Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976
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Diskussion & Kritik
Winfried Wotschack
AUTOMATION, GESELLSCHAFTLICHE VERHÄLTNISSE UND PERSÖNLICHKEIT
Zur Kritik eines Beitrages von T. Waldhubel und S. Wenk (Projekt-
gruppe Automation und Qualifikation)
"Soll die Theorie die wirkliche Bewegung analysieren, darf sie
ihr Argument nicht ausschließlich auf den fernen Fluchtpunkt der
gegenwärtigen Entwicklung richten; entscheidend ist das Wie der
Entwicklung ..." (H. May und R. Nemitz, Projektgruppe Automation
und Qualifikation)
Fragen der Technik- und Qualifikationsentwicklung gewinnen einen
zunehmenden Stellenwert für das Verständnis von Wachstumsprozes-
sen in der bürgerlichen Gesellschaft, für den Marxismus kein
überraschender Verlauf. Schon K. Marx hatte in einem genialen
Vorgriff die Bedeutung der weiteren Entwicklung der Produktiv-
kräfte für die sozialen Verhältnisse hervorgehoben und W. I. Le-
nin bezeichnete die Arbeitsproduktivität als das - in letzter In-
stanz ... aller-wichtigste, das ausschlaggebende für den Sieg der
neuen Gesellschaftsordnung." 1) Der zunehmende Einfluß der sich
rasch entwickelnden Produktivkräfte der Arbeit findet seinen sy-
stemspezifischen Ausdruck in der Industriegesellschafts-Iheorie
einerseits und andererseits in der marxistisch-leninistischen
Theorie von der wissenschaftlich-technischen Revolution (WTR).
Wie der sowjetische Philosoph G. Glesermann anmerkt, "dachte sich
Lenin den entwickelten Sozialismus nicht als eine Gesellschafts-
ordnung, die ökonomisch hinter dem Kapitalismus zurückbleibt." 2)
D. h., die Entwicklung des sozialistischen Eigentums an den Pro-
duktionsmitteln und die Steigerung der Produktivkräfte vollzieht
sich unter den verschiedensten konkret-historischen Bedingungen,
wobei der Entwicklungsgrad der Produktivkräfte - auch in der Re-
lation zu den Produktivkräften der entwickelten kapitalistischen
Gesellschaft - einen entscheidenden Stellenwert einnimmt. Aus der
offensichtlichen Vielfalt von widersprüchlichen Entwicklungen we-
sentliche Tendenzen zu unterscheiden, ist zugleich eine notwen-
dige Aufgabe für die wissenschaftliche Analyse auch nichtsoziali-
stischer und globaler Entwicklungen. Insbesondere den spezifi-
schen Charakter der gesellschaftlichen Arbeit in den verschie-
denen Gesellschaftssystemen der Theorie der sozialen Entwicklung
zugänglich zu machen, gewinnt theoretische und praktische Bedeu-
tung auch für die Wissenschaft von der bürgerlichen Gesellschaft.
Anlaß der folgenden Betrachtung ist ein entsprechender Versuch
von Mitgliedern der "Projeklgruppe Automation und Qualifikation"
an der FU Berlin. In ihrer Veröffentlichung "wissenschaftlich-
technischer Fortschritt und individuelle Emanzipation" ergänzen
und konkretisieren T. Waldhubel und S. Wenk die theoretischen
Auffassungen ihrer Projektgruppe zur Automation in der BRD durch
eine Einschätzung des Zusammenhanges von Persönlichkeitsentwick-
lung und Automation in der sozialistischen Gesellschaft. (3) Die
zentrale Aussage ihrer marxistisch orientierten Arbeit ist so
simpel wie bestechend: Auf der Grundlage sozialistischer Produk-
tionsverhältnisse hat die "Erzeugung" moralischer und erzieheri-
scher Regeln des Zusammenlebens eine hemmende, schädliche Wirkung
auf die Herausbildung sozialistischen Bewußtseins, im besten
Falle hat sie keine /vgl. 81, 82/: dementgegen bilde "die Aufhe-
bung der Trennung von Kopf- und Handarbeit... eine notwendige
Voraussetzung zur allgemeinen Entfaltung von sozialistischen Per-
sönlichkeiten ..." /74/ Mit Weiterentwicklung der Produktiv-
kräfte, d.h. mit Durchsetzung der Automation werden "die Ansprü-
che des Sozialismus einholbar, kann die Forderung und konkrete
Utopie, daß die Entwicklung des einzelnen zur Bedingung der Ent-
wicklung der Gesellschaft werde, verwirklicht werden." /76/
Diese anscheinend konsequent materialistischen Thesen sollen im
folgenden eingehender untersucht werden - nicht zuletzt, um Auf-
schlüsse über das theoretische Rüstzeug der Projektgruppe und
insbesondere über die Gesellschaftsbezogenheit ihres theoreti-
schen Ansatzes zur Analyse von Automationsprozessen in der bür-
gerlichen Gesellschaft zu erlangen. T. Waldhubel und S. Wenk fas-
sen auch selbst ihre kritische Darstellung (diese sei geprägt von
"dem Anspruch und Interesse, aus der DDR-Diskussion zu lernen"
/64/) als Beitrag auf, die Möglichkeiten der demokratischen
Bewegung in der BRD und Westberlin zu erweitern. Der Anregung der
Autoren folgend, werden die sich in der DDR im Wissenschaftspro-
zeß reflektierenden ökonomischen und sozialen Probleme auch von
unserer Seite unter dem Aspekt der Praxisbezogenheit aufgenommen
werden, während eine umfassendere theoretische Begründung dem
Rahmen einer späteren Arbeit vorbehalten werden muß. Die Relevanz
der Thematik steht außer Frage. Vor allem die gewerkschaftliche
Bewegung erhält Material zur Einschätzung einer auf technische
"Sachzwänge" zurückgeführten Gesellschaftsauffassung.
Die Wirkungen der Automation
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Die Autoren stellen ihre Ausführungen über die Entwicklung der
Persönlichkeit im Sozialismus in den Bezug zur aktuellen Diskus-
sion unter DDR-Wissenschaftlern. Um "die Fortschritte in der ak-
tuellen Diskussion umso deutlicher erfassen zu können" /66/ refe-
rieren sie zuvor in der DDR vertretene Auffassungen, die ihrer
Ansicht nach der sozialistischen Zielsetzung nicht entsprechen:
- Die Tatsache der Existenz sozialistischer Eigentums- bzw. Pro-
duktionsverhältnisse - damit die "Befreiung von unmittelbarer Not
und Arbeitslosigkeit" /66/ - würde zu unrecht als ausreichende
Bedingung für die Persönlichkeitsentwicklung angesehen. Tatsäch-
lich verhindere die Verrichtung von schwerer und monotoner Arbeit
die "Möglichkeiten der Nutzung sämtlicher Vorzüge des Sozialis-
mus" /68/ für einen großen Teil der DDR-Bevölkerung.
- Diese Prämisse von der Gegebenheit aller "notwendigen Bedingun-
gen" /68/ der Persönlichkeitsentfaltung führe entsprechend zu der
fälschlichen Annahme, die sozialistische Haltung müsse und könne
ausschließlich "über den Einsatz materieller Hebel und über mora-
lische Erziehung" /68/ hervorgebracht werden. Damit werde "ein
den Individuen letztlich doch äußerliches Moralsystem von Normen
und Regeln" /70/ propagiert, statt "Einsicht in bestehende
Schranken individueller und gesellschaftlicher Entfaltung" /70/
zu erzeugen.
- Wiederum ausgehend von der These, die notwendigen Bedingungen
der Persönlichkeitsentwicklung seien bereits gegeben, orientier-
ten sich Soziologen in der DDR an Versuchen der Herstellung sub-
jektiver Arbeitszufriedenheit, während "Die allein kosmetische
Veränderung des Arbeitsplatzes ... möglicherweise die produktive
Kritik an der vorfindbaren Technologie" /71/ verdränge.
In diesen Auffassungen vermissen die Autoren die Berücksichtigung
des Produktivkraftstandes, was zur Favorisierung ihrer sich an-
schließenden Darstellung der "aktuelle(n) Diskussion: Verwirkli-
chung der sozialistischen Persönlichkeit durch die Entwicklung
der Produktivkräfte" /71/ führt. In einer besonderen Betonung der
Produktivkraftentwicklung als Voraussetzung einer dem Sozialismus
adäquaten Persönlichkeitsentwicklung glauben die Autoren eine ih-
rer eigenen nahestehende Position in der DDR gefunden zu haben.
Diese zeichne sich durch die Charakterisierung des aktuellen Pro-
duktivkraftniveaus als "fehlende Bedingung" der sozialistischen
Persönlichkeitsentfaltung aus. Damit auch die bisher ausgeschlos-
sene Mehrheit der sozialistischen Produzenten, die aufgrund ihrer
Arbeitsbedingungen nicht fähig sind, sich "die Errungenschaften
der Menschheit anzueignen und sie fortzuentwickeln" /73/, sich zu
sozialistischen Persönlichkeiten entwickeln kann, gelte es eine
offensichtlich gewordene Dysfunktionalität zu überwinden: "die
Beseitigung der wesentlichen Unterschiede in den Arbeitstätigkei-
ten, schließlich: die Aufhebung der Trennung von Kopf- und Hand-
arbeit wird notwendig, damit die sozialistischen Produzenten ihre
Eigentümerfunktion realisieren können." /74/ Für die genannte
Gruppe führe dies zu gesellschaftlicher Aktivität, zur Interes-
senübereinstimmung mit der Gesellschaft. Als Bedingungen, an wel-
che "die Realisierung der Ansprüche des Sozialismus geknüpft
sind" /74/, nennen die Autoren die "qualitativen Veränderungen im
Mensch-Maschine-Verhältnis" /75/, die Durchsetzung der Automa-
tion. Sie bewirke die Annäherung der Klassen und Schichten und
die Überwindung der Unterschiede von manueller und wissenschaft-
licher Arbeit, von Stadt und Land. /vgl. 76 f./
Nach diesem durch Zitate aus der DDR-Literatur angereicherten
Vorspann folgt eine Schilderung der Wirkungen von Automation auf
die Persönlichkeitsentwicklung: Automation führt zur Beherrschung
der "Maschinen-und Naturprozesse", denn um die notwendigen
"Planungs-, Überwachungs-, Kontroll-, Steuerungstätigkeiten und
Eingriffe sinnvoll leisten zu können, muß der Automationsarbeiter
Kenntnisse über die jeweiligen Naturprozesse und die Funktions-
weise der Maschinerie besitzen, d.h. er eignet sich auf seinem
Gebiet die gesellschaftlichen Erfahrungen an und dies in zuneh-
mend wissenschaftlicher Form." /78/ Die aus solchem Arbeitsprozeß
sich entwickelnden Fähigkeiten sind produktionsnotwendige "We-
senszüge der sozialistischen Persönlichkeit", es "entwickeln sich
Fähigkeiten und Kenntnisse, um auf das Geschehen in Betrieb und
Gesellschaft Einfluß nehmen zu können, entsprechend den ob-
jektiven Bedingungen." /78/ Einerseits vermehre sich durch die
Produktivkraftsteigerung die freie Zeit der Produzenten und die
Automation erzwinge "eine immer weitergehende gedankliche Durch-
dringung des Produktionsprozesses" /78/
Diese doppelte Auswirkung der Automation gilt den Autoren als das
die Herausbildung sozialistischer Persönlichkeiten verursachende
Prinzip, als Füllung der zusammenfassenden These, gesellschaftli-
che Aktivität lasse sich "nicht außerhalb oder unabhängig von der
konkreten Arbeit erzeugen." /79/ Damit sind wir in die Lage ver-
setzt, mit T. Waldhubel und S. Wenk die Persönlichkeitsentwick-
lung als eine besondere Form des Mensch-Maschinen-Verhältnisses
begreifen zu können: als Ausdrucksform konkreter Automationsar-
beit, also des Forschungsschwerpunktes der Autoren. Ihr sich of-
fenbarendes Wissen, daß "die Automation als die materielle Basis
der Entfaltung der sozialistischen Persönlichkeit zu charakteri-
sieren ist", werde aber angesichts der Durchsetzungsnotwendigkei-
ten der Automation auch "von Theoretikern in der DDR zunehmend
klarer erkannt ..." /82/ Schließlich besitzen wir einen Mechanis-
mus der gesellschaftsverändernden Einwirkung der Produktiv-
kraftentwicklung (wobei wir vorläufig unterstellen, dies sei von
den Autoren mit Automation gemeint): Automation wird zu der
Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung - denn wir suchen
vergebens nach Anhaltspunkten, wodurch die Automation bewirkt
wird. Offensichtlich liegt hier ein (der DDR-Diskussion übrigens
nicht unbekanntes) Konzept vor, nach welchem "die Produktions-
weise einer ökonomischen Gesellschaftsformation lediglich den
Wirkungsrahmen für einen 'gesellschaftlichen Motor' oder für eine
bestimmte Summe von 'Triebkräften' (biete), welche die Produkti-
onsweise 'vorantreiben'. Dem liegt nicht selten auch die Vorstel-
lung zugrunde, als brauche die Gesellschaft diese 'Triebkräfte',
diesen 'Motor', nur geschickt zu organisieren, um den weiteren
Fortschritt der Produktionsweise zu gewährleisten. Unter solchem
Aspekt erscheinen 'die Produktivkräfte' als letzte 'Quelle' der
historischen Bewegung." 4) Die Probleme im Wissenschaftsprozeß
der DDR scheinen - wie sich mit dieser Aussage von K. Teßmann an-
deutet - doch profaner, als die klare Position von T. Waldhubel
und S. Wenk.
Produktion als gesellschaftlicher Prozeß
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Erst abschließend erläutern T. Waldhubel und S. Wenk, daß das
Spezifische des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus, "die Exi-
stenz der sozialistischen Produktionsverhältnisse als notwendige
aber nicht hinreichende Bedingung für die Entfaltung sozialisti-
scher Persönlichkeiten ... vorausgesetzt" /82/ wurde. Unbeein-
druckt von spezifischen und sich historisch entwickelnden Wech-
selwirkungen dieser neuen Produktionsverhältnisse mit den Produk-
tivkräften können sich die Autoren auf abstrakte, ihrer Darstel-
lung äußerliche Feststellungen beschränken: "Das Bestimmende des
Sozialismus ist es, daß in ihm die Menschheit auf Grund der Ei-
gentumsverhältnisse befähigt ist, selbstbewußt und gesellschaft-
lich ihr Leben zu organisieren" /81/, der Vorteil des Sozialismus
bestehe darin, "die Automation als Grundlage der Herausbildung
der sozialistischen Persönlichkeit bewußt und durch die aktive
Mitgestaltung der Werktätigen vorantreiben zu können, ohne daß
Arbeitslosigkeit oder Widersprüche zu den Eigentumsverhältnissen
auftreten, sondern im Gegenteil die Wahrnehmung der Eigentümer-
funktion möglich wird, die Steigerung der Produktivität zu einer
Verkürzung des gesellschaftlichen Gesamtarbeitstages und zu einer
schöpferischen Entfaltung sozialistischer Menschen führen kann."
/82/
Erinnern wir uns: Die Autoren unterscheiden "Bedingungen", welche
bei vollzähliger Existenz die sozialistische Persönlichkeit im
Gefolge haben. Die "fehlende Bedingung" bestehe im Niveau der Ar-
beitsproduktivität, während die Verhältnisse in der Produktion -
also die Produktionsverhältnisse - glücklicherweise als weitere
"notwendige aber nicht hinreichende Bedingung" bereits gegeben
seien. (Diese stehen daher auch nicht in einem widersprüchlichen
Verhältnis zur Entwicklung der Produktivkräfte). Hierdurch erlan-
gen die Autoren sofort den theoretischen Vorteil, sich ganz auf
die Automation konzentrieren zu können. Weder eine allgemeine Be-
deutung für die Produktivkraftentwicklung durch die Produktions-
verhältnisse, noch durch ihren bestimmten Entwicklungsgrad kann
die Konzeption belasten: Beides ist nur äußerlicher Rahmen für
ihre Idee von der Durchsetzung der Automation. Der gesellschaft-
liche Bezug wird damit auf eine - gesellschaftsformunabhängige -
Vergesellschaftung der Produktion reduziert, welche im Sozialis-
mus zudem noch "planend gelenkt" /73/ werden kann. Die zwar er-
wähnten Klassen und andere sozialen Ungleichheiten im Sozialismus
sind nicht Bestandteil eines sich organisch entwickelnden Prozes-
ses, denn die sozialistischen Produktionsverhältnisse sind nicht
als historische, sich verändernde und die Produktivkraftentwick-
lung beeinflussende Verhältnisse aufgefaßt, sondern sie erhalten
die Qualität einer Konstanten, von der sich abstrahieren läßt.
Hierin besteht auch das Geheimnis einer hinsichtlich der inter-
pretierten DDR-Literatur sicher durchgehaltenen Selektion; nur
die dem Anliegen der Autoren förderlichen Passagen können als die
für die aktuelle Diskussion repräsentativen gelten. So führte
etwa der von den Autoren als Zeuge ihrer Auffassung zitierte So-
ziologe F. Staufenbiel aus: Bezüglich der Bedeutung der Produk-
tivkraftentwicklung bestehe der theoretische Zugang der Analysen
in der "determinierenden Rolle der Produktionsverhältnisse für
den Charakter der wissenschaftlich-technischen Revolution und
auch den der kulturellen Entwicklung ...", während ein "techno-
soziologisches" Konzept bedeuten würde, "daß wir die Lebensweise
sozialistischer Persönlichkeiten entsprechend dem Entwicklungsni-
veau der Technik, also ausschließlich in Abhängigkeit von der
Entwicklung der sachlichen Produktivkräfte, begreifen." 5)
Auch im Sozialismus ist der Produktionsprozeß seinem Inhalt nach
Arbeitsprozeß. Die Entwicklung seiner Faktoren und ihre Kombina-
tion - d.h. die Entfaltung der Produktivkräfte - "ist ihrem In-
halt nach Reduzierung der gesellschaftlich notwendigen Arbeits-
zeit zur Herstellung eines bestimmten Gebrauchsgutes." 6) Ent-
wicklung der Produktivität ist damit identisch mit Ökonomie der
Zeit, wodurch sich aber nur eine allgemeinste Bestimmung des Ein-
satzes von Arbeitsmitteln abzeichnet. "Ausschließlich als Mittel
zur Verwohlfeilerung des Produkts betrachtet, ist die Grenze für
den Gebrauch der Maschinerie darin gegeben, daß ihre eigne Pro-
duktion weniger Arbeit kostet, als ihre Anwendung ersetzt." 7)
Die Durchsetzung der Zunahme von vergegenständlichter gegenüber
der lebendigen Arbeit als gesellschaftlichen bzw. historischen
Prozeß aufzufassen, bedeutet dagegen die Form zu bestimmen; die
einer Gesellschaft hinsichtlich der Einsparung der lebendigen Ar-
beit entspricht. "Ökonomie der Zeit" - erstes Prinzip des Sozia-
lismus - fällt nicht zusammen mit ökonomischer Effektivität als
eine den Gesellschaftsformationen je spezifische Form der Ökono-
mie der Zeit. - ... die ökonomische Effektivität (ist) kein all-
gemeiner, in allen Gesellschaftssystemen mit gleichem Inhalt ge-
füllter Begriff." 8) Die dem Sozialismus adäquate Reduktion le-
bendiger Arbeit ist folglich der kapitalistischen grundsätzlich
nicht vergleichbar: In letzterer ist es nicht die Differenz der
Arbeitsquanten, welche die Entwicklung des Arbeitsmittels be-
stimmt. Da das Kapital "nicht die angewandte Arbeit zahlt, son-
dern den Wert der angewandten Arbeitskraft, wird ihm der Maschi-
nengebrauch begrenzt durch die Differenz zwischen dem Maschinen-
wert und dem Wert der von ihr ersetzten Arbeitskraft." 9)
Aus der Identifikation von Reduzierung der Verausgabung lebendi-
ger Arbeit mit ihrer gesellschaftlichen Form resultieren indessen
die Argumente von T. Waldhubel und S. Wenk. D. h. die theoreti-
sche Grundlage ihres Automations b e g r i f f e s ist be-
schränkt auf Freisetzung von lebendiger Arbeit (als allgemeinge-
sellschaftlicher Tendenz): - ... mit der Automation tritt der le-
bendigen Arbeit immer mehr vergegenständlichte entgegen, der ein-
zelne Produzent bewegt in seiner Arbeit eine ungeheure Masse von
Maschinerie ..." /79/ Die Durchsetzungsform dieses allgemein-hi-
storischen Prozesses - von welcher auch erst gesellschaftliche
Grenzen, Möglichkeiten und Notwendigkeiten unterscheidbar würden
- fällt aus dem Gesichtsfeld der Autoren. Indem sie ihren gesell-
schaftsformunabhängigen Ausgangspunkt nur jeweils reproduzieren,
verharren sie auf einer Ebene, welche von der Projektgruppe Auto-
mation wie folgt beschrieben wird: Wesentlich für die Betrachtung
der Automation sei "die Art des Produktionsprozesses, also die
Stufe der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, die Art
der Lebensbewältigung. Ausgangspunkt für die Bestimmung des We-
sens von Automation ist also die spezifische Arbeit des Menschen
... hierbei geht es um die Stellung des Menschen im Arbeitspro-
zeß, sein Verhältnis zur Maschinerie, soweit es aus der konkret-
nützlichen Tätigkeit ableitbar ist, zunächst unabhängig von der
kapitalistischen Formbestimmtheit." 10) Damit - zunächst? - von
jeder Formbestimmtheit.
Für diese Betrachtung der Automation ist folgerichtig die gesell-
schaftliche - daher auch die sozialistische - Form irrelevant,
was uns T. Waldhubel und S. Wenk vor allem vorführen und durch
die nachträgliche Erklärung ihrer Voraussetzungen nachweisen: Ih-
rem Automationsbegriff folgend bedürfen sie keiner bestimmten Ge-
sellschaft. Sie wehren sich daher gegen die Gesellschaft Spezifik
des Arbeitsprozesses - durch Auslassungen: nach dem grundlegenden
Ausgangspunkt in der DDR-Diskussion ist der konkrete Inhalt der
Arbeit, sind damit die Erfordernisse der Produktivkraftentwick-
lung auch im Sozialismus durch g e s e l l s c h a f t l i c h e
(in letzter Instanz ökonomische) Gesetzmäßigkeiten und Notwendig-
keiten bestimmt.
Dieser determinierende Einfluß der ökonomischen Verhältnisse er-
hält e r s t e n s in einer konkreten Ausnutzung des gegebenen
Produktivkraftniveaus zur Erweiterung der Produktivität der Ar-
beit seinen Ausdruck. Nur ein vorhandenes Potential kann der
reale Ausgangspunkt von ökonomisch-technischer Politik sein. Wie
der Prozeß der Entwicklung der neuen Produktivkräfte allgemein
immer aus dem Potential des jeweils erreichten Entwicklungsstan-
des erwächst, so ist auch die Durchsetzung der Automation ein
konkreter Prozeß in einem konkreten gesellschaftlichen Zusammen-
hang. Auf eine Frage nach der Planung des wissenschaftlich-tech-
nischen Fortschritts antwortete der polnische Wissenschaftler L.
Pasiencny 1972: "Manche sind der Ansicht, daß es in einem solchen
Land wie Polen zweckmäßig ist, die wissenschaftlich-technische
Politik auf technologische 'Engpässe' zu konzentrieren. Andere
sind der Meinung, man solle möglichst alle Zweige der Forschung
gleichmäßig entwickeln, und wieder andere - das wissenschaftlich-
technische Potential müsse auf die Entwicklung der führenden
Zweige der Volkswirtschaft konzentriert werden. In der Praxis
lassen wir uns von den dringenden Erfordernissen der Ökonomie
leiten." 11)
Hier müssen folglich Entscheidungen getroffen werden, welche
einen direkten Einfluß auf die Entwicklung der Produktivkräfte
ausüben, aber nicht aus einem selbständigen wissenschaftlich-
technischen Fortschritt abgeleitet werden können, sondern
zugleich aus den spezifischen gesellschaftlichen Verhältnissen.
Es muß insbesondere eine - von wissenschaftlichen Begründungen
abhängige - Entscheidung vorgenommen werden, für welche Werktäti-
gen die konkrete Arbeit auch weiterhin stärker eine soziale Ver-
pflichtung - also eine Frage der den Autoren mißfallenden "Ehre
und des Ruhms" /67/ - bleiben wird, und weniger eine Frage des
"ersten Lebensbedürfnisses". Entsprechend kritisierte der Ökonom
G. Schulz die einseitige Orientierung auf die revolutionären Ver-
änderungen in den Produktivkräften, wenn dies zur Vernachlässi-
gung der "rationale(n) Nutzung des Vorhandenen..., der Neuererbe-
wegung und der Rationalisierung" führe. Die neue Qualität der
Produktionsbedingungen hervorzubringen, "erscheint die Schaffung
völlig neuer Betriebe oder Betriebsabteilungen als günstigster
Weg. Dabei wird die qualitative Vervollkommnung der vorhandenen
Anlagen vernachlässigt." 12)
Aber wenden wir uns z w e i t e n s dem fortgeschrittenen Teil
der Produktion in sozialistischen Ländern zu. Einer Form des Pro-
duktionsprozesses also, welche - wie wir erfahren hatten - die
"Wesenszüge der sozialistischen Persönlichkeit" hervorbringt. Die
vielleicht entscheidenste - von den Autoren aber nicht erwähnte -
Aussage auf dem "II. Kongreß der marxistisch-leninistischen So-
ziologie in der DDR" (1974) war die Feststellung im Hauptreferat
R. Weidigs, daß es nach empirischen Untersuchungen "keinen Zusam-
menhang zwischen dem Alter der Maschinen und Anlagen und der
Schwere der körperlichen Arbeit gibt, das heißt, die physischen
Belastungen werden bestenfalls im gleichen Tempo verringert, wie
dies durch die Rationalisierung bestehender Anlagen auch erreicht
wird. Das spricht einerseits für die Art und Weise der Durchset-
zung der sozialistischen Rationalisierung, zeigt aber zugleich,
daß in Forschung, Entwicklung und Konstruktion die Entwicklung
solcher Produktionstechnik, die die Überwindung der schweren kör-
perlichen Arbeit beschleunigt, noch nicht den erforderlichen Rang
einnimmt." 13)
Wie wenig erhöhte geistige Anforderungen schlechthin eine Folge
neuer Produktionsmittel sind, dokumentiert sich in den Untersu-
chungen in der DDR, nach welchen selbst an vollautomatisierten
Anlagen nur ein (ermitteltes) "geringstes" geistiges Niveau
"produktionsnotwendig" ist. Die Erkenntnis dieser empirischen
Tendenz zwingt nach M. Lötsch die Gesellschaft, ausgehend von.
ihrer Zielsetzung, "durch eine entsprechende Gestaltung der neuen
Technik, durch systematischen Arbeitsplatzwechsel und andere Maß-
nahmen diesen bisher oft gegebenen Zusammenhang umzukehren." 14)
Während T. Waldhubel und S. Wenk die Existenz schwerer körperli-
cher Arbeit bedauern und sich überdies zum Nachweis des vorhan-
denen Anteils geringer geistiger Anforderungen in der DDR-Produk-
tion gerade auf diesen Aufsatz von M. Lötsch berufen, /vgl. 67/
unterschlagen sie, daß auch "Automation" mit einem relativ hohen
Anteil an schwerer körperlicher Arbeit bzw. geringer geistiger
Beanspruchung « verbunden sein k a n n. Daß damit entsprechende
- der gesellschaftlichen Reproduktion notwendige - Eingriffe in
den wissenschaftlich-technischen Prozeß erforderlich werden, paßt
nicht in ihr Schema.
Auf dem gleichen Kongreß stellte H.F. Wolf, ausgehend von empiri-
schen Untersuchungen über die Automation in einem Maschinenbau-
und einem Chemiebetrieb in der DDR, voneinander abweichende Ten-
denzen hinsichtlich der Qualifikationsstruktur, des Schweregrades
der physischen und psychischen Belastung, der Motivation und des
Grades der Selbständigkeit der Werktätigen fest. Er kommt zu dem
Schluß, man könne "offenbar nicht von einem einheitlichen für
alle Industriezweige gültigen Modell der Automatisierung ausgehen
... Einer Auffassung, die dem konkreten Inhalt der Arbeit unmit-
telbar den größten Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung
einräumt, kann nicht zugestimmt werden. Wer den Inhalt der Arbeit
unvermittelt zu bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in Beziehung
setzt, folgt selbst einer Art des 'technologischen Determinis-
mus'." Vielmehr sei es der gesellschaftliche Charakter der Ar-
beit, ihre sozialen Faktoren, das Arbeitskollektiv, die Form des
Leitungsprozesses, des Wettbewerbs, der Neuererbewegung, welche
"in Verbindung mit dem konkreten Inhalt der Arbeit persönlich-
keitsfördernde Bedingungen schaffen..." 15) Die Durchsetzung des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts und seines Kernstücks,
der Automation, reduziert sich für die Wissenschaftler, in der
DDR folglich nicht auf eine Orientierung an der technisch er-
reichbaren Einsparung an lebendiger menschlicher Arbeit. Nur "wo
ein einseitiges technizistisches Herangehen vermieden wurde, wo
von Anfang an auch die ökonomischen und sozialen Fragen Gegen-
stand der Forschung, Entwicklung und Projektierung waren", wurden
der sozialistischen Gesellschaft entsprechende Lösungen des wis-
senschaftlich-technischen Fortschritts erzielt, stellt G. Schulz
für die DDR fest. 16) Ebenso verneinte K. Teßmann, "daß jene so-
zialistischen Leiter besonders erfolgreich sind, welche ihre An-
forderungen an den Menschen zuerst oder allein aus den techni-
schen Notwendigkeiten des Reproduktionsprozesses herleiten. Im
wirklichen Prozeß setzen sich jene Kollektive als erfolgreich und
wirksam durch, welche zugleich eine solche neue Qualität ihrer
wesentlichen produktiven, kulturellen, ideologischen zwischen-
menschlichen Gesellschaftsbeziehungen ausbilden, die dem sozial-
ökonomischen Aneignungsprozeß der sozialistisch-kommunistischen
Gesellschaftsformation gerecht werden. So ordnet sich die Technik
dieser neuen Produktionsweise ein." 17)
R. Weidig bestätigte die zu verbessernde Komplexität der Leitung
und Planung wissenschaftlich-technischer Entwicklungsprozesse. Es
sei erforderlich, "die Probleme der sozialen Entwicklung nicht
als Folgeerscheinungen' zu behandeln, sondern ihre zielstrebige
Lösung von Anfang an in die Strategie der Bewältigung wissen-
schaftlich-technischer Prozesse einzubeziehen. In diesem Zusam-
menhang muß die Verbindlichkeit sozialer Zielkriterien des wis-
senschaftlich-technischen Fortschritts entscheidend erhöht wer-
den." 18) Die gesellschaftsformationsabhängige Auffassung der
wissenschaftlich-technischen Revolution verweist umgekehrt auf
die Existenz negativer Auswirkungen im Kapitalismus: "Um den Im-
port technischer Neuerungen, die die Struktur der sozialistischen
Wirtschaft und Gesellschaft entstellen können, zu vermeiden, müs-
sen wir die mit der WTR in den kapitalistischen Ländern zusammen-
hängenden ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen und
Gesetzmäßigkeiten gründlich analysieren." 19)
Während für die Wissenschaftler in den sozialistischen Ländern
zum Zwecke der praktischen Umsetzung vor allem die Analyse der
gesellschaftlichen Determiniertheit von Automationsentwicklung im
Vordergrund steht, wird für T. Waldhubel und S. Wenk folgerichtig
eine Wechselwirkung von Produktivkraftentwicklung mit bestimmten
Produktionsverhältnissen so wenig zum Problem, daß wir nicht
einen Verweis wenigstens auf die Existenz dieser Diskussion
finden. Das enthebt sie natürlich der Mühe, sich in ihrer kriti-
schen Darstellung mit dieser Grundposition kritisch auseinander-
zusetzen. Die Automation gilt ihnen schlicht sowohl als die
"eigentlich sozialistische Produktionsweise" wie auch als die
"bestimmende Produktionsweise" im Kapitalismus. /83/ 20) Da für
die Autoren die ökonomischen Verhältnisse ohne wesentliche Bedeu-
tung für den Entwicklungsprozeß der Produktivkräfte sind, gehört
weder die Unentwickeltheit sozialistischer Produktionsverhält-
nisse noch der sich in der politisch-wissenschaftlichen Planung
der Produktivkraftentwicklung ausdrückende reale Prozeß zu ihren
Kriterien der Persönlichkeitsentwicklung.
Genaugenommen sind es für T. Waldhubel und S. Wenk allerdings
nicht die "Produktivkräfte", welche die gesellschaftliche Ent-
wicklung vorantreiben und damit den neuen Menschen hervorbringen.
Insofern haben wir die Autoren etwas ungenau interpretiert, was
nun zu korrigieren ist. Es ist hierzu die Entwicklung der Ele-
mente des Produktionsprozesses selbst zu untersuchen und damit
eine konkretere Bedeutung der These von T. Waldhubel und S. Wenk,
nach welcher - ... die sozialistische Persönlichkeit... durch die
Automation eine Produktionsnotwendigkeit" /81/ wird.
Die Produktivkräfte als System
------------------------------
Die Autoren begründen diese Notwendigkeit als aus dem Mensch-Ma-
schine-Verhältnis in folgender Weise hervorgehend: "die Arbeit an
automatischen Anlagen stellt daher die Praxis dar, die gesell-
schaftliche Aktivität ermöglicht und erzwingt und folglich die
Einheit von Bewußtsein und Handeln, die freie und selbsttätige
Aktivität im Interesse des gesellschaftlichen Fortschritts als
Wesenszug der sozialistischen Persönlichkeit befördert." /80/ Un-
tersuchen wir daher, w i e "die Automation 'die Herausbildung
einer organischen Einheit von körperlicher und geistiger Arbeit
in der materiellen Produktion'" vorantreiben, w o r a u s sich
der "Prozeß der Intellektualisierung der produktiven Arbeit" /78/
ergeben soll. Die Autoren folgern aus der bereits geschilderten
allgemeinen Tendenz der Abnahme von lebendiger Arbeit, "der ein-
zelne Produzent bewegt in seiner Arbeit eine ungeheure Masse von
Maschinerie, so daß die Anforderungen an die Verantwortung der
Produzenten steigen." /79/ Das neue Verhältnis der Produzenten zu
ihrer Arbeit ist also nicht Ausdruck der Gesellschaftlichkeit des
Produktionsprozesses, sondern allein Produkt der s a c h l i-
c h e n Arbeitsbedingungen. (Deren Entwicklung selbst auch der
gesellschaftlichen Form gleichgültig sei). Automatisierte Pro-
duktion ergäbe daher schlechthin neben der Möglichkeit auch den
Zwang für die Arbeitskraft, dem automatisierten Produktionsprozeß
entsprechende Fähigkeiten - die allseitige Entwicklung der
Persönlichkeit - hervorzubringen. Die Autoren fahren fort: "Zum
einen besitzt der Automationsarbeiter schon mehr Verantwortung,
als wenn er an einer einzelnen Maschine ständig kontrolliert
arbeiten müßte, zum anderen läßt es die Komplexität und
vielfältige Abhängigkeit innerhalb des Gesamtprozesses nicht zu,
sich nur um den eigenen Teilbereich zu kümmern, 'die Verantwor-
tung des einzelnen (erstreckt) sich nicht nur auf einen über-
schaubaren Anteil der Produktion ..., sondern auf den gesamten
Produktionsprozeß, der vom Arbeitskollektiv gesteuert wird.'"
/79/ 21) "Zum einen" übersehen die Autoren, daß die Beaufsichti-
gung der Produzenten mit der Entwicklung der Fließbandproduktion
im Kapitalismus weitgehend der Maschine übertragen werden konnte.
"Die Ketten- oder Bandarbeit reduziert die Qualität menschlicher
Arbeit darauf, 'Lückenbüßer der Mechanisierung' zu sein, be-
stimmte Handgriffe auszuführen, deren Rhythmus und Art von dem
Tempo der Maschine unausweichlich vorgegeben wird ... 'Die Ma-
schine ist ein harter Herr, der nichts durchgehen läßt. Kein
Mensch könnte als Vorgesetzter solche Unnachsichtigkeit prakti-
zieren.'" 22) Anscheinend ist eine gegensätzliche Tendenz für den
Automationsprozeß unterstellt, welche die Beaufsichtigung und
Kontrolle mit der technischen Entwicklung den Händen der unmit-
telbaren Produzenten übergibt.
Zum anderen erwähnen die Autoren nicht, daß sich die eben zi-
tierte DDR-Wissenschaftlerin A. Kahl auf die gesellschaftlich
vermittelten Formen sozialistischer Arbeitskollektive bezieht und
nicht auf einen "Selbstlauf" des Automationsprozesses. Konkret
begründet sie Anforderungen an die dem Charakter sozialistischer
Produktionsverhältnisse entsprechende Leitung.
Bevor wir auf einige Auffassungen über den Zusammenhang von Ar-
beitsmittel und Arbeitskraft in der sozialistischen Gesellschaft
eingehen, können wir auch eine vielleicht übriggebliebene Erwar-
tung aufgeben: Die Autoren verwenden die sozialistische Gesell-
schaft - ihren theoretischen Ausgangspunkt reproduzierend - ge-
rade nicht dazu, in Verfolgung des realen Lebensprozesses Auf-
schlüsse entweder über die Existenz einer sozialistischen Ent-
wicklungsform der Produktivkräfte oder aber über eine Identität
der Arbeitsmittel und ihres Einsatzes, der Ausprägung der Ar-
beitskraft usw. in verschiedenen Gesellschaften zu erlangen. Wäh-
rend diese stofflichen Prozesse neben dem theoretischen insbeson-
dere auch von praktischem Interesse angesichts kapitalistischer
Rationalisierung für die gewerkschaftliche Bewegung wäre,
u n t e r s t e l l e n sie hier grundsätzlich die Identität.
Ein Hinweis auf die Möglichkeiten systemübergreifender Analysen
des Arbeitsprozesses läßt sich z.B. der Kritik an der industrie-
soziologischen Untersuchung von H. Kern und M. Schumann durch S.
Herkommer entnehmen. S. Herkommer problematisiert deren gegen die
Requalifikationsbehauptung R. Blauners gerichtete These, daß
"unter gewissen Voraussetzungen ... gerade auch durch Automati-
sierung die Voraussetzungen für restriktive und qualifikations-
lose Arbeiten" entstehen. Die gesellschaftsunspezifische Tech-
nikauffassung von Kern/Schumann übersehe den Einfluß ökonomischer
Verhältnisse auf die teilweise vorhandene - technisch begründete
- Dequalifikation. "... inwieweit sich darin nicht nur technische
Gegebenheiten aussprechen, die unter einem hinzutretenden
'kapitalistischen Profitmotiv' festgehalten werden und sich des-
halb nicht in Richtung auf eine 'Humanisierung der Arbeit' ent-
wickeln lassen, sondern inwieweit in den konstatierten Gegeben-
heiten sich notwendige Tendenzen durchsetzen, wird Kern/Schumann
nicht zum Problem. Zwar verweisen sie an Bruchstellen ihres Mate-
rials stets getreulich auf ökonomische Interessen, die in techni-
sche Umstellungen hineinspielen, diese haben aber prinzipiell den
Status von Randbedingungen, die dem Produktionsprozeß äußerlich
bleiben." 23)
Wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, so trifft diese Einschät-
zung durchaus auch auf den Beitrag von T. Waldhubel und S. Wenk
zu, die von vornherein gar nicht intendieren, aus dem - hier so-
zialistischen - gesellschaftlichen Prozeß zu theoretischen Ver-
allgemeinerungen zu gelangen. Ihre scheinbare Bezugnahme auf den
Sozialismus als Erkenntnisobjekt bezieht sich auf ein spezielles
Anliegen:
Sie müssen aufgrund ihrer theoretischen Prämissen annehmen, daß
sich mit ihrer Theorie des gegenwärtigen Kapitalismus auch die
sozialistische Entwicklung erklären läßt 24), womit sie allein
auf die Fragwürdigkeit ihrer Gesellschaftstheorie überhaupt hin-
weisen. In ihren Ausführungen bewegen sie sich auf einer Erschei-
nungsebene, welche durch die gegenüber dem Sozialismus insgesamt
höhere Arbeitsproduktivität des heutigen Kapitalismus hervorgeru-
fen wird: Die technischen Errungenschaften der entwickelten kapi-
talistischen Gesellschaft erscheinen als technische Errungen-
schaften überhaupt, ihre besondere Form gerät zum Inhalt des
technisch-wissenschaftlichen Fortschritts. Die hierdurch tatsäch-
lich hervorgerufenen Anforderungen an die theoretische Analyse
bleiben ihnen daher geheimnisvoll: Etwa wenn J. Filipec, B.P.
Löwe und R. Richta feststellen, "daß einige Elemente der sich
entwickelnden wissenschaftlich technischen Revolution, insbeson-
dere jedoch einige ihrer sozialen Aspekte, vorläufig eher durch
eine theoretische Analyse und Synthese als anhand ihrer unmittel-
baren Erscheinung veranschaulicht werden können ..." 25)
Diese Problematik wird nach der Automationsauffassung von T.
Waldhubel und S. Wenk irrelevant. Ihre Ausführungen implizieren
eine Automationsanalyse, nach welcher gerade ihre volle Durchset-
zung unterstellt ist, statt ihren Durchsetzungsprozeß zu untersu-
chen. Aufgrund solcher theoretischer Absicherung erscheinen alle
Entwicklungswidersprüche, insbesondere aber gesellschaftsspezifi-
sche Schranken und Grenzen, allein als Unvollkommenheiten gegen-
über einem Endzustand. Nach J. H. Mendner ergibt sich diese Be-
trachtungsweise aus der Orientierung an der "Freisetzung unmit-
telbarer Produktionsarbeit überhaupt... Nach dieser Auffassung
gibt es dann entweder nur den Zustand der Vollautomation, in dem
bereits jegliche menschliche Arbeit aufgehoben wurde Diese Vor-
stellung völlig arbeitsfreier Produktion ist aber nicht geeignet,
Automation als ein gesellschaftlich relevantes Phänomen, das
selbst einer Entwicklung unterliegt, zu analysieren. Oder es wird
jede auf diesem Entwicklungspfad zur Vollautomation eintretende
Freisetzung lebendiger Arbeit als ein Moment der Automation
bezeichnet..." 26)
Bedingungen der Automationsentwicklung in der DDR-Diskussion
Die aus dem bestimmten sozialen Zusammenhang von technischer und
Arbeitskraft-Entwicklung hervortretenden Widersprüche sind es
auch, welche von A. Kahl thematisiert werden. Der Autorin geht es
keineswegs um abstrakte Wirkungen der Automation, sondern um die
Bedingungen sozialistischer Arbeitskollektive in der automati-
sierten Chemie-Produktion, wobei sie zu widersprüchlichen Ergeb-
nissen gelangt: Das Überwiegen von geistiger Arbeit führe einer-
seits zur Vereinheitlichung des geistigen Niveaus innerhalb der
Kollektive, andererseits ist "Der Unterschied in bezug auf den
Anteil der geistigen Arbeit zwischen den im Produktionsprozeß tä-
tigen Ingenieuren und Facharbeitern ... aber wesentlich geringer
als der Unterschied im Inhalt der Arbeit zwischen Facharbeitern
und angelernten Arbeitern." Die sich erhöhende Kooperationsbe-
reitschaft in den Kollektiven ist aufgrund der Freisetzung von
lebendiger Arbeit verbunden mit der räumlichen Trennung der Ar-
beitsplätze und steht im Widerspruch zu dem "ausgeprägte(n) Be-
dürfnis nach interpersoneller Kommunikation." Dem "Selbstlauf"
überlassen, komme es "zu Störungen der Kollektivbeziehungen" und
führen "Höhere Qualifikation und Disponibilität... nicht spontan
zur Festigung sozialistischer Beziehungen im Kollektiv." 27) Wie
der Ausgangspunkt der Verfasserin in dem bestimmten gesellschaft-
lichen Bezug des Arbeitskollektives besteht, so zeigt sie die aus
der Entwicklung des Arbeitsmittels resultierenden Notwendigkeiten
einer s o z i a l i s t i s c h e n Leitung der Produktion auf.
Wie schon allgemein angedeutet, reduziert sich auch für A. Kahl
die wissenschaftlich-technische Entwicklung - damit das Mensch-
Maschine-Verhältnis - nicht auf die "Möglichkeiten" der Einspa-
rung an lebendiger Arbeit. Automation gilt in der DDR-Literatur
auch nicht als "materielle Basis" der Persönlichkeitsentwicklung
wie bei T. Waldhubel und S. Wenk, sondern als deren "materiell-
technische Basis". "Der Begriff der materiell-technischen Basis
der Gesellschaft ist einerseits enger als der Begriff der Produk-
tivkräfte, weil letztere neben den gegenständlichen Faktoren -
den Arbeitsmitteln und Arbeitsgegenständen sowie technologischen
Verfahren, Struktur und Organisation der Produktion - auch den
subjektiven Faktor - den Menschen als die Hauptproduktivkraft -
umfassen." 28) In den Produktivkräften ist das Zusammenwirken der
Faktoren des Arbeitsprozesses die Voraussetzung einer gesell-
schaftsspezifischen Auffassung des Produktionsprozesses. D.h. daß
auch die Form der technischen Ausstattung gesellschaftlich deter-
miniert ist. Der Einsatz der Technik ist deshalb nicht Produkt
einer abstrakten wissenschaftlich-technischen Revolution, sondern
Ausdruck bestimmter Produktionsverhältnisse. Die wissenschaft-
lich-technische Revolution, schreibt D. Klein in bezug auf die
modernen Gesellschaften, führt "an die Schaffung der materiell-
technischen Voraussetzungen für die volle Entfaltung der schöpfe-
rischen Persönlichkeiten der Werktätigen heran. Ob aber diese
Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik für die Persönlich-
keitsentwicklung genutzt werden, hängt vom Charakter der Produk-
tionsverhältnisse ab." 29) Der theoretische Zugang besteht folg-
lich nicht in einer absolut eigenständigen "Entwicklungslogik"
der Technik, was auch für die Ingenieurwissenschaften bedeutsam
wird: "Dem Wesen des Sozialismus gemäß kann im Maßstab der Volks-
wirtschaft planmäßig die Produktionstechnik immer mehr den Be-
dürfnissen nach schöpferischer Arbeit angepaßt werden, kann das
zunehmend zu einem Kriterium der Konstruktionsarbeit werden ..."
30)
Ist für die DDR-Wissenschaftler die wissenschaftliche und techni-
sche Entwicklung nicht von selbständigem Charakter, sondern muß
sie ihre Potenzen entsprechend der gesellschaftlichen Zielrich-
tung entwickeln, so muß dies sich im Zusammenwirken der Faktoren
des Arbeitsprozesses unmittelbar ausdrücken. G. Schulz führte
1972 ein Beispiel von Automatisierung in der DDR an, wobei
(scheinbar) unabhängig von der technischen Ausstattung zwei Mög-
lichkeiten des Einsatzes von Arbeitskräften in Betracht kamen.
"Zum Beispiel wurde im VEB Mikromat Dresden der Einsatz von nume-
risch gesteuerten Werkzeugmaschinen vorbereitet. Es sinken die
Qualifikationsanforderungen für das Bedienen der NC-Maschinen.
Andererseits erfordert das Einrichten eine höhere Qualifikation.
Es wurden zwei Varianten untersucht. Die eine sah das Trennen der
Funktion des Einrichtens von der des Bedienens vor. Damit würde
ein Bedarf an höher qualifizierten Facharbeitern für das Einrich-
ten und von weniger qualifizierten für das Bedienen entstehen. So
wäre die alte aus dem Kapitalismus übernommene Arbeitsteilung re-
produziert worden. Der andere Weg - für den man sich entschied -
sah die Vereinigung dieser beiden Funktionen vor. Es war eine
zahlenmäßig größere Gruppe von Arbeitern mit höherer Qualifika-
tion erforderlich. Das Wichtigste ist, daß alle an der neuen Ar-
beit großes Interesse fanden." 31) Es ging nicht um einen aus
"der Automation" hervorgehenden Einsatz von Arbeitskräften und
nicht um eine kurzfristige ökonomische Effektivität als Kriterium
der Planung. Die wissenschaftlich-technische Politik orientierte
sich an dem spezifischen gesamtgesellschaftlichen Nutzen, der -
insbesondere auch langfristig - auch eine dieser Gesellschaft
entsprechende Effektivität, die Rationalität in der Auseinander-
setzung mit der Natur mit sich bringen soll. D.h., daß der fakti-
sche Einsatz lebendiger Arbeit sich auch gegenwärtig nicht aus
einer -· in diesem Falle weniger von berücksichtigten technischen
Varianten abhängigen - Automation "an sich" ergibt, sondern Aus-
druck und Folge der Produktionsverhältnisse ist.
Die Entscheidung für die letztere Variante ist aber keineswegs
als unhistorische in dem Sinne aufzufassen, daß sie eine Folge
nur aktueller oder spontaner Arbeitspolitik wäre. Schon der Ent-
scheidungsspielraum setzt ein bereits vorhandenes Arbeitskräfte-
potential voraus. Die gesellschaftliche Vorbereitung der lebendi-
gen Arbeit und im weiteren die damit mögliche Art auch der tech-
nischen Entwicklung sind daher die Momente, welche den Prozeß der
Produktivkraftentwicklung prägen. Die Kritik am "technologischen
Determinismus" muß - ist sie nicht nur eine vordergründige ideo-
logische Kritik - den Nachweis ihrer Richtigkeit durch die These
erbringen, daß sich im Zusammenwirken von Technik und der Ausprä-
gung der Arbeitskraft ein System von objektiven und subjektiven
Elementen der Produktivkräfte in einer sozialistischen Form her-
auskristallisiert. Die - sicher erst in Ansätzen sichtbare 32) -
Verschiedenheit der technischen Ausrüstung in den gegenwärtigen
Gesellschaften ist ein Kriterium der Entwicklung des Charakters
der Produktivkraft Mensch, der selbst wieder die Notwendigkeiten
und Möglichkeiten der Produktionsverhältnisse anzeigt. Für den
Kapitalismus, schlußfolgert entsprechend D. Klein, bestehe die
Schranke der Produktivkraftentwicklung nicht unmittelbar in der
technischen Entwicklung. "In der gegenwärtigen Phase der wissen-
schaftlich-technischen Revolution scheint es möglich, daß der Ka-
pitalismus diese Schranke für die technische Entwicklung noch
durch den leistungsfördernden Druck der sozialen Existenzunsi-
cherheit, durch die Wirkung der Konkurrenz auf eine rasche Über-
führung wissenschaftlicher Ergebnisse in die Produktion und Orga-
nisierung der Tätigkeit der qualifiziertesten Kräfte in bestimm-
tem Maße zu kompensieren vermag." Eben aber die Einsetzbarkeit
der Produktivkraft Mensch führe zu generell unterschiedlichen
Formen der Produktivkraftentwicklung entsprechend dem Charakter
der Produktionsverhältnisse. "Je mehr aber im Prozeß des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts die schwere körperliche Ar-
beit durch Maschinen ersetzt wird, je mehr die einfache Arbeit in
kompliziertere übergeht und je mehr der Charakter der Tätigkeiten
schöpferisches Verhalten verlangt, desto mehr wird sich die Dif-
ferenz zwischen den Schranken des Kapitalismus und den Möglich-
keiten des Sozialismus zur Entwicklung der Persönlichkeit der
Werktätigen auch im Niveau der Produktion und in der Beschaffen-
heit der eingesetzten Technik niederschlagen", die Entwicklungs-
schranken für die Arbeitskraft im Kapitalismus setzen auch der
"Entfaltung der anderen Elemente der Produktivkräfte" Schranken.
33)
Die in sozialistischen Ländern entwickelte Theorie der materiel-
len Bedingungen des gesellschaftlichen Fortschritts muß auch des-
halb als Einheit von technischer und Persönlichkeitsentwicklung
dargestellt werden, weil die wissenschaftlich-technische Revolu-
tion erfordert, "daß dieses Niveau (der Produktionskenntnisse -
W.W.) dem technischen Ausstattungsgrad voraus ist." Die Wissen-
schaft stehe daher vor der Aufgabe, "die Kenntnisse so und in ei-
ner solchen Form zu produzieren, daß sie zu einem aktiven Faktor
bei der Herausbildung der schöpferischen Fähigkeiten breiter Be-
völkerungsschichten werden können." 34) Die sozialistische Per-
sönlichkeit kann nach dieser Auffassung daher nicht als eine
Folge und Notwendigkeit von "Automation" bestimmt werden, da der
Automationsprozeß sich in der gesellschaftsbezogenen Wechselwir-
kung der Elemente der Produktivkräfte vollzieht: Ist die materi-
ell-technische Basis einerseits die Grundlage der Persönlich-
keitsentwicklung, so sind es andererseits die sozialistischen
Produktionsverhältnisse, welche über das Mittel politischwissen-
schaftlicher Planung auch die der Persönlichkeitsentwicklung ad-
äquate Technik hervorbringen - wiederum in Abhängigkeit von den
Fähigkeiten der Produzenten. "Weder die Qualifikationsanforderun-
gen noch die geistigen Komponenten des Arbeitsprozesses nehmen
mit der Mechanisierung und Automatisierung linear zu", folgert R.
Weidig aus dem empirischen Material. 35) Für die DDR-Wissenschaft
sei auch aus diesem Grund "die Erhöhung des Qualifikationsniveaus
der Arbeiterklasse ... keine Sache des Selbstlaufs. Wiederholt
zeigen soziologische Untersuchungen, daß die Teilnahme an den
verschiedenen Formen der Weiterbildung mit dem vorhandenen Quali-
fikationsniveau der Werktätigen fast linear zunimmt, das heißt,
die Aktivität höher qualifizierter Gruppen ist auf diesem Gebiet
- wie auch auf vielen anderen - bedeutend höher als die niedriger
qualifizierter Gruppen. Es sind weitaus höhere Anstrengungen er-
forderlich und Bedingungen notwendig, um vor allem die Werktäti-
gen mit einem niedrigeren Qualifikationsniveau planmäßig in das
System der Aus- und Weiterbildung einzubeziehen. Zugleich geht es
... auch um die rationelle Nutzung des gegebenen Bildungspotenti-
als." 36)
Diese von der Gesellschaft entwickelte, d.h. letztlich aus ihren
Produktionsverhältnissen hervorgehende Form der Produktivkräfte
ist zugleich Entwicklungsmoment der Produktionsverhältnisse;
bringt die Möglichkeit und Notwendigkeit sich verändernder Bezie-
hungen im Produktionsprozeß mit sich. Der Bericht einer sowjeti-
schen Expertenkommission zur Ausarbeitung eines Perspektivplanes
der "sozialökonomischen Entwicklung der UdSSR in den Jahren 1976
bis 1990" ist ein Einblick in die praktische Berücksichtigung
dieses Zusammenhanges: "Die Entwicklung der Produktivkräfte hat
die Vergesellschaftung der Produktion beschleunigt und zu einer
umfassenderen Nutzung der herkömmlichen und zur Ausarbeitung von
neuen Methoden der Vergesellschaftung geführt ... Dies äußert
sich in erster Linie in der Bildung verschiedenartiger komplexer
Vereinigungen, die auf der Basis der wirtschaftlichen Rechnungs-
führung arbeiten. Dies ist ein wichtiger Prozeß auf dem Gebiet
der Zunahme der Vergesellschaftung der Produktion und der Ent-
wicklung der Eigentumsverhältnisse." Die veränderten Produktions-
verhältnisse formen den "Charakter und ... Inhalt der Arbeit, die
Struktur der Arbeitskräfte, die Einstellung zur Arbeit, die Dis-
tributionsverhältnisse usw." 37)
Sollte eingangs stärker die gesellschaftliche Entwicklung als
Folge eines aktuellen Reproduktionsprozesses dargestellt werden,
so war eben zu verfolgen, wie sich die besondere Form der Produk-
tivkräfte des Sozialismus herauskristallisiert. Auch die Aufnahme
dieser stärker praxisbezogenen wissenschaftlichen Diskussion in
sozialistischen Ländern zeigte, daß die Betonung der Formbe-
stimmtheit des Reproduktionsprozesses sich nicht auf abstraktere
Wissenschaften reduziert. Daß die Wissenschaftler in der DDR die
Erforschung gesellschaftlicher Praxis aus einer historischen und
gesellschaftsspezifischen Einheit von Produktionsverhältnissen
und Produktivkräften herleiten, ist dagegen T. Waldhubel und S.
Wenk völlig entgangen. Diskret umgehen sie damit den Versuch ei-
ner ihre eigene Position bestätigenden Kritik, indem sie den
grundsätzlichen theoretischen Ausgangspunkt der - etwa auch von
ihnen zitierten - DDR-Autoren überspringen, um zu verkünden, daß
"das gesellschaftliche Leben im Sozialismus ... über die bewußte
Regelung und Planung gesellschaftlicher Versorgung und Befriedi-
gung gemeinsamer Interessen bestimmt" /70/ sei. T. Waldhubel und
S. Wenk haben sich nun selbst in die Lage gebracht, die Gesell-
schaft vollends von irgendwelchem besonderen und damit auch all-
gemeinen Einfluß auf ihre sozial-ökonomische Entwicklung befreit
zu haben. Daß es sich um eine bestimmte Gesellschaft handelt, ist
ihrer Darstellung nur als in Form von Randbedingungen auftauchen-
den Hinweisen zu entnehmen. (Die Notwendigkeit dieser Erinnerun-
gen zeigt selbst schon an, daß die Entwicklung nicht aus dem ge-
sellschaftlichen Reproduktionsprozeß hervorgehend verstanden
wird.) Gesellschaftliche Entwicklung dennoch zu erklären, verwei-
sen sie auf die Wirkung der gegenständlichen Faktoren des Automa-
tionsprozesses; damit auf die (zukünftige) vergegenständlichte
oder tote Arbeit. Das erklärte Anliegen der menschlichen Emanzi-
pation vielleicht doch noch aufzuspüren, wenden wir uns abschlie-
ßend Aspekten des Überbaus in den modernen Gesellschaften zu.
Ziel und Mittel in der sozialistischen Gesellschaft
---------------------------------------------------
Aufgrund der Ausschaltung des Entwicklungsprozesses der materiel-
len Beziehungen, welche die Produzenten im Produktionsprozeß ein-
gehen, kann die Behauptung der Autoren - gleich ob sie zutrifft
-, daß ein bestimmtes System moralischer Normen und Regeln der
Gesellschaft äußerlich sei, nur durch eine Konfrontation mit dem
ihnen vorschwebenden Ziel der Entwicklung zustandegekommen sein.
Denn sowohl die Aufgaben der Erzieher, die nach Marx auch erzogen
werden, wie auch der den Autoren mißfallende Fakt, daß "ein Teil
dieser Regeln zu Gesetzen erhoben (wird), deren Einhaltung ver-
mittels staatlichen Zwangs gewährleistet wird" /69/ sind in die-
sem Falle nicht als Ausdruck der materiellen Verhältnisse be-
trachtet, sondern als einfache Negation zu einem utopisch kon-
struierten Ideal. Irreführend ist daher auch die Feststellung,
"Im Sozialismus, in dem dieser unmittelbare Zwang (Repressions-
maßnahmen, wie in kapitalistischen Betrieben - W.W.) wegfällt,
ist die sozialistische Arbeitshaltung primär eine Frage des
Bewußtseins der Produzenten." /68/ Die Arbeitshaltung ist ebenso
wie überhaupt die gesellschaftliche Einstellung ein Ent-
wicklungsprozeß der Persönlichkeit, in welchem "der enge bürger-
liche Rechtshorizont" nur unter bestimmten materiellen Vorausset-
zungen überschritten werden kann: "Das Recht kann nie höher sein
als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturent-
wicklung der Gesellschaft." 38)
Zufrieden mit der Existenz sozialistischer Produktionsverhält-
nisse überhaupt, ergibt sich bei den Autoren eine Weiterentwick-
lung der Gesellschaft nicht als komplexer Organismus, sondern
durch den Vorschlag, zu automatisieren. Daß der erreichte Stand
der technischen Entwicklung wiederum die Grundlage für die sich
verändernde - und nur über die bewußte Erkenntnis veränderbare -
Rückwirkung der Überbauverhältnisse ist, kann diese reine Theorie
nicht belasten. Umgekehrt: Die Autoren kritisieren zwar bestimmte
Entwicklungen im Überbaubereich der DDR als hemmend für die Per-
sönlichkeitsentwicklung, geben aber grundsätzlich nicht an, ob
diese überhaupt eine Relevanz besitzen, und wie etwa nicht hem-
mende vorzustellen seien. Dies wird deutlich an einer allgemeinen
Konfusion: In ihrer Kritik des in der DDR propagierten Normen-und
Moralsystems vermischen die Autoren bedenkenlos zwei auf unter-
schiedlicher Ebene angesiedelte Aspekte der Wirkungen auf die
Entwicklung der Persönlichkeit: Einerseits die sich in allen Be-
reichen der Gesellschaft ausdrückende - bzw. "erwünschte" - Ver-
haltens- und Bewußtseinsentwicklung, also "den sozialen, politi-
schen und geistigen Lebensprozeß überhaupt." 39) Andererseits die
Aussagen von Pädagogen über den Prozeß der Vorbereitung der zu-
künftigen Produzenten auf den gesellschaftlichen Lebens- und Ar-
beitsprozeß. Wenn auch beide Momente aufs engste miteinander ver-
bunden sind - daher die Indentifizierung bei T. Waldhubel und S.
Wenk - so fallen sie doch keineswegs zusammen. Pädagogik ist we-
der eine "Überwissenschaft", noch ist sie durch die anderen Ge-
sellschaftswissenschaften ersetzbar. 40)
Insbesondere aber: Die Autoren hatten betont, die Bedingungen der
Persönlichkeitsentwicklung zu untersuchen. Ist unsere Kritik be-
rechtigt und sind die Autoren in ihrer Konzeption konsequent, so
muß sich ihr Persönlichkeitsbegriff als Kriterium der unterlie-
genden Gesellschaftsauffassung erweisen. Vergegenwärtigen wir uns
daher, wie die Qualitäten der sozialistischen Persönlichkeit nach
Ansicht der Autoren entstehen:
- Der Automationsarbeiter bewegt "eine ungeheure Masse von Ma-
schinerie", seine Arbeit macht die Kenntnis der Zusammenhänge
über den eigenen Teilbereich hinaus notwendig, daher steige das
Verantwortungsbewußtsein. /79, 80/
- Der "ungeheure Wirkungskreis" des individuellen Handelns geht
mit der "Notwendigkeit einer genauen Einsicht in die Bedingungen
des eigenen Tuns" einher. /79/
- Die Handlungen werden von einem "Gebrauchswert-orientierten,
ökonomischen Denken bestimmt", da "Planung und Durchführung der
Produktion integrierbar werden." /80/
- Was für die gesellschaftliche Planung und politische Leitung im
Sozialismus unmittelbar einsichtig sei, nämlich die "bewußte und
gemeinschaftliche Regelung gesellschaftlicher Produktion", "läßt
sich mit der Automation nun auch für die Ebene der materiellen
Produktion verfolgen, bzw. findet dort ihre Entsprechung." /79,
80/
Offensichtlich liegt dem eine Interpretation Marx'scher Gedanken
zugrunde, wonach der Mensch angesichts der von ihm hochentwickel-
ten Technik "neben den Produktionsprozeß (tritt), statt sein
Hauptagent zu sein", es "die Entwicklung des gesellschaftlichen
Individuums" ist, "die als der große Grundpfeiler der Produktion
und des Reichtums erscheint." 41) Daher die klare Anweisung zu
automatisieren: Wenn die zukünftige Technik solch entwickeltes
Individuum zur Bedingung hat, braucht nur noch diese Technik ent-
wickelt zu werden, lautet die Tautologie. Nun kann davon abgese-
hen werden, daß - die Produktivkräfte und gesellschaftlichen Be-
ziehungen - beides verschiedene Seiten der Entwicklung des ge-
sellschaftlichen Individuums" sind, diese Seiten "materielle ( )
Bedingungen" der gesellschaftlichen Entwicklung sind 42), erst
recht aber vermögen die Autoren das Problem auszublenden, daß
auch der Erzieher bzw. Pädagogik-Wissenschaftler zukünftig und
gegenwärtig gesellschaftliche Erfordernisse umzusetzen hat, die
der sozialistische Prozeß hervorbringt. Da die Autoren von dem
Erziehungsprozeß des gesellschaftlichen Nachwuchses ebenso wie
von den - sich ändernden - Verhaltensweisen der Produzenten im
unmittelbaren Produktionsprozeß grundsätzlich abstrahieren,
bleibt nur oben geschildertes, sich mit der Technik einstellendes
Verhaltenssyndrom der Automationsarbeiter. Die Persönlichkeits-
entwicklung wird damit ersetzt durch eine Psychologie der Automa-
tion, denn die menschliche Persönlichkeit ist nicht als "Ensemble
der gesellschaftlichen Verhältnisse", damit als untrennbares Ge-
genstück zum Gesellschaftsbegriff aufgefaßt, sondern als Summe
von Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die sich hier angesichts
der Automation herausbilden würden. Um Mißverständnisse zu ver-
meiden: Nicht darin, daß die Autoren die Persönlichkeit psycholo-
gisch begründen, sondern darin, daß sie mit solchem Persönlich-
keitsbegriff versuchen, unmittelbar die Gesellschaft erklären zu
wollen, besteht die Konfusion.
Als Methode der vorliegenden Sozialismusinterpretation läßt sich
zusammenfassen, daß ein zukünftiger Entwicklungsgrad der sich
sträubenden Realität gegenübergestellt wird, statt den wider-
sprüchlichen Prozeß der Entwicklung zu verfolgen. Damit hat sich
gezeigt, wie eine in dem Aufsatz von H. May und R. Nemitz 43)
vorgegebene Theorie - wenigstens in dieser Anwendung - zu einem
Gegeneinander von Realität und utopischem Ideal führte. Praktisch
bleiben uns nur Seifenblasen, denn die Anwendung, die es erst
recht sollte, läßt tatsächlich keine Schlüsse über das im Ein-
gangsmotto betonte "Wie der Entwicklung" zu. T. Waldhubel und S.
Wenk beziehen ihr "Argument... ausschließich auf den fernen
Fluchtpunkt der gegenwärtigen Entwicklung ...", damit die Pro-
bleme der Gegenwart verschleiernd.
Für die Wissenschaftler in der DDR sind, wie sich zeigte, die
über die ökonomische Basis des Sozialismus hinausgehenden Gesell-
schaftsbereiche unmittelbar einbezogen in die konkrete Weiterent-
wicklung der Gesellschaft. Diese sind sowohl aktiv auf den unmit-
telbaren Produktionsprozeß wirkende, wie auch zur Realisierung
der Produktionsverhältnisse notwendige Momente des Reproduktions-
und Entwicklungsprozesses. Die Einstellung zur Arbeit etwa ändert
sich zusammen mit den in Wechselwirkung zu den Produktionsver-
hältnissen sich ändernden Moral-, Rechts-, Ideologie-, Erzie-
hungsbereichen usw. Die spezifische Rückwirkung des Überbaus ist
- wie sich besonders am Problem der, der technischen Entwicklung
vorausgehenden, Arbeitskraftentwicklung zeigte - unmittelbarer
Bestandteil des Prozesses der Revolutionierung der Produktiv-
kräfte wie auch entscheidend für die Entwicklung der Produktions-
verhältnisse selbst: Kenntnisse und Informationen in vielfältig-
ster Form sind gesellschaftlich notwendige Grundlage des sich
verändernden Verhältnisses des Menschen zur Natur wie der Bezie-
hungen der Menschen im Produktionsprozeß. Kurz, "Es wird niemals
solche technischen Lösungen geben, die uns die Aufgabe abnehmen
könnten, uns den komplizierten bildungsökonomischen, arbeitswis-
senschaftlichen und sozialen Problemen zuzuwenden, die mit der
Gestaltung progressiver Arbeitsinhalte verbunden sind und die für
den Gesamtfortschritt der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen",
wie es H. Nick zuspitzte. 44)
Ohne auf nicht unproblematische Auffassungen einzugehen, wie sie
in der der DDR-Diskussion bezüglich der Förderung von Bewußtsein-
sprozessen und der Erziehung vertreten wurden, sei eine grund-
sätzliche, objektiv bedingte Schranke angedeutet. Die theoreti-
sche Prognose - als notwendiger Bestandteil der wissenschaftli-
chen Planung - kann nur Ausdruck der wirklichen Bewegung und ih-
rer Analyse sein. Damit ist wissenschaftliche Voraussicht - ins-
besondere für eine noch junge Gesellschaft - in ihrem Konkret-
heitsgrad abhängig von den sich historisch herausbildenden, dem
Sozialismus eigenen Verhältnissen. Auf diese Problematik verwei-
sen die sowjetischen Autoren C.A. Gordon und E.W. Klopnow. Sie
unterscheiden in Anlehnung an S.I. Fainsburg drei Typen der Sozi-
alplanung, "die den drei wichtigsten Bereichen der planmäßigen
Entwicklung der Gesellschaft entsprechen: 1. der Produktionsbe-
reich (sozialökonomischer Bereich), 2. der Bereich der eigentli-
chen sozialen Beziehungen und Prozesse und 3. der Bereich der
primären Sozialisierung der Persönlichkeit... übrigens hält der
Autor den dritten Typ der Planung für eine Sache der Zukunft."
45)
Ein "Ideal" der sozialistischen Persönlichkeit, aufgefaßt als
Konstrukt, welches dann (von wem?) im Laufe der Jahre - sei es
durch Vernunft oder Technik usw. - zu erschaffen wäre, wider-
spricht zumindest den Grundthesen des Marxismus, nach welchen die
Fixierung des "abstrakten Menschen" selbst Ausdruck unentwickel-
ter gesellschaftlicher Verhältnisse ist. F. Staufenbiel folgerte
für die Realanalyse: Planung schließe im Sozialismus "die konzep-
tionelle Voraussicht sozialer Prozesse, Probleme und Aufgaben in
sich ein ..." Diese Voraussicht begründe sich aber auf den realen
Prozeß, daher "brauchen wir nicht abstrakte, allgemeinmenschliche
Werte zu strapazieren, wie das bürgerliche und sozialreformisti-
sche Ideologen ständig tun. Wir wollen die wirklichen Prozesse in
unserer Gesellschaft analysieren, um mit wissenschaftlichen Er-
kenntnissen den gesellschaftlichen Fortschritt besser organisie-
ren zu können." 46)
Den letzten Nachweis schließlich, daß es Th. Waldhubel und S.
Wenk nicht um eine Darstellung der DDR-Diskussion zu tun war,
sondern diese nur der theoretischen Selbstbestätigung diente, er-
bringen die Autoren in ihrem abschließenden Kapitel. Hier wenden
sie sich der Praxis zu, indem sie aufzeigen, wie die
"sozialistische Persönlichkeit" zum Kampfbegriff in der bürgerli-
chen Gesellschaft werden kann.
Eine Interpretation des gegenwärtigen Kapitalismus
--------------------------------------------------
Der heutige Kapitalismus ist für die Autoren eine Gesellschaft,
in der sich "die Automation immer mehr durchsetzt und zur bestim-
menden Produktionsweise wird ..."/83/ Die den Autoren vorschwe-
bende technische Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung wirkt
also auch in dieser Gesellschaft. Tatsächlich schildern uns T.
Waldhubel und S. Wenk, wie sich hier - wenn auch nur scheibchen-
weise und gehindert durch das Privateigentum - die sozialistische
Persönlichkeit (oder etwas von dieser nicht mehr Unterscheidba-
res) heranbildet. Die Entwicklung der Automation ist die materi-
elle Grundlage, auf welcher sich eine neue Qualität der Arbeits-
kraft herausbildet; sie bewirkt "veränderte Anforderungen an die
Produzenten aus dieser neuen Art der Produktion." /83/ Vom
Kapital können "die bei den Produzenten erforderliche
Verantwortung und das ökonomische Denken, die neuen Fähigkeiten
... nicht ungestraft negiert werden, ohne daß die Produktion
zusammenbrechen und damit unprofitabel würde." /83/ 47) Da hier
sozialistische Produktionsverhältnisse fehlen, bewege sich die
kapitalistische Form der Entwicklung der Arbeitskraft aber in
einem Widerspruch. Denn das Kapital versucht, den "über das
System hinausweisenden Tendenzen und Möglichkeiten die Spitze zu
brechen und auf pervertierende Art und Weise systemintegrierende
'sozialistische' Haltungen und Fähigkeiten herzustellen." /83/
Diesen "pervertierenden und inhumanen Eingriffen" zu begegnen,
muß sich die demokratische Bewegung "mit der Entwicklung der
Produktivkräfte im Rücken für die volle Entfaltung der
menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten einsetzen." /84/
Kurz, die sich entwickelnde Technik ist die positive Bedingung,
der Einsatz ideologischer Mittel von selten des Kapitals die ne-
gative Bedingung der Persönlichkeitsentfaltung: denn es ist nicht
nur Pikanterie, wenn die Autoren gerade in der "Ausbildung in
Schule, im Beruf und an der Hochschule" /83/ das Kampffeld für
und gegen Reformen festlegen. Die entwickelte Persönlichkeit,
welche im Sozialismus wie im Kapitalismus ursächlich durch die
Technik hervorgebracht wird, muß aufgrund der Kapitalinteressen
daher noch die Barriere des Überbaus (des weiteren wird ange-
führt: "Raffinierte Manipulationsangebote" /83/) überwinden; ist
damit auf eine demokratische" Bewegung angewiesen, welche die
Lehren der wahren Persönlichkeit verbreitet¦ statt selbst Produkt
von ökonomischen Verhältnissen zu sein, von Produktionsverhält-
nissen, die ihre Grenzen z.B. in der Gewerkschaftsforderung nach
Mitbestimmung ausdrücken - dies erledige die Automation ohnehin.
Der solchermaßen bestimmte demokratische Kampf führt schließlich
dazu, die restlichen Merkmale einer sozialistischen Persönlich-
keit zu gewinnen - falls folgender Anweisungskatalog beachtet
wird: "bürgerliche Privatheit, Konkurrenzhaftigkeit und persönli-
ches Vorteilsstreben gegen die Interessen der übrigen" sind zu
überwinden, "es kann sich ein gesellschaftlicher Mensch bilden,
der schrittweise die Persönlichkeitsdeformierung des kapitalisti-
schen Systems abstreift, seine Vernunft, das bürgerliche Erbe,
human und gesellschaftlich einsetzt." /84/
Wie in der Sozialismusinterpretation ist auch hier die menschli-
che Persönlichkeit nicht als Produkt der gesellschaftlichen -
letztlich der materiellen - Verhältnisse aufgefaßt. Während die
von der Bourgeoisie zu leistende Aufgabe der Gegenwart vor allem
in der Anpassung der Produktionsverhältnisse an die Erfordernisse
der Produktivkräfte besteht (was sich in politischen Wendungen
ausdrückt), glauben die Autoren die Wirkung der Produktionsver-
hältnisse durch Bewußtseinsakte neutralisieren zu können.
Seit Marx stellt der kapitalistische Produktionsprozeß - unabhän-
gig vom Entwicklungsgrad der Technik - für den Marxismus eine
Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß dar. Auch die Ar-
beitsmittel - und Technikenentwicklung bedeutet vor allem Ent-
wicklung der Arbeitsmittel - müssen den spezifisch gesellschaft-
lichen Verwertungsbedürfnissen entsprechen, die Entwicklung und
der Einsatz der Arbeitsmittel bzw. der Technik ist dem Marktme-
chanismus, der Verwertbarkeit durch das Kapital unterworfen.
"Verfügbarkeit der Technik und Investitionsbereitschaft aber ge-
nügen nicht, wenn nicht i m k o n k r e t e n F a l l d i e
n e u e P r o d u k t i o n s m e t h o d e t a t s ä c h-
l i c h b e d e u t e n d b i l l i g e r k o m m t a l s
d i e a l t e, w e n n n i c h t M a s c h i n e n w i r k-
l i c h r e n t a b l e r s i n d a l s M e n s c h e n! Und
das sind sie durchaus nicht immer - sonst wäre die zweite
industrielle Revolution schon längst auf allen Gebieten über uns
hinweggebraust.", bestimmt ein bürgerlicher Autor den "Motor der
Automation" im Kapitalismus. 48) D.h. die Automation erweitert
sich quantitativ und qualitativ nicht in dem Maße, wie sich
lebendige Arbeit überhaupt einsparen ließe. J Letztere erscheint
als das nicht zu umgehende, aber graduell einsparbare Mittel, die
vergegenständlichte Arbeit in Bewegung zu setzen. Die lebendige
Arbeit wiederum muß vom Kapital in Aktion gesetzt werden: Die
vergegenständlichte Arbeit herrscht über die lebendige.
Dieses historische Produktionsverhältnis der Herrschaft der Toten
über die lebendige Arbeit als allgemeine Bedingung gesellschaft-
licher Produktion nachgewiesen zu haben, ist das eigentliche Ver-
dienst von T. Waldhubel und S. Wenk. Da sie dies schwerlich aus
der DDR-Diskussion gelernt haben können, müssen wir die Wurzeln
ihrer Konzeption in der Form des bürgerlichen Produktionsprozes-
ses suchen, welche die Ideologie produziert, als seien die ge-
sellschaftlichen Verhältnisse nur jeweils "soziale Folgen" einer
eigengesetzlichen Technikentwicklung, "als determiniere die er-
zeuge Produktionstechnik, also die tote vergegenständlichte Ar-
beit, den weiteren Geschichtsprozeß, als erwüchse aus dieser
Technik das produktive Leben der Gesellschaft." 49) Nicht aus der
Maschine, sondern aus ihrer gesellschaftlichen - d. h. auch klas-
senspezifischen - Anwendung folgt dieser Schein. Politische The-
sen, welche diesen Anschein reproduzieren, statt ihn aufzudecken,
werden es schwer haben, nicht mit sozialreformistischen Positio-
nen verwechselt zu werden.
_____
1) W. I. Lenin: Werke Bd. 29, S. 416.
2) In: Autorenkollektiv: Die entwickelte sozialistische Gesell-
schaft, Berlin (DDR) 1973,5.31.
3) T. Waldhubel und S. Wenk: "Wissenschaftlich-technischer Fort-
schritt und individuelle Emanzipation", in: SOPO 36/1976. Seiten-
angaben in Schrägstrichen beziehen sich auf diese Arbeit.
4) K.H. Teßmann: "Zur Kritik des technologischen Determinismus",
in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 9/1974, S. 1089.
5) F. Staufenbiel: "Zur Entwicklung kultureller Bedürfnisse in
der Arbeiterklasse und Konsequenzen für die Planung sozialer Pro-
zesse im Betrieb und Territorium", in: Lebensweise, Kultur, Per-
sönlichkeit, Berlin (DDR) 1975, S. 55, 56.
6) J. H. Mendner: Technologische Entwicklung und Arbeitsprozeß,
Frankfurt/M. 1975, S. 10.
7) K. Marx: Das Kapital, MEW 23, S. 414.
8) G. Mittag: "Hauptaufgabe - Intensivierung - Effektivität", in:
Einheit, Heft 3/ 1973, S. 276. Vgl. auch D. Klein:
"Politökonomische Aspekte des Kampfes zwischen Sozialismus und
Kapitalismus", in: IPW-Berichte, Heft 3/1976.
9) K. Marx: Das Kapital, MEW 23, S. 414. "Für das Kapital wird
diese Produktivkraft gesteigert, nicht wenn überhaupt an der le-
bendigen Arbeit, sondern nur wenn an dem b e z a h l t e n Teil
der lebendigen Arbeit mehr erspart als an vergangener Arbeit zu-
gesetzt wird ..." (MEW 25, S. 272).
Hiervon abstrahierend wird verständlich, warum T. Waldhubel und
S. Wenk nicht, wie die von ihnen zitierten DDR-Autoren, die wis-
senschaftlich-technische Revolution in ihrer kapitalistischen
Form als unmittelbar begrenzte bestimmen.
10) Projektgruppe Automation und Qualifikation: "Automation in
der BRD", in: Das Argument, Sonderband 7/1975, S. 7. Vgl auch S.
79.
11) L. Pasiencny, in: "Die Verbindung der Errungenschaften der
wissenschaftlich-technischen Revolution mit den Vorzügen des So-
zialismus" (Bericht), in: Probleme des Friedens und des Sozialis-
mus, Heft 8/1972, S. 1026.
12) G. Schulz, in: ebenda, S. 1013.
13) R. Weidig: "Die Entwicklung der Arbeiterklasse und der Per-
sönlichkeit bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen
Gesellschaft in der DDR", in: Soziologische Probleme der Klas-
senentwicklung in der DDR, Berlin (DDR) 1975, S. 51.
14) M. Lötsch: Über die soziale Struktur der Arbeiterklasse ...",
in: Soziologische Probleme ..., a.a.O. (Fußnote 13), S. 105.
15) H.F. Wolf: "Tendenzen der sozialistischen Persönlichkeitsent-
wicklung bei der Verwirklichung des wissenschaftlich-technischen
Fortschritts und Probleme ihrer Interpretation", in: Lebensweise
..., a.a.O. (Fußnote 5), S. 49, 50.
16) G. Schulz, in: "Die Verbindung ..." (Fußnote 11), S. 1014.
17) K.H. Teßmann: "Zur Kritik ..." (Fußnote 4), S. 1103.
18) R. Weidig, a.a.O., (Fußnote 13), S. 53.
19) I. Huszar, in: "Die Verbindung ...", a.a.O. (Fußnote 11), S.
1017.
20) Vgl. auch: Projektgruppe Automation und Qualifikation,
"Automation in der BRD" a.a.O. (Fußnote 10), S. 260.
21) Die Autoren zitieren A. Kahl: "Zum sozialen Typ des Arbeits-
kollektivs in automatisierten Produktionsbereichen der Chemie",
in: Aktivität, Schöpfertum, Leitung und Planung, Berlin (DDR)
1975, S. 183.
22) F. Deppe u.a.: Kritik der Mitbestimmung, Frankfurt/M. 1969,
S. 245 und H. Popitz, H.P. Bardt u. a.: Technik und Industriear-
beit, Tübingen 1957, S. 111.
23) S. Herkommer: "Vom Elend der Industriesoziologie", in: SOPO
16/1972, S. 82.
24) Theoretische Ansatzpunkte finden sich etwa in: H. May und R.
Nemitz: "Kann der Kapitalismus die Produktivkräfte weiterentwic-
keln? " In: Marxistische Blätter, Heft 3/1976.
25) J. Filipec, B.P. Löwe, R. Richta: Sozialismus - Imperialismus
- wissenschaftlich-technische Revolution, Frankfurt/M. 1974, S.
72.
26) J.H. Mendner, a.a.O. (Fußnote 6), S. 187, 188.
27) A. Kahl: "Zum sozialen Typ...", a.a.O. (Fußnote 21), S. 182
ff.
28) H. Nick: "Materiell-technische Basis und gesellschaftlicher
Fortschritt", in: Einheit, Heft 8/1976, S. 870, 871.
29) D. Klein: "Die Grenzen des Kapitalismus in der wissenschaft-
lich-technischen Revolution", in: Einheit, Heft 1/1975, S. 94.
30) Ebenda, S. 95.
31) G. Schulz, in: "Die Verbindung ...", a.a.O. (Fußnote 11), S.
1031.
32) Vgl. H. Nick, a.a.O. (Fußnote 28), S. 877: "Der Übergang vom
Nachentwickeln zur Verwirklichung qualitativ neuer, bislang in
der Welt nicht bekannter wissenschaftlich-technischer Lösungen
ist für uns ein Kardinalproblem des wissenschaftlich-technischen
Fortschritts und seiner ökonomischen Wirksamkeit, eine Grundbe-
dingung wachsender Erfolge des Außenhandels." Vgl. auch S. 872.
33) D. Klein, "Die Grenzen ...", a.a.O. (Fußnote 29), S. 96, 97.
34) G.N. Wolkow, in: "Die Verbindung ...", a.a.O. (Fußnote 11),
S. 1018.
35) R. Weidig, a.a.O. (Fußnote 13), S. 53.
36) Ebenda, S. 49
37) A. Jeremin, L. Kasakewitsch: "Ökonomische Probleme des ent-
wickelten Sozialismus", in: Sowjetwissenschaft
(Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge), Heft 2/ 1975, S. 126,
127.
38) K. Marx: Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, S, 21.
39) K. Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, Vorwort, MEW
13, S. 9.
40) Vgl. dazu G. Neuner: "Das Persönlichkeitsproblem und die Päd-
agogik", in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 10/1973.
41) Vgl. K. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie,
S. 592 ff.
42) Ebenda, S. 592 f.
43) Vgl. H. May und R. Nemitz: "Kann der Kapitalismus...", a.a.O.
(Fußnote 24).
44) H. Nick, a.a.O. (Fußnote 28), S. 875.
45) L.A. Gordon, E.W. Klopow: "Die Erforschung der Lebensweise -
eine notwendige Voraussetzung für die Sozialplanung", in: Sowjet-
wissenschaft (Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge), Heft
12/1973, S. 1272.
46) F. Staufenbiel, a.a.O. (Fußnote 5), S. 54, 53.
47) Anhaltspunkte für die vorschwebende neue Qualität der Ar-
beitskraft finden sich in: Projektgruppe Automation und Qualifi-
kation: "Automation in der BRD", a.a.O. (Fußnote 10), S. 86 ff.
48) W. Bittorf: Automation, die zweite industrielle Revolution,
Darmstadt 1959, S. 146.
49) K.H. Teßmann, a.a.O. (Fußnote 4), S. 1097.
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