Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
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Fragen der Dialektik
Robert Steigerwald
WELCHE ART VON PHILOSOPHIE ENTWICKELT DER MAOISMUS?
Die maoistische Theorie der Dialektik
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Die Maoisten selbst halten Maos Behandlung des Widerspruch-Pro-
blems für den Gipfel seiner Leistungen und folglich der marxisti-
schen Philosophie. Konzentrieren wir uns also auf diese Frage.
Hätte Hegel nur darauf bestanden, daß der Kampf entgegengesetzter
Elemente Quell alles Werdens sei, würde er das Niveau der hera-
klitischen Dialektik nie überschritten haben. D a ß der Streit
der Vater aller Dinge sei, war gewiß eine großartige Einsicht.
Doch sie sagt uns noch nicht, w i e aus dem Kampf gegensätzli-
cher Momente Neues hervorgeht. B l e i b t es bei ewiger Span-
nung zwischen Position und Negation, so folgt daraus g e r a d e
k e i n Werden. W i e der Kampf der widerstreitenden Seiten in
ein Neues, widerspruchsvolles Etwas "aufgelöst" wird, in solch
Neues umschlägt, das folgt aus der Widerspruchs-These noch nicht.
Gäbe es jedoch solche "Auflösung" nicht, fände auch kein Werden
statt. Gibt es aber solches Fortschreiten durch Widersprüche, so
ist dessen Gesetzmäßigkeit zu klären. Fehlt solche Gesetzmäßig-
keit, geschieht der Umschlag von einer widerspruchsvollen Einheit
in die andere also chaotisch, so folgt daraus, daß sich, aufs
Ganze gesehen, solche Qualitäts-Umschläge gegenseitig annullie-
ren, also keine Entwicklung stattfindet.
Dasselbe gilt, wenn es nur den e i n f a c h e n Umschlag der
einander widersprechenden Seiten gäbe. Das Ergebnis wäre ein ein-
facher Kreislauf. Einmal negierte die Position, dann wieder die
Negation. Wenn die einander widersprechenden Momente nur im Ver-
hältnis des absoluten Gegensatzes stünden, gäbe es bestenfalls
solchen einfachen Umschlag, den Kreislauf. Die Negation träte an
die Stelle der Position, und dann wieder geschähe das Gegenteil.
Es gäbe keine Entwicklung. Alles das wäre Stillstand unter dem
Schein von Bewegung.
Wir hätten es abermals mit dem gleichen Resultat zu tun, wenn die
Elemente des Gegensatzes - wie etwa in der Dialektik des Cusanus
- einfach konvergierten: Wenn sich der Widerspruch in Harmonie
verflüchtigt, verschwindet die Triebkraft der Entwicklung, tritt
Stillstand ein.
Hegels Dialektik übersteigt das skizzierte Niveau heraklitischen
und cusanischen Denkens. Nichts gibt es, was nicht ebenso die Un-
mittelbarkeit enthält, als die Vermittlung, so daß sich diese
beiden Bestimmungen als ungetrennt und untrennbar und jener Ge-
gensatz sich als ein Nichtiges zeigt, schrieb er. (Hegel, Wissen-
schaft der Logik, 1928, S. 70 f.) Die Elemente des Widerspruchs
sind nicht nur einander entgegengesetzt, sondern sie bedingen
einander. Seine Momente sind miteinander so verknüpft, daß der
eine Pol nicht ohne den anderen ist oder sein kann: Der Herr ist
nur Herr in bezug auf den Knecht und umgekehrt. Kapitalismus gibt
es nur dank der dieser Ordnung spezifischen Herr-und-Knecht-Be-
ziehung. Die Pole des Widerspruchs sind also nicht verteilt auf
einen bestimmten Sachverhalt einerseits und sein Anders-Sein an-
dererseits, sondern sie wirken in allem Sein. Aus Heraklits: "Der
Streit ist der Vater aller Dinge" wird: Jedes Ding, jede Erschei-
nung ist eine Einheit von Widersprüchen, bewegt sich vermöge die-
ser Einheit und des Kampfes der Widersprüche in seinem Innern.
Der Kapitalismus entwickelt sich im Ergebnis des Kampfes der in-
nerkapitalistischen Klassen und Schichten, vor allem des Kampfes
von Bourgeoisie und Proletariat.
Gerade in der Theorie vom Widerspruch ist der Marxismus zutiefst
Hegel verpflichtet. Wie aber stellt sich nun dieses Problem bei
Mao dar? Um darüber Aufschluß zu erlangen, genügt es nicht, bei
seinen allgemeinen Thesen stehen zu bleiben. Gerade dann, wenn
man Maos Erläuterungen solcher allgemeinen Thesen studiert, er-
kennt man, daß er weit zurückfällt nicht nur hinter die marxi-
stisch-leninistische, sondern auch hinter die hegelianische Lö-
sung des Widerspruchs-Problems. Hier offenbart sich, wie schäd-
lich das bornierte Festhalten an der für ihre Zeit zwar großarti-
gen, aber heute eben doch zurückgebliebenen, elementaren Dialek-
tik feudaler chinesischer Denker ist.
Maos Widerspruchstheorie reduziert sich auf eine Lehre von kom-
plementären Begriffen und ihren einfachen, kreisförmigen Um-
schlag. "An sich können die einander widersprechenden Seiten
nicht isoliert voneinander existieren ... Ohne Leben tritt kein
Tod ein, ohne Tod kein Leben. Ohne Oben kann man nicht von Unten,
ohne Unten nicht von Oben sprechen. Ohne Unglück kann keine Rede
von Glück und ohne Glück keine Rede von Unglück sein. Ohne Leicht
gibt es kein Schwer, ohne Schwer kein Leicht." (Mao Tse-tung:
Ausgewählte Werke, Bd. 2, S. 794, chin.) Ohne Pächter gibt es
keine Grundbesitzer und umgekehrt. (Ebenda, Werke, Berlin 1957,
Bd. 1, S. 389)
Ist es wirklich richtig, daß es ohne Unglück kein Glück gibt?
Würde es dann nicht umso besser sein, je schlechter es zuginge?
Ist diese "Dialektik" Maos nicht außerordentlich ähnlich der des
Till Ulenspiegel, der, wenn er den Berg hinaufmarschiert, sich
darüber freut, daß er hinterher den Berg wieder hinabmarschieren
wird, und der sich folglich darüber ärgert, wenns bergab geht,
weil er ja weiß, daß er anschließend wieder den Berg hinaufmar-
schieren muß?! Daß es keine Pächter ohne Grundbesitzer gibt, ist
richtig, doch die Umkehrung ist ebenso falsch wie die analoge An-
sicht, daß, weil zur Bourgeoisie das Proletariat gehöre, es auch
umgekehrt so sei. Es ist eben nicht so, daß komplementäre Er-
scheinungen einander bedingen müssen. Die Ursache des Tages ist
nicht die Nacht und umgekehrt. Seit langem weiß man, daß etwas
nicht darum die Ursache von anderem nur deshalb ist, weil das an-
dere auf das erste folgt und sich zu ihm im Verhältnis der Kom-
plementarität befindet. Die Komplementarität von Oben und Unten
kann im Gesellschaftlichen Quelle von Bewegung sein, im Geogra-
phischen wäre solch eine Vorstellung unsinnig. Leicht und schwer
sind komplementär, sind sie aber auch dialektisch widersprechende
Seiten im Sinne der Bewegungsursache?
Maos Widerspruchstheorie erweist sich hier als oberflächlich, me-
chanistisch. Aus der Tatsache, daß Lebendes in Totes übergeht,
folgt doch nicht die dialektische Identität beider. Leben ist ein
Widerspruch entgegengesetzter Stoffwechselprozesse. Engels macht
gerade darauf aufmerksam, daß Leben und Tod ein Gegensatz sind,
dessen Grundlage das Aufhören dieses Stoffwechselprozesses ist.
Nehmen wir Krieg und Frieden. Ist der Krieg die Ursache des Frie-
dens oder umgekehrt, wie Mao meint: "Krieg wird zu Frieden ...
Frieden wird zu Krieg ..."? (Ebenda, S. 796) Krieg und Frieden
sind Beziehungen zwischen Klassen und Staaten antagonistischer
Gesellschaftsordnungen. Was hier die Gesellschaft bewegt und auch
Krieg und Frieden bedingt, das ist der antagonistische Klassenge-
gensatz.
Maos oberflächliche, mechanistische Dialektik komplementärer Er-
scheinungen tritt auch darin zutage, daß er innerhalb einander
widersprechender Momente das quantitativ stärkere Moment als do-
minierend ansieht. (Ebenda, S. 789 ff.) Der Marxismus geht jedoch
ganz anders an diese Frage heran und sieht quantitative Stärke
auf die Dauer gesehen als die Folge einer qualitativen Überlegen-
heit an. Die Arbeiterklasse ist der bestimmende Pol innerhalb des
Kapitalismus nicht erst, seitdem sie quantitativ die stärkste
Klasse geworden ist. Sie war dies schon zu dem Zeitpunkt, da Marx
und Engels die "Heilige Familie" schrieben, (K. Marx/F. Engels:
Werke, Bd. 2, S. 37 f.) als die Arbeiterklasse in der Gesamtbe-
völkerung noch eine kleine Klasse darstellte.
Mao meint: "Die Gegensätze stehen sich in allen Prozessen im we-
sentlichen antagonistisch gegenüber. Sie sind unversöhnlich und
verschmelzen nicht miteinander. Es sind zwei Feinde, die einander
hassen. Sowohl im Prozeß der Entwicklung aller Erscheinungen in
der Welt als auch im menschlichen Denken sind derartige feindli-
che Gegensätze enthalten; Ausnahmen gibt es nicht." (Mao Tse-
tung: Dialektischer Materialismus, in: Minghu, 1940, Nr. 1 u. 2,
chin.) Dies ist eine Widerspruchsdialektik bestenfalls auf dem
Niveau Heraklits, eine Dialektik, deren innere Logik bestenfalls
eine Kreislaufbewegung erzeugt. Kein Wunder also, daß genau jene
Kreislaufbewegung bei Mao eintritt: "Durch die Revolution verwan-
delt sich das beherrschte Proletariat in die herrschende Klasse,
die ursprünglich herrschende Bourgeoisie verwandelt sich in die
beherrschte Klasse und geht auf den Platz über, den ursprünglich
die Gegenseite einnahm." (Mao Tse-tung: Ausgewählte Werke, Bd. 2,
S. 795) Oder ein anderes Zitat gleicher Qualität: "Unter bestimm-
ten Bedingungen verwandeln sich diese Klassen ineinander, so daß
die Ausbeuter zu Ausgebeuteten und die Ausgebeuteten zu Ausbeu-
tern werden und die kapitalistische Gesellschaft sich in die so-
zialistische verwandelt." (Mao Tse-tung: Zur Frage der richtigen
Behandlung von Widersprüchen innerhalb des Volkes, in: Volkshand-
buch, Peking 1958, S. 13, chin.) Nimmt wirklich die Bourgeoisie
die Rolle der Arbeiterklasse ein? Bleibt die Polarität zwischen
Arbeiterklasse und Bourgeoisie nach der sozialistischen Revolu-
tion wirklich bestehen? Wird die Bourgeoisie durch die soziali-
stische Umwälzung nicht vielmehr als Klasse beseitigt? Wie, ist
die sozialistische Gesellschaft diejenige, in der die ehemals
Ausgebeuteten, die Proletarier, zu Ausbeutern werden und die
Bourgeoisie zur ausgebeuteten Klasse?
Maos mechanistische Widerspruchstheorie ist letztlich unfähig,
den Ursprung der Bewegung aus den inneren Widersprüchen zu klä-
ren, womit sie zu religiösen Konsequenzen: äußerer Anstoß der Be-
wegung, äußerer Erstbeweger, verleitet. Letztlich sieht sie den
Ursprung in ständigen Verletzungen von Gleichgewichtszuständen.
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