Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
zurück
Rezensionen
Wilhelm Raimund Beyer:
ZWISCHEN PHÄNOMENOLOGIE UND LOGIK,
Hegel als Redakteur der Bamberger Zeitung
-----------------------------------------
Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1974, Kl. Bibl. (Zweite, ergänzte
und erweiterte Auflage). DM 19,80
Dieses Buch W.R. Beyers, des Gründers und Präsidenten der Inter-
nationalen Hegel-Gesellschaft, weist in den Umständen, die sein
Erscheinen betreffen, auf den engen gesellschaftlichen Zusammen-
hang von Wissenschaft und Politik, von Verlagswesen und Ideolo-
gieproduktion hin. Repressionen mannigfacher Art wurden beim er-
sten Erscheinen im Jahre 1955 (Verlag G. Schulte-Blumke, Frank-
furt/Main) gegen Verleger und Autor in Szene gesetzt; das Buch
selbst wurde auf der Frankfurter Buchmesse aus dem Stand geris-
sen. 'Spiegel' (14.3./21.3.56) und FAZ (31.4.56) richteten hef-
tige Angriffe gegen die Veröffentlichung. Die Presse bewies sich
als Ausdruck der herrschenden politischen Kräfte der Zeit: Am
15.3.56 war in Karlsruhe das Verbot der KPD verkündet worden. Po-
litische Situation und Kampagne bewirkten eine Trennung des Ver-
legers vom Autor. Das Buch wurde verramscht. W.R. Beyer emi-
grierte nach Österreich.
Zweifellos haben die seit den 50er Jahren veränderten politischen
Verhältnisse in der BRD und Westberlin und das immer stärkere
Vordringen einer fortschrittlichen Intelligenz eine erweiterte,
zweite Auflage des Werkes sinnvoll erscheinen lassen, besser ge-
sagt: durchgesetzt.
Strategem der hier vorgetragenen Hegel-Interpretation Beyers ist
die Bamberger Redakteurstätigkeit Hegels, die sein knapp dotier-
tes Privatdozentendasein in Jena ablöste. Vor allem finanzielle
Überlegungen, die Flucht vor Alimentenverpflichtungen ließen He-
gel einen Wechsel ratsam erscheinen, zumal er mit 36 Jahren noch
keine Professur innehatte und eine solche auch nicht in Aussicht
stand. Mit der 1806 durch Napoleon vorgenommenen Besetzung Jenas
hat Hegels Umzug also nur wenig zu tun. Hegel brauchte Geld, und
sein Freund, der Konsistorialrat Niethammer beschaffte ihm in
Bamberg die Redakteursstelle, die er zwei Jahre versah, bevor er
ans Nürnberger Gymnasium ging, um nach dieser Zeit endlich, im
hohen Alter von 47 Jahren 1817 in Heidelberg Professor zu werden.
Im Gesamtschaffen Hegels machen die Bamberger Zeitungsaktivitä-
ten, die ihn immerhin schnell zum geschäftstüchtigen Teilhaber
der Firma Schneiderbanger & Hegel avancieren ließen, nur einen
sehr knappen Zeitraum aus. Beyer analysiert diesen Zeitraum nicht
nur real-, presse- und regionalgeschichtlich akribisch-detail-
liert, sondern es geht ihm um die Folgen für die Philosophie, die
aus einer nicht kathederverhafteten Arbeit des Philosophen resul-
tieren. Ist philosophische Tätigkeit grundsätzlich Lehrtätigkeit,
zwangsläufig an Universitäten gebunden, die der Staat unterhält
und kontrolliert, damit Staatstätigkeit? Oder wirkt Philosophie
gerade dann als fortschrittliche, aufs Novum ausgerichtete Kraft,
wenn sie frei von staatlichen Zwängen und Lehrverpflichtungen
sich mit der Presse verbindet? "Philosophie b r a u c h t
Presse" /89/ konstatiert Beyer und hat damit zweifellos recht.
Aber ist philosophische Tätigkeit demzufolge schon zwangsläufig
Pressetätigkeit, das tägliche Sammeln und Veröffentlichen von
Nachrichten und Meinungen? Beyer zwingt beide zusammen, analogi-
siert die philosophische Synthese des philosophischen Systems und
das Zusammenstellen der Zeitung. /222/ Diese Konstruktion ist
diskussionswürdig, denn zweifellos bringt fortschrittliche Philo-
sophie - und nur diese hat Beyer im Auge (M. Buhr meint dagegen
in seiner Rezension, Beyer käme die Frage nach dem Charakter der
Philosophie nicht in den Sinn; DZfPh 1/1959, S. 161) - raisonne-
ment zum Ausdruck. Raisonierende Artikel aber waren nach dem
bayerischen Pressegesetz von 1799 in der Bamberger Zeitung verbo-
ten. /39/ Unter diesen Umständen in der Zeitungsarbeit eine spe-
zifisch philosophische Arbeit zu erkennen mit entsprechenden Aus-
wirkungen auf den weiteren Gang der Hegelschen Philosophie, fällt
sicherlich nicht ganz leicht. Insbesondere, wo verbürgt ist, daß
Hegel selbst nur sehr wenige Artikel in der Bamberger Zeitung
verfaßt hat. /53/ Beyer weist selbst an vielen Stellen seines Bu-
ches auf Hegels Streben nach Sekurität, d.h. nach einem Staats-
amt, hin. Eine Identifikation mit der Pressearbeit kann demnach
wenig vermutet werden. Dennoch wäre es falsch, Hegels Zeitungstä-
tigkeit lediglich eine transitorische Funktion beim Übergang von
einem Staatsamt in ein anderes zuzuschreiben, denn Hegel hat, so
Beyer, betont, daß "seine redaktionelle Arbeit" zwar kein "Amt"
sei (Hegel: Briefwechsel I, S. 167), daß sie aber doch - trotz
ihrer "isolierten Unabhängigkeit" - in "Zusammenhang mit dem
Staate und in der Arbeit für denselben stehen muß". Seine
"Arbeiten sind eben etwas Öffentliches" /54/. Hegel hat sich also
- politisch sehr bewußt - als Sachwalter öffentlicher Angelegen-
heiten begriffen, der eine "Meinungszeitung" /59/ schaffen
wollte, um den Staat zu ändern /54/.
Sicherlich hat er Zeit seines Lebens sein Streben auf ein
Staats-, resp. Universitätsamt ausgerichtet und dies auch er-
reicht, dennoch hat Hegel sich während seiner Bamberger Presse-
jahre für die Verwirklichung der demokratischen Ideen des Vormärz
eingesetzt und versucht, die Bamberger Zeitung, die sich unter
seiner Leitung "bald zu einem der bedeutendsten politischen Blät-
ter Deutschlands" erhob, wie der 'Fränkische Merkur' 1831 schrieb
/40/, an den westlichen Demokratien zu orientieren. Parlamentsbe-
richte aber aus England z.B. waren verboten. Der Leser sollte
nichts von den demokratischen Errungenschaften anderer Völker er-
fahren und keine Vergleiche mit den Zuständen im eigenen Lande
anstellen. Mit sehr großen juristischen Kenntnissen weist Beyer
dies nicht nur als Praxis der Meinungsreglementierung zu Beginn
des 19. Jhdts. nach - eine Zensur, gegen die eine Eingabe Hegels
am 12.12.1808 erfolgte /65/ -, sondern auch als Bestandteil des
3. Strafrechtsänderungsgesetzes der BRD v. 4.8.1953 (BGBl I.735),
das die §§ 11,12 des Strafgesetzbuches abänderte und "der Presse
die Veröffentlichungsmöglichkeit der Parlamentsitzungsberichte
aus anderen Ländern, ja sogar aus einem anderen deutschen Staat"
erschwerte. /66/ Auf beeindruckende Weise zieht Beyer Parallelen
zwischen der reaktionären Gesetzgebung der Hegelschen Zeit und
derzeit noch herrschenden und praktizierten Rechtsnormen in der
BRD und zwar in einer Fülle, die einer ausführlicheren Erörterung
bedürfte.
Aufgrund der eingeschlagenen Publikationsstrategie wird Hegel am
16.3.1808 und am 1.11.1808 "persönlich und ausdrücklich zur Ein-
haltung des Presse-Edikts von 1799 ermahnt" /68/. Dreimal wird
die Bamberger Zeitung unter der Redaktion Hegels offiziell ge-
rügt, /128/ am 2.11.1808, kurz nach dem Weggang Hegels nach Nürn-
berg, wird sie durch Regierungsverfügung verboten. /127/ Zweifel-
los hat Hegel während dieser Periode seines Schaffens bewußt auf
der Seite des Fortschritts gestanden. Im Vormärz wurde in der
"Presse" immer schon die gegen den Obrigkeitsstaat gerichtete
Partei, die "demagogischen" Umtriebe, vermutet. Hegels Anliegen
bestand nicht zuletzt darin, dem Bürgertum in der Zeitung ein
Bildungsorgan zu schaffen, um als aufstrebende Klasse bestehen zu
können, seine historische Mission zu erfüllen.
Wie sah das konkret philosophische Schaffen Hegels während seiner
Bamberger Zeit aus? Beyer weist nach, daß die Etappe in Bamberg
durchaus nicht philosophische Etappe, wie vielerorts vermutet und
gewünscht, geblieben ist, sondern die bisher falsch geortete
Schrift 'Wer denkt abstrakt?' in Bamberg entstanden ist, deren
Quintessenz lautet/daß nur der ungebildete, nicht aber der gebil-
dete Mensch abstrakt denkt. Die Schrift besticht durch ihren ge-
lösten Stil, und Hegel bekennt später, wie sehr die Redaktionsar-
beit in Bamberg seine Darstellungen 'populärer' gemacht habe.
/88/
Generell vertritt Beyer die These, daß sich die unmittelbare
Presseerfahrung Hegels in der Abstraktion der Logik fortgesetzt
habe, er nicht abgeneigt gewesen sei, eine 'Landlogik' (eine He-
gelsche Formulierung) zu schreiben, um die realen Verhältnisse
auf theoretischer Ebene widerzuspiegeln. Beyer schreibt: "Der
'Widerspruch', der zur grundlegenden Kategorie der Logik auf-
steigt, hatte sein spezifisches Erfahren-Werden bei der Pressear-
beit als der Erfüllung einer konkreten Aufgabe gefunden ... Hegel
dachte von seinem eigenen Fall aus weiter. Im persönlichen
Schicksal sah er stets Allgemeingültiges." /186/ Die Wider-
spruchskategorie entwickelt sich als Haupterfahrungskategorie des
Redakteurs und als dessen zentrale Erfahrung wird sie, nach
Beyer, zum grundlegenden Faktor logischer Entfaltung. /187/ M.
Buhr hat dem entgegen gehalten, daß Hegel in Bamberg die Gedanken
der Jenenser Logik weiterentwickelt habe (DZfPh 1/1959, S. 159),
und wies in diesem Zusammenhang auf das Teleologieproblem hin.
Beyer ist von diesem Einwand unbeeindruckt geblieben, denn er
mißt gerade bei der Ausarbeitung der Logik der Redakteurserfah-
rung eine tragende Bedeutung zu: "Die Erkenntnis des Gegensatzes
als eines i n h a l t l i c h e n (Hegel: Logik I, S. 36) und
als eines z u s a m m e n h ä n g e n d e n (Hegel, Logik I, S.
52) gründet im praktischen Erleben des Redakteurs ... Und auch
der Satz: 'Die Kategorien der Logik sind A b b r e v i a-
t u r e n ... der Einzelheiten des äußerlichen Daseins und der
Tätigkeit' resultiert aus Redaktions-Erfahrung." /190/
Sicherlich ist dieser Streit schwer zu entscheiden, denn Hegels
Arbeitsgang läßt sich für uns nicht mehr erhellend rekonstruie-
ren. Allgemein richtig ist daher Beyers Feststellung über die
Philosophie, die ins Leere stoßen muß, wenn sie nicht die von der
Zeitung gespiegelte und 'bespiegelte' Welt beachtet. /187/ Wie
schwierig jedoch ein zwingender Schluß aus der sozialen Erkennt-
nis der Zeitungsarbeit auf die Erstellung philosophischer Logik
zu ziehen ist, muß ein Vergleich zwischen der Zeitungstätigkeit
Hegels und Marx' vor Augen führen. Marx wurde durch seine Tätig-
keit in der Rheinischen Zeitung bestimmt, sich der Wissenschaft
der Ökonomie zuzuwenden und begann bald, philosophische Fragen
als spezifischen Ausdruck sozialer Verhältnisse zu begreifen, die
Philosophie zu revolutionieren und selbst politisch-revolutionär
zu handeln. Ein solcher Bruch liegt durch die Zeitungstätigkeit
Hegels zweifelsohne nicht vor. Hegel setzt sein Werk fort. Beyer
selbst führt aus: "Der R e d a k t e u r Hegel vollendet die
Phänomenologie des Geistes; der R e d a k t e u r Hegel beginnt
die Logik." /206/ War Bamberg also für Hegels Schaffen doch nur
ein stark relativierbares Intermezzo?
Beyer sieht aus einer großen Kenntnis der zeitlichen Umstände,
die auch eine korrigierende Interpretation der mit Fortschritts-
Mythos belegten Ära Montgelas bedingt, Bamberg keineswegs als
pragmatisch gehandhabten Wartestand, vielmehr eher als eine Art
Wendepunkt in der Erarbeitung des Hegelschen Systems. Nur als Sy-
stem vermochte Hegel sich Philosophie, "wahrhafte Philosophie",
vorzustellen. Aber wie ist der Inhalt des Systems selbst beschaf-
fen, resp. wie sollte er beschaffen sein? Muß ein Bedeutungswan-
del während der Erstellung der einzelnen System-Elemente einge-
räumt werden? Der Zeitungstätigkeit ordnet Beyer in diesem Trans-
formationsprozeß entscheidende Bedeutung zu, allerdings weniger
als Stärkung der offenen Komponente im Hegelschen System, sondern
als Überleitung zum "S y s t e m d e s A b g e s c h l o s-
s e n e n" /214/. Dennoch sieht er gleichzeitig die Widerspie-
gelung der unabgeschlossenen Wirklichkeit auf die philosophische
Ebene als Auswertung der Redaktionserfahrung. Die Divergenzen der
Nachrichten und Informationen drängen auf Systematisierung und
das Auffinden sie bestimmender historischer und logischer
Gesetzmäßigkeiten hin, auf Korrektur der Erscheinungen. Aber
dieses System bleibt offen, spiegelt das Werden wider, solange es
sich an den Bewegungsformen der sozialen Welt orientiert und
historisch die Interessen des aufsteigenden Bürgertums verkör-
pert, nur systematische Wissenschaft war diesem von Nutzen.
/214/215/ So fällt denn auch Hegels Entscheidung leicht zugunsten
der Wissenschaft aus. Für Presse wie Philosophie beansprucht
Beyer aber einen Satz Hegels in gleicher Weise: - 'Die
theoretische Arbeit, überzeuge ich mich täglich mehr, bringt mehr
zustande in der Welt als die praktische; ist erst das Reich der
Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus' "
(Hegel: Briefwechsel I, S. 233) /240/. Mit dem Betreten des Hei-
delberger Lehrstuhls wird das erreichte Ziel gefeiert. Der Kampf
für Veränderung hat sich gelohnt. Zumindest persönlich. Die Sub-
sistenz-Sicherstellung war, wie Beyer ausführt, rein persönli-
ches, nicht allgemeines Anliegen. Ist sie erreicht, wird von pro-
gressiven politischen Gedanken Abschied genommen. Die Affirmation
des Bestehenden setzt ein, aus dem Werden wird Gewordenes. Das
Reich der Vorstellung zu revolutionieren, wird nun anderen über-
lassen. Vielleicht anderen Arbeitslosen. Man muß Beyer ausdrück-
lich Dank sagen, daß er das längst überfällige Thema der Arbeits-
losigkeit, der Drohung mit der Arbeitslosigkeit, der Arbeitslo-
sigkeit als sozialer Einrichtung auch und nicht zuletzt für die
Intelligenz in einer philosophisch-historischen Untersuchung zur
Sprache gebracht hat. Stellenlose Intelligenz ist, so Beyer, eine
typische Erscheinung des revolutionären Bürgertums.
Die Arbeitslosigkeit trifft den Menschen in seiner Wesensverwirk-
lichung. Schon Hegel begreift Arbeit als natürliche Notwendig-
keit, als unerläßliche Existenzbedingung des Menschen, als
B e d ü r f n i s - B e f r i e d i g u n g. Sie wird notwendi-
ges wie wichtiges Element seiner Theorie, /248/ als g e s e l l-
s c h a f t l i c h e A r b e i t. /252/ Dennoch läßt sich das
Problem der Arbeitslosigkeit, die z.B. Hegel selbst am eigenen
Leibe erfuhr, nicht mit der Arbeitslosigkeit der Intelligenz im
heutigen spätkapitalistischen System vergleichen, in dem die
Käuflichkeit wissenschaftlicher Arbeit, wissenschaftlicher Mei-
nung auch folglich, offen zutage tritt. Aus der verfügbaren Re-
servearmee werden die systembrauchbaren Kräfte mittels feiner
Mechanismen selektiert, 'vermittelt'.
Bereits am Beispiel Hegel zeigt Beyer, wie gerade die Reprodukti-
onsschwierigkeiten bei der Intelligenz, oft trotz besserer Ein-
sichten, Anpassungszwänge und letztlich politisch affirmative
Haltungen hervorrufen, insbesondere dann, wenn versucht wird,
dieses Problem individuell und nicht allgemein zu lösen. Das All-
gemeine aber hat das Besondere und Einzelne zu bestimmen.
Hegels Bamberger Zeit bietet in jeder Hinsicht auch Anlaß zur
Diskussion aktueller Zustände, Situationen und Probleme. W.R.
Beyer hat dies mit Verve vorgetragen.
G.M. Tripp
zurück