Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1975
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Rezensionen
Wolfgang Zapf (Hrsg.):
SOZIALE INDIKATOREN. KONZEPTE UND FORSCHUNGSANSÄTZE,
2 Bde., Herder & Herder, Frankfurt/New York 1974.
Der Reader dokumentiert die Diskussionen dreier Arbeitskonferen-
zen der Sektion "Soziale Indikatoren" der Deutschen Gesellschaft
für Soziologie in den Jahren 1972 und 1973. Wer erwartet, hier
theoretische Konzepte der Entwicklung von "Meßgrößen zur Struk-
tur-und Ergebnisanalyse in zentralen gesellschaftlichen Lebensbe-
reichen", konkrete "Beiträge zur Revision der volkswirtschaftli-
chen Gesamtrechnung" (Umschlagtext) oder Analysen der gesell-
schaftlichen Folgeerscheinungen und -kosten der gegenwärtigen
Form des Akkumulationsprozesses in der BRD und Westberlin - gar
aufgrund des Versuchs einer "Rekonstruktion des Zielsystems der
sozialen Marktwirtschaft mit ihren entsprechenden Strukturelemen-
ten" /I, 217/ - zu finden, wird sicherlich enttäuscht werden.
Die Beiträge sind größtenteils - der Diskussionsform entsprechend
- feuilletonistisch gehalten. Weitgehend handelt es sich um bloße
Ankündigungen von Projekten bzw. die Darstellung noch nicht re-
alisierter theoretischer und empirischer Vorhaben. Greifbare Re-
sultate - außer einigen Materialsammlungen zur Sozialstatistik
/II, 5-82/ - sind bisher kaum vorhanden. Weder ist eine hinrei-
chende Klärung des Begriffsinhalts "Sozialindikator" gelungen,
noch ist der Umfang der Fragestellungen, die unter die Sozialin-
dikatorenproblematik subsumierbar sind, schon abgesteckt. Warum
lohnt dennoch eine kritische Beschäftigung mit dem vorliegenden
Provisorium?
Die Lektüre gestattet weniger den unmittelbaren Einblick in die
gegenwärtigen Probleme des kapitalistischen Reproduktionsprozes-
ses; hingegen läßt sie interessante Rückschlüsse auf die bürger-
lich-sozialwissenschaftliche Rezeption dieser Probleme zu. Sie
ermöglicht einige Einsichten in die Widersprüchlichkeit staatli-
cher Sozialplanung und legt den wachsenden Legitimationsdruck,
dem das politische System in diesem Bereich ausgesetzt ist, of-
fen. Sie verdeutlicht die Rolle der internationalen und System-
konkurrenz im Prozeß der Erstellung und Erfolgskontrolle staatli-
cher Planungen. Schließlich erlaubt sie einen Einblick in gegen-
wärtige Formen und Bedingungen sozialwissenschaftlicher Theorie-
bildung und die Funktion wissenschaftlicher Kongresse und Gesell-
schaften - hier: der Deutschen Gesellschaft für Soziologie - in
diesem Prozeß.
Infolge der Disparatheit der Beiträge und ihrer jeweiligen prak-
tischen Bezugspunkte kann hier nicht im einzelnen auf die ver-
schiedenen Konzepte eingegangen werden. Es lassen sich jedoch ei-
nige allgemeine Züge der Sozialindikatoren-Diskussion aufweisen,
die selbst Ausdruck verschiedener nationaler und internationaler,
materieller, forschungspraktischer und theoretischer Entwick-
lungstendenzen sind, als deren komplexer Ausdruck die vorliegen-
den Forschungsanstrengungen gewertet werden müssen. Die Einsicht
in die eigene sozialökonomische und politische Bedingtheit ist
der Sozialindikatorenbewegung weitgehend abzusprechen. So stellt
sie sich für Zapf im Einleitungsbeitrag als das Resultat des Zu-
sammenfließens von ca. 20 namentlich aufgeführten Forschungsli-
nien dar /I, 3 ff./. Den wichtigsten Anstoß gewinnt sie nach Zapf
vor allem aus der "Quality of Iife"-Forschung /I, 3/, welche, als
ein Beitrag zur Theorie der Sozialpolitik, zur Revision der Fra-
gestellungen der bürgerlichen Ökonomie einerseits, zur Weiterent-
wicklung der Sozialstatistik andererseits führt.
Neben dieser pluralistisch-untheoretischen Begründung der So-
zialindikatoren-Forschung schält sich bei anderen Autoren ein
weitgehender Begründungszusammenhang heraus. So rekurriert L.
Böckels auf die Theorie der externen Effekte: "Externe Effekte
sind ... alle diejenigen Begleiterscheinungen ökonomischen Han-
delns, die ... von den handelnden Subjekten nicht beabsichtigt
sind und nicht von den formellen Leitungsmechanismen (Markt
und/oder Plan) erfaßt werden, vielmehr außerhalb der formellen
Leitungsmechanismen erfolgen, und andererseits mit materiellen
Auswirkungen auf das reale Sozialprodukt einer bestimmten Periode
und/oder das reale Wachstumspotential einer Volkswirtschaft zu
einem bestimmten Zeitpunkt verbunden sind, wobei nicht nur die
handelnden Subjekte, sondern außerdem noch dritte oder die Ge-
samtgesellschaft betroffen werden" /II, 87/. Daran knüpft sich
eine Kritik des Kontensysterns der volkswirtschaftlichen Gesamt-
rechnung bzw. deren Ergänzung durch eine individuenzentrierte
Wohlfahrtsökonomie, die die Entwicklung sozialer Indikatoren als
eines Meßsystems individueller Wohlfahrt /vgl. II, 90/ auf ver-
schiedenen Dimensionen (verschiedene natürliche, soziale, kul-
turelle usw. "Umwelten" - vgl. II, 93 f.) erfordert. Pragmati-
schere Konzeptionen gehen entsprechend davon aus, daß die Ent-
wicklung sozialer Indikatoren sich aus der Notwendigkeit der Ef-
fizienzkontrolle staatlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik -
etwa vermittels Versorgungsziffern und dergl. - und als Ergänzung
zur wert- bzw. preismäßigen Erfassung des Inputs (staatliche So-
zialausgaben und dergl.) zwingend ergibt. Noch pragmatischer set-
zen Diskussionsbeiträge an, die die Entwicklung von Sozialindika-
toren lediglich als Erweiterung des Aufgabengebietes der öffent-
lichen Statistik im Sinne einer laufenden Sozialberichterstattung
ansehen.
Eine zweite Argumentationskette geht aus von subjektiven Bedürf-
nissen der Individuen (so z.B. Hondrich, II, 157 ff.), die es zu
klassifizieren gelte, um die "Permanenz des Systems" der
"kontrollierende(n) Beurteilung in der Perzeption des Individu-
ums" (II, 269) zugänglich zu machen oder die staatlichen Ent-
scheidungen an Hierarchien und Taxonomien durchschnittlicher in-
dividueller Bedürfnisse zu orientieren. Hier ergeben sich Berüh-
rungspunkte mit der "Partizipationsforschung".
Die Uneinheitlichkeit der verschiedenen Ansätze, ihr Hin- und
Herschwanken zwischen subjektiven und objektiven Bestimmungen
dessen, was durch soziale Indikatoren überhaupt gemessen werden
soll, und des Meßvorgangs selbst, zwischen "normativen" und
"analytischen" Indizes, zwischen utopischen Bemühungen um ein
allumfassendes "Social bookkeeping" unter Einschluß aller exter-
ner Effekte und pragmatisch gekitteten Materialsammlungen zur So-
zialstatistik, das laxe Verhältnis zur Theorie sind symptomatisch
für eine neue Entwicklungsphase bürgerlicher Sozialwissenschaf-
ten, die in verstärktem Maße die Komplexität der ökonomischen,
politischen und sozialen Faktoren des gesellschaftlichen Entwick-
lungsprozesses theoretisch erfassen sollen, dies aber in keiner
Weise zu leisten vermögen. Konzepte der externen Effekte, des
"qualitativen Wachstums", der Vermeidung von Unterversorgung
("Disparitätentheorie"), theoretisch-methodische Kritik an der
volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und am Bruttosozialprodukt
als Wachstumsindikator sind über Absichtserklärungen kaum hinaus-
gelangt. Die Verschärfung der Widersprüche innerhalb der ökonomi-
schen Basis der Gesellschaft, ihre Auswirkungen auf alle Teilbe-
reiche des Reproduktionsprozesses, die Unmöglichkeit der Prognose
entsprechender Entwicklungen, das Versagen der traditionellen Al-
lokationsmechanismen des "Marktsystems" /I, 179/, der verschärfte
Legitimationsdruck des politischen Systems wecken überall das
diffuse Bedürfnis nach einer "Neuen politischen Ökonomie" /II,
138/, andererseits aber Affekte gegen jede ökonomische Theorie
und ökonomisches Handeln überhaupt: Ökonomisches Handeln kann nur
noch als kapitalistisches gedacht werden oder wird gleichgesetzt
mit unmittelbarer Herrschaftsausübung /II, 116/ bzw. passiver
Herrschaftsduldung /vgl. I, 1867. Dieses begünstigt die Soziolo-
gisierung der entsprechenden Probleme und den Einbruch der Sozio-
logie als Wissenschaft in die Diskussion um die zentralen Grund-
lagen des Reproduktionsprozesses der kapitalistischen Gesell-
schaft. Positivistische Verhaltenstheorie, "kritische" Theorie
und vulgarisierte Kritik an Erscheinungsformen des Imperialismus
werden zusammengeklittert und mit sozialdemokratischer Planungs-
theorie versetzt (am weitesten ist in der BRD damit wohl das
Starnberger Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedin-
gungen gediehen). In den kritischen Beiträgen von Frank und
Roloff wird diese theoretische Entwicklung teilweise dargestellt.
Damit einher geht eine Reideologisierung und Normativierung
großer Teile der Sozialwissenschaft /vgl. II, 68, 81 u. passim/,
die sich nicht nur in der Einbeziehung der normativen Sphäre der
Gesellschaft (der "Werte" und "Normen") ausdrückt, sondern eine
entsprechende Fundierung und Ableitung wissenschaftlicher und po-
litischer Präferenzordnungen und Zielfunktionen fordert. Der Dis-
kussion um die sozialen Indikatoren wird dabei insbesondere das
ungeklärte Verhältnis von spontanem ("Marktsystem") und planmä-
ßigem ("politisches System") gesellschaftlichem Handeln sowie die
daraus resultierenden Disparitäten in der individuellen Versor-
gung mit "politischen" Gütern und Dienstleistungen zum Problem.
Als Kernproblem erscheint die Frage, wie sich Versorgungsdispari-
täten ermitteln und ändern lassen, ohne die private Kapitalver-
wertung anzutasten /II, 97/. Dies ist durch staatliche Eingriffe
und Redistributionsmaßnahmen offenbar nur in begrenztem Umfang
möglich, wenn nicht zugleich eine höhere Effektivität der Staats-
ausgaben gewährleistet erscheint. Dies wiederum zwingt zu Kosten-
Nutzen-Kalkülen im Bereich der Sozialplanung und -politik. In
diesem Zusammenhang sieht die Sozialindikatorenbewegung ihre
Hauptaufgabe: Es geht ihr um die Einbeziehung und Operationali-
sierung sozialpolitischer Nebenbedingungen kapitalistischer Re-
produktion sowie die Kontrolle der Effizienz entsprechender poli-
tischer Aktivitäten, was eine Aufbesserung des staatlichen Infor-
mationsdefizits bezüglich individueller Sozialdaten und individu-
eller Folgekosten ungehemmter kapitalistischer Akkumulation,
quasi ein sozialpolitisches Frühwarnsystem, zur Voraussetzung
hat. Zugleich dienen diese Daten der Innen- und Außendarstellung
des Systems auch in der internationalen Konkurrenz. Theoretisch-
methodisches Paradigma - sofern überhaupt vorhanden - ist häufig
die abstrakte Gegenüberstellung von Individuen (nicht Klassen)
und ihrer "natürlichen", "sozialen" oder "kulturellen" "Umwel-
ten". Wird die Umwelt solchermaßen naturalisiert, verkommt ande-
rerseits der Mensch zu einem Indikatorsystem für politische
Entscheidungsträger /vgl. II, 907. Eine Datenaggregation über
mehrere Ebenen hinweg (z.B. durch die geplante Personenkennzif-
fer) ermöglicht die Überprüfung massenhafttypischer Verläufe und
den Ausbau eines Frühwarnsystems bezüglich der Entwicklung des
subjektiven Faktors. Dessen prekäre Rolle, bzw. die Notwendigkeit
effizienter Erfassung ideologischer Prozesse, von Bedürfnissen
und Bewußtseinsphänomenen, wird darin deutlich. Gleichzeitig hat
der massenwirksame Einsatz der Sozialindikatoren und Partizipati-
onsideologie eine gewisse Funktion im Prozeß der Konditionierung
der Individuen auf "neue" gesellschaftliche Zielsetzungen (z.B.
durch Verbreitung negativer Leitbilder). Schließlich erweist sich
die Hinwendung zur "normativen" Wissenschaft - ein Ausdruck der
Krise positivistischer Wissenschaftstheorie und -praxis - als im-
plizite Form der Auseinandersetzung mit dem historischen Materia-
lismus und seiner Leistungsfähigkeit bei der Untersuchung der Be-
dingungen staatlicher Wirtschafts- und Sozialplanung.
Hans-Jürgen Weißbach
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