Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1975
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Bernhard Heidtmann
NIKLAS LUHMANN UND DIE SYSTEMTHEORIE -
IM LICHTE DER MARXSCHEN HEGEL-KRITIK
Vorbemerkung
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Folgender Beitrag ist Teil einer aktuellen Auseinandersetzung mit
der durch Niklas Luhmann maßgeblich vertretenen philosophisch-so-
zialwissenschaftlichen Theorie sozialer Systeme und der gesell-
schaftlichen Evolution. Zumal im sozialwissenschaftlichen aber
auch im rechtswissenschaftlichen Bereich hat der Versuch Luhmanns
dogmatisierend und schulbildend gewirkt, ein systematisches Be-
greifen der kapitalistischen Gesellschaftsformation mit dem An-
spruch auf Erhellung ihrer evolutionären Bedingungen zu verbin-
den. Der Breite der Wirkung dieser Konzeption entspricht die
Richtungsvielfalt, in der sich die Auseinandersetzung mit der
Theorie sozialer Systeme seitdem darstellt 1).
In der nachstehenden Kritik soll gezeigt werden, wie - zum Nach-
teil des Wissenschaftscharakters der Systemtheorie - in Luhmanns
Programm sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung die theoreti-
sche Argumentation und die weitgehend ideologische Fundierung
dieser Argumentation eine für die Systemtheorie unauflösbare Ver-
bindung eingehen. Deshalb konzentriert sich unsere Analyse auf
die ideologiegeschichtlichen Voraussetzungen und die grundbe-
grifflichen Bestimmungen der Theorie sozialer Systeme. Auf diese
Voraussetzungen und Bestimmungen reduziert, zeigt sich Luhmanns
Konzeption bürgerlicher Gesellschaftswissenschaft in der ihr ei-
gentümlichen Verfassung. Auch die Übersetzung der Begriffe der
traditionellen Gesellschaftstheorie in solche der Sozialtechnolo-
gie (Kybernetik, Lerntheorie etc.), die den fortgeschrittenen
Stand der Theorie sozialer Systeme verbürgen soll, führt Luhmanns
Ansatz - methodologisch gesehen - nicht über den klassischen Be-
zugsrahmen hinaus, in dem sich die bürgerliche Soziologie und So-
zialphilosophie seit je bewegen. Den Nachweis zu führen, daß die-
ser Bezugsrahmen die Grenzen der ökonomischen und sozial wissen-
schaftlichen Theorien der bürgerlichen Gesellschaft definiert,
war ein wesentliches Erkenntnisziel der Kritik der politischen
Ökonomie bei Marx und Engels. Die erklärtermaßen antimarxistische
Zielsetzung jedoch, auf die Luhmanns Theorieprogramm in letzter
Instanz orientiert ist, richtet sich nun gerade auf die histo-
risch-materialistische Kritik der Grenzen bürgerlicher Gesell-
schaftswissenschaft ebenso wie auf die materialistische Theorie
der historisch-logischen Demonstration der objektiven Notwendig-
keit dieser Grenzen. Als Ideologie stellt sich die Theorie sozi-
aler Systeme zumal dann dar, wenn diese sich als wissenschaftli-
che Alternative zur marxistischen Theorie historischer Gesetze
und der aus diesen abzuleitenden Formen gesellschaftlicher Orga-
nisation begreift. Daher ist es der Schwerpunkt vorliegender Aus-
einandersetzung, diesen Anspruch im Rekurs auf die materialisti-
sche Methode historischer Erkenntnis wenigstens im Ansatz strei-
tig zu machen. Entsprechend ist das Vorgehen der Untersuchung ge-
gliedert.
Im ersten Abschnitt ist eine Vor Verständigung über die Bedeutung
der materialistischen Methode historischer Erkenntnis beabsich-
tigt; anschließend soll gezeigt werden, wie Marx und Engels in
Ansehung unseres Problemzusammenhanges und in kritischer Ausein-
andersetzung mit der fortgeschrittensten bürgerlichen Philosophie
der Geschichte und der Gesellschaft bei Hegel, Grundsätzliches
zur Frage der Kritik des historischen Idealismus überhaupt aussa-
gen. Daran anschließend wird der materialistische Praxisbegriff
dem idealistischen Verständnis der Praxis als 'abstrakte Arbeit'
gegenübergestellt. Luhmanns Systemkonzept zeigt sich auf diesem
Hintergrund von Bestimmungen abhängig, die Marx in seiner Struk-
turanalyse des Systems der abstrakten Arbeit, der 'Oberfläche'
der bürgerlichen Gesellschaft, als für die Theorie und Praxis der
bürgerlichen Gesellschaft überhaupt gültige Bestimmungen nach-
weist. Die Untersuchung, die nur beansprucht, auf die Bedeutung
der zugrunde liegenden Problematik zu verweisen, schließt mit dem
begründeten Hinweis darauf, daß theoretische Praxis in system-
theoretischer Perspektive durchaus nicht - wie Luhmann behauptet
- Historizität und praktische Geltung der Systemwissenschaft ver-
bürgt.
Gesellschaftliche 'Form' und 'Entwicklung' in der
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materialistischen Methode historischer Erkenntnis
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Die materialistische Theorie der historischen Gesetzmäßigkeiten
und der gesellschaftlichen Organisationsformen ist in der marxi-
stisch-leninistischen Philosophie aufs engste verbunden mit der
Methode historischer Erkenntnis, die Marx in der "Allgemeinen
Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie" 2) skizziert, und
mit der bei Lenin im Anschluß an Marx und Engels zur materiali-
stischen Erkenntnistheorie ausgearbeiteten Lehre von der Erkennt-
nis historischer und gesellschaftlicher Erscheinungen als einem
Widerspiegelungsprozeß.
In der 'Einleitung' bringt Marx die Grundsätze historischer Er-
kenntnis in einem Abriß der Methode, die er als "das Aufsteigen
vom Abstrakten zum Konkreten" bezeichnet, auf den Begriff. Diese
Methode ist sowohl geeignet, objektive Entwicklungsgesetze von
Gesellschaftsformen adäquat widerzuspiegeln, wie sie andererseits
geeignet ist, die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft als ein
historisch determiniertes System zu ermöglichen 3).
Die Methode historischer Erkenntnis setzt dabei voraus, daß der
h i s t o r i s c h e C h a r a k t e r und die l o g i-
s c h e S t r u k t u r des zu begreifenden Systemzustandes -
einer Gesellschaftsformation - wie eines wissenschaftlichen
Gegenstandes überhaupt, unterschieden werden 4). Logische Ent-
wicklung, die sich aus der Forschung ergibt und historische
Entwicklung sind ein weder zeitlich noch methodisch identischer
Vorgang. Einheit und Unterschied des Logischen und des Histori-
schen, wie sie sich durch Anwendung der Methode historischer Er-
kenntnis im Erkenntnisvorgang widerspiegeln, beschreibt Engels
folgendermaßen:
"Die logische Behandlungsweise ... aber ist in der Tat nichts an-
deres als die historische, nur entkleidet der historischen Form
und der störenden Zufälligkeiten; womit diese Geschichte anfängt,
damit muß der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer
Fortgang wird nichts sein als das Spiegelbild, in abstrakter und
theoretisch ·konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein
korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der
wirkliche geschichtliche Verlauf selbst an die Hand gibt, indem
jedes Moment auf dem Entwicklungspunkt seiner vollen Reife, sei-
ner Klassizität betrachtet werden kann." 5)
Damit wird von Engels auf ein besonderes Verhältnis des histori-
schen Verlaufs und der ihn widerspiegelnden Methode der Darstel-
lung dieses Verlaufs verwiesen. Engels will zum Ausdruck bringen,
daß diese Methode des wissenschaftlichen Begreifens historischer
Gesetze nicht eine passive Abbildung vorfindlicher Strukturen und
Gesetze ist, aber auch nicht eine irgendwie geartete 'Konsti-
tution', eine 'Konstruktion' oder 'Schematisierung' durch die
Unterordnung des historischen Materials unter Modelle der
Entwicklung oder der Evolution 6). Was Marx nämlich unter der
'Reproduktion des Konkreten im Wege des Denkens' versteht und von
Engels interpretiert wird, ist eine spezifische Widerspiegelung
des objektiven Entwicklungsprozesses, des Historischen. Dabei
wird - wie Zeleny bemerkt hat, durchaus eine 'konstitutive Macht
des Denkens' anerkannt, dem eine relative Unabhängigkeit zukommt,
ohne daß wir uns deswegen idealistisch von der objektiven Reali-
tät entfernen 7).
Um den historischen Prozeß als die 'innere Bewegung' der auf der
gesellschaftlichen Erscheinungsebene vorzufindenden Verhältnisse
begreifen zu können, muß Marx ideell die inneren, das ist die
notwendigen Beziehungen dieser Erscheinungen in ihrer wirklichen
Bedeutung erfassen und ausdrücken. Daher muß sich die Methode hi-
storischer Erkenntnis - im Verlauf zunehmender Konkretion von Ab-
straktionen, in denen diese Verhältnisse kategorial gefaßt sind,
immer wieder vom unmittelbaren Ablauf des Historischen entfernen,
um sich den 'konkreten', das ist, den 'inneren' Bedingungen des
historischen Prozesses zu nähern:
"Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der For-
schungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im
Detail anzueignen, seine verschiedenen Entwicklungsformen zu ana-
lysieren und deren inneres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese
Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dar-
gestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des
Stoffs ideell wieder, so mag es aussehen, als habe man es mit ei-
ner Konstruktion a priori zu tun." 8)
Nur auf diese Weise ist es mittels der Methode möglich, daß die
historische Wirklichkeit - das bürgerlich-kapitalistische Produk-
tionssystem - wissenschaftlich verstanden wird: Ihr Abbild oder
Spiegelbild stellt die typische und insofern ideelle innere Orga-
nisation der kapitalistischen Verhältnisse dar. Dieses Verfahren
ist also weder eine Konstruktion idealtypischer Modelle des Hi-
storischen im Sinne Max Webers noch das Projekt einer evolutio-
nären Geschichtsauffassung im Sinne der neueren Systemtheorie.
Vielmehr dient die notwendige Abstraktion und Typisierung dem ra-
tionalen Interesse einer stetigen Annäherung an die Wirklichkeit.
Es handelt sich dabei zum ein integrierendes Moment der dialek-
tisch-materialistischen gedanklichen Reproduktion der Wirklich-
keit' 9).
Die begreifende Erkenntnis des gesellschaftlichen Reproduktions-
systems bedeutet also nicht - wie das häufig bei den klassischen
Ökonomen der Fall ist - die Nachkonstruktion der historischen Ab-
folge der Formen, in denen sich die Entwicklung dieses Systems
oder einer Gesellschaftsformation manifestiert. Es gilt vielmehr
als 'untubar und falsch ... die ökonomischen Kategorien so auf-
einanderfolgen zu lassen, wie sie historisch die bestimmenden wa-
ren' 10). Die Analyse des Systems der Organisation der kapitali-
stischen Produktion verlangt eine Darstellung der wesentlichen
ökonomischen Kategorien in ihrer systematischen Aufeinanderfolge,
d.h. in der Folge, in der sie logische Bedeutung für das zu ana-
lysierende Objekt - Gesellschaft - haben. Es gilt daher, die Ka-
tegorien abzuhandeln, 'in der Beziehung, die sie in der modernen
bürgerlichen Gesellschaft aufeinander haben' 11).
Die Methode des 'Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten' ist
nach Marx die 'einzig wissenschaftliche Methode ..., sich das
Konkrete anzueignen', es als ein geistig Konkretes im Erkenntnis-
prozeß wissenschaftlich abzubilden 12). Damit eine empirische Er-
scheinung, wie etwa das abstrakt-konkrete Ding 'Ware', erkannt
werden kann, durchläuft diese Erkenntnismethode Vermittlungs-
schritte, die eine Reproduktion des Konkreten vermittels der Ana-
lyse der einfachsten abstrakten Bestimmungen gewährleistet. In
diesen abstrakten Bestimmungen sind die vorfindlichen Erscheinun-
gen in Kategorien des Denkens gefaßt. Das Konkrete ist daher kon-
kret, ,weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also
die Einheit des Mannigfaltigen' 13). Die Analyse des Konkreten
ist somit Rekonstruktionsprinzip von Bestimmungen und Kategorien
der gesellschaftlich-ökonomischen Verhältnisse. Weil diese Kate-
gorien auf den Systemzusammenhang der an der Oberfläche der Ge-
sellschaft erscheinenden historischen Verhältnisse verweisen, ihn
erkenntnismäßig zu reproduzieren gestatten, wird vermittels ihrer
d i e A b l e i t u n g d e r h i s t o r i s c h - l o g i-
s c h e n G e n e s i s des bürgerlichen Reproduktionssystems,
d e s a u f k o n k r e t e r A r b e i t b e r u h e n d e n
S y s t e m s d e r 'a b s t r a k t e n A r b e i t' m ö g-
l i c h:
"Es scheint das Richtige zu sein mit dem Realen und Konkreten der
wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie
mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen
gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei
näherer Betrachtung (als) falsch. Die Bevölkerung ist eine Ab-
straktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie bestehen,
weglasse ... Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das
eine chaotische Vorstellung des Ganzen und durch nähere Bestim-
mungen würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe
kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Ab-
strakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre.
Von da an wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich
endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht
bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer
reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen ... Das
letztere ist offenbar die wissenschaftlich richtige Methode. Das
Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestim-
mungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint
es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als
Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher
auch der Ausgangspunkt einer Anschauung und Vorstellung ist. Im
ersten Weg wurde die volle Vorstellung zu abstrakter Bestimmung
verflüchtigt; im zweiten führten die abstrakten Bestimmungen zur
Reproduktion des Konkreten im Weg des Denkens" 14).
So formuliert Marx die von seinem Standpunkt aus richtige Vorge-
hensweise für die politische Ökonomie und Erkenntnistheorie. Denn
dieses Verfahren, das Nachdenken über die Formen des menschlichen
Lebens, also auch ihre wissenschaftliche Analyse, schlägt
überhaupt einen der wirklichen Entwicklung entgegengesetzten Weg
ein. Es beginnt post festum und daher mit den fertigen Resultaten
des Entwicklungsprozesses' 15). Vermittels der Analyse der Formen
bringt Marx die historischen Voraussetzungen seines Standpunkts
ebenso zum Ausdruck, wie von diesem Standpunkt aus der histori-
sche 'Gehalt' der 'gesellschaftlich gültigen Formen des menschli-
chen Lebens' erschlossen werden kann 16). Von der materialisti-
schen Ableitung dieser Formen, in denen sich die Widersprüche der
Gesellschaft bewegen 17), ist also eine wissenschaftliche Er-
kenntnis historischer Gesetzmäßigkeiten abhängig. Das verdeut-
licht Marx am Beispiel der Arbeit als einer 'bestimmten' und
'verständigen' Abstraktion 18). Er zeigt, wie die konkrete Ana-
lyse des Widerspruchs von konkreter und abstrakter Arbeit mittels
der Analyse der 'Wertform' im 'Kapital', in der sich dieser Wi-
derspruch realisiert und bewegt, vorgenommen werden muß. Daher
bedeutet die Analyse oder Konkretisierung von Abstraktionen immer
auch die Ableitung der Formen, in denen diese Abstraktionen sich
realisieren. Ist z.B. 'abstrakte Arbeit' die 'Definition der ge-
sellschaftlichen Organisationen menschlicher Arbeit' 19), so gilt
diese Definition doch erst, wenn sie als eine Aussage der mate-
rialistischen Theorie über ein bestimmtes historisches Entwick-
lungsstadium der bürgerlichen Gesellschaft, der entwickeltsten
und mannigfaltigsten historischen Organisation der Produktion'
20) verstanden wird. Denn die erkenntnistheoretische Bedeutung
der Analyse von Abstraktionen im Zusammenhang der materialisti-
schen Geschichtsauffassung zeigt sich erst dann, wenn die Analyse
von Abstraktionen zu der von Formbestimmungen weiterentwickelt
wird, als die 'aus dem gesellschaftlichen Prozeß hervorgehenden
Bestimmungen' 21). Erst dann erweist sich die Konkretheit gesell-
schaftlicher Abstraktionen wie 'Arbeit' und 'Wert', wenn sie als
Kategorien dargestellt werden, die zwar ein besonderes gesell-
schaftliches Verhältnis ausdrücken, in denen jedoch nicht unmit-
telbar die ökonomisch-historische Struktur dieser Verhältnisse
durch Analyse erschlossen werden kann 22)
Wenn mit der Analyse von Systemen abstrakter Arbeit die
'erscheinende Bewegung' - gesellschaftliche Verhältnisse in ihrem
Funktionszusammenhang also - begriffen wird, so drücken die ab-
strakten Kategorien, in denen diese Bewegung gefaßt wird, doch
nur Verhältnisse aus, in denen die 'wirkliche Bewegung' verborgen
ist. Da nun die Marx'sche Erforschung historischer Entwicklungs-
prozesse der Gesellschaft in der Ableitung gesellschaftlicher
(Organisation-) Formen dargestellt wird, so zeigt diese Theorie
der Form ein gegensätzliches Verhältnis von 'erscheinender Bewe-
gung' und 'wirklicher Bewegung' 23).
Marx unterscheidet 'wirkliche Bewegung', die Bewegung des Wertes
(in der Zirkulation) und eine 'erscheinende' Bewegung. Diese Be-
wegung ist eine 'Verkehrung' der 'wirklichen Bewegung'. In dieser
Entgegensetzung geht Marx von der grundlegenden Unterscheidung im
Gegensatz von konkreter und abstrakter Arbeit aus, um darauf auf-
bauend die für den kapitalistischen Produktionsprozeß charakteri-
stische Bewegung in Form der Gesetzmäßigkeit dieser Bewegung zu
erklären. Infolgedessen ist die Abstraktion Arbeit nur das Resul-
tat ihrer analytischen Unterscheidung von konkreter Arbeit. Letz-
tere ist 'nur ein abkürzender Ausdruck für das ganze Verhältnis
und die Art und Weise, worin das Arbeitsvermögen im kapitalisti-
schen Produktionsprozeß figuriert' 24). Die materialistische
Theorie der Form ist also an die Unterscheidung von konkreter und
abstrakter Arbeit gebunden. Hiervon ausgehend wird die Erklärung
von Entwicklungsprozessen möglich, die in der Untersuchung der
Gegensätzlichkeit von erscheinender und wirklicher Bewegung
sichtbar werden. Diese Entwicklungsprozesse zu erklären bedeutet
daher die Darstellung derjenigen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten,
die sowohl die historische Genesis als auch die immanente Funkti-
onsweise von Systemen abstrakter Arbeit bestimmen und regulieren:
die Unterscheidung der verschiedenen Formen der Arbeit - so auch
der konkreten von der abstrakten Arbeit - ist 'daher von der
höchsten Wichtigkeit, da sie gerade die Formbestimmtheit der Ar-
beit ausdrückt, worauf die gesamte kapitalistische Produktions-
weise und das Kapital selbst beruht.' 25)
Die Analyse von Abstraktionen als notwendige Voraussetzungen der
dialektischen Ableitung der Formen, in denen sie entstehen und
sich manifestieren, bedeutet eine Konkretisierung von Abstrakta
dann, wenn sie gleichsam der dialektischen Ableitung ökonomischer
Formbestimmungen das Material liefert. Daher bildet die Analyse
der Wertabstraktion als dialektische Ableitung der Wertform aus
abstrakter Arbeit eine wesentliche Aufgabe des 'Kapital'. Die Ab-
leitung der Wertform gewährleistet die Analyse der Kategorie
'abstrakte Arbeit' und der Systeme abstrakter Arbeit, d.h. der
realen gesellschaftlichen Struktur dieser Abstraktion. Indem Marx
den wissenschaftlichen Darstellungs- und Forschungsprozeß im
'Kapital' dort ansetzt, wo die zu analysierende Abstraktion und
abzuleitende Form als 'einfachste', 'allgemeinste', 'am wenigsten
entwickelte' erscheint, ist damit der Anfang einer Methode histo-
rischer Erkenntnis bestimmt, die in g e g e n s t ä n d l i c h
o r i e n t i e r t e r l o g i s c h e r A n a l y s e d e r
G e n e s i s der kapitalistischen Gesellschaftsformation d i e
h i s t o r i s c h e n B e d i n g u n g e n vergangener Epo-
chen und die historische Perspektive der revolutionären Transfor-
mation des bestehenden Systems wissenschaftlich begründet:
"Andererseits ... zeigt unsere Methode die Punkte, wo die histo-
rische Betrachtung hereintreten muß, oder wo die bürgerliche Öko-
nomie als bloß historische Gestalt des Produktionsprozesses über
sich hinausweist auf frühere historische Weisen der Produktion.
Es ist daher nicht nötig, um die Gesetze der bürgerlichen Ökono-
mie zu entwickeln, die w i r k l i c h e G e s c h i c h t e
d e r P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s s e zu schrei-
ben. Aber die richtige Anschauung und Deduktion derselben als
selbst historisch gewordener Verhältnisse führt immer auf erste
Gleichungen - wie empirische Zahlen z.B. in der Naturwissenschaft
-, die auf eine hinter dem System liegende Vergangenheit hinwei-
sen. Diese Andeutungen, zugleich mit der richtigen Fassung des
Gegenwärtigen, bieten dann auch den Schlüssel für das Verständnis
der Vergangenheit ... Ebenso führt diese richtige Betrachtung an-
dererseits zu Punkten, an denen die Aufhebung der gegenwärtigen
Gestalt der Produktionsverhältnisse - und so foreshadowing der
Zukunft, werdenden Bewegung sich andeutet. Erscheinen einerseits
die vorbürgerlichen Phasen als n u r h i s t o r i s c h e,
i. e. aufgehobene Voraussetzungen, so die jetzigen Bedingungen
der Produktion als sich selbst aufhebende und daher h i s t o-
r i s c h e V o r a u s s e t z u n g e n für einen neuen
Gesellschaftszustand setzende." 26)
Wir haben gesehen, wie die Frage der historischen Gesetzmäßigkeit
mit der erkenntnistheoretischen Frage nach der Historizität des
Denkens und der logisch-historischen Methode bei Marx und Engels
verbunden ist. Außerdem wurde gezeigt, wie Marx die Genesis von
Abstraktionsformen aus dem historischen Prozeß erklärt und wie
dieser historische Prozeß, mit diesen Abstraktionsformen in ihrer
spezifischen Formbestimmtheit vermittelt ist.
Marx gewinnt in dem Nachweis dieser Vermittlung im Zusammenhang
der Kritik der politischen Ökonomie ein generelles für die Wis-
senschaften überhaupt gültiges Verfahren, um gesellschaftliche
Bewegungsformen und ideologische Formen auf den Begriff zu brin-
gen. Diese Möglichkeit ist Marx jedoch nicht von ungefähr zuge-
fallen. Vielmehr ist sie - nach der Kritik an Feuerbach - auch
ein Resultat der kritischen Auseinandersetzung mit der Hegelschen
Philosophie. Wenn wir daher jetzt auf diese kritische Auseinan-
dersetzung eingehen, so kommt es - wegen der aktuellen, auf die
Systemtheorie gerichteten Zuspitzung unserer Fragestellung -
nicht so sehr darauf an, den Ablösungsvorgang Marxens von Hegel
als solchen darzustellen; vielmehr wird dieser Ablösungsvorgang
nur soweit analysiert, als in ihm wichtige Elemente der Philoso-
phie Hegels benannt werden, die, aus ihrem progressiven, rationa-
len Zusammenhang abstrahiert, heute noch für bürgerliche Theorie
und Ideologie konstitutiv sind.
Dialektische Methode als Organisationsform
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des Systems der Hegel'schen 'Logik'
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Lenin hat auf die außerordentliche Bedeutung von Hegels 'Logik'
für die Ausbildung der historisch-materialistischen Theorie ob-
jektiver Gesetzmäßigkeiten hingewiesen 27). Hegels dialektische
Theorie des Gesetzes darf als der erste umfassende Versuch ver-
standen werden, 'die Widerspiegelung des Wesentlichen in der Be-
wegung des Universums' darzustellen 28). Lenin folgt damit einer
Beurteilung der Hegel'schen Philosophie, die Engels aus der Fest-
stellung ihres konservativen und revolutionären, ihres spekulati-
ven und praktischen, ihres historischen und unhistorischen Ge-
halts ableitet 29). Bereits in den Thesen über Feuerbach hebt
Marx, eingehend auf die bei Hegel ausgebildete 'tätige Seite des
Idealismus' hervor, daß mittels der Hegel'schen Theorie objekti-
ver Gesetzmäßigkeiten eine materialistische Erkenntnis, die ob-
jektive Verhältnisse widerspiegelt und eine Erkenntnis, die in
gesellschaftliche Praxis umsetzbar ist, möglich werde. Besteht
der hauptsächliche 'Mangel alles bisherigen Materialismus' darin,
daß der 'Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der
Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als
sinnlichmenschliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv', so wird
es mit Hegel möglich, 'die Bedeutung der revolutionären, der
praktisch-kritischen Tätigkeit' zu erkennen. Infolgedessen kann
auf der Grundlage des historischen Materialismus ein wissen-
schaftliches Begreifen objektiver Gesetze nicht auf Beobachtung
beschränkt, auf einfache Abbildung reduziert werden; vielmehr muß
das Wirken dieser Gesetze auch als ein Ergebnis der praktischen
Veränderung der Wirklichkeit verstanden werden 30). Andererseits
setzt eine solche 'Anwendung' Hegel'scher Erkenntnisse voraus,
daß die mystifizierende und 'verkehre Form', in der sie ausge-
drückt sind, als durch den historischen Materialismus 'umgekehr-
te', in ihrer Rationalität begriffene, angeeignet werden. Der
historische Materialismus ist daher eine Methode, in der die
Aneignung zugleich 'das direkte Gegenteil des Hegel'schen
Vorgehens' darstellt 31).
Hegels Argumentation, die in der 'Logik' zur dialektischen Theo-
rie des 'Gesetzes', der 'Entwicklung', der 'Bewegung' führt, läßt
sich den genannten Einschätzungen entsprechend doppeldeutig le-
sen. Sie verbindet spekulative und materialistische Argumentati-
onsweise. Der von Engels festgestellte Gegensatz des
'historischen Sinnes' und des überwiegenden systematischen Inter-
esses in Hegels Logik wird hier sichtbar. Wird z.B. Hegels These:
'Alle Wirklichkeit ist an ihr gesetzmäßige' in d e m Zusammen-
hang interpretiert, wo Hegel die Dialektik von 'Wesen' und
'Erscheinung' darstellt 32), um die Theorie eines systematischen
Begreifens der gesetzmäßigen Struktur der Wirklichkeit von Natur
und Geschichte zu entwickeln, so zeigt sich die von Engels be-
merkte Doppeldeutigkeit 33). Bei Hegel wird die Beziehung von
'Wesen' und 'Erscheinung' durch 'Reflexion' bestimmt. Damit
bringt er zum Ausdruck, daß das, was dem Denken oder dem Erkennen
als Erscheinung unmittelbar gegenwärtig ist, nicht in dieser Un-
mittelbarkeit hinreichend erkannt, sondern durch Akte des Erken-
nens erst bearbeitet werden muß. Hegel kommt es darauf an, das,
was sich einem nur subjektiven Bewußtsein unmittelbar oder unver-
mittelt darstellt, in seinen objektiven Relationen, Zusammenhän-
gen, Verhältnissen zu begreifen. Daher müssen diese Verhältnisse
auf ihre Genese, auf das ihnen Zugrundeliegende untersucht wer-
den. Wenn Hegel die Reflexion als den Standpunkt des Wesens iden-
tifiziert 34), so ist dies der Standpunkt des begreifenden Erken-
nens, der die in 'gegenständlichem Schein' verborgenen Verhält-
nisse in Rücksicht auf die sie verursachenden logischen Gesetzmä-
ßigkeiten offenzulegen vermag.
Diese Art der 'inneren' oder 'bestimmenden' Reflexion wird von
Hegel von der nur 'äußerlichen Reflexion' unterschieden. Diese
hat wie etwa in Kants Erkenntnistheorie 'nur das Besondere und
Allgemeine zu ihren Bestimmungen' und damit dringt sie nicht zur
Erkenntnis der dialektischen Beziehung des äußeren (besonderen)
und allgemeinen vor 35). In der dialektischen Beziehung sind ja
Wesen und Erscheinung, also 'Inneres' und 'Äußeres' so aufeinan-
der bezogen, daß vermittels dialektischen Denkens, oder der dia-
lektischen ('bestimmenden') Reflexion der Erscheinung, das Wesen
als das begriffen werden kann, was erscheint. Dieser objektive
Standpunkt ist der äußerlichen Reflexion' unzugänglich. Sie denkt
über die Erscheinungen nicht als wesentliche nach - also in ihrer
dialektischen Beschaffenheit, sondern behauptet sie als von den
subjektiven Denkakten gewissermaßen erzeugte. Insofern bleibt die
äußere Reflexion der Erkenntnis des objektiven Wesens der Er-
scheinungen gegenüber abstrakt. Sie verfügt nicht, wie die Dia-
lektik, über eine objektive Methode, die geeignet ist, die er-
scheinende Wirklichkeit in ihren objektiven Verhältnissen zu er-
kennen.
Demgegenüber hebt Lenin den Charakter der W i d e r s p i e-
g e l u n g d e s W e s e n s i n d e r E r s c h e i-
n u n g, der die bestimmte Reflexion bei Hegel auszeichnet,
ausdrücklich hervor 36). Reflexion ist Widerspiegelung des
Wesens, das dem Bewußtsein erscheint. 'Das Wesen als solches ist
eines mit seiner Reflexion und ununterschieden ihre Bewegung
selbst' 37). D.h., die diese Bewegung widerspiegelnden Bestimmun-
gen, die äußeren Reflexionsbestimmungen, können aufgrund ihrer
Abstraktheit das der Wirklichkeit zugrunde liegende - die
dialektische Bewegung des Wesens ist die Art und Weise wie das
Wesen den Erscheinungen zugrundeliegt - nicht dialektisch als
'Substrat' oder 'Grund' deutlich machen. Dieses Unvermögen heißt
in der Terminologie Hegels Abstraktion oder abstrakte Erkenntnis.
Würde man bei dieser von Hegel zurückgewiesenen Abstraktion in
bezug auf das Wesen stehenbleiben, wäre dessen subjektiv-ideali-
stische Definition unvermeidlich und damit eine ausschließlich
idealistische Fundierung der Hegel'schen Theorie der Widerspiege-
lung. Die Widerlegung des Idealismus durch Hegel vermutet aber
Lenin gerade in diesen Passagen der Hegel'schen Logik. Anders
ausgedrückt: Der nur subjektive Prozeß widerspiegelnder Erkennt-
nis wäre unmittelbar mit dem Prozeß gleichgesetzt, der in Form
der Hegel'schen Logik als objektiver, sich selbst bewegender, vom
subjektiven Denken - nicht vom Denken überhaupt - unabhängiger
verstanden werden muß. Eine solche subjektiv-idealistische Inter-
pretation der Dialektik des Wesens hat Hegel selbst durchaus als
einen 'Mangel' seiner Theorie der Reflexion gesehen. Die dialek-
tische Untersuchung des Verhältnisses von Wesen und Erscheinung
ist noch deshalb mangelhaft, weil sie eine subjektiv-idealisti-
sche Identifizierung des Wesens und dessen, was als erscheinende
Wirklichkeit dem Bewußtsein gegenübersteht, zuläßt. Dieser Mangel
wird daher bei Hegel vermittels des Begriffs der F o r m oder
der F o r m b e s t i m m u n g des Wesens behoben. Die Formbe-
stimmung des Wesens ist im Unterschied zur abstrakten Bestimmung
des Wesens diejenige, die erst eine denkunabhängige Struktur des
Wesens anzunehmen ermöglicht: 'Das Wesen hat eine Form und Be-
stimmungen derselben. Erst als Grund hat es eine feste Unmittel-
barkeit oder ist Substrat' 38).
Die logische Theorie der Form, die das Denken als Tätigkeit her-
ausfordert, läßt sich im Anschluß an Marx' Bemerkung über die tä-
tige Seite des Idealismus als die 'theoretische Praxis' der He-
gel'schen Philosophie bezeichnen. Die Theorie der Formbestimmt-
heit des Wesens, das der erscheinenden Wirklichkeit zugrunde-
liegt, ist für Hegel 'das vollendete Ganze der Reflexion'. Erst
damit sind die der traditionellen Erkenntnistheorie gesetzten
Schranken, die Schranken der dem Wesen gegenüber äußerlichen Re-
flexion überschritten. Reflexion hat jetzt die Aufgabe - als ein
tätiges begreifendes Denken - eine Vermittlung des Wesens mit der
Form objektiv darzustellen. Daher wird es möglich, die dialekti-
sche Theorie einer Identität des Wesens mit sich und des Wider-
spruchs des Wesens mit sich als eine solche zu begreifen, die das
Wesen als Bewegung und als Gesetzmäßigkeit zu denken möglich
macht:
"Die Form hat daher in ihrer eigenen Identität das Wesen wie das
Wesen an seiner eigenen negativen Natur die absolute Form. ...
Die Form bestimmt das Wesen, heißt also, die Form in ihrem Unter-
scheiden hebt dies Unterscheiden selbst auf und ist die Identität
mit sich, welche das Wesen als ein Bestehen der Bestimmung ist;
sie i s t der Widerspruch, in ihrem Gesetztsein aufgehoben zu
sein und an diesem Aufgehobensein das Bestehen zu haben, - somit
der Grund als das im Bestimmt- oder Negiertsein mit sich identi-
sche Wesen" 39).
Was die Entwicklung des Wesens dialektisch zu denken möglich
macht, die Bestimmtheit des Wesens vermittels seiner absoluten
Formbestimmtheit, bringt nun gleichzeitig zum Ausdruck, daß He-
gels Entwicklungstheorie doch nur unter der Bedingung des ge-
schlossenen Systems begriffslogischer Bestimmungen entwickelt
werden kann, unter identitätsphilosophischen Voraussetzungen.
Der dialektische Widerspruch kann sich im Systemzusammenhang nur
dann entwickeln, wenn er aus der Perspektive dargestellt wird,
ihn als aufgehobenen Widerspruch zu denken. Was Hegel als 'die
Herrschaft der Form' 40) bezeichnet, ist charakteristisch dafür,
daß die dialektische Konzeption der Kategorie Form wesentlich als
Organisationsprinzip des logischen Systems der Darstellung dia-
lektischer Verhältnisse und Strukturen zu begreifen ist 41). In-
folgedessen ist in Hegels Logik der methodisch-identitätsphiloso-
phische Aspekt dem materialistisch-historischen übergeordnet. Es
ist der Standpunkt des 'Absoluten', der logischen 'Idee', von dem
aus und in dessen Interesse die reflektierte Selbstbewegung des
Wesens der Methode untergeordnet wird.
Hegels Unterscheidung von abstrakten Reflexionsbestimmungen und
dialektischen Formbestimmungen in seiner Darstellung der Dialek-
tik von Wesen und Erscheinung führt zwar zu einer Theorie der
Selbstbewegung des Wesens und damit der gesetzmäßigen Ordnung der
Wirklichkeit. Dabei stützt sich Hegel - wie bemerkt - partiell
auf materialistische Argumentationen, wie Lenin festgestellt hat
42). Zur Ausbildung einer materialistischen Theorie der Dialektik
von Erscheinung und Wesen ist jedoch der begriffslogische Zusam-
menhang der Logik nicht geeignet 43). Erst Marx hat die hierfür,
notwendige Bedingung einer Unterscheidung des Logischen und des
Historischen - wie oben zu zeigen war - als 'Umkehrung' der He-
gel'schen Philosophie, die das Historische und Materielle dem Lo-
gischen unterordnet, entwickeln können.
Logik und Geschichte: Die 'begriffene' Geschichte bei Hegel
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Die dialektische Bewegung des begreifenden Erkennens im System-
Zusammenhang der Logik Hegels ist also nur unter Vorbehalten als
eine den objektiven Geschichtsprozeß wie die Entwicklungsgesetz-
mäßigkeiten in der Natur abbildende Bewegung zu verstehen. Das
systematisch, in Engels' Worten konservative' Interesse der Logik
beherrscht die Bewegung ihrer Begriffe. Die Unterordnung des Ent-
wicklungsgedankens unter das System bildende Interesse bedeutet,
daß Hegel Entwicklung nur denkt, weil diese zur Bildung des ge-
schlossenen Systems der Logik, zur Konstitution des absoluten
Standpunktes, der indirekt die Voraussetzung und ausdrücklich den
Abschluß der Logik bildet, beiträgt. Das 'Ganze', die in der
'Totalität' des Systems zusammengefaßten Bestimmungen, hat als
solches keine Bewegung. Daß dafür u.a. die Vernachlässigung des
Zeitfaktors in Hegels Darstellung von Entwicklungsprozessen eine
Rolle spielt, hat G. Kröber in seiner Analyse des dialektischen
Gesetzes der 'Negation' gezeigt (44). Die Vernachlässigung des
Zeitfaktors führt Hegel zu dem von Engels konstatierten
'Widersinn', daß er 'Entwicklung im Raum aber außerhalb der Zeit,
der Grundbedingung aller Entwicklung' darstellen möchte. Das hi-
storische Interesse ist dem Interesse der Systembildung unterge-
ordnet. Engels fährt fort: 'Aber das System erfordert es und so
mußte die Methode, dem System zulieb, sich selbst untreu werden'
45).
Die Theorie der b e g r i f f e n e n G e s c h i c h t e, die
bei Hegel in der Logik ihren Abschluß findet, ist die Theorie der
im Systemzusammenhang a b g e s c h l o s s e n e n G e-
s c h i c h t e, dem System der Selbstdarstellung des Absoluten:
'So als die Manifestation, daß es sonst nichts und keinen Inhalt
hat, als die Manifestation seiner zu sein, ist das Absolute die
absolute Form. Die Wirklichkeit ist als diese reflektierte
Absolutheit zu nehmen' (46). Die dialektische Ordnung des
historischen Materials setzt damit einen absoluten Standpunkt
voraus, unter dem sich dieses Material begrifflich ordnet. Damit
wird einer dialektischen Methode, die beanspruchen kann, histori-
scher Erkenntnis fähig zu sein, eine unhistorische Voraussetzung
zugrundegelegt. Eine Differenzierung von logischer und histori-
scher Betrachtungsweise im Sinne von Marx ist daher vom Stand-
punkt der Hegel'schen Logik nicht möglich. Die logische Methode
beansprucht ja eine abgeschlossene historische Abfolge darzustel-
len, deren systematische Bewegung von Hegel in der Figur des in
sich zurücklaufenden Kreises beschrieben wurde 47). Das Interesse
an der dialektischen Konstitution des Systems logischer Verhält-
nisse überwiegt bei weitem das der Dialektik eigene historische
Prinzip. Dieses wird in der spekulativen Theorie der Behauptung
der Geltung logischer Strukturen mystifiziert, d.h. als ausrei-
chend behandelt erachtet. Die Einheit des Systems ist Geltungsbe-
reich und Realisationssphäre der absoluten Idee, 48) organisato-
rischer Zusammenhang einer Wissenschaft, der zufolge nur denjeni-
gen Formbestimmungen im Verlauf der Reflexion objektive Geltung
zugesprochen wird, die zur Begründung einer dialektischen Theorie
abgeschlossener Geschichte beitragen.
Daß diese unhistorische Seite der dialektischen Logik Hegels
seine Theorie des organisatorischen, in Rechtsformen gefaßten Zu-
sammenhanges der bürgerlichen Gesellschaft determiniert - Hegels
Philosophie der bürgerlichen Gesellschaft bedient sich in erster
Linie der in der 'Logik' systematisch gefaßten Bestimmungen -,
dies zu zeigen ist das hauptsächliche Interesse der Marxschen
Kritik der Hegelschen 'Rechtsphilosophie', worauf im folgenden
einzugehen sein wird.
'Logik' als Organisationsprinzip des Systems:
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'Bürgerliche Gesellschaft'
--------------------------
Die Rechtsphilosophie Hegels wird von Marx in zweifacher Zielset-
zung kritisiert: Einerseits gilt es die entwickeltste Gestalt
bürgerlicher Ideologie zu charakterisieren; andererseits will
Marx zeigen, daß die mystifizierende Hegel'sche Theorie der ge-
sellschaftlichen Reproduktion ein durchaus rationales Moment ver-
birgt. Denn Hegels Philosophie ist fortgeschrittenster Ausdruck
realer gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte, die in ih-
rer historisch-gesellschaftlichen Bedeutung dem wissenschaftli-
chen Begreifen zugänglich gemacht werden durch die Kritik der ab-
strakten Aufhebung dieser Widersprüche im Systemdenken Hegels.
Die Kritik der theoretischen Praxis Hegels in Anwendung auf das
System: 'bürgerliche Gesellschaft' ist also Vorbedingung für eine
historisch-materialistische Wissenschaft, die die gesellschaftli-
che Praxis der Menschen als Resultat des Wirkens objektiver Ge-
setzmäßigkeiten und umgekehrt die Praxis als auf diese Gesetzmä-
ßigkeiten einwirkende begreift. Die materialistische Theorie der
gesellschaftlichen Praxis und der determinierten und determinie-
renden historischen Gesetzmäßigkeiten geht dabei in einem dem He-
gelschen Vorgehen 'entgegengesetzten Weg' vor; diese Entgegenset-
zung zu verdeutlichen und wissenschaftlich zu begründen dient
Marx' Kritik der Hegel'schen Philosophie.
Daraus ergibt sich für unseren Zusammenhang die folgende Frage:
In welcher Hinsicht ist die Hegel'sche Philosophie der politi-
schen Organisation der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Rechts-
verhältnisse, und ihrer bürokratischen Institutionen eine Mysti-
fikation? Welche wissenschaftliche Orientierung ergibt sich aus
der Kritik dieser Mystifikation und zwar für ein historisch-mate-
rialistisches Begreifen der Bewegungsabläufe, der historisch-ge-
netischen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft? Welche Ursa-
chen sind für die diese Gesellschaft beherrschenden, ihre Einheit
und ihren Zusammenhang konstituierenden Widersprüche erkennbar?
Marx begreift die Politische und Rechtsphilosophie Hegels unter
der P e r s p e k t i v e d e r A n w e n d u n g d e r
H e g e l' s c h e n L o g i k a u f d i e p r a k-
t i s c h - e m p i r i s c h e n V e r h ä l t n i s s e d e r
b ü r g e r l i c h e n G e s e l l s c h a f t. Dann zeigt
sich, daß Hegel in der Rechtsphilosophie die historisch-
gesellschaftliche Wirklichkeit den Bestimmungen und immanenten
Bewegungsprinzipien des logischen Systems unterordnet. Die
logische Kategorie der 'absoluten Form' mittels derer, wie zu
zeigen war, sich die Bewegung des Begriffs entsprechend den
Gesetzen der dialektischen Reflexion strukturiert, wird,
angewandt auf einen empirischen Inhalt, zum Erkenntnismittel, das
allenfalls eine 'formelle' Betrachtungsweise zuläßt, und durch
das inhaltliche Bestimmungen nur als Abstraktionen zur Geltung
kommen. Die Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse durch
die Anwendung der Logik besteht darin, daß Hegel die spekulative
Reflexion des logischen Verhältnisses von Wesen und Erscheinung
auf die Empirie der bürgerlichen Gesellschaft überträgt. Daher
bestimmt Marx die Orientierung seiner Kritik der Rechtsphilo-
sophie folgendermaßen: weil die Rechtsphilosophie eine Ver-
wirklichung des abstrakten Inhalts der Logik versucht, weil Hegel
die bürgerliche Gesellschaft nicht als materielles Repro-
duktionssystem, als gesellschaftliche Praxis versteht, sondern
als Realisationssphäre der absoluten Idee, erscheinen in der Phi-
losophie des Rechts der 'konkrete Inhalt', die 'wirklichen Be-
stimmungen' als 'formell':
"... d i e g a n z a b s t r a k t e F o r m b e s t i m-
m u n g e r s c h e i n t a l s d e r k o n k r e t e I n-
h a l t. Das Wesen der staatlichen Bestimmungen ist nicht, daß
sie staatliche Bestimmungen, sondern daß sie in ihrer abstrak-
testen Gestalt als logisch-metaphysische Bestimmungen betrachtet
werden können. Nicht die Rechtsphilosophie, sondern die Logik ist
das wahre Interesse. Nicht, daß das Denken sich in politischen
Bestimmungen verkörpert, sondern daß die vorhandenen politischen
Bestimmungen in abstrakte Gedanken verflüchtigt werden, ist die
philosophische Arbeit. N i c h t d i e L o g i k d e r
S a c h e, s o n d e r n d i e S a c h e d e r L o g i k
i s t d a s p h i l o s o p h i s c h e M o m e n t. Die
Logik dient nicht zum Beweis des Staates, sondern der Staat dient
zum Beweis der Logik ... So ist die ganze Rechtsphilosophie nur
Parenthese zur Logik. Die Parenthese ist, wie sich von selbst
versteht, nur hors d'oeuvre der eigentlichen Entwicklung" 49).
Marx unterscheidet hauptsächlich drei Aspekte, denen zufolge He-
gels Logik zum Prinzip der nur 'formellen', abstrakten und
'mystifizierenden' Theorie der bürgerlichen Gesellschaft wird.
Ihr Zusammenwirken führt zum Resultat der ideologischen
'V e r k e h r u n g' der wirklichen Verhältnisse, zur Enthisto-
risierung der geschichtlichen Bedingungen des bürgerlichen Repro-
duktionssystems.
- Indem Hegel m e t h o d i s c h 'den abstrakt logischen Aus-
druck der konkreten Bestimmungen zum Ausgangspunkt' erklärt, wer-
den die 'realen Subjekte' und 'empirischen Verhältnisse' zum Trä-
ger nicht der wirklichen Verhältnisse, sondern zu Daseinsformen
der logischen Idee. Durch logische Reflexion der Wirklichkeit
findet demnach eine Subjekt-Prädikat-Vertauschung statt. Die Exi-
stenzbestimmungen der empirischen Subjekte werden zu abstrakten
Prädikaten der logischen Idee 50).
- H i s t o r i s c h wird mit den Gesetzen der Logik der bür-
gerlichen Gesellschaft ein ihr fremdes Entwicklungsprinzip unter-
stellt: 'Die gewöhnliche Empirie hat nicht ihren eigenen Geist,
sondern einen fremden Geist zum Gesetz, wogegen die wirkliche
Idee nicht eine aus ihr selbst entwickelte Wirklichkeit, sondern
die gewöhnliche Empirie zum Dasein hat' 51).
- S o z i o l o g i s c h gesehen zeigt Marx, wie infolge der
Anwendung der Logik auf das Reproduktionssystem 'bürgerliche Ge-
sellschaft' durch Hegel, die politischen Formen der Organisatio-
nen gesellschaftlicher Praxis Erscheinungsformen darstellen, die
aus einer 'hinter dem Rücken' der gesellschaftlichen Individuen
vorgehenden Bewegung entspringen. Obwohl der Staat als die poli-
tische 'Allgemeinheit', die Organisationsform der materiellen In-
teressen und Bedürfnisse repräsentieren soll, tritt er nach Hegel
dem materiellen Lebensprozeß gegensätzlich gegenüber, als
'sachliche Notwendigkeit', die nicht von der Gesellschaft be-
herrscht wird, sondern die sie beherrscht. Die gesellschaftlichen
Beziehungen der Menschen erscheinen ihnen als äußerliche und
fremde und das 'wirkliche Verhältnis wird von der Spekulation als
Erscheinung, als Phänomen ausgesprochen' 52).
Das als konkret und vernünftig behauptete Allgemeine des bürger-
lichen Staates kann Hegel nicht als Prinzip der Entwicklung des
wirklichen, d.i. praktischen 'Wesens' der gesellschaftlichen In-
dividuen fassen. Dieses 'erscheint daher überall als ein bestimm-
tes, besonders, wie das Einzelne nirgends zu seiner wahren Allge-
meinheit kommt' 53). Mystifizierend geht also Hegel dann vor,
wenn er die Institution 'Familie', die bürgerliche Gesellschaft
als das 'System der Bedürfnisse', in der Vermittlung mit dem
übergreifenden politischen System, dem bürgerlichen Staat dar-
stellt. Marx sieht, daß dieser Vermittlungsversuch scheitern muß
oder nur zum Schein stattfindet. Hegel abstrahiert von vorneher-
ein von den wirklichen Bestimmungen der Familie, der Gesellschaft
und des Staatsapparates. Was angeblich vermittelt sein soll, ist
in mystifizierender Verkehrung abstrakt aufeinander bezogen. Die
wirklichen Verhältnisse werden buchstäblich auf den Kopf ge-
stellt. Die Beziehung der Subjekte zueinander, der Familien, der
Gesellschaft und des Staates erscheinen als Ergebnis der Bewegung
der logischen Idee, des absoluten Geistes, als Verwirklichung des
Logisch-Vernünftigen: 'Die Idee wird versubjektiviert und das
wirkliche Verhältnis von Familie und bürgerlicher Gesellschaft
zum Staat wird als ihre imaginäre Tätigkeit gefaßt' (54). Die
bürgerliche Gesellschaft, die Sphäre der objektiven gesellschaft-
lichen Praxis der Individuen, dieses Verhältnis der 'eigentlich
Tätigen' zum Staat wird durch Hegel 'in der Spekulation umge-
kehrt'. Das wirkliche Subjekt, die Gesellschaft erscheint in der
Hegel'schen Theorie als Prädikat der subjektivierten Idee; die
Entwicklungsrichtung gesellschaftlicher Praxis und konkreter Ar-
beit wird idealistisch umgekehrt und in der abstrakten Allgemein-
heit des Staates aufgehoben: 'Weil aber von der Idee oder der
Substanz als dem Subjekt, dem wirklichen Wesen ausgegangen wird,
so erscheint das wirkliche Wesen nur als letztes Prädikat des ab-
strakten Prädikats' oder: 'das Produzierende wird als das Produkt
seines Produkts gesetzt' 55).
Ebenso wie die gesellschaftliche Praxis, die Struktur konkreter
Arbeit aufgehoben wird, so entwickelt Hegel die Gesetzmäßigkeit,
nach der das bürgerliche Reproduktionssystem sich entwickelt,
nicht historisch. Die Institutionen und Organisationsformen der
Reproduktion und der gesellschaftlichen Praxis werden im Gegen-
teil aus dem geschlossenen System eines mit sich fertig gewor-
denen Denkens abgeleitet: Aus einer 'Totalität von Abstraktionen
oder (der) sich erfassenden Abstraktionen' 56). Hegel unternimmt
daher die wissenschaftliche Durchdringung empirischer Verhält-
nisse von einem dafür ungeeigneten Standpunkt, den Marx als für
die bürgerliche Ökonomie charakteristisch festgestellt hat. Hi-
storische Erkenntnisse des Untersuchungsobjektes Gesellschaft
sind damit unmöglich. Vielmehr 'muß die Geschichte immer nach ei-
nem außerhalb der Geschichte liegenden Maßstab geschrieben wer-
den', wie es in der 'Deutschen Ideologie' bei Marx und Engels
heißt. Weil Hegel so vorgeht, steht er in direktem Gegensatz zur
Methode historischer Erkenntnis, der die materialistische Ge-
schichtsauffassung folgt. In diesem Gegensatz befangen, geriet
Hegel folgerichtig 'auf die Illusion das Reale als Resultat des
sich in sich zusammenfassenden in sich vertiefenden, aus sich
selbst bewegenden Denkens zu fassen, während doch die Methode des
Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten nur die Art für das Den-
ken ist, sich das Konkrete anzueignen, es als ein geistig Konkre-
tes zu reproduzieren, keineswegs aber der Entstehungsprozeß des
Konkreten selbst' 57).
Der Entstehungsprozeß, das Historische des zu untersuchenden und
darzustellenden Objekts wird bei Hegel also identifiziert mit der
Logik der wissenschaftlichen Bearbeitung des Erkenntnisobjekts.
Die materialistische Unterscheidung von Logik und Geschichte,
derzufolge auch die allgemeinen Formen oder die Formen der Allge-
meinheit des Staats als Ergebnis der gesellschaftlichen Organisa-
tion oder Verarbeitung realer Interessen und Bedürfnisse darge-
stellt werden können - als Formen der Organisation des gesell-
schaftlichen Entwicklungsprozesses, können vom
'entgegengesetzten' Standpunkt der Hegel'schen Spekulation nicht
in ihrer eigenen vom Denken unabhängigen Bedeutung erkannt wer-
den.
So wird in 'besondere' Realisationsweise der Idee verwandelt, was
zunächst einmal als in Entwicklung begriffene Form gesellschaft-
licher Praxis der Menschen zu betrachten wäre. Die verschiedenen
Bestimmungen des Staates, die politische Verfassung, das Prinzip
der Gewaltenteilung, werden als unmittelbare Verkörperungen der
Bestimmtheiten der logischen Idee oder der absoluten Form gefaßt.
D e r Z u s a m m e n h a n g d i e s e r F o r m e n
e r s c h e i n t u n t e r d e m F o r m p r i n z i p d e r
a b s o l u t e n I d e e a l s 'o r g a n i s c h'. Der re-
elle Organismus, die materielle Einheit des zusammengehörigen der
verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Sphären wird
aufgelöst oder erhält nur zum Schein wirkliche Existenz:
"Die Idee wird zum Subjekt gemacht, die Unterschiede und deren
Wirklichkeit als ihre E n t w i c k l u n g, ihr Resultat ge-
faßt, während umgekehrt aus den wirklichen Unterschieden die Idee
entwickelt werden muß. Das Organische ist gerade die Idee der Un-
terschiede, ihre ideelle Bestimmung. Es wird hier aber von der
Idee als einem Subjekt gesprochen, die sich zu i h r e n Unter-
schieden entwickelt. Außer dieser U m k e h r u n g von Subjekt
und Prädikat wird der S c h e i n hervorgebracht, als sei hier
von einer anderen Idee als dem Organismus die Rede. Es wird von
der abstrakten Idee ausgegangen, deren Entwicklung im Staat poli-
tische Verfassung ist. Es h a n d e l t a l s o n i c h t
v o n d e r p o l i t i s c h e n I d e e, s o n d e r n
v o n d e r a b s t r a k t e n I d e e i m p o l i t i-
s c h e n E l e m e n t" 58).
Diese Marx'sche Kritik des idealistischen Subjektivismus zeigt,
daß Hegels mystifizierendes Abbild oder die verkehrte Widerspie-
gelung empirischer gesellschaftlicher Verhältnisse eine das Ver-
hältnis von bürgerlicher Gesellschaft und Staat t a t s ä c h-
l i c h auszeichnende Verkehrung zum Ausdruck bringt. Insofern
hat Marx es mit der fortgeschrittensten Interpretation der
Gesellschaftsformation: bürgerliche Gesellschaft zu tun. Denn in
der bei Hegel nur zum Schein vermittelten Trennung von bürger-
licher Gesellschaft und Staat kommt ein diese Gesellschafts-
formation beherrschender Widerspruch zum Ausdruck, - ein Wider-
spruch, der unter den historischen Voraussetzungen der bür-
gerlichen Gesellschaft selbst nicht praktisch zu lösen ist. Indem
Hegel 'das an und für sich Allgemeine des Staates dem besonderen
Interesse und dem Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft ge-
genüberstellt, stellt er überall den Konflikt der bürgerlichen
Gesellschaft und des Staates dar' 59). Der Mystizismus der He-
gel'schen Philosophie spiegelt demnach den Ausdruck dieses Wider-
spruchs, seine Erscheinungsweise wider und verbirgt zugleich die
materiellen Bedingungen seiner historischen Genesis. Daher ist es
für Marx ein 'Hauptfehler' der Rechtsphilosophie Hegels, 'daß er
den Widerspruch der Erscheinung (d.h. wie er auf der 'Oberfläche'
der bürgerlichen Gesellschaft sich auswirkt, d. Verf.) als Ein-
heit im Wesen, in der Idee faßt, während er allerdings ein Tie-
feres zu seinem Wesen hat, nämlich einen wesentlichen Widerspruch
... der bürgerlichen Gesellschaft mit sich selbst' 60).
Dialektik von Praxis und Erkenntnis
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Die soziale Praxis der Menschen - gesellschaftliche Arbeit - und
die Organisationsformen dieser Praxis werden von Hegel nicht als
konkrete Existenzbedingungen begriffen. Vielmehr erscheint das,
was Marx als Verwirklichungsformen des 'wahren Wesens' der ge-
sellschaftlichen Individuen kennzeichnet, als die dem metaphysi-
schen Wesen der Logik zugehörigen Qualitäten. Die Formen konkre-
ter Organisation und der Institutionalisierung gesellschaftlicher
Lebenspraxis gelten nurmehr als 'formelle' Bestimmungen der
Selbstverwirklichungsprozedur der absoluten Idee. In Anwendung
der logischen Gesetzmäßigkeiten, unter deren Prinzip sich die or-
ganisatorische Einheit des Systems - im Sinne von Engels' Bemer-
kung - herstellt, wird die formelle Allgemeinheit der bürgerli-
chen Gesellschaft als Staat konstruiert. Daher ist Hegels Ver-
such; den Konflikt der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates
darzustellen(gleichermaßen rational und ideologisch: Rational,
weil er ihn in fortgeschrittenster Weise zum Ausdruck bringt,
ideologisch, weil er glaubt, in diesem Gegensatz den dem bürger-
lichen System zugrundeliegenden Widerspruch begreifen und lösen
zu können. Für Marx kann es die Aufgabe der Wissenschaft nur
sein, Widersprüche nicht nur als 'bestehende' darzustellen und
damit zu sanktionieren. Es gilt vielmehr die dem Idealismus He-
gels entgegengesetzte wissenschaftliche Methode zu entwickeln,
die ein historisch-genetisches Begreifen gesellschaftlicher Wi-
dersprüche ermöglicht. Es geht nicht darum, 'die Bestimmungen des
logischen Begriffs überall wiederzuerkennen', die historisch-ma-
terialistische Methode macht es sich vielmehr zur Aufgabe,
'd i e e i g e n t ü m l i c h e L o g i k d e s e i g e n-
t ü m l i c h e n G e g e n s t a n d e s z u f a s s e n'
61).
Wie überhaupt das Kriterium 'Praxis' die letztlich in der Ausein-
andersetzung der marxistisch-leninistischen und der bürgerlichen
Ideologie entscheidende Kategorie ist 62), so ist auch vermittels
des Praxiskriteriums der Standpunkt der 'Entgegensetzung', den
Marx gegenüber Hegel einnimmt, bestimmbar. Weil Marx den Stand-
punkt gesellschaftlicher Praxis im Darstellungs- und Forschungs-
prozeß des 'Kapital' einnimmt, vermag er, aus der Hegelschen Lo-
gik 'den Kern herauszuschälen, der Hegels wirkliche Entdeckung
auf diesem Gebiet umfaßt und die dialektische Methode, entkleidet
von ihrer idealistischen Umhüllung, in der einfachen Gestalt her-
zustellen, in der sie die allein richtige Form der Gedankenent-
wicklung wird' 63).
Als 'Praxis' ist der Standpunkt des historischen Materialismus
insofern bestimmt, weil vom organisatorischen Zusammenhang ge-
sellschaftlicher Arbeit in bezug auf kollektiv und historisch
vermittelte Erkenntnis- oder Widerspiegelungsprozesse ausgegangen
wird. Die Resultate dieser Prozesse gehen dann in die wissen-
schaftliche Bearbeitung und die tätige Organisation gesellschaft-
licher Praxis ein und sind daher in ihrer relativen Unabhängig-
keit und relativen Determination zu charakterisieren. Wenn man
davon ausgeht, daß es sich in der klassischen Philosophie um
Theorien des Bewußtseins handelt, die objektive Strukturen und
Sachverhalte abbilden oder widerspiegeln - das begründet ihre vom
Marxismus anerkannte und weiterentwickelte 'Rationalität' - so
wird in diesen Theorien jedoch n i c h t ausgesprochen, daß die
Denkbestimmungen, Vorstellungen, Abbilder etc. in d e n Bezie-
hungen und Verhältnissen, in denen sie als Naturformen und objek-
tive Gedankenformen erscheinen und dem Bewußtsein vorgegeben
sind, eine objektive materielle Gesetzmäßigkeit oder Regelhaftig-
keit besitzen. Diese Gesetzmäßigkeit ist objektiv und nicht von
Akten des Bewußtseins produziert. Sie wird im Widerspiegelungs-
vorgang lediglich reproduziert. Der Nachweis der Gültigkeit sol-
cher Regeln und Gesetze, die objektive Verhältnisse ausdrücken,
findet also nicht mittels einer formalen oder dialektischen Er-
kenntnistheorie im Sinne Kants und Hegels statt. Er findet seine
Bestätigung vielmehr nur durch die gesellschaftliche Praxis, die
also auch die erkenntnismäßige Verarbeitung erkannter Gesetze re-
guliert. M.a.W.: Prozesse der Widerspiegelung, die sich alltäg-
lich, d.h. erfahrungsgemäß abspielen oder wissenschaftlich syste-
matisiert werden, sind letztlich durch 'konkrete Arbeit' vermit-
telt, deren organisatorischer Zusammenhang gesellschaftliche Pra-
xis ist. Diese Abhängigkeit konnte Hegel deshalb nicht erkennen,
weil er, wie Marx feststellte, die Arbeit zwar 'als das Wesen,
als das sich bewährende Wesen des Menschen' faßte aber nur in ih-
rer positiven', d.h. Arbeit und Erkenntnis identifizierenden Be-
deutung: 'die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt,
ist die abstrakt geistige' 64).
Wie Marx im 'Kapital' darlegt, ist der theoretische und alltägli-
che Vorgang der Abbildung, der Reproduktion, der Widerspiegelung
realer Strukturen und objektiver Gesetzmäßigkeiten Reproduktion
oder Widerspiegelung des Prozesses einer realen, gesellschaftlich
bedingten, unter der 'Herrschaft' des Kapitalverhältnisses
n o t w e n d i g e n 'V e r k e h r u n g'.
Dieser Prozeß der Verkehrung bildet denjenigen reellen Erfah-
rungs- und Handlungszusammenhang, der sich in den Köpfen der in
ihm agierenden Subjekte widerspiegelt. Die aus dieser Reproduk-
tion verkehrter Verhältnisse hervorgehende Sicht der gesell-
schaftlichen Verhältnisse im praktischen Bewußtsein der Menschen
analysiert Marx vermittels der Bestimmungen der 'irrationellen
Formen', die eine erweiterte Konzeption der Kritik des Warenfe-
tischs darstellt:
"Die Vermittlungen der irrationellen Formen, worin bestimmte öko-
nomische Verhältnisse erscheinen und sich praktisch zusammenfas-
sen, gehn die praktischen Träger dieser Verhältnisse in ihrem
Handel und Wandel jedoch nichts an; und da sie gewohnt sind, sich
darin zu bewegen, findet ihr Verstand nicht im geringsten Anstoß
daran. Ein vollkommener Widerspruch hat durchaus nichts Geheim-
nisvolles für sie. In den dem innern Zusammenhang entfremdeten
und, für sich isoliert genommen, abgeschmackten Erscheinungsfor-
men fühlen sie sich ebenfalls so zu Haus, wie ein Fisch im Was-
ser. Es gilt hier, was Hegel mit Bezug auf gewisse mathematische
Formeln sagt, daß, was der gemeine Menschenverstand irrationell
findet, das Rationelle, und sein Rationelles die Irrationalität
selbst ist." 65).
Partiell wird, wie auch der Fetischismus der Ware, dieses Ver-
hältnis von Rationalität und Irrationalität in Hegels Begriff der
logischen Form, wo die rationale Methode vom spekulativen Inter-
esse beherrscht wird, reproduziert. Bereits in der Analyse des
Warenfetischs unterwirft Marx dieses verkehrte Verhältnis von Ra-
tionalität und Irrationalität materialistischer Kritik. Dabei
geht die Kritik des Warenfetischs von der materialistischen Kon-
zeption methodischer Erforschung gesellschaftlicher Entwicklungs-
formen aus.
So bringt die Enthüllung der 'Verkehrung' der Warenform in eine
Naturform zum Ausdruck daß sich in dieser Verkehrung ein Verhält-
nis zwischen Menschen - also ein gesellschaftliches Verhältnis -
in ein Verhältnis zwischen Dingen, 'ein sachliches Verhältnis'
manifestiert 66). Weil Marx diese Verkehrung aufdeckt, ist das
für die bürgerliche Gesellschaftsformation grundlegende Verhält-
nis - einschließlich der kapitalistischen Form der Gesetzmäßig-
keit, die es verursacht, aufgedeckt. Davon sind dann sowohl wis-
senschaftliche und ideologische Bewußtseinsformen, die innerhalb
dieses Verhältnisses (in der Sphäre der 'Zirkulation') auftreten,
determiniert. Die materialistische Widerspiegelungstheorie erfaßt
diesen Prozeß der Determiniation des Bewußtseins. Die materiali-
stische Analyse der Bewußtseinsprozesse, der in Systemen abstrak-
ter Arbeit determinierten Prozesse basiert auf der Anwendung des
Gesetzes der Widerspiegelung, denn das Bewußtsein der Menschen
spiegelt ein verkehrtes Verhältnis verkehrt wider. Weil die ver-
kehrten gesellschaftlichen Verhältnisse, der empirische soziale
Lebenszusammenhang dem Bewußtsein gegenüber primär ist (so, wie
die Materie dem Bewußtsein gegenüber primär ist) spiegelt das Be-
wußtsein als Produkt dieser gesellschaftlichen Verhältnisse diese
wider. Marx zeigt, daß der gesellschaftliche Zusammenhang, der
Prozeß der Herausbildung von F o r m e n (i.E. Institutionen,
Rechts- und politischen Verhältnissen) und den 'Verkehrsformen'
(Deutsche Ideologie) der gesellschaftlichen Individuen nicht von
den Wünschen, Zielsetzungen, dem Willen der Menschen abhängt. Der
historisch-genetische Entstehungsprozeß ist diesen vielmehr ver-
borgen, ein, wie bei Hegel, 'hinter dem Rücken' der Individuen
vorhergehender Prozeß. Daher erscheint dieser Zusammenhang, das
'gesellschaftliche Band', den Menschen als ein naturwüchsiges Sy-
stem, das sich wie nach Naturgesetzen regelt.
Die marxistische Feststellung, daß in der Geschichte, im Entwick-
lungsprozeß der Gesellschaftsformationen, ein objektiver
'innerer' Zusammenhang wirksam wird, den es als gesellschaftliche
Gesetzmäßigkeit dieser Entwicklung zu erforschen und organisato-
risch praktisch zu beherrschen gilt, diese Marx'sche Feststellung
ist eine Entdeckung, die erst auf dem Boden der kapitalistischen
Gesellschaftsformation historisch möglich und wissenschaftlich
begründbar ist als Resultat der Methode historischer Erkenntnis.
Erst auf dem Boden der entwickelten Formen der Organisation kapi-
talistischer Produktion treten Entwicklungsmöglichkeiten und Ent-
wicklungsmöglichkeiten der Geschichte in einer Kombination auf,
unter deren Perspektive die gesellschaftliche Kontrolle objekti-
ver Gesetze in Rücksicht auf ihre Notwendigkeit, d.h. entspre-
chend der objektiven Möglichkeit des Sozialismus steuerbar bzw.
Gesetzmäßigkeit anwendbar wird 67).
Das wissenschaftliche Praxiskriterium ist mithin für den histori-
schen Materialismus nicht von seiner gesellschaftlichen und poli-
tischen Relevanz zu trennen. In diesem Sinne ist 'Praxis' dieje-
nige Kategorie des historischen Materialismus, unter deren Be-
rücksichtigung und in deren Interesse die materialistische Theo-
rie der Widerspieglung und der historischen Gesetzmäßigkeiten
ihre Bedeutung erweist.
Eine weitere Differenzierung des Kriteriums 'Praxis' in der mar-
xistisch-leninistischen Philosophie ergibt sich in Ansehung fol-
gender Positionen:
- Unter erkenntnistheoretischer Akzentuierung bestimmt G.M. Tripp
das Kriterium Praxis folgendermaßen:
"Was sich in der Durchsetzung und Umsetzung von Theorie in Praxis
erst häufig auf vielfältig vermittelte Weise vollzieht, setzt
sich im unmittelbaren, alltäglichen Handlungsvollzug auf relativ
direkte Weise um: Praxis resp. Erfahrung erweist sich als bestän-
dig reproduzierendes Kriterium des Denkens und damit folglich
auch seiner Antizipationen ... Dem historisch bedingten, d.h. nie
abgeschlossenen Erkenntnisprozeß, der sich in den approximativen
und asymptotischen Prozessen der Widerspiegelung, genauer gesagt
im g a n z e n W i d e r s p i e g e l u n g s c h a r a k-
t e r zum Ausdruck bringt, entspricht, und dies ist eine Be-
dingung der Widerspiegelung - auf der objektiven Seite der
Unendlichkeitscharakter der begrifflich gefaßten Materie" 68).
- Holzkamp betont in erster Linie die historische Dimension des
Praxiskriteriums:
"Ob das Mögliche im gesellschaftlichen 'Notwendigen' verwirklicht
wird, das hängt ab von d e r g e s e l l s c h a f t l i-
c h e n P r a x i s d e r M e n s c h e n, einer Praxis, die
sich nicht 'automatisch' aus den objektiven gesellschaftlichen
Bedingungen ergibt, sondern bei Voraussetzung der sie ermögli-
chenden objektiven Bedingungen dennoch als Lebenstätigkeit
bewußter, sich zur Welt und sich selbst 'verhaltender' mensch-
licher Subjekte spezifischen Determinationen unterliegt, die zwar
auch strenge Gesetzmäßigkeiten repräsentieren, wobei diese
Gesetzmäßigkeiten aber nicht der mechanischen Hervorbringung aus
den gesellschaftlichen Bedingungen sind" 69).
- Unter dem Aspekt der Wissenschaftsentwicklung analysiert
schließlich H. Ley die Relevanz des Praxiskriteriums für die Wi-
derspiegelungstheorie:
"Vom Gesetz theoretischer und empirischer Art als ruhigen Abbil-
dern der Erscheinungen einschließlich dialektischer und revolu-
tionärer Entwicklung zur konkreten Anwendung zu gelangen, erfor-
dert stets entsprechende Vermittlungsschritte. Sie gelten sowohl
für die Auseinandersetzung der Klassen, wie außerdem für das Aus-
nutzen der Gesetze bei der Entwicklung der Produktivkräfte und
das Ausnutzen der Wissenschaften als unmittelbarer Produktiv-
kraft" 70).
'Theoretische Praxis' als Ideologie
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In Opposition zum Marxismus-Leninismus versucht N. Luhmann einen
wissenschaftlichen Praxisbegriff zu begründen, in dem er die Aus-
einandersetzung mit der Problematik historischer Gesetze und ge-
sellschaftlicher Organisationsformen, wie sie im historischen Ma-
terialismus entwickelt ist, vermeidet. Nichtsdestoweniger erhebt
Luhmann den Anspruch, als 'Theorie sozialer Systeme' eine objek-
tive wissenschaftliche Theorie der gegenwärtigen kapitalistischen
Gesellschaftsformation zu entwerfen. Diese Konzeption stellt da-
mit eine ideologische Herausforderung dar, die wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit ihr notwendig macht. 'Theoretische Praxis'
als systemwissenschaftliche Forschungsperspektive führt Luhmann
im Zusammenhang seiner krisentheoretischen Hypothese, einer durch
'Komplexität' der 'Umwelt' in ihrem 'Bestand' gefährdeten Gesell-
schaft ein:
"Ohne Zweifel ist (die) Bedingung übermäßig hoher und doch struk-
turierter Komplexität bei zahlreichen sozialen Systemen gegeben -
sicher zum Beispiel bei der Gesellschaft im ganzen und bei ihren
wichtigsten Teilsystemen, wie wirtschaftspolitischem System oder
Wissenschaft. Vor solchen Systemen versagen die zur Zeit verfüg-
baren Denkmittel ... Die jetzt zu stellende Aufgabe führt die
Praxis der Theorie an eine Schwelle, an der sie das Problem der
Komplexität in neue Weise als ihr eigenes stellen und das heißt:
sich als Praxis begreifen muß" 71).
Anspruch der 'theoretischen Praxis', die Luhmann seiner Theorie
sozialer Systeme zugrundelegt, ist es eine wissenschaftliche
Sichtweise, eine 'soziologische Optik' zu entwerfen, die ange-
sichts der als komplex, d.h. krisenhaft gedeuteten gegenwärtigen
kapitalistischen Gesellschaftsformation gleichermaßen objektiv,
wertneutral und klassenindifferent zu sein beansprucht. Das
Selbstbegründungsprogramm theoretischer Praxis ist dabei mit ei-
ner definitiv antimarxistischen Zielsetzung verbunden: Die Theo-
rie sozialer Systeme will auf einer 'durchweg ... höheren Ab-
straktionslage als die Marx'sche Evolutionstheorie' operierend,
dem Marxismus wissenschaftlich den Boden entziehen 72). Diese
Zielsetzung hat Folgen ideologischer Art für das Selbstbegrün-
dungsinteresse der bürgerlichen Systemwissenschaft. Trotz der
Frontstellung gegen den historischen Materialismus entledigt sich
Luhmann der wissenschaftlichen Kritik so, als wäre die wissen-
schaftliche Auseinandersetzung bereits das Eingeständnis eigener
Schwäche. Lenin hat diese Art Auseinandersetzung bereits als cha-
rakteristisch für alle Spielarten der theoretisch-ideologischen
Auseinandersetzung mit dem Marxismus analysiert 73). Luhmann
möchte durch Abstraktion eine Ebene der Begriffs- und Theoriebil-
dung gewinnen, die von dem, was er die bei Marx 'hypostasierte
Einheit des Konkreten ... begriffen als Selbstabstraktion des
Wirklichen in seiner Totalität' nennt, nicht zu erreichen ist
74). Andererseits soll die Vorstellung einer unüberbietbaren Ab-
straktionsebene, auf der die Systemtheorie operiert, ein eindeu-
tiges, für die gesellschaftliche Praxis relevantes Konzept be-
gründen, das 'auf die eminent praktische Frage' Antwort gibt,
'wie es möglich ist, in einer veränderlichen, nicht zu
beherrschenden Umwelt, bestimmte Systemstrukturen invariant zu
halten' 75).
Die systemwissenschaftlichen Kategorien der 'Abstraktion' und der
'Generalisierung' sollen Universalität und damit transhistori-
sche, klassenindifferente Geltung der Systemtheorie verbürgen.
Wie bei Hegel durch logische Abstraktion, wird bei Luhmann durch
systemtheoretische Abstraktion die Theorie zum Schein unabhängig
von den sie determinierenden materiellen Faktoren. 'Generali-
sierung' nennt Luhmann das methodische Vorgehen, mittels dessen
dann das System von Abstraktionen vereinheitlicht und auf
gesellschaftliche Praxis zugeschnitten werden soll. Vorausgesetzt
wird eine Identität von Wissenschaft und Gesellschaft, Theorie
und Praxis nach Maßgabe des der Wissenschaft und der Gesellschaft
als dem gemeinsamen und ihnen wesentlichen Problems: der unermeß-
lichen Komplexität, die im Verhältnis der Systeme zu ihrer inne-
ren und äußeren Umwelt auftritt, deren notwendige Reduktion der
Theorie und Praxis in gegenwärtigen Gesellschaften die Richtung
weist:
"Mein Vorschlag ist, das Problem der Komplexität selbst als letz-
ten Bezugspunkt funktionaler Analysen zu wählen, alle Systeme als
Erfassung und Reduktion von Komplexität zu begreifen und in die-
ser äußerst abstrakten Perspektive als vergleichbar und auswech-
selbar anzusetzen. Die Einheit einer solchen Systemtheorie beruht
dann auf der Einheit des in allen Systemen vorausgesetzten Grund-
problems, und ihre Aktualität auf der Annahme, daß mit dieser
Problemstellung unsere Gesellschaft adäquat interpretiert werden
kann" 76).
Wenn verklausuliert, in der spezifischen Sprache Luhmanns verbor-
gen, ist der eindeutig krisentheoretische Bezugspunkt theoreti-
scher Praxis im Sinne dieses Konzepts. Unbeherrschbare objektive
gesellschaftliche Widersprüche fordern die Systemtheorie zu Reak-
tionsbildungen heraus, die sich in der Ausarbeitung von Entschei-
dungsregeln für die praktische Politik und Verwaltung, als Steue-
rungsprämissen für marktgerechtes Verhalten im Bereich der Wirt-
schaft, de facto und antizipatorisch bewähren sollen. Unter dem
globalen Aspekt der 'Bestandskrisen' von Systemen gegenüber und
in einer bestandsgefährdenden Bedrohlichen', überkomplexen, d.h.
chaotischen Umwelt, werden traditionelle bürgerliche Ordnungsvor-
stellungen, wie die politische Idee des 'Gemeinwohls' die libe-
rale Reformvorstellung einer 'Demokratisierung' aller gesell-
schaftlicher Bereiche, ebenso suspekt, wie die klassischen an der
Selbstregulierung des Marktgeschehens orientierten ökonomischen
Theorien oder die traditionellen Organisationstheorien der Ver-
waltung und der Politik. An neuere amerikanische Entwürfe zur Or-
ganisationssoziologie anknüpfend überprüft Luhmann die klassische
Konzeption gesellschaftlicher Organisation und Entwicklung auf
ihre krisentheoretische Leistungsfähigkeit und nimmt ihre
'radikale' Revision in Angriff. Die gesellschaftliche Systemkrise
wird also zugleich als Methodenkrise der Sozialwissenschaften
verstanden und behandelt. Auf der Ebene der abstrakten, so ver-
fahrenden theoretischen Praxis rückt Luhmann die Frage
'Problematik der Erhaltung eines Systems in einer 'schwierigen'
Umwelt in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses, das
damit zugleich in hohem Maße ein praktisches Interesse wird' 77).
Wie aber definiert Luhmann Praxis? Wie ist das Verhältnis sozial-
wissenschaftlicher Erkenntnis und Praxis bestimmt? Theorie und
Praxis, die Praxis und Theorie bewegen sich auf einer ununter-
scheidbaren Ebene der Abstraktion. Von einer Dialektik in diesem
Verhältnis - im Sinne etwa von Marx Bestimmung des Verhältnisses
Abstraktion - Konkretion kann keine Rede sein:
"Um heutigen Anforderungen einer unübersehbar komplexen Gesell-
schaft genügen zu können, muß Praxis durch ihre Probleme defi-
niert werden, nämlich durch das Problem der Steuerung durch Über-
lastung mit Komplexität und Wahlmöglichkeiten. Dann erst ist
sichtbar zu machen, wie sehr die Theorie der neuzeitlichen Wis-
senschaften als Praxis konzipiert ist und wie sehr das Problem
der Komplexität für wissenschaftliche Forschung und für anderes
soziales Handeln ein gemeinsames ist" 78).
Dieser 'problembezogene Praxisbegriff' oder 'wirklichkeitsadäqua-
te' Theoriebegriff kommt in Anwendung, wenn es darum geht,
einerseits den scheinbaren Krisenmechanismus 'thematisch' zu
erfassen, d.h. zu problematisieren und wenn es andererseits darum
geht, in Reaktion darauf Steuerungstechniken, Entscheidungshilfen
anzufertigen, die von der 'Praxis' im Interesse der ideologischen
Systemstabilisierung oder der Bestanderhaltung von Systemen der
Wissenschaft abgefordert werden. Werden innere Systemkrisen als
nach außen hin - im Verhältnis des Systems zu seiner Umwelt
fungibel, d.h. 'Komplexität' als reduzierbar erachtet, so gilt
der Prozeß der Reduktion zugleich als Konstitutionsprozeß von
Systemen, also ihrer inneren Struktur. Die Sicht der permanent
notwendigen Ausregulierung des Ungleichgewichts ist 'struktur-
kritisch' dann, wenn es darum geht, Störfaktoren, d.h. objektiv
gesellschaftliche Interessen, die sich unter das Schema
Komplpxitätsreduktion nicht einordnen lassen, unter 'Kontrolle'
zu bringen. Ideologien, die nicht der Ideologie der objektiven
Notwendigkeit der Bestandserhaltung zuzuordnen sind, sind in
vermeintlich wissenschaftlicher Auseinandersetzung als bestands-
gefährdend zu entlarven. Als wissenschaftlich anerkanntgilt nur,
was der Wirtschaft, der Rechtsprechung, der Politik, der
Wissenschaft Effizienz zu erzielen erlaubt, gemäß einer gut
kalkulierten Nutzen-Kosten-Rechnung zur Bewältigung des komplexen
Problems allgemeiner Kontrolle aller gesellschaftlichen Bereiche.
'Praxisnähe' in diesem Sinne ist oberstes Gebot sozialwissen-
schaftlicher Theorie: "Komplexität ist... dasjenige Problem, im
Hinblick auf welche soziologische Theorie sich als Praxis be-
greift... sich mit der Theorie eins weiß. Ihre eigenen Aussagen,
formuliert sie praktisch als Reduktionen ihrer Komplexität der
Gesellschaft" 79).
Die tautologische Struktur der Theorie-Praxis-Beziehung liegt auf
der Hand. Nichtsdestoweniger hat sie sich in doppelter Hinsicht
zu bewähren:
- H i s t o r i s c h beansprucht die Theorie sozialer Systeme
Theorie der gesamtgesellschaftlichen Evolution - von Systemen
überhaupt - zu sein. Ohne Rücksicht auf die Systemdifferenz etwa
zwischen sozialistischen und kapitalistischen Ländern wird ein
einheitliches konvergenztheoretisches Entwicklungsmodell entwor-
fen.
- O r g a n i s a t o r i s c h - also mehr in bezug auf die
innere Strukturiertheit von gesellschaftlichen Systemen bean-
sprucht sie Theorie der (formalen) Organisation aller gesell-
schaftlich relevanten Bereiche zu sein. Insofern werden in den
philosophischen Begründungen der Systemtheorie die organisations-
theoretisch relevanten Ergebnisse neuer Forschung in den Sektoren
Betriebswirtschaft, Verwaltungswirtschaft, Rechtssoziologie inte-
griert.
Das auf gesellschaftliche Evolution und gesellschaftliche Organi-
sationen zugespitzte Programm der Systemtheorie lautet:
In einer Gesellschaft von hoher Komplexität und rasch wechselnden
Änderungsbedürfnissen wird die laufende Korrektur strukturabhän-
gigen Problemerlebens und das rechtzeitige Erkennen evolutionärer
Chancen eine Bedingung weiterer Entwicklung, deren Realisierung
nicht mehr dem 'zufälligen' Zusammentreffen geeigneter Faktoren
überlassen werden kann, sondern Arbeit und Organisation voraus-
setzt" 80).
'Sinn' als 'Form' sozialer Evolution
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Am Beispiel der kapitalistischen Konkurrenz, also der Art und
Weise, wie sich die dem Kapitalismus eigentümliche Bewegung an
der 'Oberfläche' der Gesellschaft oder auf der Ebene der
'Erscheinung' zeigt, erläutert Marx sein Vorgehen, wenn es um die
Funktionsweise des Reproduktionssystems - der Oberfläche der bür-
gerlichen Gesellschaft unter den Gesetzen der Konkurrenz - be-
trachtet - im Verhältnis zu den 'allgemeinen und notwendigen Ten-
denzen' des Kapitals geht:
"Die allgemeinen und notwendigen Tendenzen des Kapitals sind zu
unterscheiden von ihren Erscheinungsformen. Die Art und Weise wie
die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion in der äu-
ßeren Bewegung der Kapitale erscheinen, sich als Zwangsgesetze
der Konkurrenz geltend machen und daher als treibende Motive dem
individuellen Kapitalisten zum Bewußtsein kommen, ist ... (bei
der Analyse des Wesens der kapitalistischen Gesellschaft, d.
Verf.) nicht zu betrachten. Aber soviel erhellt von vorneherein:
wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz ist nur möglich, sobald
die innere Natur des Kapitals begriffen ist" 81).
Wenn die äußeren auf der Erscheinungsebene vorfindlichen Verhält-
nisse der Gesellschaft gewissermaßen chaotisch und doch zwangsge-
setzlich reguliert erscheinen, gibt es keine Möglichkeit, diese
komplexen Verhältnisse ohne Analyse der ihnen zugrundliegenden
materialen Ursachen wissenschaftlich zu erforschen. Daher muß al-
lerdings die Vorstellung einer zwangsläufigen, nicht begrifflich
zu fassenden Regulierung dieser Verhältnisse ebenso aufgegeben
werden, wie die einer totalen Gesetzlosigkeit, die erst vermit-
tels wissenschaftlicher Konstruktionen - also idealistisch - zu
beheben wäre, Beiden methodischen Verfahrensregeln widerspricht
jedoch Luhmann. Im Blick auf Marx zieht er die Schlußfolgerung:
"Das Evolutionsproblem bei Sinnsystemen (besteht) nicht in Verän-
derung der 'Reproduktion des Lebens'... also in einer Reproduk-
tion der 'Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse', sondern
in Veränderung der Reproduktion vom Komplexität' " 82).
Damit ist das evolutionstheoretische Programm der Entwicklung von
sozialen Systemen abgeschnitten von der Möglichkeit, diese Evolu-
tion aus objektiven Entwicklungsgesetzmäßigkeiten abzuleiten. Es
erweist sich vielmehr als der Versuch, theoretische Praxis auch
als Evolution von Gesellschaften zu begründen und damit eine ma-
teriale Entwicklungstheorie zu suspendieren. Evolution ist nun-
mehr die zirkelhafte Bewegung der Reproduktion von Komplexität:
"Evolution sozialer Systeme wird an der Veränderung gemessen, die
in bezug auf die Reproduktion von Komplexität auftreten" 83). In
welcher Weise aber kann von Veränderung die Rede sein, wenn die
materielle Dimension des zu verändernden, die natürliche histori-
sche und gesellschaftliche Umwelt von Systemen auf die Abstrak-
tion Komplexität reduziert wird? Warum erscheint theoretischer
Praxis einzig die Aufgabe angemessen, Bewegung als Problemvorgabe
und Problemlösung anzuerkennen? Luhmann behauptet: Weil Marx die
Gesetze der kapitalistischen Produktion und das System der bür-
gerlichen Reproduktion 'aus der zu konkreten Optik des Übergangs
heraus vollständig und falsch interpretiert' 84) habe, sei der
historische Materialismus insgesamt in drei wesentlichen Dimen-
sionen angreifbar und apriori durch das System 'hoher generali-
sierter Abstraktionen' widerlegt: Den Primat der Produktion als
'Substitut' für das Ganze zu erklären, werde dem Problem komple-
xer Gesellschaften nicht gerecht, (wo hat Marx diese Behauptung
aufgestellt?) - 'Eigentumsverhältnisse als Klassenmerkmal zu de-
finieren' gilt Luhmann nur als 'annähernd zutreffend' (wo und in
welcher Weise hat Marx seine Klassentheorie ausschließlich auf
Eigentumsverhältnisse gegründet?) und schließlich: gesellschaft-
liche Evolution in den Begriffen einer 'historisch-dialektischen
Gesetzmäßigkeit' zu fassen, werde dem überzuordnenden wissen-
schaftlichen Problem, die Entwicklungsrichtung einer einheitli-
chen 'Weltgesellschaft' zu bestimmen, nicht gerecht. (Wo hat Marx
geltend machen wollen, daß er mehr darzustellen und zu erforschen
beabsichtigt als die kapitalistische Gesellschaftsformation?) Aus
diesen Vorwürfen - die zugleich zur Selbstlegitimation der sy-
stemtheoretischen Evolutionstheorie dienen, folgert Luhmann, daß
Marx nurmehr bewirkt habe, die bürgerliche Gesellschaft 'in ein
kapitalistisches und sozialistisches Lager', d.h. 'ideologisch
und politisch zu spalten'. Weil dem so sei, ist für Luhmann unter
dem konvergenztheoretischen Aspekt der gegenwärtigen 'modernen
Weltgesellschaft' mit den Mitteln des historischen Materialismus
nicht 'mehr' adäquat zu arbeiten 85).
Der Ansatz des Konzepts einer Theorie der Evolution 'moderner'
Gesellschaften gründet - erklärtermaßen - in einer eigentümlichen
Verschränkung von Idealismus und Subjektivismus: Der Begriff der
'Reflexion' wird von Luhmann aus der idealistischen Philosophie
in die Sozialwissenschaft übertragen und zur Bewegungsform einer
soziologischen Entwicklungstheorie erklärt. Andererseits bean-
sprucht Luhmann mit diesem Ansatz den im (neuzeitlichen) Subjekt-
begriff bereits erreichten Abstraktionsgewinn festzuhalten ...
und (zu) generalisieren'. Abzusehen sei dabei vom empirischen Be-
griff des Subjektes, vielmehr komme nur die 'G e n e r a l i-
s i e r u n g s e i n e r F o r m' in Betracht 86).
Mit dieser Abstraktion vom empirischen Subjekt fällt Luhmann auf
die freilich neukantianisch gebrochene Konzeption der absoluten
Form Hegels zurück. Ebenso übernimmt bei Luhmann die soziologi-
sche Entwicklungstheorie eine Funktion, die Marx als die mystifi-
zierende Funktion der Hegel'schen Logik in der Analyse der ge-
sellschaftlichen Wirklichkeit erkannt hat. Diese Mystifikation
wirkt sich dahingehend aus, daß die Theorie 'sinnhafter Evolu-
tion' von Gesellschaften jegliche materielle, empirisch zu veri-
fizierenden Grundlagen oder Beweismöglichkeiten entbehrt. Was
nicht bewiesen wird, gilt als anerkannt: "Für das Selbstverständ-
nis der neuzeitlichen bürgerlichen Gesellschaft ist das univer-
salhistorische, als Evolution theoretisierende Bewußtsein eine
Selbstverständlichkeit" 87).
Bezeichnet der 'Sinnbegriff die O r d n u n g s f o r m men-
schlichen Erlebens' 88), so ist Sinn auch jene quasi inhaltliche
Dimension, die sich im Prozeß evolutionärer Entwicklung dem ab-
strakten Bewußtsein erschließt. Als Sinnkonstitution werden also
Scheinkonkretionen im Verlauf der Herausbildung von Systemen ver-
standen. Dadurch gewinnt die chaotische Vorstellung der Komplexi-
tät gewissermaßen Struktur. Sinn ist, was nicht komplex, komplex,
was potentiell unter der Form des Sinns bearbeitetes Umweltmate-
rial darstellt. Sinnsysteme sind infolgedessen diejenigen Sozial-
systeme, die in Relation auf Umweltkomplexität eine relative in-
nere Ordnung aufweisen:
"Unter sozialem System soll ... ein Sinnzusammenhang von sozialen
Handlungen verstanden werden, die aufeinander verweisen und sich
von einer Umwelt nicht dazugehöriger Handlungen abgrenzen lassen.
Geht man von diesem Systembegriff aus, der in einer Differenzie-
rung von Innen und Außen sein konstituierendes Prinzip hat und
sucht man ihn zu transzendieren, dann fragt man nach einer Be-
zugseinheit, die keine Grenzen mehr hat. Man fragt nach der Welt.
Die Welt kann nicht als System begriffen werden, weil sie kein
'Außen' hat, gegen das sie sich abgrenzt. Wollte man Welt als Sy-
stem denken, müßte man folglich noch eine Umwelt der Welt mitden-
ken, und der das Denken leitende Weltbegriff verschöbe sich auf
diese Umwelt" 89).
Das Komplexitätsgefälle von Systemen im Verhältnis zu ihrer Um-
welt wird so in der Konstitution von Sinn ausreguliert: die
'Eigenkomplexität' des Systems steigt im Maße wie die Umweltkom-
plexität sinkt. Mit erhöhter Eigenkomplexität wird weiteres Po-
tential der Reduktion von Komplexität entwickelt oder freige-
setzt, das nun gestattet, bisher außer acht gelassene Komplexität
theoretisch zu erfassen und mit praktischen Reduktionstechniken
(Strategien, Selektion) zu reduzieren. Dies ist der behauptete
evolutionäre Prozeß im Verlauf sinnkonstituzierender Systembil-
dung. Sinn ist also sowohl die 'Form', unter der Luhmann die in-
terne Ordnung eines Systems in einer chaotischen Umwelt garan-
tiert sieht, als auch unbestimmte Zielvorstellungen, die jede
evolutionäre Entwicklung begleitet. Die tautologische Verfassung
dieser grundsätzlich dualistischen Ansicht ist offensichtlich:
weil Luhmann 'Sinn' nicht als eine inhaltliche, materielle Dimen-
sion des Entwicklungsprozesses von Gesellschaften aufrechterhal-
ten kann, wird mittels seiner nurmehr eine 'formelle' unhistori-
sche und absolute Kategorie ins Spiel gebracht. Wie Hegels Sy-
stemkonstruktion materiale Elemente braucht, die jedoch in der
abgeschlossenen Form der abstrakten Idee negiert werden, oder von
denen in abstrakter Denktätigkeit abgesehen wird 90), so entwic-
kelt Luhmann eine Sinnkategorie, die den gesellschaftlichen Klas-
senantagonismus nur deshalb zu überwinden scheint, weil sie von
ihnen total abstrahiert und vom Standpunkt dieser Abstraktion die
historisch-gesellschaftlichen Interessen zu einer belanglosen Ka-
tegorie der Systemtheorie verflüchtigt. Sinn ist Ideologie, der
Begriff der Konstitution von Sinn, weil orientierend für die Ge-
samtstruktur der Systemwissenschaft, erweist sich als deren ideo-
logisches Zentrum.
Abstrakte Arbeit und Ideologie
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Soll 'Sinn' die gesellschaftlich gültige, objektive Form der Or-
ganisation gesellschaftlicher Praxis, also des 'Erlebens', des
'Handelns', des 'Verhaltens' der Individuen ausdrücken, so muß
sich aus der Analyse dieses systemtheoretischen Praxisbegriffs
die Rationalität der Argumentation Luhmanns und der rationelle
Kern der mystifizierenden Sinnkategorien erschließen lassen.
Dabei müssen wir davon absehen, daß bei Luhmann beständig metho-
dische Argumentation mit soziologischer Argumentation wechselt:
"Es werden Sachverhalte einbezogen, die eine erkenntnistheoreti-
sche Herkunft haben, die epistemologische Situation stets an die
Stelle der von der Gesellschaftsordnung bedingten Sachverhalte
setzten" 91). Deshalb ist jetzt dasjenige Verhältnis von Sinn und
System zu untersuchen, das Luhmann als 'Konstitution' bezeichnet
92): "Der Sinnbegriff ist primär, also ohne Bezug auf den Sub-
jektbegriff zu definieren, weil dieser Begriff als sinnhafte kon-
stituierte Identität den Sinnbegriff schon voraussetzt" 93). Wie
im Wertbegriff der Kritik der politischen Ökonomie bei Marx ein
Verhältnis der gesellschaftlichen Objektivität in abstracto re-
konstruiert wird, wird Objektivität im Rahmen der Systemtheorie
durch dieses Verhältnis von Sinn und System begründet. Sinnkon-
stitution unter dem Aspekt der Systembildung ist, wie zu zeigen
sein wird, letztlich abstrakte (wertbildende) Arbeit, die von
konkreter Arbeit abstrahiert: "Als abstrakte wertbildende Arbeit
wird die Arbeit zum universellen Element innerhalb (des) komple-
xen Systems" 94). Zur Bestimmung einer theoretischen Praxis, für
die Sinn als Ordnungsform gesellschaftlicher Verhältnisse grund-
legend ist, dient bei Luhmann die Konstitutionstheorie von Sinn-
systemen. Deren rationaler Kern läßt sich reduzieren auf diejeni-
gen Bestimmungen, die Marx für die Genesis der Wertform im System
abstrakter Arbeit gültige Bestimmungen aufgewiesen hat.
Luhmann stellt die Konstitutionsprozesse von Sinnsystemen in
Funktionen vermittels der 'äquivalenzfunktionalistischen Methode'
der Systemwissenschaft dar. Ebenfalls wird in Funktionen die ge-
sellschaftliche Ausrichtung des subjektiven 'Erlebens' und
'Handelns' gefaßt:
"Funktionen sind problembezogene Regeln der Vergleichbarkeit. Sie
stellen Erkenntnisgewinn in Aussicht in der F o r m (und nur in
der Form) d e s V e r g l e i c h s v o n V e r s c h i e-
d e n e m. A und B sind funktional äquivalent, sofern sie beide
geeignet sind, das Problem zu lösen, d.h. in die F o r m d e r
H e r s t e l l u n g von A o d e r B mit den jeweilig
verschiedenen Folgeproblemen zu transformieren. D i e s e
F o r m g e b u n g i m p l i z i e r t e i n e Ü b e r-
b r ü c k u n g s a c h l i c h e r V e r s c h i e d e n-
h e i t e n - u n d m i t i h r e i n e Ü b e r-
b r ü c k u n g s o z i a l e r V e r s c h i e d e n h e i-
t e n d e r S i t u a t i o n d e s E r l e b e n s u n d
H a n d e l n s" 95).
Wie man sieht, wird die sinnkonstituierende soziale Praxis als
Vergleichung und Gleichsetzung von qualitativ Unterschiedenem be-
stimmt. Diese Gleichsetzung ist der Logik des Warentauschs nach-
gebildet, welche Marx zumal in den drei 'Eigentümlichkeiten' der
Äquivalentform im 'Kapital' auf ihre gesellschaftliche Spezifik
hin analysiert hat. Marx analysiert die Funktionen, die die Agen-
ten oder Träger ökonomischer Verhältnisse in ihren sozialen Be-
ziehungen wechselseitig betätigen, sowie ihre Befangenheit in der
sozialen und ideologischen Struktur der bürgerlichen Gesell-
schaft, die sich in der Wertform objektiviert und im Wertgesetz
ihr regulatives Prinzip hat. Diese Funktionen ergeben sich aus
dem Prozeß der Verwandlung von Produkten konkreter Arbeit in die
abstrakte Wertgegenständlichkeit der 'Produkte' abstrakter Ar-
beit; eine Transformation, die den gesellschaftlichen Charakter
privater Produktion konstituiert. Allerdings ist dieser Prozeß in
der Marx'schen Analyse ein 'hinter dem Rücken der Individuen'
vorhergehender Prozeß, also keineswegs ein konstituierender Vor-
gang im Sinne der Systemtheorie. Der mystifizierende Charakter
dieses konstitutiven Vorgangs verleitet die Systemtheorie zu der
nun ideologischen Behauptung: "Sozialsysteme sind auf der Basis
von Sinn integriert" 96). Die Struktur dieser Sinnkonstitution
hat Marx unter dem Terminus des Fetischismus dargestellt, der den
'Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert wer-
den'. Er untersucht also den Mechanismus, die soziale Gesetzmä-
ßigkeit,aus der eine fetischisierte gesellschaftliche Objektivi-
tät
"Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Pro-
dukte voneinander unabhängiger Privatarbeiten sind. Der Komplex
dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit.
Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten
durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die
spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten
erst innerhalb des Austauschs. Oder die Privatarbeiten betätigen
sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtar-
beit durch die Beziehungen, worin der Austausch der Arbeitspro-
dukte und vermittels derselben die Prodzenten versetzt. Den letz-
teren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer
Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar
gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten
selbst, sondern vielmehr als s a c h l i c h e V e r h ä l t-
n i s s e d e r P e r s o n e n u n d g e s e l l-
s c h a f t l i c h e V e r h ä l t n i s s e d e r S a-
c h e n" 97).
Der gesetzmäßige Wirkungsmechanismus abstrakter Arbeit erweist
sich als reale Grundlage des systemtheoretischen Grundmechanismus
der Reduktion von Komplexität. Abstrakte Arbeit wird in der for-
malen Perspektive der Systemtheorie zum abstrakten Organisations-
prinzip der Gesellschaftstheorie. Die alles beherrschende ab-
strakte Arbeit im kapitalistischen System wird damit zur alles
beherrschenden Kategorie systemtheoretischer Begriffsbildung.
Die Abhängigkeit der Sinnkategorie von der durch Marx analysier-
ten Wertform läßt sich noch in Luhmanns eigener Bestimmung des
Wertbegriffs nachvollziehen:
"Was mit dem Wertbegriff gesucht wird, ist die Schließung des un-
endlich-offenen Horizonts der Handlungsmöglichkeiten letztlich:
die Gesamtkonstruktion der Welt. D i e s e K o n s t r u k-
t i o n e r f o l g t d u r c h S y s t e m b a u. D a s
b e g r ü n d e t e A b s o l u t e, d a s i m W e r t b e-
g r i f f p o s t u l i e r t i s t, f i n d e t s i c h i n
d e r F u n k t i o n s f ä h i g k e i t d e r S y s t e m e.
Diese begründet um so sicherer, je umfassender das System gedacht
ist und im Handeln aktualisiert wird" 98).
Luhmann unterscheidet drei 'Dimensionen', deren Zusammenwirken
unter der Regie der äquivalenzfunktionalistischen Methode die
'Konstitution von identisch gehaltenem Sinn' bewirkt. Als Konsti-
tution von Sinn wird also verstanden, was Marx als die fetischi-
sierte Erscheinungsform der gesellschaftlichen Verhältnisse, ihre
'sinnlich übersinnliche Gegenständlichkeit' nachgewiesen hat. Der
systembildende Mechanismus der Reduktion von Komplexität erzeugt
Sinn als abstrakte Erscheinungsform gesellschaftlicher Verhält-
nisse in 'sachlicher', 'sozialer' und zeitlicher Hinsicht 99).
- Sinn als 'Form der Erlebnisverarbeitung' ist die Abstraktion
von jeglichen materiellen Bedingungen produktiver Arbeit. Diesen
Abstraktionsvorgang beschreibt Luhmann als Vorgang der Negation
k o n k r e t e r Beziehungen. Gesellschaftliches Handeln hat
dann Sinn, wenn es nicht wie konkrete Arbeit als zweckbestimmte,
sondern ihrer Struktur nach als abstrakte, wertorientierte Arbeit
begriffen werden kann. Nur unter der Voraussetzung seiner Loslö-
sung von Bestimmungen konkreter oder produktiver Arbeit kann Han-
deln in der entscheidungstheoretischen Perspektive dem Gesetz des
Äquivalenzfunktionalismus subsumiert werden. Die das Handeln or-
ganisierende Entscheidungstheorie abstrahiert wie die Produzenten
der Warenproduktion von den Beziehungen der Produzenten zu den
Gebrauchswerten ihrer Arbeitsprodukte. Sie unterstellt vielmehr
kategorial eine abstrakte, in der formalen Äquivalenz begründeten
Beziehung unter den Produkten; die Arbeitsprodukte sind unter den
Gesetzen der abstrakten Arbeit als Äquivalente austauschbar 100).
Die entscheidungsstrategische Handlungstheorie Luhmanns ist also
den im Warentausch herrschenden Gesetzmäßigkeiten nachgebildet.
Für die s a c h l i c h e D i m e n s i o n der Konstitution
von Sinn soll daher in Luhmanns Terminologie gelten. "Sachlich
erscheint Sinn im Anderssein - darin daß ein Pferd keine Kuh,
eine Zahl kein Vergnügen, Schnelligkeit keine Farbe ist. Identi-
scher Sinn hebt sich als Komplex von Bestimmtheiten oder Bestimm-
barkeiten aus unbestimmt und negierbar negierten anderen Möglich-
keiten heraus ... Erst durch sie konstituiert sich das Anderssein
in der Weise, daß es die Bestimmung und die Negierbarkeit der Ne-
gierung, also die Existenz von anderem nicht ausschließt, sondern
gerade erhält und nur neutralisiert." 101)
- Luhmann bezeichnet es als die s o z i a l e D i m e n s i o n
des sinnkonstituierenden 'Erlebens', wenn die Subjekte in
'Komplementarität des Erwartens' 102) sich gemäß den immanenten
Gesetzen des Warentauschs verhalten; dessen objektive Bedingungen
erkennen sie nicht. Diese Komplementarität setzt, um zu einem Sy-
stemproblem zu werden, die soziale Vereinzelung der Produzenten
ebenso, wie deren Trennung von den Bedingungen des gesellschaft-
lichen Arbeitsprozesses voraus. Abstrakte Arbeit ist die im Kapi-
talismus herrschende Praxis, in der die isolierten Privatarbeiter
durch Veräußerung ihrer Produkte sich nur vermittels des Waren-
tauschs vergesellschaften. Statt die praktische Aufhebung der
gleichgültigen gesellschaftlichen Bestimmungen der Individuen als
historische Notwendigkeit zu erkennen, sucht Luhmann durch speku-
lative, d.h. hier willkürliche Integration der Individuen in be-
liebige Sinnsysteme, deren organisatorische Perspektive zu be-
gründen: Die 'soziale Dimension konstituiert sich im Zusammenhang
mit sachlichen Identifikationen dadurch, daß ein Nicht-Ich als
ein anderes Ich erkannt, als Träger eigener aber anderer Erleb-
nisse und Weltperspektiven erlebt wird' 103).
Die Z e i t d i m e n s i o n von Entwicklungsabläufen theore-
tisch zu fassen, stellt im Programm der Reduktion von Komplexität
ein für die Systemtheorie zentrales Problem dar. Der dialektisch-
materialistischen Auffassung der Zeit gegenüber ist Luhmann aus-
schließlich an der Entwicklungsabläufe quantifizierenden Funktion
der Zeit interessiert. Die Zeit gilt so als ein Reduktionsmecha-
nismus von Komplexität schlechthin, weil allein im Ablauf der
Zeit eine definitive Beseitigung von Komplexität angenommen wer-
den kann. Demgegenüber ist die dialektisch-materialistische Zeit-
theorie gerade auf die Aufdeckung qualitativer und latenter Mög-
lichkeiten in Entwicklungsprozessen interessiert. 104) Auch in
dem systemtheoretischen Versuch, die Zeit als Reduktionsmechanis-
mus zu instrumentalisieren und damit ihre Historizität zu ver-
nachlässigen, ist Luhmann im Denkhorizont der abstrakten Arbeit
befangen. Da in der bürgerlichen Gesellschaft von der historisch-
materialistischen Bestimmung des Zeitfaktors, die sich in dem
Verhältnis von Produktivkraftentwicklung und Gesellschaftsver-
hältnissen darstellt, abstrahiert wird, ist die Gleichsetzung der
produktiven Arbeitszeiten ebenso wie die Abstraktion von den
nützlichen Formen der Produktion eine Bedingung des Systems ab-
strakter Arbeit. Die Egalisierung der unterschiedlichen Zeitein-
heiten in der Form der abstrakten Arbeit führt zu einer Vergegen-
ständlichung der Zeitdimension; Luhmanns Theorie setzt diese Ver-
gegenständlichung der Zeit absolut:
"Die sozialen Beziehungen der Konstitution sachlichen Sinnes
setzten auf dieser Ebene des sinnkonstituierenden Erlebens eine
wichtige Reduktion der Möglichkeiten der Zeitdimension voraus. Es
darf keine Zeitunterschiede zwischen den erlebenden Subjekten ge-
ben. Ihr aktuelles Leben muß zeitlich synchronisiert sein, also
ihrem eigenen Verständnis nach gleichzeitig ablaufen. Nicht nur
die Gegenwart selbst, sondern auch ihre Zeithorizonte der Zukunft
bzw. Vergangenheit müssen egalisiert werden" 105).
In allen drei Dimensionen konstituiert sich nach Luhmann die
theoretische Praxis der Systemtheorie. Theoretische Praxis - ab-
strakte Arbeit - entwirft die Perspektive einer technokratischen
Krisenregulierung, die jedoch - wie zu zeigen war - in allen drei
Dimensionen von der realen Struktur der die Krise erzeugenden ka-
pitalistischen Warenproduktion determiniert ist. Durch den histo-
rischen Materialismus, den die bürgerliche Ideologie der System-
wissenschaft zu widerlegen beansprucht, sind die gesellschaftli-
chen und die historischen Bedingungen nachgewiesen, die die
Grundlegung des Systemkonzepts bei Luhmann in den ihr wesentli-
chen Grundzügen (den genannten Dimensionen) bestimmen:
"Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Produkts,
sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst. Die
Gleichheit der menschlichen Arbeiten enthält die s a c h l i-
c h e F o r m der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeits-
produkte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft
durch ihre Z e i t d a u e r erhält die Form der Wertgröße der
Arbeitsprodukte endlich die V e r h ä l t n i s s e d e r
P r o d u z e n t e n, worin die gesellschaftlichen Bestimmungen
ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines
gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte" 106).
Weil Luhmanns Konzeption der theoretischen Praxis nurmehr die re-
alen Reduktionsmechanismen der kapitalistischen Produktionsweise
widerspiegelt und in absoluten Kategorien einer Gesellschafts-
strategie fixiert, bildet ihr Wirkungszusammenhang einen fortge-
schrittenen Standpunkt bürgerlicher Ideologie. Als Wissenschaft
der Analyse und der P l a n u n g relevanter gesellschaftlicher
Bereiche wie Wirtschaft, Politik und Verwaltung 107) reproduziert
die theoretische Praxis der Systemtheorie in Kategorien der ab-
strakten Arbeit die verkehrten Verhältnisse der kapitalistischen
Gesellschaftsformation auf der Ebene systemkonformer Handlungs-
strategien 108). Als Ideologie bezieht die Systemwissenschaft je-
nen absolut-metaphysischen Standpunkt, der - wie eingehend auf
die spekulative Seite der Hegel'schen Philosophie zu zeigen war -
den in letzter Instanz unhistorischen Charakter bürgerlicher So-
ziologie und Sozialphilosophie überhaupt auszeichnet. Unter den
theoretischen und ideologischen Voraussetzungen der System Wis-
senschaft, auf die Luhmann sich bezieht, ist daher die Erkenntnis
gesellschaftlicher Verhältnisse nach ihren objektiven Gesetzen
und in ihrer Totalität nicht möglich 109); uneingelöst muß wegen
dieser Voraussetzungen auch der Anspruch bleiben, die Widerlegung
der historisch-materialistischen Theorie und Erkenntnis und Er-
forschung dieser Gesetze und dieser Totalität von Seiten der Sy-
stemwissenschaft zu leisten.
_____
1) Im Anschluß an die Kontroverse: J. Habermas/N. Luhmann: THEO-
RIE DER GESELLSCHAFT ODER SOZIALTECHNOLOGIE - WAS LEISTET DIE SY-
STEMFORSCHUNG?, Frankfurt/Main 1971, wurde diese Auseinanderset-
zung in einem breiten methodischen und ideologischen Spektrum ge-
führt. Vgl. hauptsächlich: "Theorie der Gesellschaft oder Sozial-
technologie, Theorie-Diskussion", Supplement I, Frankfurt/Main
1973, und Supplement 2, Frankfurt/Main 1974. Ferner: B. Meurer,
"Kritische Bemerkungen zur Systemtheorie", in: DAS ARGUMENT, 15.
Jg., Dezember 1973, Heft 11/12, S. 838-908; R. Bubner,
"Wissenschaftstheorie und Systembegriff - Zur Position von N.
Luhmann und deren Herkunft, in: ders.: DIALEKTIK UND WISSEN-
SCHAFT, Frankfurt/Main 1973, S. 89-112; Schmid: FUNKTIONSANALYSE
UND POLITISCHE THEORIE. Funktionalismuskritik, politisch-ökonomi-
sche Faktorenanalyse, genetisch-funktionale Systemtheorie, Düs-
seldorf 1973; C. Warnke: DIE ABSTRAKTE GESELLSCHAFT - SYSTEMWIS-
SENSCHAFTEN ALS HEILSBOTSCHAFT IN DEN GESELLSCHAFTSMODELLEN PAR-
SONS', DAHRENDORFS UND LUHMANNS, Berlin 1974; dies.,
"Relativismus statt Dialektik? Zum Funktionalismus von N. Luhmann
und H. Rombach." Referat zum X. Internationalen Hegel-Kongreß -
Aug./Sept. 1974. Man. Auszugsweise in: SOPO 31, Dez. 1974, S. 27-
28; B.P. Löwe, H.H. Lanfermann, "Systemtheorie kontra gesell-
schaftlicher Fortschritt", in: IPW-BERICHTE, 7, 1973, S. 31-36.
Folgender Beitrag ist die Fortsetzung einer Kritik der System-
theorie, die der Verf. in anderem Zusammenhang und unter anderer
Zielsetzung geführt hat. Vgl. B. Heidtmann, "Traditionelle und
ideologische Determinanten einer Theorie sozialer Systeme und ih-
rer Kritik", in: THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., Supplement 2,
a.a.O., S. 154-185.
2) K. Marx: GRUNDRISSE DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, Ber-
lin 1974, S. 5 ff.
3) Zur weiteren Bestimmung des hier verwendeten historischen For-
mationsbegriffs: W. Küttler, "Methodologische Kriterien histori-
scher Formationsbestimmung", in: ZEITSCHRIFT F. GESCHICHTSWISSEN-
SCHAFT, XXII. Jg., 1974, Hft. 10, S. 1029-1049, S. 1040
(Hervorhebungen d. Verf.)
4) Dazu ausführlich: K. Holzkamp, "Die historische Methode des
wissenschaftlichen Sozialismus", in: DAS ARGUMENT (84), 16. Jg.,
Febr. 1974, Heft 1/2, S. 1 ff.
5) MEW Bd. 13, Berlin 1956, S. 475.
6) Vgl. die weitere methodologische Differenzierung unseres Pro-
blemzusammenhanges bei P. Bollhagen: GESETZMÄSSIGKEIT UND GESELL-
SCHAFT - ZUR THEORIE GESELLSCHAFTLICHER GESETZE, Berlin 1967, S.
16 f.
7) J. Zeleny: DIE WISSENSCHAFTSLOGIK BEI MARX UND DAS 'KAPITAL',
Frankfurt/Main 1972, S. 59.
8) MEW Bd. 23, S. 27.
9) Zeleny, a.a.O., S. 56.
10) GRUNDRISSE, a.a.O., S. 28.
11) Ebenda.
12) Ebenda, S. 22.
13) Ebenda, S. 21.
14) Ebenda, S. 22
15) MEW Bd. 23, S. 89.
16) Ebenda, S. 87. Die Bedeutung der Formproblematik für die Kri-
tik der politischen Ökonomie im allgemeinen W.F. Haug: VORLESUN-
GEN ZUR EINFÜHRUNG INS 'KAPITAL', Köln 1974, S. 195
Den Stellenwert der materialistischen Formanalyse betonen auch B.
Blanke, U. Jürgens, H. Kastendiek, "Zur neueren Marxistischen
Diskussion über die Analyse von Form und Funktion des bürgerli-
chen Staates", in: PROBLEME DES KLASSENKAMPFS 14/15, IV. Jg.,
1974, Nr. 3, S. 51-102, S. 64
17) Vgl. dazu MEW Bd. 23, S. 118/119: "Man sah, daß der Aus-
tauschprozeß der Waren widersprechende und einander ausschließli-
che Beziehungen einschließt. Die Entwicklung der Ware hebt diese
Widersprüche nicht auf, schafft aber die Form, worin sie sich be-
wegen können. Dies ist überhaupt die Methode, wodurch sich wirk-
liche Widersprüche lösen. Es ist z.B. ein Widerspruch, daß ein
Körper beständig in einen andren fällt und ebenso beständig von
ihm wegflieht. Die Elypse ist die Bewegungsform, worin dieser Wi-
derspruch sich ebensosehr verwirklicht als löst, ... wir haben
also den ganzen Prozeß nach der Formseite zu betrachten, also nur
den Formwechsel oder die Metamorphose der Waren, welche den ge-
sellschaftlichen Stoffwechsel vermitteln."
18) GRUNDRISSE, a.a.O., S. 24 ff.
19) Rubin: STUDIEN ZUR MARX'SCHEN WERTTHEORIE, Frankfurt/Main
1973, S. 103.
20) GRUNDRISSE, a.a.O., S. 25. Daß materialistische Erkenntnis
der historischen O r g a n i s a t i o n s f o r m e n e i-
n e r G e s e l l s c h a f t am historischen Selbstverständnis
der dialektischen Methode des Denkens orientiert ist und diese
Orientierung ständig zum Ausdruck bringen muß, gilt nach Engels,
MEW Bd. 20, S. 330 f. (Hervorhebung d. Verf.), ebensosehr für die
adäquate Erkenntnis der den N a t u r z u s a m m e n h a n g
verursachenden Entwicklungsprozesse: "Die empirische Naturfor-
schung hat eine so ungeheure Masse von positivem Erkenntnisstoff
angehäuft, daß die Notwendigkeit, ihn auf jedem einzelnen Unter-
suchungsgebiet systematisch und nach seinem innern Zusammenhang
zu ordnen, schlechthin unabweisbar geworden ist. Ebenso unab-
weisbar wird es, die einzelnen Erkenntnisgebiete unter sich in
den richtigen Zusammenhang zubringen. Damit aber begibt sich die
Naturwissenschaft auf das theoretische Gebiet, und hier versagen
die Methoden der Empirie, hier kann nur das theoretische Denken
helfen ... D a s t h e o r e t i s c h e D e n k e n e i-
n e r j e d e n E p o c h e, a l s o a u c h d a s d e r
u n s r i g e n, i s t e i n h i s t o r i s c h e s P r o-
d u k t, d a s z u v e r s c h i e d n e n Z e i t e n
s e h r v e r s c h i e d n e F o r m u n d d a m i t
s e h r v e r s c h i e d n e n I n h a l t a n n i m m t.
D i e W i s s e n s c h a f t v o m D e n k e n i s t
a l s o, w i e j e d e a n d r e, e i n e h i s t o-
r i s c h e W i s s e n s c h a f t, d i e W i s s e n-
s c h a f t v o n d e r g e s c h i c h t l i c h e n E n t-
w i c k l u n g d e s m e n s c h l i c h e n D e n k e n s.
Und dies ist auch für die praktische Anwendung des Denkens auf
empirische Gebiete von Wichtigkeit. Denn erstens ist die Theorie
der Denkgesetze keineswegs eine ein für allemal ausgemachte
'ewige Wahrheit', wie der Philisterverstand sich dies bei dem
Wort Logik vorstellt. Die f o r m e l l e L o g i k selbst ist
seit Aristoteles bis heute das Gebiet heftiger Debatten geblieben
... Grade die D i a l e k t i k ist aber für die heutige
Naturwissenschaft die wichtigste Denkform, weil sie allein das
Analogen und damit die Erklärungsmethode bietet für die in der
Natur vorkommenden Entwicklungsprozesse, für die Zusammenhänge im
ganzen und großen, für die Übergänge von einem Untersuchungs-
gebiet zum ändern. Zweitens aber ist die B e k a n n t-
s c h a f t m i t d e m g e s c h i c h t l i c h e n
E n t w i c k l u n g s g a n g d e s m e n s c h l i c h e n
D e n k e n s, mit den zu verschiedenen Zeiten hervorgetretenen
Auffassungen der allgemeinen Zusammenhänge der äußeren Welt auch
darum für die theoretische Naturwissenschaft ein Bedürfnis, weil
sie einen Maßstab abgibt für die von dieser selbst aufzustel-
lenden Theorien."
21) Ebenda, S. 925.
22) In Analysen von Abstrakta, wie sie die klassischen Ökonomen
vornehmen, wird die unmittelbare (= scheinbare) Gegenständlich-
keit, in der gesellschaftliche Verhältnisse auf der Oberfläche
(der Zirkulationssphäre) erscheinen, nicht begriffen. Die Analyse
bleibt der konkreten Struktur der Warenwirklichkeit äußerlich.
Daher behandeln Smith und Ricardo, MEW Bd. 23, S. 95, "die Wert-
form als etwas ganz Gleichgültiges oder der Natur der Ware selbst
Äußerliches. Der Grund ist nicht allein, daß die Analyse der
Wertgröße ihre Aufmerksamkeit ganz absorbiert. Er liegt tiefer.
Die Wertform des Arbeitsproduktes ist die abstrakteste, aber auch
allgemeinste Form der bürgerlichen Produktionsweise, die hier
durch eine besondere Art gesellschaftlicher Produktion und damit
zugleich historisch charakterisiert wird."
23) J. Ranciere: DER BEGRIFF DER KRITIK UND DIE KRITIK DER POLI-
TISCHEN ÖKONOMIE, Berlin West 1972, S. 71 ff. hat den Zusammen-
hang der Formproblematik mit Marx' Konzeption des Widerspruchs
untersucht, neutralisiert aber im Begriff der 'Struktur' als
formkonstituierender den historischen Charakter des materialisti-
schen Gesetzbegriffes.
24) MEW Bd. 26/1, S. 371.
25) MEW Bd. 26/1, S. 372.
26) GRUNDRISSE, a.a.O., S. 364 f.
27) Vgl. Konspekt zur "Wissenschaft der Logik", in: Lenin: WERKE
Bd. 38, S. 140 ff.
28) Ebenda, S. 142.
29) MEW Bd. 21, S. 267 ff. (Hervorhebung d. Verf.): "Darin aber
gerade lag die wahre Bedeutung und der revolutionäre Charakter
der Hegel'schen Philosophie ... daß sie der Endgültigkeit aller
Ergebnisse des menschlichen Denkens und Handelns ein für allemal
den Garaus machte. Die Wahrheit, die es in der Philosophie zu er-
kennen galt, war bei Hegel nicht mehr eine Sammlung fertiger dog-
matischer Sätze ... die Wahrheit lag nun in dem Prozeß des Erken-
nens selbst, in der langen geschichtlichen Entwicklung der Wis-
senschaft, die von niederen zu immer höheren Stufen der Erkennt-
nis aufsteigt, ... so löst diese dialektische Philosophie alle
Vorstellungen von endgültiger absoluter Wahrheit auf ... Damit
wird aber der ganze dogmatische Inhalt des Hegel' sehen Systems
für die absolute Wahrheit erklärt, im Widerspruch mit seiner dia-
lektischen, alles Dogmatische auflösenden Methode; d a m i t
w i r d d i e r e v o l u t i o n ä r e S e i t e e r-
d r ü c k t u n t e r d e r ü b e r w u c h e r n d e n
k o n s e r v a t i v e n. U n d w a s v o n d e r p h i-
l o s o p h i s c h e n E r k e n n t n i s g i l t, g i l t
a u c h v o n d e r g e s c h i c h t l i c h e n P r a x i s
..."
30) MEW Bd. 3, S. 5 ff.
31) MEW Bd. 23, S. 27.
32) Siehe G.W.F. Hegel: WISSENSCHAFT DER LOGIK, Leipzig 1951, 2.
Teil, S. 101 ff.
33) Z.B. in den auf den systematischen Aufbau der Hegelschen
Theorie dialektischer Gesetze in der 'Logik' zielenden Ausführun-
gen von Engels, MEW Bd. 20, S. 348: "Es ist also die Geschichte
der Natur wie der menschlichen Gesellschaft, aus der die Gesetze
der Dialektik abstrahiert werden.
34) Hegel: WISSENSCHAFT DER LOGIK, a.a.O., S. 67.
35) Zitat bei Lenin, a.a.O., S. 123.
36) Ebenda.
37) Hegel, WISSENSCHAFT DER LOGIK, a.a.O., S. 67.
38) Ebenda, S. 66 f.
39) Ebenda, S. 69.
40) Ebenda, S. 75.
41) Vgl. dazu die methodische Bemerkung Hegels am Ende der
'Logik', a.a.O., S. 501: "Es fängt deswegen in der Tat für die
Methode keine neue Weise damit an, daß sich durch das erste ihrer
Resultate ein Inhalt bestimmt habe; sie bleibt hiermit nicht mehr
noch weniger formell als vorher. Denn da sie die absolute Form,
der sich selbst und alles als Begriff wissende Begriff ist, so
ist kein Inhalt der ihr gegenübertretene und sie zur einseitigen,
äußerlichen Form bestimmt."
42) Lenin, a.a.O., S. 276: "In diesem i d e a l i s t i-
s c h e n Werk Hegels ist a m w e n i g s t e n Idealismus,
a m m e i s t e n Materialismus."
43) G. Stiehler (ed.): VERÄNDERUNG UND ENTWICKLUNG - STUDIEN ZUR
VORMARXISTISCHEN DIALEKTIK, Berlin 1874, S. 264 f.: "Es wurde
schon gesagt, daß Hegel den Weg von der lebendigen Anschauung zum
Abstrakten und von da zur konkreten Praxis mystifiziert. Die ab-
solut gültige logische Form, die alles durchdringt, birgt so
trotz des Gedankens der Negativität letzten Endes die Trennung
der Substanzen vom tätigen Subjekt, das weiterhin die konkrete
Totalität des Wissens enthält, und vom Objekt, das vom Leeren zur
absoluten Idee aufsteigt. So bleibt das Endziel illusorisch, denn
trotz aller richtigen dialektischen Erkenntnis endet die 'Logik'
in der Tautologie des Denkens der Gedanken, in der idealistischen
Identität von Logischem und Historischem."
44) Referat zum 10. Internationalen Hegel-Kongreß, Moskau,
Aug./Sept. 1974, Manuskript, auszugsweise abgedruckt in: SOPO,
31, Dez. 1974, S. 22-23
45) MEW Bd. 21, S. 279.
46) Hegel, WISSENSCHAFT DER LOGIK, a.a.O., S. 169.
47) Hegel, WISSENSCHAFT DER LOGIK, 1. Teil, a.a.O., S. 56: "Das
Wesentliche für die Wissenschaft ist ... daß das Ganze derselben
ein Kreislauf in sich selbst ist, worin das Erste auch das Letzte
und das Letzte auch das Erste wird."
48) Vgl. dazu W.R. Beyer: ZWISCHEN PHÄNOMENOLOGIE UND LOGIK - HE-
GEL ALS REDAKTEUR DER BAMBERGER ZEITUNG, Köln 1974, S. 213 f.
49) "Kritik des Hegel'schen Staatsrechts", MEW Bd. 1, S. 216 f.
(Hervorhebung d. Verf.).
50) Ebenda, S. 314.
51) Ebenda, S. 207.
52) Ebenda, S. 206.
53) Ebenda, S. 242.
54) Ebenda.
55) Ebenda, S. 216 und S. 207.
56) Ebenda, S. 223. Vgl. auch Hegel, ENZYKLOPÄDIE DER PHILOSOPHI-
SCHEN WISSENSCHAFTEN, Bd. I, Frankfurt/Main 1970, § 20, S. 71 f.
(Hervorhebung d. Verf.): "D a s P r o d u k t (des Denkens),
d i e B e s t i m m t h e i t o d e r F o r m d e s G e-
d a n k e n s i s t d a s A l l g e m e i n e, A b s t r a k-
t e ü b e r h a u p t. Das Denken als die Tätigkeit ist somit
das tätige Allgemeine, und zwar das sich Betätigende, in dem die
Tat, das Hervorgebrachte, eben das Allgemeine ist. Das Denken als
Subjekt vorgestellt ist Denkendes ..."
57) GRUNDRISSE, a.a.O., S. 22.
58) MEW Bd. 1, S. 210 (Hervorhebung d. Verf.).
59) Ebenda, S. 276.
60) Ebenda, S. 295.
61) Ebenda, S. 296.
62) Vgl. die Definition des materialistischen Praxiskriteriums
durch Lenin: MATERIALISMUS UND EMPIRIOKRITIZISMUS, Berlin (Dietz)
1960, S. 131 f.: "Freilich darf dabei nicht vergessen werden, daß
das Kriterium der Praxis dem Wesen nach niemals irgendeine men-
schliche Vorstellung völlig bestätigen oder widerlegen kann. Auch
dieses Kriterium ist 'unbestimmt' genug, um die Verwandlung der
menschlichen Kenntnisse in ein 'Absolutum' zu verhindern,
zugleich aber auch bestimmt genug, um gegen alle Spielarten des
Agnostizismus und Idealismus einen unerbittlichen Kampf zu füh-
ren."
63) MEW Bd. 13, S. 474.
64) MEW Erg. Bd. 1, S. 574.
65) Vgl. MEW Bd. 25, S. 787.
66) Ebenda, S. 87 ff.
67) Zu dem historisch-praktischen Charakter der Wirkungsweise ge-
sellschaftlicher Gesetze und den historisch-gesellschaftlichen
Formen, in denen sie sich - dem Entwicklungsstand einer Gesell-
schaft entsprechend - manifestieren, vgl. P. Bollhagen, GE-
SETZMÄSSIGKEIT UND GESELLSCHAFT..., a.a.O., S. 28 ff.
68) G.M. Tripp, "Materialistische Erkenntnistheorie und Ideolo-
gie", in: SOPO, 30, 6. Jg., Okt. 1974, S. 87 ff.
69) Holzkamp, a.a.O., S. 33.
70) H. Ley, "Differenz von Gesetz und Regel unter einzelwissen-
schaftlichem und methodologischem Aspekt", in: DEUTSCHE ZEIT-
SCHRIFT FÜR PHILOSOPHIE, 22. Jg., 1974, Heft 10/11. S. 1373.
71) Niklas Luhmann: SOZIOLOGISCHE AUFKLÄRUNG, Köln und Opladen
1970, S. 258 f.
72) J. Habermas/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., a.a.O.,
S. 362.
73) "Was sind die 'Volksfreunde' und wie kämpfen sie gegen die
Sozialdemokraten?", in: Lenin: WERKE, Berlin 1961, Bd. 1, S. 143
(Anm.): "In der Tat, wie soll man ein solches Verfahren anders
nennen, wenn den Materialisten vorgeworfen wird, Sie seien mit
der Geschichte nicht ins Reine gekommen, dabei aber nicht ver-
sucht wird, a u c h n u r e i n e e i n z i g e der zahlrei-
chen, von den Materialisten gelieferten materialistischen Erklä-
rungen verschiedener historischer Fragen zu analysieren? Oder
wenn erklärt wird, man könnte es wohl nachweisen, aber man wolle
sich damit nicht befassen?"
74) N. Luhmann, "Selbstthematisierung des Gesellschaftssystems",
in: ZEITSCHRIFT FÜR SOZIOLOGIE, Jg. 2, Heft 1, Jan. 1973, S. 24.
75) Ders.: POLITISCHE PLANUNG, Aufsätze zur Soziologie von Poli-
tik und Verwaltung, Westdeutscher Verlag, Opladen 1971.
76) Ders., SOZIOLOGISCHE AUFKLÄRUNG, a.a.O., S. 260.
77) Ders., POLITISCHE PLANUNG, a.a.O., S. 101.
78) Ders., SOZIOLOGISCHE AUFKLÄRUNG, a.a.O., S. 254.
79) Ebenda, S. 262.
80) Ebenda, S. 263.
81) MEW Bd. 23, S. 335.
82) J. Habermas/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., a.a.O.,
S. 362 ff. Dem entspricht die Interpretation von K. Eder,
"Komplexität, Evolution und Geschichte", in: THEORIE DER GESELL-
SCHAFT ..., Theorie-Diskussion, Supplement I, a.a.O., S. 9-43, S.
19: "Sinn ist d i e Reduktionsform von Wejtkomplexität, die für
sozio-kulturelle Evolution typisch ist; Sinnstrukturen lassen
sich so als determinierende Strukturen des Reproduktionsprozesses
deuten."
83) C. Warnke, DIE ABSTRAKTE GESELLSCHAFT, a.a.O., S. 103.
84) N. Luhmann, "Selbstthematisierung ...", a.a.O., S. 30 ff.
85) Ebenda. Vgl. dazu B.P. Löwe, H.H. Lanfermann, "Systemtheorie
kontra gesellschaftlicher Fortschritt", a.a.O., S. 34: "Luhmann
besitzt die Kühnheit, aus dieser wissenschaftlich völlig unhalt-
baren 'Abstraktion' den Anspruch abzuleiten, seine Theorie re-
flektiere theoretisch funktionale und strukturelle Abhängigkeiten
jeder Gesellschaft. Bereits in einer solchen unzulässigen
'Verallgemeinerung' offenbart sich die ideologische Funktion sei-
nes Konzepts. Gesellschaft ist da nur ganzheitlich erfaßt, wo
ihre wesentlichen Gesetzmäßigkeiten beachtet werden ... als hi-
storisch determinierte sozialökonomische Gesellschaftsformation.
Abstraktionen von den wesentlichen materiellen Grundlagen der Ge-
sellschaft und ausschließliche Zuwendung zu funktionalen und
strukturellen Aspekten ist niemals wissenschaftlich legitim." Zum
ideologischen Bestand der in den konvergenztheoretischen Annahmen
verborgenen Verabsolutierung des gesellschaftlichen Systems, von
dem Luhmann ausgeht, siehe die Bemerkung von M. Godelier: RATIO-
NALITÄT UND IRRATIONALITÄT IN DER ÖKONOMIE, Frankfurt/Main 1966,
S. 351 (Hervorhebung d. Verf.): "Wir haben gesehen, daß die Wis-
senschaft zergeht, wenn die Ideologie beginnt, sobald eine Ge-
sellschaft sich als absoluten Bezugspunkt, als Mittelpunkt aller
überhaupt möglichen Perspektiven versteht. D i e e i g e n e
G e s e l l s c h a f t a l s Z e n t r u m d e r B e-
t r a c h t u n g z u s e t z e n m a c h t a b e r d a s
s p o n t a n e V e r f a h r e n j e g l i c h e n B e-
w u ß t s e i n s a u s. Die wissenschaftliche Erkenntnis be-
ginnt erst, wenn die Setzungen des spontanen Bewußtseins kriti-
siert und überwunden sind."
86) N. Luhmann, "Selbstthematisierung...", a.a.O., S. 21.
87) Ebenda, S. 36.
88) J. Habermas/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., a.a.O.,
S. 31.
89) Ebenda, S. 115.
90) Vgl. Fußnote 50.
91) Wie H. Ley, "Zur gesamtgesellschaftlichen Leitung im Sozia-
lismus", in: DEUTSCHE ZEITSCHRIFT FÜR PHILOSOPHIE, Sonderheft
1969, S. 192, in bezug auf die Organisationssoziologie H.A. Si-
mons bemerkt, dem Luhmann sein Komplexitätstheorem entlehnt hat.
92) J. Habermas/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT..., a.a.O.,
S. 30.
93) Ebenda, S. 28.
94) C. Warnke, DIE ABSTRAKTE GESELLSCHAFT, a.a.O., S. 53.
95) J. Habermas/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT, a.a.O., S.
89 (Hervorhebung d. Verf.).
96) Ebenda, S. 87.
97) MEW Bd. 23, S. 87.
98) N. Luhmann: GRUNDRECHTE ALS INSTITUTIONEN, Berlin 1969, S.
216. Vgl. MEW Bd. 23, S. 95: "Die Wertform des Arbeitsprodukts
ist die abstrakteste und allgemeinste Form der bürgerlichen Pro-
duktionsweise, die hierdurch als eine besondere Art gesellschaft-
licher Produktion und damit zugleich historisch bestimmt ist."
99) J. Habermas/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., a.a.O.,
S. 48.
100) C. Warnke, "Relativismus statt Dialektik? ...", a.a.O.:
"Das Facit dieser Auffassung besteht darin, daß die in der Zirku-
lation, im Reich der Erscheinungen herrschende Austauschbarkeit
oder Äquivalenz aller konkreten Momente, zu universellem Relati-
vismus verallgemeinert wird, dem gegenüber nur die Austauschbar-
keit und 'Zirkulation' der Momente überhaupt als konstante, inva-
riante Form (sich) durchhält."
101) J. Habermas/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., a.a.O.
102) Ebenda, S. 14.
103) Ebenda, S. 51.
104) Zum quantitativen Gebrauch der Zeitkategorie vgl. N. Luh-
mann, "Zweckbegriff und Systemrationalität", a.a.O., bes. S. 203
ff. Zur dialektisch-materialistischen Begründung einer histori-
schen Auffassung der Zeitkategorie vgl. P. Rüben, "Von der
'Wissenschaft der Logik' und dem Verhältnis der Dialektik zur Lo-
gik", in: ZUM HEGELVERSTÄNDNIS UNSERER ZEIT, Hrsg. H. Ley, Berlin
1972, S. 58 ff.
105) J. Haberman/N. Luhmann, THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., a.a.O.
106) MEW Bd. 23, S. 85 (Hervorhebung d. Verf.).
107) In näherer Betrachtung des systemtheoretischen Planungsmo-
dells bei Luhmann zeigt sich, daß dieses die gleiche Struktur
aufweist wie das von uns untersuchte Konzept der theoretischen
Praxis. Außerdem weist die metaphysische Funktion des Systems als
'Subjekt' von Planungsprozessen deutliche Übereinstimmung auf mit
dem von uns untersuchten Sinnbegriff in bezug auf die theoreti-
sche Praxis der Systemtheorie. Vgl. zum Planungsbegriff bei Luh-
mann, "Zweckbegriff und Systemrationalität", a.a.O., S. 203 ff.
Zur Begründung dafür, daß eine rationale und umfassende Theorie
der Planung unter Bedingungen der kapitalistischen Dauerkrise zu
entwerfen in größte Schwierigkeiten gerät, vgl. H.J. Arndt, "Der
Plan als Organisationsfigur und die strategische Planung", in:
POLITISCHE VIERTELJAHRESSCHRIFT, IX. Jg. 1968, Köln und Opladen,
S. 177-196.
108) Über den Zusammenhang von systemkonformen Handlungsstrate-
gien und antidemokratischen Tendenzen in der bürgerlichen System-
theorie im allgemeinen vgl. F. Vilmar, "Systemtheorie als Ideolo-
gie contra Systemveränderung", in: AUS POLITIK UND ZEITGE-
SCHICHTE, Beilage zur Wochenzeitung DAS PARLAMENT, Bonn, 21. Dez.
1974 (B 51-52/74), S. 37: "Hier sind wir beim Kern der Auseinan-
dersetzung - bei der Auseinandersetzung D e m o k r a t i e-
t h e o r i e v e r s u s S y s t e m t h e o r i e. Es
scheint mir unabdingbar notwendig, aus der Sicht einer
konsequenten nicht-restriktiven Demokratietheorie die verhee-
renden, den Status quo konservierenden Tendenzen der System-
theorie zur Sprache zu bringen, sofern sie als umfassende
Gesellschaftslehre Geltung beansprucht."
109) Siehe auch die Kritik der Systemtheorie Luhmanns aus der
Sicht einer ihrerseits systemtheoretisch fundierten Auffassung
des historischen Materialismus bei K.H. Tjaden, "Bemerkungen zur
historisch-materialistischen Konzeption der Struktur gesell-
schaftlicher Systeme", in: THEORIE DER GESELLSCHAFT ..., Theorie-
Diskussion, Supplement I, a.a.O., S. 77 f.
Vgl. die Äußerung Lenins, "Volksfreunde ...", a.a.O., S. 133, in
der dieser seine aus der kritischen Auseinandersetzung mit sozi-
alwissenschaftlichen Widerlegungsversuchen des historischen Mate-
rialismus gewonnenen Erfahrungen zusammenfaßt: "Solange kein an-
derer Versuch vorliegt, das Funktionieren und die Entwicklung ei-
ner Gesellschaftsformation ... wissenschaftlich zu erklären ein
anderer Versuch, der geeignete wäre, genau wie der Materialismus
getan hat, in die 'entsprechenden Tatsachen' Ordnung hineinzutra-
gen und ein lebendiges Bild der bestimmten Formation zu entwerfen
und sie dabei strebt wissenschaftlich zu erklären - solange
bleibt die materialistische Geschichtsauffassung das Synonym für
Gesellschaftswissenschaft."
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