Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974

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       Rolf Famulla
       

PUBLIZISTIKWISSENSCHAFT ODER MATERIALISTISCHE MEDIENWISSENSCHAFT

"Wenn es in vielen und unterschiedlichen Publikationen des Hauses Springer so etwas wie eine für alle verbindliche Linie gibt, würde ich sie nicht regierungstreu, sondern antikommunistisch nennen." Diese Erklärung Springers zieht gleichsam schlaglichtar- tig zusammen, was im folgenden den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet: die wachsende Bedeutung der ideologischen Auseinanderset- zung für die praktische Beantwortung der Frage nach dem Gesell- schaftssystem der Zukunft; der zentrale Stellenwert der Massenme- dien als eines der wesentlichen Instrumente in dieser ideologi- schen Auseinandersetzung. Überdies beginnen immer größere Teile der in den Massenmedien Beschäftigten, vor allem auch der Journa- listen, ihre eigene Stellung in diesen Prozessen zu erkennen, ihre soziale Lage als Lohnabhängige zu reflektieren und ihre In- teressen organisiert zu vertreten. Ihre Aktivitäten beschränken sich nicht allein auf die Durchsetzung ökonomischer Forderungen, sie erhalten zunehmend auch unmittelbar politischen Charakter. Vor diesem Hintergrund wachsen die Anforderungen an die wissen- schaftliche Untersuchung dieser Zusammenhänge. Es handelt sich durchaus um widersprüchliche Anforderungen: Eine mit den Instru- menten der ideologischen Beeinflussung und den Bedingungen ihres Einsatzes einschlägig befaßte Wissenschaft, die Publizistikwis- senschaft, vermag entweder das Herrschaftsinstrumentarium der Bourgeoisie zu perfektionieren oder aber sie ergreift Partei im Interesse derjenigen, die die Massenmedien grundlegend demokrati- sieren wollen. Trotz der eindeutigen Aufgabenstellung, die die herrschende Klasse der Publizistikwissenschaft zugewiesen sehen möchte, wäre es eine Fehleinschätzung, die Publizistikwissenschaft einheitlich auf die Wahrnehmung dieser Aufgaben ausgerichtet zu sehen. Im Ge- genteil: Ein heftiger Methodenstreit über die wissenschaftliche Orientierung, über die Aufgaben und Funktionen der noch sehr jun- gen Publizistikwissenschaft ist entbrannt. Für die Wissenschaft grundlegende Begriffe wie "Öffentlichkeit" oder "öffentliche Mei- nung" sind umstritten. Ein Zitat aus einem weit verbreiteten Wör- terbuch der Publizistik 1) mag das verdeutlichen: "Eine allgemein akzeptierte Definition von öffentlicher Meinung aber ist bis heute nicht gefunden. Um die Jahrhundertwende schreibt Oncken: Schwankendes Und Fließendes wird dadurch nicht begriffen, daß es in eine Formel gesperrt wird... . ... Und 1968 heißt es in der 'International Encyclopedia of the Social Sciences': 'Eine allge- mein akzeptierte Definition von öffentlicher Meinung existiert nicht... Dennoch nimmt der Gebrauch dieses Wortes ständig zu.' (Davison) Die Hartnäckigkeit, mit der an dem Begriff festgehalten wird, während zugleich alle Definitionen als unbefriedigend empfunden werden, kann eigentlich nur bedeuten: Der Begriff öffentliche Meinung entspricht einer Wirklichkeit, aber die Begriffsbestim- mungen haben diese Wirklichkeit noch nicht getroffen. Übereinstimmung besteht bei allen Autoren, daß öffentliche Mei- nung etwas politisch und gesellschaftlich Wichtiges und Ernstzu- nehmendes ist. Insbesondere in der Demokratie wird ihr ein Mit- spracherecht zugestanden, ihre Reaktionen sind zu beachten." An diesem Zitat zeigt sich eindrucksvoll das Dilemma der tradi- tionellen Publizistikwissenschaft, die nicht in der Lage ist, zentrale wissenschaftliche Kategorien abzuklären und für eine ge- sellschaftswissenschaftliche Analyse fruchtbar zu machen. Das Verdienst, schon relativ frühzeitig einen Ausweg aus der Sackgasse, in die die traditionelle Publizistikwissenschaft auf Grund ihres entweder rein hermeneutischen oder aber im Empiri- schen verharrenden Vorgehens geraten war, gesucht und in Umrissen die verschiedensten wissenschaftlichen Standpunkte untersucht zu haben, kommt Gerhard Maletzke zu. 2) Die Einordnungsversuche be- kannter Publizistikwissenschaftler werden zitiert Es findet sich sowohl Dovifats Auffassung ("Als Geisteswissenschaft nimmt sie (die Publizistik) ernstes Wahrheitsstreben und objektive Wer- tungsnormen für sich in Anspruch"), als auch Hagemanns, der von den "Sozialwissenschaften, zu denen auch die Publizistik in einem wichtigen Sektor gehört", spricht. Stappers meint: "Unseres Er- achtens ist... die Publizistikwissenschaft ein Unterteil der Kom- munikationswissenschaft" und schließlich wird Wersig erwähnt: "Die Publizistikwissenschaft gehört zweifellos zu der Gruppe von Bereichswissenschaften, die sich mit dem Zusammenleben der Men- schen beschäftigt." Man kann hier leicht den Eindruck gewinnen, daß der Anzahl der Wissenschaftler eine Anzahl unterschiedlicher wissenschaftlicher Positionen und damit auch unterschiedlicher Gegenstandsbestimmungen der Publizistikwissenschaft entspricht. Maletzkes eigener Versuch, die Publizistikwissenschaft zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften anzusiedeln, gerät einigermaßen willkürlich: die "Aussagen" seien primär mit geisteswissenschaft- lichen, hermeneutischen Verfahrensweisen zu studieren, während die Erforschung des "Rezipient en" primär dem empirischen Ansatz, also den Methoden der Sozialwissenschaft zugänglich sei. Hier muß Maletzke entgegengehalten werden, daß die Objekte der Wissen- schaft nicht mit einem Wust von wissenschaftlichen Verfahrenswei- sen, die sich gegenseitig widersprechen, systematisch erfaßt wer- den können. Wenn er auch feststellt, daß eine Wissenschaft sich "durch die Bedeutung eines Lebensbereiches" konstituiert, also durch die Be- deutung, die die Massenkommunikation im gesellschaftlichen Leben hat, so scheint es doch seinem wissenschaftlichen Verständnis zu widersprechen, auch die Verfahrensweisen und die Methoden aus der gesellschaftlichen Praxis abzuleiten. Seine Gegenstandsbestimmung: "Unter Publizistikwissenschaft ist im Folgenden die Wissenschaft vom gezielten öffentlichen Aussagen oder von der gezielten öffentlichen Kommunikation zu verstehen", ist ähnlich unpräzise wie die Harry Proß, Publizistikwissenschaft sei Nachdenken über zweimal Nachgedachtes. Auch ein Mathematiker macht gezielte öffentliche Aussagen und bringt es fertig, über zweimal Nachgedachtes zu sinnieren. Soweit ein kurzer - leider im Oberflächlichen steckenbleibender - Aufriß der traditionellen Publizistikwissenschaft, die zur Zeit noch damit beschäftigt ist, ihre wissenschaftstheoretischen Grundlagen abzuklären und die Funktion dieser Disziplin abzustec- ken. I. Demgegenüber sind gerade in der letzten Zeit einige Wissenschaft- ler dazu übergegangen, den Gegenstandsbereich der Publizistikwis- senschaft materialistisch zu fundieren. So stellt sich beispiels- weise Franz Dröge die Aufgabe, einen Beitrag zu einer noch zu entwickelnden materialistischen "Kommunikationstheorie" zu lei- sten. 3) Es ist mithin nur folgerichtig, daß sich der Autor zunächst energisch von den bürgerlichen Medienwissenschaftlern abgrenzt, die er hauptsächlich in zwei Hauptrichtungen unter- teilt. Zum einen die traditionelle Publizistikwissenschaft, die sich mit der Systematisierung und der Klassifizierung von "massenkommunikativen Phänomenen" beschäftige, die "allgemeine Begriffsbestimmungen des Denkens auf die Empirie" anwende, also geisteswissenschaftlich vorgehe. Zum anderen findet Dröges Ableh- nung auch die positivistisch orientierte, empirische Sozialfor- schung, die durch die starre Abgrenzung ihres Untersuchungsgegen- standes nicht die gesellschaftliche Bedingtheit der Massenkommu- nikation erfassen könne. Dröge belegt, daß die Neopositivisten lediglich ein Abbild gesellschaftlicher Phänomene ohne wissen- schaftliche Erkenntnis ihrer Gesetzmäßigkeiten liefern und ihre Erkenntnisse zur Systemstabilisierung genutzt werden. Wenn Dröge bei der Darlegung seiner Vorgehensweise konstatiert, daß "ihr (der materialistischen Kommunikationswissenschaft) gesamtgesell- schaftlicher Begründungszusammenhang im Rahmen einer Kritik der politischen Ökonomie der Bewußtseinsindustrie behandelt werden" müsse, dann ist richtig daran, daß nur auf Grundlage der Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus Medienforschung betrie- ben werden kann. Aber es gibt keine besondere politische Ökonomie der Massenmedien, wie Dröge irrtümlicherweise annimmt. Eine sol- che Annahme läuft auf den Versuch hinaus, ein gesellschaftliches Teilsystem aus sich selbst zu erklären. So vermag er dann nicht den komplexen Charakter des gesellschaftlichen Bewußtseins zu er- fassen. Hier liegt der Kardinalfehler Dröges. Ohne die Analyse der Ge- setzmäßigkeiten der ökonomischen Basis des gegenwärtigen Kapita- lismus geleistet zu haben, versucht er sich an einer Analyse des gesellschaftlichen Überbaus, der wie Dröge selbst zugibt ja Pro- dukt, Widerspiegelung der ökonomischen Struktur ist. Die Betrach- tung lediglich der Gebrauchswert- als auch der Tauschwertseite der Ware Zeitung erscheint isoliert von der konkreten Entwicklung des Kapitalismus. Diese Analyse allein reicht nicht aus, um die gesellschaftliche Bedeutung der Massenmedien richtig einschätzen zu können. Schon im 18. Jahrhundert vereinigten die Waren der "Bewußtseins- industrie" den Gebrauchs- als auch den Tauschwert in sich, auch ihnen kam das Attribut zu, Träger der herrschenden Ideologie zu sein. Die Spezifik der Wirkungsweise der Massenmedien kann man aber allein mit den allgemeinsten Kategorien der politischen Ökonomie nicht erfassen. Wenn auch Dröge an zentraler Stelle ausführt, daß die Massenmedien zur Herrschaftsstabilisierung der Kapitalistenklasse eingesetzt sind, so ist er doch nicht in der Lage, den Stellenwert, der den Massenmedien heute bei der ideologischen Beeinflussung der Bevölkerung zukommt, richtig zu bestimmen. Mit seinem beschränkten Ansatz vermag Dröge dann auch keine aus- reichende Perspektiven zu bieten, wie die augenblickliche Situa- tion der Massenmedien verändert werden kann. "Das praktische In- teresse dieser theoretischen Arbeit kann nur darin bestehen, die herrschenden Bedingungen verallgemeinerter subjektiver Aneignung objektiver Realität durch die Arbeiterklasse zu analysieren. Denn es gilt, im Rahmen einer politischen Praxis der demokratisch-so- zialistischen Transformation des gegebenen gesellschaftlichen Sy- stems die objektiven Möglichkeiten zu bestimmen, Klassenbewußt- sein zu einer mit antikapitalistischer Erfahrung rückgekoppelten proletarischen Öffentlichkeit gegen die (und partiell, mit den) Medien der zutiefst massenfeindlichen Massenkultur zu vermit- teln." (S. 55) Was hier formuliert wird, ist zunächst ein abstrakter Anspruch. Marxistische Wissenschaft darf sich nicht mit der Interpretation begnügen - bei Dröge fehlt dann auch die Beschreibung dessen, was er "demokratisch-sozialistische Transformation" nennt und er ignoriert in akademischer Praxisferne die klassenbewußte proleta- rische Öffentlichkeit in der Bundesrepublik vollkommen. Leider hat Dröge gerade die von Marxisten zu fordernde Verbindung zwi- schen Theorie und Praxis nicht geleistet. Ein weiteres Beispiel: In einem der unlängst erschienen Reader zur Massenkommunikation sind Diskussionsbeiträge unterschiedli- cher Provenienz zum Stand der Publizistikwissenschaf t vereinigt. 4) Die Herausgeber sind sich dessen bewußt, daß sie keine fertige Analyse vorlegen, sondern ihre Absicht ist es, Materialien zusam- menzustellen, um mit deren Hilfe die Frage zu diskutieren, wel- cher Platz "Kommunikationstheorie" in einer kritischen Gesell- schaftsanalyse zukommt. Auch die Richtung, in der eine derartige Analyse zu entfalten sei, wird angedeutet: "Sie (die kritische Gesellschaftsanalyse, zu der auch die Analyse der Medienwirklich- keit gezählt wird. R.F.) wird aber auch heute nicht schlicht als simple Alternative zwischen sozialwissenschaftlicher (empiri- scher) Kommunikationstheorie und Kritik der politischen Ökonomie als Basis dialektischer Kommunikationstheorie formuliert werden können; vielmehr scheint sich ein Implikationszusammenhang dergestalt anzudeuten, daß die dialektische Theorie die empi- risch-sozialwissenschaftlichen Ansätze sinnvoll in sich aufzuneh- men in der Lage ist." (S. 9) Indessen leisten die beiden Mitherausgeber Hans Bohrmann und Rolf Sülzer in ihrer Lagebeschreibung der bundesdeutschen Publizistik- wissenschaft, die "zwischen elfenbeintürmener Resignation und bewußter oder nicht bemerkter Anpassung an die Interessen der Auftraggeber aus Politik und Wirtschaft" schwanke, außer einer vernichtenden Beurteilung der gegenwärtigen Situation, zu der oben zitierten Aufgabenstellung keinen Beitrag. Einen solchen findet man in dem Sammelband bei Burkhard Hoffmann. Erweist in seinem Aufsatz "Zum Problem der Entwicklung einer ma- terialistischen Kommunikationstheorie" auf die bestehenden Schwierigkeiten hin. Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildet die ökonomische Basis, auf deren Grundlage sich in dialektischer Wechselwirkung vermittels der Arbeit gesellschaftliches Bewußt- sein entwickelt. Nun bildet sich mit der Entwicklung der Produk- tivkräfte, mit der zunehmenden Vergesellschaftung der Produktion auch das System der gesellschaftlichen Kommunikation aus. Die spezifische Form der Vergesellschaftung im Kapitalismus, der durch den antagonistischen Widerspruch zwischen den kapitalisti- schen Produktionsverhältnissen und der Dynamik der Produktiv- kräfte Schranken gesetzt sind und die sich daraus ergebende Spe- zifik der Kommunikation werden von Hoffmann jedoch nicht mehr analysiert. Hier - in der Analyse der gesellschaftlichen Koopera- tion unter kapitalistischen Verhältnissen - liegt jedoch der Aus- gangspunkt für die Forschung, die eine materialistische Medien- wissenschaft zu leisten hätte. Hoffmann ist unbedingt zuzustimmen, wenn er darstellt, daß das Resultat des materiell ökonomischen Prozesses sich der Lebenspro- zeß der bürgerlichen Gesellschaft als Klassenkampf ergibt. Unter welchen spezifischen Bedingungen dieser Klassenkampf unter den heutigen Bedingungen auch mittels der Massenmedien organisiert wird, darauf bleibt der Autor allerdings die Antwort schuldig. An einem dritten Beispiel, einem Sammelband zur Frage der gewerk- schaftlichen Organisation in den Massenmedien 5), läßt sich das Problem der Verbindung von medienwissenschaftlicher Analyse mit den Anforderungen fortschrittlich politischer Praxis verdeutli- chen. Die Herausgeber betonen in der Einleitung: "Wir legen mit den folgenden Aufsätzen keine in sich geschlossene theoretische Abhandlung zu dem Thema Mediengewerkschaft vor. Gleichwohl bleibt gerade die Publizistikwissenschaft aufgefordert, kommunikations- politische Alternativen als Teil einer Gesellschaftsanalyse zu begründen." Das Spektrum der theoretischen Positionen der Autoren dieses Ban- des ist breit gefächert, es reicht von Helmut Cron, dem ehemali- gen Vorsitzenden des Deutschen-Journalisten-Verbandes, bis zu Friedrich Hitzer, dem verantwortlichen Redakteur des "Kürbis- kern". Hervorzuheben sind vor allem die Beiträge von Jochen Bach und Hitzer. Bach beschäftigt sich mit den Konstituti- onsbedingungen bürgerlichen Bewußtseins im gegenwärtigen Kapita- lismus, um dann die Möglichkeiten einer Veränderung der Massenme- dien herauszukristallisieren. Das "in Gesetzen gefrorene Anrecht, als bürgerliche Klasse für alle Klassen und Schichten der Gesell- schaf t zu handeln" (S. 239) äußert sich auch in den Massenmedien in der Art, daß allen "Kommunikationspraktikern eine eindeutige inhaltliche Schranke gesetzt (ist): die Verbreitung relevanter gesellschaftsverändernder Inhalte, oder anders: integraler Be- standteil der Massenkommunikation ist der Antikommunismus." (S. 244) Ein Durchbrechen dieser Schranke ist nur durch die Ausweitung des p o l i t i s c h e n Aktionsradius der Arbeiterklasse möglich: Dieses Problem auf den ökonomischen Kampf der Gewerkschaften zu reduzieren, hieße der Illusion zu verfallen, die Bourgeoisie würde auf die eminent wichtige, politische Position, die Möglich- keit der ideologischen Beeinflussung der Bevölkerung, freiwillig "per Tarifvertrag" verzichten. Der Kampf um die Demokratisierung der Massenmedien kann nur als ein Moment der Emanzipation der Ar- beiterklasse zur herrschenden Klasse begriffen werden. Hitzer bewertet die Diskussionen, die im augenblicklichen Prozeß der Bildung einer Mediengewerkschaft geführt werden, so: "Hinter den Formulierungen und dem breiten Votum für die Mediengewerk- schaft steht zwar eine grundsätzliche neue Orientierung, aber noch keine klare Perspektive." (252) Er zeigt die Schwierigkeiten auf und verheimlicht nicht, daß selbst in den Gewerkschaften ein erbitterter ideologischer Klärungsprozeß stattfindet, den dieje- nigen, die es Ernst mit der Gewerkschaft als Klassenorganisation der Arbeiterklasse meinen, mit dem Ziel führen: "Es geht in der Tat um gesellschaftliche Kontrolle für den Fortschritt zur Demo- kratie... die Medien gehören in die Kontrolle derer, für die sie da sind und die sie machen - der Mehrheit der Bevölkerung." In den "Anmerkungen zu einem Medienkonzept" von Hendrik Schmidt wird aufgezeigt, daß sich die antagonistischen Klassenverhält- nisse auch in der gegenwärtigen Organisation der Massenmedien wi- derspiegeln, Pressefreiheit insofern nie Freiheit für die Masse der Nichtbesitzenden ist. Schmidt versucht, bestehende medienpo- litische Grundsätze daraufhin zu überprüfen, ob sie langfristige Veränderungen initiieren. Er fordert, daß die Massenmedien die Widersprüche der Gesellschaft offenlegen müssen, daß der lohnab- hängigen Mehrheit verstärkter Zugang zu den Kontrollorganen der öffentlich-rechtlichen Anstalten gewährt werden müsse. Allerdings vermißt man klare politische Aussagen, auf welche Art und Weise die Werktätigen Positionen im Kampf um die Demokratisierung der Massenmedien erreichen können. Zu welchen Resultaten eine Abstinenz von politischen Stellungnah- men führt, veranschaulicht der Beitrag von Ulrich Neveling. Ihm geht es darum, ohne daß auf die antagonistischen Klassenverhält- nisse eingegangen wird, den "Raum der Freiheit in den Medien zu erweitern und damit auch zur Verwirklichung eines höheren Maßes an Freiheit in der Gesellschaft beizutragen. Kommunikationsfor- schung, die in diesem Sinne hilft, Kommunikationsprozesse zu op- timieren und sich also gleichzeitig der Aufgabe der Journalisten- ausbildung stellt, ist auf dem Wege, den Anspruch einer emanzipa- torischen Gesellschaftswissenschaft einzulösen." Der Raum der Freiheit sei auszuweiten, als ob im gegenwärtigen Kapitalismus und auf dem hochmonopolisierten Medienmarkt der arbeitenden Be- völkerung die Möglichkeit zur Freiheit gegeben wäre. Die Illusion wird auf die Spitze getrieben, indem den "solidarisch" in den Ap- paraten der Massenkommunikation Arbeitenden empfohlen wird, doch zur besseren Ausübung ihrer fortschrittlichen Tätigkeit die ame- rikanische Kommunikationsforschung zu übernehmen - die Wissen- schaft, die ja gerade dazu entwickelt wurde, Kommunikationspro- zesse zu Massenverdummung, zur besseren Werbewirksamkeit zu opti- mieren. Die kurze Durchsicht einiger neuerer Arbeiten zu grundlegenden Fragen einer materialistischen Medienwissenschaft zeigt, daß es eine in sich geschlossene, systematische Darstellung zu diesem Thema noch nicht gibt. Die bisher beste und umfassendste Arbeit hat Horst Horst Holzer vorgelegt. 6) Er versucht, folgende Fragen zu beantworten: "a) Was bedeutet gesellschaftliche Kommunikation für soziologische Arbeit, in welchem Zusammenhang stehen gesell- schaftliche Kommunikation und gesellschaftswissenschaftliche Tä- tigkeit? b) Wie läßt sich "Massenkommunikation" als eine spezifi- sche Erscheinungsform gesellschaftlicher Kommunikation theore- tisch fassen, und welche Konsequenzen ergeben sich dabei aus dem Verhältnis von Gesellschaftstheorie zur Theorie der Massenkommu- nikation? c) Welche Konstitutionsbedingungen und dominanten Merk- male weisen die massenkommunikativen Prozesse im Herrschaftssy- stem des staatsmonopolistischen Kapitalismus auf? d) Unter wel- chen Voraussetzungen kann sich gesellschaftliche Kommunikations- praxis in Theorie so ausdrücken, daß diese Theorie zu einer wirk- samen gesellschaftspraktischen Kraft zu werden vermag?" (S. 10) Nach einer Auseinandersetzung mit der neopositivistischen Sozio- logie und dem Kommunikationsidealismus der kritischen Theorie geht der Autor auf den Zusammenhang von Kommunikations-, Produk- tions- und Machtverhältnissen in der marxistischen Soziologie ein. Zum grundlegenden methodologischen Problem schreibt er: "Der Historische Materialismus enthält so nicht das Instrumentarium zur Analyse von gesellschaftlichen Teilsystemen und Einzelprozes- sen; vielmehr gibt er den Horizont vor, in dem detailliertere ge- sellschaftswissenschaftliche Arbeit, insbesondere soziologische Forschung im engeren Sinne, ihre Aufgaben und Zielstellungen zu verfolgen hat." (S. 56) "Das heißt: soziologische Arbeit im Ver- ständnis des Historischen Materialismus ist darauf angewiesen, den eine Gesellschaft kennzeichnenden Zusammenhang ihrer struktu- rellen Bedingungen theoretisch zu rekonstruieren, bevor sie dar- angehen kann, einzelne soziale Tatbestände, die jenem Zusammen- hang angehören und von ihm determiniert werden, zu untersuchen." (S. 47) Eine losgelöste Analyse der Ökonomie der Massenmedien ist unter diesem Aspekt ganz einfach unmaterialistisch - dies unter anderem Dröge ins Stammbuch. Die Wahl der Methoden - das macht Holzer unmißverständlich klar - kann nicht losgelöst von dem zu behandelnden Gegenstand getroffen werden, sondern muß entsprechend den Erfordernissen der objekti- ven Realität, deren wesentliche inneren Zusammenhänge, die Ge- setzmäßigkeiten, ja gedanklich widergespiegelt werden sollen, an- gepaßt sein. Schließlich wird auf die Bedeutung der Behandlung erkenntnistheo- retischer Fragen für soziologische Forschung hingewiesen. Sind doch gerade die Klärung der Komplexe wie die Analyse der Grundla- gen und der Triebkräfte des Erkenntnisprozesses, des Zwecks und Ziels des Erkennens von grundlegender Bedeutung für die Analyse des gesellschaftlichen Bewußtseins. "Die gesellschaftlichen Verhältnisse, begriffen als Resultate der Auseinandersetzung mit der Natur im Rahmen einer konkret-histori- schen Gesellschaftsformation, sind aber zugleich in widergespie- gelter Form Bestandteile des (ebendeshalb so zu nennenden) ge- sellschaftlichen Bewußtseins." (S. 58) Auf dieser Grundlage läßt sich dann unter zu Hilfenahme von Erkenntnissen der Einzelwissen- schaften - Holzer weist auf die Bedeutung der Sozialpsychologie ausdrücklich hin - der gesellschaftliche Kommunikationsprozeß eingehend analysieren. Eben weil das gesellschaftliche Bewußtsein nichts anderes sein kann als die bewußte Reflexion gesellschaft- licher Realität, deren grundlegende Struktur durch die Gesetzmä- ßigkeiten der Produktionsweise offengelegt wird, geht Holzer auf die bestimmenden Gesetzmäßigkeiten des staatsmonopolistischen Ka- pitalismus ein. Er deckt die Labilität dieses Systems auf, die ihre Entsprechung in der ideologischen Labilität findet; Ursache für die notwendige Herausbildung verstärkter sozialintegrativer Potenzen mittels der Massenmedien. "Die mit Hilfe der Institutio- nen der Massenkommunikationen geführten Gattungsgeschäfte des Ka- pitals lassen sich als allgemeine Herrschaftssicherung in Form ideologischer Festigung und Rechtfertigung des Kapitalverhältnis- ses fassen." (S. 134) Nachdem Holzer auf die Stellung der Massenmedien im staatsmonopo- listischen Herrschaftssystem eingegangen ist, versucht er Mög- lichkeiten für den antimonopolistischen Kampf in Richtung auf die Demokratisierung der Medien aufzuzeigen. Hierbei ist insbesonders auf die Akzentverschiebung zu den vorher besprochenen Autoren hinzuweisen. Die Bildung einer Mediengewerkschaft wird nicht als "Deus ex machina" zur Veränderung der massenmedialen Situation begriffen. Eine Demokratisierung der Massenmedien kann nur im po- litischen Kampf und innerhalb eines breiten Bündnisses erreicht werden. "In der gegenwärtigen gesellschaftlichen und kommunikati- onspolitischen Situation ist als wichtigste Organisation der Deutsche Gewerkschaftsbund anzuführen, insbesondere die IG Druck und Papier und die ihr angeschlossene Deutsche Journalisten Union (dju) sowie die der Gewerkschaft Kunst eingegliederte Rundfunk-, Fernseh- und Film-Union (RFFU). Einbezogen werden müssen aber auch die parteipolitischen Organisationen der arbeitenden Bevöl- kerung, die eine konsequente anti-integrationistische Arbeiter- und Angestelltenpolitik verfolgen: die Deutsche Kommunistische Partei und einzelne Gruppen in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands." (S. 183) Nur eine Wissenschaft, die eine konsequente, systematische Ana- lyse der Massenmedien leistet, kann eine wirkliche Anleitung im praktischen Kampf sein. Holzer hat in der vorliegenden Arbeit einen wichtigen Beitrag zu der Auseinandersetzung mit der ideali- stischen Kommunikationstheorie geleistet und dabei gleichzeitig den Rahmen für ein materialistisches Fundament einer Medienwis- senschaft gelegt. Wichtige Probleme allerdings, die genaue Ein- grenzung des Gegenstandes der materialistischen Medienwissen- schaft und die im Zusammenhang damit zu leistende Darlegung der Verbindung zu den anderen gesellschaftswissenschaftlichen Diszi- plinen wie der Sozialpsychologie, Soziologie, Psychologie, der Sprachwissenschaft und der Ökonomie bedürfen nach wie vor der sy- stematischen Untersuchung. Bei der Gegenstandsbestimmung einer materialistischen Medienwis- senschaft gilt es vorrangig zu berücksichtigen, daß die Praxiser- fordernisse Ausgangs- und Endpunkt der Forschung sein müssen". Die massenmedialen Institutionen sind in ihrer objektiven Be- schaffenheit zu erfassen und als das darzustellen, was sie wirk- lich sind: politische Institutionen, Klasseninstrumente. Nur mit einer derartig klaren Analyse wird man auch denjenigen, die in der Gesellschaft für die Demokratisierung der Massenmedien ein- treten, eine Unterstützung bei dieser Aufgabe bieten können. Un- genauigkeiten bei der Gegenstandsbestimmung und der Einordnung der Medien Wissenschaft in das System der Fachwissenschaften, können leicht dazu führen, daß man die Praxiserfordernisse aus den Augen verliert. Eine materialistische Gegenstandsbestimmung muß sich auch grundsätzlich von denen idealistischer Wissen- schaftler unterscheiden, die nur allzu oft die Publizistikwissen- schaft als neue Universalwissenschaft konstituiert sehen möchten. Harry Pross führt zum Beispiel aus: "Die Art und Weise, wie der Austausch über das, was allen gehören soll, und das, was allen gehört, geführt wird, nennen wir Publizistik." (in: Pross, Publi- zistik, Neuwied 70, S. 19) Und einen Satz weiter: "Die Publizi- stikwissenschaft ist das Sammeln von Zeugnissen, die Kritik und Interpretation dieses Prozesses." Diese "Definition" ist nun wahrlich so weit gefaßt, daß sich von der Soziologie bis zur Ma- thematik sämtliche Wissenschaften unter diese Definitionen fassen lassen. Gemeinsam ist den ideologistischen Wissenschaftlern zumeist, daß sie daran gehen, die Sphäre der Kommunikation losgelöst von der ökonomischen Basis und den gesellschaftlichen Bedingungen zu un- tersuchen, die "geistigen Verhältnisse" als die bestimmenden aus- zugeben. Sie hinterfragen nicht, woher die Kommunikation, die geistigen Verhältnisse ihre Bestimmung erhalten, sondern gehen von ihnen als Gegebenem aus. So ist diese Wissenschaft letztlich nur in der Lage ihren Zirkelschluß auszubauen: "Der Mensch ent- steht durch Kommunikation." (Pross in "Publizistik" s.o.) Will man den Menschen untersuchen, muß man die Kommunikation verste- hen. Vice versa, das bürgerliche Wissenschaftskarussell beginnt sich zu drehen. Indem man die Publizistikwissenschaft zur Universalwissenschaft hochstilisiert, kann man auch getrost auf die Klärung mehrerer Probleme verzichten. Zum einen braucht man nicht den Platz zu be- stimmen, der der Publizistikwissenschaft im System der Wissen- schaften zukommt. Zum anderen ist man in der Lage, die Anforde- rungen, die aus der Praxis an die Publizistikwissenschaft zur Klärung ihrer Probleme gestellt werden, zu ignorieren. Pross dif- famiert zum Beispiel diejenigen, die sich aktiv mit den Mitteln der Wissenschaft in die gesellschaftliche Auseinandersetzung ein- schalten, als "Brotgelehrte", die nicht der Suche nach Wahrheit verpflichtet seien, sondern allenfalls als Rechtfertigungsideolo- gen aufträten. Im Gegensatz dazu muß die materialistische Medien- wissenschaft die bei weitem zu eng gewordenen Elfenbeintürme sprengen und streitbar in die. augenblickliche Auseinandersetzung über Bereich und Funktion der Massenmedien eingreifen. Materiali- stische Medienwissenschaftler dürfen sich bei der Gegenstandsbe- stimmung der Medienwissenschaft nicht gleichermaßen wie die idea- listischen Wissenschaftler an den Problemen vorbeimogeln. Drei Themenkomplexe gilt es vorrangig abzuklären. Zum ersten wäre das die Gegenstandsbestimmung im engeren Sinne. Unter dem Gegenstand einer Wissenschaft wird ja die Gesamtheit der Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten der Objekte verstanden, die von der betreffen- den Wissenschaft untersucht werden. Nun ist die Publizistikwis- senschaft eine sehr junge Disziplin, die sich mit der Entwicklung der Massenmedien herausbildete. Die Beschränkung auf den Bereich der Massenmedien ist dabei keineswegs unumstritten. Das zeigt sich schon an der Auswahl der Bezeichnungen für diese Wissen- schaft: Zeitungswissenschaft, Publizistikwissenschaft, Kommunika- tionswissenschaft, Journalistikwissenschaft und schließlich Me- dienwissenschaft. Zeitungs- und Journalistikwissenschaft begren- zen den Gegenstandsbereich zu eng. Analysiert man nur die Pro- dukte der gedruckten Presse, den Abbau und die Produktion einer Zeitung, wird man nicht einmal die Spezifik der Wirkungsweise des Massenmediums Zeitung wissenschaftlich in den Griff bekommen. Ähnliches gilt für die Jornalistikwissenschaft: Sie stellt sich zwar schon die Aufgabe, den Inhalt aller massenmedialen Produkte zu untersuchen, die Funktion bestimmter Genres aufzuzeigen, sie vernachlässigt jedoch die Bedingungen, die den Inhalt der Massen- medien bestimmen, und auch die Wirkungsweise der massenmedialen Produkte. Die Wissenschaftler der Kommunikations- und Publizi- stikwissenschaft gehen davon aus, daß der gesamte Bereich der öf- fentlichen Kommunikation erfaßt werden müßte. So entsteht dann eine Universalwissenschaft, die notwendigerweise in Allgemeinhei- ten steckenbleiben muß. Auch Wissenschaftler, die den Anspruch erheben, auf materialistischer Basis ihre Forschungen zu betrei- ben, verfallen nur allzu oft diesem Fehler. So weitet zum Bei- spiel Dröge den Gegenstand der Medienwissenschaft so weit aus, daß er nicht nur die Spezifik der Wirkungsweise der Massenmedien und der sich daraus ergebenden Schlußfolgerungen für die prakti- sche gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht richtig einzu- schätzen vermag, sondern er verwischt auch die notwendige, grund- sätzliche Unterscheidung von Basis und Überbau. Schließlich fehlt eine überzeugende Definition, was unter Massen- medien und unter der mit ihrer Hilfe vermittelten Kommunikation zu verstehen ist. Die Massenmedien Fernsehen, Presse, Film und Rundfunk weisen in den verschiedenen Ländern eine außerordentlich verschiedene Struktur auf. Zurückzuführen sind Unterschiede auf die differierende historische Entwicklung der einzelnen Länder und vor allen Dingen auf die unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme. In den vorliegenden bürgerlichen Definitionen der Massenkommuni- kation wird demgegenüber die Bedeutung von formalen gesell- schafts- und klassenindifferenten Besonderheiten der Massenkommu- nikation gegenüber anderen Formen der Kommunikation überbetont. Es reicht nicht aus zu wissen, daß die Massenkommunikation öf- fentlich, indirekt und eineinseitig gerichtet ist, durch techni- sche Verbreitungsmittel erfolgt und der Empfänger fast überhaupt nicht die Möglichkeit einer Rückkoppelung hat. Genauso wird auch bei der Lasswellschen Formel "Wer sagt was durch welches Medium zu wem mit welcher Wirkung? " die gesellschaftliche Bedingtheit der Massenkommunikation außer acht gelassen. Beide Definitionen geben auch keine Antwort darauf, wer der Initiator der Massenkom- munikation ist. Bei der Analyse des Kommunikators "Wer" wird zu- meist von atomisierten Individuen ausgegangen, der Initiator der Massenkommunikation ist jedoch die gesellschaftliche Klasse, die auch im Besitz der Produktionsmittel für die massenmedialen Güter ist. Im staatsmonopolistischen Kapitalismus richtet sich die durch Medien vermittelte Massenkommunikation vor allem an die durch die herrschende Klasse unterdrückten gesellschaftlichen Kräfte. Es gibt Versuche, den Inhalt der massenmedialen Produkte als dritte Gattung der Literatur neben der Belletristik und der wis- senschaftlichen Literatur einzuordnen. Der sowjetische Forscher Zuslawsky schreibt: "Die Publizistik ist gesellschaftspolitische Literatur über aktuelle Themen der Gegenwart." In dieser Defini- tion sind die bestimmenden Merkmale des "literarischen" Inhalts der massenmedialen Produkte enthalten: Zum einen, daß die Publi- zistik eine wichtige Daseinsweise der Politik ist und eine wich- tige Form des Eindringens politischer Ideen in das Bewußtsein der Massen darstellt. Und weiter, daß die Publizistik im Gegensatz zu Wissenschaft und Kunst direktes und unmittelbares Eindringen in die politische Praxis der Gesellschaft ist. Auf dieser Basis wä- ren im Rahmen einer materialistischen Medienwissenschaft die Gen- reforschung und eine Stilistik des massenmedialen Inhalts weiter zu entwickeln. Leider herrscht an den westdeutschen und Westber- liner Instituten gerade zu dieser Frage ein praktizistisches Vor- gehen vor, das sich lediglich auf die Vermittlung technischer, journalistischer Fertigkeiten beschränkt, aber nicht die politi- schen Implikationen vermittelt. In diesem Sinne wäre die Massenkommunikation als ein Bereich des Klassenkampf es zu untersuchen. 2. Als ein zweiter Themenkomplex, der einer gründlichen Analyse bedarf, erweist sich die Standortbestimmung der Medienwissenschaft im System der Fachwis- senschaften. Hier gilt es wiederum zu berücksichtigen, daß es sich um eine junge Wissenschaft handelt. Gleichzeitig muß die allgemeine Wissenschaftsentwicklung beachtet werden. Zum einen erfordert die Vertiefung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die größer werdende Abhängigkeit aller gesellschaftlichen Tätig- keiten voneinander, die Wechselwirkungen zwischen Ideologie, Po- litik, Ökonomie, Wissenschaft, Technik, Kultur und Bildung und aller anderen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nach sich zieht, auch eine stärkere Integration der einzelnen wissenschaft- lichen Disziplinen. Hieraus ergibt sich die immer stärker wer- dende Notwendigkeit interdisziplinärer wissenschaftlicher Arbeit. Dieser auf Grund der gesellschaftlichen Entwicklung forcierte Trend zur Einheit der Wissenschaften schließt den zur vertieften Spezialisierung in sich ein. Bürgerliche Publizistikwissenschaftler gehen sehr oft davon aus, daß die Publizistikwissenschaft deshalb keinen eigenen Gegen- standsbereich hat, weil die Massenmedien von den verschiedenen Disziplinen untersucht würden. Jedoch wird der Gegenstand einer Wissenschaft nicht dadurch bestimmt, ob andere Wissenschaften sich auch mit den Massenmedien beschäftigen, sondern ob der Pra- xisbereich eigene Gesetzmäßigkeiten aufweist, die eine spezifi- sche Untersuchung erfordern. Und das ist bei den Massenmedien eindeutig der Fall. Gerade für die Medienwissenschaft bleibt indessen interdiszi- plinäres Arbeiten dringend erforderlich. Hier ist besonders die Kooperation mit drei Disziplinen notwendig: mit Soziologie, Psy- chologie und Sozialpsychologie, mit der Sprachwissenschaft und mit der Ökonomie. An dieser Stelle kann natürlich nur sehr oberflächlich auf die Beziehungen zwischen einer Medienwissenschaft und diesen Diszi- plinen eingegangen werden. Bei der Sozialpsychologie ist die menschliche Kooperation der grundlegende Ausgangspunkt sozialpsy- chologischer Forschung, ihr Gegenstand ist die soziale Wechsel- wirkung, soweit sie den subjektiven Verhaltensaspekt betrifft. Das umfaßt die Erforschung der Persönlichkeit in ihrer Wechsel- wirkung zur sozialen Umwelt. Dazu gehören auch die psychologi- schen Besonderheiten von sozialen Gruppen, Schichten und Klassen der Gesellschaft sowie Prozesse, die unter dem Einfluß verschie- dener sozialer Faktoren entstehen. Das schließt natürlich die Er- forschung der sozialen Wechselwirkungen mittels der Massenmedien mit ein. Von der Sozial Psychologie sind bereits wichtige Unter- suchungen über die soziale Natur der Massenkommunikation, die Funktionen der Massenkommunikation, das Problem der Einstellung der Rezipienten, über Gerüchte- und Panikverbreitung, kurz über die Wirkung der Massenmedien geleistet worden. Die Notwendigkeit interdisziplinärer Arbeit wird klar, wenn man sich verdeutlicht, daß die Wirkung der Massenmedien mehr durch Eigenschaften des Pu- blikums als durch den Inhalt bestimmt wird. Zur Relevanz der Sprachwissenschaft für eine materialistische Kommunikationswissenschaft schreibt Horst Holzer in seiner "Kommunikationssoziologie": "Für kommunikationssoziologische Ar- beit im engeren Sinne gilt folglich, daß sie sich insbesondere auf die Pragmatik der Kommunikation, die im kommunikativen Prozeß stattfindende Verwendung von sprachlichen und anderen Zeichen durch Individuen, Klassen und Gesellschaften zu bestimmten Zwec- ken, konzentriert. Semantik (das Verhältnis von sprachlichen und anderen Zeichen zu den gedanklichen Abbildern) und Sigmatik der Kommunikation (die Relation von sprachlichen und anderen Zeichen zu den Objekten der Widerspiegelung, vermittelt über deren ge- dankliche Abbilder) sind dabei als konstitutive Bestandteile ei- nes jeden Kommunikationsvorgangs in die Analyse einzubeziehen." 7) Auf die Bedeutung der politischen Ökonomie für die materialisti- sche Medienwissenschaft wurde schon verwiesen. Es kann jedoch nicht darum gehen, eine besondere Ökonomie der Massenmedien zu entwickeln, sondern es geht um die Aufdeckung von Besonderheiten, die sich auf Grund der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft für die Massenmedien ergeben. So weist beispielsweise der Konzen- trations- und Zentralisationsprozeß des Gesamtkapitals für den Bereich der Massenmedien auf Grund seiner politischen Bedeutung beachtenswerte Spezifika auf. 3. Als dritter Themenkomplex für die Begründung der materialisti- schen Medienwissenschaft die klare Darlegung des methodischen Vorgehens zentrale Bedeutung. Zu Recht wurde schon von sehr vielen Publizistikwissenschaftlern festgestellt, daß man über keine besondere Methodologie verfüge. Dies ist allerdings kein Manko, sondern erklärt sich daraus, daß die Medienwissenschaft eine gesellschaftswissenschaftliche Disziplin ist. Die Gesellschaftswissenschaften erforschen die real existierenden Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft. Dabei ist davon auszugehen, daß diese Wissenschaften eine Einheit bilden, weil ihre Gegen- stand derselbe ist. Nun ist es leicht verständlich, daß ein Teil- bereich dieser Gesellschaft nicht wissenschaftlich exakt er- forscht werden kann, wenn er nicht in Wechselwirkung mit den an- deren Bereichen untersucht wird. Unmöglich ist es, das Wesen der Gesellschaft zu erfassen, stützt man sich nur auf die Erkennt- nisse isolierter Einzelwissenschaften. Der dialektische und historische Materialismus stellt den An- spruch, die Summe der Erkenntnisse über die Gesellschaft zu zie- hen, also ein theoretisches System zu erstellen, das die ge- dankliche Widerspiegelung der Gesellschaft als Ganzes ist. Auf dieser Basis ist dann die systematische Einordnung der einzelnen Fachwissenschaften möglich. Dabei muß schon diese allgemeine Widerspiegelung des Gesell- schaftssystems verschiedenen Ansprüchen gerecht werden. Zum einen muß den Einzelwissenschaften die weltanschauliche, erkenntnis- theoretische und allgemeine methodologische Grundlage geliefert werden. Diese Aufgabe wird im System der materialistischen Wis- senschaften von der Philosophie wahrgenommen, die damit auch den Einzelwissenschaften die Grundvoraussetzungen und die Grundbe- griffe sichert. Keine Fachwissenschaft kann diese Aufgabe aus ih- rem eigenen Wissenschaftsbereich heraus allein lösen. Daraus er- gibt sich auch, daß die dialektisch-materialistische Methode eine besondere Rolle spielt. Sie ist, da,; sie die allgemeinsten Ge- setzmäßigkeiten des Denkens, der Gesellschaft und der Natur wi- derspiegelt, universell anwendbar. Natürlich muß die Fachwissen- schaft die dialektisch-materialistische Methode entsprechend den Praxisanforderungen konkretisieren und auf dieser Grundlage spe- zielle Methoden zur Erforschung entwickeln. Zum anderen muß eine umfassende wissenschaftliche Begründung der gesetzmäßigen Entwicklung der Gesellschaft geliefert werden. Hier geht es darum, die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, welcher bestimmte Bewußtseinsformen entsprechen, zu analysieren. Es müssen also die ökonomischen Bewegungsgesetze herauskristallisiert werden, die bestimmend für die anderen ge- sellschaftlichen Verhältnisse wirken. Aus diesem Grunde wird auch die politische Ökonomie, die diese Aufgabe leistet, als Hauptin- halt des dialektischen und historischen Materialismus bezeichnet. Schließlich müssen die praktischen Schlußfolgerungen, die sich zwingend aus den beiden oben dargelegten Bestandteilen ergeben, gezogen werden. Schon auf dieser relativ allgemeinen Ebene muß die Verbindung von Theorie und Praxis gewährleistet sein. Dies sichert der "wissenschaftliche Sozialismus" im engeren Sinne durch die Verallgemeinerung der Erfahrungen des Klassenkampfes: Er ist "theoretischer Ausdruck der proletarischen Bewegung", "Theorie und Programm der Arbeiterbewegung". So aufgebaut bietet der dialektische und historische Materialis- mus die Basis, auf der sich die Gesellschaftswissenschaft "Medienwissenschaft" systematisch und folgerichtig begründen und entwickeln läßt. Ohne dies im einzelnen schon ausführen zu kön- nen, sollten hier nur einige Gedanken und Materialien bereit ge- stellt werden. Deutlich sollte werden, daß dort, wo die Einheit der Wissenschaft und Methodologie auseinandergerissen wird, wo man wie Dröge die politische Ökonomie verabsolutiert oder wie teilweise bei Pätzold und Schmidt glaubt, eine isolierte Be- schreibung der gewerkschaftlichen Aktion zur Veränderung der mas- senmedialen Situation leisten zu können, man sich der Möglichkeit beraubt, die objektive Realität wahrheitsgemäß widerzuspiegeln. _____ 1) Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz (Hg.): PUBLIZISTIK, Frankfurt/Main 1971, S. 210. 2) Gerhard Maletzke: PUBLIZISTIKWISSENSCHAFT ZWISCHEN GEISTES- UND SOZIALWISSENSCHAFTEN, Westberlin 1967. 3) Franz Dröge: WISSEN OHNE BEWUSSTSEIN - Materialien zur Medien- analyse der Bundesrepublik Deutschland (unter Mitarbeit von Ilse Modelmog), Frankfurt/Main 1972. 4) Jörg Aufermann, Hans Bohrmann, Rolf Sülzer (Hg.): GESELL- SCHAFTLICHE KOMMUNIKATION UND INFORMATION. Forschungsrichtungen und Problemstellungen. Ein Arbeitsbuch zur Massenkommunikation, Frankfurt/Main 1973. 5) Ulrich Pätzold, Hendrik Schmidt (Hg.): SOLIDARITÄT GEGEN AB- HÄNGIGKEIT. Auf dem Weg zur Mediengewerkschaft, Darmstadt und Neuwied 1973. 6) Horst Holzer: KOMMUNIKATIONSSOZIOLOGIE, Hamburg 1973. 7) Ebenda, S. 58. zurück