Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976


       zurück

       

EDITORIAL

Die Auswahl der Beiträge dieses Heftes verdankt sich der Diskus- sion politischer Alternativen, wie sie auch jenseits unserer Grenzen geführt wird, und ihrer theoretischen Fundierung. Politi- sche Aktualität verbürgt zunächst die Debatte der West-Berliner Sozialwissenschaftler Sebastian Herkommer, Urs Jaeggi und Robert Katzenstein. Anläßlich der Bundestagswahl und der erneuten In- stallation einer sozialliberalen Regierung thematisiert sie den Zusammenhang von ökonomischer Entwicklung, politischer und ideo- logischer Bewegung, und dies vor dem Hintergrund veränderter For- men des ökonomisch-gesellschaftlichen Krisenverlaufs. Einige Stichworte: Die konjunkturelle Belebung im Laufe des Jahres 1976 zeigte nicht die für einen Aufschwung sonst typischen Merkmale. Die Industrieproduktion stieg nur zögernd und die Investitionstä- tigkeit stagnierte. [Bei nicht ausgelasteten Kapazitäten in den Betrieben flössen die außergewöhnlichen Gewinnsteigerungen in den Kapitalexport, fanden Anlage in unproduktiven Bereichen oder ver- tieften, wo sie zu Rationalisierungszwecken verwendet wurden, die Arbeitslosigkeit, die ohnehin schon ein bislang nach dem Kriege unbekanntes Ausmaß erreicht hat. Überdies bleiben Strukturkrisen zurück, die nicht mehr, wie in früheren Aufschwungsphasen, durch eine "freundlichere Konjunktur" verdeckt werden können: die sek- toralen und regionalen Disparitäten verschärfen sich zusehends; mit einem hohen Sockel chronischer Arbeitslosigkeit in den näch- sten Jahren muß gerechnet werden. Vor diesem Hintergrund disku- tieren Herkommer, Jaeggi und Katzenstein die Frage, wie das Wahl- resultat in der politischen Landschaft der BRD zu verorten ist und mit welchen politisch-gesellschaftlichen Entwicklungs- und Veränderungsmöglichkeiten für die herrschenden Kräfte ebenso wie für die demokratische Bewegung zu rechnen ist. Dabei werden Fragestellungen angesprochen, die einer weitergehen- den und vertieften Diskussion bedürfen: - Wie entwickeln sich Strukturkrise und Strukturpolitik interna- tional und in der BRD? Was bedeutet die auch von den Gewerkschaf- ten erhobene Forderung nach Strukturpolitik? Ist sie ein wirkungsvolles Instrumentarium staatlicher Steuerung zugespitzter politisch-ökonomischer Widersprüche im Kapitalismus? oder die "Fassade" für einen selektiven Instrumenteneinsatz (Ausgaben- stopp, Investitionszulagen etc.) mit gleichzeitiger stabilitäts- konformer Verhaltenssicherung (Narr, Offe)? - Welche Konsequenzen haben die internationalen Entwicklungen auf die gesellschaftlichen Konflikte in der BRD? Wie verändern sich Herrschaftsverhältnisse und demokratische Veränderungsmöglichkei- ten im kapitalistischen Weltsystem? Welche Auswirkungen auf die Lebensbedingungen des internationalen Kapitalismus hat die neue Politik der Rohstoffländer zur Beendigung ungleicher Tauschbezie- hungen mit den Metropolen? - Wie muß die demokratische Bewegung sich auf die gegebenen Bedingungen und Entwicklungen einstellen? Was bedeutet das für ihre Politik und ihre Organisation? Welche Chancen der Gegenmacht und welche Möglichkeiten im Kampf um die Köpfe der Menschen erge- ben sich für sie? Das sind nur einige Fragen hinsichtlich des Verhältnisses von Ökonomie, Ideologie und Politik, zu deren Untersuchung beizutra- gen wir die Leser auffordern und wofür wir die SOPO als Diskussionsforum zur Verfügung stellen. In einem rechtsphilosophischen Beitrag untersucht W.R. Beyer den Prozeß des Qualitätswandels, den das KPD-Verbot in den vergange- nen 20 Jahren erfahren hat. Ausgehend von systemtheoretischen und aussagelogischen Aspekten, zeigt Beyer die Umwandlung des BVerfG- Urteils von einer Rechtsnorm zu einer gesellschaftlichen Reser- venorm, zu einer System-Reserve der herrschenden Klassen gegen organisatorische Formen von Kommunismus schlechthin. Beyer arbei- tet die spezifische Widersprüchlichkeit einer solchen Reservenorm heraus, die ihre Legitimationsfunktion für ein ganzes Rechtssy- stem nicht wahrnehmen kann, ohne nicht zugleich ihren eigenen Klassencharakter aufzudecken. Am Beispiel der Vorstellungen Con- dorcets verweist Beyer abschließend auf die Möglichkeit einer Re- servenorm für die fortschrittlichen Kräfte: als Rechtsanspruch auf die Beseitigung überlebter Gesetze, einer überlebten Ordnung. Mit den weiteren Beiträgen knüpfen wir an Themen der beiden letz- ten Hefte (Nr. 34/35 und 36) an. Zunächst die Fortsetzung der französischen Diskussion über die "Diktatur des Proletariats". Lucien Sève interpretiert den Verlauf der Ereignisse in Rußland zwischen der bürgerlich-demokratischen Revolution vom Februar und der sozialistischen Revolution vom Oktober 1917. Dabei arbeitet er heraus, warum die Bolschewiki zwar zweimal im Verlauf des revolutionären Prozesses den friedlichen Übergang zum Sozialismus propagierten, daraus aber weder eine Strategie des friedlichen Übergangs abgeleitet wurde noch Schlußfolgerungen für die Form der sozialistischen Herrschaft abgeleitet werden konnten. Auf dieser Grundlage macht Sève dann deutlich, warum der friedliche Übergang - für Lenin im Jahre 1917 nur eine "kostbare, seltene Ausnahme" - für die kommunistischen Parteien der hochentwickelten kapitalistischen Länder im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts jedoch eine strukturell angelegte "reale Möglichkeit" geworden ist, auf die sie ihre strategischen und taktischen Überlegungen konzentrieren müssen. Der Aufsatz von Olivier Lenoir analysiert den Demokratiebegriff in seiner neuen Bedeutung als auf dem Mehrheitswillen demokra- tisch begründeter Macht des Volkes einerseits und der Zwangsaus- übung gegenüber der Großbourgeoisie andererseits. An Louis Althussers Aufsatz in SOPO 34/35: "Ist es einfach, in der Philosophie Marxist zu sein?" - schließen wir in dieser Num- mer eine inhaltliche und politische Theoriedebatte über seine Po- sition an, die in den folgenden Heften fortgeführt wird. In Anbe- tracht der breiten marxistischen Diskussion über Althussers Bei- trag zur Weiterentwicklung der Grundfragen marxistisch-leninisti- scher Philosophie ist es theoretisch und praktisch notwendig, un- ter den politischen Bedingungen der BRD und West-Berlins seine Thesen kritisch zu verarbeiten. Die Vermittlung der marxistischen Theorie in der Arbeiterbewegung wird sich der Wissenschaftlich- keit revolutionärer Theorie und sozialistischer Politik immer wieder zu vergewissern haben. Zu Althussers Versuch, den spezifi- schen Charakter der marxistischen Philosophie in der Bestimmung ihrer Funktion für Politik und Wissenschaft zu erfassen, eröffnen Matthias Tripp, Hans Jörg Rheinberger und Jutta Kolkenbrock-Netz von verschiedenen Seiten aus kritische Zugänge. Der Aufsatz "Automation, gesellschaftliche Verhältnisse und Per- sönlichkeit" von Winfried Wotschack bezieht sich kritisch auf den in SOPO 36 veröffentlichten Beitrag von Thomas Waldhubel und Silke Wenk über "Wissenschaftlich-technischen Fortschritt und individuelle Emanzipation". Den Hauptmangel der kritischen Arbeit sieht der Autor in der Abstraktion von der Formationsspezifik sozialistischer Produktion. Das Verweilen bei allgemeinen Bedin- gungen der Produktion bzw. die Verabsolutierung des stofflichen Inhalts des Arbeitsprozesses lasse seiner Ansicht nach keine Aus- sagen über die spezifische sozialistische Form der Gesellschaft- lichkeit der Arbeit zu und verweise auf die Fragwürdigkeit der unterliegenden Gesellschaftstheorie. Tatsächlich könne es nur die von der kapitalistischen real unterschiedene Form sozialistischer Produktion sein, welche den Sozialismus zum relevanten For- schungsobjekt für fortschrittliche Wissenschaftler in der bürger- lichen Gesellschaft macht. Wotschacks Anliegen besteht darin, die Entwicklung von Arbeitskraft und -mittel als gesellschaftsspezi- fischen Ausdruck der widersprüchlichen Tendenzen der Automatisie- rung hervorzuheben. Die Schwerpunkte politischer Analysen in diesem Heft werden abge- rundet durch zwei Literaturberichte: zur SPD-Geschichtsschreibung zum einen, zum reformistischen Geschichtsbegriff (am Exempel des Historikers Immanuel Geiss) zum anderen. In SOPO 38 werden die bereits angekündigten Beiträge von Hans- Jörg Sandkühler und Erhard Stölting über den produktiven Charak- ter und die gesellschaftlichen Grundlagen von Wissenschaft er- scheinen. Die Diskussionen zur Diktatur des Proletariats und zum Verhältnis von Automation und Persönlichkeit werden ebenso fort- gesetzt wie die zum Verhältnis von Philosophie und Politik am Beispiel Althussers. Kritische und fortführende Beiträge erwarten wir insbesondere zur Diskussion über politische Krise und demo- kratische Bewegung in der BRD. zurück