakten und konkreten Kenntnissen im Unterricht" (241 ff). In der Kritik an der traditionellen Assoziationspsychologie und der empiristi- schen und pragmatistischen Grundlegung der Begriffsbildung für den Unterricht der unteren Bildungsstufe ("Begriffe bilden sich im Aufsteigen vom Sinnlichen und Konkreten zum Allgemeinen") wird die Notwendigkeit und Möglichkeit der Herausbildung theoretischer Begriffe entwickelt; daraus werden Grundlagen für einen Lehrplan abgeleitet, der den Anforderungen der wissenschaftlich-techni- schen Produktion und Gesellschaftsführung angemessen ist. Von dieser Position aus läßt sich der apologetische Charakter solcher Theorien wie die von der "wissenschaftlichen Zivilisation" oder der "Verwissenschaftlichung der Schule" usw. unschwer nachweisen: an ihrer Lerntheorie sind sie zu erkennen! Es bleibt zu wünschen, daß die Reihe fortgeführt wird und, ohne sich zu verzetteln, mit einem klaren Programm weitere wichtige Bereiche der Pädagogik erschließt: beispielsweise die Kritik der herrschenden pädagogischen Theorien und Schulen in der BRD, eine bildungspolitische Orientierung für die gegenwärtige Situation, Probleme der antifaschistischen Erziehung und der Bildungssysteme in den Entwicklungsländern sowie einzelwissenschaftliche Pro- bleme, wie sie mit den Beiträgen zur Lerntheorie bereits vorbild- lich angegangen wurden. _____ *) Sammelrezension von: 1 Franz Hofmann: Allgemeinbildung, Eine problemgeschichtliche Studie, 175 S., DM 12,80 2 Gerhard Neuner: Zur Theorie der sozialistischen Allgemeinbil- dung, herausgegeben von der Akademie der Pädagogischen Wissen- schaften der DDR, 307 S., DM 14,80 3 Karl-Heinz Heinemann: Arbeit und Technik in der Erziehung, Stu- dien zum polytechnischen Unterricht in der DDR, 173 S., DM 14,80 4 Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski: Über die Volksbildung, ausgewählt und eingeleitet von Ernst Eichler, 215 S., DM 12,80 5 Werner Kienitz (Hrsg.): Einheitlichkeit und Differenzierung im Bildungswesen, Ein internationaler Vergleich, herausgegeben von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, 389 S., DM 14,80 6 Joachim Lompscher (Hrsg.): Sowjetische Beiträge zur Lerntheo- rie, Die Schule PJ. Galperins, 315 S., DM 12,80 alle erschienen in der "Reihe Erziehung und Bildung" im Pahl-Ru- genstein-Verlag 1973. Die Titel l, 2, 4, 5, 6 sind Lizenzausgaben vom volkseigenen Verlag Volk und Wissen, Berlin-DDR. zurück