Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976


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       Literaturberichte
       
       Wolfgang Ackermann
       

HISTORISCH-MATERIALISTISCHE PERIODISIERUNG ODER DREI-STADIEN-SCHEMA?

Kritische Bemerkungen zu Immanuel Geiss: Zwischen Marx und ---------------------------------------------------------- Stalin. Kritische Anmerkung zur marxistischen Periodisierung ------------------------------------------------------------ der Weltgeschichte. ------------------- Der folgende Beitrag beinhaltet eine Auseinandersetzung mit einem Artikel von Immanuel Geiss, der sich mit der "marxistischen Peri- odisierung der Weltgeschichte" 1) befaßt. Der Geissche Aufsatz entspringt der seit einigen Jahren geführten Diskussion um die sogenannte "Legitimationskrise" der gegenwärtigen bürgerlichen Geschichtswissenschaft. Wegen des offenbar unzureichenden Erklä- rungswertes kulturmorphologischer, hermeneutischer und anderer geistesgeschichtlicher Deutungsversuche historischer Prozesse er- wies es sich als notwendig, fortschrittlichen Tendenzen in der Geschichtswissenschaft nachzugeben und sozial- und wirtschaftsge- schichtliche "Faktoren" in den Erklärungszusammenhang einzubezie- hen. Damit war aber bereits der Kern ihrer Aufhebung in die bür- gerliche Geschichtswissenschaft hineingetragen worden, und nicht wenige der beteiligten Historiker schreckten vor den sich ab- zeichnenden Konsequenzen zurück. Die bis dahin meist pauschale Ablehnung des Marxismus machte einer ausführlicher begründeten Abgrenzung Platz, die letztlich darauf abzielt, dem Marxismus einen dogmatischen Ökonomismus vorzuwerfen. Obwohl die partielle Anerkennung der Bedeutung der materiellen gesellschaftlichen Ver- hältnisse für geschichtliche Prozesse und Ereignisse zu begrüßen ist, darf die ideologische Funktion der durch die Verbindung mit der bürgerlichen Soziologie modernisierten Geschichtswissenschaft nicht übersehen werden. Vor allem, wenn sie sich als wissenschaftliche Alternative zum Marxismus, ja als dessen "Überwindung" anbietet, ist sie vornehmlich als Bestandteil des sozial-integrativen Instrumentariums moderner Herrschaftstechnik zu sehen. Gegen diesen Anspruch und diese Funktion richtet sich der folgende Aufsatz. Geiss vertritt in einem wirkungsvollen Publikationsorgan (das auch von vielen Lehrern gelesen wird, so daß ein erheblicher "Multiplikatoreffekt" sichergestellt ist) die Auffassung, daß alle Marxisten, soweit sie an der gesetzmäßigen Abfolge bestimm- ter ökonomischer Gesellschaftsformationen - Urgesellschaft, Skla- venhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus und bei einer Reihe von Autoren die asiatische Produktionsweise - festhalten, Marx und Engels falsch interpretierten 2) und daß dieses "aus Marx herausgepreßte 'marxistische' Periodisierungs- schema" 3) in Wirklichkeit auf Stalin zurückgehe. Abgesehen davon sei es ohnehin unbrauchbar, da es dem komplexen historischen Pro- zeß nicht gerecht werde. Der Verfasser stellt sich die Aufgabe, Marx und Engels weiterzuentwickeln, erhebt unter Berufung auf sie "die Vermehrung der Bevölkerung und der Produktion" sowie die "Industrialisierung" 4) zu Triebkräften der Geschichte und stellt schließlich ein Drei-Stadien-Schema zur Periodisierung der Welt- geschichte auf. 5) Es soll im folgenden untersucht werden, 1. ob sich anhand der Texte von Marx und Engels eine Definition der Kategorie "ökonomische Gesellschaftsformation" finden läßt, - ob diese Definition eine Abgrenzung gegenüber der Kategorie "Produktionsweise" zuläßt und - ob dann andere, von Marx und Engels vor allem in den Früh- schriften verwendete Begriffe - "Existenzweise", "Produktionsepo- che" etc. - im Sinne einer Präzisierung und Vereinheitlichung des Begriffsapparates fallengelassen werden können. 2. Ob und in welchem Umfange die gesetzmäßige Abfolge bestimmter ökonomischer Gesellschaftsformationen bereits aus den Werken von Marx und Engels zu ersehen ist, - um welche es sich dabei handelt, - auf welches raumzeitliche Gefüge sich diese Gesetzmäßigkeit be- zieht und - welche Veränderungen innerhalb der Produktionsverhältnisse ei- ner Gesellschaftsformation eintreten können, ohne daß sie aufge- hoben wird. Geiss' Arbeitsweise ------------------- Es erscheint notwendig, der Erörterung dieses Aufsatzes breiteren Raum zu widmen, da hier von einem bekannten Historiker, der sich während der vergangenen Jahre in der geschichtswissenschaftlichen Diskussion und Forschung zweifellos beträchtliche Dienste erwor- ben hat, letztlich bestritten wird, daß sich der systematische Anspruch der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft mit den Ergebnissen der historischen Forschung vereinbaren läßt. Damit jedoch aus der Aufmerksamkeit, die der zitierten Arbeit ge- widmet wird, keine falschen Schlüsse über ihre wissenschaftliche Bedeutung gezogen werden, erscheinen einige allgemeine Bemerkun- gen zur Arbeitsweise ihres Verfassers angebracht. Vor allem ist festzuhalten, daß der Verfasser die gesetzmäßige Abfolge der Gesellschaftsformationen auf jeden Fall verwerfen und durch sein Drei-Stadien-Schema ersetzen will. Wohl nur um die Ar- gumentation zu erleichtern, begnügt er sich nicht mit einem "festen Periodisierungsschema", dessen mögliche wissenschaftliche Bedeutung er in einem Satz erörtert 6), sondern behauptet, die Marxisten verträten eine "zeitlich universale und räumlich lüc- kenlose Geltung" 7) dieses Schemas. Mit anderen Worten, zu einem bestimmten Zeitpunkt sei eine der oben genannten Gesellschafts- formationen auf dem gesamten Erdball durch die nachfolgende abge- löst worden, wie sie selbst zu einem ebenfalls exakt bestimmbaren Schlüsseldatum global an die Stelle der vorhergehenden getreten sei. Obwohl Geiss annimmt, sich bei seiner Argumentation auf Marx und Engels stützen zu können, verschafft sich anfangs doch noch ein- mal eine selbstkritische Einschätzung der eigenen Quellenkennt- nisse Geltung, wenn er vorsorglich einschränkt: "Selbst wenn der Beweis (für die Rückführbarkeit der gesetzmäßigen Abfolge der Ge- sellschaftsformationen auf Marx und Engels, W.A.) durch Aufspü- rung einschlägiger Zitate doch noch gelänge, so wären auch Marx und Engels keine unfehlbaren Autoritäten, vor denen der Histori- ker in Ehrfurcht zu erstarren und selbständig zu denken aufzuhö- ren hätte." 8) Es soll hier nicht darüber gerechtet werden, daß Geiss selber einem Rückfall "in die Autoritäten zitierenden Scho- lastik des Mittelalters" 9) erliegt, den er pauschal den "Marxisten" vorwirft, wenn er der "Aufspürung" einzelner Zitate offenbar mehr Bedeutung beimißt als der Interpretation der Texte im Zusammenhang. Es dürfte aber deutlich werden, daß er die ge- setzmäßige Abfolge der Gesellschaftsinformationen auch dann ver- werfen will, wenn nachgewiesen wird, daß ihre Erkenntnis auf Marx und Engels zurückgeht. In der theoretischen Entwicklung der Kategorie der Gesellschafts- formation durch Marx und Engels lassen sich schwerpunktmäßig vier Entwicklungsabschnitte unterscheiden: erstens die zweite Hälfte der 40er Jahre, in der "Die Deutsche Ideologie" und das "Manifest der kommunistischen Partei" entstanden; zweitens die Zeit von un- gefähr 1853 bis 1859, in der einige Artikel, die Marx in der "New-York Daily Tribüne" veröffentlichte, sowie die "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie" und "Zur Kritik der politi- schen Ökonomie" für das hier behandelte Thema besonders wichtig sind; drittens die 60er und 70er Jahre, in denen die drei Bände "Kapital" und die "Theorien über den Mehrwert" geschaffen wurden; viertens die 80er Jahre, in denen Engels Schrift "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" 10) besonders wichtig ist. Geiss zitiert zwar aus sechs Werken und drei Briefen von Marx und Engels 11), benutzt die meisten dieser Zitate aber nur, um, so- fern Marx und Engels darin Zeitgenossen rügen, die sich als Mar- xisten verstehen, diese Bezeichnung aber nicht verdienen, sie im einfachen Analogieschluß gegen heute lebende Marxisten und die Theorie von der ökonomischen Gesellschaftsformation zu verwenden 12); zum Teil benutzt er sie auch, um die wissenschaftliche Aus- sagefähigkeit der "Deutschen Ideologie" zu erschüttern 13) oder um den Eindruck einer Beliebigkeit der Begriffsbildung und -verwendung bei Marx hervorzurufen 14). Anhand von nur fünf Zita- ten aus vier Schriften, die zwischen 1845 und 1859 entstanden, untersucht Geiss Marx' und Engels' Auffassung von der gesetzmäßi- gen Abfolge der Gesellschaftsformationen auf zwei Seiten seines Aufsatzes 15). Eine wissenschaftliche Begründung für diese selek- tive Quellenbehandlung gibt der Verfasser nicht, obwohl er dazu besonders verpflichtet wäre, weil er schreibt, das "Fünf-Stadien- Schema" sei zentraler Bestandteil "des sog. 'historischen Mate- rialismus' oder 'Marxismus' oder 'Marxismus-Leninismus' oder des 'wissenschaftlichen Sozialismus', weil es Kernstück der marxisti- schen politischen Ökonomie ist. Da die politische Ökonomie ... primär eine historische Wissenschaft ist..., hat nun auch der Hi- storiker ein kritisches Wort in der Überprüfung dieses Periodi- sierungsschemas mitzureden" 16). Über die Begriffsreihung im er- sten Satz, die geeignet ist, begriffliche Beliebigkeit bei Marx und Marxisten zu suggerieren, soll hier nicht gesprochen werden, da der Verfasser dieses Verfahren noch an anderer Stelle anwen- det. Bezüglich der Quellenauswahl ist wichtig, daß der Verfasser seine Kompetenz zur Stellungnahme aus der Tatsache ableitet, daß die "marxistische politische Ökonomie" a u c h eine historische Wissenschaft ist. Um so erstaunlicher, daß der Verfasser von den acht Büchern, in denen allein Marx die Theorie entwickelt, nur eins, das er dazu noch selbst als "Rohentwurf' bezeichnet 17), heranzieht. Die von ihm selbst zur Periodisierung ausgewählten Kriterien ent- nimmt Geiss ausschließlich der "Deutschen Ideologie", S. 17-77. "Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Phi- losophie" wird in diesem Zusammenhang zwar dem Titel nach er- wähnt, es werden jedoch keine Belege daraus angeführt. Trotz die- ser Tatsache bemüht sich Geiss, "Die Deutsche Ideologie" - wie auch die "Grundrisse" - als unreife Frühwerke von zweifelhaftem wissenschaftlichen Wert darzustellen. Dabei geht er soweit, dem Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU "Übereifer" vorzuwerfen, weil es diese Schriften überhaupt veröffentlicht hat. 18) Theorie und Praxis ------------------ Einleitend betont Geiss, Marxismus gelte für die folgenden Aus- führungen "nur als wissenschaftliche Methode, nicht als politi- sches Kampfprogramm und schon gar nicht als Weltanschauung mit heilsgeschichtlichen Dimensionen" 19). Diese Methode wird nicht dargestellt, und durch die kontradiktorische Gegenüberstellung der Bezeichnungen "politisches Kampfprogramm" und "Weltanschauung mit heilgeschichtlichen Dimensionen" kann bei einem mit dem Ge- genstand nicht vertrauten Leser die Auffassung entstehen, als sei es nicht nur möglich, sondern sogar die einzig seriöse Art, Mar- xismus als "wertfreie" Wissenschaft zu betreiben. Tatsächlich ne- giert Geiss die Dialektik von Theorie und Praxis, die für den Marxismus konstitutiv ist. Praxis wird ohne inhaltliche Bestim- mung auf die Unwissenschaftlichkeit und Aggressivität suggierende Kurzformel "politisches Kampfprogramm" reduziert. Schließlich werden diejenigen, die an der Praxis als erkenntnisleitendem Kri- terium festhalten, mit dem Vorwurf einer "Weltanschauung mit heilsgeschichtlichen Dimensionen" bedacht, durch den als Argumen- tationsersatz allzu deutlich das antikommunistische Schlagwort vom "Religionsersatz" leuchtet. Abgesehen davon, daß Geiss hier " und dies ist kein Einzelfall - seiner eigenen Forderung nicht ge- recht wird, in "der notwendigen wissenschaftlichen Debatte" dürf- ten "nur sachliche Argumente gelten" 20), tritt er damit in einen klaren Gegensatz zu Marx und Engels. Sie distanzieren sich u.a. in der "Deutschen Ideologie" bei ihren Ausführungen über Ludwig Feuerbach klar von den Theoretikern und Philosophen, denen sie die "p r a k t i s c h e n Materialisten" (Hervorhebung im Ori- ginal, W.A.) gegenüberstellen, zu denen sie sich selber rechnen 21). Praxis und Fortschritt ---------------------- Fortschritt realisiert sich nur über das praktische Handeln ge- sellschaftlicher Individuen und Gruppen, die aufgrund ihrer un- terschiedlichen oder gegensätzlichen sozialen Stellung spezifi- sche Interessen ausbilden. Der Hitler-Faschismus und die gegen- wärtig in aller Welt existierenden faschistischen Regimes verdan- ken dem Umstand, daß Geiss nicht zu dieser Erkenntnis gelangt ist, ihre Einordnung in das dritte Stadium seines Periodisie- rungsversuchs mit der Bezeichnung "industriell-republikanisch - d e m o k r a t i s c h" (Hervorhebung von mir, W.A.). Für den Marxismus zeigt sich anhand solcher Beispiele, daß der Fortschrittsbegriff wesentliches Element des m.E. übergreifenden Praxisbegriffs sein muß, um eine unzweideutige inhaltliche Be- stimmung der Praxis zu gewährleisten. Geiss steht dem Fortschrittsbegriff hilflos gegenüber. Anstatt durch Quellenstudien den Fortschrittsbegriff von Marx und Engels herauszuarbeiten - auf die er sich doch stützen möchte -, über- läßt er es dem Leser, sich vorzustellen, wovon die Rede ist, wenn er von Fortschritt spricht: "Wie auch immer dieser 'Fortschritt' definiert sein mag" 22). Diese Unterlassung wiegt umso schwerer, als Geiss erkennt, daß die Frage der gesetzmäßigen Abfolge der Gesellschaftsformationen eng mit dem Fortschrittsbegriff ver- knüpft ist und "schwerwiegende(n) ideologische(n) und damit auch politische(n) Konsequenzen" 23) hat. Aufgrund der nicht ausreichenden inhaltlichen Klärung gerät Geiss die im vorhergehenden Abschnitt getroffene, ebenfalls ungenügend definierte Unterscheidung zwischen Marxisten und Marxisten in An- führungszeichen außer Kontrolle und wird schließlich sogar aufge- hoben. Er stellt nämlich fest, daß für "alle(n) sich auf Marx und Engels berufenden Strömungen unserer Zeit - also beim histori- schen Materialismus marxistischer wie marxistischer' Natur... die bekannte Aufeinanderfolge der sog. Produktionsweisen eine zen- trale Rolle" 24) spielt. Im folgenden verzichtet der Verfasser dann konsequenterweise auch auf die formale Unterscheidung und schreibt, "daß eben die konsequentesten Anhänger dieser Lehre selbst 'fortschrittlich' in einem heilsgeschichtlichen Sinne sind, weshalb alle anderen Feinde des Fortschritts für die Menschheit sind (...)" 25) Offen wird, wieder durch die unwissenschaftliche Formel des "Religionsersatzes", der Vorwurf der Irrationalität erhoben - gegen Marxisten und "Marxisten", oder wie es an anderer Stelle heißt, "Vertreter des Wissen- schaftlichen Sozialismus' gleich welcher Spielart" 26), sofern diese sich nicht Geiss' Diktum beugen und die gesetzmäßige Abfolge der Gesellschaftsformation verwerfen. Damit wendet sich Geiss nicht nur gegen die Dogmatisierung der Werke der Klassiker durch Revolutionsromantiker, wie sie an Hochschulen der BRD gelegentlich auftreten, sondern auch gegen die ernsthafte und methodisch sorgfältige Beschäftigung mit und Anwendung von marxistischen Kategorien. Geiss zeigt trotz aller anfänglich getroffenen Unterscheidungen und Einschränkungen, daß er den Marxismus nur als ideologischen Steinbruch betrachtet, aus dem er einige "brauchbare Elemente" 27) isoliert, um der traditionellen bürgerlichen Geschichtswissenschaft aus ihrer Krise herauszu- helfen. Es geht also nicht um eine Weiterentwicklung, sondern vielmehr um einen Angriff auf den Marxismus als Wissenschaft, obwohl der Verfasser diesen Anspruch auf Seite 5 selbst als "vermessen" bezeichnet. Der marxistische Fortschrittsbegriff ------------------------------------ Seit der vertieften Kenntnis der menschlichen Urgeschichte, die sich am deutlichsten in Engels' "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" niederschlägt - und er konnte für diese Arbeit auf ausführliche Vorarbeiten von Marx zurück- greifen 28) - vertraten die beiden Begründer des wissenschaftli- chen Sozialismus die Auffassung, daß sich die menschliche Ge- schichte in einem großen Dreischritt bewegt. In der klassenlosen Urgemeinschaft mit ihrem Gemeineigentum sind die Menschen noch weitgehend den Zwängen der Natur ausgeliefert, selbst noch ununterschiedener Bestandteil der Natur. Der Kampf gegen diese Naturzwänge erfordert und erbringt eine Steigerung der Produktivkräfte, die eine Produktion über den unmittelbaren Bedarf hinaus und damit eine Anhäufung von Reichtümern ermög- licht. Über einen langen Zeitraum entwickeln sich diese ursprüng- lichen Gemeinschaften zu den Klassengesellschaften mit dem Pri- vateigentum an Produktionsmitteln und dem zum Schutz desselben unabdingbaren Staat. In der Folgezeit durchläuft die Menschheit, oder zumindest ein Teil von ihr, einige Gesellschaftsformationen, die sich durch die Art unterscheiden, in der den unmittelbaren Produzenten Mehrarbeit abgepreßt wird. Das Ergebnis dieser Mehr- arbeit, das Mehrprodukt wird ganz oder größtenteils von der je- weils herrschenden Klasse der Produktionsmitteleigentümer ange- eignet. Zwar sind die Möglichkeiten, den Naturzwängen zu begeg- nen, größer geworden, aber zu diesen traten gesellschaftliche Zwänge, die aus den "notwendige(n), von ihrem Willen unabhän- gige(n) Verhältnisse(n)" entstehen, welche die Menschen "in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens" 29) eingehen. Zwei Entwicklungen setzen sich trotz aller Stagnationen und Rück- schläge 30) durch. Erstens schreitet die Produktivkraftentwick- lung immer weiter fort, bis "jede herrschende und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen Ent- wicklung geworden" 31) ist, und zweitens wird die Geschichte im- mer mehr zur Weltgeschichte 32). Eine der historischen Aufgaben des Bürgertums ist die Herstellung des Weltmarktes, die Ermögli- chung des weltweiten Verkehrs zwischen Nationen und Individuen. Die Klassengesellschaften waren in dieser ihnen gemeinsamen Ei- genschaft die Negation des naturhaften, fast noch tierhaften Zu- standes der Menschheit. Die proletarische Revolution, mit der die ganze Gesellschaft und nicht mehr bloß eine Klasse, die gewalti- gen Produktivkräfte der neueren Zeit unter ihre Leitung stellt, ist die Negation dieser Negation. Damit verliert auch der Fort- schritt seinen bis dahin ambivalenten Charakter: "Erst wenn eine große soziale Revolution die Ergebnisse der bürgerlichen Epoche, den Weltmarkt und die modernen Produktivkräfte, gemeistert und sie der gemeinsamen Kontrolle der am weitesten fortgeschrittenen Völker unterworfen hat, erst dann wird der menschliche Fort- schritt nicht mehr jenem scheußlichen heidnischen Götzen glei- chen, der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte." 33) Wieder über einen längeren Entwicklungsweg, mit Irr- tümern, Stagnationen und Rückschlägen, in Auseinandersetzung mit den noch bestehenden Klassengesellschaften, strebt die Gesell- schaft einem Zustand zu, "worin es keine Klassenunterschiede, keine Sorgen um die individuellen Existenzmittel mehr gibt, und worin von wirklicher menschlicher Freiheit, von einer Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen, zum ersten Mal die Rede sein kann" 34). Unter Fortschritt verstehen Marxisten also alle geschichtlichen Bewegungen, die die Menschheit diesem Gesell- schaftszustand näher bringen. Und um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Natürlich sehen sie nicht "alle anderen" als Feinde des Fortschritts, sondern nur diejenigen, die aufgrund der sozialökonomischen und politischen Stellung, die sie in der Klassengesellschaft innehaben, aktiv diesen Fortschritt zu unter- drücken und überlebte Zustände am Leben zu halten versuchen. Mit dieser Erklärung dürften sich auch die Spekulationen von Geiss 35) über die Bezeichnung der "asiatische(n), antike(n), feudale(n) und modern bürgerliche(n) Produktionsweisen als p r o g r e s s i v e Epochen der ökonomischen Gesellschaftsfor- mation" 36) als gegenstandslos erweisen. Die Bezeichnung "pro- gressiv" ist auf die oben genannte Urgesellschaft bezogen, was auch aus diesbezüglichen Äußerungen Marx' in den Grundrissen hervorgeht 37). Begriffsbestimmungen -------------------- Die allgemeine Erklärung des Verfassers, über die "brauchbaren Elemente im Marxismus" reflektieren zu wollen, kann die fehlende exakte Definition der wissenschaftlichen Problemstellung nicht ersetzen. Dieser Mangel beeinträchtigt die Systematik der Dar- stellung. Nachdem Geiss zwei "Ansätze für ein marxistisches" (zu diesem Zeitpunkt läßt die Arbeit des Verfassers durchaus noch nicht erkennen, ob es sich nicht doch um ein marxistisches han- delt, W.A.) Periodisierungsschema" 38) zitiert hat, führt er ein entsprechendes Zitat aus den "Grundrissen" an. Bei der Interpre- tation dieses Zitats gelingt es dem Verfasser nicht, die Untersu- chung der Kategorien, mit denen Marx und Engels Geschichtsab- schnitte bezeichnet haben, von der inhaltlichen Bestimmung sol- cher Abschnitte und der Frage ihrer gesetzmäßigen chronologischen Abfolge analytisch zu trennen. Geiss bemüht sich, möglichst viele Synonyme für "ökonomische Ge- sellschaftsformation" zu finden. In der Tat ist vor allem in den sogenannten Frühschriften eine Verwendung anderer Begriffe zu konstatieren, die als Synonyme für den späteren Begriff der öko- nomischen Gesellschaftsformation verwendet werden. Aber selbst- verständlich erfordert exaktes wissenschaftliches Arbeiten auch bei der Klärung der Begriffe, ihre Entwicklung durch die weiteren Werke der Autoren zu verfolgen und festzustellen, ob erstens auf bestimmte Bezeichnungen ein Schwergewicht gelegt wird und welche Kategorien zweitens den Gegenstand im Sinne von Marx und Engels am zutreffendsten kennzeichnen. Eine Weiterentwicklung hätte also bei größtmöglicher Quellentreue einen klaren und einheitlichen Begriffsapparat zu schaffen, nicht aber aus einer diffusen Dogma- tisierungsangst Marx und Engels eine unwissenschaftliche Belie- bigkeit der Begriffsbildung zu unterstellen, die einer inhaltli- chen Beliebigkeit Vorschub leistet, der Geiss später ja auch er- liegt. In seinem Bemühen geht er soweit, daß er die "slawische Form des Eigentums" als Synonym für ökonomische Gesellschaftsfor- mation bezeichnet 39). Geiss verwechselt also die allgemeine Ka- tegorie ökonomische Gesellschaftsformation, die systematisch-lo- gischen Charakter hat, mit ihren je verschiedenen historischen Konkretisierungen. Ebenso gut könnte er Sklaverei, Feudalismus usw. als Synonyme für ökonomische Gesellschaftsformation auffas- sen. Im Vorwort "Zur Kritik der politischen Ökonomie", aus dem Geiss ja auch zitiert, sagt Marx übrigens klar, daß die Eigen- tumsverhältnisse nur ein juristischer Ausdruck für die Produkti- onsverhältnisse sind 40). Trotzdem bezeichnet Geiss auch sie als Synonym für ökonomische Gesellschaftsformation. In den Werken von Marx und Engels ist mit fortschreitendem Er- kenntnisstand eine Tendenz zur Vereinheitlichung der Begrifflich- keit unverkennbar. Ein gutes Beispiel dafür ist der Begriff "Produktivkräfte", neben dem synonym lange die Bezeichnung "Produktionskräfte" verwendet wird, z.B. noch in den ersten bei- den Ausgaben des "Anti-Dühring". Für die "dritte, durchgesehene und vermehrte Auflage" 41) ersetzte Engels die Bezeichnung "Produktionskräfte" durch "Produktivkräfte" 42). Beim Umfang der Werke und in Anbetracht der Arbeitsbelastung, die die Klassiker sich bis zu ihrem Tod aufbürdeten, liegt es nahe, daß solche Kor- rekturen nicht in allen Werken und für alle Begriffe vorgenommen werden konnten. Vor allem bei den von Engels postum herausgegebe- nen Marxschen Arbeiten kommt ein weiteres hinzu. Engels führt in der Einleitung zu Karl Marx' "Lohnarbeit und Kapital" (Ausgabe 1891) 43) aus, daß Marx seine Kritik der politischen Ökonomie erst gegen Ende der 50er Jahre mit dem Erscheinen des ersten Hefts "Zur Kritik der politischen Ökonomie" (1859) zum (vorläufigen) Abschluß gebracht hatte und daß seine vorher er- schienenen Schriften in einzelnen Ausdrücken und ganzen Sätzen vom späteren Standpunkt aus "schief und selbst unrichtig erschei- nen" 44). Trotzdem haben nach seiner Auffassung "Verfasser wie Publikum ein unbestrittenes Recht... auf unveränderten Abdruck dieser älteren Schriften." 45) Diese Weigerung Engels', etwas zu verändern, gilt auch für die Werke, die Marx später geschrieben hat, wie aus Engels' "Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des 'Kapital'" zu entnehmen ist. 46) So finden sich selbst in den späteren Schriften immer noch Ausdrücke, die synonym zu "ökonomische Gesellschaftsformation" oder "Produktionsweise" ver- wendet werden. Doch werden diese beiden von Marx und Engels au- genscheinlich bevorzugt, da sie am häufigsten vorkommen und an inhaltlich wesentlichen Punkten verwendet werden. Außerdem lassen sich für diese beiden - im Gegensatz zu ihren Synonymen - eindeu- tige Definitionen aus den Werken der Klassiker ableiten. Das be- rechtigt m.E. dazu, nach ihrer Ableitung ausschließlich diese beiden Kategorien zu gebrauchen. Ökonomische Gesellschaftsformationen ------------------------------------ Marx und Engels gingen bei ihren Analysen von den materiellen Grundlagen der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion aus. Auch die Kategorie der ökonomischen Gesellschaftsformation wird sich also nur von diesem Ausgangspunkt erschließen lassen. Im III. Band des "Kapital" schreibt Marx, daß er gezeigt hat, "daß der kapitalistische Produktionsprozeß eine geschichtlich be- stimmte Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses über- haupt ist. Dieser letztere ist sowohl Produktionsprozeß der mate- riellen Existenzbedingungen des menschlichen Lebens wie ein in spezifischen, historisch-ökonomischen Produktionsverhältnissen vor sich gehender, diese Produktionsverhältnisse selbst und damit die Träger dieses Prozesses, ihre materiellen Existenzbedingungen und ihre gegenseitigen Verhältnisse, d.h. ihre bestimmte ökonomi- sche Gesellschaftsformation produzierender und reproduzierender Prozeß. Denn das Ganze dieser Beziehungen, worin sich die Träger dieser Produktion zur Natur und zueinander befinden, worin sie produzieren, dies Ganze ist eben die Gesellschaft, nach ihrer ökonomischen Struktur betrachtet" 47). Diese Definitionen der ökonomischen Gesellschaftsformation umfaßt drei zentrale Elemente. Erstens die Einheit von Struktur und Ent- wicklung, d.h. von Logischem und Historischem. Die Produktions- verhältnisse bezeichnet Marx als "historisch-ökonomische". Sie sind also zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zusammen mit den Produktivkräften konstituierendes Moment der materiellen Pro- duktionsweise, der ökonomischen Gesamtstruktur, auf der die Ge- sellschaft aufbaut. Diese Struktur ist jedoch ein Ergebnis histo- rischer Prozesse und beinhaltet gleichzeitig Voraussetzungen für die weitere geschichtliche Entwicklung, in der sie selbst und der sich auf ihr erhebende Überbau verändert wird. 48) Hieraus geht hervor, daß jede Gesellschaftsformation ihre Exi- stenz Entwicklungen dankt, die in der vorangegangenen Formation ihren Anfang nahmen. So wuchs z.B. das Handelskapital aus den feudalen Strukturen hervor, wirkte verändernd und zerstörend auf sie zurück und trug damit zur Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise und zur Entwicklung der sie einschließenden ka- pitalistischen Gesellschaftsformation bei. Andererseits - zumin- dest soweit es sich um die Klassengesellschaften handelt - ent- wickeln sich auch aus der neuen Struktur wieder Elemente der nächst höheren Formation. Die in der systematisch-logischen Ana- lyse ideal typisch erfaßten Gesellschaftsformationen kommen in dieser Form in Wirklichkeit nicht vor. Aber es ist gerade die sy- stematisch-logische Untersuchung, die es ermöglicht, die für eine bestimmte Gesellschaftsformation untypischen Elemente richtig zu erkennen, sie also z.B. als fortschrittlich, d.h. auf die nächst höhere Gesellschaftsformation verweisend, oder auch als Relikte überwundener Formationen einzuordnen und damit der konkreten hi- storischen Arbeit die Systematisierung ihres Materials zu ermög- lichen. Zweitens beinhaltet die Marxsche Definition die dialektische Be- ziehung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als Triebkraft der Geschichte, denn von nichts anderem ist die Rede, wenn von den "Beziehungen, worin sich die Träger dieser Produk- tion zur Natur und zueinander befinden", gesprochen wird. Die Be- deutung dieser Basis, die "das i n l e t z t e r I n s t a n z bestimmende Moment in der Geschichte" ist, die "durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten ... als Notwendiges... sich durchsetzt" 49), wird durch das Adjektiv "ökonomisch" betont. Die Analyse der ökonomischen Struktur ist zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung zum Verständnis einer be- stimmten Gesellschaft. Die aus ihr hervorwachsenden Teilsysteme des Überbaus, die Staatsform, das Recht, Wissenschaft, Kunst etc. gewinnen eine relative Selbständigkeit und Eigengesetzlichkeit gegenüber ihrer ökonomischen Basis und wirken auf sie zurück 50), so daß die konkrete Totalität nur durch sorgfältige Untersuchung all dieser Teilbereiche und ihrer Beziehungen untereinander ver- standen werden kann. Auch diesem Erfordernis der historisch-mate- rialistischen Analyse trägt die Kategorie der ökonomischen Ge- sellschaftsformation Rechnung. Bereits in den "Grundrissen" sagt Marx zum Begriff der Gesellschaft, der in der oben genannten Ka- tegorie aufgehoben wird, folgendes: "Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen." 51) Mithin ist die Bewegung des Überbaus explizit eingeschlossen. Diese Definition umfaßt also die zentralen Kriterien zur Beurtei- lung des Gegenstandes in allgemeinster Form 52), ohne jedoch ei- ner unwissenschaftlichen, dem eigenen Gutdünken anheim gestellten Interpretation Raum zu lassen. Vielmehr gibt sie eine Hierarchie der Kriterien an, die sich auf die einzelnen Strukturelemente und -ebenen beziehen und so die Analyse des gesellschaftlichen Ganzen auch als Aufgabe systematischer Bestimmung begründen. Bei der Be- zeichnung bestimmter ökonomischer Gesellschaftsformationen kann man sich dann, wie Marx und Engels es taten, auf einen spezifi- schen, wesentliche Momente der jeweiligen Gesellschaft widerspie- gelnden Namen beschränken - z.B. Sklaverei, Feudum oder Kapital als sozialökonomische Grundverhältnisse. Der Vorwurf des "öden Ökonomismus und Dogmatismus" 53), den Geiss gegen die Theorie von deren gesetzmäßigen Abfolge der ökonomischen Gesellschaftsforma- tionen erhebt, läßt sich also schon anhand der Definition dieser Kategorie zurückweisen. Produktionsweise ---------------- Bei sorgfältigerer Untersuchung der Quellen zeigt sich, daß be- reits in den früheren Schriften von Marx und Engels die Neigung besteht, ökonomische Gesellschaftsformation und Produktionsweise zu unterscheiden. So heißt es z.B. in der "Deutschen Ideologie", "daß eine bestimmte Produktionsweise ... stets mit einer bestimm- ten ... gesellschaftlichen Stufe vereinigt ist" 54), und in den Grundrissen spricht Marx beispielsweise von der "Auflösung der auf den Tauschwert gegründeten Produktionsweise und Gesell- schaftsform" 55). Dies deutet im Zusammenhang mit der Erörterung der Kategorie der ökonomischen Gesellschaftsformation bereits darauf hin, daß der Begriff "Produktionsweise" auf die ökonomische Basis der Gesell- schaft abzielt, auf die dialektische Einheit von Produktivkräften und den ihrem Entwicklungsgrad entsprechenden Produktionsverhält- nissen 56), was auch durch die Ausführungen von Marx in den öko- nomischen Werken bestätigt wird, die den "Grundrissen" folgen. Unmißverständlich schreibt er im Vorwort "Zur Kritik der politi- schen Ökonomie": "In der gesellschaftlichen Produktion ihres Le- bens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse (die immer immer in Verbindung mit den Produktivkräften gesehen werden müssen und umgekehrt ebenso, W. A.) bildet die ökonomische Struk- tur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristi- scher und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte ge- sellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. D i e P r o- d u k t i o n s w e i s e des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt" 57). Diese Unterscheidung behält Marx im "Kapital" sowie den "Theorien über den Mehrwert" bei. Einige kurze Zitate und Quellennachweise mögen jedoch genügen. Im "Kapital", Band III, z.B. schriebt Marx: "Die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Verhältnisse als allgemein gesellschaftliche Basis vorausgesetzt, ..." 58). Und im dritten Teil der "Theorien über den Mehrwert": "Erst sobald die kapitalistische Produktion zur herrschenden ge- worden, nicht nur sporadisch existiert, sondern sich die Produk- tionsweise der Gesellschaft untergeordnet, ..." 59). Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß "ökonomische Gesell- schaftsformation" die übergreifende Kategorie ist, die die kon- krete Totalität eines gesellschaftlichen Systems in allen seinen Elementen, seiner Einheit von Wesen und Erscheinung und ihren konkreten historischen Bewegungsformen erfaßt, während sich der Begriff "Produktionsweise" nur auf die ökonomische Basis der Ge- sellschaft bezeiht. Eine Unterscheidung ist also nicht nur mög- lich, sondern, wie Geiss selber praktisch vorführt, auch notwen- dig. Das Unverständnis, mit dem Geiss der Begriffsbildung und -verwendung der Klassiker gegenübersteht, zeigt sich deutlich an den Bezeichnungen, die er für die drei Stadien seiner Alternative zur Theorie von der ökonomischen Gesellschaftsformation auswählt: "prä-agrarische", "agrarisch-aristokratisch-monarchische" und "industriell-republikanisch-demokratisch(e)" "Ordnung (oder 'Gesellschaftsformation' oder 'Produktionsweise' oder wie auch immer)" 60). Die gesetzmäßig chronologische Abfolge bestimmter ------------------------------------------------- ökonomischer Gesellschaftsformationen ------------------------------------- Auf knapp zwei Seiten seines Aufsatzes untersucht Geiss anhand stark eingeschränkten Quellenmaterials die Periodisierung bei Marx und Engels. Dabei widmet er der komplexen Beziehung von Marx und Engels zu Hegel, die im Verlaufe ihrer Arbeiten nicht unwich- tige Akzentverschiebungen erfuhr 61), drei Sätze: "Hegel sprach, noch ganz in der antik-christlichen Tradition, von den Zeitaltern der vier Reiche (orientalisches, griechisches, römisches und ger- manisches Reich). Ansätze zu einer Art Periodisierung bei Marx und Engels erscheinen so wie eine materialistische Ausfüllung des Hegelschen Periodisierungsschemas, das sich noch an politischen Formen orientierte. Dagegen nahmen Marx und Engels die Formen der Produktion als Kriterium zur Strukturierung des historischen Pro- zesses, der zur Bildung der kapitalistischen oder bürgerlichen Produktionsform führte." 62) Sucht man die von Geiss wiedergegebenen, aber nicht nachgewiese- nen Ausführungen Hegels über die vier Reiche im Original auf, so stellt man fest, daß die politischen Formen, an denen Hegel sich angeblich orientiert, von untergeordneter Bedeutung sind, ja, daß ihre Erhebung zu wesentlichen Kriterien der Hegelschen Ge- schichtsauffassung geeignet ist, die Schärfe des Gegensatzes zwi- schen Idealismus und dialektischem Materialismus zu verhüllen. In der Einleitung zu den "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" verweist Hegel auf die "Grundlinien der Philosophie des Rechts § 341-360", in denen er "bereits den näheren Begriff solcher Weltgeschichte angegeben" habe, "wie auch die Prinzipien oder Perioden, in welche deren Betrachtung zerfällt" 63). In § 342 stellt Hegel unter anderem fest, daß die Weltgeschichte "die Auslegung und V e r w i r k l i c h u n g d e s a l l g e- m e i n e n G e i s t e s" 64) sei. Dabei durchläuft der Welt- geist vier Gestaltungen, die bestimmten Prinzipien folgen 65). In der Weltgeschichte "erhält dasjenige notwendige Moment der Idee des Weltgeistes, welches gegenwärtig s e i n e Stufe ist, sein a b s o l u t e s R e c h t, und das darin lebende Volk und dessen Taten erhalten ihre Vollführung und Glück und Ruhm" 66). Nach Hegel sind es vier Völker bzw. Reiche, die dem Weltgeiste dazu dienen, "sich den Übergang in seine nächste höhere Stufe" 67) vorzubereiten und zu erarbeiten. "Nach diesen vier Prinzipien sind der welthistorischen Reiche die v i e r e: 1. das o r i e n t a l i s c h e, 2. das g r i e c h i s c h e, 3. das r ö m i s c h e, 4. das g e r m a n i s c h e" 68). Aus diesen skizzenhaften Ausführungen geht hervor, daß der Gegen- satz zwischen Marx und Engels auf der einen und Hegel auf der an- deren Seite nicht daraus resultiert, daß die ersteren Formen der Produktion und letzterer politische Formen als Kriterien der Pe- riodisierung der Weltgeschichte verwandten, sondern daß bei Hegel die "Staaten, Völker und Individuen" "bewußtlose Werkzeuge" 69) des Weltgeistes sind, während Marx und Engels "von den wirklichen lebendigen Individuen selbst" 70) ausgingen und die Gedanken die- ser Individuen - auch den gedachten Weltgeist - aus ihrem materi- ellen Lebensprozeß ableiteten. Das Hegelsche Periodisierungsschema ist Bestandteil seines philo- sophischen Systems. Wenn Geiss behauptet, Marx und Engels hätten dieses Schema "materialistisch ausgefüllt", dann deutet er sie zu Erfüllungsgehilfen der deutschen idealistischen Philosophie um und stellt sie - da es ihm ja scheint, als hätten sie das Hegel- sche Schema prinzipiell akzeptiert - in die antik-christliche Tradition, die er auch Hegel unterstellt. Dagegen legt Engels in seiner Arbeit "Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie", die Geiss mehrfach erwähnt, Wert auf die Unterscheidung von System und dialektischer Methode Hegels. Wäh- rend das erstere ziemlich konservativ gewesen sei, habe die letz- tere als "einzig Absolutes" ihren eigenen revolutionären Charak- ter gelten lassen 71). Das Hegelsche System, das wegen seiner endlichen Geschichtsvorstellung mit der dialektischen Methode in Widerspruch gerät, empfiehlt sich also nicht für die Aufhebung - im Hegelschen Sinne - in einer fortgeschritteneren Theorie, ja Engels bezeichnet es sogar als "kolossale Fehlgeburt" 72). Er be- tont jedoch, daß es Hegels großes Verdienst gewesen sei, "die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt als ein Pro- zeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbildung und Ent- wicklung begriffen" und den Versuch unternommen zu haben, "den inneren Zusammenhang in dieser Bewegung und Entwicklung nachzu- weisen" 73). Damit "erschien die Geschichte der Menschheit... als der Entwicklungsprozeß der Menschheit selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege zu verfolgen und dessen innere Ge- setzmäßigkeit durch alle scheinbaren Zufälligkeiten hindurch nachzuweisen jetzt die Aufgabe des Denkens wurde" 74). Engels stellt weiter fest, daß Hegel diese Aufgabe zwar nicht gelöst habe, daß es jedoch "sein epochemachendes Verdienst war, sie ge- stellt zu haben" 75). Was Engels hier rühmt, ist nichts anderes als die dialektische Methode, die bei Hegel jedoch noch idealistisch ist und daher auf prinzipielle Erkenntnisgrenzen stößt. Sie mußte wesentliche Ver- änderungen erfahren, wie Marx betont: "Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt ver- wandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Er- scheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts an- deres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materi- elle" 76). Und Engels wirft Eugen Dühring vor, daß er "den Schnitzer beging, die Marxsche Dialektik mit der Hegelschen zu identifizieren" 77). Dem aus dem oberflächlichen Umgang mit dem Quellenmaterial resul- tierenden Unverständnis der materialistischen Geschichtsauffas- sung entspringt Geiss' Aussage, Marx und Engels hätten "die For- men der Produktion als Kriterien zur Strukturierung des histori- schen Prozesses" genommen. Diese unklare Formulierung wird ver- ständlicher, wenn Geiss die Industrialisierung "die bisherige agrarische Gesellschaft" "umstürzen läßt 78) und später zwischen den "beiden elementaren Formen materieller Produktion, die in un- serer Zeit aufeinanderprallen" 79), der agrarischen und der indu- striellen nämlich, einen "spannungsproduzierenden" Widerspruch behauptet 80). Dieser Widerspruch wird zusammen mit der Vermeh- rung der Bevölkerung und der Produktion 81) zur Triebkraft der Geschichte erhoben. Doch auch Geiss ahnt etwas von der dialektischen Beziehung zwi- schen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, die nach Marx und Engels die entscheidende allgemeine formationsübergrei- fende Triebkraft der Geschichte ist, aber er vermag diese Bezie- hung in ihrer wesentlichen Bedeutung theoretisch und begrifflich nicht zu durchdringen. Zunächst stellt er fest, daß Marx und En- gels als "elementare Voraussetzung für die Geschichte nicht nur die Existenz des Menschen..., sondern auch Umfang und Art der ma- teriellen Produktion, mit der er seine Existenz fristet" 82), an- sahen. Diese Aussage erscheint auch Geiss "wesentlich und eigent- lich kaum bestreitbar" 83). Er erwähnt allerdings nicht, daß Marx und Engels die Ausführungen über derartige Selbstverständlichkei- ten als ironische Spitze gegen die "voraussetzungslosen Deut- schen" 84) richteten. Sobald es jedoch über diese Voraussetzungen hinausgeht, befallen Geiss Zweifel: "Zweifelhafter (was soll hier der Komperativ? W.A.), weil in ihrer zugespitzten Abstraktion so nicht haltbar und auch prompt der späteren Dogmatisierung ausge- liefert, ist die These, daß "alle Kollisionen der Geschichte ih- ren Ursprung in dem Widerspruch zwischen den Produktivkräften und der Verkehrsform' (d.h. in dem Begriff der Produktionsverhält- nisse des späteren Marx) hätten, und dieser Widerspruch müsse 'jedesmal in einer Revolution eklatieren'" 85). Sowohl die Be- hauptung, Marx und Engels hätten "jedoch ihr Manuskript seiner- zeit nicht veröffentlicht, wohlweislich..." 86), als auch die Formulierung, diese "These" sei "auch prompt der späteren Dogma- tisierung ausgeliefert" worden - auch hier wartet der Leser ver- geblich auf eine Erläuterung -, legen die Vermutung nahe, Marx und Engels seien später von dieser Auffassung abgerückt. Impli- ziert ist der Verdacht, diese Erkenntnis sei gegen den Willen der Klassiker von "ihren übereifrigen Nachbetern" 87) zum Bestandteil der Theorie erhoben worden. Eine nähere Untersuchung zeigt allerdings, daß hier die Rhetorik der wissenschaftlichen Argumentation hilfreich beispringen muß. Es bleibt zunächst festzuhalten, daß Marx und Engels sehr wohl die Absicht hatten, "Die Deutsche Ideologie" zu veröffentlichen und daß es im Gegensatz zu dem, was Geiss seine Leser glauben ma- chen möchte, zu jener Zeit ausschließlich äußere Gründe waren, die eine Drucklegung verhinderten 88). Daran ändert auch die Tat- sache nichts, daß Marx und Engels später, als die äußeren Um- stände es zugelassen hätten, auf eine Veröffentlichung verzichte- ten, weil ihr Erkenntnisstand erheblich fortgeschritten war und sie vieles, was in der "Deutschen Ideologie" nur angedeutet oder erst keimhaft angelegt war, klarer formulieren konnten. Sie räu- men ihren in der "Deutschen Ideologie" sich manifestierenden un- entwickelten Erkenntnisstand im einzelnen zwar ein 89), rücken aber keineswegs von den dort dargestellten Grunderkenntnissen ab, sondern beurteilen ihr Werk - trotz aller Einschränkungen - durchaus positiv, wenn z.B. Marx feststellt, daß sie ihren "Hauptzweck erreicht hatten "Selbst Verständigung" 90), oder En- gels diese Schrift bei allen Abstrichen als "Darlegung der mate- rialistischen Geschichtsauffassung" 91) bezeichnet. Übrigens bin ich sicher, daß Geiss, wenn ihm auch nur eine Stelle in den Werken von Marx und Engels bekannt wäre, die seine minde- stens extensive Interpretation stützen könnte, d.h. seine Zweifel an der Bedeutung des Widerspruchs von Produktivkräften und Pro- duktionsverhältnissen bestätigen würden, er diese auch zitiert hätte. Indes ist die Suche nach derartigen Zitaten ein müßiges Unterfangen, da Marx und Engels bis in ihre späten Werke bei der Geiss zweifelhaft scheinenden Auffassung bleiben. So schriebt Marx: "Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die ma- teriellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristi- scher Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, inner- halb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln der- selben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein." 92) Oder an anderem Ort: "Auf einer gewissen Stufe der Reife an- gelangt, wird die bestimmte historische Form (des gesellschaftli- chen Produktionsprozesses, W.A.) abgestreift und macht einer hö- heren Platz. Daß der Moment einer solchen Krise gekommen, zeigt sich, sobald der Widerspruch und Gegensatz zwischen den Vertei- lungsverhältnissen, daher auch der bestimmten historischen Ge- stalt der ihnen entsprechenden Produktionsverhältnisse einerseits und den Produktivkräften, der Produktionsfähigkeit und der Ent- wicklung ihrer Agentien andererseits Breite und Tiefe gewinnt. Es tritt dann ein Konflikt zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und ihrer gesellschaftlichen Form ein." 93) Geiss hat sich mit diesen Erkenntnissen, die eine zentrale Rolle in der Theorie von Marx und Engels einnehmen, ungenügend ausein- andergesetzt. Daher gibt er auch die von ihm ausgewählten ge- schichtsbildenden Faktoren - Bevölkerungsvermehrung, Produktions- erhöhung - und seine eigenen Kriterien zur Unterteilung der Welt- geschichte - präagrarische, agrarische und industrielle Produkti- onsform - als Kategorien aus, die für Marx und Engels zumindest eine ähnlich zentrale Bedeutung behabt hätten wie für ihn selbst. Aus diesem Grunde soll im folgenden geprüft werden, welche Bedeu- tung die Klassiker diesen Kategorien beimaßen und wie sie sie in die Theorie eingebunden haben, um ihre Verabsolutierung zu ver- hindern. Gerade Geiss, der doch pauschal d e n Marxisten ein zu abstraktes Vorgehen, eine Vernachlässigung der Fülle des histori- schen Materials vorwirft, spricht völlig abstrakt und beziehungs- los von der Vermehrung der Bevölkerung, wohingegen die Bevölke- rung für Marx eine relative Größe darstellt: "Wie für die Teilung der Arbeit innerhalb der Manufaktur eine gewisse Anzahl gleich- zeitig angewandter Arbeiter die materielle Voraussetzung bildet, so für die Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft; die Größe der Bevölkerung und ihre Dichtigkeit, die hier an die Stelle der Agglomeration in derselben Werkstatt tritt. Indes ist diese Dichtigkeit etwas Relatives. Ein relativ spärlich bevölker- tes Land mit entwickelten Kommunikationsmitteln besitzt eine dichtere Bevölkerung als ein mehr bevölkertes Land mit unentwic- kelten Kommunikationsmitteln, und in dieser Art sind z.B. die nördlichen Staaten der amerikanischen Union dichter bevölkert als Indien." 94) Größe und Dichte der Bevölkerung wurden von Marx und Engels also nur im Zusammenhang mit der Produktivkraftentwicklung betrachtet. Diese wiederum wurde von ihnen in dialektischer Be- ziehung zu den Produktionsverhältnissen gesehen. Wenn Geiss diese Beziehungen zwischen den verschiedenen Elementen der konkreten Totalität nicht beachtet, begeht er einen Fehler, der seiner Al- ternative Züge eines positiv gewendeten Malthusianismus verleiht und für die die Marxsche Malthus-Kritik auch Gültigkeit hat: "Er ist es, der abstrahiert von diesen bestimmten historischen Geset- zen der Populationsbewegungen, die da die Historia der Natur des Menschen, die n a t ü r l i c h e n Gesetze sind, aber nur na- türliche Gesetze des Menschen auf bestimmter historischer Ent- wicklung, mit der durch seinen eignen Geschichtsprozeß bestimmter Entwicklung der Produktivkräfte." 95) Ähnliches gilt auch für die "Vermehrung der Produktion", die ja immer nur in Verbindung mit Produktivkräften und Produktionsver- hältnissen gesehen werden kann, zumindest wenn man sich auf Marx und Engels berufen möchte. Bei der Auswahl der Kriterien "agrarische" bzw. "industrielle Produktionsform" begeht Geiss den Fehler "einer Verwechslung und Identifizierung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses mit dem einfachen Arbeitsprozeß, wie ihn auch ein abnorm isolierter Mensch ohne alle gesellschaftliche Beihilfe verrichten müßte. So- weit der Arbeitsprozeß nur ein bloßer Prozeß zwischen Mensch und Natur ist, bleiben seine einfachen Elemente allen gemein. Aber jede bestimmte historische Form dieses Prozesses entwickelt wei- ter die materiellen Grundlagen (Produktivkräfte, W.A.) und ge- sellschaftlichen Formen (Produktionsverhältnisse, W.A.) dessel- ben" 96) Für Marx und Engels war also der Grad der Naturbeherrschung bzw. Produktivkraftentwicklung nur im Zusammenhang mit den gesell- schaftlichen Verhältnissen, innerhalb derer sie sich bewegten, von Interesse. Geiss reißt also ohne hinreichende wissenschaftliche Begründung einzelne Elemente der Theorie von Marx und Engels aus ihrem in- haltlichen Zusammenhang und versucht, sie gegen diesen Zusammen- hang zu interpretieren. Diesen genuin unwissenschaftlichen Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Quellenmaterial versucht er von der Form her zu decken, indem er Vertretern der marxistischen Theorie eine "kompilatorische Zitiermethode" 97) vorwirft. In- haltlich schlägt er mit dem so gewonnenen wissenschaftlichen "Flickentuch" auf den Marxismus ein - obwohl er doch den "Marxismus" treffen wollte. Es zeigt sich dabei, daß er eine tiefe Aversion gegen theoretische Präzision und Systematik hat. Diese rational kaum völlig faßbare Abneigung treibt ihn zu son- derlichen Behauptungen. So weiß er von Marxisten zu berichten, die nicht historisch vorgehen, "sondern (meist ohne besondere Ge- schichtskenntnisse) nur theoretisch und systematisch, was prompt zur Dogmatisierung führt" 98). Wissenschaftstheorie als Haupthin- dernis der Wissenschaftlichkeit? Daß Geiss seine Verstümmelung der Theorie von Marx und Engels als "Weiterentwicklung des Marx- Engelschen Ansatzes" 99) bezeichnet, ist wohl unschwer auf seine flüchtige Bekanntschaft mit diesem Ansatz zurückzuführen. Führt man sich angesichts dieser Umstände vor Augen, daß Geiss sich zum Beschützer von Marx und Engels "vor ihren übereifrigen Nachbe- tern" 100) ernennt, daß er weiter das seines Erachtens zu grobe 5- (bzw. 6-) Stadien-Schema mit Hilfe "nuancierende(r) Überlegun- gen" 101) durch ein Drei(!)-Stadien-Schema ersetzt, in dessen letzter Phase Kapitalismus und Sozialismus traulich vereint wer- den, nur noch durch ihr Alter unterschieden (102), dann fällt es schwer, den Gedanken an die Bemerkung von Friedrich Engels über Eugen Dühring zu unterdrücken, der zu Engels' Überraschung zu den Schluß kommt, "daß für den Marxschen Standpunkt 'schließlich al- les Eins ist', daß für Marx also auch z.B. Kapitalisten und Lohn- arbeiter, feudale, kapitalistische und sozialistische Produkti- onsweise, 'alles Eins ist', ja am Ende wohl gar auch Marx und Herr Dühring 'alles Eins'" 103). Die Abfolge der ökonomischen Gesellschaftsformationen ----------------------------------------------------- Der Gang der menschlichen Geschichte folgt nach Marx und Engels einer "inneren Gesetzmäßigkeit" 104) und "alle nacheinander fol- genden geschichtlichen Zustände" sind "nur vergängliche Stufen im endlosen Entwicklungsgang der menschlichen Gesellschaft vom Nie- dern zum Höhern" 105). Dies gilt dann folgerichtig auch für die Produktionsweisen und die auf ihrer Grundlage sich bildenden öko- nomischen Gesellschaftsformationen, nicht wie sie behauptet wer- den, sondern wie sie tatsächlich in der Historie aufeinanderfol- gen. Über die Merkmale der klassenlosen Urgemeinschaft, die den Klas- sengesellschaften vorausging, erlangte die Wissenschaft im ver- gangenen Jahrhundert erst relativ spät Erkenntnisse. Aus diesem Grund und weil - auch durch die Notwendigkeit der praktischen Po- litik erzwungen - Marx und Engels ihr Augenmerk vorrangig auf die Entstehung und den sich abzeichnenden Verfall der kapitalisti- schen Gesellschaftsformation richteten, wird die Urgemeinschaft in ihren Werken nicht sehr häufig erwähnt. Dennoch schenkten beide den wissenschaftlichen Bemühungen um diesen Gegenstand große Aufmerksamkeit. Als Engels 1884 "im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen" 106) sich mit diesem Thema ausführlich be- faßte, konnte er auf umfangreiche Vorarbeiten von Marx zurück- greifen 107), der Morgans Erkenntnisse als bedeutungsvoll für die materialistische Geschichtsauffassung ansah. 108) Die Bedeutung der Forschungsergebnisse Morgans liegt darin, daß sie aufzeigen, wie sich aus der klassenlosen Urgemeinschaft die Klassengesell- schaften entwickelten, aus denen dann auf höherer Ebene eine Ge- sellschaft hervorwächst, die die Klassenherrschaft überwunden hat 109). Auch Geiss wird nicht bestreiten können, daß diese Entwick- lung nach Marx und Engels n o t w e n d i g u n d g e s e t z- m ä ß i g e r f o l g t, wenn er sich nicht in offenen Gegen- satz zu ihnen bringen will. Es stellt sich als präziser gefaßt das Problem, ob es innerhalb der Klassengesellschaft bestimmte, in letzter Instanz durch "die Form, worin ... Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten ... abgepreßt wird" 110), unterschie- dene ökonomische Gesellschaftsformationen gibt, ob eine bestimmte Aufeinanderfolge dieser Gesellschaftsformationen gesetzmäßig erfolgt, und welche raumzeitliche Gültigkeit diese Gesetz- mäßigkeit hat. Kriterium zur Unterscheidung der verschiedenen ökonomischen Ge- sellschaftsformationen, welche die Klassengesellschaft durch- läuft, ist für Marx und Engels das Herrschafts- und Knecht- schaftsverhältnis, wie es durch "die spezifische ökonomische Form, in der ... Mehrarbeit aus dem unmittelbaren Produzenten ausgepumpt wird" 111), bestimmt ist. Demzufolge schreibt Engels mit aller nur wünschenswerten Klarheit: "Die bisherige sich in Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, daß heißt eine Organisation der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse i n d e n d u r c h d i e b e s t e h e n d e P r o d u k- t i o n s w e i s e g e g e b n e n B e d i n g u n g e n d e r U n t e r d r ü c k u n g (S k l a v e r e i, L e i b- e i g e n s c h a f t o d e r H ö r i g k e i t, L o h n a r- b e i t). Der Staat war der offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren Körper- schaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unserer Zeit der Bourgeoisie." 112) Nicht durch die "Aufspürung" dieser Zitate, sondern durch diese Zitate u n d ihren Kontext dürfte es unzweifelhaft sein, daß das angeblich "aus Marx herausgepreßte 'marxistische' Periodisie- rungsschema" 113), das Geiss Stalin unterschiebt, in Wirklichkeit sehr wohl auf Marx und Engels zurückgeht. Danach ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig, zwischen Sklavenhalterordnung und Feudalismus zu unterscheiden, denn es ist ein qualitativer Unter- schied, ob der unmittelbare Produzent als Produktionsmittel dient 114), oder ob er zumindest "einen Teil der Woche mit faktisch oder juristisch ihm gehörigen Arbeitswerkzeugen (Pflug, Vieh etc.) den ihm faktisch gehörigen Boden bestellt" 115) und damit überhaupt erst zum Träger der Produktivkraftentwicklung werden kann, trotz aller persönlichen Abhängigkeit. Demgegenüber tritt die Tatsache, daß beide Typen von gesellschaftlichen Produzenten hauptsächlich agrarisch tätig sind, in den Hintergrund 116), da sich die agrarische Produktionstätigkeit nur auf die "stoffliche" Seite des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, auf die Aus- einandersetzung mit der Natur bezieht, die gesellschaftliche Form aber unbeachtet läßt. Die "asiatische Produktionsweise" wurde bewußt bisher ausgeklam- mert, da auch in der marxistischen Geschichtswissenschaft noch einige wichtige Fragen im Zusammenhang mit diesem Gegenstand un- geklärt sind. Es ist aber für Geiss' oberflächliche Behandlung des gesamten Themas charakteristisch, daß er nicht den geringsten Versuch unternimmt, etwas zur Klärung dieser Fragen beizutragen, ja, daß er den Begriff noch nicht einmal inhaltlich zu klären versucht, sondern das Problem kurzerhand damit abtut, daß er "die von Marx erfundene Verlegenheitskategorie der 'asiatischen Pro- duktionsweise'" 117) umstandslos seiner "agrarisch-aristokra- tisch-monarchischen" Epoche zuschlägt. Hier sollen nur mit größ- ter Behutsamkeit einige Bemerkungen niedergelegt werden, die nicht den Anspruch erheben können, die bisherige Diskussion des Themas ausführlich wiederzugeben, geschweige denn, eine auf empi- rischen Untersuchungen beruhende Beantwortung der Frage zu geben, ob die "asiatische Produktionsweise" als eigenständige Gesell- schaftsformation oder als konkrete historische Besonderung einer übergreifenden Gesellschaftsformation zu betrachten ist. Zunächst ist festzustellen, daß Marx die "asiatische Produktions- weise" im Vorwort "Zur Kritik der politischen Ökonomie" in die Reihe der "progressive(n) Epochen der ökonomischen Gesellschafts- formation" 118) aufgenommen hat und das heißt, daß sie für ihn die erste Klassengesellschaft war - die "Urzustände" waren 1859 erst ansatzweise Gegenstand der historischen Untersuchung gewor- den, übrigens werden in dem angeführten Zitat nur die Phasen auf- gezählt, die die Klassengesellschaft durchläuft, während die ge- sellschaftlichen Verhältnisse der Urgemeinschaft ebenso wie die des Kommunismus nicht thematisiert werden. Für Marx und Engels war das naturwüchsige Gemeineigentum, das ge- genüber dem Despotismus des beherrschenden Staates die eine Seite des gesellschaftlichen Grundverhältnisses ausmacht, diejenige allgemeine Form, "wie wir sie an der Schwelle der Geschichte al- ler Naturvölker finden" 119). Nach dem oben genannten Kriterium zur Unterscheidung der ökonomischen Gesellschaftsformationen, die die Klassengesellschaft durchläuft, erscheint es unumgänglich, die asiatische Produktionsweise als eingeständige Gesellschafts- formation anzuerkennen, da sie durch ein Herrschafts- und Knecht- schaftsverhältnis gekennzeichnet ist - also nicht mehr der klas- senlosen Urgesellschaft zugerechnet werden kann - und sich durch die spezifische Form dieses Verhältnisses sowohl von der antiken Sklaverei als auch dem Feudalismus - vom Kapitalismus ohnehin - unterscheidet. So schreibt Marx in dem von Engels herausgegebenen dritten Band des "Kapitals": "Es ist ferner klar, daß in allen Formen, worin der unmittelbare Arbeiter 'Besitzer' der zur Pro- duktion seiner eignen Subsistenzmittel notwendigen Produktions- mittel und Arbeitsbedingungen bleibt, das Eigentumsverhältnis zugleich als unmittelbares Herrschafts- und Knechtschaftsverhält- nis auftreten muß, der unmittelbare Produzent also als Unfreier; eine Unfreiheit, die sich von der Leibeigenschaft mit Fronarbeit bis zur bloßen Tributpflichtigkeit abschwächen kann." 120) Auf der folgenden Seite spricht er explitzit den Staat in Asien als Grundeigentümer und Souverän an, demgegenüber die unmittelbaren Produzenten tributpflichtig sind. Im Zusammenhang mit der Erörterung der Bedeutung des Kaufmannska- pital bezeichnet Marx die drei Grundverhältnisse, die die vorka- pitalistischen ökonomischen Gesellschaftsformationen der Klassen- gesellschaft kennzeichnen: "Beim Sklavenverhältnis, Leibeigenen- verhältnis, Tributverhältnis (soweit primitive Gemeinwesen in Be- tracht kommen) ist es der Sklavenhalter, der Feudalherr, der tri- butempfangene Staat, welcher Eigner, also Verkäufer des Produkts ist." 121) In dieser nicht chronologischen, sondern nach dem Grad der Unfreiheit der Produzenten im Verhältnis zu ihren gegenständ- lichen Produktionsbedingungen sowie den Ergebnissen ihrer Produk- tion, abgestuften Aufzählung läßt Marx keinen Zweifel daran, daß er das Verhältnis der naturwüchsig-"kommunistisch" organisierten Produktionsgemeinschaften gegenüber dem tributfordernden Staat als Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis auffaßt, daß sich zudem vom Sklaven- bzw. Leibeignenverhältnis unterscheidet. Schon 1859 schrieb Marx, daß "ein genaueres Studium der asiati- schen, speziell der indischen, Gemeineigentumsformen ... nachwei- sen (würde), wie aus den verschiedenen Formen des naturwüchsigen Gemeineigentums sich verschiedene Formen seiner Auflösung erge- ben" 122). Den Typus, der der Gentilordnung folgt, bezeichnet Marx als "Ackerbaugemeinde" 123). Dieser Gemeinde wohnt ein Dua- lismus inne: Einerseits die Lösung von den Banden der Blutsver- wandtschaft, private Nutzung von Haus und Hof und private Aneig- nung der Produkte der Parzellenwirtschaft, andererseits eine enge Bindung des Gemeineigentums an Grund und Boden 124). Dieser Dua- lismus kann sich zerstörerisch auf die Gemeinde auswirken, wo- durch ihr geschichtlich die Funktion einer Übergangsphase - von der auf Gemeineigentum begründeten Gesellschaft zu der auf Pri- vateigentum begründeten Gesellschaft" zukommt, welche "die Reihe der Gesellschaften, die auf Sklaverei, Leibeigenschaft (vom Kapi- talismus, der als letzte Form in diese Reihe gehört, ist auf der folgenden Seite des Originals die Rede, W.A.) beruhen" 125), um- faßt. Dieses Ergebnis ist aber nach Marx' Auffassung nicht unver- meidlich, sondern hängt vielmehr "vom historischen Milieu ab, in dem sie sich befindet" 126). Daher unterscheidet Engels auch zwei Grundformen der Entstehung des Staates. Diejenige Form, die aus der inneren Dynamik der Gentilgesellschaft resultiert, stellt er sehr ausführlich in "Der Ursprung der Familie, des Privateigentü- mers und des Staates" dar. Über die andere Form äußert er sich wesentlich knapper, u.a. auch in der "Fränkischen Zeit", wo er schildert, wie "die Wanderung (germanischer Stamme, W.A.) auf rö- mischen Boden ... den Blutsverband des Gaues" 127) brach und ihn durch "mehr oder weniger willkürliche ... Berichtsbezirke" 128) ersetzte. "Damit war das Volk aufgelöst in einen Verband kleine- rer Dorfgenossenschaften, unter denen kein oder doch fast kein ökonomischer Zusammenhang bestand, da ja jede Mark sich selbst genügte... Und eine solche Zusammensetzung des Volks aus lauter kleinen Genossenschaften, die zwar gleiche, aber ebendeshalb keine gemeinsamen ökonomischen Interessen haben, macht eine nicht aus ihnen hervorgegangene, ihnen fremd gegenüberstehende, sie mehr und mehr ausbeutende Staatsgewalt zur Bedingung der Fortexi- stenz der Nation." 129) Im "Anti-Dühring", an dem Marx erheblichen Anteil hat, nimmt En- gels noch einmal - und zwar deutlicher - die beiden verschiedenen Entwicklungsformen auf, die sich aus dem ursprünglichen Gemeinei- gentum ergeben. "Die alten Gemeinwesen, wo sie fortbestanden, bilden seit Jahrtausenden die Grundlage der rohesten Staatsform, der orientalische Despotie, von Indien bis Rußland. Nur wo sie sich auflösten, sind die Völker aus sich selbst weiter vorange- schritten, und ihr nächster ökonomischer Fortschritt bestand in der Steigerung und Fortbildung der Produktion vermittels der Sklavenarbeit." 130) Damit sind sowohl die Stagnation in Asien als auch der Übergang von der asiatischen Produktionsweise zur antiken Sklaverei angesprochen. Wo, wann und wie dieser Übergang sich vollzog, bedarf noch ausführlicher Untersuchungen, ebenso wie die Ursache der Stagnation in Asien. Es kann hier aber fest- gehalten werden, daß nach Marx und Engels sich die Hauptentwick- lungslinie der menschlichen Geschichte nach dem Heraustreten aus der klassenlosen Urgesellschaft in asiatische, antike (sklavenhaltende), feudale und kapitalistische Produktionsweise und die ihnen entsprechenden Gesellschaftsformationen unterteilt, um nach der Überwindung der Klassenherrschaft in die "höhere Phase" der kommunistische Gesellschaft überzugehen. Damit hat sich die Behauptung von Geiss, Marx und Engels hätte keine Peri- odisierung beabsichtigt 131), als haltlos erwiesen. Auch wenn die Klassiker zweifellos kein starres Periodisierungsschema konstru- ierten, in das sie alle konkreten historischen Erscheinungen ohne Bedenken gepreßt hätten, so ist nicht von der Hand zu weisen, daß sich die Arbeit an der periodisierungstheoretischen Entfaltung der Menschheitsgeschichte als eine gesetzmäßigen, von niederen zu höheren Formen in widerspruchsvollen Bewegungen aufsteigenden Prozessen beginnend in der "Deutschen Ideologie" bis in die letz- ten Werke kontinuierlich fortsetzte. Diese Bemühungen liegt die Erkenntnis der Dialektik von Struktur und Entwicklung und der Versuch ihrer theoretischen und methodischen Erfassung zugrunde. Mit der Frage nach einem Periodisierungsansatz ist notwendig auch die Frage verbunden, welche zeitliche und räumliche Geltung für ihn beansprucht wird 132). Es wurde bereits oben ausgeführt, daß der von Geiss unterstellte Anspruch weder von Marx und Engels noch der späteren marxistischen Geschichtstheorie und -wissenschaft geltend gemacht worden wäre. Wenngleich die gerin- gen Kenntnisse der Marxschen Theorie, das unsystematische Vorge- hen sowie die begrifflichen Unklarheiten, die Geiss offenbart, ihn letztlich an einer tieferen Einsicht in die Zusammenhänge von Genese, Struktur und Entwicklung historisch-gesellschaftlicher Systeme hindern, blitzen doch hier und da richtige Ahnungen bei ihm auf, aus denen er dann nur leider die falschen Schlußfolge- rungen zieht. "Im gleichen Ausmaß, wie die Geschichte der Mensch- heit durch die Ausbreitung des Kapitalismus und Imperialismus, anschließend in den Gegenbewegungen des Sozialismus und Anti-Im- perialismus immer mehr auch räumlich zu einem ... historischen Prozeß zusammenwuchs, wurde auch die Unzulänglichkeit der forma- len Periodisierungsversuche immer deutlicher" 133). Bemerkenswert ist die Geissche Kennzeichnung des historischen Prozesses als eines auch räumlichen Zusammenwachsens. Diese Formulierung könnte sich tatsächlich auf Marx und Engels stützen, die es ja in der "Deutschen Ideologie" als geschichtliche Tat des Menschen be- zeichneten, die Geschichte immer mehr zur Weltgeschichte zu ma- chen 134). Die ursprünglichen Gentilgesellschaften waren selbstgenügsame Or- ganismen, die die Bezeichnung "Gesellschaft" in ihrem späteren Sinne noch gar nicht zu Recht tragen. Sicher hat es auch zwischen den einzelnen Stämmen kriegerische Auseinandersetzungen gegeben: um Wasserstellen, bessere Jagdgründe etc. Diese Auseinanderset- zungen waren jedoch meist nicht mit der Unterwerfung einer der beteiligten Gruppen verbunden und eine Versklavung unterlegener Kriegsgegener aus ökonomischen Gründen war auch in der Auflösung dieser Gemeinschaften die Ausnahme. Der Oktroi einer anderen Pro- duktionsweise aber stand überhaupt nicht in Frage, da sie ja bei allen gentilorganisierten Gemeinschaften gleich war. Aber schon mit dem Aufkommen der asiatischen Produktionsweise, die durch einen den ursprünglichen Gemeinschaften aufgezwungenen despotischen Staat gekennzeichnet ist, wird die räumliche Expan- sion und damit die Tendenz zur territorialen Vereinheitlichung einer bestimmten Gesellschaftsorganisation zu einem wichtigen, nicht mehr bloß zufälligen Merkmal. Der Expansionsdrang der antiken Sklavenhaltergesellschaft wird durch die Entwicklung des römischen Imperiums illustriert. Selbst wenn nicht in allen eroberten oder abhängigen Gebieten die Skla- verei die Basis der Produktion wurde, so genügte doch die Abhän- gigkeit von Rom, um in seinem Einflußgebiet die Produktionsweise, die seine gesellschaftliche Grundlage bildete, zu der für alle anderen in letzter Instanz maßgeblichen zu machen. Der europäische Feudalismus dehnte seinen Einfluß noch weiter aus und verbreitete die ihm zugrunde liegende Produktionsweise. Man denke nur an die Einführung des Encomienda-Systems in den ameri- kanischen Gebieten unter spanischer Herrschaft, von dem die Land- wirtschaft verschiedener südamerikanischer Staaten noch heute Überreste erkennen läßt - z.B. Chile bis zum Anfang und teilweise auch noch während der demokratischen Regierung Salvador Allendes und jetzt nach der Konterrevolution und der Restauration der vor- herigen Ausbeutungsverhältnisse. Aber der Feudalismus, der diese Verbreiterung einer zusammenhän- genden geschichtlichen Entwicklung initiierte, hatte bereits den Zenit seiner Entwicklung überschritten. Ging es doch in den Kolo- nien weniger um den Gewinn von Land, als vielmehr um die Erbeu- tung von Gold, das als Zahlungsmittel dienen sollte. Mit der Not- wendigkeit für den feudalen Staat, sich Geld zu beschaffen, kün- digt die Bourgeoisie ihr Aufkommen und ihren baldigen Siegeszug an. Kaum hat die Bourgeoisie nur in einigen Staaten die feudalen Fesseln abgeschüttelt, als sie die Geschichte in einem nie zuvor gekannten Maße zu dynamisieren beginnt und daran geht, ihre hi- storische Aufgabe - die Schaffung des Weltmarktes - zu erfüllen 135). Marx sagt sogar: "Der Weltmarkt bildet selbst die Basis dieser Produktionsweise" 136). Geiss' tatsächlich nur formale, an der "Form der Produktion" im Wortsinn, d.h. an der materialen Gestaltung der Produktionsmittel ("Industrie") orientierte Sicht der Weltgeschichte geht notwendig an der Erkenntnis der Wirklichkeit vorbei, wenn er den Grad der Fortgeschrittenheit der Industrialisierung zum Kriterium dafür erhebt, wieweit eine bestimmte Produktionsweise verbreitet ist. Ekuador mit riesigen Bananenplantagen produziert wesentlich auf agrarischen Sektor. Die "Spannungen" zwischen Teilen des Volkes und den USA resultieren aber nicht aus Widersprüchen zwischen dem landwirtschaftlichen Sektor der Produktion im Ekuador und der in- dustriellen Produktion in den USA, sondern vielmehr aus der Tat- sache, das Monopole mit Hauptsitz in den USA und Unterstützung der US-Streitkräfte sowie der herrschenden Klasse in Ekuador das Volk einerseits auf diese einseitige Produktion festlegen und da- mit eine Entwicklung aus der "Unterentwicklung" hemmen und ande- rerseits die unmittelbaren Produzenten ausbeuten. Die hier er- zeugten Produkte werden für den kapitalistischen Weltmarkt produ- ziert, d.h. sie nehmen Warencharakter an. In dem Moment, wo sie für den Markt produziert werden, ist es aber gleichgültig, ob sie von Jägern oder Sammlern, aus Sklavenarbeit, einer Form von Fron- arbeit oder "freier Lohnarbeit" stammen: Immer haben die Gesetze des kapitalistischen Marktes für sie die gleiche Gültigkeit und damit wirken diese Gesetze auf ihre Produzenten zurück. Ebenso, wenn auch in unmittelbar politischer terroristischer und nicht sozialökonomischer Form, werden u.a. kolumbanische Indianer mit der kapitalistischen Produktionsweise konfrontiert. Auf sie wird Jagd gemacht wie auf wilde Tiere, um ihr Gebiet zu entvöl- kern mit dem Ziel, den Boden oder dort vorkommende Naturschätze der Ausplünderung verfügbar zu machen 137). Wenn auch in sehr verschiedener Form und mit sehr verschiedenen Folgen für die Be- troffenen, sind es heute - wenn überhaupt - nur verschwindende ethnische Minderheiten außerhalb der sozialistischen Staaten, die sich den Einflüssen der kapitalistischen Produktionsweise entzie- hen können. Die Frage, wie sich die Überlegenheit und Durchset- zung einer Produktionsweise messen läßt 138), kann durchaus empi- risch beantwortet werden. Nach der Seite des Arbeitsprozesses be- trachtet stehen unter anderen folgende Kriterien zur Verfügung: Die herrschende Produktionsweise bringt den größten Anteil am ge- sellschaftlichen Produkt hervor, sie subsumiert unter sich den größten Teil des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters, sie hat den höchsten Vergesellschaftungsgrad der Produktion, den entwickelte- sten Grad der Arbeitsteilung und den höchsten Stand der Produk- tivkräfte erreicht und stellt die größten Produktionseinheiten. Damit stellt sich allerdings auch unter diesem Aspekt der histo- rischen Entwicklung ein qualitativer Unterschied zwischen der ka- pitalistischen und kommunistischen Gesellschaft heraus. Unter der Herrschaft der Monopole sind fast alle Menschen in den nichtso- zialistischen Ländern Betroffene, aber nur wenige Nutznießer die- ser Produktionsweise. Die vielen Antagonismen, die außer dem Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital für diese Pro- duktionsweise spezifisch sind, werden trotz allen das Gegenteil beteuernden Reden der Verteidiger dieses Systems ganz offensicht- lich nicht aufgehoben. Die Entwicklung innerhalb der sozialistischen Staaten - allmähli- cher Ausgleich der Disproportionen zwischen Stadt und Land, all- gemeine Anhebung des Bildungsniveaus, immer besser werdende Be- friedigung der gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnisse durch die zentral geplante Wirtschaft - zeigt, daß die nicht nur von Geiss als "Weltanschauung mit heilsgeschichtlichen Dimensio- nen" verunglimpfte Überzeugung der Marxisten, der Ausgleich der oben genannten Disproportionalitäten sei weltweit erst durch eine ebenfalls weltweite Durchsetzung der sozialistisch-kommunisti- schen Gesellschaftsformation möglich, auch in der Praxis ihre Probe bestanden hat. Erst in diesem Stadium wird die Geschichte zur Weltgeschichte, weil nun alle Menschen ihre Geschichte in zu- nehmenden Maße im Interesse der Gesellschaft u n d der Indivi- duen planen können. An dieser Stelle scheint es angebracht, auf den Vorwurf der end- lichen Geschichtsauffassung einzugehen, der im Unkenntnis oder bewußter Entstellung des Marxismus von seinen Gegnern gehen ihn erhoben wird. Anders gefaßt lautet die Frage, welche Veränderun- gen die sozial-ökonomische Basis einer ökonomischen Gesell- schaftsformation erfahren kann, ohne daß damit ein qualitativer Umschlag in eine andere Gesellschaftsformation erfolgt. Bereits im "Kommunistischen Manifest" schreiben Marx und Engels: "Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstru- mente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtlichen gesell- schaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unver- änderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen" 139). Ähnlich, aber präziser gefaßt heißt es im "Kapital": "Die moderne Industrie betrachtet und behandelt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses nie als definitiv. Ihre technische Ba- sis ist daher revolutionär, während die aller früheren Produkti- onsweisen wesentlich konservativ war" 140). Neben der tendenziellen Entwicklung der Geschichte zur Weltge- schichte zeichnet sich also bereits in der kapitalistischen Ge- sellschaftsformation eine steigende Flexibilität ab, die eine An- gleichung der Produktionsverhältnisse an die Produktivkraftent- wicklung in einem Maße erlaubt, das in früheren Gesellschaftsfor- mationen undenkbar war. Dabei entwickeln sich im Kapitalismus der freien Konkurrenz durch die Konzentration und Zentralisation des Kapitals die Monopole, die zur Grundlage der gesamten Produktion werden und damit den Imperialismus hervorbringen. Durch die wis- senschaftliche und technische Revolution ergaben sich weitere er- hebliche Veränderungen. Diese Entwicklung, die - bis auf den staatsmonopolistischen Kapitalismus - von Lenin analysiert wurde 141), haben schon Marx und Engels in ihren Grundzügen vorausgese- hen 142). Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es in der sozialistisch- kommunistischen Gesellschaftsformation? Engels schreibt an Otto von Boenigk: "Die sogenannte 'sozialistische Gesellschaft' ist nach meiner Ansicht nicht ein ein für allemal fertiges Ding ..." 143). Und in einem Brief an Conrad Schmidt kritisiert er in der "Volkstribüne" veröffentlichte Diskussionsbeiträge "über die Ver- teilung der Produkte in der künftigen Gesellschaft" 144). Dabei betont er: "Aber bei allen Beteiligten erscheint die 'soziali- stische Gesellschaft' nicht als ein in fortwährender Veränderung und Fortschritt begriffenes, sondern als ein stabiles, ein für allemal fixiertes Ding ..." 145). Der Sozialismus/Kommunismus wird zwar voraussichtlich die letzte Gesellschaftsformation sein, aber damit ist die materialistische Geschichtsauffassung keines- wegs endlich, denn nach Marx und Engels beginnt erst mit dieser Gesellschaftsformation die menschliche Geschichte wirklich. 146) Die Veränderungen, die notwendig sind, um die Produktionsver- hältnisse im Sozialismus/Kommunismus der Produktivkraftentwick- lung anzupassen, sind theoretisch-unbegrenzt, da sie nicht durch ein bestimmtes Klasseninteresse behindert werden, sondern im gesellschaftlichen Interesse und unter gesellschaftlicher Kontrolle erfolgen. _____ 1) Immanuel Geiss: "Zwischen Marx und Stalin. Kritische Anmerkun- gen zur marxistischen Periodisierung der Weltgeschichte", in: Beilage zur Wochenzeitung das Parlament ("aus politik und Zeitge- schichte", B 41/74 vom 12. Oktober 1974). 2) Vgl. ebenda z.B. S. 18. 3) Ebenda, S. 9. 4) Ebenda, S. 7. 5) Ebenda, S. 18 ff. 6) Ebenda, S. 16. 7) Ebenda, S. 6. 8) Ebenda, S. 6. 9) Ebenda, S. 4. 10) Die genannten Arbeiten sind in Marx/Engels, Werke (im folgen- den zitiert als MEW), Berlin/DDR, seit 1956, Bde. 3, 4, 9, 13, 23 bis 26.3., 21 veröffentlicht. Die Grundrisse wurden außerhalb der MEW 1953 herausgegeben. 11) "Die deutsche Ideologie", Vorwort "Zur Kritik der politischen Ökonomie", Vorwort zu "Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klas- sischen deutschen Philosophie", "Grundrisse der Kritik der Poli- tischen Ökonomie", "Manifest der Kommunistischen Partei", "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft ('Anti-Dühring')", Brief von Marx an die Redaktion des "Oetetschestwennje Sapiski", MEW, Bd. 19, S. 107-112; F. Engels an Joseph Bloch, 21./22. Sep- tember 1890, MEW, Bd. 37, S. 462-465; F. Engels an Conrad Schmidt, 5. August 1890, MEW, Bd. 37, S. 435-438. 12) Geiss, a.a.O., vor allem die Polemik S. 8 f. 13) Ebenda, S. 7. 14) Ebenda. 15) Ebenda, S. 6 ff. 16) Ebenda, S. 4 f. 17) Ebenda, S. 10, Anm. 22. 18) Ebenda. 19) Ebenda, S. 4. 20) Ebenda, S. 5. 21) Marx/Engels: "Die deutsche Ideologie", MEW, Bd. 3, S. 42. 22) Geiss, a.a.O., S. 4. 23) Ebenda. 24) Ebenda. 25) Ebenda. 26) Ebenda, S. 5. 27) Ebenda, S. 4. 28) F. Engels: "Der Ursprung der Familie... ", MEW, Bd. 21, S. 27. 29) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", MEW, Bd. 13, S. 8. 30) Vgl. F. Engels: "Ludwig Feuerbach...", MEW, Bd. 21, S. 292 f. 31) F. Engels: "Anti-Dühring", MEW, Bd. 20, S. 169. 32) Marx/Engels: "Die deutsche Ideologie", a.a.O., S. 37. 33) K. Marx: "Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien", MEW, Bd. 9, S. 226. 34) F. Engels: "Anti-Dühring", a.a.O., S. 107; vgl. auch ebenda, S. 106, 180 und 264. 35) Geiss, a.a.O., S. 8. 36) Karl Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 9 (Hervorhebung von mir, W.A.). 37) K. Marx: Grundrisse... a.a.O., S. 27: "bloße Jäger- und Fi- schervölker liegen außer dem Punkt, wo die wirkliche Entwicklung beginnt". 38) Geiss, a.a.O., S. 7; dort auch die o.g. Zitate aus der "Deutschen Ideologie", dem "Kommunistischen Manifest" und den "Grundrissen". In dem Zitat aus dem "Kommunistischen Manifest" läßt Geiss ohne Kennzeichnung die von Engels zur englischen Aus- gabe von 1888 eingefügte, zweite Anmerkung aus, obwohl sie für den behandelten Gegenstand wichtig ist und Geiss' Interpretation direkt widerspricht. Engels weist unter anderem daraufhin, daß er in "Der Ursprung der Familie..." den Auflösungsprozeß der Urge- meinschaft und die Herausbildung der Klassengesellschaft unter- sucht. 39) Ebenda, S. 8. 40) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 9. 41) F. Engels: "Anti-Dühring", a.a.O., S. 4. 42) Ebenda, S. 249, Anmerkung der Herausgeber. 43) MEW, Bd. 22, S. 202-209. 44) Ebenda, S. 202. 45) Ebenda, S. 203; vgl. auch F. Engels: Vorwort zu Marx' Schrift "Das Elend der Philosophie", MEW, Bd. 21, S. 187. 46) K. Marx: Das Kapital, Bd. III, MEW, Bd. 25, S. 897. 47) Ebenda, S. 826 f. 48) Siehe dazu E. Engelberg, a.a.O., und in demselben Band vor allem den Aufsatz, von Küttler/Lozek: "Marxistisch-leninistischer Historismus und Gesellschaftsanalyse. Die historische Gesetzmä- ßigkeit der Gesellschaftsformation als Dialektik von Ereignis, Struktur und Entwicklung", S. 33-78. 49) F. Engels an Joseph Bloch, a.a.O., S. 463. 50) Vgl. F. Engels an Conrad Schmidt, a.a.O., vor allem S. 490- 494. 51) K. Marx: Grundrisse..., a.a.O., S. 176. 52) Siehe dazu Ernst Engelberg: "Zu methodologischen Problemen der Periodisierung" in: E. Engelberg (Hrsg.): Probleme der marxi- stische Geschichtswissenschaft. Beiträge zu ihrer Theorie und Me- thode, Köln 1972, S. 126 f. 53) Geiss, a.a.O., S. 21. 54) Marx/Engels: "Die deutsche Ideologie", a.a.O., S. 30. 55) K. Marx: Grundrisse . ., a.a.O., S. 175. 56) Vgl. ebenda, S. 188 f. 57) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der politischen Ökonomie", a.a.O., S. 8 f (Hervorhebung von mir, W.A.). 58) K. Marx: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 882; vgl. ebenda S. 885. Die Kontinuität in den unter Anm. 56 und 57 nachgewiesenen Aussagen dürfte unübersehbar sein. 59) K. Marx: Theorien über den Mehrwert (Vierter Band des "Kapitals"), Dritter Teil, MEW, Bd. 26.3, S. 412;vgl. auch MEW, Bd. 26.1., S. 383 und MEW, Bd. 26.2, S. 148. 60) Geiss, a.a.O., S. 18f. 61) Vor allem in den Frühschriften liegt der Schwerpunkt auf der Kritik des Idealisten Hegel. Später hoben Marx und Engels die Verdienste des Dialektikers Hegel hervor: "Die mystifizierende Seite der Hegelsche Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber grade als ich den ersten Band des 'Kapital' ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, ..., darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeiten den Spinoza behandelt hat, nämlich als 'toten Hund'. Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers...". K. Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW, Bd. 23, S. 27. 62) Geiss, a.a.O., S. 6. 63) G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Ge- schichte. Theorie Werkausgabe, Frankfurt/M. 1970, Bd. 12, S. 11, Anmerkung. 64) Ders.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, a.a.O., Bd. 7, S. 504 (Hervorhebung im Original). 65) Ebenda, S. 508 f. 66) Ebenda, S. 505. 67) Ebenda. 68) Ebenda, S. 509. 69) Ebenda, S. 505. 70) Marx/Engels: "Die deutschen Ideologie", a.a.O., S. 27. 71) F. Engels: "Ludwig Feuerbach...", a.a.O., S. 268-271. 72) Ders.: "Anti-Dühring", a.a.O., S. 23. 73) Ebenda, S. 22f. Die im Original am Ende des Zitats befindli- che Anmerkung der Herausgeber wurde ausgelassen; sie enthält ein Zitat aus dem ersten Entwurf der Einleitung mit ähnlichem Inhalt. 74) Ebenda, S. 23. 75) Ebenda. 76) K. Marx: Das Kapital, Bd. I, a.a.O. , S. 27. 77) F. Engels: Anti-Dühring, a.a.O., S. 115. 78) Geiss, a.a.O., S. 7. 79) Ebenda, S. 18. 80) Ebenda, S. 19 f. 81) Ebenda, S. 7, 21. 82) Ebenda, S. 6. 83) Ebenda. 84) Marx/Engels: "Die deutsche Ideologie", a.a.O., S. 28. Dort auch das von Geiss nicht nachgewiesene Zitat. Mit den "voraussetzungslosen Deutschen" sind die Junghegelianer gemeint; vgl. ebenda, S. 17 ff. 85) Geiss, a.a.O., S. 6 f. Das Marx/Engels-Zitat findet sich in: MEW, Bd. 3, S. 73 f. 86) Geiss, a.a.O., S. 7. 87) Ebenda. S. 9. 88) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 10: "Das Manuskript... war längst an seinem Ver- lagsort in Westphalen angelangt, als wir die Nachricht erhielten, daß veränderte Umstände den Druck nicht erlaubten." 89) Vgl. z.B. F. Engels: "Ludwig Feuerbach...", a.a.O., S. 264. 90) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 10 (Hervorhebung vom mir, W.A.). 91) Vgl. Anm. 89. 92) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 9. 93) Ders.: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 891. Die im Original befindliche Anmerkung 57 wurde ausgelassen, da sie für diesen Zu- sammenhang irrelevant erscheint. 94) Ders.: Das Kapital, Bd. I, a.a.O., S. 373. Die im Original befindliche Anmerkung 52, in der Marx zur Unterstützung seiner Auffassung Zitate von James Mill und Th. Hodgskin anführt, wurde ausgelassen. Die am Ende des Zitates im Original befindliche An- merkung 53 wurde ebenfalls ausgelassen. In ihr erläutert Marx seine Ansicht an einem Beispiel aus Indien. 95) Ders.: Grundrisse . . . , a.a.O., S, 500. 96) Ders.: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 890 f. 97) Geiss, a.a.O., S. 12, Anmerkung 28. 98) Ebenda, S. 13. 99) Ebenda, S. 7. 100) Ebenda, S. 9. 101) Ebenda, S. 5. 102) Ebenda, S. 19: "Abgekürzt (sic!) ließe sich daher die jüng- ste Gesellschaftsformation als industriell-republikanisch-demo- kratisch bezeichnen, jedoch mit zwei Varianten (sic!), einer äl- teren (bürgerlich-kapitalistischen) und einer jüngeren (proletarisch-sozialistischen)". 103) F. Engels: "Anti-Dühring", a.a.O., S. 115. 104) Ebenda, S. 23. 105) Ders.: "Ludwig Feuerbach...", a.a.O., S. 267. 106) Ders.: "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums...", a.a.O., S. 25. 107) Ebenda, S. 27. 108) Ebenda: "Es war kein Geringerer als Karl Marx, der sich vor- behalten hatte, die Resultate der Morganschen Forschungen im Zu- sammenhang mit den Ergebnissen seiner - ich darf innerhalb gewis- ser Grenzen sagen unserer - materialistischen Geschichtsuntersu- chung darzustellen und dadurch erst ihre ganze Bedeutung klarzu- machen." 109) Zum großen "Dreischritt" der menschlichen Geschichte siehe vorliegende Arbeit: "Der marxistische Fortschrittsbegriff". Als Belege bei den Klassikern z.B. MEW, Bd. 20, S. 261-264;MEW, Bd. 21, S. 168, 172 f. 110) K. Marx: Das Kapital, Bd. I, a.a.O., S. 231. 111) Ders.: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 799; siehe hierzu auch das vorher nachgewiesene Zitat. 112) F. Engels: "Anti-Dühring", a.a.O., S. 261. (Hervorhebung von mir, W.A.) Vgl. außerdem: ders.: "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums...", a.a.O., S. 170; K. Marx: Das Kapital, Bd. I, a.a.O., S. 354, Anmerkung 24 und S. 562; ders.: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 186 f., 827, 839; ders.: Theorien über den Mehr- wert, 2. Teil, a.a.O., S. 148; 3. Teil, a.a.O., S. 391. Zumindest die beiden erstgenannten Schriften erwähnt auch Geiss mehrfach... 113) Geiss, a.a.O., S. 9. 114) Vgl. K. Marx: Das Kapital, Bd. I, a.a.O., S. 217, Anmerkung 17. 115) Ders.: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 798. 116) Auch hier bleibt Geiss den Erscheinungen verhaftet: siehe Geiss, a.a.O., S. 18. 117) Ebenda, S. 20. 118) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 9. 119) Ebenda, S. 21; vgl. auch MEW, Bd. 19, S. 317 und MEW, Bd. 22, S. 421. 120) K. Marx: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 798. 121) Ebenda, S. 338. 122) Ders.: "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 21, Anmerkung 1. 123) K. Marx: Entwürfe einer Antwort auf den Brief von V. I. Sas- sulitsch, MEW, Bd. 19, S. 402. 124) Ebenda, S. 403 f. 125) Ebenda, S. 404. 126) Ebenda. 127) F. Engels: "Fränkische Zeit", MEW, Bd. 19, S. 475. 128) Ebenda. 129) Ebenda, Vgl. zur unterschiedlichen Entwicklung auch ders.: "Anti-Dühring", a.a.O., S. 166-169. 130) F. Engels: "Anti-Dühring", a.a.O., S. 168. 131) Geiss, a.a.O., S. 6. 132) Geiss, a.a.O., S. 6. 133) Ebenda. 134) Marx/Engels: "Die deutsche Ideologie", a.a.O., S. 31. 135) K. Marx: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 260. 136) Ebenda, S. 345. 137) "Unsere Zeit", Neuss, 6. Jahrgang, Nr. 39 von 27.9.74 brachte eine Bericht der französischen Nachrichtenagentur AFP, in dem von einem - erneuten! - Massaker an Indianern in Kolumbien die Rede ist. "Danach sind 25 Frauen, Männer und Kinder vom Stamm der 'Macu' durch Latifundienbesitzer auf einer Hacienda im Osten Kolumbiens erschossen worden. ... Die Täter hatten zu ihrer Ver- teidigung ausgesagt: 'Die Tötung von Indianern wird in dieser Ge- gend seit langem als Sport betrieben, da diese nicht als men- schliche Wesen angesehen werden. Durch die Ermordung der Indianer wird Land herrenlos, das sich die Grundbesitzer aneignen." 138) Geiss, a.a.O., S. 19. 139) Marx/Engels: "Manifest der Kommunistischen Partei", MEW, Bd. 4, S. 465. 140) K. Marx: Das Kapital, Bd. I, a.a.O., S. 510 f. 141) W.I. Lenin: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Ka- pitalismus", Lenin Werke, Berlin/DDR 1972, Bd. 22, besonders S. 204-206. 142) Siehe z.B. F. Engels: "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft", MEW, Bd. 19, S. 220-223; K. Marx: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 452-457. A.a.O. dürfte Geiss auch Aufklärung über den Zusammenhang erhalten, der "privates Ei- gentum a n" den und "private Verfügung ü b e r die Kapita- lien" (Geiss, l.c., S. 18) verbindet. Dort kann der unbefangene Leser auch feststellen, daß Marx und Engels "die revolutionieren- den Konsequenzen der Industrialisierung" (Geiss, a.a.O., S. 5) weit besser v e r s t a n d e n als Geiss heute ahnt. 143) F. Engels an Otto Boenigk, 21. August 1890, MEW, Bd. 37, S. 447. 144) F. Engels an Conrad Schmidt, 5. August 1890, a.a.O., S. 436. 145) Ebenda. 146) K. Marx: Vorwort "Zur Kritik der Politischen Ökonomie", a.a.O., S. 9: "Mit dieser Gesellschaftsformation (der kapitali- stischen, W.A.) schließt daher die Vorgeschichte der menschli- chen-Gesellschaft ab." zurück