Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1974
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Fragen der Dialektik
Camilla Warnke
RELATIVISMUS STATT DIALEKTIK?
ZUM FUNKTIONALISMUS VON N. LUHMANN UND H. ROMMBACH
In den beiden letzten Jahrzehnten hat sich in der BRD eine philo-
sophische Richtung etabliert, die systemwissenschaftliche Be-
griffe wie "System", "Struktur" und "Funktion" zu Grundkategorien
einer ihrer Meinung nach völlig neuartigen Philosophie erheben
möchte. Mit diesem Anspruch tritt am entschiedensten Heinrich
Rombach auf, der eine von den Begriffen "Funktion" und "Struktur"
getragene "Strukturontologie" proklamiert, die die alte Substan-
zenontologie ablösen soll. (Siehe H. Rombach: "Strukturontologie.
Eine Phänomenologie der Freiheit", München 1971 und "Substanz,
System, Struktur", Freiburg/München 1965.)
Nicht mit derselben Deutlichkeit zwar, weil eingebettet in und
verschleiert durch eine Systemtheorie der Gesellschaft, hat Ni-
klas Luhmann einen umfassenden philosophischen Ansatz erarbeitet,
den man "radikalisierten Funktionalismus" (Vgl. N. Luhmann:
"Soziologische Aufklärung", Opladen 1971, S. 113.) nennen könnte,
und in dessen Zentrum gleichfalls der Begriff der Funktion steht.
Daß es Luhmann und Rombach um eine neue Philosophie zu tun ist
und nicht etwa nur darum, den Funktionalismus als legitime For-
schungsmethode in den Einzelwissenschaften durchzusetzen, läßt
sich sofort an ihrer Bestimmung von "Funktion" ablesen, die phi-
losophisch ist. "Funktion" ist nach Rombach nämlich - und der Sa-
che nach auch für Luhmann - "Unselbständigkeit", "Angelegtheit
auf Anderes", "Sein im Anderen". (Rombach: "Substanz, System,
Struktur", a.a.O., Bd. 1 S. 13.) Sie ist Gegenbegriff zu
"Substanz", zur Vorstellung von einem Etwas, das "für sich zu be-
stehen vermag". (Ebenda.) "Funktion" ist also für diese Richtung
nichts als ein modernerer Terminus für das, was Hegel in der
"Logik" als Erscheinung bezeichnet. Sie ist Für Anderes Sein.
In der Gegenüberstellung von Substanz und Funktion und in der
Primordalität von Funktion vor Substanz, die sich in der Ernen-
nung der Funktion zur zentralen Kategorie dieser Philosophie äu-
ßert, wird bei Lichte besehen, nochmals jener Vorgang wiederholt,
mittels dessen Hegel in der "Logik" im Abschnitt "Die Erschei-
nung" das abstrakte Ding an sich in die Erscheinung überführt und
der in dem Satze gipfelt: "Die Eigenschaft, welche die Beziehung
der selbständigen Extreme ausmachen sollte, ist daher das Selb-
ständige selbst. Die Dinge dagegen sind das Unwesentliche."
(G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik, 2. Teil, Leipzig 1934, S.
114.)
Auf den gleichen Schluß gründet sich die Funktionenontologie.
Rombach schreibt: "Die Wechselbedingtheit zwischen den Momenten
ist ursprünglicher als die Momente. Diese 'ergeben' sich aus der
Relation als jenem ursprünglichen einheitlichen Bezug, der sich
im Hinblick auf die verschiedenen Seiten verschieden darstellt."
(Rombach: Strukturontologie, a.a.O., S. 28.) Halten wir fest,
welcher philosophische Vorgang sich hier vollzogen hat: Der meta-
physischen Behauptung, daß die Dinge in ihrer Konsistenz von ih-
rer Wechselwirkung mit der Umwelt unabhängige Substanzen sind,
die selbständig und für sich zu bestehen vermögen, die lediglich
sekundär, nachträglich und äußerlich auch noch in Wechselwirkung
treten können, wird die abstrakt entgegengesetzte Auffassung ge-
genübergestellt. Die Substanzenontologie wird abstrakt, undialek-
tisch negiert. Das heißt: Wechselwirkung, Eigenschaft, Relation,
Beziehung, Für Anderes Sein werden dem ontologisch vorgeordnet,
dem gegenüber verselbständigt, was da wechselwirkt, sich in Rela-
tion befindet usw. Das aber hat zur Folge, daß auf die Begriffe
"Funktion", "Relation" usw. unter der Hand die Bestimmung zurück-
schlägt, um deretwillen der Substanzbegriff bekämpft worden war.
Funktion ist nun selbst zu Substanz, zu Essenz avanciert, weil zu
einem Etwas, das für sich zu bestehen vermag.
Der radikalisierte Funktionalismus verstrickt sich somit in Anti-
nomien, was seit Kant, spätestens seit Hegel als Anzeichen dafür
gewertet werden muß, daß die Lösung des philosophischen Problems
verfehlt wurde. Für Hegel ist dieser daher auch noch nicht der
ganze sondern erst der halbe Schluß. Sobald Hegel Substanz in Ei-
genschaft und Wechselwirkung aufgelöst hat, signalisiert er das
Vorläufige dieses Übergangs, indem er ihn ebenso wie das Ding an
sich als abstrakte Einseitigkeit, lediglich "mit umgekehrten
Werte" kennzeichnet. (Hegel: Wissenschaft der Logik, a.a.O., S.
114.)
Der Übergang vom Ding an sich zu Eigenschaft und Wechselwirkung
ereignet sich bei Hegel bezeichnenderweise im Abschnitt "Die Er-
scheinung"'. Mit dieser Lokalisation ist aber für ihn der Platz
jeglicher Spielart von Philosophie bestimmt, die Eigenschaft,
Wechselwirkung, kurz, irgendeine Gestalt des Für Anderes Seins
verabsolutiert: Sie ist dingfest gemacht als Phänomenologie. Und
der philosophische Funktionalismus ist in der Tat pure Phänomeno-
logie, auch wenn er sich als solche verkennt. Sowohl Rombach als
auch Luhmann stehen in der phänomenologischen Tradition. Sie sind
in einem Maße vor allem der Phänomenologie Husserls verpflichtet
(Siehe dazu: L. Eley; Transzendentale Phänomenologie und System-
theorie der Gesellschaft, Freiburg 1972.), der gegenüber ihre ei-
gene philosophische Originalität bis auf die Leistung einge-
schrumpft, in den von Husserl höchst abstrakt gefaßten, auf Kon-
stitution und Intentionalität abgestellten Subjektbegriff, das
Begriffsgefüge "System", "Struktur" und "Funktion" eingebracht
haben. Beide arbeiten mit jenem Vorstellungsfeld, das Husserl be-
reitgestellt hat, um die Welt, sofern sie erscheinende ist, als
erscheinende erfassen zu können: mit der Horizonthaftigkeit alles
Erlebens, seiner je subjektiven Relativität usw., worauf später
zurückzukommen sein wird.
In diesem Kontext hat man Hegel für sich entdeckt, Hegel insoweit
und insofern er das Reich der Erscheinungen charakterisiert: als
die Sphäre der Vielheit, Veränderlichkeit, des Wechsels, der Un-
terschiede usw., kurz, als die Sphäre des "perennierenden Her-
über- und Hinübergehens von dem einen Gliede des bleibenden Wi-
derspruchs zum anderen", das aber "nicht ein Fortgehen und Wei-
terkommen, sondern ein Wiederholen von ein und demselben. Setzen,
Aufheben und Wiedersetzen und Wiederaufheben" ist, "dem das, was
es aufhebt, durch sein Aufheben selbst als ein Kontinuierliches
wiederkehrt". (Hegel: Wissenschaft der Logik, Erster Teil,
a.a.O., S. 225.)
Wenn Hegel den Übergang in die Erscheinung auch für die wei-
terentwickelte und höhere Denkweise hält als diejenige, die die
abstrakte Einheit noch nicht in Unterschiede, die Ruhe noch nicht
in die Bewegung, das Ding an sich noch nicht in seine Beziehungen
überführt hat, so gilt sie ihm darum noch nicht als die eigent-
lich dialektische. Den Vorschlag, sie bereits für Dialektik zu
nehmen, hätte er gewiß wie die Zumutung zurückgewiesen, der Hera-
klitischen Dialektik den Logos zu entziehen, um sich mit der no-
minalistischen Plattheit des Kratylos zu bescheiden. Dialektik
hebt erst dort an, wo der Unterschied zum Widerspruch zugespitzt,
Bewegung in Entwicklung übergegangen und Beziehungen zum
"wesentlichen Verhältnis" hin vertieft sind. Das aber ist vom
phänomenologischen Ansatz, welcher Prägung auch immer, nicht zu
leisten. So ist es Selbstbetrug, wenn etwa Rombach glaubt, Hegel
nahe zu stehen, weil er alles Feste verflüssigt, in Dynamik auf-
gelöst hat. Und es ist irreführend - wobei das Beispiel für das
Verfahren insgesamt stehen mag - wenn Luhmann mit der Verwendung
der Termini "Negation" und "Negation der Negation" suggerieren
möchte, Hegelsche Kategorien rezipiert zu haben.
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