Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974

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       Fragen der Dialektik
       
       Lucien Sève
       

DER KLASSENKAMPF UND DIE MARXISTISCHE UMKEHRUNG DER HEGELSCHEN DIALEKTIK

"Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erlei- det, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewe- gungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle-zu entdecken." Hier im Nachwort zur zweiten deutschen Auflage des Kapitals (MEW Bd. 23, Berlin 1971, S. 27), findet die These von der materiali- stischen Umkehrung der idealistischen Dialektik Hegels und der Herausschälung ihres rationellen Kerns ihren klaren Ausdruck. Wie man weiß, hat diese These stets von neuem - von Dühring bis Merleau-Ponty und Sartre über Bernstein und Sorel Einwand hervor- gerufen: Wie kann die Dialektik von Hegel, d.h. eine Bewegung des Geistes, in der Materie vorhanden sein, wenn die Materie nicht selbst Ausdruck des Geistes ist? Wie kann ein Materialist den W i d e r s p r u c h in die D i n g e hineinlegen? Anders ausgedrückt: wie kann die materialistische Umkehrung einer idea- listischen Dialektik nicht zur Verwerfung des gesamten Inhalts führen, sondern zur Herauslösung eines "rationellen Kerns", der derart seltsam von einer "mystischen" Deformation befreit - in einer neuen materialistischen Dialektik bewahrt werden soll. Auf diesen Einwand haben die Marxisten bereits seit langem durch Marx und Engels selbst geantwortet, indem sie betonten, daß diese marxistische Umkehrung in Wirklichkeit eine Umkehrung der Umkeh- rung, ein "auf die Füße stellen" ist. Bei Hegel, dessen Werk im- menses theoretisches Wissen und praktische Erfahrung widerspie- gelt, ist die Dialektik gut und gerne Ausdruck der wirklichen Be- wegung - und sie enthält von daher unbewußt einen rationellen, materialistischen Kern. Aber es ist ein ideologisch umgekehrter und verfälschter Ausdruck, der in seine ursprüngliche Bedeutung zurückgebracht werden und inhaltlich in eine wissenschaftliche Methode umgewandelt werden muß. Aber diese Antwort wirft eine weitere schwierige Frage auf: ob sich die materialistische Umkehrung, anders ausgedrückt: die Kon- zeption der Dialektik als Widerspiegelung der realen Bewegung im Kopfe des Menschen, als A u f g a b e die kritische Untersu- chung der Hegelschen Dialektik stellt, wobei - das versteht sich von selbst - ein rationeller Kern herausgelöst und von einer my- stischen Schale befreit werden könnte. Aber worin erweist sich diese Umkehrung als a u s r e i c h e n d, oder h i l f t s i e jedenfalls diese Aufgabe konkret zu verwirklichen? Seien es z.B. die Kategorien Widerspruch, Aufhebung, Negation der Nega- tion etc. Wodurch erlaubt uns die Tatsache einer Betrachtung un- ter der Perspektive der materialistischen Umkehrung, mit einem Male das herauszusondern, was an Rationellem (also Aufzubewahren- dem) und das was an Mystischem (also zu Verwerfendem) oder an gleichzeitig Mystischem und Rationellem, also Aufzuarbeitendem (wie? ) vorhanden ist? Wenn die Begriffe der Umkehrung und des rationellen Kerns denkbar sein sollen auf der Grundlage einer materialistisch-historischen Konzeption der Genese der Hegelschen Dialektik zur marxistischen, kann man zustimmen. Aber es ist genau die durch Marx behauptete Natur der Verbindung dieser beiden Operationen, welche höchst rätselhaft erscheint, denn die erste beschränkt sich nicht darauf die zweite hervorzurufen, sondern sie bewirkt - zumindest teil- weise - ihr Vordringen. Wenn wir alle vorläufigen Hypothesen beiseite lassen und versu- chen die Schwierigkeit aufzuheben, indem wir selbst das Protokoll der kritischen Revision des Inhalts Hegelscher Dialektik und der Ausarbeitung des Inhalts der neuen Dialektik studieren; d.h. wenn wir solche Werke wie "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie", "Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844", "Die heilige Familie", "Die deutsche Ideologie", "Das Elend der Philo- sophie", das "Manifest" analysieren, sind wir von der zentralen Rolle beeindruckt die gewisse bestimmte Widersprüche in der Ar- beit des Denkens bei Marx und Engels spielen - und einer insbe- sondere: der Widerspruch zwischen den Klassen, zwischen Bour- geoisie und Proletariat, worüber das 16. Kapitel der "Heiligen Familie" einen ersten theoretischen, vollständigen Entwurf ent- hält, der im "Manifest" seine nunmehr klassische Formulierung findet: K l a s s e n g e g e n s a t z. Was ist nun das Spezifische an dieser fundamentalen Widerspruchs- bestimmung des Historischen Materialismus? In Kürze: es handelt sich um einen u n v e r s ö h n l i c h e n Widerspruch, bei dem die Entwicklung der einen Seite die Zerstörung der anderen Seite - der ursprünglich dominierenden - zur absoluten Bedingung hat; er läßt sich also auf keinen Fall in einer höheren Einheit wie dem Staat aufheben, der nach der Hegelschen Formulierung in der "Rechtsphilosophie" (§ 256) sein wahres Fundament sein soll; im Gegenteil, der "dritte Terminus", hier der Staat, ist konzen- trierter Ausdruck des unversöhnlichen Charakters des Wider- spruchs; seine alleinige "Lösung" besteht in der materiellen Zer- störung dieser Grundlagen durch eine wirkliche revolutionäre Tat, eine Lösung, die also keineswegs den spekulativen Übergang in eine andere Sphäre der Idee darstellt, sondern den wirklichen Übergang in eine andere Etappe der Geschichte, wo dieser Wider- spruch weniger gelöst als abgeschafft ist. Diesen von Grund auf nicht-Hegelianischen Typ von Widerspruch be- zeichnen Marx und Engels, obgleich sie im Rahmen der Funktional- analyse gemäß einer transformierten Logik die Kategorien offenbar von Hegel übernehmen, etwas indifferent mit den Ausdrücken "Gegensatz" und "Widerspruch", und der materielle Widerspruch durch die Reflexion im Kopf des Menschen begriffen wird. Von Zeit zu Zeit, z.B. im Brief von Marx an Annenkov im Dezember 1846 und im "Elend der Philosophie" wird als exakteres Synonym der franzö- sische Ausdruck A n t a g o n i s m u s gebraucht (mit dem spä- ter Engels Klassengegensatz zu Klassenantagonismus übersetzt). Dann wurde dieser Begriff, scheinbar völlig integriert, in A n t a g o n i s m u s, a n t a g o n i s t i s c h ver- deutscht, z.B. im Vorwort der "Beiträge", in den Büchern I und IV des "Kapital" usw. Zusammengefaßt kann man sagen, daß im Zentrum des spezifisch marxistischen Denkens die Kategorie des Antagonis- mus steht, daß der antagonistische Widerspruch das zentrale Ele- ment des "rationellen Kerns" konstituiert, freigelegt durch die materialistische Umkehrung der Herrschen Dialektik. zurück