Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
zurück
Ursula Koch
ZUM IDEOLOGIEGEHALT SOZIOLOGISCHER FORSCHUNGSMETHODEN
Im Rahmen der systematischen Analyse der Gesellschaft erhebt sich
die Frage nach der Adäquanz der Methoden zu ihrer Untersuchung.
Die soziologische Methodendiskussion , die bislang vorwiegend im-
manent und unter dem vorherrschenden Gesichtspunkt der Exaktheit
der Methoden geführt worden ist, kann ihre eigenen, meist unaus-
gesprochenen Prämissen nicht länger der Reflexion entziehen.
Einerseits verweist die Entwicklung der Sozialforschung in der
BRD selbst auf die Notwendigkeit, methodologische Grundlagen der
praktischen Forschung zu überprüfen. Neue Ansätze wie der der
Handlungsforschung, Überlegungen wie die der "Sozialforschung als
politische Handlung" und nicht zuletzt die Existenz immenser
"Datenfriedhöfe" in den Sozialforschungsinstitutionen können als
Indizien dafür gewertet werden, daß die Sozialforschung sich von
ihren ursprünglichen pragmatischen Aufgaben entfernt hat oder sie
jedenfalls nicht mehr adäquat zu lösen vermag. Diese generelle
Unfähigkeit ist nicht der Qualität der bestehenden Methoden al-
lein zuzuschreiben. Vielmehr muß die gesamte Forschungsaktivität
gesehen werden als Ausdruck der bestimmten Funktionsweisen der
Produktivkraft Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft.
Zum anderen heben die Existenz der sozialistischen Staaten und
deren Erfolg auf gesellschafts- und auch außenpolitischem Gebiet
die ideologische Auseinandersetzung über die theoretischen und
technischen Grundlagen der Sozialforschung auf eine neue Ebene.
Wurde die Frage nach der Formationsspezifik soziologischer For-
schungsmethoden schon vor 10 Jahren in der Diskussion um die am-
bivalente Situation der Sozialforschung als fortschrittliche oder
affirmative angedeutet, so wird die "Austauschbarkeit" der empi-
rischen Methoden nun vollends zum Problem, wo sich zeigt, daß in
der DDR ebenfalls Sozialforschung in erheblichem Ausmaß betrieben
wird - offensichtlich mit den gleichen "bürgerlichen" Methoden,
jedoch aufgrund des gesellschaftlichen Eigentums an Produktions-
mitteln notwendig mit anderen Zielsetzungen.
Im folgenden soll versucht werden, zu zeigen, wo die bürgerliche
Gesellschaft systematisch in den soziologischen Forschungsmetho-
den "wiederzuerkennen" ist: es soll die kapitalistische Gesell-
schaftsordnung als Entstehungskriterium in der Analyse der Metho-
den selbst aufgewiesen werden. Grundlage der Untersuchungen ist
dabei die Auffassung vom Erkennungsprozeß als Teil der gesell-
schaftlichen Arbeitsteilung und weiterhin die veränderte Funktion
der Arbeits- und Erkenntnismittel in der DDR als einer Gesell-
schaft in der Phase des Aufbaus des Sozialismus. Das allgemeine
Postulat vom bestimmten Verhältnis zwischen Gegenstand und Me-
thode soll - einzelwissenschaftlich eingeschränkt - am Beispiel
des Einflusses der Gesellschaftsform und ihrer Theorie auf die
soziologischen Forschungsmethoden exemplifiziert werden.
1. Die neue Stellung der soziologischen Erkenntnismittel
--------------------------------------------------------
Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Erkennen führt zu ganz be-
stimmten Konsequenzen in Bezug auf die sozialökonomische Determi-
nation der Erkenntnismittel. Diese Konsequenzen lassen sich ei-
nerseits allgemein formulieren als generelle Aussagen über die
Stellung von Arbeitsmitteln im Rahmen der assoziierten Arbeit;
andererseits müssen sie spezifisch gefaßt werden als die Hilfs-
mittel, die einem jeweiligen Erkenntnisbereich zugehörig sind.
Unter den Bedingungen der assoziierten Arbeit werden die Arbeits-
mittel wieder das, was sie ursprünglich waren: Sie werden als
einfaches Hilfsmittel benutzt, das der Arbeiter zwischen sich und
den Gegenstand schiebt. Unter kapitalistischen Produktionsver-
hältnissen spiegeln die Arbeitsmittel insofern das Klassenver-
hältnis wieder, als die Arbeitsmittel ja zum fixem Kapital gehö-
ren und in ihrer Anwendung daher nicht dem Produzenten, sondern
dem Käufer der lebendigen Arbeitskraft dienen. Es erscheint not-
wendig, daß diese eingeengte Funktion die Form der Arbeitsmittel
mit beeinflußt. Dasselbe muß auch für die Erkenntnismittel, d.h.
für die wissenschaftlichen Methoden gelten.
Diese Analogie zwischen Arbeits- und Erkenntnismittel kann nicht
auf allen Ebenen problemlos angenommen werden, zumal Erkenntnis-
mittel vorwiegend nicht reell subsumiert sind. Zum Zweck der
Kennzeichnung der gesellschaftlichen Formbestimmtheit der Er-
kenntnis und ihrer Mittel erscheint mir jedoch die Zugrundelegung
dieser Analogie zulässig. 1)
So, wie die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit zustandegekommen
sind aufgrund unterschiedlicher Problemkomplexe und Lösungsstra-
tegien, werden sie auch in unterschiedlicher und je spezifischer
Weise der gesellschaftlichen Nutzung zugeführt. "In der bürgerli-
chen Gesellschaft ist die lebendige Arbeit nur ein Mittel, die
aufgehäufte Arbeit zu vermehren. In der kommunistischen Gesell-
schaft ist die aufgehäufte Arbeit nur ein Mittel, um den Lebens-
prozeß der Arbeiter zu erweitern, zu bereichern, zu befördern".
2) Die von den Produzenten selbst geschaffenen Arbeitsmittel (die
aufgehäufte Arbeit) wenden sich nicht mehr in Form von fixem Ka-
pital gegen sie, sondern sie bleiben innerhalb der Verfügung der
Produzenten selbst. Es ist daher zu erwarten, daß diese neue
Funktion der Arbeitsmittel auch ihre Form modifiziert. Die Modi-
fikationen müßten sowohl bei materiellen wie auch bei ideellen
Arbeitsmitteln nachzuweisen sein. Da der zu bearbeitende bzw. zu
erkennende Gegenstand in doppelter Weise materiell determiniert
ist, einerseits als Naturgegenstand, andererseits als Gegenstand
innerhalb der bestimmten gesellschaftlichen Reproduktion, muß das
Arbeitsmittel sich notwendig auf beide Aspekte beziehen und von
ihnen abhängig sein. Das Ding jedoch, dessen sich der Arbeitende
unmittelbar bemächtigt, ist nicht der Gegenstand selbst, sondern
zunächst das Arbeitsmittel. Es tritt daher in den unmittelbarsten
Kontakt zum Arbeiter und ist so (vor allem als bereits bearbeite-
tes Arbeitsmittel) direkt von seinen Bedürfnissen beeinflußt.
Seine Bedürfnisse wiederum sind nur zu verstehen im gesellschaft-
lichen Produktions- und Lebenszusammenhang. In einer allgemeinen
Form kommt dabei dem Arbeitsmittel die Funktion eines Gradmessers
der gesellschaftlichen Entwicklung zu, das offensichtlich
Schlüsse zuläßt über die Gesellschaftsformation, in der es ange-
wendet und entwickelt wurde. "Nicht was gemacht ist, sondern wie,
mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökono-
mischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der
Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern a u c h A n-
z e i g e r d e r g e s e l l s c h a f t l i c h e n V e r-
h ä l t n i s s e, w o r i n g e a r b e i t e t w i r d". 3)
Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Übergangsgesellschaft
sind charakterisiert durch das Eigentum der Produzenten an den
Produktionsmitteln. Das Eigentum ist dabei aber nicht nur die Be-
ziehung, auf deren Grundlage Arbeitsprozesse stattfinden, sondern
die Eigentumsbeziehung zu den Produktionsmitteln ist die perma-
nente tätige Aneignung selbst im Rahmen der gemeinschaftlichen
Anwendung der Produktionmittel. Im Prozeß der Aneignung während
der Produktion verwirklicht sich erst das gesellschaftliche Ei-
gentum: - ... das Eigentum, soweit es nur das bewußte Verhalten
... zu den Produktionsbedingungen als den seinen ist, das Dasein
des Produzenten also als Dasein in den ihm gehörigen objektiven
Bedingungen erscheint, - wird erst verwirklicht durch die Produk-
tion selbst. Die wirkliche Aneignung geschieht erst nicht in der
gedachten, sondern in der tätigen, realen Beziehung auf diese Be-
dingungen - das wirkliche Setzen derselben als der Bedingungen
seiner subjektiven Tätigkeit." 4)
Die Einbeziehung des subjektiven Faktors in die Produktionsbedin-
gungen weist auf ein wesentliches Ergebnis der vergesellschafte-
ten Arbeit hin: Auf die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Indi-
viduum und Gesellschaft. In der sozialistischen Gesellschaft wird
individuelle Arbeit direkt als gesellschaftliche verausgabt, und
jedes einzelne Individuum begreift ( bei entsprechend entwickel-
tem Bewußtsein) seine Arbeit bewußt als gesellschaftliche. Her-
stellung wie auch Aneignung der Produkte geschehen gemeinschaft-
lich, so daß die Einheit von Individuum und Gesellschaft an der
Oberfläche jedes Arbeitsprozesses spürbar ist und das adäquate
Bewußtsein sich nicht gegen die subjektive Tätigkeit entwickeln
muß. Die gesellschaftlichen Beziehungen liegen dem Denken jetzt -
als machbare und bewußt gemachte - unverschleiert offen; diese
Offenheit bedeutet ein qualitativ neues Verhältnis zwischen ge-
sellschaftlicher Praxis und Gesellschaftstheorie. War die wissen-
schaftliche Analyse der bürgerlichen Gesellschaft hauptsächlich
Ausdruck des sich unabhängig von den Individuen vollziehenden ma-
teriellen Prozesses - der Bewegung des Kapitals -, so müssen die
gesellschaftlichen Prozesse im Sozialismus bewußt gestaltet wer-
den auf der Grundlage ihrer theoretischen Antizipation. 5) Die
Erkenntnismittel, d.h., die Methoden, derer sich die gesell-
schaftswissenschaftliche Forschung bedient, müssen bis zu einem
gewissen Grade die Offenheit der Beziehungen zwischen materieller
Basis und gesellschaftlichen Prozessen, zwischen tätigen Indivi-
duen und der ihnen zugrunde liegenden Gesellschaftsordnung wider-
spiegeln.
Nun kann es allerdings nicht Aufgabe der Sozialwissenschaften
bleiben, die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft in
solch globaler Form zum Gegenstand ihrer Analyse zu machen. Dar-
zustellen sind also das allgemeine Bewußtsein und auch die ver-
mittelnden Glieder in diesen Beziehungen, z.B. die Gruppen. Um
einer Verabsolutierung der Gruppen, Gruppennormen usw. zu entge-
hen, ist es notwendig, die Gruppen sowohl in erkenntnistheoreti-
scher Hinsicht wie auch in gesellschaftstheoretischer Hinsicht
als Vermittlungsglied zwischen Individuum und Gesellschaft auf
dem Hintergrunde der sozialen Determination des Individuum zu er-
fassen. Hahn führt dazu aus: "Wie bei kaum einem anderen soziolo-
gisch-theoretischen Problem ist bei diesem der Standpunkt von
ausschlaggebender Bedeutung, daß der übergreifende Zusammenhang
innerhalb des Ganzen der Gesellschaft dargestellt werden muß, ehe
die einzelnen abstrakten Momente ihrer gegenseitigen Wechselwir-
kung zur Darstellung gelangen können." 6) Die besondere Wechsel-
wirkung zwischen Individuum und Gesellschaft über das Medium der
Gruppen läßt sich allerdings nicht einfach als "gegenseitige"
apostrophieren. Sie muß jeweils konkret an bestimmten Gruppen
analysiert werden. Die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen,
die gemacht wurden, legen zumindest nahe, daß die Individuen
durch ihre materiell-gesellschaftlichen Beziehungen geprägt sind.
Im besonderen kann die Wirksamkeit einer Gruppe auf ein Indivi-
duum gerade so dargestellt werden, daß die relevanten gesell-
schaftlichen Inhalte der Gesellschaft über die Gruppe vermittelt
werden. "Stets wirken also derartige gesellschaftliche Gebilde
nicht schlechthin als solche, sondern dadurch, daß das Gebilde
Träger, ·Repräsentant eines bestimmten ideellen Gehalts ist." 7)
Der "bestimmte ideelle Gehalt" in der sozialistischen Gesell-
schaft ist das sozialistische Bewußtsein, die adäquate Widerspie-
gelung der vergesellschafteten Produktivkräfte und der gesell-
schaftlichen Aufgaben. Die soziologischen Forschungsmethoden als
Erkenntnismittel müssen also eingehen auf die gesellschaftliche
Bestimmtheit sowohl der Individuen wie auch der Gruppen, die Ge-
genstand der soziologischen Forschung sind.
2. Zur Einheit von Theorie und Empirie
--------------------------------------
Darüber hinaus muß geklärt werden, welche Funktionen soziologi-
sche Methoden generell als Erkenntnismittel besitzen. Dazu ist es
notwendig, wenigstens in Umrissen das Verhältnis zwischen sozio-
logischer Theorie und Empirie darzustellen. Diese Darstellung
soll von vornherein nicht primär als Auseinandersetzung mit der
positivistischen Auffassung von Gesellschaftstheorien geleistet
werden, sondern soll sich am Verständnis der marxistischen sozio-
logischen Forschung in der DDR orientieren.
Die Frage nach der allgemeinen soziologischen Theorie wird von
Erich Hahn in einer in der DD R als gültig anzusehenden Form be-
antwortet: Er spricht von dem "Tatbestand ..., daß der histori-
sche Materialismus die allgemeine marxistische Soziologie oder
die allgemeine soziologische Theorie des Marxismus darstellt". 8)
Wenn versucht wurde 9), in der Gruppe der DDR-Soziologen unter-
schiedliche Positionen zu definieren, die von der Absetzung vom
historischen Materialismus bis zur bedingungslosen und dogmati-
schen Verpflichtung gegenüber dieser Theorie rangieren, so er-
weist sich m.E. zumindest dieses Kriterium, d.h. die Stellung zum
historischen Materialismus, als ungeeignet. Unterschiede zu kenn-
zeichnen. Die soziologischen Veröffentlichungen in der DDR basie-
ren alle auf den in der Theorie und in der gesellschaftlichen
Praxis als relevant erkannten Gesetzmäßigkeiten, die den Inhalt
des wissenschaftlichen Sozialismus bilden. Aussagen wie die von
Braunreuther: "Die allgemeine Soziologie, die der historische Ma-
terialismus darstellt, kann sich ihrerseits nur auf der Grundlage
der vielen speziellen Forschungen weiterentwickeln" 10) kann m.
E. nur im Zusammenhang mit dem Verständnis von Theorie und Empi-
rie als untrennbarer Einheit bei der Erlangung von Wissen über
die Gesellschaft interpretiert werden. Keinesfalls kann eine sol-
che Aussage (wie Bütow vermutet) als Beleg für die Existenz einer
Gruppe von Soziologen in der DDR gewertet werden, deren Ziel
darin besteht, in der Absetzung vom historischen Materialismus
"ein eigenes Profil" zu gewinnen. 11) Die Weiterentwicklung der
soziologischen Theorie muß auf der Grundlage der von Marx erkann-
ten allgemeinen Bewegungsgesetze vielmehr so verstanden werden,
daß vorliegende Lösungen auf neu entstehende Fragen anzuwenden
sind und daß darüber hinaus die Aufdeckung neuer Gesetzmäßigkei-
ten zur Aufgabe der soziologischen Forschung wird.
Da die Produzenten in einem bewußten Verhältnis zur Gestaltung
der gesellschaftlichen Prozesse stehen sollen, bedeutet das für
die soziologische Theorie, daß sie "in einem Maße der ständigen
Konfrontation mit der Praxis ausgesetzt (ist), wie das in der Ge-
schichte der menschlichen Gesellschaft niemals vorher der Fall
war". 12) Als Bindeglied zwischen der Theorie und der objektiven
Realität ist die Empirie zu verstehen. Beide wiederum, Theorie
und Empirie, sind Glieder des Gesamtzusammenhanges von Wissen-
schaft und Praxis.
Die Einheit von Theorie und Empirie kann einerseits unter dem
Aspekt der Widerspiegelung der Wirklichkeit betrachtet werden.
Beide, Theorie und Empirie, stellen durchaus "gleichwertige" wis-
senschaftliche Widerspiegelungsbeziehungen dar. Andererseits set-
zen Theorie und Empirie einander wechselseitig voraus und sind
auch unter diesem Aspekt nicht zu trennen. Das Problem, das zu
einer empirischen Untersuchung führt, stammt in erster Linie aus
der gesellschaftlichen Entwicklung selbst. Die Problemgegenstände
in der sozialistischen Gesellschaft sind ganz bewußt Teil der im
gesellschaftlichen Rahmen zu erlangenden Verfahren zur Befriedi-
gung der Bedürfnisse. Dieses objektive Abbild von gesellschaftli-
chen Problemen verläuft allerdings in seiner Entwicklung nicht
linear und widerspruchsfrei. Die Widerspiegelung enthält immer
auch subjektive Momente, die den Zustand des das Problem rezipie-
renden Subjekts betreffen. Das heißt, in die Auffassung, wie ein
Problem zum Zweck einer wissenschaftlichen Untersuchung zu formu-
lieren sei, gehen die objektiven Zustände der gesellschaftlichen
Realität ebenso ein wie die subjektive Einschätzung dieses objek-
tiven Zustands. Von psychologisierenden Deutungen des subjektiven
Faktors soll allerdings in diesem Zusammenhange abgesehen werden;
gemeint sind in erster Linie die ideellen Abbilder der Wirklich-
keit, die sich als bestimmte Auffassungen von der Realität in den
Köpfen der Menschen wiederfinden: Gemeint ist also die Gesell-
schaftstheorie selbst. 13) Das bedeutet aber im Kontext der wech-
selseitigen Voraussetzung von Theorie und Empirie, daß nicht nur,
wie eben dargestellt, die gesellschaftliche Entwicklung selbst
zur Formulierung eines Problems in der Sozialforschung führt,
sondern daß die Theorie schon in die Erfassung des Problems mit
eingeht und insofern die Empirie bedingt. Die Theorie ist wie-
derum nicht ein Konglomerat von theoretischen Setzungen, sondern
sie besteht ja u.a. aus den verallgemeinerten Schlußfolgerungen
vorangegangener empirischer Untersuchungen. Auf dieser allgemei-
nen Ebene ist es daher m.E. recht müßig, zu versuchen, die Prio-
rität der einen oder der anderen, d.h. der Theorie oder der Empi-
rie, feststellen zu wollen.
Bevor die einzelnen Etappen der Sozialforschung jedoch im Hin-
blick auf ihre theoretische und methodologische Relevanz darge-
stellt werden können, müssen die Begriffe Theorie und Empirie ei-
ner kurzen klärenden Untersuchung unterzogen werden. Wenn von
T h e o r i e die Rede ist, dann soll es sich in unserem Zusam-
menhang um soziologische Theorie handeln, d.h. um Theorie von der
Gesellschaft. Die von Marx aufgedeckten Bewegungsgesetze der bür-
gerlichen Gesellschaft können beanspruchen, gesellschaftliche
Theorie zu sein. Ebenso gilt dies für die aus ihnen abgeleiteten
Aussagen über die Übergangsgesellschaft, obwohl diese Gesell-
schaftsform selbst nicht auf eine vollständige Theorie "zurück-
greifen" kann. Da einzelne gesetzmäßige Zusammenhänge dieser
Gesellschaftsformation bekannt sind (so etwa das Gesetz der
Ökonomie der Zeit, das Gesetz des Übergangs vom Kapitalismus zum
Sozialismus, das Gesetz der planmäßigen Entwicklung der Volks-
wirtschaft, das sozialistische Aneignungsgesetz) 14) kann von
dieser Grundlage aus die Erforschung der sozialistischen Wirk-
lichkeit und die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie vor-
angetrieben werden. "Zusammen mit der empirischen Basis bestimmen
... (die) grundlegenden Abstraktionen das Wesen und den Charakter
der betreffenden Theorie," 15) ···.
Hahn nennt nach Jolon vier verschiedene Aspekte, unter denen eine
wissenschaftliche Theorie als System bezeichnet werden kann: 1.
als logisches System, das sich bestimmter, auf der Grundlage von
Regeln gebildeter, Zeichen und Symbole bedient; 2. als sprachli-
ches System, das in Form von Axiomen und Theoremen aufgebaut ist;
3. als erklärendes System, das die Tendenzen der Entwicklung und
Veränderung der Wirklichkeit aufzufinden und Prognosen zu liefern
hat; 4. als heuristisches System, das als Mittel der Erlangung
neuer Kenntnisse und der Veränderung des Objekts dient. 16) In
dieser Systematik sind in Bezug auf die Gesellschaftswissenschaft
und die in ihr formulierte Theorie besonders die letzten beiden
Aspekte von Relevanz. Sie zeigen das Wesentliche einer Theorie
auf, nämlich die Eigenschaft, F a k t e n z u e r k l ä r e n.
Genau an dieser Stelle, in ihrer Erklärungsfunktion, muß die Ein-
heit der Fakten mit der Theorie festgemacht werden. Wenn also
später 17) im Zusammenhang mit der Auswahl und Begründung von Me-
thoden der empirischen Forschung von den Erfordernissen der Fak-
tensammlung die Rede sein wird, so geht in die begriffliche Fas-
sung der Fakten bereits ein Stück von der Theorie von der betref-
fenden Gesellschaft ein: Es werden also ganz bestimmte Fakten ge-
sammelt, deren Erfassung nur auf der Grundlage der sozialisti-
schen Produktionsverhältnisse und der entsprechenden Theorie mög-
lich ist, die diese Verhältnisse abbildet.
Bei der Verwendung des Begriffs E m p i r i e muß unterschieden
werden zwischen der von Marx und Engels immer wieder gebrauchten
Anwendung und zwischen dem Begriff Empirie als Kennzeichnung ei-
ner "relativ selbständigen, wesentlichen Stufe der wissenschaft-
lichen Erkenntnis". 18) Wenn, besonders in der "Deutschen Ideolo-
gie", zur Darstellung der Bedingungen des historischen Werdens
des jeweiligen gesellschaftlichen Zustandes die Rede ist vom
empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen ge-
knüpften" Lebensprozeß, oder von dem "wirklichen, empirisch an-
schaulichen Entwicklungsprozeß unter bestimmten Bedingungen" 19),
so haftet der Verwendung des Begriffs "empirisch" eine Bedeutung
an, die den üblichen und auch unseren Rahmen einer methodologi-
schen Untersuchung im Bereich der empirischen Sozialforschung
weit überschreitet. Marx und Engels wenden sich mit diesem Be-
griff hauptsächlich gegen die unhistorische Rezeption einfacher
Fakten die, losgelöst von ihrem gesellschaftlichen Entstehungs-
und Begründungszusammenhang, keinen erkenntnismäßigen Wert hat.
Der Begriff wendet sich also in Wirklichkeit gegen empiristische
Auffassungen von der Realität und ist selbst schon wieder ein
höchst theoretischer Begriff. "Sobald dieser tätige Lebensprozeß
dargestellt wird, hört die Geschichte auf, eine Sammlung toter
Fakta zu sein, wie bei den selbst noch abstrakten Empirikern,
oder eine eingebildete Aktion eingebildeter Subjekte, wie bei den
Idealisten." 20) Das heißt, ohne den gesetzmäßigen gesellschaft-
lichen Zusammenhang erscheinen alle Fakten als tote Fakten, und
die Forscher, die in diesem Sinne ahistorisch vorgehen, sind
gleichzusetzen mit Idealisten. Hahn setzt den von Marx und Engels
gebrauchten Begriff "empirisch" daher gleich mit "nicht spekula-
tiv, nicht idealistisch, nicht ausgedacht, nicht erfunden, nicht
willkürlich". 21)
Empirie im hier verwendeten Sinne soll jedoch lediglich die Stufe
im Prozeß des wissenschaftlichen Erkennens der Gesellschaft be-
zeichnen, "in der mit Hilfe der verschiedenartigsten Methoden die
Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens erfaßt und nach be-
stimmten Kriterien systematisiert werden" 22) Diese Bestimmung
zeigt die Einheit von Empirie und Theorie insofern auf, als ei-
nerseits die Frage nach den erkenntnistheoretischen Voraussetzun-
gen in materialistischer Weise beantwortet wird ("die Erscheinun-
gen des gesellschaftlichen Lebens"), andererseits die "bestimmten
Kriterien" der Systematisierung auf die zugrundeliegende Gesell-
schaftstheorie hinweisen. Das heißt, daß Empirie oder empirische
Sozialforschung keineswegs eine durch ihren rein instrumentellen
Charakter aus dem theoretischen soziologischen Erkenntnisprozeß
auszugliedernde Phase ist. Ihre Durchführung ist daher einerseits
nicht zu trennen vom ideellen Abbild der Gesellschaft, in der sie
angewendet wird; andererseits ist Empirie zwingende wissenschaft-
liche Praxis und somit keinesfalls beliebig im Sinne der Durch-
führung oder Unterlassung im Erkenntnisprozeß.
3. Der Einfluß der Theorie auf den Forschungsprozeß
---------------------------------------------------
Welches sind nun die Etappen eines konkreten soziologischen For-
schungsprozesses und in welcher Weise beeinflußt die Theorie jede
einzelne Etappe? Der Aufzählung der einzelnen Phasen muß vorange-
schickt werden, daß auch eine Systematisierung unter anderen Ge-
sichtspunkten möglich wäre; der hier folgende Vorschlag läßt z.B.
einzelne Schritte (etwa den Pretest) aus, die speziell bei der
Frage des Einflusses der Theorie methodisch keine hervorgehobene
Rolle spielen.
Generell können vier Phasen unterschieden werden: a. die Auswahl
des Forschungsobjektes, b. die Auswahl der Methoden, c. die Da-
tensammlung, d. die Auswertung der Daten und die Erklärung des
empirischen Materials. 23)
Die Wahl des Forschungsobjekts
------------------------------
Die W a h l d e s F o r s c h u n g s o b j e k t s ist in
der sozialistischen Gesellschaft in zweierlei Hinsicht von der
Theorie, d.h. von der Theorie von der sozialistischen Gesell-
schaft und von der theoretischen Erfassung einzelner Bereiche ab-
hängig. Einerseits in dem allgemeinen Sinne, indem auch in einer
anderen Gesellschaftsform die Wahl des Forschungsobjekts und die
Formulierung der Hypothesen 24) nur auf dem Hintergrund der theo-
retischen Ausgangsposition des Forschers gesehen werden kann.
Teilweise wird dieser Einfluß in der bürgerlichen Sozialforschung
insofern negiert, als er nur in psychologisierender Form darge-
stellt wird. So spricht etwa R. König von der "ausgesprochenen
hypothesenbildenden Phantasie", die zwar "auf den Gegebenheiten
des unmittelbarsten sozialen Alltags beruht", aber ansonsten ge-
höre "es zu den Merkmalen menschlicher Reife, daß sie 'wissend'
sein kann, ohne darum ihre Unbefangenheit zu verlieren". 25) Von
Unbefangenheit kann jedoch in keinem Falle die Rede sein, denn
bereits die Sprache, in der das zu untersuchende Problem ausge-
wählt wird, die Kategorien, vermittels welcher ein Stück Wirk-
lichkeit zum Gegenstand der Forschung gemacht wird, drücken eine
ganz bestimmte Konzeption vom Gegenstandsbereich aus. H. Albert
verabsolutiert diesen Aspekt und nennt die Wissenschaften nach K.
Popper nur noch "Sprachstile". 26) Die prinzipielle Möglichkeit,
Wesentliches über die gewählten Forschungsobjekte aussagen zu
können, bleibt für ihn dem Forschungsprozeß selbst fremd: Es sei
"ein genetisches Problem, das bestenfalls in die Psychologie ge-
hört, nicht aber in die Erkenntnistheorie (bzw. Wissenschafts-
lehre oder Methodologie)". 27)
Wenn dabei das Bedürfnis nach objektiven Daten die Wahl des For-
schungsobjekts immer "konkreter" werden läßt, d.h. wenn etwa die
Gesellschaft zum Zwecke der genaueren Erfassung in Gruppen, diese
Gruppen wiederum in Einzelpersonen zersplittert werden, und diese
Einzelpersonen dann zum Forschungsobjekt werden, obwohl letzten
Endes etwas über die Gesellschaft ausgesagt werden sollte, dann
spiegelt diese Vorgehensweise bei der Objektauswahl nicht nur
einen fehlenden gesellschaftstheoretischen Zusammenhang wieder,
sondern impliziert bereits wieder eine Auffassung von der Gesell-
schaft ungefähr in der Art eines "menschlichen Aggregats von In-
dividuen".
"Gleiche objektive Problemsituationen können in Abhängigkeit von
unterschiedlichen ideologischen Standpunkten sehr verschieden de-
finiert werden", schreibt Schliwa 28). Dem muß hinzugefügt wer-
den, daß von entsprechenden Standpunkten aus manche Probleme
überhaupt nicht erkannt werden. Die Gefahr des Abgleitens in nur
psychologische Begründungszusammenhänge der Erkenntnistätigkeit
besteht nach Schliwa in der sozialistischen Gesellschaft nicht,
da der gesellschaftliche Zusammenhang der einzelnen Phänomene
nach und nach zum allgemeinen Bewußtsein gemacht wird; "Alle Ver-
änderungen und weitreichende Ereignisse im politisch-gesell-
schaftlichen Bereich sind als Problemsituation zu bestimmen, vor
die die Klassen und Klassenindividuen gestellt sind. Die ideolo-
gische Arbeit in der sozialistischen Gesellschaft ist wesentlich
darauf gerichtet, die sozialistischen Persönlichkeiten und Kol-
lektive zu befähigen, diese Situationen vom Standpunkt ihrer
Grundinteressen, der Interessen des sozialistischen gesellschaft-
lichen Gesamtsubjekts, in ihrem wesentlichen Inhalt zu begreifen
und das theoretische wie praktische Problemlösungsverhalten
dementsprechend zu gestalten." 29)
In der einen oder anderen, d.h. ideologiekritischen oder system-
kritischen Form ist das Bewußtsein vom Einfluß bestimmter theore-
tischer Auffassungen auf die Wahl des Forschungsobjekts in der
neueren Literatur zur Sozialforschung jedoch schon ein allgemei-
nes, so daß dieser Aspekt hier nicht weiter verfolgt zu werden
braucht.
Dargestellt werden sollte dagegen der besondere Einfluß der Theo-
rie der sozialistischen Gesellschaft auf die Wahl des Forschungs-
objekts. Das entscheidende Spezifikum ist dabei die Tatsache, daß
die Theorie über die b e w u ß t gestaltete Praxis Einfluß
nimmt. Das heißt, der Einfluß der Praxis findet nicht in vager
Form, etwa als "sozialer Alltag" Eingang in den Forschungsprozeß,
sondern die Ausführung eines soziologischen Forschungsvorhabens
ist selbst Teil der bewußt gestalteten gesellschaftlichen Pro-
zesse. Insofern ist die Auffassung des Forschers von der Ge-
sellschaft zwingend vorgegeben, denn er kann nicht einerseits ein
konkretes gesellschaftliches Problem in einer geplanten Gesell-
schaft der effektiveren Inangriffnahme zuführen wollen und ande-
rerseits eine Gesellschaftstheorie in seinem Forschungsprozeß zur
Geltung kommen lassen, die das Finden der relevanten gesell-
schaftlichen Probleme weitgehend dem individuellen Forscher oder
gar der Einschätzung der "Nachwelt" überläßt.
Indem also die gesellschaftlichen Prozesse gestaltet werden auf
der Grundlage der Kenntnis der grundlegenden Bewegungsgesetze der
Gesellschaft, kann die Ausführung von soziologischen Forschungs-
vorhaben auch nichts weiter sein als ein Stück dieser Gestaltung,
die direkte Vorarbeit zu praktischen Maßnahmen. Die Kenntnis
grundlegender Gesetzmäßigkeiten zeigt dabei jedoch nur den Zusam-
menhang auf, in dem einzelne Teilbereiche wirken. Ansonsten sol-
len "die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens... mit maxi-
maler Gründlichkeit erfaßt werden. Daher können und müssen die
einzelnen Seiten, Momente und sogar Elemente des gesellschaftli-
chen Lebens erforscht werden (ohne daß dabei selbstverständlich
vergessen wird, daß die Erforschung der Gesellschaft als Ganzes
notwendig ist). Aber die Aufgabe besteht darin, dieses Element
richtig auszusondern". 30)
Nun ist es nicht die besondere Aufgabe der Sozialwissenschaftler,
die Entwicklung der Gesellschaft voranzutreiben. Das wird viel-
mehr von allen Mitgliedern des "werktätigen Volkes" besorgt. Die
Partei der Arbeiterklasse (in der DDR die SED) sieht es als ihre
Aufgabe, die unterschiedlichen Anstrengungen zu koordinieren, die
bisherigen Erfahrungen auszuwerten und neue Aufträge zu erteilen.
Obwohl gerade auf der Ebene der Parteiarbeit prinzipiell zwischen
taktischen und "gesellschaftstheoretischen" Maßnahmen und Be-
schlüssen unterschieden werden muß, soll hier die Aktivität der
Parteiarbeit herausgegriffen werden, die unmittelbar relevant für
die Arbeit der Soziologen ist. So berichtet K. Hager: "Der VIII.
Parteitag leistete einen bedeutenden Beitrag zur marxistisch-
leninistischen Theorie und ihrer schöpferischen Anwendung auf die
konkreten Bedingungen der DDR. Er bestimmte wissenschaftlich ex-
akt die gegenwärtige Entwicklungsetappe der sozialistischen Ge-
sellschaft in der DDR und legte die Aufgaben zu ihrer weiteren
Gestaltung fest." 31)
Die Ausführung der von der Partei auf dem Parteitag beschlossenen
Aufgaben für die Gesellschaftswissenschaften obliegt unterschied-
lichen Institutionen, die P.C. Ludz in "parteieigene", "partei-
nahe" und "parteiferne" klassifiziert hat; innerhalb dieser
Institutionen lassen sich (nach Ludz) wiederum vier Ebenen der
Forschung angeben: 32) Die erste Ebene stellt die Ideologische
Kommission beim Politbüro des Zentralkomitees der SED dar; sie
formuliert in recht allgemeiner Form das Rahmenprogramm für die
Forschung. Die zweite Ebene ist das Institut für Gesell-
schaftswissenschaften beim ZK der SED, Abteilung Soziologische
Forschung; hier wird das Forschungsprogramm gemäß dem Rahmenpro-
gramm genauer formuliert und in einzelne Forschungsaufgaben auf-
gegliedert. Die dritte Ebene, auf der die Durchführung der For-
schungsprogramme geschieht, stellt entweder das Institut für Ge-
sellschaftswissenschaften beim ZK der SED selbst ("parteieigene
Forschung"), oder es delegiert die Durchführung an überregionale
Institute, wie die Sektion Soziologie bei der "Vereinigung philo-
sophischer Institutionen der DDR" und die Sektionen für Philoso-
phie und Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaf-
ten; im Bereich der Humboldt-Universität an die Soziologische
Kommission beim Prorektorat für Gesellschaftswissenschaften und
insbesondere die Interfakultative Forschungsgemeinschaft
"Soziologie und Gesellschaft" 33). Die vierte Ebene sind schließ-
lich die Universitätsinstitute, die die Aufträge für ganz be-
stimmte Forschungsvorhaben bekommen. In ihnen wird genau festge-
legt, welche Mitarbeiter an welchen Aufgaben arbeiten sollen etc.
Ein Beispiel dafür ist etwa die Darstellung des "Instanzenweges"
bei einer in Halle durchgeführten Untersuchung: "Das Zentralkomi-
tee der SED beschloß im September 1964 ein umfassendes Programm
der soziologischen Forschung in der DDR: 'Die Entwicklung des
kulturelltechnischen Niveaus der Werktätigen im Prozeß der tech-
nischen Revolution.' Dieses Programm gilt vorerst bis 1970 und
befindet sich im Stadium seiner Realisierung und Präzisierung.
... Für die Soziologische Abteilung der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg wurde daraus 1966 das Teilthema 'Die Entwicklung
des Verhältnisses der Werktätigen zur Arbeit im Prozeß der
technischen Revolution' zur selbständigen eigenverantwortlichen
Forschung bestimmt." 34) Ludz fügt hinzu: "Dieser einlinig ver-
laufende Zug der Organisation der Forschung 'von oben nach unten'
wird ergänzt durch einen 'von unten nach oben' gehenden Prozeß,
in dem die Institute der dritten oder auch der vierten Ebene etwa
die Gestaltung der Forschungsprogramme anregen." 35)
Die vier Ebenen der Planung der soziologischen Forschung, die von
Ludz unter dem Gesichtspunkt der Forschungsorganisation darge-
stellt werden, gewinnen in diesem Zusammenhang an Relevanz, inso-
fern sie zeigen, wie die führende Partei und ihre Einschätzung
der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft in beinah unmit-
telbarer Form Einfluß hat auf die Wahl der Forschungsfragen des
Soziologen. Aus der Forderung an die Gesellschaftswissenschaften,
sich als wirksames Instrument bei der Herausbildung und Vertie-
fung sozialistischer Denk- und Verhaltensweisen zu entwickeln,
ergibt sich, "daß wir auch in der weiteren Arbeit konsequent an
dem Grundsatz der inhaltlichen Leitung der Gesellschaftswissen-
schaften durch die Partei festhalten werden." 36)
Die unmittelbare gesellschaftliche Praxis selbst findet ihren
Niederschlag in unorganisierter Form (Anregungen 'von unten') wie
auch in organisierter Form über die Rechenschaftsberichte bei den
Parteitagen. Grundlage für die Einschätzung und Beeinflussung der
Entwicklung der Gesellschaft ist jedoch die Theorie von der so-
zialistischen Gesellschaft: "Theoretische Ausgangspunkte dafür
waren die Erkenntnisse der Klassiker des Marxismus-Leninismus
über den Charakter der Arbeit, und zwar sowohl über das allge-
meine (anthropologische) Verhältnis Mensch-Arbeit, als auch über
die Veränderlichkeit des Charakters der Arbeit entsprechend den
verschiedenen gesellschaftlichen Produktionsweisen. Weiterhin wa-
ren es die von der SED verarbeiteten, in ihren Dokumenten und Ma-
terialien enthaltenen aus Analysen der gesellschaftlichen Ent-
wicklung abgeleiteten Erkenntnisse, Beschlüsse und Grundgedanken
zur Arbeit unter den konkreten sozialistischen Verhältnissen in
der DDR. Schließlich waren es Veröffentlichungen marxistischer
Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen vor allem über
die Wandlung des Charakters der Arbeit unter den Bedingungen der
technischen Revolution." 37) In dieser bestimmten praktisch und
theoretisch hergeleiteten Form gewinnt das Postulat vom Einfluß
der Theorie auf die Auswahl des Forschungsobjekts in der soziali-
stischen Gesellschaft Relevanz.
Die Auswahl der Forschungsmethoden
----------------------------------
Die A u s w a h l d e r M e t h o d e n, die die Antworten
geben sollen auf die im Hypothesenansatz gestellten Fragen, er-
fordert ebenso wie die Auswahl des Forschungsobjektes selbst
weitreichende theoretische Erwägungen. Zu dieser Etappe des For-
schungsprozesses gehören sowohl Entscheidungen über die Verwen-
dung qualitativer Verfahrensweisen, wie auch schon die Planung
des Auswertungsmodus nach der Faktensammlung. Da alle quantita-
tiven Verfahren im Zusammenhang mit den qualitativen Verfahren
geplant und eingesetzt werden müssen, ist es notwendig, selbst
mathematische Auswahl verfahren von vornherein in detaillierter
Form und im Zusammenhang mit den Untersuchungshypothesen auszu-
wählen, da für die quantitative Analyse oft zusätzliche Bedingun-
gen erfüllt werden müssen (etwa Zufalls- oder Wahrscheinlich-
keitskriterien). Die für quantitative Verfahren wie etwa die Fak-
torenanalyse benötigten Daten können nicht erst nach Abschluß der
Datensammlung aus dem vorliegenden Material zusammengesucht wer-
den, sondern sie müssen bereits in das Stadium der Planung der
Untersuchung mit einbezogen werden. Dies gilt selbstverständlich
für jedes empirische Vorhaben in der bürgerlichen wie auch in der
sozialistischen Gesellschaft.
Die Kriterien, nach denen die Methoden ausgewählt werden, die
vorwiegend qualitative Informationen über den Forschungsgegen-
stand liefern sollen, können unter drei Gesichtspunkten zusammen-
gefaßt werden:
1) Es muß unter den Bedingungen der sozialistischen Gesellschaft
die Entscheidung getroffen werden, ob überhaupt Methoden aus der
Tradition der bürgerlichen empirischen Sozialforschung verwendet
werden sollen. Dieser Gesichtspunkt ist nicht immer berücksich-
tigt worden. Einerseits deswegen, weil eben nur jene Methoden zur
Verfügung standen und stehen, andererseits aus Gründen der noch
nicht differenziert genug entwickelten Methodendiskussion in der
Entwicklung der marxistischen Soziologie.
2) Der zweite Gesichtspunkt zur Auswahl der Methoden ist - wie-
derum generell - die Übereinstimmung der Verfahrensweisen mit den
Erfordernissen der Hypothese, d.h. mit der dem Gegenstand zu-
grunde liegenden Theorie. Dabei müssen solche Fragen in Erwägung
gezogen werden wie das Verhältnis zwischen Erscheinung und Wesen
des betreffenden Gegenstandes und den Möglichkeiten, mit Hilfe
bestimmter Verfahrensweisen Informationen über die vielfältigen
Aspekte des Gegenstandes zu erlangen, die geeignet sind, den Er-
kenntnisprozeß wirklich weiterzubringen und die nicht nur in ei-
ner Sammlung unterschiedlicher Fakten resultieren.
Es geht also darum, im Forschungsprozeß selbst die Wichtigkeit
der Einbeziehung a l l e r theoretischen Voraussetzungen, die
dem Forscher zur Verfügung stehen, zu betonen. Wenn die Relevanz
einzelner Teilbereiche oder Aspekte des Gegenstandes nicht rich-
tig eingeschätzt wird, gelangen bestimmte Methoden nicht zur An-
wendung. Das Ergebnis der Untersuchung kann dann keinesfalls be-
anspruchen, Wesentliches zur Erkenntnis des Gegenstandes beizu-
tragen. Als ein Beispiel dafür sei hier der Bericht von Geräts
e.a. 38) zitiert, in dem das Vorgehen bei einer Untersuchung zum
Verhältnis der Werktätigen zur Arbeit geschildert wird. Obwohl
unmittelbarer Gegenstand der Untersuchung die Werktätigen selbst
waren bzw. ihr Verhältnis zur Arbeit, erschien es der Komplexität
des Gegenstandes angemessen, nicht allein die Werktätigen und
ihre Arbeit zu befragen bzw. zu beobachten: "Eine Arbeitsgruppe
... führte deshalb eine Reihe von Experteninterviews mitverant-
wortlichen Mitarbeitern der Betriebe durch. Dabei interessierten
insbesondere die Meinungen des Leiters der Abteilung Arbeitsnor-
mung, des Kaderleiters, des Vorsitzenden der Konfliktkommission,
des Leiters des Büros für Neuererwesen, des Arbeitsschutzbevoll-
mächtigten, des Leiters der Gruppe Wettbewerbe ... des Vorsitzen-
den des Rates für Sozialversicherung, des Leiters der Abteilung
Sicherheitstechnik usw." 39)
Aus der Vielseitigkeit der in die Expertengespräche einbezogenen
Funktionsträger im Betrieb kann man ersehen, welche Faktoren aus
theoretischen Erwägungen mit in das Verhältnis des einzelnen Ar-
beiters zu seiner Arbeit hineinspielen. Die Autoren konnten auf
diese Weise "spezielle Fragen klären, z.B. Grad der Normerfüllung
als Maß der Arbeitsleistung und damit als Element der Einstellung
zur Arbeit." 40)
Das Beispiel zeigt, inwieweit die theoretische Konzeption des Ge-
genstands direkten Einfluß auf die Auswahl unterschiedlicher Me-
thoden ausübt. Die hervorgehobene Stellung des Interviews in der
bürgerlichen empirischen Sozialforschung kann unter anderem einer
fehlenden Gesellschaftstheorie geschuldet sein; der Mangel an
theoretischem Wissen über den Zusammenhang, in dem ein gesell-
schaftliches (oder auch individuelles) Phänomen zu sehen ist,
hebt die Äußerung einer individuellen Meinung in eine Wichtig-
keitsstufe, die dem tatsächlichen Zustand des Forschungsobjekts
nicht angemessen sein muß. Dies vor allem, wenn es sich um ein
kompliziertes und nur indirekt zu messendes Objekt handelt wie
etwa im obigen Beispiel "Das Verhältnis zur Arbeit".
Die quantitative Zusammenfassung solcher unhinterfragter Meinun-
gen zu "Mehrheiten" überdeckt dabei in der bürgerlichen Gesell-
schaft das ungelöste Problem der Offenlegung des Begründungszu-
sammenhanges einer Meinung und legitimiert damit ansonsten unbe-
gründbare Standpunkte oder "mehrheitliche Auffassungen" als
"demokratisch" entstandene.
Kern und Schumann haben in ihrer Studie "Industriearbeit und Ar-
beiterbewußtsein" den Versuch unternommen, objektivierbare Infor-
mationen vermittels Interview und Arbeitsplatzbeobachtung zu er-
langen. 41) Die bewußte Beschränkung auf die "Sphäre von Produk-
tion und Arbeit" und die Nichtbeachtung der Sphären "Politik und
Staat" und der "Absatz- und Konsumsphäre" 42) schließt jedoch
ganze Zusammenhänge bestimmter Formen der Verausgabung der Ar-
beitskraft aus der theoretischen Konzeption der Untersuchung aus.
Das zeigt sich im Leitfaden zur Arbeitsplatzbeobachtung, in dem
Operationalisierungen dann in einer so engen Weise vorgenommen
werden, daß sie nur noch spezifische Aussagekraft haben und das
Instrument "Arbeitsplatzbeobachtung" dadurch recht einseitige und
dünne Information liefert. Als Beispiel sei hier die Operationa-
lisierung der dem Arbeiter obliegenden Verantwortung genannt. Im
Leitfaden heißt es dazu: "Den Umfang der Verantwortung des Arbei-
ters exakt zu ermitteln, dürfte sehr schwierig sein. Es genügt
darzulegen, was passiert, wenn ein Arbeiter einen Fehler macht."
43) Es folgen dann Fragen nach den Auswirkungen dieses Fehlers
auf die Qualität und Quantität des Arbeitsprodukts, auf den Zu-
stand der technischen Einrichtungen am Arbeitsplatz, auf die Si-
cherheit der am Produktionsprozeß beteiligten Personen und auf
gewandelte Anforderungen an Inhaber anderer Arbeitsplätze. 44)
Dieses Beispiel soll zumindest andeuten, inwieweit ein Instrument
(hier das der Arbeitsplatzbeobachtung) überhaupt zu Recht in den
Ruf geraten konnte, "objektivierbare" Information liefern zu kön-
nen. Dabei darf die Problematik des theoretischen Stellenwerts
einzelner Methoden nicht allein der Frage der Operationalisierung
zugeschoben werden. Das hieße nämlich, das Instrument selbst der
kritischen Betrachtung zu entziehen und nur seine technischen
Möglichkeiten wahrzunehmen. Realistischerweise muß hier aller-
dings angemerkt werden, daß derartige Betrachtungen über die
theoretischen Implikationen einzelner Instrumente in der westli-
chen Literatur so gut wie gar nicht 45), in der DDR zwar häufiger
anzutreffen sind, daß aber trotz hier und da aufflackernder Be-
denken die Instrumente in DDR-Untersuchungen voll eingesetzt wer-
den. So begründen Geräts e.a. in dem Bericht über ihre Untersu-
chung die Durchführung eines Befragungsprogramms mit der Aufzäh-
lung der Möglichkeiten, vermittels der Befragung Daten zu erlan-
gen. "Bedenken gegen die Aussagekraft dieser Methode sind nicht
gerechtfertigt, wenn die Prinzipien der Befragung beachtet werden
und eine sorgfältige Vorbereitung stattfindet." 46) Der Befra-
gungsmethode wird hier also kurzerhand Aussagekraft solange zuge-
sprochen, wie keine Dilettanten am Werk sind. M.E. müßten Beden-
ken gegen diese Methode in fundierterer Weise entkräftet werden.
3) Der Vollständigkeit halber sei noch ein dritter Gesichtspunkt
bei der Auswahl der Forschungsmethoden erwähnt. Wenn eben von der
Übereinstimmung der Methode mit dem Gegenstand die Rede war, dann
war damit zunächst die Übereinstimmung mit dem Abbild des Gegen-
standes, d.h. mit der formulierten Hypothese gemeint. Der Gegen-
stand ist jedoch realer Gegenstand: Zur vollständigen Überein-
stimmung mit dem Gegenstand gehört somit auch "die erste direkte
Kontaktaufnahme mit dem Objekt. Das ist unter anderem deshalb
wichtig, weil man nochmals an Ort und Stelle die Möglichkeiten
für die Anwendung der verschiedenen Methoden sichten kann." 47)
Dabei können ganz besondere Bedingungen, denen das Forschungsob-
jekt unterworfen ist, festgehalten werden und mit in die Untersu-
chung eingehen. Weiterhin kann auch bei diesem Schritt eine Um-
formulierung der Hypothese initiiert werden, so wie das bei allen
vorbereitenden Schritten in der Untersuchung der Fall sein kann.
Denn die Hypothese beinhaltet nicht einen generellen, sondern
einen ganz bestimmten Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen
oder individuellen Objekten. "Hypothetisch ist... nicht die
These, daß die Faktoren sich wechselseitig bedingen und beein-
flussen, sondern wie, in welchem Grad sie jenes tun. Daraus er-
gibt sich dann die Frage, welche Methoden und Techniken bei der
Untersuchung angewandt werden können." 48) Dohnkes Bemerkung, daß
nicht jedes empirische Material die Formulierung sinnvoller Hypo-
thesen erlaube, erscheint im Hinblick vor allem auf die von ihm
gezogenen Konsequenzen fragwürdig: "Einige Forschungsmethoden er-
leichtern aber durch die Art ihrer Datensystematisierung diese
Aufgabe. So können Korrelations- und Kontingenzkoeffizienten bei
entsprechender Größe Hypothesen über kausale Abhängigkeiten an-
bieten. Weiterhin sei nur an die Faktorenanalyse erinnert, die
von der Deutung ihrer Ergebnisse her die Formulierung von Hypo-
thesen direkt erzwingt." 49) Diese Aussage gelangt in gefährliche
Nähe des von ihm selbst abgelehnten empiristischen Verfahrens in
der Sozialforschung. Ohne Zweifel können statistische Abhängig-
keiten aus beinah jedem beliebigen Datenmaterial errechnet wer-
den. Es fragt sich nur, ob sie die Formulierung sinnvoller Hypo-
thesen vor der Datensammlung ersetzen sollen oder können. Der un-
mittelbare Kontakt mit dem Untersuchungsgegenstand und den kon-
kreten Bedingungen, unter denen er untersucht werden muß, kann zu
einer Modifikation bestimmter Aussagen in der Hypothese führen;
in systematisierter Form jedoch gelangt diese Modifikation im me-
thodischen Schritt des Pretest zur Anwendung.
Forschungsmethoden zur Datensammlung
------------------------------------
Die D a t e n s a m m l u n g ist die Phase im Forschungspro-
zeß, in der die Anwendung der Methoden (zunächst der Methoden der
Datensammlung) stattfindet. In dieser Phase sind die wesentlich-
sten theoretischen Schritte der Einschätzung des Gegenstandes und
der Auswahl der Methoden geleistet; das heißt aber keinesfalls,
daß die "praktische" Anwendung der gewählten Methoden nun quasi
mechanisch abliefe. Die Datensammlung findet schließlich unter
ganz bestimmten Bedingungen statt - sowohl in Bezug auf den Ge-
genstandsbereich (Schule, Betrieb) wie auch im weiteren Sinne in
Bezug auf die gesellschaftlichen Bedingungen, denen der Gegen-
standsbereich und damit der Ort der Datensammlung unterworfen
ist.
Unter dem leitenden Gesichtspunkt der Formationsspezifik der Me-
thoden soll daher etwas näher eingegangen werden auf die bestimm-
ten Umstände, unter denen Daten erhoben werden. Besonders soll
dabei das Verhältnis zwischen Forscher und Erforschtem berück-
sichtigt werden. Die Faktensammlung stellt ja (außer bei den Me-
thoden der Dokumentenanalyse, Inhaltsanalyse etc.) eine soziale
Begegnung dar, einen Interaktions- und Kommunikationsprozeß, der
allerdings durch die zu erfüllende Aufgabe in ganz bestimmter
Weise strukturiert ist. Hervorstechendes Merkmal in diesem Prozeß
ist, zumindest zunächst, die einseitig vorhandene Motivation,
miteinander zu kommunizieren. Der Forscher "will etwas" vom Er-
forschten oder von der zu erforschenden Gruppe, und die sich er-
gebenden Kommunikationsmuster sind einerseits unter diesem Ge-
sichtspunkt der Einseitigkeit zu sehen, andererseits aber auch
unter dem Gesichtspunkt der Zielgerichtetheit, der konkreten Auf-
gabe, die im Prozeß der Faktensammlung zu erfüllen ist und die
die Kommunikation insofern erleichtert, als alle Beteiligten wis-
sen, was von ihnen erwartet wird.
In der bürgerlichen Literatur zum Forschungsprozeß hat dieser
Aspekt des Verhältnisses Forscher - Erforschter in recht ausführ-
licher und ausgearbeiteter Form Eingang gefunden. Da die Bewälti-
gung der "sozialen Situation", die sich zwischen Forscher und Un-
tersuchten ergibt, so schwierig, aber auch so wichtig zur Errei-
chung des Ziels der Datensammlung ist, sind die Vorschriften und
Empfehlungen für den Forscher zur Bewältigung dieser Situation,
wie ich meine, zum integralen Bestandteil der Methoden selbst ge-
worden.
Im folgenden soll kurz dargestellt werden, auf welche Weise sich
im Begründungs- und Anwendungszusammenhang der Methoden der
Aspekt "Untersuchung als soziale Situation" theoretisch konstitu-
iert. Ausgegangen werden muß dabei vom Charakter der menschlichen
Beziehungen in der k a p i t a l i s t i s c h e n G e s e l l-
s c h a f t. Bedingt durch die zunehmende Arbeitsteilung und vor
allem durch die vollständige Trennung der Produzenten von den
Produktionsmitteln nehmen die menschlichen Beziehungen allmählich
den Charakter von Sachbeziehungen an. "Die Tatsache, daß die
Produktionsmittel und die sie anwendende Arbeitskraft auseinan-
dertreten, zwingt die Menschen auf den Markt. Sie erfahren sich,
und dies sind von Stund an ihre sozialen Beziehungen, als Käufer
oder Verkäufer (von Arbeitskraft, U.K.) oder als Konkurrenten."
50) Der Zwang zum Sich-selbst-verkaufen resultiert in der eigen-
artigen Fremdheit der Produzenten gegenüber den grundlegenden und
wesentlichen Prozessen der materiellen Reproduktion, der Form der
Verausgabung der Arbeitskraft, der Schaffung von Gebrauchswerten
für das eigene Leben und für das der Gemeinschaft. Dieser Zwang
läßt mit der Zeit den Tauschwert wichtiger werden als den Ge-
brauchswert, eine Tendenz, die der kapitalistischen Produktions-
weise immanent ist, und die sukzessive durch den Warencharakter
der menschlichen Arbeitskraft auf die menschlichen Beziehungen
übergreift. So kommt es, daß unter den Bedingungen der
kapitalistischen Gesellschaft "die Begegnung von Menschen eine
Tendenz hat, sich dem Gegenübertreten von Waren anzugleichen.
Ihre Unterhaltungen haben etwas von Verkaufsgesprächen an sich;
sie sind vielfach darauf bedacht, durch Erscheinung, Redeweise
und sonstige Ausstattung einen höheren Gebrauchswert zu
signalisieren, um für den Fall einer beruflichen Einstellung oder
eines beruflichen Aufstiegs einen höheren Tauschwert für ihre
Arbeitskraft zu erhalten." 51) Die kategoriale Folgerung der
bürgerlichen Soziologie auf diese gesellschaftliche Wirklichkeit
ist das Konzept der Rolle. 52)
Folgerichtig auf der Basis der Rollentheorie wird nun die soziale
Situation zwischen Forscher und Erforschtem interpretiert. Dabei
wird die wirkliche Beziehung zwischen der Vergesellschaftung der
Individuen und ihrem Bewußtsein auf den Kopf gestellt und in die
Sphäre der Deutungen und Interpretationen verlagert. 53) So kann
es schließlich kommen, daß zwar die Untersuchungssituation selbst
als Widerspiegelung "einige(r) grundlegende(r) Eigenschaften der
sozialen Ordnung" 54) erkannt wird; die Lösung der Probleme (und
diese Probleme sind erheblich, wie anschließend gezeigt werden
wird) bei der Kontaktaufnahme mit den zu Erforschenden wird je-
doch zu einer reinen Frage der gegenseitigen Einschätzung ge-
macht. Vor allem der Forscher müsse eine Rolle vortäuschen und an
die Wirksamkeit des Rollenspiels glauben: "Rollenvorspiegelung
ist in diesen Aktivitäten ein grundlegendes Thema. Es macht wenig
aus, ob der vollständige Partizipierende (bei der teilnehmenden
Beobachtung, U.K.) in einer Fabriksituation aus einem oberen Un-
terklassenmilieu kommt und vielleicht einige Fabrikerfahrung hat,
oder ob er aus einem oberen Mittelklassemilieu kommt, das von der
Fabrikarbeit und den Normen solcher Arbeiter ganz getrennt ist.
Was wirklich zählt, ist, daß er weiß, daß er vorgibt, ein Kollege
zu sein." 55) Das heißt, wenn er es nur intensiv genug vorgibt
und glaubt, dann wird ihm die "Selbsttäuschung" auch gelingen.
Unerwähnt bleibt hier die Tatsache, daß er wahrscheinlich von ei-
nem leitenden Angestellten der Firma in die Arbeitssituation ein-
geführt worden ist (anders bekommt er ja keinen Zugang zu einer
Fabriksituation), und daß sein Erfolg weniger seiner fantasti-
schen Täuschung (Rollenvorspiegelung) geschuldet ist, sondern
wohl eher der Tatsache, daß die dort arbeitenden Lohnarbeiter
jede Arbeitsbedingung zu akzeptieren gezwungen sind: Lohnarbeit
mit oder ohne teilnehmenden Sozialforscher.
Was in den Erforschten vorgeht, bzw. wie ihre Interessen wir-
kungsvoll in die Datenerhebung miteinzubeziehen sind, bleibt un-
ter den Bedingungen der letztlichen Subsumtion aller Arbeit, auch
der Erkenntnistätigkeit, unter das Verwertungsinteresse des Kapi-
tals uninteressant: "Über die konkreten Verhaltenserwartungen der
zu Befragenden können wir nur mutmaßen, denn sie sind bisher kaum
untersucht worden." 56) Die Einschätzung der Motivationen der Be-
fragten verbleibt damit beim Sozialforscher selbst. Da aber auch
er nicht w i r k l i c h e Zusammenhänge erforschen soll, son-
dern eher Erscheinungsformen glätten helfen soll, löst er seine
Probleme, die er in der Untersuchungssituation hat, in der einzig
ihm verbleibenden Form auf der Grundlage der Rollentheorie.
Es erhebt sich hier einerseits das Problem der Kommunikation und
der Informationserlangung. Das Gespräch wird analysiert als eine
Form der "Kommunikation zwischen zwei oder mehr Fremden": Für
diese Kommunikation gelten dann folgende Funktionen: a) Freude am
Ausdruck, b) Überzeugung des jeweils anderen, c) Therapie, um
emotionale Spannungen abzubauen, d) Ritual, e) Informationsaus-
tausch. 57) Da der Forscher nicht an den Funktionen a) bis d) des
Gesprächs interessiert ist, muß er sich überlegen, wie er am ge-
schicktesten Punkt e) erreichen kann. Es ist also die Frage, "in
welchen Rollen man Erfolg haben würde bei der Gewinnung inoffi-
zieller Information von mißtrauischen Versuchspersonen." 58)
Abgesehen vom unmittelbaren Anlaß der Kommunikation der Untersu-
chung also, die Information zu ganz bestimmten Themenbereichen
liefern soll und die als "soziale Situation" gemeistert werden
muß, gilt aber in der kapitalistischen Gesellschaft auch noch die
grundlegende Qualität aller menschlichen Beziehungen als verding-
lichter Beziehungen. Sie sind "Verkaufsgespräche" sowohl vom For-
scher wie auch vom Befragten aus und müssen beidseitig entspre-
chend geführt werden.
So entsteht ein ziemlich undurchdringliches Dickicht von Vortäu-
schungen, Irreführungen, Interpretationen und Deutungen, dessen
Durchblick in der Tat einer gesonderten methodischen Anstrengung
bedarf. "Material über den K o n t e x t von Interaktion zwi-
schen dem Forscher und seiner Versuchsperson ist äußerst schwie-
rig zu erhalten und genau aufzuzeichnen, aber es würde auch eine
wichtige Datenquelle liefern zur Dokumentierung der sozialen Pro-
zesse, die Dalton als wichtig für den Aufstieg auf der Karriere-
leiter erwähnt, für die Machtkämpfe am Fließband, Beziehungen
zwischen Angestellten und Arbeitern und so weiter. (Es) sind
diese inoffiziellen Faktoren häufig die Datenbasis, werden aber
nicht als solche wiedergegeben, sondern laufen neben den Materia-
lien her, über welche die Forscher berichten ..." 59)
Das andere, tiefgreifende Problem des Forschers ist das seiner
eigenen wahrgenommenen sozialen Funktion. Es ist ganz klar, daß
er nicht mit denselben Interessen wie der Erforschte in eine Kom-
munikationssituation tritt. Der Forscher nimmt, wie oben schon
angedeutet, letztlich Kapitalfunktion wahr. In dieser Funktion
geht er allerdings nicht vollkommen auf. Indem er rationale For-
schung betreibt, gerät er mit seiner Erkenntnisintention durchaus
in Widerspruch zu seiner Kapitalfunktion. Dazu ist er Lohnarbei-
ter, so wie die von ihm Untersuchten es sind. Das Zugehörigkeits-
verhältnis in dieser dichotomen Form erscheint auch im Bewußtsein
der affirmativen bürgerlichen Soziologen; bestenfalls spielen sie
daher (ihrer eigenen Wahrnehmungen nach) noch eine "neutrale
Rolle".
Die Fiktion von der Neutralität des Sozialforschers muß aller-
dings im Zuge der methodischen Behandlung der Untersuchungssitua-
tion weitgehend wieder aufgegeben werden: "Da die meisten Inter-
viewer den Mittelschichten angehören, denn dort sind die ge-
wünschten Eigenschaften für das Interviewverhalten am ehesten zu
finden 60), können gültige Interviews nur im Umfeld der Mittel-
schichten durchgeführt werden. Underdogs und Topdogs können mit
solchen Interviewern gar nicht untersucht werden. Vermutlich
weist daher die Soziologie ein ... Vorurteil gegenüber Mittel-
schichten auf." 61) Das "Vorurteil gegenüber Mittelschichten"
kann daher ganz leicht als die konkrete Subsumtion der Sozialfor-
schung unter die kapitalistischen Interessen dechiffriert werden:
sind es doch die "Mittelschichten", denen in der bürgerlichen Ge-
sellschaft die herrschaftsstabilisierenden Funktionen der Verwal-
tung und des Kapitalmanagements zufallen. So gelangen auch die
bürgerlichen Autoren zu der Einsicht, daß "die wahre Identität
und Absicht des vollständig Partizipierenden in der Feldforschung
... jenen, die er beobachtet, nicht bekannt (sind)." 62)
Diese Aussage ist selbstverständlich in mehrerlei Hinsicht zu in-
terpretieren, denn der Charakter der teilnehmenden Beobachtung
(um die es im obigen Zitat geht) verlangt ja vom Forscher minde-
stens zweierlei Aktivitäten: Teilnahme an den Aktivitäten der
Gruppe selbst und gleichzeitig Bewertung der Aktivitäten zur spä-
teren Aufzeichnung und Auswertung. Im Zusammenhang mit dem
"Mittelschicht-Vorurteil" der Sozialforschung scheint es aber
nicht unangemessen, der obigen Aussage eine weitergehende Bedeu-
tung zuzuschreiben. Wenn man den historischen Entstehungszusam-
menhang einiger Verfahren der (vor allem Industrie-) soziologi-
schen Forschung betrachtet 63), so spiegelt sich das Verhältnis
von Lohnarbeit und Kapital auch in dieser der Effektivität
sozialer Prozesse dienenden Forschungssituation wider. Die
ambivalente Lage des Forschers wächst sich zu einem Problem aus,
und es ist nicht mehr nur die Forschungssituation als solche, die
gemeistert werden muß.
Ein Forscher berichtet, daß "er wenig interviewe, um dem Problem
auszuweichen, seinen Versuchspersonen erklären zu müssen, worauf
er hinaus wollte und warum." 64) In Situationen, in denen die
Mittelklassenherkunft des Forschers "sich radikal unterschied von
der Gruppe, die er untersuchte,... halfen ihm Rollenvorspiegelung
und ein sehr wichtiger Schlüsselinformant." 65) Die grundsätzli-
che Interessendivergenz zwischen Untersucher und Untersuchten
(inklusive den Informanten, die hier beinahe wie "Verräter" der
Untersuchten erscheinen) geht klar hervor aus der nun notwendig
gewordenen Diskussion über die verschiedenen Arten von Informan-
ten, die ihre Informationen aus wiederum unterschiedlichen Moti-
vationen preisgeben. Die möglichen Motivationen rangieren vom
tatsächlichen Interesse an dem Problembereich bis zu den neuroti-
schen Motiven der "outs", negative Fakten über die "Etablierten"
zu enthüllen. 66)
Hieraus geht m.E. ganz klar die antagonistische Interessensitua-
tion zwischen Forscher und Erforschtem in der bürgerlichen Ge-
sellschaft hervor. In der bürgerlichen Sozialforschung wurden
entsprechend Erfahrungen über die auf der Seite der Erforschten
zu erwartenden massiven Widerstände gegen das Untersuchtwerden
gesammelt: "... Der Beobachter wird stereotypisiert (z.B. als
Kommunist bezeichnet); dem Beobachter wird eine Detektivrolle an-
gedient; der Beobachter wird machtlosen Mitgliedern der Gruppe
zugeordnet, um ihn von den Machtzentren fernzuhalten; dem Beob-
achter werden zu viele Situationen zur Beobachtungen geboten, so
daß er sich nicht auf seine Meßabsicht konzentrieren kann." 67)
Der Untersuchungsprozeß in der bürgerlichen Gesellschaft scheint
eine Abart des Kampfes zwischen starken Mächtigen und listigen
Schwachen zu sein.
Für den Forscher gibt es daher nur einen Ausweg, doch noch zu Da-
ten zu kommen: die Rollendistanz. Auch die objektive Distanz von
der sozialen Schichtzugehörigkeit der Untersuchten sollte dabei
möglichst gering sein (am besten sollten deswegen Mittelschicht-
Individuen Interviewer sein, da sie sich nach diesem Modell "in
der Mitte" zwischen Ober- und Unterschichten befinden), sie
sollte aber auch vom Forscher bewußt in den Hintergrund gespielt
werden, wenn doch eine Schichtinkongruenz besteht. Eine "mittlere
soziale Distanz ... vermeidet allzu positive oder negative Erwar-
tungen des Befragten." 68) Er soll außerdem in geschickter Weise
Gleichgültigkeit mit Freundlichkeit mischen, und in seinen Rol-
lenvorspiegelungen besonders auf die emotionalen Impulse achten,
die vom Untersuchten ausgehen. Über allen seinen angenommenen
Rollen und Hilfsrollen steht jedoch die Verpflichtung, "gegenüber
dem Handelnden und der Aktionsszene ein gleichgültiges Verhalten
beizubehalten." 69) Gleichgültigkeit bietet danach die beste Vor-
aussetzung für wissenschaftliches Vorgehen, d.h. für die Überset-
zung solcher "Bedeutungsstrukturen in Konstrukte,..., die mit
seinen theoretischen Interessen konsistent sind." 70) Es wird
also grundsätzlich davon ausgegangen, daß die Interessen und das
Engagement der Untersuchten (sofern solches zustande kommt) kei-
nesfalls vom Forscher geteilt werden dürfen, da sonst die wissen-
schaftlichen Interessen nicht berücksichtigt werden können.
Bevor nun Stellung genommen werden kann zu der Phase der Daten-
sammlung, wie sie sich in der sozialistischen Gesellschaft unter
dem Aspekt der Beziehung zwischen Forschern und Erforschtem ge-
staltet, soll noch einmal gesondert eingegangen werden auf den
Bereich des "Zwischenmenschlichen", Emotionalen, der in dieser
Beziehung in der bürgerlichen Literatur so hervorgehoben wird.
Wir hatten gesehen, daß die Untersuchungssituation in erster Li-
nie eine "Unterhaltung zwischen Fremden" ist, deren Funktion
(Freude am Ausdruck, Überzeugung des jeweils anderen, Therapie,
um emotionale Spannungen abzubauen, Ritual, Informationsaus-
tausch) gekannt sein müssen, um manipuliert werden zu können. Die
genauere Betrachtung dieser Funktionen eines "Gesprächs zwischen
Fremden" lassen jedoch einige Rückschlüsse zu auf das Verhältnis
zwischen Individuum und Gruppe in der bürgerlichen Gesellschaft.
Auffallend sind zumindest diese genannten vier Funktionen, die
die Aufmerksamkeit nur auf ein formalisiertes Rollenspiel lenken,
das jeder konkreten Bezugnahme auf eine sinnvolle und inhaltlich
definierte Zielsetzung der Kommunikation entbehrt. In gewisser
Weise entsprechen diese Funktionen allgemeinen gruppendynamischen
Arbeits- und Lernzielen in der bürgerlichen Gesellschaft. 71)
Der Ursprung dieser abgehobenen Akzentuierung des "rein Persönli-
chen" ist zu suchen im Konstitutionszusammenhang des bürgerlichen
Individuums und in der Unfähigkeit gerade des Individuums, die
kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu durchbrechen. "Die
kapitalistischen Produktionsverhältnisse haben das autonome Indi-
viduum entwickelt, dessen Ich als eine Sphäre der privat-exklusi-
ven Eigenverantwortlichkeit und der undurchdringlichen Abkapse-
lung gegen drohende Eingriffe von außen analog zum Verhalten ge-
genüber Privateigentum strukturiert ist." 72) Auf der Oberfläche
der sozialen Interaktionen machen sich daher Verhärtungen der In-
dividuen gegeneinander bemerkbar, die durch gesonderte Anstren-
gungen auf der Ebene der Emotionen und Motivationen wieder aufge-
löst werden sollen. Die Negierung des ökonomischen Zusammenhangs
zwischen der Konstitution des autonomen Individuums einerseits
(als historischer Fortschritt) und der Vereinsamung und Vereinze-
lung dieses Individuums andererseits (als Kehrseite dieses Fort-
schritts) führt dabei zu Überlegungen, die auch in der Rollen-
theorie wirksam werden. Es wird gleichsam neben der ökonomischen
Existenz des Menschen noch eine Art Austauschrolle fixiert, die
die unterschiedlichsten Ausprägungen annehmen kann. Dieses Rol-
lenspiel zur Überwindung der Verhärtung im Bereich zwischen den
Individuen kann jedoch keinerlei Erfolg haben. "Die Entfaltung
der schöpferischen Kräfte der Menschen und damit auch ihrer so-
zialen Beziehungen und ihres Bewußtseins ist nicht nur abhängig
von ihrer konkreten Tätigkeit, sondern zugleich die vollendete
Ökonomie und nicht... ein neben dem ökonomischen Geschehen her-
laufendes 'mitmenschliches' Geschehen." 73) Die vollendete Ökono-
mie ist die Übereinstimmung von Produktivkräften und Produktions-
verhältnissen, sie ist die auf der sozialistischen Produktions-
weise basierende Gesellschaftlichkeit.
Wenn unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise
auf der Grundlage der privaten Verausgabung von Arbeitskraft die
Beziehungen der Menschen notwendig zu Formen erstarren, die die
Konkurrenz zwischen isolierten Produzenten widerspiegeln, so gel-
ten diese allgemeinen Bestimmungen der Beziehungen zwischen Men-
schen auch in besonderer Form für die Beziehung zwischen For-
schern und Erforschten in den Sozial Wissenschaften. Sie sind ge-
kennzeichnet durch die Trennung des Zwecks von den Formen der In-
teraktion, und bringen so mit sich die Interessendivergenz zwi-
schen Forschern und Erforschten, die Rollenvorspiegelung durch
den Forscher auf der Ebene der direkten Interaktion, und die Ge-
heimhaltung des Zwecks der Untersuchung vor den Untersuchten.
Diese Formationsspezifika im Prozeß der Datensammlung wirken, wie
ansatzweise am Beispiel der Befragung gezeigt werden konnte, auf
die einzelnen soziologischen Forschungsmethoden ein und bestimmen
sogar weitgehend deren Charakter. Es muß nun gezeigt werden, wie
die veränderte ökonomische Grundlage in der sozialistischen Ge-
sellschaft auf die Beziehungen zwischen den Menschen Einfluß aus-
übt und wie sich diese neue Situation grundsätzlich in der Bezie-
hung zwischen Forscher und Untersuchten: im Prozeß der Datensamm-
lung darstellt bzw. darstellen kann.
Mit der Erreichung des bewußten stofflichen Zusammenhangs der
Produzenten in der sozialistischen Gesellschaft ist die Grundlage
des wirklichen gesellschaftlichen Zusammenhangs der Individuen
gegeben. Die Aufhebung der Trennung des Eigentums an Produktions-
mitteln von den Produzenten hat einerseits zur Folge, daß die
Produzenten weder den Produkten ihrer Arbeit noch ihrer Arbeit
selbst fremd gegenüberstehen. Das heißt, daß die Teilnahme der
Produzenten an der Planung und Leitung des gesellschaftlichen Re-
produktionsprozesses sukzessive ausgebaut werden kann. Die Kom-
pliziertheit und Vielfalt der zu bewältigenden Probleme für die
einzelnen Produzenten und für die Leiter in den Kollektiven er-
fordern die wissenschaftliche Lösung der vor ihnen stehenden Auf-
gaben. Das heißt aber, daß alle Produzenten in ihren Kollektiven
zu S u b j e k t e n der Planung werden. Die Aufhebung der
Trennung vom Eigentum an den Produktionsmitteln heißt auch, daß
die Forscher innerhalb der von ihnen zu lösenden Aufgaben in ein
unmittelbares Verhältnis zu den Erforschten gelangen, sie verfol-
gen mit ihnen das gleiche Ziel innerhalb des Aufbaus des Sozia-
lismus. Daraus resultiert eine grundsätzliche Interessenkongru-
enz, die sich nicht nur in der S i t u a t i o n der Datensamm-
lung als sozialer Situation niederschlägt und dort Auswirkungen
zeitigt, sondern die deswegen und darüber hinaus auch das jewei-
lige Instrument der Datensammlung verändert.
Die Interaktion mit den zu Untersuchenden ist eine wesentliche
Komponente der Datensammlung. Wesentlich deshalb, weil die In-
teraktion und Kommunikation nicht eine Art Randbedingung bei der
Datenbeschaffung sind, sondern weil sie (beim Interview, bei der
Beobachtung und beim soziologischen Experiment) direkt von der
"Beschaffenheit" des Untersuchungsgegenstandes selbst abhängig
sind.
Die grundlegenden Bedingungen und die "Beschaffenheit" der Indi-
viden und Kollektive in der sozialistischen Gesellschaft sind in
der bestimmten Produktionsweise, d.h. im gesellschaftlichen Ei-
gentum an den Produktionsmitteln verankert. Wenn die Entwicklung
des Individuums im Kapitalismus in seinem Verhalten gegenüber an-
deren Individuen zu vergleichen ist mit einer "Sphäre der privat-
exklusiven Eigenverantwortlichkeit und der undurchdringlichen Ab-
kapselung gegen drohende Eingriffe von außen analog zum Verhalten
gegenüber Privateigentum", dann kann die Entwicklung unter sozia-
listischen Bedingungen einer Sphäre der gemeinsamen Verantwort-
lichkeit in der gesellschaftlichen Entwicklung entsprechen. Die
Konkurrenz als trennendes Element zwischen den Individuen ver-
schwindet. "Der Aufbau neuer sozialer Verhältnisse ist zugleich
auch ein Kampf gegen die Macht bürgerlicher Gewohnheiten der
Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen Zusammenhang,
dem Zynismus angesichts der Niederlagen anderer." 74)
Um den gesellschaftlichen Zusammenhang jedoch adäquat erfassen zu
können, ist es notwendig, daß jedes Individuum auch in seinem Be-
wußtsein zum Subjekt der gesellschaftlichen Entwicklung wird. Die
Erziehung der "sozialistischen Persönlichkeit" 75) ist daher eine
der hervorragenden Aufgaben der sozialistischen Gesellschaft. Es
gilt, "alle Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft zu befä-
higen, bewußt und mit hohem Können an der Erhöhung der gesell-
schaftlichen Arbeitsproduktivität teilzunehmen und damit ihre so-
zialen, geistigen, produktiven und ästhetischen Anlagen und Fä-
higkeiten voll zu Entfaltung zu bringen." 76)
Diese Entwicklung vollzieht sich selbstverständlich nicht nur im
Bewußtsein, sie ist nicht beliebig steuerbar oder abrufbar zum
Zeitpunkt der Übernahme der politischen Macht durch die Partei
des Proletariats. Immerhin sind die Autonomiebestrebungen und
Verhärtungen des bürgerlichen Individuums einige Jahrhunderte
lang die notwendige Voraussetzung für die Entfaltung der Produk-
tivkräfte gewesen. "Die Umerziehung wird ein generationenlanger
Prozeß sein, in den unter großen Anstrengungen die im Kapitalis-
mus davongetragenen Verstümmelungen (i.e. die unterdrückten so-
zialen Fähigkeiten, U.K.) des Individuums überwunden werden müs-
sen. Das Medium dieses Kampfes um die Herausbildung des Menschen
der neuen Gesellschaft ist... die kollektive Arbeit." 77)
Das gemeinsame Ziel und die kollektive Verfolgung dieses Ziels
bilden daher die Grundlage für die Entwicklung neuer Formen der
Individualität und der Gesellschaftlichkeit. Die neuen Produkti-
onsverhältnisse selbst sind dazu zwar die notwendige Grundlage,
aber sie reichen nicht aus. Die Erziehung ist jedoch "keineswegs
nur eine propagandistische Aufgabe. Die Partei muß die Werktäti-
gen so führen, daß sie im Verlaufe der sozialistischen Umwälzung
in ihrem eigenen Handeln jeden Tag erneut erfahren: Sie selbst
bauen den Sozialismus auf, und diese Tätigkeit liegt in ihrem in-
dividuellen wie auch im gesellschaftlichen Interesse. Die Über-
einstimmung von individuellen und gesellschaftlichen Interessen
muß praktisch erlebt werden." 78) Wenn wir nun auf der Grundlage
der wirklich bestehenden sozialistischen Produktionsverhältnisse
davon ausgehen, daß die Übereinstimmung von individuellen und ge-
sellschaftlichen Interessen bereits in Ansätzen wirklich erlebt
wird, müssen wir entsprechende Schlußfolgerungen für die soziale
Situation im Prozeß der Datensammlung ziehen.
Weiter oben wurde von der objektiven Interessenkongruenz zwischen
Forscher und Untersuchtem in der sozialistischen Gesellschaft ge-
sprochen. Zu dieser Gemeinsamkeit des zu verfolgenden Ziels kann
nun die wachsende Fähigkeit sowohl der Forscher wie auch der Un-
tersuchten gezählt werden, die Notwendigkeit und Richtigkeit die-
ses Ziels auch wirklich zu begreifen und zum eigenen Ziel zu ma-
chen. Das heißt, daß die objektiven Bedingungen gegeben sind,
keinen Widerspruch zwischen den Absichten des Forschers und den
Möglichkeiten der Erforschten aufkommen zu lassen, und daß
gleichzeitig im Rahmen des Prozesses der Bildung von
"sozialistischen Persönlichkeiten" diesen objektiven Bedingungen
auf der Ebene der Bedürfnisse der Individuen selbst Rechnung ge-
tragen wird. Sie sind in wachsendem Maße fähig, die Einsicht in
die Notwendigkeit der Weiterentwicklung der sozialistischen Ge-
sellschaft auch zu realisieren.
Welches könnten nun die unmittelbaren Konsequenzen dieser neuen
Gesellschaftlichkeit für die soziale Situation bei der Datensamm-
lung sein? Auf der Grundlage der Interessenkongruenz zwischen
Forscher und Untersuchten und im Zuge der wachsenden Einsicht in
die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Lösung von Problemen der
Entwicklung der Gesellschaft oder eines Teilbereichs kann ein di-
stanziertes Rollenhandeln des Forschers nicht mehr adäquat sein.
Die Forschungssituation verliert ihren einseitigen Subjekt-Ob-
jekt-Charakter, sie gerät immer mehr zur g e m e i n s a m e n
Aufgabe. Das bedeutet auf der Ebene der Methoden vielerlei: die
komplizierten Konstruktionen zur Erweckung einer Minimalmotiva-
tion der Untersuchten auf der Grundlage der Geheimhaltung der
Zwecke der Untersuchung entfallen; die Vorsichts- und Kontroll-
maßnahmen, die der mehr oder weniger bewußten Irreführung des
Forschers durch den Untersuchten auf die Spur kommen sollen, ent-
fallen ebenfalls in einem weiten Ausmaß; die absurde Situation
wird undenkbar, die sich einstellt, wenn die Phase der Datensamm-
lung z.B. von nichtwissenschaftlichen Interviewern übernommen
wird, die selbst über die Ziele der Untersuchung im Unklaren ge-
lassen werden 79), trotzdem aber alle Tricks gegenüber den Unter-
suchten zur Erlangung von Information anwenden müssen.
Es kann daher von einer g r u n d s ä t z l i c h positiven Mo-
tivation der Untersuchten ausgegangen werden. Das heißt nicht,
daß keine Rücksicht auf die a k u t e Motiviertheit der Unter-
suchten genommen werden müßte: Die Situation ist ja von den be-
sonderen Merkmalen des Datensammlungsprozesses geprägt, und diese
Merkmale (einseitiges Fragen, Vorgabe des Themas etc.) müssen in
die Gestaltung der jeweiligen Situation mit eingehen. Die Ele-
mente, die auf diese Weise in die Situation mit eingehen und die
sich in konkreten Anweisungen für das Verhalten des Forschers
niederschlagen, haben dann allerdings nicht mehr die komplizierte
Vielschichtigkeit der durch "Verkaufsgespräch", Rollenspiel und
Rollendistanz geprägten Datensammlungssituation in der bürgerli-
chen Gesellschaft. In einer Intervieweranweisung heißt es dann
vielmehr: "Er sollte den notwendigen zwischenmenschlichen Kontakt
herstellen ... Dies resultiert auch aus den schwer faßbaren Ver-
haltensäußerungen (Mimik, Tonfall, "Benehmen") des Interviewers,
die seine Achtung des Partners als Persönlichkeit und Informand
ausdrücken." 80) Von einer "Achtung des Partners als Persönlich-
keit und Informand" kann unter den Bedingungen des bürgerlich di-
stanzierten Rollenspiels im Forschungsprozeß natürlich nicht die
Rede sein. Diese Qualität kann der Kontakt zwischen Forscher und
Erforschten erst erreichen, wenn der verdinglichte Charakter der
menschlichen Beziehungen irr gesellschaftlichem Maßstab aufgeho-
ben ist.
In ähnlicher Weise kann die Frage der Kenntnis des Ziels der Un-
tersuchung in einfacher, man möchte fast sagen: natürlicher Form
gelöst werden. Da die Untersuchung in einem ganz bestimmten ge-
sellschaftlichen Problemzusammenhang steht und von allen Betei-
ligten gemeinsame aktive Mitarbeit an der Lösung der anstehenden
Aufgabe gefordert ist, wird die Forderung nach "Neutralität" von
Forscher und Erforschten gegenstandslos. Den Untersuchten ist
"der gesellschaftliche Wert des Interviews in der Einleitung er-
sichtlich zu machen" 81) und für den Forscher bzw. den Intervie-
wer gilt etwa: "Wer nach den 10 Grundsätzen unserer Jugendpolitik
fragt, muß sie selbst kennen." 82) Es kann also von einem direk-
ten Verhältnis des Forschers zu den Erkenntnismitteln gesprochen
werden, sobald der Gebrauch von Erkenntnismitteln zur Verwirkli-
chung eigener u n d gesellschaftlicher Ziele stattfindet. Dabei
kann es sich nicht nur um die oberflächliche Kenntnis der jeweils
anstehenden Problematik handeln, sondern diese Kenntnis muß Aus-
druck der Übereinstimmung des individuellen Handelns mit dem ge-
sellschaftlichen sein. Diese Übereinstimmung macht wiederum die
komplizierte Problematik des Transfers ideologischer Divergenzen
in ein einheitliches Erhebungsinstrument überflüssig.
Die Konstatierung eines "direkten Verhältnisses des Forschers zu
den Erkenntnismitteln" beruht zunächst auf der Ableitung aus der
theoretischen Möglichkeit, die sich auf der Grundlage des gesell-
schaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln ergibt. Dieses
Verhältnis bedarf im besonderen Fall noch der Interpretation.
Wenn unter einem nicht direkten Verhältnis zu einem Arbeits- und
Erkenntnismittel jede Form der entfremdeten Entwicklung verstan-
den wird, so wie sie unter kapitalistischen Eigentumsverhältnis-
sen notwendig stattfindet, so müssen unter den neuen gesell-
schaftlichen Verhältnissen die Beziehungen zwischen dem Forscher,
dem Gegenstand und dem Erkenntnismittel, das zwischen beide ge-
schoben wird, neue Qualität annehmen. Die Übereinstimmung der
Ziele in der konkreten Situation der Datensammlung ebnet gleich-
sam die Hindernisse auf dem zu überwindenden Weg zwischen For-
scher und Untersuchten, so daß das Instrument der Datenerhebung
wesentliche Informationen auf viel direktere Art erfassen kann,
als das in einer Situation des distanzierten Rollenhandelns der
Fall sein könnte. Das Bedürfnis des Forschers, Daten zu erhalten,
kollidiert nicht grundsätzlich 83) mit den objektiven Interessen
und kaum mit den subjektiven Motivationen der Erforschten. Das
Verhältnis zwischen dem Forscher und dem Instrument kann daher
insofern direkt sein, als es sein kommunikatives Verhalten in der
Datensammlungssituation prinzipiell erleichtert. Er muß nicht in
einer strengen, wissenschaftliche Neutralität erheischenden Art
hinter dem Instrument "verschwinden", sondern kann vielmehr das
Instrument als eine besonders geeignete und überprüfte Art und
Weise der zielgerichteten Kontaktaufnahme mit den Untersuchten
benutzen. Da das Ziel der Untersuchung ihm und den Untersuchten
bekannt ist, hat das Instrument keine Verschleierungsfunktion zu
erfüllen und ist insofern vom Forscher in seinem Aufbau und in
seiner Anwendung in sinnvoller und dem Gegenstand der Untersu-
chung angemessener Weise variierbar. Die relative "Eigengesetz-
lichkeit" der Methodenkonstruktion dürfte dadurch einiges an
Starrheit und Fixiertheit verlieren und einer größeren Aufge-
schlossenheit dem Forscher und dem Gegenstand gegenüber Platz
machen. Diese Überlegungen zum direkten Verhältnis zwischen
Forscher und Instrument bedürfen allerdings noch sehr stark der
Präzisierung; diese Präzisierung kann jedoch nur auf der Basis
einer ausgedehnteren Sozialforschungstätigkeit und unter dem ex-
pliziten Gesichtspunkt der Methodendiskussion geleistet werden.
Beide Voraussetzungen befinden sich in der DDR erst in einem frü-
heren Stadium. 84)
Die Stufe der Datenauswertung.
------------------------------
Bei der A u s w e r t u n g d e r D a t e n und der Erklärung
des empirischen Materials gelangt der Einfluß der Theorie wie-
derum uneingeschränkt zur Geltung. Der Komplex der Konstruktion
und Anwendung von Methoden der Datenerhebung ist in dieser For-
schungsphase beendet und hat nun entsprechende Auswirkungen auf
die Methoden der Auswertung. Wenn von Methoden der Auswertung die
Rede ist, dann sind im engeren Sinne zunächst s t a t i s t i-
s c h e M e t h o d e n d e r A u s w e r t u n g gemeint.
Dohnke 85) zeigt auf, daß die Anwendung statistischer Verfahren
in der Soziologie nicht immer in einer theoretisch und methodo-
logisch dem Gegenstand angemessenen Form vonstatten geht. Häufig
stelle die Erarbeitung statistischer Materialien gar keine
soziologische Arbeit im eigentlichen Sinne dar, sondern sei eher
reine verwaltungstechnische Arbeit/etwa dann, wenn bestimmte
Zahlentabellen gedeutet werden und Verbesserungsvorschläge auf-
grund des Zahlenmaterials vorgebracht werden. In anderen Fällen
sei das Umgehen mit Zahlenmaterial eher anderen Disziplinen, etwa
der Ökonomie, zuzuordnen, z.B. dann, wenn auf die besonderen und
vielschichtigen sozialen Bedingungen der Wirkung ökonomischer
Größen (wie Qualifikationsstruktur, Bildungsniveau auf das
Wachstum der Produktivität) gar nicht eingegangen werden soll.
86) "Die Deutung offizieller statistischer Angaben kann immer nur
ein Teil, eine Grundlage oder eine notwendige Zuarbeit zu einer
auf die Komplexität sozialer Prozesse gerichteten soziologischen
Untersuchung sein." 87) Die verkürzte Verarbeitung statistischen
Materials ergibt sich nicht nur aus bereits gegebenen offiziellen
Statistiken, sondern sie kann auch auftreten, wenn vom Soziologen
selbst verarbeitetes Material gedeutet werden soll. Die
Notwendigkeit, eigenes statistisches Material zu erarbeiten,
ergibt sich einerseits dann, wenn kein Material vorliegt zu
objektiven Daten, andererseits dann, wenn Korrelationen o.a.
zwischen objektivem und subjektivem Verhalten untersucht werden
sollen. Die Aufstellung von Tabellen allein kann jedoch auch dann
noch nicht im vollen Sinne als Anwendung der statistischen Ver-
fahren in der Soziologie bezeichnet werden. Dohnke führt dazu
aus, "daß die Erarbeitung solcher Daten und ihre statistische Er-
fassung dann sinnvoll ist, wenn sie im weiteren Prozeß der For-
schung auch mit weiterführenden statistisch-mathematischen Metho-
den bearbeitet werden sollen. In solchem Fall ist eine statisti-
sche Tabellierung (z.B. Häufigkeitsverteilungen, Bildung von
Untergruppen oder Prozentangaben) immer nur eine Stufe in einem
weiterführenden soziologischen Forschungsprozeß. Ihre Deutung ist
ein Bestandteil dieses Forschungsprozesses." 88)
Das von Dohnke verwandte Konzept der Deutung statistischen Mate-
rials ist nicht gleichzusetzen mit dem Schritt der Verallgemeine-
rung empirischen Wissens, der im engeren Sinne der theoretischen
Auswertung zuzuordnen ist. Selbstverständlich ist die Deutung
vorliegenden Materials ein Teil der theoretischen Auswertung, die
theoretische Auswertung geht aber über die statistischen Befunde
hinaus und gelangt zu weitreichenderen Ergebnissen als die, die
allein aus der quantitativen Erfassung der Daten gewonnen werden
können. Im Verlauf der theoretischen Verallgemeinerung der empi-
rischen Befunde nähert sich das Wissen über den Gegenstand immer
mehr dem Wesen, das der untersuchten Erscheinung zugrunde liegt.
Und so, wie die Erscheinung kein "unwesentlicher" Teil des Gegen-
standes oder Untersuchungsobjekts ist, so spiegelt die Deutung
des empirischen und statistischen Materials wesentliche Eigen-
schaften wider, sie ersetzt aber nicht die theoretische Arbeit am
Gesamtbild des Gegenstands.
Die theoretische Auswertung des gesammelten Datenmaterials ge-
schieht unter den spezifischen Aspekten der soziologischen Theo-
rie des Gegenstandsbereiches sowie im Zusammenhang mit den allge-
meinen theoretischen Implikationen, die aus dem Charakter der Ar-
beit in der Übergangsgesellschaft resultieren. Die Auswirkungen,
die die soziologische Theorie auf den Prozeß der theoretischen
Auswertung der Daten hat, sind bei verschiedenen Autoren darge-
stellt worden 89); im Mittelpunkt der Erörterungen stehen dabei
vorwiegend die Fragen der soziologischen Theorienbildung sowie
die Fragen nach dem möglichen und anzustrebenden Verallgemeine-
rungsniveau. 90) Die Ergebnisse der soziologischen Forschungstä-
tigkeit resultieren in der marxistischen Soziologie in Theorien
mit unterschiedlichem Allgemeinheitsgrad, deren gemeinsames Ziel
die Formulierung allgemeiner Gesetze der gesellschaftlichen Ent-
wicklung ist. Die Abgrenzung von der bürgerlichen Theorien
"mittlerer Reichweite" und dem entsprechenden funktionalen Heran-
gehen an die gesammelten Daten besteht für Andrejewa darin, daß
diese Theorien, die sich auf die Methodologie der Funktionsana-
lyse stützen, "es unmöglich machen, in das Wesen der gesell-
schaftlichen Erscheinungen einzudringen und ihre wahren Ursachen
zu enthüllen." 91) Die auf einer rein quantitativen Stufe ver-
bleibenden Feststellungen formaler Ursachen können zwar bestimmte
Wechselwirkungen zwischen den Erscheinungen wiedergegeben, sie
können jedoch Erklärungen nicht einmal ansatzweise liefern, da
sie sich durch ihre unmaterialistische Geschichtsauffassung quasi
selbst der Grundlage beraubt haben. Plechanow nennt diese Grund-
lage: "Um die Wechselwirkung zu verstehen,... muß man die Eigen-
schaften der in Wechselwirkung befindlichen Kräfte klären, und
diese Eigenschaften können nicht ihre letzte Erklärung in der
Tatsache der Wechselwirkung finden, so sehr sie sich dadurch auch
verändern mögen. In unserem Falle werden die Qualitäten der in
Wechselwirkung befindlichen Kräfte ... in letzter Instanz durch
die uns bereits bekannte Ursache erklärt: durch d i e ö k o-
n o m i s c h e S t r u k t u r." 92)
Dazu muß gesagt werden, daß mit der Konstatierung der ökonomi-
schen Struktur als objektiver Grundlage materieller und ideeller
Erscheinungen die methodologische Diskussion nicht aufhört, son-
dern anfängt. 93) Da im Zusammenhang mit den konkreten Problemen
bei der Interpretation empirischen Materials bislang nur Empfeh-
lungen und "Richtungsweisungen" veröffentlicht wurden 94), die
wenig konkrete Schlußfolgerungen zulassen, die noch über den ge-
nerell konstatierten Einfluß hinausweisen, den die Theorie auf
die Aufgabenstellung und Hypothesenbildung in der Sozialforschung
ausübt, soll hier nicht weiter auf diese methodologische Diskus-
sion eingegangen werden. M.E. kann diese Diskussion auch nicht in
a l l g e m e i n e r F o r m weitergeführt werden, da auf die-
ser Ebene weitreichende Übereinstimmung über die grundlegenden
Bestimmungselemente der Verallgemeinerung gesellschaftlicher Er-
scheinungen besteht. Eine nächste Stufe in der Erarbeitung des
wissenschaftlichen Charakters der marxistischen Soziologie wäre
die sorgfältige Durchführung soziologischer Studien, u.a. mit dem
Ziel, solche theoretischen Voraussetzungen zu bestätigen. Diese
Empfehlung muß gesehen worden als ein Versuch, den theoretischen
Ansatz in der empirischen Sozialforschung zu einer "greifbaren"
Größe zu machen , und sie der Willkür und Einschätzung der ver-
schiedenen Schulen des Denkens zu entziehen. Die unmittelbaren
Notwendigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR
müssen dabei vorrangig berücksichtigt werden, um die Wissenschaft
von der Erforschung der Gesellschaft nicht künstlich der gesell-
schaftlichen Entwicklung selbst auszugliedern.
Ein Aspekt des besonderen Charakters der Arbeit in der Übergangs-
gesellschaft, die Entwicklung zur allgemeinen Arbeit, erweist
sich auch bei der theoretischen Auswertung des Datenmaterials als
einflußreiche "Randbedingung". Die Entwicklung der allgemeinen
Arbeit ist Teil der gesellschaftlichen Weiterentwicklung, die
sich in vielen Erscheinungen manifestiert: in der Fortentwicklung
der Produktivkräfte, in der Verwissenschaftlichung der einzelnen
Arbeitsprozesse, und in der höheren Qualifikation der Werktäti-
gen. Das Prinzip der allgemeinen, der wissenschaftlichen Arbeit
setzt sich nicht nur intensiv in den einzelnen Bereichen durch,
sondern es wirkt gesamtgesellschaftlich, indem es, den Erforder-
nissen der Planung und Leitung folgend, alle Bereiche ihrer na-
turwüchsigen Entwicklungsform entreißt und zu Objekten bewußt ge-
stalteter Prozesse macht.
Bei der Durchführung soziologischer Untersuchungen kann daher in
erhöhtem Maß mit der qualifizierten Kooperation der zu Untersu-
chenden gerechnet werden; dabei kommen alle die Auswirkungen auf
die anzuwendenden Methoden zum Tragen, die durch wachsende Moti-
vation und größere Fähigkeit der Beteiligten entstehen, die Pla-
nungs- und Leistungsaufgaben gemeinschaftlich und wissenschaft-
lich zu lösen. Die Sozialforscher können Anforderungen an die zu
Untersuchenden stellen, und diese Möglichkeit verändert den Teil
der Instrumente, der gerade die Unmotiviertheit und die unbetei-
ligte, unwissende Haltung der Untersuchten überbrücken helfen
sollte. Auf der anderen Seite stellen die Betroffenen durchaus
Anforderungen an die Sozialforscher: Kooperation kann nur dann
erfolgen, wenn die Transparenz der von den Sozialforschern gelei-
steten Arbeit gegeben ist. Die Auswertung der Daten geschieht
dann nicht nur als Teil und Etappe der Studie, sondern wird in-
tendiert als notwendiger Beitrag zur besseren Bewältigung des je-
weiligen Gegenstandsbereichs, sie wird als Studie zum Teil der
Arbeit in diesem Bereich. 95)
Die Erfordernisse der Transparenz und Eingliederung der Studie in
einen konkreten Arbeitsprozeß heben den p r a k t i s c h e n
A s p e k t bei der Auswertung des Datenmaterials hervor. In ge-
wisser Hinsicht wird dieser Aspekt dem theoretischen Aspekt noch
vorgeordnet. Da die Praxis Ausgangspunkt und Ziel jeder wissen-
schaftlichen Betätigung ist, wird sie auch zum Kriterium bei der
Auswertung soziologischer Studien gemacht. Im "Wörterbuch der
marxistisch-leninistischen Soziologie" heißt es: Die "Auswertung
... soll nicht nur Zustandsanalyse, sondern vielmehr den staatli-
chen und Parteileitungen wissenschaftlich fundiertes Arbeitsmate-
rial sein, das zu Verwendung bei der wissenschaftlichen Durch-
dringung des Leitungsprozesses bis hin zur Ausarbeitung von Pro-
gnosen dienen kann. Dabei werden in der Auswertung nicht nur Män-
gel aufgedeckt, sondern gleichzeitig Wege zu ihrer Überwindung
aufgezeigt. W e i t e r h i n sollte die Auswertung einer so-
ziologischen Untersuchung zu theoretischen Verallgemeinerungen
über den konkreten Untersuchungsbereich hinaus führen und damit
einen Beitrag für die Anwendung und Weiterentwicklung der marxi-
stischen Theorie leisten." 96) Diese Einschätzung allerdings, die
der theoretischen Tätigkeit eine beinahe zweitrangige Bedeutung
zuweist, wird von anderen Autoren nicht geteilt. Andrejewa hebt
klar den theoretischen Aspekt vor dem praktischen hervor: "Wenn
das Material gesammelt und gruppiert ist, wird es möglich, an
seine theoretische Bearbeitung heranzugehen .... Wenn empirisches
Material erklärt werden soll, so heißt das, es vom Standpunkt des
Gesetzes aus zu erklären." 97)
In Anbetracht der tatsächlichen Bedeutung, die der Einsatz wis-
senschaftlicher Methoden bei der Lösung gesellschaftlicher Pro-
bleme unter den Bedingungen des Sozialismus hat, erscheint es je-
doch angemessen, sich auch bei der Auswertung von Studien von der
Einheit von Theorie und Praxis leiten zu lassen und diese Aspekte
nicht isoliert zu behandeln. Die Entwicklung der allgemeinen Ar-
beit im Produktionsprozeß schafft die praktischen Voraussetzungen
(Qualifikation der Beteiligten), die die leitende Funktion der
Theorie in der praktischen Arbeit ermöglichen. So hebt Schulz
zunächst den praktischen Aspekt hervor: "Jede soziologische Ana-
lyse muß bis zu brauchbaren Ergebnissen und Schlußfolgerungen für
die Leitung der erforschten Bereiche oder Prozesse durchgeführt
werden." 98) Gleichzeitig zeigt er aber auf, daß die unmittelbare
gesellschaftliche Nützlichkeit nicht einem blinden Pragmatismus
geschuldet ist: "Das neue ökonomische System der Planung und Lei-
tung hebt die wissenschaftlichen und theoretischen Aspekte in der
Leitungstätigkeit a u f e i n e n e u e Stufe.... (Jeder Lei-
ter) soll daher auch befähigt werden, die von der Wissenschaft
entdeckten Zusammenhänge, die Gesetze und Kategorien des sozialen
Handelns und Verhaltens der Werktätigen zu begreifen, sie bewußt
zu organisieren und zu lenken. Deshalb ist jede Vorbereitung,
Durchführung und Auswertung soziologischer Forschungen mit theo-
retischen Überlegungen und Diskussionen i m B e t r i e b, mit
den Leitern und den Werktätigen der untersuchten Bereiche verbun-
den." 99)
Ebenso wie die Datensammlung ist daher auch die Auswertung einer
Studie bei einem entsprechenden Forschungsgegenstand quasi im
Felde zu leisten. Die Ergebnisse der Auswertung erhalten dabei
eine andere Relevanz als die in der Studierstube des Forschers
erarbeiteten Ergebnisse: Einerseits sind gewisse Interpretationen
der Kontrolle durch die Betriebsangehörigen zugänglich, d.h. die
Sicht des Soziologen kann relativiert werden, es können Schwer-
punkte modifiziert werden. Diese Modifikationen können allerdings
nur innerhalb des Rahmens vorgenommen werden, den die Theorie
steckt.
Andererseits ist durch den einschränkenden Auswertungs- und Gel-
tungsbereich der Studie "eine gewisse Zurückhaltung bei der Ver-
allgemeinerung und Veröffentlichung erster Ergebnisse ... ange-
bracht." 100) Diese Zurückhaltung ist angebracht sowohl aus theo-
retischen Gründen, die die Repräsentativität und die Ebene der
Verallgemeinerung betreffen, wie auch aus Verantwortlichkeit ge-
genüber der praktischen Anwendung der veröffentlichten Ergebnisse
in anderen Betrieben. Keinesfalls darf jedoch unter dieser Zu-
rückhaltung und Vorsicht im Umgang mit Untersuchungsergebnissen
die Transparenz der Arbeit der Soziologen für die Betriebsangehö-
rigen leiden. "Damit soll nicht einer Geheimnistuerei mit sozio-
logischen Studien und Ergebnissen im Untersuchungsbereich selbst
das Wort geredet werden. Was mit der Vorbereitung, der teilneh-
menden Beobachtung und der Studie selbst begonnen wurde - die Zu-
sammenarbeit mit Leitern, Brigaden und einzelnen Befragten ",
sollte bei der Auswertung fortgesetzt werden. Zu Recht gibt es
zur Zeit in Betrieben (der DDR, U.K.) Kritik an "Stippvisiten"
soziologischer Gruppen. Die Auswertung jeder soziologischen Stu-
die im Kreis der Beteiligten sollte zur Regel und Pflicht der So-
ziologen werden." 101)
Schulz geht sogar so weit, die Mitarbeit an den Studien und die
Auswertung "zur Aufgabe der Leitungen selbst" (102) zu machen. Da
die Mitarbeit an einer Gesamtanalyse jedoch oft die Möglichkeiten
der Leiter übersteigen wird, schlägt Schulz vor, Studien zu Teil-
problemen anzufertigen, die dann mit den Leitern gemeinsam be-
sprochen und bearbeitet werden können. Diese "Beratungen" erfül-
len wichtige Funktionen für die Leiter, sie ermöglichen aber auch
Korrekturen der Einschätzungen der Forscher und sind so für die
theoretische Arbeit wertvoll. "Wir sehen in solchen Beratungen,
deren Thema fest umrissen ist und deren Teilnehmer vorbereitet
sind, die beste Methode der Auswertung." 103)
Einen weiteren Schritt innerhalb der Auswertung im Betrieb stel-
len Diskussionen mit den Werktätigen dar. Vor diesen Diskussio-
nen, die auch im kleinen Kreis stattfinden können, müssen die
Teilnehmer in ausreichendem Maß durch Wandzeitungen, Betriebszei-
tungen oder Versammlungen mit dem Thema vertraut gemacht werden.
Diese Beratungen im kleineren Kreis können einen direkten Zugang
zur Bewußtseinsbildung der Werktätigen vorbereiten, da in diesen
Beratungen in intensiver Form auf die Äußerungen der Untersuchten
eingegangen werden kann.
Die für diese Beratungen angemessene Methode ist die Gruppendis-
kussion. Dabei stehen vor allem (im Unterschied zu der im For-
schungsverlauf angewandten Gruppendiskussion) die einzelnen Er-
gebnisse der Studie zur Diskussion, die im Verlauf einer längeren
Zusammenarbeit von den Mitgliedern des Kollektivs in zunehmendem
Maße gewertet und eingeschätzt werden können. Schulz hält diese
Form der praktischen Auswertung für notwendig und sinnvoll, er
weist aber darauf hin, daß die Methoden der Auswertung von Ergeb-
nissen in dieser kooperativen Weise noch nicht voll ausgebildet
sind und daß Erfahrungen auf diesem Gebiet nur bedingt zu verall-
gemeinern sind. 104)
4. Forschungsmethoden in der gesellschaftlichen Praxis
------------------------------------------------------
Wenn die ideologischen Auseinandersetzungen auf der Ebene der so-
ziologischen Forschungsmethoden im einzelnen zu bestimmten Ergeb-
nissen in bezug auf die Formationsspezifik der Methoden geführt
hat, dann müssen diese Ergebnisse immer bezogen bleiben auf ihren
Stellenwert in der wirklichen Forschungspraxis. So wie die Ent-
stehung der Methoden nicht zu trennen ist von konkreten histori-
schen und praktischen Bedingungen, so vollzieht sich auch die An-
wendung der Methoden jeweils historisch spezifisch und unterliegt
allein deshalb immer schon bestimmten Modifikationen. Die sozial-
ökonomische Determination der Methoden impliziert daher beide:
ihren objektiv fortschrittlichen Charakter als unabdingbare
Hilfsmittel zur Steuerung sozialer Prozesse wie auch die Tatsa-
che, daß die Methoden nicht nur stoffliche Merkmale tragen, son-
dern auch solche, die sie ihrer Entstehung innerhalb der kapita-
listischen Gesellschaft und dort wiederum ganz bestimmten Organi-
sationen und Institutionen verdanken. Auf dem realen Hintergrund
der unterschiedlichen Zwecke der gesellschaftlichen Produktion in
der DDR konnten einige Aspekte dieser Formationsspezifik der Me-
thoden herausgeschält werden.
Die methodologische Betrachtungsweise ist nicht eine Art
Pflichtübung, die aus prinzipiellen oder erkenntnistheoretischen
Erwägungen vorgenommen wird; vielmehr ergibt sich ein wirkliches
Bedürfnis nach theoretischer Klärung notwendig an ganz bestimmten
Entwicklungspunkten der Praxis. Der "Beweis" für die Relevanz der
Analyse der Methoden kann daher nur von der gesellschaftlichen
Forschungspraxis selbst in der BRD und in der DDR geführt werden.
_____
*) Dieser Aufsatz ist, leicht abgeändert, einem demnächst er-
scheinenden Buch über die Übernahmeproblematik "bürgerlicher" so-
ziologischer Forschungsmethoden in der DDR entnommen.
1) Vgl. K. Gößler: "Erkennen als sozialer Prozeß", in DZFPH, 5,
1972, S. 521.
2) K. Marx, F. Engels: "Manifest der Kommunistischen Partei", MEW
Bd 4, Berlin 1959, S. 476.
3) K. Marx: "Das Kapital", Bd. 1, MEW Bd. 23, Berlin 1968, S.
194, Hervorh. U.K.
4) K. Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, Ber-
lin (DDR) 1953, S. 393.
5) Das Moment der Antizipation soll allerdings nicht in einer
Weise hypostasiert werden, daß die gleichzeitige Materialität al-
ler gesellschaftlichen Prozesse negiert wäre.
6) Erich Hahn: HISTORISCHER MATERIALISMUS UND MARXISTISCHE SOZIO-
LOGIE, Berlin (DDR) 1968, S. 139.
7) Ebenda, S. 137.
8) E. Hahn: HISTORISCHER MATERIALISMUS ..., a.a.O. S. 8.
9) So vor allem von Ludz in P.C. Ludz: SOZIOLOGIE UND EMPIRISCHE
SOZIAL FORSCHUNG IN DER DDR, Köln/Opladen 1964, und von H. Bütow:
"Soziologie und empirische Sozialforschung II", in: HOCHSCHUL-IN-
FORMATIONEN, Nr. l, 18 Jg. 1967.
10) Aus: K. Braunreuther (Hrsg.): ZUR KRITIK DER BÜRGERLICHEN SO-
ZIOLOGIE IN WESTDEUTSCHLAND, Berlin (DDR) 1962, S. 47.
11) Vgl. Bütow: "Soziologie ... II", a.a.O., S. 14.
12) E. Hahn: "Historischer Materialismus ...", a.a.O., S. 155.
13) Widersprüche in den Verhaltensweisen und Vorstellungen sind
jedoch nicht vorher bestimmbar; wäre das der Fall, müßte sich em-
pirische Sozialforschung als überflüssig erweisen.
14) Vgl. die Darstellung dieser Gesetze in: POLITISCHE ÖKONOMIE
DES SOZIALISMUS UND IHRE ANWENDUNG IN DER DDR, Berlin (DDR) 1969.
15) E. Hahn: HISTORISCHER MATERIALISMUS ..., a.a.O., S. 178.
16) E. Hahn: HISTORISCHER MATERIALISMUS ..., a.a.O., S. 178.
17) Siehe S.
18) E. Hahn: HISTORISCHER MATERIALISMUS ..., a.a.O., S. 180.
19) K. Marx: "Die deutsche Ideologie", MEW Bd. 3, Berlin 1958, S.
26.
20) K. Marx: "Die deutsche Ideologie", a.a.O., S. 27.
21) E. Hahn: HISTORISCHER MATERIALISMUS ..., a.a.O., S. 183.
22) WÖRTERBUCH DER MARXISTISCH-LENINISTISCHEN SOZIOLOGIE, Berlin
(DDR) 1969, S. 100.
23) Vgl. den Aufsatz von G.M. Andrejewa: "Die methodologische
Rolle der Theorie auf den verschiedenen Etappen der Sozialfor-
schung", in: SOZIOLOGISCHE FORSCHUNG - grundsätze und methoden v.
p. Bollhagen (Hrsg.), Berlin (ddr) 1966; und H. Jetzschmann, H.
Kallabis, R. Schulz, H. Taubert (Hrsg.): EINFÜHRUNG IN DIE SOZIO-
LOGISCHE FORSCHUNG, Berlin (DDR) 1966, S. 33 f.
24) Vgl. dazu H. Korch: DIE WISSENSCHAFTLICHE HYPOTHESE, Berlin
(DDR) 1972, S. 332f.
25) R. König (Hrsg.): DAS INTERVIEW, Köln/Berlin 1962, S. 25.
26) H. Albert: "Theorie und Prognose in den Sozialwissenschaf-
ten", in: LOGIK DER SOZIAL WISSENSCHAFTEN, hrsg. von E. Topitsch,
Köln/Berlin 1965, S. 126. Ebenso handelt eine Arbeit von A. Wey-
mann mit dem Titel "Gesellschaftswissenschaften und Marxismus.
Zur methodologischen Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften
in der DDR" schwerpunktmäßig von Sprachphilosophie und Lingui-
stik. A. Weymann: GESELLSCHAFTSWISSENSCHAFTEN UND MARXISMUS, Düs-
seldorf 1972, Kap. 3-7, 10.
27) H. Albert: a.a.O., S. 129.
28) H. Schliwa: "Erkenntnis und Ideologie", in: "Probleme und Er-
gebnisse der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie",
DZFPH, Berlin (DDR) 1968, S. 120.
29) H. Schliwa: "Erkenntnis und Ideologie", a.a.O. S. 120.
30) Andrejewa: a.a.O. S. 36.
31) K. Hager: "Die entwickelte sozialistische Gesellschaft". Auf-
gaben der Gesellschaftswissenschaften nach dem VIII. Parteitag
der SED, in: EINHEIT 11, 1971, S. 1203.
32) Vgl. P.C. Ludz: "Soziologie in der 'DDR'", I., in: SBZ-AR-
CHIV, 15, Heft 17/18,
1964, S. 270.
33) P.C. Ludz: "Soziologie in der 'DDR' ", a.a.O., S. 270.
34) J. Geräts, A. Toepel, O. Voigt: "Probleme der Vorbereitung
einer soziologischen Untersuchung", in: P.C. Ludz (Hrsg.): SOZIO-
LOGIE UND MARXISMUS IN DER DDR, Bd. 1, Neuwied/Berlin 1972, S.
456.
35) P.C. Ludz: "Soziologie in der 'DDR' ", a.a.O., S. 270.
36) K. Hager: "Die entwickelte sozialistische ...", a.a.O., S.
1240.
37) J. Gerats e.a.: "Probleme der Vorbereitung ...", a.a.O., S.
457.
38) J. Gerats e.a.; "Probleme der Vorbereitung ...", a.a.O.
39) Ebenda, S. 472.
40) Ebenda, S. 472.
41) H. Kern, M. Schumann: INDUSTRIEARBEIT UND ARBEITERBEWUSSTSEIN
Frankfurt/M., 1970.
42) Vgl. a.a.O., Bd. 1, S. 23.
43) Ebenda, Bd. 2., S. 216.
44) Ebenda.
45) Eine Ausnahme wäre etwa J. Ritsert: INHALTSANALYSE UND IDEO-
LOGIEKRITIK, Frankfurt/M., 1972.
46) J. Geräts e.a.: "Probleme der Vorbereitung ...", a.a.O., S.
475.
47) D. Dohnke: "Zum Verhältnis von Theorie und Empirie in der so-
ziologischen Forschung", unveröffentl. Dissertation, Berlin (DDR)
1968.
48) H. Korch: "Die wissenschaftliche Hypothese", a.a.O., S. 335.
49) D. Dohnke: "Theorie und Empirie in der Soziologie", in: H.
Jetzschmann (Hrsg.): EINFÜHRUNG IN DIE SOZIOLOGISCHE FORSCHUNG,
Berlin (DDR) 1966, S. 50.
50) F. Haug: KRITIK DER ROLLENTHEORIE, Frankfurt/M., 1972, S.
105.
51) Ebenda.
52) Die umfassende Darstellung und Kritik dieser Konzepte wird in
ausführlicher Weise von F. Haug geleistet. Vgl. a.a.O.
53) Vgl. F. Haug, a.a.O., S. 72.
54) A. Cicourel: METHODE UND MESSUNG IN DER SOZIOLOGIE, Frank-
furt/M., 1970, S. 91.
55) A. Cicourel: METHODE UND MESSUNG ..., a.a.O., S. 69
56) A. Schrader: EINFÜHRUNG IN DIE EMPIRISCHE SOZIALFORSCHUNG,
Stuttgart 1971, S. 116.
57) A. Schrader: EINFÜHRUNG ... , a.a.O., S. 117.
58) A. Cicourel: METHODE UND MESSUNG ... , a.a.O., S. 86.
59) Ebenda, S. 87, Hervorh. U.K.
60) Es ist daher der Komplex der schichtenspezifischen Sozialisa-
tion, der den Mittelschichtindividuen vor allem die Fähigkeit zur
Rollendistanz, Ambivalenztoleranz und Ich-Identität zuschreibt.
Die Darstellung und Lösung der Probleme der Untersuchungssitua-
tion erfordern genau diese Fähigkeiten zum differenzierten Rol-
lenspiel, zum Ertragen von uneindeutigen Situationen und zur be-
sonderen Einschätzung der eigenen Person im Unterschungsprozeß,
U.K.
61) A. Schrader: EINFÜHRUNG ... , a.a.O., S. 116.
62) A. Cicourel: METHODE UND MESSUNG ..., a.a.O., S. 69.
63) Vgl. E. Mayo: PROBLEME INDUSTRIELLER ARBEITSBEDINGUNGEN,
Frankfurt 1947. Hier ist vor allem die sogenannte Hawthorne-Stu-
die gemeint, die von 1927 bis 1939 im Western Electric Werk in
Chicago durchgeführt wurde, und die vermittels der soziologischen
Analyse des menschlichen Verhaltens im Betrieb zu einer
"Neuorientierung" der innerbetrieblichen Praxis verhelfen sollte.
Neuorientierung ist in diesem Falle die größtmögliche Ausbeutung
des Faktors Arbeitskraft, d.h. die Intensivierung und Rationali-
sierung dieses Faktors im Produktionsprozeß. Während der Durch-
führung der Untersuchung wurde den Arbeitern bewußt vorgespie-
gelt, diese Untersuchung diene nur der Erleichterung der Arbeits-
bedingungen.
64) A. Cicourel: METHODE UND MESSUNG ..... a.a.O., S. 88.
65) Ebenda, S. 69.
66) Ebenda, S. 97.
67) A. Schrader: EINFÜHRUNG ..., a.a.O., S. 89.
68) Ebenda, S. 116.
69) A. Cicourel: METHODE UND MESSUNG ..., S. 78.
70) Ebenda.
71) Vgl. C. Ohm: "Ziellosigkeit als Lernziel der Gruppendynamik",
in : DAS ARGUMENT, 78, H. 1-3, 1973, S. 94 ff.
72) Ebenda, S. 115.
73) F. Haug: KRITIK DER ROLLENTHEORIE ..., a.a.O., S. 145.
74) C. Ohm: "Ziellosigkeit...", a.a.O., S. 116.
75) Vgl. SOZIALISTISCHE BILDUNGSÖKONOMIE, hrsg. v. A. Knauer, H.
Majer, W, Wolter, Berlin 1972, S. 16.
76) Ebenda.
77) C. Ohm: "Ziellosigkeit...", a.a.O., S. 116.
78) H. Klotsch, F. Reumann: ARBEITERKLASSE UND BEWUSST GESTALTETE
PRAXIS, Berlin (DDR) 1969, S. 89.
79) "... denn gerade die Unkenntnis der Ziele sichert am besten
die Unbefangenheit des Fragens, das unverfälschte Aufzeichnen von
Antworten und Beobachtungen sowie den Verzicht auf selbständige
(d.h. statistisch nicht auswertbare) Recherchen und damit die
Neutralität der Erhebung. Der Interviewer muß seinen Vorschriften
und seinem Fragebogen 'gläubig' folgen - das erklärt, warum Stu-
denten selten gute Interviewer sind; denn sie werden in ihrem
Studium zum Gegenteil einer gläubigen Hinnahme von Vorschriften
erzogen. E. Noelle: UMFRAGEN IN DER MASSENGESELLSCHAFT, Hamburg
1963, S. 166.
80) W. Henning: "Einige Fragen des Aufbaus von Interviewfragen
und der Interviewerausbildung" in: W. Friedrich (Hrsg.): METHODEN
DER MARXISTISCH-LENINISTISCHEN SOZIALFORSCHUNG, Berlin (DDR)
1971, S. 86.
81) Ebenda.
82) Ebenda.
83) In der bürgerlichen Gesellschaft kann von einer grundsätzli-
chen Interessenkollision gesprochen werden, wobei im Einzelfall
notwendig auch fortschrittliche Forschung, d.h. Forschung im In-
teresse der Arbeiterklasse, betrieben wird - so etwa im Rahmen
gewerkschaftlicher Untersuchungen.
84) Vgl. K. Gößler, a.a.O., S. 518; und J. Jetzschmann e.a.: EIN-
FÜHRUNG ..., a.a.O., S. 114.
85) D. Dohnke: "Dissertation", a.a.O., S. 158 ff.
86) Vgl. Ebenda, S. 160.
87) Ebenda.
88) D. Dohnke: Dissertation, a.a.O., S. 162.
89) Vgl. G. Andrejewa: a.a.O.; QUANTITATIVE METHODEN IN DER SO-
ZIOLOGIE, Berlin (DDR) 1970,; S. Bönisch: "Einige philosophisch-
methodologische Fragen", in: W. Friedrich (Hrsg.): METHODEN ...,
a.a.O.
90) Vgl. G. Andrejewa: a.a.O., S. 41 f.
91) Ebenda, S. 45.
92) G.W. Plechanow: WERKE, Bd. VII, Moskau-Leningrad 1925, S. 212
(russ.), zit. bei Andrejewa, a.a.O., S. 45.
93) Vgl. dazu den Bericht "Arbeitstagung zur marxistisch-lenini-
stischen Erkenntnistheorie" von B. Okun, in: WISSENSCHAFTLICHE
ZEITSCHRIFT DER KARL-MARX-UNIVERSITÄT, Ges.- und sprachwiss.
Reihe, H. 3, 21. Jg. 1972, S. 251-258.
94) Vgl. etwa E. Hahn: HISTORISCHER MATERIALISMUS UND MARXISTI-
SCHE SOZIOLOGIE, das Kapitel "Die Erklärung in der Soziologie",
a.a.O., S. 219 f.
95) "Die Auswertung darf daher auch nicht bei einigen primären
Daten oder Prozentsätzen, welche die Leitungen dann nach ihren
Bedürfnissen oder Vorstellungen interpretieren, stehenbleiben.
Sie muß Schlußfolgerungen oder Empfehlungen beinhalten, die durch
die Analyse wissenschaftlich begründet und theoretisch ausgear-
beitet sind." H. Jetzschmann e.a. (hrsg.): EINFÜHRUNG ...,
a.a.O., S. 103.
96) WÖRTERBUCH DER MARXISTISCH-LENINISTISCHEN SOZIOLOGIE, a.a.O.,
S. 46, Hervorh. U.K.
97) G. Andrejewa: a.a.O., S. 41.
98) In: H. Jetzschmann e.a. (hrsg.): EINFÜHRUNG ..., a.a.O., S.
107.
99) Ebenda, S. 108, Hervorh. U.K.
100) Ebenda, S. 111.
101) Ebenda.
102) Ebenda, S. 110.
103) Ebenda.
104) Ebenda, S. 114.
zurück