Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1975


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       Rezensionen
       
       Warren G. Bennis/Kenneth D. Benne/Robert Chin (Eds.):
       

PLANNING OF CHANCE Holt, Rinehart & Winston, London 1961 1, 1969 2 erscheint demnächst in deutsch: Bennis/Benne/Chin: ÄNDERUNG DES SOZIALVERHALTENS.

Konzepte der Humanwissenschaften, Klett Verlag Stuttgart Während der Originaltitel "Planung von Veränderung" die Intentio- nen der Herausgeber wiedergibt, kennzeichnet der Titel der deut- schen Ausgabe "Änderung des Sozialverhaltens" bereits die Me- thode, mit der die Ziele erreicht werden sollen. Der vorliegende Reader liefert ein Beispiel für Versuche der bürgerlichen Sozial- wissenschaften, auf die Veränderungszwänge des Kapitalismus unter dem Titel Planung Steuerungsinstrumente bereitzustellen, wobei hier als besonderer Ansatz die Übertragung verhaltenswissen- schaftlicher Manipulationstechniken auf soziale Prozesse und Strukturen vorgeschlagen wird. Grundprämisse der Autoren ist die Feststellung, daß die einzige Konstante in dieser Welt die "radikale Veränderung" sei (S. IV). Infolgedessen käme es nicht mehr auf die Diskussion, ob Verände- rung oder nicht, sondern auf die Frage an, welche Methoden werden angewandt, um Veränderungen herbeizuführen und zu kontrollieren. Es wird behauptet, sowohl das "freie Spiel der Kräfte" im Kapita- lismus als auch die marxistische Theorie und ihre praktische Um- setzung in den sozialistischen Staaten hätten versagt, weil zu schnelle Wandlungen auftreten; es gelte deshalb einen "dritten Weg" zu finden. Für diesen Weg sehen sie als einzige Möglichkeit die "geplante Veränderung" (planned change), und zwar mit Hilfe von Change agents" (S. VI). Das Leitmotiv des Buches ist die Frage "wie kann der Experte sein Wissen anwenden, um seinem Klienten zu helfen und wie müssen Laien sich verhalten, damit die Experten ihre Rolle als Helfer und Theorieentwickler spielen können?" (S. 3). Schon in dieser Zielsetzung kommt ein Verständnis von Gesell- schaft zum Ausdruck, das ausgeht von parzellierten Individuen, materielle Bedingungen jedoch überhaupt nicht in den Blick be- kommt. Die Leitfrage zu beantworten, ist Absicht des Readers und soll verwirklicht werden, indem "systematisches und entsprechendes Wissen über menschliches Verhalten angewandt wird, um intelli- gente Aktionen und Veränderungen zu bewirken." (S. 4) Die Autoren unterscheiden vier Systeme, die verändert werden kön- nen oder müssen: Selbst oder Rolle, interpersonelle Beziehungen oder Gruppen, formale Organisationen und Kommunen oder ganze Kul- turen. Der Reader gliedert sich in vier Hauptteile, die jeweils mehrere Kapitel umfassen: 1. Die Entwicklung von Planung 2. Elemente der Planung 3. Dynamische Momente von Planung 4. Werte und Ziele. Im ersten Teil des Buches wird einmal "nachgewiesen", daß es be- reits seit der Antike "Change agents" gegeben habe (Plato, Bacon, Moore, Hegel, Marx) und der Ansatz, Gesellschaftsveränderungen über derartige Agenten zu betreiben, kein grundlegend neuer sei. Die Autoren unterscheiden drei Formen von Strategien der Verände- rung: - die empirisch-rationale Strategie Unter der Grundannahme der Rationalität aller Menschen soll ver- sucht werden, durch Aufklärung und Wissensvermittlung das Bewußt- sein der Mitglieder einer Gesellschaft so zu verändern, daß sie ihrem eigenen, vernünftigen Interesse folgen, sobald es ihnen enthüllt wird. - die normativ-reedukative Strategie Die Bedeutung sozialer Normen und Interessen wird berücksichtigt, indem anknüpfend an vorhandene Einstellungen veränderte Einstel- lungen herbeigeführt werden. Die Ergebnisse der Verhaltenswissen- schaften sollen so eingesetzt werden, daß sie den Betroffenen be- wußt werden und die Steuerung durchschaubar bleibt. - die politisch-machtorientierte Strategie Hierbei erfolgt die Implementation von Planung durch den Einsatz von Macht. Die Notwendigkeit und Berechtigung aller drei Strategien wird un- terstellt, die Autoren erklären ihren eigenen Ansatz als der nor- mativ-reedukativen Strategie zugehörig. Damit geben sie dann auch an, wie "geplante Veränderung" stattzufinden habe: sie sei die Anwendung gesicherten Wissens in Kooperation von Klient und Change agent und sei gerichtet auf die Verringerung von Machtun- terschieden. Dafür werden drei Hauptformen angegeben: Training, Beratung und Forschung. Als unhinterfragte Prämissen gehen ein: 1. es gibt gesichertes Wissen, das Verhaltenswissenschaftler be- reitstellen können; 2. Veränderungen sind mit Hilfe von Kooperations- und Partizipa- tionsmodellen zu erreichen; 3. allzu große Machtdifferenzen müssen verringert werden. Daß diese Voraussetzungen durchgängig für die Gesellschaftsauf- fassung der Autoren sind, zeigt sich dann auch in den folgenden Teilen. "Elemente der Planung" beruhen vor allem auf drei Grundlagen: Zum einen müssen Theorien zu Veränderung und Einfluß herangezogen werden als da sind: Theorien der Leistungsmotivation, Konzepte der Meinungsbeeinflussung, der Informationsdiffusion und Protest- absorption (!), sowie Theorien der Sozialisation und der Grup- pendynamik. Zum anderen wird festgestellt, daß die Wissenschaftler (gemeint sind hier wohl die Verhaltenswissenschaftler) mehr und mehr aner- kannt werden als die neue Elite, die relevanten Experten, die zu- ständig sind für die Initiierung von Veränderungsprozessen. Zum dritten wird das Kooperations- und Partizipationsmodell als unabdingbar hingestellt. Zwar kann es Widerstände gegen Verände- rung geben, jedoch helfen hier die Methoden der Human Relations, diese Widerstände abzubauen. Konsensusbildung ist unabdingbar, insbesondere Kommunen und Organisationen müssen sich auf Kompro- misse einigen. Hier wird zwar zugestanden, daß in solche Ent- scheidungsprozesse Macht eingeht, diese Tatsache jedoch als nor- mal und wünschenswert hingestellt. Antagonistische Konflikte existieren für die Autoren nicht, ihrer Auffassung nach können alle Konflikte so angegangen werden, daß sie zu Kooperationsmodellen umzugestalten sind, sofern die Betei- ligten nur über genügend "Realitätssinn" verfügen. So können auch Arbeitskonflikte in Problemlösungsansätze gewendet werden. Ist jedoch der "Realitätssinn" verloren gegangen, hilft nur noch So- zio- oder Psychotherapie. Diese medizinisch-therapeutische Auffassung taucht auch explizit bei den "Kräften der Planung" wieder auf, den Strategien und In- strumenten. Veränderung wird im Lewinschen Sinne als Veränderung von Kraftfeldern verstanden. Es kommt also vor allem darauf an, die jeweiligen Kräfte im Umfeld eines Individuums oder einer Or- ganisation zu erkennen, um dann durch ihre Umstellung die ge- wünschten Veränderungen zu bewirken. Diese Kräfte sind bei Lewin vor allem individuelle Einstellungen und Werthaltungen. Auf deren Beeinflussung zielen dann auch die Instrumente der Planung: Sen- sitivity Training, Diagnose, Exploration, Beratung. Für die Veränderung von Organisationen kommt es, so Bennis, Benne und Chin, vor allem darauf an, mit dem "gesunden" Teil der Orga- nisation, d.h. dem, der auch Veränderung wünscht, zusammenzuar- beiten. Der widerstrebende Teil muß mit Strategien zum Abbau des Widerstandes angegangen werden. Zu solchen Strategien gehört z.B., daß man den Betroffenen klarmacht, auch sie wollten eigent- lich die Veränderung, ihnen also Veränderungswünsche unter- schiebt. Wird hier deutlich, welche "Wertauffassungen" hinter einer sol- chen Konzeption stehen, so werden im Teil über "Werte und Ziele" ausdrücklich noch einmal Überlegungen angestellt, "welche Rich- tung die Zukunft einnehmen solle" und wie der Change agent zu dieser Zukunftsauffassung kommt. Es folgen zuerst die Auflistung allgemeiner Werte wie "Wachstum" und die "Vereinigung aller Menschen", dann die Angabe von "Prognose" und "Prophetie" als Methoden ihrer Umsetzung. Gefor- dert wird, daß die Change agents persönliche Stellungnahmen ex- plizieren müßten. Diese Stellungnahmen sind dann wiederum die in- dividuelle Norm der Change agents; ihre Einbindung in gesell- schaftliche Verhältnisse wird nicht erkannt. Das Buch trägt Theo- reme der Verhaltenswissenschaften zusammen und bemüht sich, an- wendungsbezogen zu sein. Der hier vertretenen Verhaltenswissen- schaft fehlt jedoch die gesellschaftswissenschaftliche Grundlage, die Erkenntnis, daß gesellschaftliche Bedingungen ihren Kern im System der materiellen Produktion haben, nicht in individuellen Prozessen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Planungsan- satz, wie er in diesem Buch vertreten wird, überträgt therapeuti- sche Verfahren auf Organisationen, betriebssoziologische und -psychologische Erkenntnisse auf ganze Kulturen, er greift damit nicht nur zu kurz, sondern an vielen Stellen falsch. Die von Bennis, Benne und Chin vertretene individualistische Kon- zeption sowohl gesellschaftlicher Verhältnisse als auch der dar- aus entstehenden Zielsetzungen mündet notwendig in einer sozial- technologischen Instrumentalisierung der Verhaltenswissenschaften für "political and industrial elites" (S. 112). Hannelore Faulstich-Wieland zurück