Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976


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       Diskussion & Kritik
       Diktatur des Proletariats
       
       François Hincker
       

FÜR EINE KRITISCHE ASSIMILATION DER THEORIE *)

Wie wir bereits im Editorial der letzten Nummer von "La Nouvelle Critique" bemerkt haben, hat der 22. Parteitag der FKP, um auf die schon massiven Fragen an die Kommunisten über ihre Konzeption der sozialistischen Macht und den politischen Übergang vom gegen- wärtigen Regime zum Sozialismus zu antworten, die theoretischen Schlußfolgerungen aus der Praxis gezogen: unter den Bedingungen des kapitalistischen, von der Macht der Monopole beherrschten Frankreich von 1976 wird die sozialistische Revolution den demo- kratischen Weg beschreiten, den Weg der Klassenkämpfe und der allgemeinen Wahlen, die die Übereinstimmung von politischer Mehr- heit und Wählermehrheit aufzeigen; er wird die arbeitende Bevöl- kerung, deren führender Teil die Arbeiterklasse ist, an die Macht bringen. Es ist ganz natürlich, daß diejenigen, die sich der KP zuwenden, gleichzeitig theoretische Anforderungen stellen in be- zug auf ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigenen Vorstellungen und diesen theoretischen und politischen Schritt verbinden wollen mit den gesamten Erfahrungen der marxistisch-leninistischen Kon- zeption von Staat und Revolution. Denn genau das ist es, wovon der 22. Parteitag handelt: Staat und Revolution in Frankreich heute. Wir wollen beitragen zur Erfüllung dieser Anforderungen, indem wir Überlegungen beisteuern, die vielen Diskussionen in Vorberei- tung des Parteitages und bei der Verbreitung seiner Ergebnisse, mit Kommunisten wie auch weit darüberhinaus, entstammen. Zuvor wollen wir daran erinnern, woraus sich der marxistisch- leninistische "Corpus" über dieses Thema zusammensetzt, und gleichzeitig unterstreichen - was eigentlich nicht gesagt werden brauchte, aber besser noch einmal gesagt wird - daß der theoreti- sche Teil dieser Texte jeweils hervorgeht aus der Notwendigkeit, aus der Sicht der Arbeiterklasse auf eine konkrete politische Si- tuation zu antworten: wie könnte man z.B. nicht daran denken, daß S t a a t u n d R e v o l u t i o n nicht die Seiten 393-507 des 25. Bandes von Lenins Werken bedeutet, sondern, nach dem Un- tertitel, die Bestimmung der A u f g a b e n d e s P r o l e- t a r i a t s i n d e r R e v o l u t i o n? Die Theorie hat bei Marx und Lenin rächt den gleichen Status wie in Spinozas T r a c t a t u s oder in der Hegelschen P h i l o s o p h i e d e s R e c h t s. Sie ist nicht mehr im historischen Relati- vismus befangen. Sie ist Theorie des gegenwärtigen Augenblicks, der konkreten Situation. Sie ist hervorgegangen aus der gegen- seitigen Beeinflussung von älteren Erfahrungen der revolutionären Arbeiterbewegung und der veränderten Praxis dieser konkreten Situation. Deswegen zögern wir auch nicht zu versichern, daß beispielsweise die K r i t i k d e s G o t h a e r u n d d e s E r f u r t e r P r o g r a m m s (Beitrag zur Diskus- sion um einen Parteitagstext), S t a a t u n d R e v o l u- t i o n und das Dokument des 22. Parteitags der Französischen Kommunistischen Partei das gleiche theoretische Gewicht haben, sich auf der gleichen Ebene befinden, der der kommunistischen Theorie, die eben nicht die der "Theorie" des "Kathedersozia- lismus" ist. Was ist also dieser "Corpus", diese Textgrundlage? Er beginnt, als Marx die Hegelsche Rechtsphilisophie kritisiert und dabei herausstellt, daß das Gesetz, das Recht, der Staat weder die Ver- körperung der absoluten Idee noch der willkürliche Ausdruck einer Übereinkunft von Individuen sind, sondern die politische Ebene des Kampfes von Klasseninteressen und der politische Ausdruck des Kräfteverhältnisses dieser Klassen. In der D e u t s c h e n I d e o l o g i e g e h t er weiter: der Staat ist nicht ein- fach die politische Ebene des Klassenkampfes, sondern dabei In- strument der herrschenden Klasse, weshalb "jede nach der Herr- schaft strebende Klasse (...) sich zuerst die politische Macht erobern muß" (MEW 3, S. 34). Die Begegnung mit dem Pariser Proletariat, wo, durch die Vermitt- lung Babeufs, über die G e s c h i c h t e d e r V e r- s c h w ö r u n g d e r G l e i c h e n von Buonarroti, über Blanqui, die proletarische Version der jakobinischen Konzeption der Revolutionären Diktatur - d.h. der zeitweisen nach dem Vorbild der antiken Römischen Republik - verbreitet war, führte Marx dazu, sich im M a n i f e s t mit dem Wort und der Sache - der Diktatur des Proletariats - zu beschäftigen und es 1852 in einem Brief an Joseph Weidemeyer ausdrücklich zu formulieren. Wohlgemerkt, in diesem Moment bedeutet das Wort einerseits nur die außergewöhnliche, besonders konzentrierte Macht, d.h. ohne Trennung von Legislative und Exekutive, und abzielend auf die Ak- tion (der Ausdruck verweist auf den Wohlfahrtsausschuß); anderer- seits beinhaltet er keinerlei besondere Eigenschaft (physische Gewalt oder nicht, Diktatur der Mehrheit oder der Minderheit, di- rekte oder repräsentative Demokratie, Wahlen oder nicht): er be- deutet, und das ist der Kern der marxistischen Staats- und Revo- lutionstheorie, daß, in letzter Instanz, solange es antagonisti- sche Klassen gibt, der Staat das Machtinstrument einer Klasse ge- gen eine andere ist, ohne die Möglichkeit der Teilung oder des Kompromisses. Und, wohlgemerkt, der Ausdruck entspringt der Re- alität des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, wo das Prolatariat die einzige Klasse ist, die ihre Befreiung nur in Überwindung des Kapitalismus erreichen kann. Außerdem ist anzumerken - und das wurde in der Folge oft genug vergessen - daß Marx die Notwendigkeit für das Proletariat, die Staatsmacht zu erobern, d.h. die Notwendigkeit für eine herr- schende Klasse, i h r e e i g e n e n I n t e r e s s e n a l s a l l g e m e i n e I n t e r e s s e n d a r z u- s t e l l e n, als viel grundlegender betrachtete als die, den Apparat, die materiellen Kräfte zu kontrollieren. Nun, der Staat hat gleichzeitig einen allgemeinen Charakter - wie die Hegelianer und die Liberalen sagen, weil er durch das Gesetz die Gesamtheit der Gesellschaft zwingt und organisiert - und einen Klassencharakter in dem Sinn - entdeckt von Marx, vorher schon geahnt von Rousseau und den französischen Revolutionären - daß er diesen Zwang und diese Organisation verwirklicht im Inter- esse der herrschenden Klasse. Es ist die Erfahrung der Pariser Commune, die Marx die Möglichkeit gibt, die Form der Diktatur des Proletariats zu konkretisieren und zu erkennen, daß diese eine doppelte Funktion, chronologisch wie logisch, hat: die Zerstörung des Inhalts und der Formen des alten Staates, und den Aufbau von neuen Inhalten und Formen. Die Commune wird zu recht der theore- tische Bezugspunkt für die Macht der Arbeiterklasse bleiben, aber sie ist nicht ein Beispiel im förmlichen Sinn: Wenn sie das wäre, befände man sich in der paradoxen Situation, daß d i e Diktatur des Proletariats unbedingt bedeuten müßte: allgemeine Wahlen (die Commune dachte nicht einen Moment daran, sie zu umgehen), Plura- lismus und eine enge Verbindung der Arbeiterklasse mit kleinbür- gerlichen Schichten (denn die Commune behielt in Paris diese für die französischen Volksbewegungen des 19. Jahrhunderts typische Verbindung bei, nur dieses Mal unter der Vorherrschaft des Prole- tariats, während 1848 noch die Kleinbourgeoisie vorherrschte); und deshalb gleicht der Commune keine der seit 1917 wirklich er- richteten sozialistischen Mächte... Nach dem Tode von Marx ist Engels Zeuge des schnellen Aufstiegs der deutschen sozialdemokratischen Partei. Er kann deswegen die Idee des Reifens der Bedingungen für die proletarische Revolution im Rahmen der demokratischen Republik weiterentwickeln, wo "das allgemeine Stimmrecht (.. .) der Gradmesser der Reife der Arbei- terklasse" ist (D e r U r s p r u n g d e r F a m i l i e, d e s P r i v a t e i g e n t u m s u n d d e s S t a a t s, MEW 21, S. 168). Die K r i t i k d e s G o t h a e r P r o g r a m m s hat darüber hinaus schon seit 1875 das Pro- gramm einer sozialdemokratischen Partei für diese demokratische Etappe vorgezeichnet, denn d a s P r o g r a m m h a t e s n u n w e d e r m i t l e t z t e r e r (der revolutionären Diktatur des Proletariats) z u t u n, n o c h m i t d e m z u k ü n f t i g e n S t a a t s w e s e n d e r k o m m u- n i s t i s c h e n G e s e l l s c h a f t (Marx, K r i t i k d e s G o t h a e r P r o g r a m m s, MEW 19, S. 28). Lenin hat sich zwischen April und Oktober 1917 konkret mit dem revolutionären Übergang von der demokratischen Etappe zur Etappe der Diktatur des Proletariats in einer Reihe von Texten auseinan- dergesetzt, die man unbedingt Tag für Tag lesen, sie einordnen muß in die Entwicklung des politischen Kräfteverhältnisses in Rußland, wenn man die scheinbaren Widersprüche (und formell sind es Widersprüche) in Lenins Thesen aufklären will. Ein einziges Beispiel: Im September 1917, während er S t a a t u n d R e v o l u t i o n schrieb, spricht er in seinen anderen Arti- keln von der "höchst seltenen und h ö c h s t wertvollen Mög- lichkeit" des friedlichen Übergangs (Ü b e r K o m p r o m i s- s e, LW 25, S. 315; vgl. auch LW 26, S. 51, d.Ü.), stellt jedoch zweimal fest, daß dieser Weg ausgeschlossen ist (am 4. September, dann am 3. Oktober), weil zweimal die anderen Parteien nicht ihre weniger antibolschewistische Haltung, die sie nach dem Scheitern des Kornilow-Putsches gezeigt hatten, fortführten; dann nach der Wahl eines neuen Exekutivkomitees der Sowjets. Darauf aufbauend, konstatiert Lenin, daß nur noch ein anderer Weg möglich ist, selbst wenn es in seinen Augen nicht der wertvollste ist, den die Oktoberrevolution eingeschlagen und der gleichzeitig das Konzept der Diktatur des Proletariats mit einer konkreten und dennoch unauslöschlichen Realität gefüllt hat. Was ist diese Realität? ----------------------- 1. Allein das Proletariat ist in der Lage, die Krise des imperia- listischen Rußland im revolutionären, Sinne zu lösen. Möglicher- weise wird es einen wichtigen Teil der Bauernschaft mitreißen, vielleicht sogar die Mehrheit, aber selbst in diesem Fall kann die Bauernschaft nur geführt sein, kann sie nur, sicher in ihrem eigenen Interesse, das vom Proletariat d i k t i e r t e Pro- gramm übernehmen. Bestenfalls ist sie an der Macht beteiligt, aber in untergeordneter Rolle, im schlechtesten ist sie davon ausgeschlossen; in beiden Fällen handelt es sich um die Diktatur des Proletariats f ü r und ü b e r die Volksmassen, g e- g e n die Bourgeoisie. Für die Volksmassen in dem Sinn, daß das revolutionäre Programm Punkte enthält (Bodenverteilung, Frieden), die nicht spezifisch proletarisch sind. Über die Massen in dem Sinn, daß die revolutionären Arbeiter die einzigen sind, die aktiv handeln können, um das alte Rußland umzuwandeln: säe werden die "Kommissare" sein, die die Macht in Händen halten. Es gibt also einen Unterschied zwischen Klasseninhalt der Macht (Klassenbündnis, das die Mehrheit umfaßt) und Ausübung der Macht durch die Arbeiterklasse (in der Minderheit). 2. Die Diktatur des Proletariats hat zur Aufgabe, die ökonomische und politische Macht der Bourgeoisie zu zerstören, die Arbeiter- klasse als herrschende Klasse einzurichten und deren Staat aufzu- bauen, die konterrevolutionären Umtriebe der besiegten Klasse zu unterdrücken. 3. Um die Diktatur des Proletariats zu erreichen, darf dieses nicht zögern, auf die Gewalt der Waffen zurückzugreifen, obgleich diese nicht unbedingt nötig ist ("je nachdem"). 4. Die Diktatur des Proletariats öffnet den Weg zum Absterben des Staates, das im Kommunismus zu Ende gehen wird. Das ist der Kern der leninistischen Konzeption. Es ist nicht un- nütz - wenn auch sekundär - zu unterstreichen, daß er nichts zu tun hat mit einer ganzen Reihe von Vereinfachungen, die ihn ver- stümmelten, und Deformationen, die daher rühren, daß - mehr oder weniger absichtlich - andere Elemente des Leninischen Denkens, die, gleichzeitig, woanders als in S t a a t u n d R e v o- l u t i o n zu finden sind, ausgelassen werden. So heißt für Lenin, die Arbeiterklasse als herrschende Klasse zu konstituieren nicht allein, ihr die militärische und politische Macht zu sichern, das heißt auch ihr erlauben zu z ä h l e n und zu r e c h n e n (heute würde man sagen, einen Plan aufzustellen): es ist natürlich, daß der erste Aspekt vor dem Oktober von Lenin stark herausgestellt wird und der zweite sofort danach: die Auf- gaben sind nicht die gleichen. So heißt für Lenin, den Parlamen- tarismus zu überwinden, nicht die gewählten Versammlungen zu un- terdrücken, sondern in ihnen alle Macht zu konzentrieren (wie un- ter der Verfassunggebenden Versammlung in Frankreich 1792-95) und zu untersagen, daß sie sich vom Volk entfernen. Und endlich heißt für Lenin, das politische und Verwaltungspersonal des alten Regi- mes zu eliminieren, nicht, die für das Funktionieren der Gesell- schaft unentbehrlichen Spezialisten (oder Techniker) zu entlas- sen, sondern sie der Arbeiterklasse unterzuordnen. Weiterhin ist es nicht unnütz zu unterstreichen, daß bestimmte Analysen Lenins nur verständlich sind in Bezug auf die russische Realität. Der Beamte, den er beschreibt und den es im demokrati- schen Staat radikal zu entfernen gilt, ist offensichtlich direkt bei Gogol und Tschechow entsprungen, ein korrumpierter, gekaufter Beamter, reiner Transmissionsriemen der reaktionären Politik, or- densgeschmücktes Tier, dessen einzige Aufgabe es ist, die Gesell- schaft einzurahmen. Ebenso stellt Lenin mit Schrecken fest, als sich die Aufgabe des Aufbaus des Sozialismus den Bolschewik! stellt, daß es nicht reicht, armer Bauer zu sein, daß es nicht einmal reicht, Arbeiter zu sein, um die Macht wirklich auszuüben. Die Unkultur und die "asiatische Barberei" wüten weiterhin, die Massen sind entpolitisiert, haben einen unglaublich engen Blick- winkel. Lenin greift also die Maratsche und Babeufsche Argumenta- tion auf, die Diktatur zu rechtfertigen: die Klassenlage bedeutet nicht mechanisch ein entsprechendes Bewußtsein, das "Volk" ist ideologisch und kulturell noch in der alten Welt gefangen. Es muß also leider von der Avantgarde gezwungen werden. Bei dieser Gele- genheit sei gesagt, daß, wie spezifisch die russische Situation auch sei, die Schlußfolgerungen, die Lenin daraus zieht, folgende Überlegungen anregen sollten: Die Zurückweisung der Auffassung, in Frankreich sei allein das Proletariat zur Herrschaft, zum Nut- zen der werktätigen Bevölkerung, befähigt, findet nur dann ihre volle Berechtigung, wenn zudem über die Tatsache hinaus, daß heute auch andere als die Arbeiter Interesse am Sozialismus ha- ben, der Grad und die Macht des revolutionären und politischen Bewußtseins der Arbeiterklasse und anderer Werktätiger, darüber hinaus ihr allgemeines kulturelles Niveau erwähnt werden. Kann eine Arbeiterklasse, erst recht wenn sie mit Vertretern anderer Schichten zusammengeht, die der Vorherrschaft des Reformismus un- terworfen sind, die Macht ausüben? Es ist der bereits beträchtli- che Einfluß der revolutionären Linie in der Arbeiterklasse und im Volk, der heute zu sagen erlaubt, daß die Diktatur des Proletari- ats, als von einer einzigen Klasse ausgeübte Macht, nicht mehr unabdingbar ist für den Übergang zum Sozialismus. Die Praxis der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staa- ten mußte schließlich einige von ihnen dazu führen, eine neue Phase des sozialistischen Staates zu definieren, der sich an die Diktatur des Proletariats anschließt, d e n S t a a t d e s g a n z e n V o l k e s, der das offensichtliche Verschwinden antagonistischer sozialer Klassen kennzeichnet, aber die Existenz unterschiedlicher, an der Macht beteiligter sozialer Klassen. Gleichzeitig wurden damit die Merkmale der Diktatur des Proleta- riats als die Macht allein der Arbeiterklasse präzisiert. Aus dieser Sicht gibt es unserer Meinung nach keine möglichen Zwei- deutigkeiten. Zur gleichen Zeit fanden sich andere kommunistischen Parteien mit einer in der Sowjetunion unbekannten Realität konfrontiert: Neben der Arbeiterklasse und der armen und mittleren Bauernschaft, gab es weitere Volksschichten, die zu einen Teil durch Eigentum und Ideologie an die kapitalistische Produktionsweise gebunden, zum anderen Teil durch die Geschichte an die Arbeiterbewegung gebun- den waren und der Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus Widerstand leisteten. Diese Realität war außerdem die eines bour- geoisen Staates, der stark und subtil an die bürgerliche (civile) Gesellschaft gebunden war, und die einer Politisierung und eines Prozesses des Zusammenwachsens der Massen durch das lebendige Funktionieren der bürgerlichen Demokratie. Damit verlangten die grundsätzlichen Fragen nach Staat und Revolution dem angemessene Antworten: Was heißt es, die Macht der Bourgeoisie unter diesen Umständen zu brechen? Was, die Arbeiterklasse als herrschende Klasse zu konstituieren? Welche Ausdehnung, welche Ziele, welche Formen nimmt hinfort die Bündnisstrategie an? Welches sind die Beziehungen im Hinblick auf die Umwandlung des Staates zwischen demokratischer Revolution, sozialistischer Revolution und entwic- keltem Sozialismus? Gramsci hatte als erster die Kühnheit, diese Fragen zu stellen und etwas voranzukommen auf dem Weg zu ihrer Beantwortung. Insbesondere als er die Vorstellung hatte, daß die Revolution nicht unbedingt eine auf eine kurze Zeit zusammenge- drängte, äußert gespannte Phase ist, sondern sich über eine ganze Periode ausdehnt, wo Stellungskrieg und bewegte Fronten einander abwechseln; und indem er entdeckte, daß der Staat (welches sein Klasseninhalt auch sei) die Hegemonie (und nicht allein die Macht) der herrschenden Klasse sichert. Dabei entdeckte er auch, daß die Vorherrschaft einer Klasse nicht allein ökonomisch und politisch, sondern auch ideologisch ist, und daß der Staat nicht nur die Unterdrückungsapparate, sondern auch die ideologischen Apparate in Gang hält. Die Erfahrung der Volksfronten ging natürlich von dieser selben Realität aus. Es ist wahr, daß die Kommunistischen Parteien nicht die Überlegungen, die von dieser Praxis ausgingen, fortsetzten zu einer Theorie des revolutionären Übergangs zum Sozialismus. Sie hatten das auch nicht nötig, denn die Frage stand nicht auf der Tagesordnung. Aber es wäre zuwenig, allein dem "Stalinismus", da- mals noch kaum konstituiert, das lange Schweigen bestimmter Leute und bestimmter Parteien im Hinblick auf eine Strategie der Volks- front anzulasten. Rückblickend ist klar, daß sich von da an eine Debatte zwischen einer starren und einer evolutionären Konzeption von der Diktatur des Proletariats entwickelte; wer sieht denn nicht, daß nichts unverträglicher ist mit dem Geist des Vorgehens der Französischen Kommunistischen Partei von 1934-36 als die Idee, daß die Klassen und Schichten, die sie aufrief, sich mit der Arbeiterklasse zu vereinen, dann eines Tages von dieser be- herrscht würden? Deshalb kann man in Passagen des Berichts von Maurice Thorez auf dem Parteitag von Villeurbanne (1936) und in seinem Interview mit der T i m e s (1946) die ersten Anfänge der Strategie des demokratischen Weges zum Sozialismus finden. (Diese Dokumente sind zitiert im Dossier "Der Sozialismus für Frankreich", La Nouvelle Critique, Dez. 1975). Welche Überlegungen erzeugt nun das Zurückgehen auf diese Text- grundlagen im Licht der politischen Erfahrungen der Kommunisten während der letzten zehn Jahre? Zuerst, es gibt während der ganzen Geschichte der marxistisch- leninistischen Arbeiterbewegung, sich überkreuzend, zwei Ein- schätzungen von der Rolle des Staates: ein "weite" Einschätzung und eine "enge". Man kann nicht diesen oder jenen Namen mit einer dieser Einschätzungen verbinden. Es sind vielmehr die Erforder- nisse des politischen Kampfes, die dazu führen, daß die Theorie diese oder jene Seite einer einheitlichen Theorie betont. Eine enge Einschätzung: der Staat ist ein Apparat; er ist im We- sentlichen ein Unterdrückungsinstrument; er ist ein Apparat, der von der herrschenden Klasse geschaffen wurde, er hat sich von der Basis (den Produktionsbedingungen) gelöst und greift von außen in sie ein. Folglich ist die politische Revolution - zumindest in der Phase des Übergangs bis zum Staat des ganzen Volkes oder zur kommunistischen Gesellschaft (die Phase, die im allgemeinen Dik- tatur des Proletariats genannt wird) das Durchschneiden des Ban- des, das diesen Staatsapparat an die Produktionsverhältnisse bin- det, um so die Bedingungen zu schaffen, daß er zerbricht: das heißt das Errichten eines neuen unterdrückenden Apparates, der nicht weniger von außen auf die neue soziale Basis einwirkt. Wir vereinfachen zweifellos, aber wer kann leugnen, daß es genau dies ist, was die größte Zahl der Leute, die sich Marxisten nennt (Kommunisten eingeschlossen), im Kopf hat? Eine weite Einschätzung: der Staat ist in seinem Wesen kein Appa- rat. Die Apparate des Staates sind die konkreten Agenzien der po- litischen Beziehungen zwischen der herrschenden Klasse und der beherrschten Klasse. Das Wesen des Staates besteht in der Organi- sation des Funktionierens der Klassengesellschaft im Sinne der Reproduktion der Produktionsverhältnisse, im Sinne der Reproduk- tion der Herrschaft der herrschenden Klasse (das ist eine bessere Formulierung gegenüber: im Sinne der Interessen der herrschenden Klasse, denn die letztere suggeriert eine mechanische Entspre- chung zwischen diesen Interessen und der konkreten Politik des Staatsapparates, während alles darauf hinweist, daß "Politik ma- chen" für das politische Personal der herrschenden Klasse heißt, die unmittelbaren und qua Definition in Konkurrenz stehenden In- teressen der bourgeoisen Individuen zu überschreiten. Diese Herr- schaft, diese Vorherrschaft wird ausgeübt mit dem Mittel der Un- terdrückung, mit dem Mittel der Ideologie, aber auch mit dem Mit- tel der Organisation, sogar und gerade weil sie Dienste leistet, die, für sich genommen, einen allgemeinen Gebrauchswert haben. Dieser letzte Aspekt ist von den alten oder zeitgenössischen Klassikern nicht ausreichend herausgestellt worden. Nicht alle Konsequenzen sind aus der zu Anfang des Artikels zitierten Marx- schen Bemerkung gezogen worden: die herrschende Klasse muß ihre eigenen Interessen als allgemeine darstellen. Seine eigenen In- teressen als allgemeine hinstellen heißt sicher, eine als allge- meingültig geltende Ideologie zu entwickeln, z.B. das bürgerliche Recht und die bürgerliche Schule, aber das bedeutet auch die Tat- sachen des Straßenbaus, der Errichtung von Schulen, von Kranken- häusern, ein Urteil von der Justiz sprechen lassen (im allgemei- nen zugunsten der herrschenden Klasse, aber auch, ob man nun will oder nicht, eine gewisse Sicherheit, eine gewisse Ruhe gebend) usw. Und gerade dann, wenn der Klassenstaat nicht dazu kommt, seine Ideologie zu entwickeln, seine Leistungen halbwegs allen zu sichern, erscheint er, gleich Andersens König ohne Kleider, als das, was er in seinem Wesen ist: als Klassenstaat. Eine Klasse kann nicht allein durch ihre Polizisten, ihre Ge- neräle, ihre intellektuellen Wachhunde bestehen. Sie besteht, weil von ihrem Staat alle wenigstens etwas haben, wenn möglich möglichst viel. Deshalb lassen heute die sozialen Unterschiede aller Arten, die Beschränkungen in bezug auf die sozialen Ein- richtungen, auf die Entwicklung der öffentlichen Dienste, auf die Entwicklung der Produktivkräfte im allgemeinen, den Staat sogar im Staatsapparat selbst, bei seinen Beamten, seinen Richtern, seinen Offizieren, als Klassenstaat erscheinen, lassen die untragbare steuerliche Ungerechtigkeit erscheinen, die Ungleich- heit vor der Justiz, die soziale Auslese in der Schule: all das existiert schon länger, vielleicht früher sogar stärker, aber es wurde ertragen, weil die Franzosen den bürgerlichen Staat als den ihren anerkannten. Polizei und Armee flankierten dieses wesentli- che Verhältnis und hielten die Minderheit, die sich daraus ent- fernte, im Zaum: aber sie hatten dieses Verhältnis nicht erzeugt, sie bestanden nicht einmal darauf. Es ist sicher wahr, daß die zaristische Selbstherrschaft auf die- sem Verhältnis bestand, besonders seitdem die Produktionsverhält- nisse in Rußland nicht mehr feudal waren, und es ist natürlich, daß Lenin im Augenblick der Aktion, d.h. in S t a a t u n d R e v o l u t i o n (September 1917), die Analyse auf die re- pressive Funktion des Staates konzentrierte, aber wenn er seine Augen gen Westen richtete, war er sich des viel lebendigeren und viel organischeren Charakters der Verhältnisse zwischen Staat und Gesellschaft völlig bewußt. Und Deutschland gab ihm das Beispiel eines Staates, der schon organisierte, zählte, rechnete, plante, in Osmose mit den Monopolen und für ihre Rechnung, der aber gleichzeitig die Gesamtheit des sozialen Lebens und die Gesamt- heit der Bevölkerung organisierte, zählte, rechnete, plante. Seit dem Text D i e d r o h e n d e K a t a s t r o p h e, natür- lich nach dem Oktober und besonders nach 1921 ist es genau diese Aufgabe - das Außenstehende des Staates gegenüber der Gesell- schaft wieder rückgängig zu machen und damit die wirklichen Be- dingungen für das Absterben des Staates zu schaffen - zu der Le- nin die Bolschewik! aufruft. Und er stellt fest, daß eine ganze Reihe von Dingen - die schwache Vergesellschaftung der Produktiv- kräfte, die Unkultur, die Traditionen, mit denen sich die Bol- schewiki selbst herumschlagen, aber auch enge, administrative, millitärische, repressive Vorstellungen - die Fassungskraft der Partei bremsen. Für Lenin sind nach 1921 die Aufgaben der Dikta- tur des Proletariats im Grunde keine repressiven mehr, sondern Aufgaben der Organisation. Die Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK) - d.h. der Notwendigkeit für die Monopole, dem Staat laufend immer mehr Funktionen zu übertragen, die dem privaten Unternehmen zu kostspielig werden - und die Volkskämpfe, die die Versicherung der Ideologie des bürgerlichen Staates, allgemeingültig zu sein, beim Wort nehmen und ihm wirklich demokratische Eingriffe abrin- gen (Beispiel: die Sozialversicherung, die beträchtliche Auswei- tung der Erziehung... ), haben diese "Vergesellschaftung" des bürgerlichen Staates viel weiter geführt als im Deutschland von 1914, und daraus entspringt sein Widerspruch: er ist "sozial" (und das ist nicht nur Illusion, selbst wenn man das Wort im ge- wöhnlichen Sinn nimmt, erst recht wenn man darunter die Verge- sellschaftung der Produktionsverhältnisse versteht), und er ist bürgerlich. Den Staat des SMK zerbrechen, das heißt eben diesen Widerspruch zerbrechen, das heißt den einheitlichen Mechanismus zerbrechen, der, indem er Staat und Monopole vereint, die soziale Funktion des Staates seiner Funktion als Apparat der Klassenherrschaft un- terordnet. Den Staat zerbrechen, das heißt den demokratischen Staat entwickeln mit dem Ziel, ihn voll und ganz seine sozialen Funktion übernehmen zu lassen. Den Staat der Monopole zerbrechen heißt nicht das I.N.S.E.E. (staatliches Statistik- und Wirt- schaftsplanungsinstitut, d.U.) zerbrechen, sondern es der demo- kratischen Planung und nicht der monopolistischen Planung dienst- bar zu machen. Den Staat der Monopole zerbrechen, heißt nicht all die eingerichteten Organismen, sondern die Steine zerbrechen, die zu einer gegen die Forderungen der Arbeiterklasse und des Volkes errichteten Mauer gehören, sie nicht nur in Empfänger dieser For- derungen, sondern auch in ihre Anreger umwandeln, denn die Demo- kratie und die ökonomische und soziale Entwicklung verlangen, daß die "Spezialisten" (wie Lenin sagt) nicht nur dem Volk helfen, sondern es aufgrund ihrer Kompetenz und ihrer Information mit Waffen versorgen. Sieht man nicht heute schon, daß die ökonomischen Informationen, die die Repräsentanten der Arbeiterklasse in dieser oder jener Kommission erhalten, Forderungen liefern, helfen, gerechtfertigte Losungen zu formulieren? Das wird im Sozialismus genau so sein, Staat und Werktätige stützen sich gegenseitig. Genau das ist das Ziel der M a c h t d e r w e r k t ä t i g e n B e v ö l k e- r u n g. Deshalb - und das ist der zweite Gedanke, den wir entwickeln wol- len - läßt sich die marxistische Theorie von der Revolution und der Ausübung der politischen Macht nicht reduzieren, auf welche Art und Weise auch immer, auf eine Theorie der Zwangsmittel, der Unterdrückung, der Gewalt, noch weniger der bewaffneten, aber auch nicht der administrativen Gewalt. In dieser Frage läuft im- mer alles so ab, als ließen sich die Kommunisten vom Klassengeg- ner allein auf dieses Feld drängen und stellen sich den Staat als Umkehrung des Klassenstaates vor: dieser unterdrückt das Volk, jener die der ökonomischen Macht beraubte Bourgeoisie. Dabei ist doch das kleine Einmaleins des Marxismus diese doppelte oder bes- ser doppelgesichtige Idee: Jeder Staat ist gezwungenermaßen Staat einer Klasse oder einer Gruppe von Klassen gegen eine Klasse oder eine Gruppe von Klassen, und unter diesen Bedingungen erlaubt er tatsächlich der ersteren, Zwang gegen die zweite auszuüben, aber der Zwang einer Klasse ist in erster Linie das Gesetz und die An- wendung des Gesetzes: die Form dieser Ausübung ist in keiner Weise im Konzept der Gewalt enthalten. Der Zwang, den das große Kapital ausübt, das ist ebenso die Ent- fernung kommunistischer Minister durch Paul Ramadier, sozialisti- scher Präsident des Conseil, wie die Erschießung von Mahjoub, Ge- neralsekretär der Sudanesischen Kommunistischen Partei: der Un- terschied der Formen, die derselben Strategie dienen, resultiert aus unterschiedlichen Kräfteverhältnissen, die dem Imperialismus erlauben, unter bestimmten Umständen soweit und nicht weiter zu gehen, und unter anderen bis zum Ende. Der Zwang der Arbeiterklasse und der Werktätigen über die große Bourgeoisie, das ist ebenso die demokratische Verstaatlichung, deren Anwendung von der bewußten und aktiven Mehrheit der Bevöl- kerung befürwortet wird, wie die Verstaatlichung durch das Ein- greifen von Arbeitermilizen: Der Unterschied der Formen, die der gleichen Strategie dienen, resultiert auch hier aus der Tatsache, daß im ersten Fall das massive Eingreifen der Werktätigen möglich ist, während im zweiten, aus verschiedenen Gründen (diese Werktä- tigen sind nicht zahlreich, jene nicht bewußt genug) nicht mög- lich ist. Dieser Unterschied hat zur Folge, daß in bestimmten Fällen, und Frankreich 1976 ist ein solcher Fall, allein die er- ste, das demokratische Eingreifen, erlaubt, das strategische Ziel zu erreichen. Heute in Frankreich kann allein die Unterstützung der Mehrheit die Verstaatlichung einerseits ermöglichen und ande- rerseits eine Umkehr verhindern; die zweite Form führte die Ar- beiterklasse dorthin, wo die Bourgeoisie sie schon immer haben wollte, d.h. sie würde als Kanonenfutter dienen, um ein Wort auf- zunehmen, das Engels in der Einleitung zur Ausgabe von 1895 der K l a s s e n k ä m p f e i n F r a n k r e i c h (MEW 7, S. 523) verwendete. Während es andererseits im Rußland des Oktober 1917 ohne bewaffneten Aufstand überhaupt keine Möglichkeit der Entwicklung der demokratischen Revolution hin zum Sozialismus ge- geben hätte und folglich in diesem Moment keine andere Möglich- keit, einen Sieg der Konterrevolution zu verhindern. An diesen beiden Fällen wird deutlich, daß der Rückgriff auf die bewaffnete Gewalt 1976 in Frankreich oder der Verzicht darauf 1917 in Ruß- land mehr als ein Fehler, ein Verbrechen gegenüber dem Volk für eine revolutionäre Partei wäre. Das ist die materialistische Po- sition in Geschichte und Politik. Fügen wir im übrigen noch dazu, daß man immer die Möglichkeiten berücksichtigen muß, die die hi- storische Situation einer Partei, einer Klasse, einem Volk, einer Nation bietet, revolutionären Erfolg und humanistische Gefühle in Einklang zu bringen, denn diese sind bei den Kommunisten immer vorhanden, gerade weil ihr Ziel nicht der Kampf an sich oder der Sieg um des Sieges willen ist, sondern die Befreiung der Werktä- tigen und der ganzen Menschheit, ihr Glück und ihre Sicherheit. Die beiden ersten Lehren, die man aus dem theoretischen Wissen des Marxismus-Leninismus ziehen kann, scheinen uns von großer Evidenz, was natürlich nicht heißt, daß ihr Umsetzen in die Tat einfach sei. So sind wir auch versucht zu sagen, daß die wirkliche Neuheit - auf theoretischer Ebene - der Debatte über die Diktatur des Pro- letariats, wie sie auf dem 22. Parteitag der FKP geführt wurde, nicht den Inhalt, die Ausübung oder die Form der sozialistischen Macht betraf - denn für Lenin war es eine Selbstverständlichkeit, die vielen verschiedenen Möglichkeiten der Konkretisierung dieser Macht ins Auge zu fassen sondern daß unter den Bedingungen des SMK und seiner Krise, nicht mehr allein das Proletariat, sondern die w e r k t ä t i g e B e v ö l k e r u n g fähig ist, die sozialistische Macht auszuüben. Wohlgemerkt, da es sich damit um die Mehrheit handelt, politisch wie arithmetisch, entsprechen die Formen ihrer Macht nicht mehr denjenigen einer von einer Klasse ausgeübten Macht und mit Recht auch nicht mehr der Bedeutung des Wortes Diktatur, obwohl es sich sehr wohl (wie könnte es anders sein?) um die Macht gegen eine Minderheit handelt, gegen die großen Kapitalisten und ihre Agenten, denen man ohne Zweifel Zwang auferlegen muß aber mit Unterstützung der Mehrheit. Aber es ist wahr, daß der 22. Parteitag, indem er die Folgerungen aus den Analysen der Partei über den SMK konsequent und bis zu Ende zog, das erstemal die Theorie der sozialistischen Macht her- vorgebracht hat, die die Macht der Arbeiterklasse und anderer, ihr objektiv und folglich auch konstitutionell nicht mehr unter- geordneten Klassen und Schichten ist (was durch die Formel: d i e A r b e i t e r k l a s s e u n d i h r e V e r b ü n- d e t e n bezeichnet wird), mit voller Gleichheit von Rechten und Pflichten. Eine andere Sache ist, daß es wünschenswert wäre und für die dauerhafte Entwicklung des Sozialismus unabdingbar ist, daß die Gesamtheit der werktätigen Bevölkerung die entscheidende und führende Rolle der Arbeiterklasse anerkennt (führend im Sinne von Richtung weisend, orientierend und nicht im Sinne von herrschend über, befehlend.) Und im Frankreich von 1976 wird diese Anerkennung auf der Überzeugung der Intellektuellen, der Bauern usw. auf der Basis ihrer eigenen Interessen beruhen, oder sie wird es nicht geben, und dann wird die Arbeiterklasse ihre führende Rolle nicht ausüben. Sie wird sie nicht aufzwingen. Damit wird gesagt, daß in allen Etappen, gestern wie morgen, das Bündnis ein Kampf sein wird. Nicht zwischen antagonistischen ge- sellschaftlichen Kräften, wenn das Bündnis nicht eine Betrügerei sein soll, sondern zwischen verschiedenen Kräften, die alle, von ihren verschiedenen Standpunkten aus, Interesse am Sozialismus haben. Das heißt auch, um es ganz klar zu machen, daß ein mögli- cher Wechsel in den Augen der Kommunisten bedeutet, daß während dieses politischen Kampfes die Arbeiterklasse zeitweise dominiert werden kann, z.B. wenn zeitweise reformistische Konzeptionen zum Aufbau des Sozialismus vorherrschen. Wir Kommunisten denken nicht, und wir werden es niemals denken, daß das eine gute Sache ist, und man erwarte von uns nicht, daß wir nicht alle Anstren- gungen unternehmen, damit die revolutionären Vorstellungen wieder vorherrschen, aber politische und ideologische Anstrengungen, Ar- beiterkämpfe, die sich in einem bestimmten Moment immer auf all- gemeine Wahlen beziehen. Es handelt sich dabei nicht um Versicherungen, die plötzlich aus der Phantasie auftauchen, sondern um die Ausweitung der Analyse und der Theorie der Produktionsverhältnisse und der gesellschaft- lichen Klassen unter dem SMK auf die Frage der sozialistischen Macht. Eine Analyse und eine Theorie, die man findet sowohl in den Texten wie in den Redebeiträgen der internationalen Konferenz von Choisy über den SMK von 1966, in der M a r x i s t i- s c h e n A b h a n d l u n g ü b e r p o l i t i s c h e Ö k o n o m i e (1971), i m M a n i f e s t v o n C h a m- p i g n y, in den Dokumenten des 19., 20., 21. Parteitags, in C h a n g e r d e c a p (Kurswechsel, Vorschlag der FKP für ein gemeinsames Regierungsprogramm, 1971, d.U.), in d e r D e m o k r a t i s c h e n H e r a u s f o r d e r u n g, und dann in der praktischen Umsetzung im Gemeinsamen Programm, im Eintritt von Millionen und Abermillionen von Französinnen und Franzosen in den Kampf, dem Ansteigen des Wunsches nach Sozia- lismus bei der Warenhausverkäuferin wie beim höheren Angestell- ten, beim Bankangestellten wie beim Verwaltungsbeamten, beim Arbeiterpriester wie beim Künstler, beim Offizier wie beim Lehrer. Es handelt sich mit dem 22. Parteitag auf der Ebene dieses Arti- kels wohl um einen neuen Beitrag zur marxistisch-leninistischen Staatstheorie: er wischt nicht die vorhergehenden Erfahrungen vom Tisch, sondern baut darauf auf und nimmt sie auf, er assimiliert sie, wie es richtig ist, entwickelt sie weiter, damit sie mit den neuen Realitäten in Einklang stehen, und mit den "neuen Aufgaben des Proletariats in der Revolution". _____ *) François Hincker: "Pour une assimilation critique de la theo- rie", in La Nouvelle Critique/Nr. 93, Paris 1976. Aus dem Franzö- sischen übersetzt von Jürgen Schmitt. zurück