Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1975


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       Stephan Albrecht
       

VERHÄLTNIS DGB-SPD - AM BEISPIEL DER AUSEINANDERSETZUNG UM DIE MITBESTIMMUNG

Vorbemerkung ------------ Der folgende Beitrag versteht sich als Moment einer Diskussion um die realen Bedingungen einer Veränderung der SPD in Richtung auf eine sozialistische Partei. Notwendig bleibt er dabei in vielen Punkten fragmentarisch und deutet an, wo Ausführungen nötig wä- ren. Die darin angesprochenen Probleme sind bislang zu wenig in den Blickpunkt der Diskussion der Linken in der Sozialdemokratie gerückt. Der Aufsatz gliedert sich in drei Teile. Die Einleitung gibt einen knappen historischen Überblick über die Entwicklung des Verhältnisses von SPD und Gewerkschaften. Es folgt eine Darstel- lung der Diskussion der Mitbestimmungsfrage zwischen SPD und DGB von 1969 bis 1972. Abschließend folgt eine Skizzierung strategi- scher Fragestellungen. Es geht dabei weniger um eine geschlossene Darstellung des Themas - deren Erarbeitung allerdings durchaus vonnöten ist - als um einen Impuls einer zu führenden Diskussion. Im Falle von sich regendem Zu- oder Widerspruch hätte der Aufsatz schon seinen Zweck erfüllt.. I. Historische Grundlagen des Verhältnisses ------------------------------------------- von SPD und Gewerkschaften -------------------------- Die politische Analyse des Verhältnisses von Sozialdemokratischer Partei und dem Deutschen Gewerkschaftsbund ist nicht nur von In- teresse unter dem Gesichtspunkt der Gemeinsamkeiten in Bezug auf die politischen und sozialen Wurzeln und im Hinblick auf die ge- meinsame Geschichte, sondern ebenso unter dem Blickwinkel strate- gischer Schlußfolgerungen. 1) Zwischen der Entstehung gewerkschaftlicher Organisationen in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und der Ausformung einer politischen Bewegung der Arbeiter besteht ein direkter Zusammen- hang sowohl im Hinblick auf die objektiven Bezugspunkte als auch die personellen Träger. Die von Marx und Engels herrührende Unterscheidung von Aufgabe und Perspektive der Gewerkschaften als einer Schutz- und Abwehr- organisation aller Arbeiter auf dem Boden der bestehenden Ordnung und der Partei als der politischen und geistigen Kraft zur Besei- tigung der kapitalistischen Ordnung wurde auch von den Gewerk- schaften als selbstverständliches Moment einer Arbeitsteilung aufgefaßt. Das Sozialistengesetz 1878 hatte nicht nur eine tak- tische Betonung der strikten Trennung und Gewerkschafts- und po- litischer Arbeit mit sich gebracht, sondern auch das Fehlen eines richtungsweisenden Einflusses politischer Art auf die Gewerk- schaftsbewegung. Dies verbunden mit einer fahrlässigen Gering- schätzung der Bedeutung der Gewerkschaften nach dem Fall des So- zialistengesetzes 1890 durch die SPD und dem Stagnieren der Ge- werkschaftsentwicklung in den neunziger Jahren führte mit zu der Loslösung der Leitung der Gewerkschaften von der Position der Ar- beiterpartei SPD. Die schematische Trennung von politischer und gewerkschaftlicher Arbeit führte zu dem Versuch der politischen Einflußnahme der Gewerkschaften auf die Partei unter dem Banner eines explizit reformistischen Programms. Die Debatte um die Mög- lichkeiten, Grenzen und den Sinn des politischen Massenstreiks der Arbeiterschaft zur Durchsetzung elementarer demokratischer Forderungen offenbarte dann eine reale Verkehrung des tradierten Verständnisses von den Beziehungen der Gewerkschaften zur SPD. Diese Auseinandersetzung endete mit einer faktischen Anerkennung der Gleichberechtigung von Gewerkschaften und Partei in Bezug auf die Gestaltung der jeweiligen Politik. Der 1. Weltkrieg brachte parallel zu dem Schisma der politischen Arbeiterbewegung zunächst eine Einbindung der Gewerkschaftsorga- nisation in die staatliche Politik in Form der Zentralen Arbeits- gemeinschaft (ZAG). Die von den Mehrheitssozialdemokraten mitge- tragene Weimarer Republik hatte dann zwar in ihrer Verfassung ne- ben den politischen Grundrechten soziale Rechte verankert und die Freiheit der Tarifpartner festgelegt. Indes waren die Machtgrund- lagen des großen Kapitals nicht gebrochen, und zwei Inflations- krisen wirkten sich nachhaltig verschlechternd auf die Lage und Situation der arbeitenden Menschen aus. Just zu einem Zeitpunkt, als die Sozialdemokratische Partei mit dem Heidelberger Programm 1925 in grundsätzlichen programmatischen Fragen zu marxistischen Positionen zurückkehrte, wurde auch innerhalb der Gewerkschaften mit der Diskussion um das Konzept der Wirtschaftsdemokratie der Versuch unternommen, aus den Ergebnissen der Novemberrevolution und den gescheiterten Sozialisierungsbestrebungen Konsequenzen zu ziehen. So hatte sich auf einer historisch neuen Stufe wiederum eine enge Partnerschaft von SPD und Gewerkschaften bewahrt. Mithin hätte sich hier die Möglichkeit aufgetan, gewerkschaftli- che Vorstellungen über die verbündete SPD als Regierungspartei durchzusetzen. Daß dies nicht in dem wünschbaren Ausmaß reali- siert wurde, lag nur zum Teil in der Festlegung der Politik der SPD auf einen dezidiert antikommunistischen Kurs und Koalition mit bürgerlichen Parteien begründet. Die Gewerkschaften sahen mit ihren strategischen Vorstellungen eine wiederum schematische Trennung vor zwischen der Tarifpolitik als einer praktisch-poli- tischen Aufgabe und dem Aufstellen von politischen Forderungen an den Gesetzgeber. Die Sozialdemokratie hat aus ihrer Identifika- tion mit dem Weimarer Staat die Trennung von politischer und öko- nomischer Dimension in umgekehrter Richtung vorgenommen. Für sie war mit der politischen Demokratie gemäß der Verfassung auch die Basis für die Lösung der wirtschaftlichen Probleme gegeben. Diese Auffassung führte in der Endphase der Weimarer Republik zu einer legalistischen Haltung, die bis zur Auslieferung erkämpfter Posi- tionen der Arbeiterbewegung an die aufkommende Unrechtsherrschaft der Faschisten ging. Der Widerstand gegen das Gewaltregime des Faschismus sah die di- vergierenden Positionen der Arbeiterbewegung erst einmal an einer gemeinsamen Front. Waren auch Ziele und Perspektiven unterschied- lich, so galt es doch zu allererst, die faschistische Herrschaft zu beenden. Die verschiedenen gesellschaftspolitischen Vorstel- lungen, die innerhalb des ADGB wie auch der SPD vertreten waren, führten dazu, daß die Mitglieder dieser Organisationen an ver- schiedenen Stellen des Widerstandes tätig waren. Das Prager Mani- fest der SPD von 1934 versuchte Konsequenzen aus dem Scheitern der Arbeiterbewegung vor dem Faschismus zu ziehen, indem es zu Positionen der alten marxistischen Sozialdemokratie Bezug nahm und den Reformismus und Legalismus offen kritisierte. Dieses war eine Vorbedingung, um nach der militärischen Nieder- lage des Faschismus an den Wiederaufbau des Gewerkschaftswesens - wie auch der SPD zu gehen. In den Westzonen und in der SBZ unter- schieden sich dabei die Entwicklungen grundlegend . 2) Jedenfalls waren schon kurz nach dem Ende des Krieges Ansätze und Initiati- ven zu demokratischer politischer und gewerkschaftlicher Tätig- keit erkennbar. Diese wurden von den drei westlichen Alliierten keineswegs unterstützt oder begrüßt, sondern eher behindert. Die SPD konstituierte sich 1946 in Hannover unter Führung von Kurt Schumacher und 1949 wurde der DGB als Einheitsgewerkschaft ge- gründet, "d.h. eine umfassende Organisation der Arbeiter und An- gestellten unter Integration der sozialdemokratischen, kommuni- stischen, katholischen und liberalen Elemente gewerkschaftlicher Tradition, und zwar mit dem primären Ziel, antikapitalistische Strukturformen durchzusetzen." Dieser Grundsatz wurde allerdings bald im Rahmen des Kalten Krieges dahingehend modifiziert, daß alle Kommunisten aus Führungspositionen des DGB entfernt wurden. Der DGB sah in der SPD programmatisch und praktisch - vor allem in Bezug auf den Bundestag - seinen Verbündeten. Die Entwicklung der SPD zum Godesberger Programm fand zwar keinen ungebrochenen Widerhall im DGB, dennoch wurden auch hier Positionen relati- viert. Die gemeinsame Forderung nach Überprüfung der Schlüsselin- dustrien in gesellschaftliches Eigentum und paritätische Mitbe- stimmung wurde immer mehr auf den letzten Bereich beschränkt. Die Betrachtung des Verlaufs der Diskussion um die Realisierung der Mitbestimmung seit 1969 zeigt, daß von einer Realisierung des ur- sprünglichen Konzepts heute nur noch bedingt gesprochen werden kann. II. Diskussion der Mitbestimmungsfrage zwischen SPD und DGB ----------------------------------------------------------- Durch das Ergebnis der Bundestagswahlen vom 28. September 1969 war der SPD zum erstenmal in der Nachkriegszeit die Möglichkeit gegeben, zusammen mit der FDP eine Koalitionsregierung zu bilden, da die beiden Fraktionen über 268 von insgesamt 518 Mandaten im Bundestags verfügten, wodurch sie die CDU/CSU-Fraktion, die 250 Mandate innehatte, mit einer knappen Mehrheit in die Opposition verweisen konnten. 3) Bemerkenswert war, daß allein 265 gewerk- schaftlich organisierte Abgeordnete dem Bundestag angehörten, von denen 227 Mitglieder in DGB-Gewerkschaften waren. Von den 227 DGB-Gewerkschaftlern gehörten 207 der SPD-Fraktion an. Noch in der Phase der Verhandlungen über die Regierungsbildung, als die SPD und die FDP sich auf ein Regierungsprogramm einigen mußten, waren erste Forderungen aus den Reihen der SPD und der Gewerkschaften zu registrieren. Während Harry Ristock, unter Be- rufung auf eine Absprache mit dem schleswig-holsteinischen SPD- Vorsitzenden und Oppositionsführer im Kieler Landtag Jochen Stef- fen und anderen "SPD-Linken", von der zu bildenden Koalition ein klares Reformprogramm, u.a. die Verwirklichung der qualifizierten Mitbestimmung, forderte 4), hielten sich die Gewerkschaften mit ihrer Einflußnahme weitgehend zurück. In einer Stellungnahme am 2.10.1969 zu den Regierungsverhandlungen ließ der DGB-Vorstand verlauten, daß die zwischen SPD und FDP umstrittene Mitbestimmung zwar von den beiden Parteien nicht "ausgeklammert", sondern erst einmal "zurückgestellt" 5) werden solle. Der DGB trat also nicht fordernd an die SPD heran, um nicht der Koalitionsbildung zwischen SPD und FPD unüberwindbare Hindernisse in den Weg zu legen, denn schließlich war es dem DGB "nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Männer und Frauen (waren), die künftig in Bonn regierten." 6) Deswegen verhehlten führende Ge- werkschafter auch nicht ihre offene Sympathie für eine von der SPD geführte Regierung; so meinte zum Beispiel der IG-Metall-Vor- sitzende Brenner, daß ihm ein Kanzler Willy Brandt "lieber" sei als Kurt Georg Kiesinger, und der HBV-Vorsitzende Heinz Vietheer erklärte: "Ich finde, ein Bundeskanzler Willy Brandt stünde uns allen gut zu Gesicht." 7) Allerdings gab es in diesem Zusammen- hang auch warnende Stimmen, wie z.B. die von dem Postgewerkschaf- ter Dieter Zemlin, der in der "Deutschen Post" darauf hinwies, "daß die SPD zwar den Grundsatzforderungen der Gewerkschaften am nächsten stünde, jedoch keine Arbeitnehmerpartei sondern eine Volkspartei sei," 8) und er fügte wörtlich hinzu: "Dieser Hinweis will nicht nur vor allzu übertriebenen Hoffnungen auf eine von der SPD geführte Bundesregierung warnen..." 9) Als die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler am 21.10.1969 erfolgt war, drückte der DGB in einem Telegramm an Brandt seine Verbundenheit mit ihm in folgenden Worten aus: "Es erfüllt uns mit Freude und Genugtuung, daß mit Ihnen ein Mann die Regierungsführung in der Bundesrepublik übernommen hat, der aus den Reihen der Arbeitnehmerschaft kommt und ihr seit seiner Jugend bis heute stets verbunden ist. Die Arbeiter, Angestellten und Beamten sehen gerade aus diesem Grunde ihrem Wirken mit be- sonderen Erwartungen entgegen." 10) Seine Erwartungen an Bundeskanzler Brandt und die gesamte neue Regierung spezifizierte der DGB in einer Erklärung. Die neue Bun- desregierung sollte stärker, als in der Vergangenheit geschehen, "die Belange der Arbeitnehmer..., die mit ihren Familien über 80 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik darstellen", 11) be- rücksichtigen. Dazu forderte der DGB an erster Stelle die "Ausdehnung der paritätischen Mitbestimmung auf alle Großunter- nehmen der Wirtschaft" sowie die "Verstärkung der Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechte der Betriebs- und Personalräte am Arbeits- platz und in sonstigen betrieblichen Fragen sowie stärkere Veran- kerung der gewerkschaftlichen Betätigungs- und Vertretungsrechte im Betrieb." Der erste Gradmesser für eine mögliche Erfüllung der gewerk- schaftlichen Forderungen war die Regierungserklärung am 28. Ok- tober 1969 im Bundestag. Brandt kündigte darin Initiativen und Reformvorhaben an, die den gewerkschaftlichen Positionen sehr nahe kamen. So u.a., daß die "Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft ... eine bewe- gende Kraft der kommenden Jahre sein" werde 12) und daß die Bun- desregierung sich um eine "vertrauensvolle Zusammenarbeit" mit den Gewerkschaften bemühen werde. Weiterhin strebe die Bundesre- gierung an, analog zu den Gewerkschaften, eine "gezielte Vermö- genspolitik in breiten Schichten - vor allem in Arbeitnehmerhand - ... " sowie "eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes und des Personalvertretungsgesetzes" an. Außerdem bekannte sich die Bundesregierung zu einer Politik, wel- che die Sicherheit der Arbeitsplätze gewährleisten, die "Humanisierung des Arbeitslebens" garantieren und die Tarifauto- nomie bewahren und bestärken solle. Bei diesem Vorhaben der Bun- desregierung verwunderte es nicht, daß der DGB in einer Stellung- nahme zur Regierungserklärung verlauten ließ, er stelle "mit Be- friedigung fest, daß im Gegensatz zu allen Regierungserklärungen seit 1949 dieses Mal die Wünsche der Arbeitnehmer und ihrer Ge- werkschaften in hohem Maße berücksichtigt wurden." 13) In der gleichen Stellungnahme "begrüßte" der DGB, "daß der Bundeskanzler in seiner Regierungserklärung die Mitbestimmung ... als eine be- wegende Kraft der kommenden Jahre bezeichnet hat." Ob mit dem Bekenntnis der Bundesregierung allerdings die tatsäch- liche Verwirklichung der paritätischen Mitbestimmung in den Un- ternehmen eingeschlossen war, das konnte sich erst in der Zukunft erweisen. Die Politik der Bundesregierung, die auf die Regie- rungserklärung folgte, mußte den Beweis erbringen, ob die Sozial- demokratische Partei das Vertrauen, das ihr als Regierungspartei von den Gewerkschaften entgegengebracht wurde, rechtfertigen konnte. Zunächst ließen die Gewerkschaften nach der Regierungser- klärung recht deutliche Erwartungshaltungen im Hinblick auf die SPD und die Bundesregierung erkennen. So erklärte z.B. der Vor- sitzende der Gewerkschaft Holz und Kunststoff G. Vater: "Es gibt kein Stillhalteabkommen irgendwelcher Art zwischen dem DGB und der neuen Bundesregierung, und nach einer Denkpause, die man der neuen Koalition zubilligen muß, erwarten wir Taten." 14) Unter diesen Taten verstand er die Ausdehnung der qualifizierten Mitbe- stimmung und den Ausbau der vom Betriebsverfassungsgesetz festge- legten Mitbestimmungsrechte auf betrieblicher Ebene. Etwas differenzierter stellte der Vorsitzende der IG Chemie-Pa- pier-Keramik, Karl Hauenschild einige Monate später das Verhält- nis der Gewerkschaften zur SPD und zur neuen Bundesregierung so- wie die damit verbundenen gewerkschaftlichen Forderungen dar. Ausgehend von der Tatsache, daß die Mehrheit der sozialliberalen Koalition nur knapp sei, konstatierte er zum einen eine begrenzte "Belastbarkeit" der Regierung mit gewerkschaftlichen Forderungen, zum anderen aber bessere Chancen zur Einflußnahme der Gewerk- schaften, da sich die Beziehungen zur regierungsführenden Partei positiv verändert hätten: "Die SPD pflegt den Stil der Konsultationen in allen Entschei- dungsbereichen, die Arbeitnehmerinteressen berühren, anstelle der früher gewohnten 'Seelenmassage'. Das anzuerkennen, heißt nicht: Friedliche Gewerkschaften um jeden Preis! Die SPD muß sich gefal- len lassen, und sie weiß das auch, daß die Gewerkschaften immer dann auf den Plan treten werden, wenn Arbeitnehmerinteressen auf dem Spiel stehen." 15) Einen konkreten Ansatzpunkt, daß die Gewerkschaften auf den Plan treten könnten, sah Hauenschild darin, daß sie im Bundestag für Mehrheiten in der Mitbestimmungsfrage kämpfen. Die sich firmie- renden Positionen zu den Problemen der Mitbestimmung beeinflußten auch die Diskussion auf dem SPD-Parteitag 1970. Der Saarbrücker Parteitag der SPD im Mai 1970 --------------------------------------------- Das Ergebnis der Mitbestimmungsdebatte von Saarbrücken war ein vom Parteitag angenommener Antrag, der von der Antragskommission als "Entschließung zur Mitbestimmung" eingebracht worden war. 16) Hierin bekannte sich der Parteitag zu den im Godesberger Programm gemachten Ausführungen zur Mitbestimmung, und er begrüßte die In- itiative der SPD-Bundestagsfraktion, die 1968 einen Entwurf zur paritätischen Mitbestimmung in den Großunternehmen im Bundestag vorgelegt hatte. Der Parteitag unterstützte diesen Entwurf, der "in enger Fühlung mit den Gewerkschaften ausgearbeitet worden war", und machte sich ihn "prinzipiell zu eigen". Des weiteren wurde die SPD-Bundestagsfraktion "aufgefordert, durch geeignete, gesetzliche Maßnahmen noch in der gegenwärtigen Legislaturperiode die Prinzipien der paritätischen Mitbestimmung soweit wie möglich zu verwirklichen. Unabhängig davon (sollte) auf der Basis der üb- rigen, bereits vorgelegten Gesetzentwürfe der SPD-Bundestagsfrak- tion in der gegenwärtigen Legislaturperiode eine Reform sowohl des Betriebsverfassungsgesetzes als auch des Personalvertretungs- gesetzes verabschiedet werden." Der SPD-Parteitag nahm also in dieser Hinsicht die Forderung der Gewerkschaften nach Reformierung des Betriebsverfassungsgesetzes und der Erweiterung der Mitbestimmung auf. Wie die Gewerkschaften forderte der Parteitag die Verwirklichung der paritätischen Mit- bestimmung noch in der damaligen Legislaturperiode des 6. Deut- schen Bundestages, aber man ließ die Zusammensetzung eben dieses Bundestages und die damit verbundenen Möglichkeiten insofern nicht außer acht, als man formulierte, "soweit wie möglich". Allerdings war die Meinungsbildung auf dem Saarbrücker Parteitag in der Mitbestimmungsfrage durchaus nicht einheitlich. So nahm der Unterbezirk Bremen in seinem Antrag zu den "Mitbestimmungsrechten der Arbeitnehmer in den Unternehmen" (17) die Vorstellungen der Gewerkschaften konsequenter auf. Denn in diesem Antrag wurde u.a. gefordert, daß angesichts der positiven Erfahrungen mit der Montan-Mitbestimmung "auch unter wirtschafts- politischen Gesichtspunkten keine sachlichen Argumente (vorlägen), die ein Abgehen von der in dem Gesetzentwurf der SPD (dem aus dem Jahre 1968, der Verf.) vorgesehenen paritätischen Besetzung der Aufsichtsräte rechtfertigen würde." Aber unter Hin- weis auf die parlamentarischen Möglichkeiten wurde dieser eindeu- tig formulierte Antrag des Ortsvereins Bochum/Querenburg, der die Vorstellungen der Jungsozialisten, d.h. deren Beschlüsse vom Mün- chener Bundeskongreß im Dezember 1969 in die Debatte des Partei- tags einbringen wollte. In dem Antrag hieß es: "Wenn Mitbestimmung einen Sinn haben soll, dann muß sie drei Be- dingungen erfüllen: 1. Sie muß alle wirtschaftlichen Bereiche, Arbeitsplatz, Betrieb und Gesamtwirtschaft, umfassen. 2. Sie muß vollkommene Gleichheit der Rechte beider Seiten garan- tieren. 3. Sie muß als Übergangsstadium konzipiert sein, in dem die Ar- beiter und Angestellten die Leitung des Betriebes erlernen, damit sie sie in einer späteren Phase übernehmen können." (18) Die Forderungen dieses Antrags beinhalteten eine sozialistische Perspektive und waren vergleichbar mit der antikapitalistischen Programmatik und Politik der SPD in der Nachkriegszeit. Er wurde an den Parteivorstand überwiesen. Der Sozialdemokratische Parteitag forderte seine Bundestagsfrak- tion auf, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten die paritätische Mitbestimmung zu verwirklichen. Wie begrenzt allerdings diese Möglichkeiten in der Regierungskoalition und damit auch im Bun- destag beurteilt wurden, deutete Herbert Wehner in einem Diskus- sionsbeitrag an: "Es hat keinen Sinn, daß wir uns jetzt mit der Feststellung quä- len, daß die gegenwärtige Koalition einer Forderung nicht ent- sprechen kann, die in unserem Godesberger Programm steht. Aber es wäre doch irrsinnig, anzunehmen, deswegen legten wir die Sache zu den Akten." 19) Man rechnete demzufolge in der SPD-Führung erst längerfristig da- mit, die paritätische Mitbestimmung verwirklichen zu können. Auch der DGB-Vorsitzende Vetter ließ in seiner Begrüßungsanspra- che an die Parteitagsdelegierten diesen Umstand nicht außer acht, denn er räumte ein, daß der DGB wisse, "daß gerade eine so geartete Koalitionsregierung nicht das Voll- zugsorgan von Programmen sein" könne. Somit wären die Gewerk- schaften schon zufrieden, wenigstens "Ansatzpunkte" gesell- schaftspolitischer Reformpolitik, z.B. in der Mitbestimmungsfrage oder bei der Vermögensbildung, in "den Planungen und Handlungen einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung ... wiederzu- finden." 20) Allerdings wies Vetter bei seiner grundsätzlichen Charakterisie- rung des Verhältnisses der Gewerkschaften zur SPD auch in aller Deutlichkeit darauf hin, daß die Gewerkschaften damit rechneten, auf der Basis des gemeinsamen "hundertjährigen Kampfes um die so- zialen und demokratischen Rechte der Arbeitnehmer ... bei der So- zialdemokratischen Partei Deutschlands auf das besondere Ver- ständnis für (ihre) Anliegen" stoßen zu können, ohne damit der politischen Neutralität des DGB zu widersprechen. Auch unter der Erkenntnis, daß die SPD mit ihrer Öffnung zur Volkspartei "den Rahmen der eigentlichen Arbeitnehmerschaft überschritten" habe, konstatierte Vetter, daß "die Sozialdemokratische Partei ... doch von der Mehrheit der organisierten Arbeitnehmerschaft als ihre politisch-weltanschauliche Heimat angesehen" werde. Willy Brandt als Bundeskanzler und Parteivorsitzender nahm auch in seinem Parteitagsreferat - "unsere politische Richtlinie für die 70er Jahre" - 21) die "Anliegen der Arbeitnehmer" mit auf, denn er sah eine der Aufgaben der SPD in den 70er Jahren in der Verwirklichung der sozialen Demokratie. So zeigte er sich davon überzeugt, daß es "ohne Demokratie in Staat und Gesellschaft, ohne Mitbestimmung und Mitverantwortung in allen großen Bereichen keine stabile Demokratie geben" werde. Als Mittel zur Demokrati- sierung der Gesellschaft verstand Brandt, den "zielstrebigen Ab- bau von Privilegien auf allen Gebieten, als Ziel unter anderem die "Integration der Arbeiter, (denn) die breiten Schichten un- seres Volkes sollen sich nie mehr an den Rand des gesellschaftli- chen Lebens versetzt fühlen." Sowohl Zuversicht und als auch Skepsis waren also im Hinblick auf die Verwirklichungsmöglichkeiten von Reformen auf dem Partei- tag zu beobachten. Welche von beiden Erwartungen eher einer re- alistischen Einschätzung der politischen Gegebenheiten in der Bundesrepublik am Anfang der 70er Jahre entsprach, das mußten die praktischen Schritte der Regierung beweisen. Das Betriebsverfassungsgesetz vom 1.1.1972 ------------------------------------------ Zwischen dem Entwurf der SPD vom Dezember 1968, der "in weitge- hender Übereinstimmung mit den DGB-Vorschlägen einen Ausbau der kollektiven Mitbestimmung brachte und eine bessere Anerkennung der gewerkschaftlichen Präsenz im Betrieb beabsichtigte," 22) und dem der FDP vom März 1969 lagen große Unterschiede, so daß der Verabschiedung des reformierten Betriebsverfassungsgesetzes am 10.11.1971 im Bundestag schwierige Koalitionsverhandlungen vor- ausgingen. Nachdem ein im Herbst 1970 vom Bundesarbeitsministe- rium vorgelegter Entwurf, den der DGB als insgesamt fortschritt- lich bezeichnete, von der FDP abgelehnt wurde, gelang es den Freien Demokraten, wesentliche Verschlechterungen für die abhän- gig Beschäftigten in einem neuen Koalitionsentwurf durchzusetzen. Als daraufhin der DGB in Aktion trat, und sich mit aller Ent- schiedenheit gegen einige Regelungen des Entwurfs, die zum Bei- spiel die fehlende Präsenz der Gewerkschaften im Betrieb, die Stellung der leitenden Angestellten betrafen, wandte, wurde der Koalitionsentwurf im Bundestagsausschuß für Arbeit und Sozialord- nung neu beraten, wobei die Schwerpunkte der DGB-Kritik, die grundsätzlich von der SPD unterstützt wurden, berücksichtigt wur- den. Als am 10.11.1971 das neue Betriebsverfassungsgesetz vom Bundes- tag verabschiedet wurde, war ein Gesetz geschaffen, das von SPD und DGB zwar einerseits "als großer Schritt nach vorn" bezeichnet wurde, andererseits aber einige gewerkschaftliche Forderungen nicht erfüllte. Gerd Muhr, stellvertretender DGB-Vorsitzender, wertete die Verbesserungen des neuen Betriebsverfassungsgesetzes als Eckwerte "einer fortschrittlichen Betriebsverfassung", so z.B. die "erweiterten Mitbestimmungsrechte in sozialen, personel- len und wirtschaftlichen Angelegenheiten, (die) besseren Arbeit- grundlagen für den Betriebsrat, ... (die) Schutzbestimmungen für den einzelnen Arbeitnehmer, aber auch die umfassendere Anerken- nung der gewerkschaftlichen Präsenz und die breitere Basis für die Tätigkeit der Jugendvertretung." 23) Für die Gewerkschaften nicht akzeptable Regelungen sah Muhr in der nicht erreichten Gleichberechtigung des Betriebsrats in personellen Angelegenhei- ten, der nicht zufriedenstellenden Lösung des Problems der poli- tischen Betätigungsmöglichkeit von Betriebsratsmitgliedern, dem Herausnehmen der leitenden Angestellten aus der Arbeitnehmer- schaft sowie der Ausweitung der betriebsverfassungsrechtlichen Gruppenschranken zwischen Angestellten und Arbeitern. Fast über- einstimmend mit Muhr skizzierte Friedhelm Farthmann, SPD-MdB, sowohl die Fortschritte als auch die negativen Regelungen in ei- ner Analyse des neuen Betriebsverfassungsgesetzes. 24) Er fügte noch hinzu, daß die Mitbestimmungsregelung auf Unternehmensebene aus dem neuen Betriebsverfassungsgesetz ausgeklammert wurde, weil in diesem Punkt eine Einigung der Koalitionsparteien in der da- mals laufenden Legislaturperiode nicht mehr möglich war. Bewertet man die Ergebnisse des reformierten Betriebsverfassungs- gesetzes, so kommt man zu der Feststellung, daß die SPD in Zusam- menarbeit mit den Gewerkschaften wichtige Fortschritte auf der Ebene der betrieblichen Mitbestimmung erzielen konnte. Aufschluß- reich für das Verhältnis von SPD und Gewerkschaften ist, daß beide Organisationen in weitgehender Übereinstimmung das neue Ge- setz trotz mancher Enttäuschungen als großen Schritt nach vorn im Interesse der Arbeiterschaft angesehen haben. Es wäre allerdings verkehrt, aus dieser Übereinstimmung in einem, wenn auch nicht unwichtigen Einzelerfolg eine Harmonie zwischen SPD und Gewerkschaften konstruieren zu wollen. Nicht von ungefähr hatte der DGB-Vorsitzende Vetter schon auf dem o.a. Gewerk- schaftskongreß des DGB im Mai 1971 darauf hingewiesen, daß "kritische Distanz" zu den politischen Parteien not tue, seit sich diese zu "Volksparteien gewandelt" hätten. Vetter äußerte danach: "Arbeiterparteien alten Stils gibt es nicht mehr. Damit verstärkt sich für die Gewerkschaften die Aufgabe, mehr noch als bisher als Zusammenschluß der Arbeitnehmerschaft Ziele zu entwic- keln und zu verfolgen." 25) Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, gaben sich die DGB-Gewerkschaften auf ihrem 9. ordentlichen Bun- deskongreß vom 25. bis 30.6.1072 in Berlin ein neues Aktionspro- gramm. Das Aktionsprogramm des DGB, verabschiedet auf dem Bundeskongreß ---------------------------------------------------------------- vom 25. bis 30.6.1972 in Berlin ------------------------------- Wie H.O. Vetter in seinen Erläuterungen zum Inhalt des Aktions- programms erklärte, läßt es sich in zwei Schwerpunkte untertei- len. Der eine wird durch die "Forderungen nach gesellschaftlichen Strukturveränderungen" und der andere durch die "Forderung nach Verbesserung der Lebensqualität" gebildet. 26) Bei den "Forderungen nach gesellschaftlichen Strukturveränderungen" stand neben den Bereichen Vermögensbildung und "gesicherte Ar- beitsplätze" die Mitbestimmungsfrage an zentraler Stelle. Nach dem Willen des DGB soll die Mitbestimmung auf den Ebenen des Be- triebes, der Unternehmen und der Gesamtwirtschaft ausgebaut bzw. gesichert werden. 27) Ergänzt und vertieft wurde die diesbezügliche Forderung des DGB in einem mit nur einer Gegenstimme angenommenen Antrag der IG Me- tall zur Mitbestimmung. Hierzu hieß es "Der 9. Ordentliche Bundeskongreß des DGB erneuert die Forderung der Arbeitnehmer an die Gesetzgeber und Regierungen in Bund und Ländern, an die politischen Parteien ..., die Arbeit an den inne- ren Reformen zu intensivieren und unsere Gesellschaft zur sozia- len Demokratie fortzuentwickeln. Entscheidender Bestandteil sol- cher Reformen muß die umfassende Verwirklichung der Mitbestimmung der Arbeitnehmer in allen Bereichen des wirtschaftlichen und ge- sellschaftlichen Lebens sein ... Eine wirksame betriebliche Mit- bestimmung setzt ... gleichberechtigte Kontroll- und Einflußmög- lichkeiten der Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften in den Un- ternehmens- und Konzernorganen voraus. Der 9. Ordentliche Bundes- kongreß des DGB appelliert deshalb an die Bundestagsfraktion und insbesondere an alle gewerkschaftlich organisierten Abgeordneten des Deutschen Bundestages, sich eindeutig für die gewerk- schaftliche Forderung nach Einführung der qualifizierten Mitbe- stimmung in allen Großunternehmen und Konzernen einzusetzen. Er bekräftigt die Entschlossenheit des DGB, dieser Forderung mit al- len dafür geeigneten Mitteln Nachdruck zu verleihen." Der DGB leistete in seinem Aktionsprogramm keine gesellschaftspo- litische Analyse, da diese, wie der Sprecher der Antragskommis- sion begründete, einem zukünftigen Grundsatzprogramm "vor- behalten" sein sollte. 28) Die Gewerkschaften beschränkte sich deshalb in den beiden oben genannten Schwerpunktbereichen auf Reformforderungen, die den aktuellen tagespolitischen Ausein- andersetzungen entsprachen. Immerhin wurde neben dem Aktionspro- gramm unter anderem ein Antrag des Landesbezirks Rheinland-Pfalz angenommen, der den DGB-Vorstand aufforderte, "verstärkte Be- mühungen einzuleiten, um die Forderung des DGB-Grundsatzprogramms nach Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmen zu verwirklichen." 29) In einer Stellungnahme zum Aktionsprogramm des DGB bemerkte des- sen Vorsitzender Vetter, daß dieses Programm "Zielsetzungen for- muliere, die sehr konsequent in eine Richtung gehen, die man auch mit einer verbesserten oder neuen Wirtschaftsordnung" gleichset- zen könnte. "Ich bin überzeugt, wenn die qualifizierte Mitbestimmung in der von uns vorgeschlagenen Form in der Wirtschaft durchgeführt und dazu die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen in wirksamer Form eingetreten ist, und wenn wir dazu noch im Rahmen einer Bildungsreform unsere Arbeitnehmer und die Heranwachsenden fähig gemacht haben, mit diesen beiden Instrumenten zu arbeiten, so daß sie ihnen keine fremden Dinge bleiben, dann sind meines Erachtens die Grundlagen für eine Wirtschaftsordnung geschaffen, die auf keinen Fall mit dem Kapitalismus alter Art vergleichbar erscheint." 30) Der DGB hatte also in diesem Aktionsprogramm die Ziele entwic- kelt, die ihn als eigenständigen Zusammenschluß der Arbeiter und Angestellten erkennen ließen. Er verließ damit aber nicht die programmatische Ebene des Düsseldorfer Grundsatzprogramms von 1963, das in grundsätzlicher Übereinstimmung zum Godesberger Pro- gramm der SPD von 1959 entstanden war. Somit war auch weiterhin die Möglichkeit gegeben, in der SPD den eigentlichen Bündnispart- ner unter den politischen Parteien zu sehen, der ermöglichte, auf die parlamentarischen Entscheidungen einzuwirken. Da die Gewerk- schaften ihrem Anspruch als Interessenvertretung der abhängig Be- schäftigten gerecht zu werden trachteten, war es für sie wichtig, welchen Stellenwert die SPD in ihren Zielsetzungen den Interessen der Arbeiter einräumte. Aus diesem Grunde waren die Worte, die der stellvertretende SPD-Vorsitzende Helmut Schmidt auf dem Ber- liner DGB-Kongreß an die dortigen Delegierten richtete, von Be- deutung: "Ich habe in den letzten Jahren kaum je eine ... Rede gehalten, ohne den Hinweis auf die gemeinsame Wurzel und keine Rede ohne den Appell an das Bewußtsein gemeinsamer Ziele von Gewerkschaften und Sozialdemokraten. Für meine Partei, für mich selbst, folgt aus solchem Appell die Notwendigkeit zur klaren Ausformung der Politik, die eben weit überwiegend an den Interessen, an den Sor- gen und an den Problemen der Arbeiter und Angestellten, an dem Problem der breiten Masse unserer Gesellschaft orientiert sein muß, und die selbst in ihrer Sprache diesen Interessen und diesen Problemen entsprechen muß." 31) Demnach wird die SPD als die Partei gesehen, "die eben nicht nur einen kleinen Arbeitnehmerflügel an ihrer Flanke wohlwollend dul- det, sondern die selber der große umfassende Arbeitnehmerflügel in der deutschen Politik ist." Einen konkreten Ansatzpunkt zur Interessenvertretung der Arbeitnehmer sieht der stellvertretende SPD-Parteivorsitzende in der Einführung der Paritätischen Mitbe- stimmung, denn die können die Gewerkschaften "nur von der Sozial- demokratie erwarten." 32) Der Wahlparteitag der SPD vom 12. und 13.10.1972 in Dortmund ------------------------------------------------------------ Nachdem durch den Mehrheitsverlust der die Regierungskoalition stützenden Fraktionen von SPD und FDP im Bundestag Neuwahlen not- wendig geworden waren, wurden die oppositionellen Parteien CDU und CSU im Wahlkampf durch aufwendige Spenden aus Industrie und Wirtschaft unterstützt. In Reden, Erklärungen und Anzeigenserien nahmen die CDU/CSU und die hinter ihnen stehenden Kreise vor al- lem die SPD und die DGB-Gewerkschaften unter schweren Beschuß. So entwickelte es sich zwangsläufig, daß SPD und Gewerkschaften im Bundestagswahlkampf sehr nahe zusammenrückten. Zwar veröffent- lichte der DGB im Wahlkampf die acht "Prüfsteine", mit deren in- haltlichen Aussagen - an der Spitze standen Mitbestimmung, Vermö- gensbildung und Bildungspolitik - er alle politischen Parteien, die sich zur Wahl stellten, konfrontierte. Doch nur die SPD und DKP ließen erkennen, daß sie mit den Zielen der Gewerkschaften übereinstimmten. Dementsprechend war in der DGB-Zeitung "Welt der Arbeit" zu lesen: "Durch das Schreiben Willy Brandt zieht sich wie ein roter Faden eine den Gewerkschaften geistesverwandte Auf- fassung von Staat und Gesellschaft." 33) Darüberhinaus offenbarte sich bei vielen Wahlreden von Sozialde- mokraten und Gewerkschaftern eine weitgehende Identität in poli- tischen Zielsetzungen. So äußerte z.B. der DGB-Vorsitzende Vetter auf dem Dortmunder Parteitag der SPD: "Die deutschen Gewerkschaften wissen nur zu gut, daß alle Be- mühungen um gesellschaftliche Reformen sinnlos werden, wenn es uns nicht gelingt, den Frieden zu wahren und sicherer zu machen." Welche Partei bzw. welcher Parteivorsitzende solch eine Politik garantieren könnte, darüber ließ Vetter im letzten Satz seines Beitrags keinen Zweifel: "Die Friedenspolitik Willy Brandts muß weitergeführt werden - für die Arbeitnehmerschaft, für unser Volk ... Es gibt keine Alternative dazu!" 34) Ausgehend vom Wahlprogrammentwurf, der nachher von den Delegier- ten mit unwesentlichen Änderungen angenommen wurde und in dem sich die SPD als sozialreformerische Partei, die sich ausdrück- lich zur Marktwirtschaft bekennt, zu erkennen gab, meldet Fritz Opel aus Hessen-Süd, gerade auch in seiner Eigenschaft als IG-Me- tall-Funktionär, schwerwiegende Kritik an. Da die SPD unter dem Anspruch, vor allem die Wähler aus der Arbeiterschaft anzuspre- chen, in den Wahlkampf gezogen sei, müßten im Wahlprogramm andere Prioritäten gesetzt werden, besonders im Hinblick auf die Steuer- reform und die Mitbestimmung, die erst ziemlich zuletzt im Pro- grammentwurf auftauchten. In diesem Zusammenhang hätte man sich am Aktionsprogramm des DGB orientieren sollen. Außerdem kriti- siert Opel das "wiederholte Bekenntnis zur Marktwirtschaft", denn "wer... Reformen will und propagiert, sollte sich auch vor leeren Bekenntnissen zu einer wirtschaftlichen Ordnung hüten, die immer wieder diese sozialen Ungerechtigkeiten produziert hat und die wir ja gerade verändern wollen." 41) Die SPD hat auf diesem Par- teitag kurz vor den Bundestagswahlen besonders ihren Anspruch auf die politische Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten erhoben, auch wenn sich das ein gewisser, allerdings kleiner De- legiertenkreis konsequenter vorgestellt hätte. Die Situation nach den Bundestagswahlen --------------------------------------- Das Ergebnis der Bundestagswahlen vom 19. November 1972 erbrachte einen erheblichen Stimmenzuwachs für die SPD - sie wurde erstmals seit 1949 stärkste Fraktion im Bundestag - und die FDP, so daß die sozial-liberale Koalition auf gefestigter Grundlage weiterge- führt werden konnte. Der Anteil der gewerkschaftlich organisier- ten Bundestagsabgeordneten stieg 53,4 Prozent im 7. Deutschen Bundestag. Daraus folgert Kurt Hirche in den Gewerkschaftlichen Monatsheften", daß die "Chancen für fortschrittliche Reformen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft" so groß wie nie zuvor seien. 42) Aus den Stellungnahmen von Gewerkschaftsseite zum Ergebnis der Bundestagswahl war Befriedigung herauszulesen. Es wurde aber auch deutlich, daß man an die weitere Arbeit der Koalition, im beson- deren an die des führenden Koalitionspartners, die SPD, Erwartun- gen knüpfte, denn gerade die SPD hatte ja im Wahlkampf um die Stimmen der "Arbeitnehmer" geworben und damit auch, wie das Wahl- ergebnis bewies, Erfolg gehabt. H.O. Vetter schrieb in der "Welt der Arbeit": "Wir wissen, daß Willy Brandt nicht der Kanzler der Gewerkschaf- ten ist. Das anerkennen die Gewerkschaften ebenso wie jede andere Gruppe der Gesellschaft. Doch wir sind diesem Mann verbunden in dem gemeinsamen Bestreben, den demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu verwirklichen und die Qualität unseres Lebens zu verbessern. Deshalb sind wir bereit zu weiterem Miteinander und auch zu fairen Kompromissen im Interesse der Menschen, die wir vertreten." 43) Der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker gratulierte in einem Telegramm vom 20.11.1972 Bundeskanzler Brandt zu dem überwältigenden Wahl- sieg und erklärte: "Sie werden die Gewerkschaft ÖTV auch künftig auf Ihrer Seite finden, wenn es darum geht, ... den gesellschaftlichen Fort- schritt voranzutreiben." 44) In weiteren Stellungnahmen von anderen Gewerkschaftern war zum Beispiel zu lesen: "Als Gewerkschafter begrüße ich den Wahlaus- gang sehr, " so der Landesjugendsekretär des DGB-Hessen Dieter Hooge 45), oder: "Das gewerkschaftliche Engagement für Willy Brandt und die SPD hat der parteipolitischen Unabhängigkeit durchaus nicht geschadet. Das Verhältnis der Gewerkschaften zur neuen Regierungsmehrheit des Bundestages wird von einer guten, aber kritischen Zusammenarbeit geprägt sein". Mit diesen Worten kommentierte der Bezirksvorsitzende der ÖTV Hessen, Heinz Wolf das Verhältnis der Gewerkschaften zur SPD und zur neuen Bundesre- gierung. 46) Der DGB äußerte in seinem Nachrichtendienst schließlich: "Die Arbeitnehmerschaft und ihre Gewerkschaften erwarten nunmehr vom neuen Bundestag und der Bundesregierung die Fortsetzung der notwendigen gesellschaftspolitischen Reformen, die Sicherung der Arbeitsplätze ... sowie mehr Demokratie und Mitbestimmung in al- len Bereichen." 47) Innerhalb der SPD waren die Jungsozialisten diejenigen, die in einer Erklärung zum Wahlsieg der SPD am deutlichsten die Arbei- terschaft als die entscheidende Wählergruppe der SPD herausstell- ten und entsprechende Konsequenzen forderten. So werteten sie den sozialdemokratischen Wahlsieg als "Aufforderung der SPD-Wähler an die Partei, konsequenter als bisher die Interessen der Arbeitneh- mer zu verfolgen." Vorrangige Ziele der künftigen Regierungsar- beit müßten deshalb die "Verwirklichung der Boden- und Steuerre- form, der Paritätischen Mitbestimmung und der Bildungsreform " sein. 48) Es ist festzuhalten, daß aus den Reihen der Gewerkschaften und der SPD Forderungen an die künftige Regierung unter Führung der Sozialdemokraten gestellt wurden, die den Versprechungen und Vor- habender SPD während des Wahlkampfes entsprachen. Deswegen war es für diese schockierend, daß der Sprecher des SPD-Vorstandes, Jo- chen Schulz im sozialdemokratischen Pressedienst vom 28.11.1972 diesen Forderungen entgegentrat, indem er schrieb: "Weder der Vorsitzende der GEW, noch der Vorsitzende der Arbeits- gemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD, weder der Vorsit- zende der ÖTV - noch sonst irgend jemand ... haben ein Recht auf lautstarke Forderungen an diesen Staat und an uns alle ... Wer also Mandate des Wahlergebnisses vom 19. November für sich oder eine Gruppe in egoistischer Weise beansprucht, muß bereits heute vor seiner Handlungsweise gewarnt werden, um ihn vor Enttäuschun- gen zu bewahren. Die Entscheidungen der neuen Bundesregierung werden ohne Rücksicht auf Einzel-, Gruppen- oder Standesinteres- sen getroffen werden, (sondern) für das Volk insgesamt." 49) Zwar bedauerte Helmut Schmidt in einem Gespräch mit dem ÖTV-Vor- sitzenden Heinz Kluncker ein paar Tage später, "daß sich der SPD- Vorstandssprecher Schulz 'im Ton vergriffen' und 'sachlich unbe- gründete Vorwürfe gegen Kluncker erhoben' habe" 50), aber die Vorwürfe gegen die anderen, von Schulz direkt angegriffenen Per- sonen sowie die Gewerkschaftsmitglieder, die sich angegriffen fühlen konnten, weil sie als Vertreter von Arbeiterinteressen na- türlich auch "Gruppen- und Standesinteressen" gegenüber der neuen Bundesregierung und speziell der SPD erheben mußten, wurden nicht bedauert oder zurückgewiesen. Lediglich der SPD-Bundestags- abgeordnete Karl-Fred Zander kritisierte Schulz scharf, als er feststellte, daß die SPD "nicht über allen Gruppeninteressen schwebe, sondern vielmehr die Interessen der Abhängigen gegenüber den Bevorzugten zu vertreten habe und (daß sie) nicht gewählt wurde, weil sie über den sozialen Spannungen stehe, sondern viel- mehr diese aufgreife und in zäher politischer Kleinarbeit zu lö- sen versuche." In der Regierungserklärung des zweiten Kabinetts Brandt/Scheel, am 18. Januar 1973 vor dem Bundestag abgegeben, kündigte Bundes- kanzler Brandt an, daß die Bundesregierung einen Vorschlag zur Vermögensbildung ausarbeiten werde, "durch den breitere Schichten der Bevölkerung am Zuwachs des Produktivvermögens der Großunter- nehmen beteiligt werden" sollten, und daß sie "die in der vergan- genen Legislaturperiode begonnene Arbeit an der Steuerreform ... nach den Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit und der Vereinfa- chung des Steuersystems zügig" fortsetzen werde. 51) Die Bildungsreform, innerhalb der "die Chancengleichheit... für die berufliche Bildung den gleichen Rang (verlange) , wie ihn an- dere Bildungsbereiche haben", stehe, so Brandt, wie in der Regie- rungserklärung vom Oktober 1969 an der "Spitze der notwendigen Reformen", und "den Ausbau der Mitbestimmung (sehe man) als eine (der) Hauptaufgaben" an. Zur Erweiterung der Mitbestimmung er- klärte Brandt: "Mitbestimmung gehört zur Substanz des Demokratisierungsprozesses unserer Gesellschaft. In ihr erkennen wir die geschichtliche Vor- aussetzung für jene Reformen, die in ihrer Summe den freiheitli- chen Sozialstaat möglich machen ... Wir werden das Unternehmens- recht im Sinne der Mitbestimmung der Arbeitnehmer in dieser Le- gislaturperiode weiterentwickeln. Jedermann weiß, daß es zwischen den Regierungsparteien unterschiedliche Auffassungen gibt; aber genauso, wie wir uns beim Betriebsverfassungsgesetz verständigt haben, werden wir auch hier eine gemeinsame Lösung finden. Dabei gehen wir aus vom Grundsatz der Gleichberechtigung und Gleichge- wichtigkeit von Arbeitnehmern und Anteilseignern." 52) In der Regierungserklärung waren die Reformbereiche berücksich- tigt worden, die die Gewerkschaften vor den Wahlen an die Spitze ihres Forderungskatalogs an die Parteien gestellt hatten. Inwie- weit allerdings die Regierung ihre Vorhaben im Sinne der weitge- hend identischen Vorstellungen von SPD und Gewerkschaften ver- wirklichen konnte, das soll am Beispiel des Mitbestimmungsent- wurfs der Sozialliberalen Koalition untersucht werden. Die Dis- kussion auf dem Parteitag der SPD 1973 in Hannover und die Neugründung einer Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD lassen eine zunehmende Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und Realität der Regierungspolitik erkennen. Der Parteitag der SPD vom 10. bis 14. April 1973 in Hannover ------------------------------------------------------------ In seinem Grußwort an die Parteitagsdelegierten bemerkte H.O. Vetter: "Viele Millionen von Arbeitnehmern, mehr als jemals zuvor, haben am 19. November des vergangenen Jahres der SPD ihr Vertrauen ge- schenkt. Sie haben das in der sicheren Erwartung getan, daß diese Partei die Kraft und die Fähigkeit besitzt, die drängenden Pro- bleme unserer Gesellschaft zu lösen, und zwar dadurch zu lösen, daß sie in der Regierungsverantwortung nun die notwendigen Refor- men anpackt, um diese Gesellschaft sozialer, gerechter und für die große Mehrheit unserer Bürger auch freier zu gestalten. Das Vertrauen der Arbeitnehmer in die SPD gilt ihrem Willen, ihrem Mut und ihrer Kraft zur Veränderung von einseitigen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen in Wirtschaft und Gesellschaft. Hier- aus ergibt sich eine unabweisbare Verpflichtung gerade für diesen Parteitag." 53) Als wichtigsten konkreten Ansatzpunkt zur Verwirklichung der not- wendigen Reformen betrachtete Vetter "die Ausweitung der Paritä- tischen Mitbestimmung der Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften". In dieser Frage sähen sich die Gewerkschaften "mit der SPD einig, auch wenn es da den einen oder anderen sozialdemokratischen Poli- tiker geben sollte, der die Aufweichung von Grundbedingungen der Mitbestimmung mit Realpolitik verwechselt." Als die Aufweichung einer Grundbedingung, die für die Gewerkschaften nicht akzeptabel sei, bezeichnete Vetter die "Sondervertretung der leitenden Ange- stellten" innerhalb einer reformierten Mitbestimmungsordnung. 54) Das Vertrauen, das der DGB-Vorsitzende in die SPD im Hinblick auf die Vertretung von Arbeiterinteressen setzte, schien berechtigt, wenn man z.B. die Aussagen des im Juni 1972 veröffentlichten Ent- wurfs eines Orientierungsrahmens '85 zur Mitbestimmungsfrage so- wie vor allem die auf dem hannoverschen Parteitag zu diesem Pro- blembereich des Entwurfs gestellten Änderungsanträge als Maßstab nimmt. Im Entwurf des Orientierungsrahmens '85 hieß es: "Mitbestimmung will erreichen, daß überall dort, wo über andere Menschen Herrschaft ausgeübt wird, die davon Betroffenen an der Ausübung und Kontrolle dieser Herrschaft soweit wie möglich be- teiligt werden. Dieses Prinzip gilt vor allem für das Arbeits- leben ... Die Arbeitnehmer (werden) gleichberechtigt neben den Kapitaleignern an der Legitimation und Kontrolle der Unterneh- mensleitungen beteiligt." 55) Zu dieser Textziffer des Entwurfs über die Mitbestimmung gab es eine Fülle von Änderungsanträgen. So ging der Unterbezirk Diep- holz/Hoya in seinem Antrag über den der Kommission hinaus, denn darin wurde gefordert: "Mitbestimmung will erreichen, daß überall dort, wo über andere Menschen Herrschaft ausgeübt wird, die davon Betroffenen an der Ausübung und Kontrolle dieser Herrschaft gleichberechtigt (und nicht, wie in Tz 228 des Entwurfs "soweit wie möglich") beteiligt werden." 56) Ebenso wie der UB Diepholz/Hoya für die volle gleichberechtigte Mitbestimmung in allen gesellschaftlichen Bereichen eintrat, er- hob der Orstverein Landsberg diese Forderung für den speziellen Bereich der Unternehmen: "Die SPD betrachtet die Forderungen nach der Paritätischen Mitbe- stimmung nach den Vorschlägen des DGB als einen ersten Schritt auf dem Wege zur Selbstbestimmung der Arbeiter. Deshalb betrach- tet die SPD die Regeln der Montan-Mitbestimmung in der BRD als Modell für die Mitbestimmung auf Unternehmensebene." 57) Diese beiden Änderungsanträge, die stellvertretend für einige an- dere mit der gleichen Tendenz genannt seien, nehmen die Forderun- gen der Gewerkschaften auf, während bei den Formulierungen der vom Parteivorstand eingesetzten Kommission eine Hintertür für mögliche Kompromisse auf Regierungsebene offengelassen wurde. Ähnliche Unterschiede lassen sich bei den weiteren Aussagen der Kommission im Vergleich zu einigen dazugehörenden Änderungsanträ- gen der verschiedenen regionalen und lokalen Parteiorganisationen feststellen. 58) Des weiteren muß hier noch erwähnt werden, daß auf dem hannover- schen Parteitag diverse Änderungsanträge zum Mitbestimmungskom- plex des Entwurfs gestellt wurden, in denen die Einführung der Paritätischen Mitbestimmung als Zwischenschritt im Hinblick auf eine Wirtschaftsordnung angesehen wurde, in der die "Produktion durch die Produzenten" bestimmt wird 59), oder als Zwischenstufe auf dem Wege von der Fremdbestimmung der Arbeitnehmer zu ihrer Selbstbestimmung. 60) Es läßt sich also feststellen, daß es das erklärte Ziel der Sozialdemokraten auf dem hannoverschen Partei- tag war, gemeinsam mit den Gewerkschaften die Mitbestimmung unter dem Grundsatz der Gleichberechtigung von Kapital und Arbeit zu verwirklichen. Die Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaft für ----------------------------------------------- Arbeitnehmerfragen (AfA) im Oktober 1973 in Duisburg ---------------------------------------------------- Auf der Bundeskonferenz, mit der sich die AfA als Arbeitsgemein- schaft in der SPD auf Bundesebene konstituierte, setzten sich die Auseinandersetzungen innerhalb der SPD um eine konsequente Ver- wirklichung der Paritätischen Mitbestimmung fort. Zwei von den Delegierten der Konferenz hierzu angenommene Anträge sollen exem- plarisch erwähnt werden. In dem einen, der zur Weiterleitung an die Bundestagsfraktionen an den Parteivorstand überwiesen wurde, lehnte die Bundesarbeitnehmerkonferenz eine Mitbestimmungsrege- lung ab, die folgende Grundsätze nicht beinhaltet: "1. Kapital und Arbeit müssen paritätisch vertreten sein... 2. Jegliche gesetzlich garantierte Sondervertretung für eine Gruppe wie der leitenden Angestellten ist strikt abzulehnen ... 3. An die Seite der innerbetrieblichen Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gehören zu gleichen Teilen von den Gewerkschaften entsandte außerbetriebliche Arbeitnehmervertreter ..." 61) "Kompromisse in diesen drei Kernpunkten würden die Arbeitnehmer vor den Kopf stoßen. Die Arbeitnehmerkonferenz hat daher keiner- lei Verständnis für Äußerungen führender sozialdemokratischer Po- litiker in der Öffentlichkeit, nach denen bestimmte Kompromisse anzustreben seien. Wir erwarten in dieser Hinsicht Zurückhaltung und tatkräftigen Einsatz für das DGB-Mitbestimmungsmodell." 62) Im zweiten Antrag erhob die Mehrheit der Delegierten der Konfe- renz die gleiche Forderung, allerdings fügte sie hinzu: "Wie das Verhalten der Unternehmerverbände, der CDU/CSU und der FDP deutlich zeigt, ist die Durchsetzung unserer Mitbestimmungs- forderungen eine Kampfaufgabe für die demokratische Arbeiterbewe- gung... Der Bundesvorstand der AfA wird beauftragt, in den näch- sten Monaten massive Aktionen, insbesondere Kundgebungen und De- monstrationen für die Durchsetzung der gewerkschaftlichen und so- zialdemokratischen Mitbestimmungsforderungen zu organisieren. Hierbei ist eine Zusammenarbeit insbesondere mit den DGB-Gewerk- schaften anzustreben." 63) Dieser Antrag wurde erst nach einer Kampfabstimmung von der Bun- deskonferenz angenommen, weil sich vor allem die SPD-Regierungs- vertreter gegen ihn aussprachen. 64) In ähnlicher Weise wie sich in diesen Auseinandersetzungen um die Mitbestimmungsfrage die differenzierten Positionen innerhalb der SPD im Hinblick auf eine mehr oder weniger konsequente Vertretung von Arbeiterinteressen dokumentierten, zeigten sich auch unterschiedliche Standpunkte bei den Sozialdemokraten in Bezug auf die Einrichtung einer ei- genständigen Organisation für Arbeitnehmerfragen in der SPD. So hatte z.B. der Bayerische Juso Landesvorsitzende K.U. Spiegel schon auf der Erlanger Bundeskonferenz der Jungsozialisten im Juni 1973 geäußert, daß die AfA als eigenständige Organisation überflüssig sei, denn schließlich verstehe sich die SPD insgesamt als politischer Anwalt der Arbeitnehmer. 65) Die AfA legitimierte ihre Einrichtung allerdings in einer Ent- schließung zum "Auftrag und Selbstverständnis" ihrer Organisa- tion, indem sie erklärte, daß sie davon ausgehe, "daß die Partei als Ganzes die politische Repräsentanz und die politische Hoffnung der Arbeitnehmerschaft heute und in Zukunft (sei). Die Arbeitsgemeinschaft unterstütz(e) die Partei bei ihrem politischen Auftrag, Arbeitnehmerinteressen durchzusetzen und schaffe Voraussetzungen, Forderungen und Erfahrungen der Arbeit- nehmer in den Meinungs- und Willensbildungsprozeß der Gesamtpar- tei stärker einzubeziehen." 66) In einer weiteren Entschließung, die ihr "Verhältnis zu Gewerk- schaften und Betriebsräten" beinhaltet, weist die Bundeskonferenz der AfA auf die "enge Verbindung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften" hin. In diesem Zusammenhang stellt sie fest, "um Arbeitnehmerinteressen erfolgreich durchzusetzen, bedarf es des- halb der Partnerschaft zwischen Gewerkschaften und SPD." 67) Ana- log zu den zitierten Entschließungen der AfA erklärte der Bundes- kanzler und Parteivorsitzende Willy Brandt vor den dort ver- sammelten Delegierten, daß "die Arbeitnehmer... wie eh und je die Basis der deutschen Sozialdemokratie" 68) bildeten und daß das Verhältnis zwischen seiner Partei und den Gewerkschaften durch den gemeinsamen Auftrag geprägt sei, "das Leben der arbeitenden Bürger in unserem Volk menschlicher zu machen." 69) Doch konnte er im Hinblick auf die Erweiterung der Mitbestimmung nur fest- stellen: "... (es) bleibt noch viel zu tun, bis die Arbeitnehmer sagen können, die volle und ungeteilte Selbst- und Mitbestimmung werden in einer wirtschaftlichen Demokratie auch ihnen zuteil." Der DGB-Vorsitzende Vetter, der auf der gleichen Konferenz Gruß- worte an die Delegierten richtete, betonte ebenso wie Brandt die Gemeinsamkeiten von SPD und Gewerkschaften, als er sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß heute in diesem Saale auch nur ei- ner der Delegierten nicht zugleich Mitglied der SPD und der Ge- werkschaften ist." 70) Doch im Unterschied zu Brandt konkreti- sierte er unmißverständlich die Ausgestaltung einer Mitbestim- mungsregelung, wenn sie den Forderungen der Arbeitnehmer und ih- rer Gewerkschaften gerecht werden solle. Von den Kernforderungen der Gewerkschaften 71) dürfe auch in den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und FDP nicht abgegangen werden. Ob die SPD als Re- gierungspartei allerdings in der Lage war, die Zielsetzungen des eigenen und des gewerkschaftlichen Programms in den Verhandlungen mit dem Koalitionspartner über die gesetzliche Verankerung der Paritätischen Mitbestimmung konsequent durchzusetzen, sollte sich bald als zweifelhaft erweisen. Der Gesetzentwurf der sozialliberalen Bundesregierung über ---------------------------------------------------------- die Mitbestimmung in Großunternehmen vom 20.2.1974. --------------------------------------------------- Der Koalitionskompromiß der sozialliberalen Bundesregierung über die Mitbestimmung in Großunternehmen wurde vom sozialdemokrati- schen Bundesminister W. Arendt als ein "Erfolg der Koalition" und als ein "entscheidender Durchbruch des Mitbestimmungsgedankens" gewürdigt 72), während der DGB-Bundesausschuß in einer Stellung- nahme zum Mitbestimmungskompromiß eine kritische Haltung an den Tag legte: "Einzelne Bestimmungen des Entwurfs bieten Ansätze für eine Neu- ordnung der Unternehmerverfassung: Der Koalitionskompromiß bleibt jedoch in entscheidenden Punkten hinter den gewerkschaftlichen Mitbestimmungsforderungen zurück." (73) Die Bundesregierung erhob mit ihrem Gesetzentwurf den Anspruch, "die gleichberechtigte und gleichgewichtige Mitbestimmung der Ar- beitnehmer in den Großunternehmen" verwirklichen zu können 74). denn in dem Gesetzentwurf war vorgesehen, daß "die Aufsichtsräte der mitbestimmten Unternehmen ... sich aus der gleichen Zahl von Mitgliedern der Anteilseigner und der Arbeitnehmer zusam- men(setzen)" sollten. Bei Unternehmen mit mehr als 20 000 Arbeitnehmern sollte der Auf- sichtsrat aus 20 Mitgliedern bestehen, und zwar jeweils aus 10 Mitgliedern der Anteilseigner und der Arbeitnehmer. Bei der Zu- sammensetzung der Mitglieder der "Arbeitnehmer" war die Bundesre- gierung in ihrem Entwurf jedoch von den Vorstellungen der SPD und des DGB zu diesem Komplex abgegangen. Denn nach der Regelung des Entwurfs sollten zu den sieben Arbeitnehmervertretern aus dem Un- ternehmen nur drei Vertreter der im Unternehmen vertretenen Ge- werkschaften hinzukommen, während die SPD und die Gewerkschaften in ihren Forderungen zur Zusammensetzung der Arbeitnehmerseite davon ausgegangen waren, daß sich "unter den Vertretern der Ar- beitnehmer im Aufsichtsrat... zu gleichen Anteilen Personen, die im Unternehmen beschäftigt sind und Personen, die im Unternehmen nicht beschäftigt sind, befinden" müssen 75). Die außerbetriebli- chen Arbeitnehmervertreter sollten "von den gewerkschaftlichen Spitzenorganisationen nach Beratung mit den Betriebsräten benannt (bzw.) vorgeschlagen" werden. 76) Der eigentliche Streitpunkt des Regierungsentwurfs war jedoch die Regelung, daß sich unter den sieben Arbeitnehmermitgliedern aus dem Unternehmen mindestens ein sogenannter leitender Angestellter befinden müsse. Die Vertretung dieser Sondergruppe auf der Ar- beitnehmerseite des Aufsichtsrates war in den Vorstellungen von SPD und DGB nicht vorgesehen, sie stand diesen sogar diametral entgegen. In der Stellungnahme des DGB-Bundesausschusses übte man deshalb an den dargestellten Regelungen des Koalitionskompromisses grund- legende Kritik: "Nicht verwirklicht ist die gleichgewichtige Beteiligung außerbe- trieblicher Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. Damit wird die im DGB-Modell geforderte Möglichkeit, übergreifende Arbeitnehme- rinteressen wirksam zur Geltung zu bringen, nicht geschaffen." Zu dem Problem der leitenden Angestellten hieß es dort: "Durch die Einräumung von Gruppenrechten wird eine verhängnis- volle Spaltung der Arbeitnehmer festgeschrieben. Damit wird ein Signal gesetzt für die Anerkennung elitärer Sondervertretungsan- sprüche einzelner Gruppen ... Es besteht die Gefahr, daß sich be- stimmte Repräsentanten der leitenden Angestellten den Anteil- seignern und Unternehmensvorständen zugehörig fühlen." 77) Den letzten Kritikpunkt des DGB-Bundesausschusses über die lei- tenden Angestellten formuliert G. Leminsky folgendermaßen: "Bei dem gegenwärtigen Selbstverständnis der meisten leitenden Angestellten müßte man annehmen, daß sie, die meist auf das Wohl der überwiegend kapitalorientierten Vorstandsmitglieder angewie- sen sind, es sich kaum leisten können, wirklich kritische Posi- tionen gegenüber der vom Vorstand vertretenen Politik geltend zu machen." 78) Bei Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte wäre also die von der Bundesrepublik proklamierte und von der SPD angestrebte Parität im Aufsichtsrat nicht gewährleistet, was auch der SPD-Abgeordnete H. Buschfort, der, wie fast die gesamte SPD-Bundestagsfraktion, dem Koalitionskompromiß zugestimmt hatte, eingestehen mußte, als er feststellte, nachdem ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes den Begriff der leitenden Angestellten klar definiert hatte: "Die berechtigte Rückführung der Definition der leitenden Ange- stellten auf den unternehmerischen Kernbereich verbietet es, aus der so eingegrenzten Gruppe von 'Quasi-Unternehmern' Arbeitneh- mervertreter in den Aufsichtsrat zu entsenden." 79) Unter diesen Umständen hielt es Buschfort für legitim, mit der FDP neue Verhandlungen über die Frage der leitenden Angestellten zu führen, allerdings schränkte er sofort ein: "Alle Bestrebungen der SPD um Korrekturen des Gesetzentwurfes im Zuge der parlamentarischen Beratungen sind jedoch auch auf die politische Großwetterlage auszurichten... Das Urteil der Wähler über die SPD im November 1976 wird nicht zuletzt davon abhängen, wie unsere Partei ihrem selbstgesetzten Ziel der Einführung der Paritätischen Mitbestimmung gerecht wird. Das Bestehen auf Maxi- malforderungen in der Mitbestimmungsfrage würde letztlich jegli- che Reform verhindern und unsere Partei langfristig in eine poli- tische Sackgasse führen." 80) Da das Ergebnis der Scheinparität "aufgrund der vorliegenden Po- sitionen von FDP und SPD vorhergesehen werden mußte und an die Grenzen des parteipolitisch Machbaren" ging 81), und die SPD, so Buschfort, keine "Maximalforderungen" um jeden Preis wegen der Rücksichtnahme auf die zukünftigen Wahlen durchsetzen wollte, mußte man in der SPD, wie das Arendt tat, den Koalitionskompromiß als "einen entscheidenden Durchbruch des Mitbestimmungsgedankens" darzulegen versuchen. Die Kritikpunkte des DGB am Gesetzentwurf der Regierung sind schon oben dargestellt worden, symptomatisch für sein loyales Verhältnis 82) zur SPD sind allerdings die Konsequenzen, die man daraus für die Zukunft zog: "Der DGB-Bundesausschuß bekräftigt den Appell... an die Bundes- tagsfraktion und insbesondere an alle gewerkschaftlich organi- sierten Bundestagsabgeordneten, sich eindeutig für die gewerk- schaftlichen Forderungen nach Einführung der qualifizierten Mit- bestimmung in allen Großunternehmen und Konzernen einzusetzen." 83) Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, daß der DGB die gewerk- schaftlich organisierten Bundestagsabgeordneten, die ja immerhin in der Mehrzahl als Mitglieder der SPD-Bundestagsfraktion dem Ko- alitionskompromiß zugestimmt hatte, aufforderte, auch weiterhin um die Verwirklichung der Paritätischen Mitbestimmung zu kämpfen, während die SPD als Regierungspartei den Koalitionskompromiß als Teilerfolg einschätzte. III. Strategische Schlußfolgerungen zum Verhältnis SPD - DGB ------------------------------------------------------------ Die Grundlinien der historischen Entwicklung von SPD und Gewerk- schaften wie der Verlauf der Diskussion um die Verwirklichung der Mitbestimmung lassen einige Schlußfolgerungen strategischer Art in Bezug auf das Verhältnis von DGB und SPD als möglich erschei- nen. Der Ausgangspunkt einer bewußten Trennung und Zweigleisigkeit von SPD und Gewerkschaften zwischen ökonomischem und politischem Kampf hat sich gewandelt in dem Maße, wie aus der politischen Re- präsentanz der Arbeiter sich im Gefolge der Spaltung mehrere kon- kurrierende Organisationen entwickelten, die beanspruchten Par- teien der Arbeiter zu sein und deren Interesse zu vertreten. Bis zum Ende der Weimarer Republik waren im ADGB vor allem sozi- aldemokratisch und sozialistisch orientierte Arbeiter und Ange- stellte organisiert. Aus diesen Gründen läßt sich die Tatsache erklären, daß eine enge politische Kooperation von SPD und Ge- werkschaften trotz zahlreicher Divergenzen in politischen Fragen bestand. Die politische Leitung der Gewerkschaften war jedoch nicht im Parteivorstand der SPD zu suchen. Die Führung der Ge- werkschaften besaß eigenes Gewicht und eine relativ unabhängige Position. In dem Maße, wie die SPD nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine Entwicklung hin zu einer "Volkspartei" durchlief, die mit einer erklärten Absage an die Tradition der Klassenpartei der Ar- beiter einherging, und die Gewerkschaften als Einheitsgewerk- schaften des DGB die frühere Zersplitterung überwand, war es nur folgerichtig, daß das Verhältnis von DGB und SPD politisch sich grundlegend anders definierte. Heinz 0. Vetter bemerkte dazu: "Wenn wir uns über gewerkschaftliche Strategie Gedanken machen, so gilt es zunächst das Verhältnis zu politischen und gesell- schaftlichen Instanzen außerhalb der Gewerkschaftsbewegung zu überdenken. Hierin gehört das Verhältnis zu den politischen Par- teien. Ich möchte die Frage aufwerfen, ob in diesem Verhältnis nicht kritischer Abstand not tut. Ganz deutlich zeigt sich dies, seitdem sich die politischen Parteien zu Volksparteien gewandelt haben. Arbeiterparteien alten Stils gibt es nicht mehr. Damit verstärkt sieh für die Gewerkschaften die Aufgabe, mehr noch als bisher als Zusammenschluß der Arbeitnehmerschaft Ziele zu entwic- keln und zu verfolgen. Nicht, daß die Gewerkschaften Parteiersatz werden sollten. Wir müssen jedoch aus uns selbst heraus politi- sche Konzeptionen zur Befreiung und Gleichberechtigung der Ar- beitnehmerschaft, politische Modelle für die Gesellschaft von morgen entwerfen. Auf der Grundlage solcher Modelle müssen wir in die Parteien hineinwirken - nicht umgekehrt." 84) Die SPD ist da durchaus nicht gleicher Auffassung. In ihrem 2. Entwurf für ein Langzeitprogramm wird das Verhältnis zu den Ge- werkschaften dahingehend beschrieben, daß gemeinsame Wurzeln in der Arbeiterbewegung und gemeinsame politische Reformvorstellun- gen eine enge Zusammenarbeit als sinnvoll und möglich erscheinen lassen. "Die einheitliche Strategie des demokratischen Sozialismus kann nicht allein von der Partei getragen werden ... Schon deshalb kommt den befreundeten Organisationen, in erster Linie den Ge- werkschaften ein besonderer Stellenwert zu. Die Zusammenarbeit mit ihnen muß deshalb noch enger werden... Die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften ist im gemeinsamen Kampf der Arbeiterbewegung begründet. Eine der Grunderfahrungen dieses Kampfes ist, daß Par- tei und Gewerkschaften aufeinander angewiesen sind. Zwischen So- zialdemokratie und Gewerkschaften besteht eine Grundübereinstim- mung über die Notwendigkeit gesellschaftlicher Reformen und deren Richtung... Die Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei müssen die Selbständigkeit ihrer Organisation und Aufgabenstel- lung gegenseitig beachten. Die Gewerkschaften können der Partei weder die Aufgaben der politischen Führung noch die der Vertrau- ensarbeit abnehmen. Die Gewerkschaften sind in erster Linie soli- darische Organisationen zur Verbesserung des Einkommens und der Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer." 85) Dabei wird zwar - zu Recht - auf die politische Unabhängigkeit der Gewerkschaften hingewiesen. In der Praxis jedoch ist es die Vorstellung der Partei, durch aktive Mitarbeit der Parteimitglie- der in den Gewerkschaften die entscheidende politische und ideo- logische Kraft darzustellen, auch und gerade im Hinblick auf kon- kurrierende Organisationen. Nicht zufällig sind daher die sech- zehn Vorsitzenden der DGB-Gewerkschaften auch SPD-Mitglieder. Der Anteil führender Gewerkschafter in den Führungsgremien der SPD kann nicht eine solche stattliche Bilanz aufweisen. Wenn wir von einer strategischen Grundvorstellung ausgehen, deren sozialistischer Weg als conditio sine qua non die aktive Mitar- beit der SPD-Mitglieder und des größten Teils der SPD beinhaltet, so kommt der Frage des Verhältnisses zum DGB Bedeutung zu. Nicht nur die zu beobachtende Veränderung in der Sozialstruktur der SPD, sondern auch politische Entscheidungen wie z.B. die Große Koalition, Notstandsgesetze oder der Umstand der Regierungsbetei- ligung der SPD haben in vielen Fällen dazu geführt, daß aktive SPD-Mitglieder ihr politisches Hauptarbeitsfeld in der Gewerk- schaft sahen und sehen. Aus eben solchen Überlegungen heraus er- hält die Gründung einer "Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfra- gen" 1973 ihren politischen Stellenwert für die Parteiführung der SPD. Für eine linke sozialdemokratische Strategie haben diese Arbeits- gemeinschaften ebenfalls große politische Bedeutung, da hier die Möglichkeit eines ungebrochenen Einwirkens von Forderungen und Positionen der realen Arbeiterbewegung in die Diskussion der Par- tei besteht. Wohlgemerkt soll damit nicht der Instrumentalisie- rung der AfA das Wort geredet werden, sondern es kommt darauf an, daß die realen Veränderungschancen der SPD in Bezug zu den sozia- len Prämissen gesehen werden. In ähnlicher Weise ist auch das von H.O. Vetter geforderte Einwirken in die Parteien als politische Möglichkeit aufzufassen, die SPD mit Problemen und Sorgen der Ar- beiterbewegung zu konfrontieren. 86) Der Begriff der "Humanisierung der Arbeitswelt" und im Zusammen- hang damit die "Qualität des Lebens" ist so "trotz aller doppel- deutigen und systemintegrativen Verwendung - als Produkt eines Prozesses zu beurteilen, der seinen Ausgang hat in unmenschlichen Arbeitsbedingungen und sozialen Mißständen und deren politischer Artikulation. Die damit verbundenen gewerkschaftlichen Strategie- vorstellungen sind so auch in die Diskussion der SPD eingeflos- sen. Dieser Aspekt in der Einschätzung um die Möglichkeiten eines "sozialistischen Comeback" der SPD ist bisher unter den Linken mißachtet worden. Es kann dabei nicht darum gehen, die Verände- rung der SPD von den Gewerkschaften her zu propagieren. Aber die Arbeit in der Partei, die Mobilisierung der arbeitenden Bevölke- rung und die Konfrontation der SPD mit den in den Gewerkschaften entwickelten Forderungen müssen zu einem einheitlichen Bestand- teil linker sozialdemokratischer Politik werden. Letztlich wird es dazu keine reale Alternative geben, wenn die linken Kräfte in der sozialdemokratischen Bewegung ihren politischen Einfluß in der Partei, der Bevölkerung und der Gesellschaft im Sinne der ab- hängig Beschäftigten erweitern wollen. Für demokratische Wissenschaftler geht es in einem solchen Prozeß um die Aufgabe, die Bedeutung und den Einfluß des DGB und seiner Mitgliedsgewerkschaften in den Institutionen des Bildungswesens als einer zentralen Instanz zur Vertretung der übergroßen Mehr- heit der Bevölkerung deutlich zu verstärken. Dazu gibt es bereits hoffnungsvolle Ansätze, wie z.B. die Kooperationsvereinbarungen zwischen Hochschule und Arbeiterkammer resp. DGB in Bremen und Oldenburg. Darüberhinaus gilt es, in den Lehrveranstaltungspla- nungen und den Planungen der Forschungsvorhaben eine entspre- chende Umorientierung und Prioritätensetzung anzumelden. Diese Arbeit wird mittelfristig zu einem wichtigen Bestandteil einer demokratischen Berufspraxis werden und gleichzeitig zum Abbau des bestehenden Mißtrauens zwischen Gewerkschaften und Hochschulen beitragen können. _____ 1) Zur Lektüre im angesprochenen Problemkreis ist zu empfehlen das jüngst erschienene Buch Vetter, H.O. (Hrsg.): VOM SOZIALI- STENGESETZ ZUR MITBESTIMMUNG. Zum 100. Geburtstag von Hans Böck- ler, Köln 1975. Es finden sich in diesem Band sehr instruktive Aufsätze, vor allem von Hans-Josef Steinberg, Gerald D. Feldmann, Rudolf Kuda, Hans Mommsen, Lutz Niethammer und Gerhard Beier. Ferner sei verwiesen auf das Buch von Gerhard Leminsky/Bernd Otto: POLITIK UND PROGRAMMATIK DES DEUTSCHEN GEWERKSCHAFTSBUNDES, Köln 1974 und die in den beiden Bänden angegebene weiterführende Literatur. 2) Die Gründe dafür lagen in der unterschiedlichen Konzeption der Besatzungsmächte und den daraus erwachsenden divergierenden Ent- wicklung der politischen Verhältnisse. Eine Vergleichbarkeit die- ser Entwicklungen ist von daher nicht gegeben. 3) Die folgenden Ausführungen stützen sich auf eine Arbeit von Manfred Klatte. Vgl. hierzu Heino Kaack: GESCHICHTE UND STRUKTUR DES DEUTSCHEN PARTEIENSYSTEMS, Opladen 1971, S. 346 ff. 4) Vgl. Frankfurter Rundschau vom 1.10.1069, S. 4. 5) Vgl. Frankfurter Rundschau vom 3.10.1969, S. 1. 6) Heinz Oskar Vetter, DAS URTEIL IST GEFÄLLT, in: Welt der Ar- beit, Nr. 40/59, S. 1 7) Ausblick - Organ der Gewerkschaft Handel, Banken und Versiche- rungen, Nr. 10/69, S. 3. 8) Vgl. Gewerkschaftsspiegel. Hrsg. von W. Zaehle, Berlin, 6. Jg. (1969), Nr. 30 v. 5.11., S. 5. 9) Vgl. Deutsche Post, Nr. 19/69, Organ der Deutschen Postgewerk- schaft, S. 1. 10) DGB-Nachrichtendienst, Nr. 291/69 vom 21.10.1969. 11) Vgl. DGB-Nachrichtendienst vom 22.10.1969, S. 1. 12) Regierungserklärung vom 28.10.1969,in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Bonn, Nr. 132 und 133/1969. 13) DGB-Nachrichtendienst, Nr. 299 vom 28.10.1969, S. 1. 14) Frankfurter Rundschau vom 3.11.1969. 15) Karl Hauenschild: DIE POLITISCHE LANDSCHAFT HAT SICH VERÄN- DERT, in: Pressedienst der IG Chemie - Papier - Keramik, Nr. 6/8 vom 20.4.1970, S. 1. 16) Protokoll des SPD-Parteitags vom 11. bis 14. Mai 1970 in Saarbrücken. Hrg. vom Parteivorstand der SPD, Bonn, o.J., S. 1122. 17) Protokoll des Parteitags der SPD vom Mai 1970, a.a.O., S. 1135 f. 18) Protokoll, a.a.O., S. 1039. 19) Protokoll, a.a.O., S. 759. 20) Protokoll, a.a.O., S. 27 21) Protokoll, a.a.O., S. 450 ff. 22) Gerd Muhr: ZUR NEUREGELUNG DES BETRIEBSVERFASSUNGSGESETZES, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 1/72, S. 2. 23) Gerd Muhr, a.a.O., S. 2. 24) Vgl. Friedhelm Farthmann: GRUNDZÜGE DER NEUEN BETRIEBSVERFAS- SUNG in: Gewerkschaftliche Monatshefte 1/72, S. 4 ff. 25) Heinz Oskar Vetter, Rede auf dem 3. a.o. Kongreß zur Gewerk- schafts- und Satzungsreform, in: G. Leminsky und B. Otto, a.a.O., S. 72. 26) Protokoll des 9. Ordentlichen Bundeskongresses des DGB vom 25. bis 30.6.1972 in Berlin. Hrg. v. Deutschen Gewerkschaftsbund, Bundesvorstand, Düsseldorf, o.J. S. 179. 27) Vgl. Aktionsprogramm des DGB aus dem Jahre 1972, Le- minsky/Otto, a.a.O., S. 63 ff. 28) Protokoll des 9. Ord. DGB-Kongresses, a.a.O., S. 178. 29) Protokoll des 9. Ord. DGB-Kongresses, a.a.O., S. 71 30) Heinz Oskar Vetter: MITBESTIMMUNG - VERMÖGENSPOLITIK - BIL- DUNGSPOLITIK, in: Neue Gesellschaft, 8/72, S. 582. 31) Protokoll des 9. Ord. DGB-Kongresses, a.a.O., S. 23 32) Edb. 33) Welt der Arbeit, Nr. 40/72. 34) Heinz Oskar Vetter, Rede auf dem a.o. Parteitag der SPD 1972 in Dortmund, in: Protokoll des Parteitags, S. 96. 35)-40) entfallen 41) Fritz Opel, Diskussionsbeitrag zur Debatte über den Entwurf eines Wahlprogramms der SPD, a.a.O., S. 142/43. 42) Kurt Hirche: GEWERKSCHAFTER IM 7. DEUTSCHEN BUNDESTAG, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 2/73, S. 90. 43) Heinz Oskar Vetter, Welt der Arbeit, Nr. 47 vom 24.11.1972, S. 1. 44) Heinz Kluncker, Telegramm an Willy Brandt nach dessen Wahl zum Bundeskanzler, in: Gewerkschaftsspiegel Nr. 22/72, S. 32. 45) Dieter Hooge: STELLUNGNAHME ZUM ERGEBNIS DER BUNDESTAGSWAHL VOM NOVEMBER 1972, in: Gewerkschaftsspiegel Nr. 22/72, S. 32. 46) Heinz Wolf: STELLUNGNAHME ZUM ERGEBNIS DER BUNDESTAGSWAHLEN VOM NOVEMBER 1972, in: Gewerkschaftsspiegel, Nr. 22/72, S. 32. 47) Vgl. DGB-Nachrichtendienst, Nr. 357 vom 20.11.1972. 48) Vgl. Frankfurter Rundschau vom 21.11.1972. 49) Jochen Schulz: AUF DEM TEPPICH BLEIBEN, in Sozialdemokrati- scher Pressedienst vom 28.11.1972. 50) Vgl. "Schmidt tadelt SPD-Sprecher", Meldung im Gewerkschafts- spiegel Nr. 23/24 vom 15.12.1972,8. 17. 51) Bundeskanzler Brandt, Regierungserklärung des zweiten Kabi- netts Brandt/Scheel vom 18.1.1973, hrsg. vom Presse- und Informa- tionsdienst der Bundesregierung, S. 25. 52) Ebd., S. 47 53) Heinz Oskar Vetter, Grußworte an die Parteitagsdelegierten in: Protokoll des SPD-Parteitags vom 10. bis 14.4.1973 in Hanno- ver, Band 1, S. 31/32. 54) Ebd., S. 33. 55) ENTWURF EINES ÖKONOMISCH-POLITISCHEN ORIENTIERUNGSRAHMENS FÜR DIE JAHRE 1973 BIS 1985. Hrg. v. Parteivorstand der SPD, Bonn 1872, S.72. 56) UB Diepholz/Hoya, Änderungsantrag OR 19 zur Mitbestimmung in: Orientierungsrahmen '85, Anträge zum Parteitag 1973, S. 215. 57) Ortsverein Landsberg, Änderungsantrag OR 228 zur Mitbestim- mung, a.a.O., S. 220. 58) Vgl. Tz 229 bis 238 des Entwurfs und die jeweiligen Ände- rungsanträge, a.a.O., S. 220 bis 227. 59) Vgl. Änderungsanträge OR 19 und OR 63 (ÜB Bremen-Nord), a.a.O., S. 215/16. 60) Vgl. ÜB Bremen, Änderungsantrag 195, a.a.O., S. 218/19. 61) Bundeskonferenz der AfA, angenommener Antrag zur Paritäti- schen Mitbestimmung, in: Bundeskonferenz der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen vom 19.-21. Oktober 1973 in Duisburg. An- genommene Anträge und Entschließungen, als Broschüre herausgege- ben vom Vorstand der SPD, S. 36. 62) Edb., S. 36. 63) Bundeskonferenz der AfA, angenommener Antrag zur Paritäti- schen Mitbestimmung, a.a.O., S. 39. 64) Vgl. Frankfurter Rundschau vom 22.10.1973. 65) Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 25.6.1973, S. 13. 66) Bundeskonferenz der AfA, Entschließung zum Auftrag und Selbstverständnis der AfA, in: Bundeskonferenz der AfA vom 19. bis 21.10.1973 in Duisburg, Soziale Demokratie verwirklichen. Herausgegeben vom Vorstand der SPD, S. 130. 67) Ebd., S. 133. 68) Willy Brandt, Referat auf der Bundeskonferenz der AfA, a.a.O., S. 24. 69) Ebd., S. 29 70) Heinz Oskar Vetter, Grußworte an die Bundeskonferenz der AfA, a.a.O., S. 11. 71) Die Kernforderungen waren: Parität im Aufsichtsrat, von den Gewerkschaften entsandte Arbeitnehmervertreter in den Aufsichts- rat, keine eigenständige Vertretung der sogenannten leitenden An- gestellten. 72) Walter Arendt: DIE MITBESTIMMUNGSKONZEPTION DER BUNDESREGIE- RUNG - DURCHBRUCH UND CHANCE, in: Neue Gesellschaft, 4/74, S. 286. 73) Stellungnahme des DGB-Bundesausschusses zum Mitbestimmungs- kompromiß, in: G. Leminsky und B. Otto, a.a.O., S. 161. 74) Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregie- rung vom 23.2.1974, Gesetzentwurf über Mitbestimmung in Großun- ternehmen, Bonn, Nr. 26/ S. 241. 75) SPD: MITBESTIMMUNG, ENTWURF EINES GESETZES ÜBER DIE UNTERNEH- MENSVERFASSUNG IN GROSSUNTERNEHMEN, Reihe Gesellschaftspolitik, Heft 5, Bonn 1971, S. 18. 76) DGB-Bundesvorstand (Hrsg.): MITBESTIMMUNG - EINE FORDERUNG UNSERER ZEIT, in: G. Leminsky und B. Otto, a.a.O., S. 131. 77) Stellungnahme des DGB-Bundesausschusses, a.a.O., S. 161. 78) G. Leminsky: DER MITBESTIMMUNGSVORSCHLAG DER KOALITION, in Gewerkschaftliche Monatshefte 3/74, S. 140. 79) H. Buschfort: EINFÜHRUNG DER PARITÄTISCHEN MITBESTIMMUNG - ZENTRALES REFORMZIEL DIESER LEGISLATURPERIODE, in: Neue Gesell- schaft, 4/74,8. 291. 80) H. Buschfort, a.a.O., S. 289. 81) G. Leminsky: DER MITBESTIMMUNGSVORSCHLAG DER KOALITION, a.a.O., S. 137. 82) Das loyale Verhältnis des DGB zur SPD drückt sich auch in den Worten von H.O. Vetter über den Koalitionskompromiß aus: "... in dieser Phase mußte ein Weg zwischen ja-aber und so-nicht gefunden werden." Vgl. Frankfurter Rundschau vom 18.2.1974, S. 2. 83) Stellungnahme des DGB-Bundesausschusses, a.a.O., S. 162. 84) Heinz O. Vetter, Rede auf dem Dritten Außerordentlichen Kon- greß zur Gewerkschafts- und Satzungsreform, in Protokoll des 3. a.o. Bundeskongresses am 14. und 15. Mai 1971 in Düsseldorf. Hrsg. DGB, Bundesvorstand, Düsseldorf, o.J., S. 15 ff. 85) Zweiter Entwurf eines ökonomisch-politischen Orientierungs- rahmens für die Jahre 1975-1985, Allgemeiner Teil, Beilage zum VORWÄRTS Nr. 3/75, S. 15. 86) Vgl. hierzu kritisch Schmollinger, Horst W.: Gewerkschafter in der SPD - eine Fallstudie, in Dittberner/Ebbinghausen (Hrsg.): PARTEIENSYSTEM IN DER LEGITIMATIONSKRISE, Opladen 1973. zurück