Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1975
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MATERIALIEN ZUR WOHNUNGSBAUPOLITIK IN WESTBERLIN *)
Einleitung: Entwicklungstendenzen
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in der Wohnungsplanung Westberlins
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1.
Als am 13. August 1961 die Deutsche Demokratische Republik ihre
Staatsgrenze gegenüber den Westsektoren von Berlin vervollstän-
digte, waren der Westberliner Industrie mit einem Schlag ("Schlag
dreizehn" H. Baierl 1)) rund 60 000 Arbeitskräfte verloren 2).
Die gesamte Wohnungsproblematik hatte mit diesem Datum eine neue
Seite erhalten, die es in den Vorstellungen der bürgerlichen
Stadtplanung noch nicht gab.
Während die Wohnungsplanung der Städte üblicherweise nur mit dem
Wohnbedarf eines Teils der Arbeitskräfte rechnete, da der übrige
Teil aus dem "natürlichen Umland" einpendelte, hatte sie es in
Westberlin seit dem August 1961 mit 100 % der Arbeitskräfte zu
tun. Pendler fehlten seitdem, wenn man einmal von den paar Füh-
rungskräften absieht, die täglich die unkontrollierten Flugrouten
benutzten. Das Problem war noch dadurch kompliziert, daß der Er-
satz der 60 000 erst einmal durch attraktive Angebote vor allem
an Wohnungen für junge Familien beschafft werden mußte.
Dabei hatte Westberlin mit dem Jahr 1960 gerade das erste
"Normaljahr" hinter sich, das Jahr, "in dem die Wirtschaft der
Stadt erstmals die Vollbeschäftigung erreichte" (d.h. 3,1% Ar-
beitslosigkeit), das zugleich "das letzte volle Kalenderjahr vor
dem Mauerbau" war 3). Außerdem bezeichnet das Jahr 1960 etwa den
"Abschluß der Wiederaufbauphase" 4). Bei einem Fehlbedarf von
rund 100 000 Wohneinheiten für die in Westberlin ansässige Bevöl-
kerung war eine aktive Wohnungspolitik jedoch eine unerläßliche
soziale Aufgabe, wenn auch bei dem hohen Anteil alter Menschen an
der Westberliner Bevölkerung und der dadurch erforderlichen
großen Zahl von Kleinwohnungen für Alleinstehende mehr Wohnein-
heiten pro Einwohner zu schaffen waren als etwa in den Großstäd-
ten der BRD. Außerdem lagen nach einer Untersuchung des Senats
aus dem Jahre 1961 "rd. 470 000 vor dem 1. Weltkrieg gebaute Woh-
nungen in erneuerungsbedürftigen Gebieten" 5), von denen selbst
430 000 "entweder verbesserungsfähig oder abbruchreif" 6) waren.
Das sind über 50% des Bestandes von 858 609 Wohneinheiten im
Jahre 1961.
Dennoch sind die Entscheidungen der Westberliner Wohnungsplanung
in den 60er Jahren wesentlich von anderen als diesen sozialen
Problemen beeinflußt worden.
2.)
Betrachtet man zunächst den flächenmäßigen Wohnungsbau, d.h. den
Sozialen Wohnungsbau in Gebietsausmaß, so fällt auf, daß er na-
hezu ausschließlich außerhalb des S-Bahn-Ringes errichtet wurde,
wobei die Anfänge der Planungen auch für solche Gebiete wie Fal-
kenhagener Feld, Märkisches Viertel und Gropiusstadt in die 50er
Jahre zurückgehen. Die Hauptschwerpunkte bildeten Spandau, Char-
lottenburg-Nord, Reinickendorf und der Süden der Stadt insbeson-
dere in Neukölln. Der Westberliner Innenstadtbereich blieb bis
auf unbedeutende Objekte frei von Sozialem Wohnungsbau, obgleich
Gebiete vorhanden waren, die für den Wohnungsbau hätten herange-
zogen werden können.
Die Gründe für diese Standortwahl liegen andererseits auch kaum
in der Absicht, die Wohnungen der arbeitenden Menschen in die
Nähe ihrer Arbeitsplätze zu bringen, obgleich die erklärte Poli-
tik der Auflockerung und Durchgrünung der Stadt auch zur Er-
schließung neuer Gewerbe- und Industriestandorte an der Stadtpe-
ripherie führte und heute der Senator für Wirtschaft Investoren
dadurch für Westberlin zu interessieren versucht, daß er ihnen
"Industrie-Ansiedlungsgebiete - meist in unmittelbarer Nähe der
neuen Großwohnsiedlungen" 7) - anbietet.
Wenn man einmal von der für Westberliner Verhältnisse schlechten
Verkehrsanbindung des Märkischen Viertels absieht, die tatsäch-
lich zu einer Korrelation Arbeitsgebiet - Wohngebiet geführt hat,
ist das gesamte Westberliner Stadtgebiet verkehrstechnisch ver-
gleichsweise gut erschlossen, so daß die Mobilität der Bevölke-
rung nicht an den Bezirksgrenzen endet. Die Korrelation Arbeits-
und Wohnstandort ist also kaum als Grundlage der Standortent-
scheidungen anzusehen. Man kann allenfalls sagen, sie sei im
Falle Märkisches Viertel in Auswirkung des S-Bahn-Boykotts und
der fehlenden U-Bahn und leistungsfähigen Ausfallstraßen künst-
lich erzeugt worden.
Die Sperrung der Westberliner Innenstadt für den Sozialen Woh-
nungsbau stellt die entscheidende Grundlage für das Planungsziel
dar, bereits mit Beginn der 60er Jahre Wohnungen im Rahmen des
Sozialen Wohnungsbaus ausschließlich außerhalb des S-Bahn-Ringes
zu errichten. Sie war begründet mit einer Kombination aus Haupt-
und Weltstadtzielsetzungen für Westberlin, die sich ja bis heute
in "Anpassung" an die realen Verhältnisse zu reinen Weltstadtvor-
stellungen weiterentwickelt haben. Ein bandförmiges Gebiet der
Innenstadt von Halensee bis zur Friedrichstadt (das sogenannte
Cityband) wurde als Kerngebiet ausgewiesen, Gebiete im Bezirk
Tiergarten, die noch heute brachliegen, wurden Hauptstadtfunktio-
nen vorbehalten. Zudem wurde 1959 mit der "Einführung der Ab-
schreibungspräferenz" als "außergewöhnlicher Maßnahme" 8) die er-
ste Bauförderungsbestimmung in die Berlinhilfe-Gesetzgebung auf-
genommen, so daß im Laufe der 60er Jahre in steigendem Maße bei
steigenden Bodenpreisen wertvolle innerstädtische Baugrundstücke
- besonders in der Nachbarschaft des Kerngebietes - mit spekula-
tiven Wohn- und Geschäftsbauten aufgefüllt wurden.
Wenn man davon absieht, daß die Befreiung der Innenstädte von
Wohnfunktionen im kapitalistischen, so auch im Westberliner,
Städtebau der Normalfall ist, so bleibt als Besonderheit für
Westberlin noch die Vorbehaltung wertvollen Baulandes für eine
imaginäre gesamtdeutsche Regierungszukunft, die mit die Ursache
dafür ist, daß das Westberliner Innenstadtgebiet in den 60er Jah-
ren für den Sozialen Wohnungsbau tabu war und daß in der Orien-
tierung der Westberliner Bevölkerung auf neue Wohngebiete das
Stadtzentrum immer mehr an Kontur verlor und die Stadtgrenze
diese immer mehr gewann.
3.
Es ist hier natürlich nicht grundsätzlich dagegen zu argumentie-
ren, Wohngebiete auch außerhalb der Stadtkerne anzusiedeln, son-
dern zu untersuchen, warum dies in Westberlin zu einem so frühen
Zeitpunkt und in einem so großen Ausmaß bei stagnierender Bevöl-
kerungsentwicklung geschehen ist. Dieses Ausmaß ist besonders an
dem auch international bekannt gewordenen "Märkischen Viertel" zu
sehen.
Während das Programm der Arbeitskräfte-Anwerbung in der BRD nur
sehr schleppend Früchte trug, vor allem weil das Wohnungsangebot
für eventuell bleibewillige junge Ehepaare und für die Entlastung
der Frauen von Haus- und Erziehungsarbeit zu ihrer Eingliederung
in die Produktion unzureichend war und weil die BRD-Industrie mit
geringem "Aufwand qualifizierte Fachkräfte" aus Westberlin abwarb
9), während das Wohnungsdefizit nicht ab- sondern auf 138 000
Wohneinheiten zunahm 10), wuchsen in den 60er Jahren an der West-
berliner Peripherie die drei riesenhaften Neubaugebiete Falkenha-
gener Feld, Märkisches Viertel und Gropiusstadt heran.
Der Westberliner Senat hatte 1963 sein 1. Stadterneuerungspro-
gramm vorgelegt. Die Zielsetzung dieses Programms war die Besei-
tigung gewisser baulicher und bevölkerungsmäßiger Strukturen. Es
legte förmliche Sanierungsgebiete aus dem Gürtel der Alt- und Äl-
testbauten Westberlins fest. Nach den Programmzielsetzungen war
zu erwarten, daß ein großer Teil der ansässigen Bevölkerung die
Sanierungsgebiete würde verlassen müssen.
Bis heute haben zwar Überlegungen, zum Beispiel auf Grundlage der
realistischen Einsicht, daß Westberlins Fläche von 480 qkm nicht
vergrößerbar sei, dazu geführt, die Erneuerung von sanierungsbe-
dürftigen Innenstadtgebieten mit höherer Ausnutzung der Grundflä-
che, d.h. unter geringerem Verlust an Wohneinheiten, weiterzufüh-
ren. Es hat sich jedoch gezeigt, daß nicht nur ein großer Teil
der ansässigen Bevölkerung, sondern praktisch die gesamte Bevöl-
kerung die Sanierungsgebiete verlassen muß und kaum die Chance
hat, in Sanierungsneubauten zurückzukommen. Die Gründe liegen zum
einen im höheren Mietniveau, zum anderen in der Sanierungsdauer.
Bis heute ist das 1. Stadterneuerungsprogramm, was seine Neubau-
ten angeht, erst etwa zu einem Fünftel durchgeführt, obwohl um
diese Zeit das gesamte Programm abgeschlossen sein sollte. We-
sentlich weiter durchgeführt ist jedoch ein anderer Teil dieses
Programms: Auch ohne Altbauabriß - oder wie es in der Amtssprache
heißt: ohne Behördeneingriff - wanderte während der 60er Jahre
ein großer Teil der Bewohner der Sanierungsgebiete ab und kam zu-
meist in den Neubaugebieten der Stadtperipherie unter. Der Woh-
nungs- und Stadtplanung war es gelungen, eine große Bevölkerungs-
gruppe innerhalb der Stadt umzudirigieren, ohne in den Sanie-
rungsgebieten einen Schritt vorangekommen zu sein: Die "förmlich
festgelegten" Sanierungsgebiete sind heute, trotz der vereinzelt
schon vorhandenen Neubauten, in einem schlimmeren baulichen und
gesellschaftlichen Zustand als je zuvor. Und für die Neubauge-
biete in den Außenbezirken wurde durch diese innerstädtische Be-
völkerungswanderung ein Wohnbedarf erzeugt, der in diesem Ausmaß
nicht hätte entstehen müssen.
4.
Aufgabe in den 60er Jahren war es, Arbeitskräften, die die Ab-
sicht hatten, nach Westberlin zu kommen und hier zu bleiben, Neu-
bauwohnungen anzubieten, außerdem einen behutsamen Stadterneue-
rungsprozeß in dang zu bringen, der es der Bevölkerung ermöglicht
hätte, in ihren angestammten Wohngebieten zu bleiben.
Es wurden aber nicht Neubauten, sondern in zunehmendem Umfang die
Alt- und Ältestbauten in den Sanierungsgebieten für auswärtige
Arbeitskräfte geplant. Die Westberliner Industrie hatte sich _
gleich ihrer Konkurrenz aus der BRD _ im Laufe der 60er Jahre
verstärkt auf einem Arbeitsmarkt nach Arbeitskräften umgeschaut,
der vor allem im Süden Europas, auch in Kleinasien, lag. Sie
brauchte für eine übersehbare Phase der 60er und 70er Jahre, nach
der ein neuer Rationalisierungsschub ihre Produktionskapazitäten
auf endgültig konkurrenzfähiges Niveau heben würde, für ihre ar-
beitsintensive Fertigungsproduktion anlernbare Arbeitskräfte.
Diese Arbeitskräfte kamen etwa ab 1963 - mit einem Zuzugsmaximum
von 22 000 im Jahre 1969/70 - vor allem aus Italien, Jugoslawien,
Griechenland und der Türkei. Für sie wurden die Wohnungen in den
Sanierungsgebieten bereitgehalten.
Während bereits im Jahre 1965 die Westberliner Industrie- und
Handelskammer den Regierenden Bürgermeister bat, "die Sanierung
so lange zurückzustellen, bis auf dem Wohnungsmarkt ein Ausgleich
zwischen Angebot und Nachfrage eingetreten sei" (11), was nichts
anderes heißt, als den Altbauabriß in den Sanierungsgebieten zu
stoppen, stellte sie im Jahre 1968 folgende Überlegungen an:
"Zwischen Räumung und Abriß der Wohnungen liegt im allgemeinen
eine beträchtliche Zeitspanne, weil es immer noch viel Mühe und
Geduld erfordert, sämtliche Mieter eines Gebäudes zu bewegen,
ihre Wohnungen zu räumen. So ist ein Leerwohnungsbestand entstan-
den, der Ende 1968 rund 1800 Wohnungen betrug. Über seine zeit-
weilige, wenn auch kurzfristige Verwendung sollte man sich viel-
leicht Gedanken machen." (12) Die Dauer der Verwendung für aus-
ländische Arbeiter, nach der dann die Sanierungswohnungen restlos
abgewirtschaftet sein würden, war bereits damals abzusehen. Dann
wird sich auch die für die Bauwirtschaft so wenig profitable Alt-
baumodernisierung in vielen Sanierungsgebieten erübrigt haben.
Jan Knoop
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*) Der folgende Beitrag besteht aus zwei Teilen: Der Hauptteil
über die aktuelle Situation im Westberliner Wohnungsbau ist einem
Bericht entnommen, den ein Arbeitskreis der Fachgruppe der Ange-
stellten aus Architektur- und Ingenieurbüros in der IG Bau,
Steine, Erden (Verwaltungsstelle (West-)Berlin) anläßlich der ge-
genwärtigen Krise der Bauwirtschaft verfaßt hat.
Diesem Bericht sind Thesen zur Wohnstandortplanung in Westberlin
vorangestellt, um den historischen und räumlichen Zusammenhang
der Westberliner Wohnungsbaupolitik kenntlich zu machen. Verfas-
ser der Thesen ist Jan Knoop.
1) Helmut Baierl: "Schlag dreizehn", Stück in fünf Akten nach Be-
richten und Dokumenten, in: THEATER DER ZEIT 8/1971, Berlin/DDR.
2) Vgl. "Jahresbericht der Industrie- und Handelskammer zu Ber-
lin" (IHK), 1961, in: DIE BERLINER WIRTSCHAFT 15, 12.5.1962,
Westberlin, S. 454.
3) Vgl. STUDIEN ZUR LAGE UND ENTWICKLUNG WESTBERLINS, Gutachten,
erstattet von der Wissenschaftlichen Beratungskommission beim Se-
nat von Berlin, Westberlin 1968, S. 27.
4) Senator für Bau- und Wohnungswesen: 10. BERICHT ÜBER STADTER-
NEUERUNG, AbgHaus-Drucksache 6/1035, Westberlin, Vorwort.
5) ders.: 1. BERICHT ÜBER DIE STADTERNEUERUNG IN BERLIN, Abg-
Haus/DrS 4/556, Westberlin, S. 2.
6) Ebenda.
7) Senator für Wirtschaft: INVESTIEREN - PRODUZIEREN IN BERLIN,
Westberlin, Januar 1971.
8) STUDIEN ZUR LAGE ..., a.a.O.
9) Klaus-Dietrich Hantelmann: "Wirtschaft und Politik in Westber-
lin", in: DWI-FORSCHUNGSHEFT 3/1970, Berlin/DDR, S. 64.
10) IHK-Jahresbericht 1966, in: ebenda 9, 21.3.1967, S. 298.
11) IHK-Jahresbericht 1965, in: ebenda 8, 11.3.1966, S. 277.
12) IHK-Jahresbericht 1968, Westberlin o.J., S. 45.
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