Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976
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Diskussion & Kritik
Philosophie und Politik bei Althusser - Kritische Beiträge (1)
ZUR EINSCHÄTZUNG ALTHUSSERS DURCH DAS PROJEKT KLASSENANALYSE:
LOUIS ALTHUSSER - MARXISTISCHE KRITIK AM STALINISMUS?,
BERLIN (WEST) 1975 *)
In einer Reihe von Monographien über bedeutende Politiker und
Theoretiker der internationalen Arbeiterbewegung mit dem An-
spruch, deren jeweiligen "Beitrag zur Verflachung bzw. Wiederge-
winnung revolutionärer Theorie und Politik" zu untersuchen, hat
das Westberliner Projekt Klassenanalyse eine Studie über Louis
Althusser veröffentlicht.
Althusser wird in der Einleitung gewürdigt als "Mitglied der KPF
und profiliertester theoretischer Repräsentant der 'Partei-
linken'", der sich um drei für die marxistische Diskussion
zentrale Probleme verdient gemacht hat: 1. Kritik an der Stalin-
schen Version des wissenschaftlichen Sozialismus bei gleichzeiti-
ger Abgrenzung von sozialdemokratischen Tendenzen; 2. erneute
Lektüre des Kapital mit dem Ziel der Rekonstruktion des wissen-
schaftlichen Gehalts der Marxschen Theorie; 3. Durchsetzung der
Freiheit von Forschung und Kritik innerhalb der KPF.
Die Schrift ist in drei Hauptabschnitte gegliedert.
Der erste Abschnitt untersucht die "theoretische Basis" /15/ von
Althussers Kapital-Interpretation, wie sie vor allem in Das Kapi-
tal lesen vorliegt. Althussers methodologische Vorüberlegungen
zur Lektüre des theoretischen Hauptwerks von Marx beanspruchen,
die in ihm implizierte marxistische Philosophie als Theorie der
Produktion von Erkenntnissen (Dialektischer Materialismus) expli-
zit zu formulieren. Diese Explikation sieht Althusser als eine
notwendige Voraussetzung an für das Begreifen der theoretischen
Revolution, die mit Marx sich vollzogen hat: die Konstituierung
der Wissenschaft von der Geschichte (Historischer Materialismus)
im Bruch mit den bisherigen ideologischen Geschichtsvorstellun-
gen. In diesen Zusammenhang stellt Althusser Marxens Neukonstitu-
tion des Gegenstands der Politischen Ökonomie durch den Prozeß
ihrer Kritik. Die Autoren versuchen nun nachzuweisen, daß Althus-
sers Anspruch, in kritischer Auseinandersetzung mit empiristi-
schen und historizistischen Interpretationen der marxistischen
Theorie dem von Marx im Kapital "praktizierten" dialektischen Ma-
terialismus eine ihm adäquate theoretische Form zu geben, ihr
selbst nicht angemessen sei. Althusser gehe von falschen Voraus-
setzungen aus: nämlich von der Position einer "Wissenschaft vor
der Wissenschaft" /119/. Deshalb gelinge es ihm weder, den
"Zusammenhang von materiellem Sein, gewöhnlichem und wissen-
schaftlichem Bewußtsein" /65/ zu entwickeln, noch einen richtigen
Begriff vom Gegenstand der Kritik der Politischen Ökonomie zu
vermitteln. Seine Überlegungen zu den im Kapital "verborgen
gebliebenen Prinzipien einer marxistischen Philosophie" /118/ er-
wiesen sich "als von außen herangetragene Voraussetzungen, als
selbst ideologisch bestimmte Bewußtseinsformen" /119/, die ihm
den systematischen Nachvollzug der Genesis der Kategorien der
Kritik der Politischen Ökonomie verstellten und es ihm nicht er-
laubten, die marxistische Theorie selbst noch als theoretischen
Reflex der sich entwickelnden kapitalistischen Gesellschaft zu
begreifen.
Der zweite Abschnitt behandelt Althussers Staats- und Ideologie-
theorie. Er stützt sich im wesentlichen auf seinen Aufsatz über
I d e o l o g i e u n d i d e o l o g i s c h e S t a a t s-
a p p a r a t e. Es wird versucht zu zeigen, daß Althusser
aufgrund seines "mangelnden Bewußtseins von der Formbestimmtheit
der sozialen Prozesse" /148/ weder zu einer angemessenen
Charakterisierung der Struktur von Ideologien noch ihrer
Funktionsweise gelangt. Sein Unverständnis der spezifischen Form
des Zusammenhangs ökonomischer Formen und aus ihnen unmittelbar
entspringenden gang und gäben Denkformen der Produktionsagenten
versperre ihm den Zugang zu ihrer Vermittelung mit den ideologi-
schen Institutionen de Überbaus der bürgerlichen Gesellschaft,
den "ideologischen Staatsapparaten"; Der "grundsätzliche Idealis-
mus von Althusser" /152/, sein Festhalten an der Notwendigkeit
und am Existenzrecht einer marxistischen Philosophie innerhalb
der marxistischen Theorie und sein daraus folgendes "freies Rä-
sonnieren über formbestimmte, allein für die bürgerliche Gesell-
schaft charakteristische Zusammenhänge" (ibid.), mache sich "auch
in seiner Ideologietheorie geltend" (ibid.).
In einem dritten Abschnitt wird versucht, auf dem Hintergrund der
bisherigen Analyse der theoretischen Mängel der Althusserschen
Interpretation der marxistischen Theorie seine Konzeption revolu-
tionärer Taktik, seine politische Position einzuschätzen. Die Au-
toren betonen einerseits ihr Einverständnis mit Althussers kriti-
scher Haltung gegenüber der von der internationalen kommunisti-
schen Bewegung immer noch nicht ausreichend geleisteten Stalinis-
mus-Kritik, seinen Hinweis auf die Notwendigkeit verstärkter Aus-
einandersetzung mit kleinbürgerlichen "humanistischen" Tendenzen
im Zusammenhang mit der Entwicklung eines breiten Bündnisses al-
ler antimonopolistischen Kräfte durch die Kommunistischen Par-
teien sowie sein Einstehen für eine offene wissenschaftliche Aus-
einandersetzung in der KPF bei Wahrung der Einheit in der Aktion.
Andererseits gelangen sie zu der Ansicht, daß sein eigener Bei-
trag zur Analyse der politischen und theoretischen Positionen des
Stalinismus verkürzt sei. Das Verständnis der Autoren von der
"Dogmatisierung der Theorie" /8/ in der Periode des Stalinismus,
für die charakteristisch sei, daß "an die Stelle der Einsicht in
die spezifischen Formen der Gesellschaftlichkeit... die
S t a n d p u n k t l o g i k (trat)" /9/, legt vielmehr nahe,
daß die im Untertitel ihrer Untersuchung formulierte Frage:
"Louis Althusser - marxistische Kritik am Stalinismus?" zu ver-
neinen sei. Zu verneinen gerade auch bezüglich Althussers
"Selbstkritik", in der er zwar den "Klassenkampf ... als das ent-
scheidende Erklärungsmoment der Genesis des wissenschaftlichen
Sozialismus charakterisiert" /16/, jedoch "die Ableitung dieser
philosophischen Position als Voraussetzung der Konstituierung des
wissenschaftlichen Sozialismus" /17/ vermissen lasse. Zudem
bringe seine Auffassung vom Verhältnis von Proletariat und seiner
Avantgarde eine "deutliche Überschätzung des Stellenwerts des
theoretischen Ausdrucks der wirklichen? Bewegung und des Einflus-
ses der proletarischen Partei für die Entwicklung des Klassenbe-
wußtseins" /172/ zum Ausdruck. Abschließend wird festgestellt:
"Auf Basis einer unabhängig von den Formen des materiellen Pro-
duktionsprozesses ; stattfindenden freien Reflexion über Klas-
senstandpunkt, Philosophie, ideologische Bewußtseinsformen oder
Funktionsmechanismen des staatlichen geistigen Unterdrückungsap-
parates ist... kein Zugang zu einer konkreten Klassenanalyse, zu
einer präzisen Einschätzung der Bewußtseinsentwicklung der arbei-
tenden Klassen und damit zu einer adäquaten Beeinflussung der
Parteiauseinandersetzungen um die revolutionäre Politik der Be-
schleunigung des Auflösungsprozesses von Klassenvorurteilen gege-
ben" /173/.
So berechtigt speziell die Einwände gegen Althussers Kapital-Lek-
türe sind, wo sich eben doch jene selbstkritisch vermerkte
"theoretizistische Tendenz" bemerkbar macht, von der er selbst
eben diese Lektüre ausnehmen zu können glaubt, so hält es das
Projekt Klassenanalyse doch offenbar nicht für nötig, ein Zen-
tralproblem Althussers in den hier untersuchten Arbeiten her-
auszuheben und am P r o b l e m gegenüber den erteilten Antwor-
ten, wie immer sie auch ausgefallen sein mögen, festzuhalten: die
S t r u k t u r d e s t h e o r e t i s c h e n K o n s t i-
t u t i o n s p r o z e s s e s v o n W i s s e n s c h a f t
und das b e s t i m m t e V e r h ä l t n i s v o n W i s-
s e n s c h a f t u n d P h i l o s o p h i e i m M a r-
x i s m u s; mithin das Verhältnis von historischem und dia-
lektischem Materialismus in ihrer jeweiligen Gegenstandsbe-
stimmung. Die damit verbundene Frage nach dem Status m a r-
x i s t i s c h e r P h i l o s o p h i e löst das Projekt
dadurch, daß es sie als falsch gestellt betrachtet. Es ist zum
einen der wissenschaftliche Sozialismus schlicht positives
Wissen, in dem Philosophie, zumal marxistische, als besondere
Denkform aufgehört hat zu existieren. Zum anderen wird der
Konstitutionsprozeß wissenschaftlichen Wissens als das Ba-
sisproblem jeder materialistischen Wissenschaftstheorie in histo-
rischer Absicht historizistisch und soziologistisch reduziert:
"Die Herausarbeitung wissenschaftlichen Denkens aus den gewöhnli-
chen Bewußtseinsformen ist nichts anderes als der gedankliche Re-
flex dieses Prozesses des Hervortretens des inneren Zusammenhangs
der Erscheinungsformen" /64/. Wenn aber positives Wissen (= Wis-
senschaft) gleichermaßen wie Alltagsbewußtsein (= Ideologie) als
"bloßer Reflex" der sich entwickelnden gesellschaftlichen Ver-
hältnisse aufzufassen sind und mit deren Entwicklung sich gewis-
sermaßen von selbst ergeben, so fällt nach dieser Seite hin auch
ihr Unterschied. Zwar setzt wissenschaftliches Denken gegenüber
dem unmittelbaren Verhaftetsein des Alltagsbewußtseins an den
Oberflächenformen der Gesellschaft das Bewußtsein über die sich
in diesen Formen ausdrückenden inneren Zusammenhänge. Wenn es
aber seiner Entstehung nach selbst grundsätzlich an das Sichtbar-
werden, das Manifestwerden der inneren Zusammenhänge 1n der Ent-
faltung seines Gegenstands gebunden bleibt, so wird damit in der
Perspektive genau jener Tatbestand aufgelöst, den Marx - und
durchaus nicht nur auf Gesellschaftserkenntnis bezogen! - als
konstitutiv für die Notwendigkeit wissenschaftlicher Arbeit über-
haupt ansieht, wenn er ex negativo formuliert, daß jede Wissen-
schaft überflüssig wäre, wenn Wesen und Erscheinung des jeweils
untersuchten Gegenstandes unmittelbar zusammenfielen. Im Heraus-
bildungsprozeß wissenschaftlichen Wissens höbe sich dieses dem-
nach selbst als wissenschaftliches auf.
Zentralen erkenntnistheoretischen Stellenwert hat, wie gezeigt,
beim Projekt Klassenanalyse die Forderung nach dem Begreifen des
wissenschaftlichen Sozialismus als System positiven Wissens von
den Natur-, Gesellschafts- und Denkformen, das selbst ein histo-
risch spontan sich entwickelndes Produkt der bürgerlichen Gesell-
schaft ist. Festzuhalten bleibt, daß diese Forderung in der Ver-
absolutierung eines richtigen Moments zwei falschen Tendenzen
Raum gibt:
Einer historizistischen: denn sie reduziert den komplexen Bedin-
gungszusammenhang einer Theorie der Entwicklung von Erkenntnis
als Wissenschaftsgeschichte auf die bloße Tatsache der histori-
schen Kontingenz von Erkenntnis als jedesmaligem "bloßen Reflex"
einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsetappe.
Einer soziologistischen: denn sie berücksichtigt nicht die unter-
schiedlichen Gegenstände und damit unterschiedlichen Entstehungs-
bedingungen (von der Objektseite her gesehen) von Erkenntnis über
diese Gegenstände: Natur, Gesellschaft und Denken.
So wird in einer unvermittelten Aufhebung aller Unterschiede
letztlich eine abstraktes und in dieser Abstraktion der marxisti-
schen These von der letztinstanzlichen Einheit der Wissenschaften
entgegengesetztes unterschiedsloses Einheitswissen "wissen-
schaftlicher Sozialismus" konstruiert, wobei die übermächtigen,
die gesellschaftliche Realität mystifizierenden und selbst
mystifizierten Denkformen der bürgerlichen Ideologie mit dem
"wissenschaftlichen Wissen" seltsamerweise gerade das gemein ha-
ben, was als Kriterium für seine W i s s e n s c h a f t-
l i c h k e i t fungiert: ihre historische Kontingenz. Ohne
diesen Widerspruch in der eigenen Argumentation käme das Projekt
Klassenanalyse zweifellos zu einer s e l b s t k r i t i-
s c h e r e n Auseinandersetzung mit den I n t e n t i o n e n
des von ihm des "grundsätzlichen Idealismus" bezichtigten Louis
Althusser: Klarheit zu schaffen über die Rolle der marxistischen
Philosophie im Kampf der Arbeiterklasse g e g e n den
Kapitalismus und über ihre Stellung und Funktion i m Gesamtzu-
sammenhang der marxistischen Theorie.
Hans-Jörg Rheinberger
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*) Die Seitenangaben in Querbalken beziehen sich im folgenden auf
diesen Text.
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