Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1975

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       Horst Löffler / Ulrich Schreyer
       

DAS LOHNRAHMENTARIFABKOMMEN DER IG METALL IN NORDWÜRTTEMBERG/ NORDBADEN - EINE WENDE IN DEN TARIFLICHEN AUSEINANDERSETZUNGEN

Frage an einen Streikposten: "Welche Forderung der IG Metall ist für Euch am wichtigsten - die Akkordabsicherung, die Taktzeiten, die Altersversicherung? " - Die Antwort: "Alle sind wichtig. Du mußt einmal sehen, wie es bei uns zugeht." (UZ v. 18.10.1973) Einleitung ---------- Mit Abschluß der seit 17 Jahren geführten Verhandlungen über einen "Lohnrahmentarif 2" für den Tarifbezirk Nordwürttemberg/Nordbaden der IG Metall im Herbst 1973 trat die Klassenauseinandersetzung in der BRD und Westberlin in gewisser Hinsicht in eine neue Phase: Gegenstand von Arbeitskämpfen sind nicht mehr nur Lohnerhöhungen - die Bedingungen der Arbeitsveräu- ßerung samt ihren sozialen Folgen stehen jetzt ebenfalls zur De- batte. Daß und wie stark die unmittelbaren Interessen und Bedürf- nisse der Arbeiter und Arbeiterinnen mit diesem neuen Lohnrahmen- tarif tangieren werden, läßt sich unschwer an der höhen Wahlbe- teiligung beim Streikbeschluß ablesen. 256 394 Gewerkschaftsmit- glieder (95,7 Prozent) gingen zur Wahlurne; davon befürworteten 227 782 (88,8 Prozent) den Streik, 15 821 lehnten diese Kampfform ab und 1 722 Stimmen waren ungültig. 1) Besonders hoch war die Zustimmung zum Streik in den Großbetrieben: Mannheimer Motoren- werke = 91,7 Prozent, Bosch = 92,7 Prozent, Daimler-Benz = 95,4 Prozent. Für aufmerksame Beobachter war diese massive Unterstützung der Gewerkschaftsforderungen, die später nicht in allen Fragen voll durchgesetzt werden konnten 2), keine sonderlich große Überra- schung. Die Äußerungen vieler Streikender bei den Arbeitsnieder- legungen der vergangenen Jahre dokumentierten die Notwendigkeit dieser Verhandlungen. Allein die bürgerliche Öffentlichkeit zeigte sich verblüfft über diese einheitliche, manifeste Willen- säußerung der Metaller. Gleichzeitig stand sie jedoch dem sech- stägigen Schwerpunktstreik der 57 000 Metallarbeiter von Daimler- Benz (Sindelfingen und Stuttgart-Untertürckheim) und Bosch (Stuttgart-Feuerbach) weniger aggressiv gegenüber als den Ar- beitskämpfen zuvor. Denn anders als bei eigentlichen Lohnkämpfen lassen sich Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen nicht so ohne weiteres unter die verpflichtende gemeinsame Sache der großen Allgemeinheit und Nation subsumieren, mit dem Ergebnis, daß die Arbeiterklasse mit ihren Forderungen zurückstecken muß. Gleichfalls waren die Kommentare der bürgerlichen Öffentlichkeit zum Lohnrahmentarifabkommen Spiegelbild ihrer eigenen bornierten Klassenlage: kurzentschlossen propagierten sie das Verhandlungs- ergebnis als Abfallprodukt der von ihr seit geraumer Zeit propa- gierten allgemeinen Tendenz zur "Humanisierung der Arbeitswelt" oder gar zur "Humanisierung der Leistungsgesellschaft". An Demagogie und Raffinesse waren hierbei wieder einmal die CDU- Ideologen allen überlegen, Demagogisch fabulierte der exponierte Mitbestimmungsgegner und ehemalige Manager des Henkel-Konzerns, der derzeitige CDU-Generalsekretär Professor Dr. jur. Biedenkopf: "Die BRD ist eine offene, pluralistische Arbeitnehmergesell- schaft. Der Traum des vierten Standes von der Selbständigkeit hat sich verwirklicht." 3) Welche Prozesse sich tatsächlicher hinter dem Abkommen verbergen, wie sehr die angeführten Schlagworte eine Verdrehung der Tatsa- chen darstellen, dies zu zeigen soll Gegenstand dieses Aufsatzes sein. Denn schon ein Blick in die bürgerlichen Statistiken be- weist, daß die physische und psychisch-nervliche Belastung des Arbeiters am Arbeitsplatz eine Grenze erreicht hat, die es ihm unmöglich macht, auf die Dauer seine Arbeitskraft zu Markte zu tragen, ohne größeren Schaden zu erleiden. Kommt dann noch die Gefahr einer möglichen Arbeitslosigkeit hinzu, wie zur Zeit, dann kann man sich in etwa ausrechnen, welcher Druck auf der Arbeiter- klasse lastet. Werden mit dem Tarifabkommen einer Erhöhung der verstärkten Ar- beitsverausgabung gewisse Schranken gesetzt, dann ist dafür die Bezeichnung "Humanisierung" angesichts der vorliegenden Daten über den physischen und psychischen Zustand der Industriearbei- terschaft blanker Hohn; dies noch mehr, wenn die gleichzeitig er- hobenen Mitbestimmungsund Demokratisierungsforderungen abrupt zu- rückgewiesen werden. Bevor wir näher auf die Hintergründe des Lohnrahmentarifabkommens eingehen, seien kurz noch einmal die unserer Ansicht nach wich- tigsten Punkte herausgegriffen, die seine spezifische Charakteri- stik ausmachen. Die Tarifpartner haben sich u.a. über folgendes geeinigt: 4) 1. Alle Fließbandarbeiter, alle Akkordarbeiter und alle Prämien- lohnarbeiter erhalten in Zukunft mindestens 5 Minuten Erholungs- zeit in der Stunde. 2. Verdienstsicherung. Hierzu hat der Einigungsvorschlag 130 Pro- zent vorgesehen. Erreicht werden konnten für die ersten zwei Jahre 125 Prozent des Betriebsdurchschnittes und danach 130 Pro- zent des Betriebsdurchschnittes. 3. Die Zeit für die persönlichen Bedürfnisse bei allen Fließband- arbeitern, allen Akkordarbeitern und Prämienlohnarbeitern beträgt in Zukunft mindestens 3 Minuten in der Stunde. 4. Fließ-, Fließband- und Taktarbeit. Bestehende Takte dürfen nicht weiter aufgeteilt werden. Arbeitswissenschaftliche Erkennt- nisse der Arbeitsgestaltung müssen im Betrieb angewendet und vor- rangig darauf gerichtet sein, die Monotonie der Beschäftigung in ihren ungünstigsten Wirkungen auf den Menschen abzumildern. Diese Verpflichtung obliegt dem Arbeitgeber in erhöhtem Maße in allen Fällen, in denen der Arbeitstakt weniger als 1,5 Minuten beträgt. 5. Die Anzahl der Springer, die ausreichend sein muß, ist in Zu- kunft zusammen mit dem Betriebsrat festzulegen. 6. Arbeitnehmer, die im 55. Lebensjahr stehen oder älter sind und dem Betrieb oder Unternehmen ein Jahr angehören, können im Ver- dienst nicht mehr absinken. Die Angst vor dem Altwerden, die Angst vor geminderter Leistungsfähigkeit und die Angst vor gemin- derter Rente wegen vorher gesunkenen Verdiensten gehört der Ver- gangenheit an. 7. Arbeitnehmer, die das 53. Lebensjahr vollendet haben und min- destens drei Jahre dem Betrieb angehören, können nur noch aus wichtigem Grund entlassen werden. Dem Zustand, daß ältere Men- schen wie wertlose Maschinen abgeschrieben werden, ist damit durch gewerkschaftliche Kraft ein Riegel vorgeschoben. 8. Bei Arbeitsunfähigkeit durch Betriebsunfall oder Wegeunfall ist in Zukunft der Nettolohn bis zur 78. Woche gewährleistet, bislang waren es nur sechs Wochen. Auch vermögenswirksame Lei- stungen werden in Zukunft in diesen Fällen nicht nur für sechs, sondern für 78 Wochen vom Arbeitgeber weiterbezahlt. Im folgenden Kapitel wollen wir kurz auf die sich ändernden kon- kreten Reproduktionsbedingungen des BRD-Kapitals eingehen, um von daher die ungeheuer große Arbeitsbelastung des einzelnen Indu- striearbeiters ableiten zu können. Im zweiten Kapitel skizzieren wir die z.Zt. vorherrschenden Lohnformen, weil diese selbst ein Hebel für die wachsende Intensivierung der Arbeit darstellen. Die spezifische Art der Arbeitsbemessung- und bewertung wird mit dem zunehmenden Ausbau der Arbeitswissenschaften im Dienste des Kapi- tals ein eigenes Feld der Klassenauseinandersetzungen. Im dritten Kapitel gehen wir auf die konkrete Situation des Industriearbei- ters ein, indem wir anhand ausgewählter Daten die Auswirkungen seiner Klassensituation ablesen wollen. Wir meinen, daß diese Zahlen der bürgerlichen Statistik, so vage sie im einzelnen auch sein mögen, genügend Einblick in die Problematik geben. Im letz- ten Kapitel stellen wir das Tarifabkommen in den Kontext der Ge- werkschaftsbewegung der BRD insgesamt und kommen von daher zu dem Ergebnis, daß dieser Lohnkampf mit seinen Resultaten qualitativ neue Momente des Klassenkampfes in sich trägt und von daher als eine Art Wendepunkt der gewerkschaftlichen Tarifauseinanderset- zungen einzuordnen ist. Die veränderten Reproduktions- und Verwertungsbedingungen --------------------------------------------------------- des BRD-Kapitals ---------------- Untersucht man die konkreten Formen der Profitproduktion in West- deutschland und Westberlin, so stößt man, von ihrem Entwicklungs- verlauf her gesehen, auf eine spezifisch bundesrepublikanische Verlagerung und Gewichtung. Trotz des totalen faschistischen Ver- nichtungsfeldzuges, der verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen zeitigte, gestalteten sich die Ausbeutungsbedingungen für das BRD-Kapital in den 50er Jahren - nicht zuletzt dank der Klas- sensolidarität der westlichen Alliierten - optimal: - ein nur wenig beschädigtes, schon relativ stark zentralisiertes fixes Kapital; - ein Heer von Arbeitslosen bzw. Arbeitswilligen, die nicht nur für geringes Entgelt ihre Arbeitskraft verkauften, sondern auch überdurchschnittlich lange den Unternehmen den Gebrauchswert ih- rer spezifischen Ware Tag für Tag zur Verfügung stellten; - ein minimaler Kostenaufwand für die jeweilige konkrete Ausbil- dung der Arbeitskraft, da ein großer Teil der notwendigen Fachar- beiter mit skrupellosen Methoden aus der DDR abgeworben wurden; - ein fast unersättlicher, nationaler und internationaler Absatz- markt (gefördert durch Korea-Krieg, Zerstörungen des 2. Welt- krieges, EWG, etc. ...). Diese ungemein positiven Verwertungsbedingungen schränkten sich Ende der 50er Jahre, Anfang der 60er Jahre ein; teilweise auf- grund internationaler politischer Veränderungen, teilweise auf- grund einer der kapitalistischen Produktionsweise immanenten Lo- gik: - dem inneren Trieb folgend und durch die verschärften Konkur- renzbedingungen auf den nationalen und internationalen Märkten gezwungen, ging das BRD-Kapital daran, die Produktion ebenfalls auf einem höheren technologischen Niveau zu betreiben (Automatisierung, Mechanisierung, wissenschaftlich-technische Re- volution), wollte es seine Stellung auf dem Weltmarkt, die es dank der optimalen Möglichkeiten zur absoluten Mehrwertabpressung errungen hatte, weiterhin behaupten und so, über eine bestimmte Zeit hinweg, erfolgreich dem Druck der fallenden Profitrate ent- gegenwirken. - mit dem Bau der "Mauer" ging dem westdeutschen Kapital ein großes Reservoir an qualifizierten Arbeitskräften verloren. Das Problem der Arbeitskräfteausbildung stellte sich damit neu und anders. - die Systemauseinandersetzung im Weltmaßstab vergrößerte die Krisenbedingungen des Weltkapitals und beschleunigte seine, auf die Dauer erfolglosen, Reformbemühungen, da sein politischer und ökonomischer Spielraum sich zusehends einengt. Neben vielen anderen Auswirkungen (Strukturkrisen, Bildungskrise etc.) 5) zog die Produktion auf erhöhter Stufenleiter eine lau- fend steigende organische Zusammensetzung des Kapitals nach sich. Dieser Prozeß verdeutlicht sich in dem steigenden Verhältnis von Bruttoanlagevermögen/Beschäftigten: Die jahresdurchschnittlichen Veränderungen von 1950 -1970 betragen dabei: 1950-55 = 1,4 Prozent, 1955-60 = 4,4 Prozent, 1960-65 = 5,8 Prozent, 1965-70 = 5,4 Prozent. 6) Die beständige Akkumulation von Kapital ist nur ein anderer Aus- druck für die ständige Steigerung der Produktivkraft der gesell- schaftlichen Arbeit. Das Kapital kommt jedoch bei diesem Prozeß aus seiner bornierten Lage nicht heraus - dem Druck einer fallen- den Profitrate begegnet es mit Mitteln, die auf kurz oder lang diesen Druck noch spürbarer machen. Konkreter formuliert: die zwecks maximaler Profiterweiterung mit hohem Kapitalaufwand er- neuerten und erweiterten Produktionsanlagen (fixes Kapital) sind einerseits positive Reaktionen des Kapitals auf die verschärfte Konkurrenzsituation (über diese macht sich u.a. der Druck des Profitratenfalls bemerkbar - und umgekehrt), zugleich sind sie jedoch durch ihre hohe Fixiertheit im Produktionsprozeß eine ne- gative Schranke. Hinzu tritt, daß diese globalen Zahlen an sich noch keinen umfassenden und unmittelbaren Aufschluß über die Ef- fektivität der Anlagen zulassen (Auslastungsgrad, Niveau der Pro- duktionsorganisation- und leitung etc.). All diese Probleme werden gemildert, wenn es mittels verschiede- ner Methoden gelingt, entgegenwirkende Kräfte zum Profitratenfall zu mobilisieren. Für den unmittelbaren Arbeitsprozeß heißt dies: Intensivierung der lebendigen wie der vergegenständlichten Ar- beit. Gleichzeitig muß ein möglichst reibungsloser und kontinu- ierlicher Reproduktionsprozeß des Kapitals garantiert werden; je schneller dabei noch die Umschlagszeit, desto besser für die Ka- pitalverwertung. Die Ökonomisierung des konstanten wie variablen Kapitals wurde die vorherrschende Reformbestrebung der Monopole seit der Wirtschaftskrise 1966/67. In den Betrieben werden Be- griffe wie "Rationalisierung" und "Produktivitätssteigerung" zum Bestandteil des täglichen Wortschatzes. Am empirischen Material zeigt sich dieser beschleunigte Intensi- vierungsprozeß in etwa, wenn man die fallenden Bruttoanlageinve- stitionen der Industrie insgesamt vergleicht mit der ganz anders- artig verlaufenden Produktivitätserhöhung je Arbeiterstunde der gesamten Industrie. Daß diese Tendenz anhalten muß, daß die ver- schärfte Weltmarktkonkurrenz die zunehmende Effektivierung des investierten Kapitals erzwingt, ist leicht einsehbar. 7) Für die Arbeiterklasse ergibt sich aus diesen technologischen Veränderungen mit ihren spezifischen Anforderungen (Effekti- vierung) eine steigende Intensivierung der Arbeit. Mit der Unterordnung unter das Maschinensystem verkleinert sich der letzte Rest von Selbstbestimmung über Tempo und Umfang der Ar- beit. Gleichzeitig läßt das Kapital nichts unversucht, mögliche von der Maschinerie noch ausgesparte Leerstellen der Arbeitsver- ausgabung auf verschiedene Art und Weise zu eliminieren. Dies be- deutet für die Arbeiter eine zusätzliche Verschärfung ihres Ar- beitstempos, einen erhöhten Verschleiß ihrer Arbeitskraft, eine wachsende Gefahr für Berufskrankheiten bzw. -unfälle. Damit das eingesetzte Kapital sich optimal verwertet, werden die Arbeiter gezwungen, relativ zunehmend mehr Sonn- und Feiertagsarbeit zu leisten bzw. Überstunden zu machen, obwohl die Arbeitsanforderun- gen ständig steigen. Die extensive und intensive größere Be- und Vernutzung der Arbeitskraft tritt dem unmittelbaren Produzenten gegenüber in den Zahlen und Daten über Arbeitsunfälle, Frühinva- lidität, Berufskrankheiten. Mit den zunehmend verfeinerten, re- pressiveren Formen der Arbeitsbemessung und Entlohnung besitzt das Kapital den unsichtbaren Hebel, um den Arbeiter dazu zu brin- gen, sich diesen Anforderungen anzupassen. Beides Themen, die wir jetzt genauer untersuchen wollen. Intensivierung der Arbeit, Lohnformen und erhöhte Ausbeutung ------------------------------------------------------------ der Arbeitskraft ---------------- Wie wir bereits dargelegt haben, bilden intensive und extensive Formen der Mehrwertproduktion eine dialektische Einheit. Welche der beiden Methoden dabei jeweils in den Vordergrund rückt, hängt von den konkreten Verwertungsbedingungen des Kapitals ab. Bis Mitte der 50er Jahre dominierten extensive Formen der Mehrwert- produktion; mit der verstärkten Anwendung der Resultate der wis- senschaftlich-technischen Revolution und der zunehmenden Verknap- pung des absolut zur Verfügung stehenden Arbeitsquantums wurde ab Mitte der 50er Jahre und besonders im Verlaufe der 60er Jahre zu intensiven Formen der Mehrwertproduktion gegriffen. Daß diese Formen sich inzwischen eindeutig in den Vordergrund geschoben ha- ben, zeigt u.a. die Tatsache, daß nunmehr trotz einer inzwischen auf fast 5 Prozent angewachsenen Arbeitslosigkeit 8) immer noch intensive Methoden der Mehrwertabpressung ausgebaut und ver- feinert werden. Die Parole des Kapitals heißt: Rationalisierung in Produktion und Verwaltung, Senkung der Lohnkosten, Intensivie- rung der Arbeit. 9) Innerhalb der eigentlichen Produktionssphäre geschieht dies in erster Linie durch eine erhöhte Geschwindigkeit der Maschinen und/oder durch eine Erweiterung des von einem Arbeiter zu überwa- chenden Arbeitsfeldes, d.h. durch eine höhere Zahl an Produkti- onsaggregaten, deren reibungsloses Funktionieren der Arbeiter zu garantieren hat. Was das Kapital allein und ausschließlich inter- essiert, ist das Maximum an Arbeitskraft, das in einem Arbeitstag flüssig gemacht werden kann. "Daß der Arbeiter aber wirklich auch mehr Arbeit flüssig macht, dafür sorgt das Kapital durch die Me- thode der Bezahlung." 10) Die jeweils spezifischen Formen der Ar- beitsentlohnung sind und werden also selbst noch Mittel für das Kapital, die notwendige Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren und damit die Mehrarbeit zu erhöhen. Während die Form des Arbeitslohnes als solche schon "jede Spur der Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit" 11) auslöscht und die gesamte Arbeit als bezahlte erscheinen läßt, werden die Lohnformen selbst noch so perfektioniert, daß der Arbeiter ein materielles Inter- esse daran hat und daran haben muß, daß die Poren seines Arbeits- tages sich immer mehr verdichten, seine Arbeitsleistung gestei- gert wird und die Mehrarbeit zunimmt. Technische Grundlage für die Anwendung solcher Lohnformen ist die reale und totale Subsumtion des industriellen Arbeiters unter die Maschinerie. 12) "Er wird bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste und am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird." 13) Prinzipiell gilt es, die Akkordar- beit so zu gestalten, daß eine höchstmögliche Verwertung des Ka- pitals gesichert ist. Die Tendenz geht dahin, den Rationalisie- rungseffekt nicht nur auf der Basis neuer Technologien zu erhö- hen, s o n d e r n a u c h auf der alleinigen Grundlage der Verdichtung und Intensivierung der menschlichen Arbeit herbeizu- führen. Die hierzu notwendige "Verwissenschaftlichung" der Ar- beitsveräußerung und -bemessung dient dem alleinigen Ziel, die Widerstandsformen und Unterlaufungsstrategien der Arbeiter zu neutralisieren bzw. zu brechen und die Ökonomie der Arbeit, auf Kosten der Arbeiter und zu Gunsten des Kapitals, zu erhöhen. "Die Wandlungen des Akkordlohnes vom Stückakkord über den tayloristi- schen Akkord, den heutigen Zeitakkord bis zu den neuesten Syste- men vorbestimmter Zeiten stellen Versuche des Kapitals dar, durch Reformen in der Funktionsweise des Akkords diese Lohnform auch unter veränderten Bedingungen zu sichern." 14) Im folgenden sollen kurz die im Tarifabkommen angeschnittenen Lohnformen illustriert werden: 15) 1. Die traditionelle Form des "Leistungslohns" ist der Akkord- lohn. Die Höhe des Lohns ergibt sich einmal aus der in einer be- stimmten Arbeitszeit erzeugten Stückzahl. Je mehr der Arbeiter in einer Stunde an Produkten herstellt, desto höher ist sein Lohn, desto besser auch seine gesamte Lebenslage, die entscheidend durch die Lohnhöhe bestimmt ist. Die andere Variante der Akkord- arbeit ist der Zeitakkord, bei dem in einer vorgegebenen Zeit eine bestimmte Anzahl an Produkten produziert werden müssen. In den fünfziger und sechziger Jahren war der Zeit-Refa-Akkord vor- herrschend. Dieser konventionelle Zeitakkord wurde jedoch nach und nach durch die Einführung perfekterer Systeme vorbestimmter Zeiten abgelöst resp. verfeinert. Der Einfluß des einzelnen Ar- beiters auf die Bestimmung der Vorgabezeiten und die Schätzung des Leistungsgrades verschwand. 2. Die heute dominierenden Formen der Akkordarbeit sind die "Verfahren vorbestimmter Zeiten" - bekannt vor allem unter dem Ausdruck Methods-Time-Measurement (MTM)-Verfahren bzw. Work-Fac- ter (WF)-System. Hier werden die einzelnen Arbeitsgänge bis ins Detail zerlegt und bewertet. Für jeden Arbeitsgang - Greifen, Loslassen, Bewegen, Trennen etc. - wird eine bestimmte Zeit vor- gegeben und in Zeittabellen festgelegt. Im Gegensatz zu früher, wo der Zeitnehmer erst das Leistungsgradniveau des einzelnen Ar- beiters einschätzte, diese konkret gemessene Leistung dann zu ei- ner abstrakt gemessenen Leistung in Beziehung setzte, um die Nor- malzeit zu bestimmen, wird hier diese Abstraktion schon in den Planzeiten vollzogen, ohne dem Arbeiter die Möglichkeit zu geben, durch Verhandlungen mit dem Zeitnehmer günstige Ausgangsbedingun- gen für seinen Effektivverdienst zu erzielen. Ergebnis dieser Ar- beitsbemessung ist eine enorme Steigerung der Arbeitsveräußerung, die totale Degenerierung der menschlichen Arbeitskraft zu einem bloßen Bestandteil des Maschinensystems. 16) Die konkrete Lohn- höhe ergibt sich jetzt aus dem Lohn für diese ·Normalleistung zu- bzw. abzüglich der Zuschläge resp. Abschläge für die Leistung des einzelnen Arbeiters. 17) 3. Wo eine unmittelbare Messung der Arbeit nach Stück- oder Zeiteinheiten nicht möglich ist, wird die Bezahlung nach einem der Prämienlohnsysteme vorgenommen. Dabei wird der Lohn in einen fixen Teil (Sockel) und in einen variablen Teil aufgespalten, wo- bei der variable Teil ins Verhältnis zu umsatzsteigernden oder kapitalersparenden Maßnahmen gesetzt wird (Qualitätsprämie, Nut- zungsprämie, Ausschußprämie etc.). Der Willkürlichkeit der pro- zentualen Aufspaltung wie der Umrechnung sind hier keine Grenzen gesetzt. Neben diesen Methoden der Arbeitsintensivierung durch die kon- krete Lohnform gibt es noch eine Unzahl, sich mehr oder weniger wissenschaftlich gebender Mischformen, deren Vielfalt darüber hinwegtäuschen soll, daß sie alle auf das Gleiche hinauslaufen: auf eine möglichst starke Intensivierung der Arbeit. Diese Verän- derungen am Arbeitsplatz bedeuten für die Arbeiter eine zunehmend größere Arbeitsbelastung und damit insgesamt eine Verschlechte- rung ihrer existenziellen Reproduktion. Gerade in einer Zeit ver- schärfter kapitalistischer Rationalisierung stellen all diese Lohnformen eine doppelte psychische und physische Belastung für die Arbeiterklasse dar: Zu den ohnehin vorhandenen Verschleißer- scheinungen im Arbeitsprozeß kommt noch die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes. Und diese wiederum spornt den Arbeiter zu verstärkter Arbeitshetze an - ein Prozeß, der die Arbeitskraft ohne kollektive und gewerkschaftliche Gegenmaßnahmen auf die Dauer ruinieren würde. Die Lage der Industriearbeiter, dargestellt an den Daten -------------------------------------------------------- über Frühinvalidität, Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten ----------------------------------------------------------- "Die kapitalistische Produktion ist... eine Vergeuderin nicht nur von Fleisch und Blut, sondern auch von Nerven und Hirn." 18) Die- ser von Marx formulierte Satz bestätigt sich heutzutage in seiner krassesten Form. Summiert man die statistischen Aussagen und die empirischen Befunde - vorausgesetzt, es werden überhaupt welche vorgelegt -, dann ergibt sich ein Bild von der Lage der Indu- striearbeiterschaft, das in klarem Gegensatz steht zur propagier- ten heilen Welt der sogenannten sozialen Marktwirtschaft. Wie stark die Ruinierung der Arbeitskraft fortgeschritten ist, wollen wir anhand von ausgewählten Daten über Frühinvalidität, Ar- beitsunfälle und Berufskrankheiten belegen. Von daher bekommen dann auch die Aussagen von Metallarbeitern aus Nordwürttem- berg/Nordbaden sowie ihre ungemein hohe Streikbereitschaft 19) ihre Relevanz. Dabei müssen wir noch darauf hinweisen, daß die Zahlen selbst nur Tendenzen aufzeigen und längst nicht einen um- fassenden und eindeutigen Überblick geben. 20) Frühinvalidität 21) ------------------- Wie stark der Verschleiß der Arbeitskraft während der Arbeitszeit vorangetrieben wird, zeigt sich daran, daß knapp die Hälfte aller Arbeiter mit durchschnittlich 57 Jahren, also vor dem gesetzli- chen Rentenalter, aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden und in der Regel nicht länger als 59 Jahre alt werden! Die Gefahr, frühzei- tig auf Rente gehen zu müssen, schwebt wie ein Damoklesschwert über den Arbeitern. Denn Frührentner zu sein, bedeutet nicht nur, seine Gesundheit ruiniert zu haben; es bringt außerdem noch schwerwiegende finanzielle Nachteile mit sich. Der DGB-Forderung nach 75 Prozent des Bruttoverdienstes als Al- tersruhegeld, was in etwa dem Nettolohn entspräche, steht die Tatsache entgegen, daß ein Arbeiter nach 40 Versicherungsjahren durchschnittlich ganze 41,7% seines Bruttoverdienstes erhält; in absoluten Zahlen ausgedrückt heißt dies: er bekommt im Monat le- diglich 433 DM. Bei der DGB-Tagung "Humanisierung der Arbeitswelt" Mitte letzten Jahres wurde bekannt, daß pro Jahr mehr als 2,5 Millionen Berufs- krankheiten und Arbeitsunfälle, größtenteils der Ausgangspunkt der Frühinvalidität, zu verzeichnen sind. 22) Gerade in der heu- tigen Situation, in der zu der Arbeitshetze noch die Sorge um den Arbeitsplatz selbst, und damit verbunden auf Seiten des Arbeiters eine erhöhte Risikobereitschaft in Bezug auf seine Gesundheit, besteht, wird der Verschleiß der Arbeitskraft auf die Spitze ge- trieben. So war beispielsweise der Krankenstand der Hamburger Ortskrankenkasse 1974 um neun Prozent niedriger als vor Jahres- frist. 23) Typisch sind im übrigen die Arten und die Reihenfolge der Krankheiten: "Am Beginn des Erwerbsleben überwiegen die kurz- fristigen, relativ harmlosen, später die schwerwiegenden (insbesondere Verschleißerscheinungen) Krankheiten". 24) Man kann dem DGB-Vorsitzenden H.O. Vetter nur zustimmen, wenn er das Pro- blem folgendermaßen auf den Punkt bringt: "Das Gebot der Stunde ist, dem zunehmenden Leistungsdruck entgegenzutreten und gesund- heitsfressenden Wildwestmethoden den Garaus zu machen...". 25) Bleibt zu hoffen, daß diesem Wort auch die Taten folgen. Arbeitsunfälle 26) ------------------ Im Straßenverkehr ist man wesentlich sicherer als in der Fabrik. Diese auf den ersten Blick überraschende Feststellung wird durch eindeutige Zahlen belegt: Von 100 Unfällen passieren 35 Prozent am Arbeitsplatz; nur 13 Prozent dagegen im Straßenverkehr. In Be- zug auf Arbeitsunfälle steht die BRD an der Spitze aller hochin- dustrialisierten kapitalistischen Länder! Täglich ereignen sich ungefähr 6 600 Arbeitsunfälle, davon 450 mit Rentenfolge und 12 tödliche. 27) Heute schon leben in der BRD 420 000 körperbehin- derte Opfer von Betriebsunfällen und 170 000 Personen, die sich durch Berufsleiden bleibende Schäden zugezogen haben. So meldeten für 1972 die Berufsgenossenschaften eine Zunahme von 13,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei berücksichtigt werden muß, daß Ar- beitsunfälle erst dann meldepflichtig sind, wenn der Verunglückte den Arbeitsplatz länger als drei Tage fern bleiben muß. Am häufigsten von Arbeitsunfällen sind die ausländischen Kollegen betroffen - Folge von Sprachschwierigkeiten und besonders gefähr- licher Arbeiten, die sie zu übernehmen haben. Ihre Unfallquote ist 2,5 mal so hoch wie die der einheimischen Arbeitskräfte. Al- lein die Unfall- und Unfallfolgekosten in der BRD und in Westber- lin belaufen sich auf jährlich rund 10 Milliarden Mark. Ein großer Teil der Unfälle könnte vermieden werden, wenn die zustän- digen Gewerbeaufsichtsämter finanziell und personell besser aus- gestattet wären und über größere Eingriffs- und Kontrollmöglich- keiten verfügten. Wie desolat die Zustände in dieser Hinsicht sind, spiegelt sich in folgenden Angaben wieder: gegenwärtig überwachen 1 900 Gewerbeaufsichtsbeamte 1 650 000 Betriebe mit 20 Millionen Lohnabhängigen, das sind für jeden Kontrolleur ca. 870 Betriebe. 28) Rein rechnerisch (!) kann jeder Betrieb nur alle 6 Jahre ein Mal aufgesucht werden, 1973 waren es genau 16,84% aller Betriebe in Westdeutschland und Westberlin. Dabei ergingen nur in 531 Fällen vom staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Bußgeldbescheide an die Unternehmer; lediglich 210 mal wurden Unternehmer wegen Nichteinhaltung von Arbeitsschutzbestimmungen bestraft. Treffend formulierte schon Marx die Quintessenz dieser statisti- schen Daten. "Die Ökonomisierung der gesellschaftlichen Produkti- onsmittel, erst im Fabriksystem treibhausmäßig gereift, wird in der Hand des Kapitals zugleich zum systematischen Raub an den Le- bensbedingungen des Arbeiters während der Arbeit, an Raum, Luft, Licht, und an persönlichen Schutzmitteln wider lebensgefährliche oder gesundheitswidrige Umstände des Produktionsprozesses, von Vorrichtungen zur Bequemlichkeit des Arbeiters gar nicht zu spre- chen." 29) Berufskrankheiten 30) --------------------- Die offiziell ausgewiesene Krankenquote zeigte in den letzten Jahren eine steigende Tendenz: waren 1967 noch 116 Erkrankungen pro 1 000 Beschäftigte zu verzeichnen, so stieg diese Zahl bis 1970 auf 120 Erkrankungen an und hält weiter an (Zunahme von 1972-1973 um 8,4%). Diese Zahlen geben jedoch wegen der miserabel ausgestatteten Kon- trollinstanzen - falls überhaupt welche vorhanden sind - die Re- alität nur unvollkommen wieder. Einen exakteren Überblick erhält man u.E. aus dem Zwischenbericht einer 1970 unter der baden-würt- tembergischen Industriearbeiterschaft durchgeführten Voruntersu- chung. Von den beobachteten weiblichen und männlichen Beschäftig- ten mußten: - 42,8 Prozent (M) und 47,7 Prozent (F) sofort zum Hausarzt; - 19,5 Prozent (M) und 22,2 Prozent (F) sofort zum Facharzt; - 1,6 Prozent (M) und 1,3 Prozent (F) sofort ins Krankenhaus; - 20,8 Prozent (M) und 17,9 Prozent (F) zur Kur gehen. Außerdem zeigten 79,9 Prozent der männlichen und 84,7 Prozent der weiblichen Beschäftigten pathologische Abweichungen im klinischen Befund. Anzumerken ist, daß sich diese Zahlen auf Industriearbei- terinnen- und -arbeiter beziehen, die noch täglich ihrer Arbeit nachgingen und nicht schon vorrübergehend in ärztlicher Behand- lung standen. Einen weiteren beispielhaften Eindruck über den tatsächlichen Ge- sundheitszustand und die Arbeitsbelastung von jugendlichen Arbei- tern in unserem vorliegenden Tarifbereich vermitteln die Ergeb- nisse einer anderen Modelluntersuchung aus dem Jahre 1969/70. Da- nach verrichteten 54,9 Prozent der männlichen Jugendlichen mit- telschwere körperliche Arbeit im Stehen 5,9 Prozent schwere kör- perliche Arbeit; 13,3 Prozent der männlichen und 7,5 Prozent der weiblichen Arbeiter waren während des ganzen Tages im Akkord oder mit regelmäßigen Überstunden beschäftigt. 45,8 Prozent der männ- lichen Jugendlichen mußten unter betriebsbedingten Arbeitser- schwernissen arbeiten, wie z.B. Belastungen durch Hitze, chemi- sche Verunreinigung und Unfallgefährdung. Bei der medizinischen Untersuchung ergab sich, daß insgesamt 64 Prozent der männlichen und 68 Prozent der weiblichen jungen Arbeiter wenigstens eine krankhafte Abweichung in einem breiten Spektrum verschiedener Er- krankungen aufwiesen. Ursache: Zu schwere körperliche Arbeit. Die in diesen Krankenziffern zum Ausdruck kommend hohe psychische und physische Belastung der Arbeitskräfte 31) erfordert "ein um- fangreiches System der Entspannung und der Erholung der Arbeiter und Angestellten. Vor allem die wachsende geistig-nervliche Bean- spruchung der Arbeitskräfte macht umfassende Maßnahmen auf be- trieblicher Ebene als auch im gesellschaftlichen Rahmen notwen- dig." 32) Von der Existenz eines derartigen System der vorbeu- genden Heilung und Erholung kann in der BRD und Westberlin keine Rede sein. Im Gegenteil. 33) Die Situation auf dem Gebiet der Arbeitsmedizin und der Kranken- vorsorge kann nur noch als katastrophal bezeichnet werden. In der BRD gibt es ganze 1 500 Werkärzte, davon sind knapp 500 hauptamt- lich tätig, der Rest arbeitet mit geringem Zeitaufwand - ungefähr 2 bis 6 Stunden wöchentlich - nebenamtlich. Von diesen Werkärzten werden in Betrieben mit über 200 Beschäftigten, in denen etwa 39 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigt sind, 24,1 Prozent und in Betrieben mit weniger als 200 Beschäftigten, in denen die Mehrzahl aller Werktätigen arbeitet, nur 1,3 Prozent werksärzt- lich versorgt Umgerechnet verfügen lediglich 0,1 Prozent der Be- triebe in der BRD über einen eigenen Gesundheitsdienst, lediglich 353 von 1,33 Millionen kleinerer und mittlerer Betriebe (bis zu 200 Beschäftigte) werden betriebsärztlich betreut. Und von den 11 400 Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten wird nur jeder zehnte haupt- oder nebenberuflich von Werkärzten kontrolliert. Nach offiziellen Angaben (!) müßten zusätzlich 9 000 Arbeitsmedi- ziner und 80 000 Sicherheitskräfte eingesetzt werden, wenn die Anforderungen des Arbeitssicherheitsgesetzes, das die medizini- sche Betreung am Arbeitsplatz verbessern will, erfüllt werden sollen. Verschlimmert wird die Situation noch dadurch, daß die Werkärzte als Angestellte direkt von den Unternehmensleitungen abhängig sind und keinerlei Befugnis haben, gegebenenfalls die Einrichtung von Arbeitsschutzvorrichtungen zu erzwingen. Diese Auflage kann nur das Gewerbeaufsichtsamt erzwingen. Zwar hat in dieser Hin- sicht das neue Werkärztegesetz vom Dezember 1973 einige Fort- schritte hinsichtlich des gesetzlosen Zustandes gebracht, aber das Gesetz ist weit davon entfernt, die gewerkschaftlichen Forde- rungen zu erfüllen: Es handelt sich um ein Rahmengesetz, das keine bindenden Vorschriften für die Unternehmer zur Errichtung eines werksärztlichen Dienstes enthält. Innerhalb der Arbeiterkrankheiten kristallisieren sich zwei Krankheitstypen heraus, die eindeutig als Folgen der zunehmenden Belastung im Arbeitsprozeß zu erkennen sind. Es sind dies psycho- somatische Leiden und degenerative Organveränderungen als Folge von Überbelastung und Verschleiß. (Eine für die Metallbranche ty- pische Krankheit sind Gehörschäden.) 34) Berücksichtigt man, neben dem Krankenstand, noch die Tatsache, daß die Arbeiter ihre Arbeitskraft aus finanziellen Gründen nur unzulänglich reparieren können - 1969 fuhren weniger als ein Drittel aller Arbeiter in Urlaub -, so wird die Tragweite und Notwendigkeit des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen, sowie die hohe Bereitschaft der Kollegen voll erfaßt. Der Lohnrahmentarifvertrag II: ------------------------------ Eine Wende der gewerkschaftlichen Tarifpolitik ---------------------------------------------- Wie wir gesehen haben, verschlechtern sich die Reproduktionsbe- dingungen der Werktätigen zusehends. Neben der konkreten Situa- tion am Arbeitsplatz sind es vor allem die steigenden Preiserhö- hungen, die latente Arbeitslosigkeit und die enorme Rationalisie- rung des Arbeits- resp. Produktionsablaufs, die zur verschärften Lage der Arbeiterklasse beitragen. Vor diesem Hintergrund wird es für die arbeitende Bevölkerung unumgänglich, sich verstärkt für ihre Rechte einzusetzen und ihre Lebensinteressen in aktivem Kampf zu vertreten. Dabei richten sich ihre Forderungen "nicht mehr ausschließlich auf die notwendige Erhöhung ihres Realeinkom- mens, sondern darüber hinaus auf umfassende Verbesserungen ihrer sozialen Lage, ihrer Stellung im Arbeitsprozeß sowie auf konkrete Mitgestaltung und Mitentscheidung im Betrieb und im gesellschaft- lichen Leben." 35) Zwar hat das Kapital selbst ein Interesse daran, möglichst konti- nuierlich und konfliktfrei den kapitalistischen Produktionsprozeß zu gestalten, d.h. freiwillige und/oder unfreiwillige Arbeitsaus- fälle zu verhindern, aber so lange die Aufwendungen für einen un- gestörten Arbeitsfrieden für das Kapital höher sind als der Nut- zen durch geringere Fehlstunden und Arbeitsausfälle, wird es freiwillig kein Entgegenkommen zeigen. 36) "Nach mir die Sint- flut, ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalisten- nation. Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen die Lebensdauer und Gesundheit des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird." 37) Das Wechselverhältnis von Ar- beitszeit und Arbeitsintensität gestaltet sich nur dann optimal im Sinne der Profitproduktion, wenn keines der beiden Momente übergebührlich ausgedehnt wird. Nur so ist zu erklären, weshalb es auf Seiten der Monopole zu Überlegungen kommt, mit welchen ko- stengünstigen Mitteln die Monotonie der Arbeitsverausgabung, die einseitige Belastung der Arbeitsorgane etc. gemildert werden kön- nen. "Job rotation", "Job enlargement", "Job enrichment" oder gar Abschaffung der Bandarbeit sind kapitalistische Reformvorschläge, die einzig und allein dazu dienen, die Motivation der Arbeiter zur kontinuierlichen, höchstangespannten und konfliktfreien Ar- beitsverausgabung zu stimulieren und damit einen Rückgang der Profite zu verhindern. 38) Mit dem baden-württembergischen Tarifabkommen liegt nun erstmals in der Geschichte der BRD ein Vertrag vor, in dem einzelne nega- tive Erscheinungen der verschärften Intensivierung der Arbeit zu- sammengefaßt und bestimmte Grenzen gezogen wurden, die nicht mehr überschritten werden dürfen. Der Zeitpunkt dieses regionalen Ta- rifabschlusses kam - setzt man Länder wie Frankreich, Italien und England als Vergleichsmaßstab - verspätet. Neben vielen Gründen dürfte wohl als Hauptursache die für die BRD-Arbeiter erstmals auftretende mangelnde Möglichkeit der finanziellen Kompensation der gestiegenen Arbeitshetze angesehen werden. "Für die Unruhe in den Betrieben gab es vor allem zwei Ursachen: Die Empörung rich- tete sich nicht nur gegen die Preistreiberei der Unternehmer, sondern auch gegen die ständige Steigerung des Leistungsdrucks und der Arbeitshetze." 39) In Zeiten des faktischen Reallohnstops trifft der ständige Zwang zur vermehrten Arbeitsveräußerung die Arbeiterklasse substanzi- ell; sie ist zur Gegenwehr gezwungen. Der Mangel an und der Wille nach demokratischer Mitentscheidung über die Bedingungen der Ar- beitsveräußerung sind logische Konsequenzen der proletarischen Abhängigkeit. Schon in den Streikationen der vorhergehenden Jahre bildeten der Mißmut über die stumpfsinnige Arbeit am Band oder an der Taktstraße sowie die physisch-psychisch-nervliche Belastung durch die Akkordarbeit eines der wichtigsten Kampfmotive. Exem- plarisch schildert eine streikende Arbeiterin bei Daimler-Benz in Sindelfingen die Arbeitssituation im letzten Herbst: "Vor 20 Jah- ren hat eine Kollegin die Ausstattung für einen ganzen Wagen genäht. Da hat sie am Tag 5-6 Wagen ausgestattet und entsprechend weniger Körbe heben müssen. Jetzt macht jede Kollegin nur Teile, aber sie muß jeden Tag im Sitzen 50-55 Körbe vom Band heben und wieder darauf stellen. Das ist kein Pappenstiel. Die Arbeit ist nicht leichter, sie ist eintöniger geworden." 40) Mit einer nahezu "unheimlichen Geschlossenheit" 41) zwangen die Metallarbeiter in Nordbaden/Nordwürttemberg die Unternehmerver- bände, u.a. folgende Regelungen zu akzeptieren: Regelung der so- zialen Sicherheit für die älteren Arbeitskräfte; Kündigungsschutz ab dem 53. Lebensjahr und eine Verdienstgarantie ab dem 55. Le- bensjahr sowie Erleichterungen der Fließbandarbeit durch Gewäh- rung einer Erholungszeit von 5 Minuten je Stunde . 42) Insgesamt standen in Nordwürttemberg 57 000 Metallarbeiter in den in Form eines Schwerpunktstreiks geführten Kampfaktionen. Wie stark sich die Arbeiterklasse insgesamt mit diesen Forderungen einig er- klärt, zeigt sich u.a. an der Beschlußvorlage der 8. Angestell- tenkonferenz der IG Metall. Die Tarifkommissionen aller Tarifge- biete wurden aufgefordert, sich u.a. für folgende Regelungen ein- zusetzen: "1. Ältere Angestellte sind gegen Verdienstminderung und Arbeitsplatzverlust abzusichern; 2. Diese Regelung muß den gleichen Grundsätzen entsprechen wie für gewerbliche Arbeitneh- mer; 3. Die Absicherung darf ausschließlich nur von einem be- stimmten Lebensalter und von einer bestimmten Beschäftigungsdauer abhängig sein; 4. Alle diskriminierenden Regelungen, wie z.B. ärztlicher Nachweis der Leistungsminderungen, sind zu vermeiden." 43) Will man die einzelnen Punkte des Tarifabkommens in Nordwürttem- berg/Nordbaden aus der Sicht der Arbeiterklasse werten, dann er- geben sich zwei Unterteilungen: - Die zweifellos größten Erfolge sind in der Frage der Taktzeiten und der Erholungspausen erzielt worden. Ähnlich positiv ist auch die Regelung bei Betriebs- und Wegeunfällen sowie für die Alters- sicherung einzuordnen. 44) - Im Gegensatz zu diesen positiven Kompromissen ist die Vereinba- rung über die Akkordsicherung weniger zufriedenstellend. Hier kann selbst von einer Absicherung - geschweige denn Verbesserung - nicht gesprochen werden. Die Zusicherung eines betrieblichen Durchschnitts der Akkordlöhne von 125 Prozent, später 130 Prozent (nur 2,7 Prozent liegen unter diesem Durchschnitt), gibt den Mo- nopolen weiterhin die Möglichkeit, willkürlich bei der Umrechnung der Arbeitsbewertung zu verfahren. Ein Angriff der Monopole auf die Löhne der Arbeiter ist damit nicht ausgeschlossen worden. Ge- nau dort, wo ein spürbarer Eingriff in die Kapitalverwertung zur Diskussion stand (die ursprüngliche Forderung lautete 140 Pro- zent), konnte die Kapitalseite sich wirksam durchsetzen. Aufschlußreicher, exakter und politisch wichtiger als die Ein- schätzung der einzelnen konkreten Abmachungen erscheint uns je- doch eine Gesamtbeurteilung des Abkommens zu sein. Ohne die Ein- ordnung in den spezifischen historischen und gesellschaftlichen Kontext können die Ergebnisse dieser Tarifbewegung nicht voll be- griffen werden. 1. Seit dem Streik der schleswig-holsteinischen Metallarbeiter im Jahre 1956 für Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wurde in der BRD nicht mehr für Forderungen von dieser Qualität gekämpft. Es zeigt sich immer mehr, daß der gesamte Komplex der Arbeits- und Lebensbedingungen des Einzelnen in das Blickfeld der gesamten Be- wegung rückt. Ergänzt wird dieses Bild durch die Tatsache, daß die Streiks im Sommer 1973 und Anfang 1974 ein wachsendes Pro- blembewußtseins für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge erken- nen lassen. Genau dies macht auch die spezifische Bedeutung der bei den Verhandlungen um den Lohnrahmentarifvertrag aufgestellten Forderungen aus. "Sie zielten darauf ab, zum einen die Arbeiter mehr als bisher vor Lohnabbau und Arbeitsplatzverlust zu sichern, zum anderen die besonderen Belastungen der Band- und Akkordarbeit abzumildern." 45) 2. Mit den Forderungen nach Verbesserung im Arbeitsprozeß wurde tendenziell und punktuell der Schein "wissenschaftlicher" Rege- lung des Arbeitsablaufs durchbrochen. In dieser Richtung äußerte sich beispielsweise ein Sekretär der IG Metall: "Für die Arbeit- geber kommt jetzt die Stunde der Wahrheit. Sie müssen beweisen, daß ihre in der Vergangenheit immer wieder behauptete Wissen- schaftlichkeit bei der Datenermittlung auch tatsächlich gegeben ist. Wir werden dann erfahren, in welchem Umfang in der Vergan- genheit die Beschäftigten betrogen wurden." 46) Was erfahren wurde, ist, daß eine echte Mitbestimmung , eine Kontrolle der Ar- beiter und Angestellten, ihrer Betriebsräte und Gewerkschaften über alle Arten von Lohnfindungssystemen bis zu Umstrukturierun- gen am Arbeitsplatz dringend durchgesetzt werden muß. 3. Die Kombination der aufgestellten Forderungen trug dazu bei, daß praktisch alle Arbeiter an ihrer Realisierung interessiert waren. "Zwar betrafen die Punkte b) bis d) direkt nur Band- und Akkordarbeiter, aber die Forderung a) war zu recht bei allen po- pulär; ferner war die tarifvertragliche Festlegung einer Ver- dienstgarantie oberhalb der Tariflöhne - selbst wenn sie formal nur Band- und Akkordarbeiter betraf - auch für andere Arbeits- gruppen relevant, da es sich bei einer solchen Regelung ein Kapi- talist kaum leisten kann, Zeitlöhnern einen relativ niedrigeren Effektivlohn zu zahlen. Es zeigte sich hier, daß dem gesamten Komplex, der oft als 'Humanisierung der Arbeit', 'Verbesserung der Lebensqualität', bezeichnet wird, eine starke mobilisierende Wirkung innewohnt." 47) 4. Der Kampf um den Tarifvertrag stärkte das Selbstbewußtsein der Kollegen. Ihr Vertrauen in ihre Gewerkschaft stieg erheblich, auch wenn nicht sämtliche Forderungen der Kollegen breit und of- fensiv von der Gewerkschaftsführung vertreten wurde. Albert Krist, Betriebsrat bei den Mannheimer Motorenwerken, umriß die gestärkte Solidarität so: "Die IG Metall ist unsere Organisation - das ist das Gefühl bei den Kollegen", und ein Stuttgarter Be- triebsrat bei Daimler-Benz meinte: "Ich bin das erste Mal in mei- ner Tätigkeit nach einer Betriebsversammlung von den Kollegen mit Beifall entlassen worden." Und in der Mai-Ausgabe von "Metall" 1974 wurde dieser Erfolg so dargestellt: "der Lohnrahmentarifver- trag stärkt aber vor allem das Selbstbewußtsein der Metaller, weil er ihnen Rechte gibt, die bisher vom Unternehmer allein ge- pachtet waren." 48) 5. Daß dieser Tarifabschluß einen Wendepunkt innerhalb der Ta- rifauseinandersetzungen darstellt, ist daran abzulesen, daß er nicht nur richtungsweisend für ähnliche Abschlüsse in anderen Branchen und Bezirken war, sondern auch in Baden-Württemberg selbst das Bewußtsein und das Engagement der Kollegen vorantrieb und stabilisierte; neue Forderungen werden wach: "Kollegen for- dern: Ruhige Pausenräume, in Arbeitsplatznähe Sitzgelegenheiten und fließendes Wasser, eine ganztägig geöffnete Kantine etc." 49) Alles in allem bedeutet das ausgehandelte Ergebnis - auch wenn u.U. mehr hätte erreicht werden können - eine neue Stufe gewerk- schaftlicher Tarifpolitik. Zu Recht schrieb die DVZ, "daß die Ge- werkschaften in eine neue Etappe der Tarifpolitik getreten sind. Die Technik wird nicht länger als etwas unabänderliches angese- hen, dem sich der Mensch zu fügen hat." 50) Die Streikfront selbst stand in einer Breite und Geschlossenheit wie nie zuvor, und es zeigte sich, daß neben Lohnforderungen die konkreten Be- dingungen der Arbeitsveräußerung im Betrieb immer mehr zum Be- standteil der Auseinandersetzungen zwischen Lohnarbeit und Kapi- tal werden. Die Weichen jedenfalls wurden durch diesen Tarifver- trag gestellt - in die Richtung des Kampfes um mehr Menschlich- keit am Arbeitsplatz. Die Kollegen in Baden-Württemberg sollten ihren Bezirksvorsitzenden Steinkühler beim Wort nehmen, wenn er im Vorwort zum von der IG Metall herausgegebenen Vertragstext schreibt: "Die Tür zur Veränderung dieser profitorientierten Ar- beitswelt ist aufgestoßen ... Der neue Tarifvertrag ist jedoch noch nicht die Verwirklichung unserer Forderungen nach einer hu- manen Arbeitswelt. Es ist höchstens ein Bauplan dazu. Auf euch kommt es an, was ihr daraus macht." Ein Schritt hierzu wird es sein, die volle Verwirklichung der auf dem Papier errungenen Fortschritte abzusichern wenn nicht gar erst durchzusetzen. Nur die Kampfbereitschaft der Kollegen wird verhindern können, daß das Kapital im nachhinein wieder den Inhalt des Vertragswerkes rückgängig machen wird. 51) _____ 1) Im Gegensatz zu früheren Abstimmungen über Verhandlungsergeb- nisse der IG Metall wurde auch der ausgehandelte Kompromiß von einer qualifizierten Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder akzep- tiert (71 Prozent). 2) Dies hat sich allerdings die Verhandlungskommission selbst zu- zuschreiben, denn wären die streikbereiten und -willigen Arbei- termassen geschlossen in den Streik geführt worden, wäre das Ergebnis für die Arbeiter günstiger ausgefallen. Von daher erklären sich auch die 40 000 Gegenstimmen bei der Schlußab- stimmung. 3) DVZ v. 29.11.1973. Geradezu dümmlich sinniert und spintisiert Ex-Kanzler Erhard vor sich hin: "Wer den Begriff der 'humanen Leistungsgesellschaft' tatsächlich ernst meint, gerät in die Nähe einer Gaukelei, die aus der Sache heraus ungleichnamiges dennoch auf eine gemeinsame Formel bringen zu können glaubt. Ich prote- stiere mit aller Entschiedenheit ... gegen alle, die die 'soziale Marktwirtschaft' mit einer fragwürdigen 'humanen Leistungsgesell- schaft' in einen Topf zusammenrühren wollen; denn die soziale Marktwirtschaft ist in sich eine Leistungsgesellschaft und bedarf auch keiner schmückenden Umschreibung um sozial und human zu sein. Eine Partei, die die soziale Marktwirtschaft zu ihrem Pro- gramm erhoben und diesem Begriff in der ganzen Welt zu Glanz und Ansehen verholfen hat, kriecht geradezu auf den Leim, wenn sie eine ihr von der Gegenseite aufoktroyierte Fiktion quasi mit der Entschuldigung sich dadurch zu eigen macht, das sei eine 'humane Leistungsgesellschaft' fast als eine Art Zwittergebilde betrach- tet, aber geradezu dadurch Unsicherheit auslöst." (FAZ, v. 4.4.1973). 4) Die folgenden Passagen sind wörtlich entnommen aus: STREIK- NACHRICHTEN, hrsg. v.d. IG Metall, Bezirksleitung Stuttgart, 22.10.1973, vgl. auch in: GEWERKSCHAFTS-SPIEGEL, 1973/19-20. Wir gehen an dieser Stelle nicht darauf ein, inwieweit die von der IG Metall gegebene Interpretation richtig ist; wie überhaupt erst die praktische Handhabung des Abkommens für die Arbeiter von Be- deutung ist. Die Unternehmer haben, wie die Zwischenzeit zeigte, ihre eigene Art, Verträge zu interpretieren. 5) Dieser von uns etwas schematisiert dargestellte Ablauf kann im einzelnen nachgelesen werden u.a. in: Neelsen: WIRTSCHAFTSGE- SCHICHTE DER BRD, Berlin 1971; Katzenstein: TECHNISCHER FORT- SCHRITT, KAPITALBEWEGUNG, KAPITALFIXIERUNG, Berlin 1971; Autoren- kollektiv: IMPERIALISMUS DER BRD, Frankfurt/M. 1971. 6) Vgl. Autorenkollektiv: "Position und Entwicklung der Ökonomie des BRD-Imperialismus", in: IPW-FORSCHUNGSHEFTE 4/1974, S. 53, Tabelle 19. 7) Vgl. Rechtziegler: "Veränderungen in Wachstums- und Reproduk- tionsbedingungen der BRD-Wirtschaft", in: IPW-BERICHTE 11/1973. "(Es) geht ... dem BRD-Imperialismus darum, vor allem die Effek- tivität der Investitionen und die des rasch wachsenden Anlageka- pitals zu verbessern, den Konzentrations- und Zentralisationspro- zeß zu beschleunigen, die Forschung und Entwicklung zu intensi- vieren und die staatsmonopolistische Regulierung effektiver zu gestalten." Bruttoanlageinvestitionen Produktivitätserhöhung je Arbeiterstunde 1966 = -3,1 Prozent 1966 = +4,8 Prozent 1967 = -10,2 " 1967 = +8,1 " 1968 = -2,3 " 1968 = +8,6 Prozent 1969 = +29,7 " 1969 = +7,1 " 1970 = +9,3 " 1970 = +3,4 " 1971 = +4,5 " 1971 = +6,6 " 1972 = +3,2 " 1972 = +7,0 " (Quelle: Rechtziegler, a.a.O.; Höhme u.a.: "Zwischen Krise und Stagnation", in: IPW-BERICHTE, 3/1973. 8) Vgl. J. Marx: "Arbeitslosigkeit in der BRD", in: IPW-BERICHTE 4/1975. 9) Vgl. S. Balduin: "Das derzeitige arbeitspolitische Geschehen steht ... überwiegend im Zeichen der Arbeitsrationalisierung und Arbeitsintensivierung", in: GEWERKSCHAFTLICHE MONATSHEFTE 3/1974, zit. nach J. Marx, a.a.O., S. 17 f. 10) MEW, Bd. 23, S. 434. 11) Ebenda, S. 562. 12) Wir beschränken uns hier nur auf den Aspekt der für die Ein- schätzung des Tarifabkommens wichtig ist. Die insgesamt verän- derte Stellung des Arbeiters zu den Produktionsmitteln, die wi- derpsrüchlichen Tendenzen etc. können hier nicht dargestellt wer- den. 13) MEW, Bd. 4, S. 468 f. 14) Teschner: "Neue Entlohnungsmethoden", in EXPRESS, 1974/2. 15) Vgl. zum gesamten Komplex kapitalistischer Lohnformen J. Marx: "Lohnsysteme im Dienste verschärfter Ausbeutung", in: IPW- FORSCHUNGSHEFTE 4/1973, und DIE WAHRHEIT vom 31.1.1973. 16) In einer nicht mehr zu überbietenden Offenheit skizziert dies BASF-Direktor Dr. Bischoff: "Der Mensch ist vom Betrieb nicht als Mensch, sondern als Funktion gefragt. Der Mensch als solcher ist für den Betrieb nichts, die Funktion, die er ausüben kann, alles. Ganze Berufe fallen weg, und die Menschen, die sie ausüben, wer- den überflüssig ... Da sie immer Teil des Ganzen, des Betriebes sind, sind sie ersetzbarer Teil und - von der Kehrseite gesehen - Ersatzteile. Ersatzteile müssen griffbereit, daher eingeordnet, gekennzeichnet, katalogisiert sein, eine Nummer tragen. Das We- sentliche und Wichtige an ihnen ist die Nummer, die angibt, wie sie als Ersatzteile verwendet werden können. Ein Mensch aber, dessen Wichtigstes, dessen Wesensmerkmal für den Betrieb die Num- mer ist, die er trägt, ist selbst eine Nummer." (DKP-KALENDER 1974) 17) Vgl. DIE WAHRHEIT vom 28.2.1974, 16.10.1974, 17.10.1974. MEW, Bd. 23, S. 244. 18) MEW Bd. 23, S. 244 19) Vgl. Beispielsweise die Aussage einer Kollegin aus den Mann- heimer Motorenwerken, in: METALL 22/1973: "Du kannst mir glauben, es macht sich schwer bemerkbar, daß es keine vernünftige Erhol- zeiten gibt, besonders bei uns Frauen. Wir stehen ja unter Dop- pelbelastung. Die Arbeit draußen und daheim. Es ist schwer, bei uns im Betrieb weniger aufreibende Arbeitsplätze im Stundenlohn für Frauen zu finden. Deshalb wird es Zeit, daß die Arbeitsplätze menschlicher werden. Sonst gehen wir ein. Es geht wirklich nicht nur ums Geld." 20) Dies deswegen, weil erstens das vorliegende Material äußerst unzulänglich ist und weil sich zum zweiten bestimmte psychisch- nervliche Verschleißerscheinungen erst über einen längeren Zeit- raum hinweg festmachen lassen. Grundsätzlich haben wir den Daten über die Lage der Industriearbeiterschaft insgesamt (in West- deutschland und Westberlin) dann den Vorzug gegeben gegenüber dem regionalen Bereich von Nordwürttemberg/Nordbaden, wenn sich da- durch die Aussagekraft der Zahlen erhöhte. 21) Die Daten sind zusammengestellt aus: UZ v. 20.9.1974 und v. 6.12.1973 und M. Osterland: "Aspekte der Lebens- und Arbeitssi- tuation der Industriearbeiter", in: GEWERKSCHAFTLICHE MONATSHEFTE 8/1973. 22) Vgl. hierzu den Bericht in der DVZ v. 20.6.194. 23) Vgl. J. Marx, a.a.O., S. 18. Nach der neuesten Studie des Ar- beitsmedizinischen Instituts der Universität Dortmund steht in der Liste der Streßfaktoren, die das psychische Gleichgewicht der Lohnabhängigen beeinträchtigen, die Angst vor dem Verlust des Ar- beitsplatzes an erster Stelle. (Vgl. DVZ v. 17.4.1975.) 24) W. Böker: "Entwicklung und Ursachen des Krankenstandes der westdeutschen Arbeiter", in: DAS ARGUMENT Nr. 69. 25) DIE WAHRHEIT v. 11.3.1975. 26) Die Daten sind zusammengestellt aus: DIE WAHRHEIT v. 8.11.1973 und v. 11.3.1975; NACHRICHTEN 6/1972. 27) In der DDR sind z.B. die Arbeitsunfälle, bezogen auf je 1000 Beschäftigte, um 2/3 niedriger als in der BRD! 28) In dieses Bild fügt sich auch eine in der UZ v. 8.1.1974 zi- tierte Umfrage des Instituts für angewandte Sozialforschung (INFAS), Bad Godesberg, nahtlos ein. Bei dieser Umfrage über Be- triebe in Südwestdeutschland wurde festgestellt: 60 Prozent der Betriebe sind arbeitsmedizinisch nicht versorgt; 33 Prozent ver- fügen über keinerlei Arbeitsschutz Vorrichtungen; 80 Prozent ha- ben keine Einrichtungen für gesundheitsgerechte Arbeitsplatzge- staltung. 29) MEW, Bd. 23, S. 449 f. 30) Die Daten sind entnommen aus: Osterland, a.a.O.; NACHRICHTEN 6/1972; Höhme, a.a.O.; Böker, a.a.O.; Jens: "Werksärztliche Ver- sorgung in der BRD", in: DAS ARGUMENT Nr. 78; DIE WAHRHEIT v. 30.8.1974; UZ v. 20.9.1974, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG v. 21.1.1975, DIE WAHRHEIT v. 11.3.1975. 31) Gerade die soziologische Zusammensetzung der am Band etc. Ar- beitenden dokumentiert das Ausbeutungsinteresse des Kapitals ein- dringlich: vor allem die ausländischen Arbeiter und die Frauen sind hierzu begehrte Arbeitskräfte. Sehr aufschlußreich ist z.B. die Altersstruktur der ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen: 90 Prozent sind jünger als 45 Jahre; das Alter von 58 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen liegt unter 35 Jahren. Der Grund ist offensichtlich: nur in diesem jüngeren Alter ist der Streß am Fließband überhaupt noch zu ertragen; mit höherem Alter ist eine kontinuierliche Ausbeutung der Arbeitskräfte unmöglich. (Vgl. hierzu H. Humbach: "Die soziale Lage der ausländischen Arbeiter in der BRD und ihre Rolle in den sozialen Kämpfen", in: MARXISTI- SCHE BLÄTTER 1/1974). 32) Autorenkollektiv: PROLETARIAT DER BRD, Berlin 1974, S. 122. 33) So scheiden beispielsweise 80 Prozent der erwerbstätigen Frauen in der BRD wegen Frühinvalidität aus dem Arbeitsprozeß aus. (Vgl. ebenda, S. 241.) 34) Vgl. hierzu NACHRICHTEN 5/1974: "Nach den Feststellungen der Berufsgenossenschaften sind mehr als eine dreiviertel Million Ar- beiter durch Arbeitsplatzlärm gesundheitlich gefährdet. Es muß davon ausgegangen werden, daß in der BRD rund 2 Millionen Arbei- ter gehörschadenverdächtig sind." (Dabei wird jedoch eine Lärm- grenze von 90 Dezibel zugrundegelegt, die nach Ansicht fast aller Arbeitsmediziner wesentlich niedriger liegen müßte.) Weit über die Hälfte der Erkrankten ist nach im selben Artikel gemachten Angaben in der Eisen- und Stahlindustrie sowie im Bergbau be- schäftigt. Wie stark die Zahl der Gehörgeschädigten in den letzten Jahren angewachsen ist, illustriert ein Bericht in der DVZ v. 29.11.1973: "Um das vierzehnfache sind innerhalb der letzten 10 Jahre die durch Arbeitslärm verursachten Berufskrankheiten ange- stiegen. Diplom-Ingenieur Bernhard von der Eisen- und Stahlbe- rufsgenossenschaft gab bekannt, daß 63% aller Lärmgeschädigten aus der Eisen- und Stahlindustrie kämen. Die Rentenfälle wegen Lärmschäden seien doppelt so hoch, wie die aller 46 anderen Be- rufskrankheiten zusammengenommen." 35) W. Bürger: "Verbesserung der Lebensqualität - reformistische Konzeption zur Stabilisierung des Kapitalismus", in: IPW-BERICHTE 4/1975, S. 22. 36) Diese Kosten-Nutzen-Relation ist durchaus nicht nur finanzi- ell zu sehen, da politische und gesellschaftliche bzw. taktisch- strategische Überlegungen dabei eine große Rolle spielen. 37) MEW, Bd. 23, S. 285. 38) Vgl. die Vorschläge einer "Humanisierung der Arbeitswelt", in: GEWERKSCHAFTLICHE MONATSHEFTE 1/1973, S. 60 ff. 39) Steinhaus: "Streikkämpfe in der BRD 1971 bis 1974", in: DAS ARGUMENT Nr. 86, S. 388. 40) UZ v. 16.11.1973; vgl. auch die Reportage in DVZ v. 25.10.1973. 41) So der IG Metall-Bevollmächtigte Werner Schäfer in METALL 22/1973. 42) Vgl. hierzu U. Plener: "Systemstabilisierende Bemühungen der SPD-Führung um die Arbeiterklasse", in: IPW-BERICHTE 2/1975, S. 16. 43) NACHRICHTEN 3/1975; vgl. auch C. Schmidt: "Klassenauseinan- dersetzungen in den imperialistischen Hauptländern 1974", in: IPW-BERICHTE 2/1975, S. 63 f. 44) Diese Erfolge des Tarifabkommens versuchten die Unternehmer zunächst auf betrieblicher Ebene zu unterlaufen. So hat z.B. die Geißlinger Maschinenfabrik nach einer in der UZ v. 23.8.1974 ab- gedruckten Berechnung der IG Metall ihre Belegschaft durch ver- tragswidrige Pauschalabgeltung der vorgesehenen Akkorderholungs- zeiten um etwa 75 DM pro Arbeiter und Monat geprellt. Auch der Unternehmerversuch, die Regelungen über die Alterssicherung ab- weichend vom ausgehandelten Tarifvertrag zu regeln, führte zu Auseinandersetzungen. So kam es am 25.9.1974 in verschiedenen Be- trieben zu kurzen Proteststreiks, an denen sich insgesamt 22 000 Arbeiter beteiligten. (Vgl. Schmidt, a.a.O., S. 63 f.) 45) Steinhaus: a.a.O., S. 388. 46) Vgl. auch die Äußerungen des baden-württembergischen Bezirks- leiters der IG Metall, Franz Steinkühler, auf der DGB-Tagung, "Humanisierung der Arbeitswelt", wo er (laut DVZ v. 20.6.1974) meinte, die Gewerkschaften müßten nicht erst Wissenschaftler be- mühen, um zu erfahren, wie man die Arbeitsplätze menschengerecht verändern könne. Es genüge, mit den Betroffenen selbst zu reden, und sich von der Auflehnungsbereitschaft der Arbeiter gegen eine unzumutbare Arbeitsintensivierung zu überzeugen. 47) Steinhaus, a.a.O., S. 388. Dort werden folgende Hauptforde- rungen genannt: a) Kündigungsschutz und Verdienstabsicherung vom 50. Lebensjahr an; b) Einführung einer bezahlten Mindesterholzeit für Band- und Ak- kordarbeiter von 6 Minuten in der Stunde; c) eine Mindestverdienstgarantie für Akkordarbeiter in Höhe von 140% des Tariflohnes; d) das Verbot von Arbeitstakten am Fließband unter 1,5 Minuten. 48) Alle Zitate aus METALL 22/1974. 49) METALL 6/1974, S. 6. 50) DVZ v. 20.6.1974. 51) Bleibt uns noch abschließend die Chronistenpflicht, die Stimme der "Gewerkschaftsopposition" zu notieren, die wieder, in völliger Verkennung der eigentlichen Stoßrichtung, ihre Hauptauf- gabe darin sieht, "deutlich zu machen, daß es eine gefährliche Täuschung wäre, würde man angesichts des Lohnrahmentarifvertrag- Kampfes. (LRTV) auf die Propagierung der IGM und auch einiger linker Gruppen hereinfalle, es habe sich hier um einen qualitativ neuen Schritt im gewerkschaftlichen Kampf gehandelt. Es handelte sich bestenfalls (!) darum, daß die Gewerkschaftsführung an die- sem Punkt in einen Widerspruch zu den Interessen ihrer Basis ge- riet, der sie auf einem Gebiet zum Handeln gezwungen hat. Das neue ist also das Tätigwerden der IGM, nicht Inhalt und Resultat dieses Tätigwerdens."(Arbeitskollektiv LRTV und MTV in Stuttgart (Hrsg.): ÜBER DIE BEDEUTUNG DES NEUEN LOHNRAHMENTARIFVERTRAGES IN DER METALLINDUSTRIE VON NORDWÜRTTEMBERG-NORDBADEN, Erlangen 1974, S. 1). zurück