Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976
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Diskussion & Kritik
Philosophie und Politik bei Althusser - Kritische Beiträge (1)
H.-J. Rheinberger
PHILOSOPHIE UND SPONTANE PHILOSOPHIE DER WISSENSCHAFTLER *)
Zu Althussers Verhältnisbestimmung
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von Philosophie und Wissenschaften
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"Ich sagte damals: die wesentliche Frage ist die nach der marxi-
stischen P h i l o s o p h i e. Das glaube ich noch immer."
(Elemente der Selbstkritik, S. 95)
I
Im Herbst 1967 - zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Lire le
Capital - hielt Althusser an der Ecole Normale Supérieure vor
Wissenschaftlern aller Fachrichtungen 1) eine Reihe von Kursen
über Philosophie et Philosophie spontanée des savants, in denen
er versuchte, sein Philosophie-Verständnis entsprechend den
selbstkritischen Bemerkungen im Vorwort zur 2. Ausgabe von Lire
le Capital zu reformulieren. Er veröffentlichte die Vorlesungen
1974 als Zeugnis der Einleitung einer "Wende (tournant) in unse-
ren Untersuchungen über die Philosophie im allgemeinen und die
marxistische Philosophie im besonderen" /8/. Die Kurse beginnen
mit der These, daß "die philosophischen Sätze... Thesen (sind)"
/13/. Konfrontiert man diesen Satz mitsamt seinen theoretischen
Konsequenzen - eine philosophische These ist keine wissenschaft-
liche Aussage! - mit den früheren Bemühungen um die Explikation
marxistischer Philosophie in der Absicht einer wissenschaftlichen
Theorie des Produktionsprozesses von Erkenntnissen, einer
"Theorie der theoretischen Praxis", so scheint sich hier tatsäch-
lich eine "Wende" in Althussers Verständnis von Philosophie anzu-
bahnen. Worin liegt sie? In I s t e s e i n f a c h, i n
d e r P h i l o s o p h i e M a r x i s t z u s e i n? **)
verteidigt Althusser jedoch die Kategorie der "theoretischen Pra-
xis", indem er i h r e p o l i t i s c h e F u n k t i o n im
Kampf gegen den "Pragmatismus" und den "Idealismus der reinen
Theorie" (SOPO 34/35, S. 10) auch und gerade i n n e r h a l b
der marxistischen Theorie hervorhebt. Was sich ändert, ist also
n i c h t Althussers Auffassung vom Erkenntnisprozeß, sondern
die F u n k t i o n s b e s t i m m u n g von (marxistischer)
Philosophie: Philosophieren heißt, auf der E b e n e d e r
T h e o r i e i n F o r m v o n T h e s e n P o s i t i o n
zu beziehen; Philosophie ist nicht allgemeine Theorie der Praxis,
sondern selbst eine Praxis, p o l i t i s c h e P r a x i s
i n d e r T h e o r i e. In der Konsequenz: "Philosophie ist
in letzter Instanz Klassenkampf in der Theorie" 2). Mit dem
"Philosophie-Kursus für (Natur-)Wissenschaftler" und der darin
durchgeführten "Berichtigung der Philosophie-Definition" hält
Althusser zunächst bloß zwei Tendenzen fest, die gegenwärtig zu-
nehmend auch das bürgerliche Selbstverständnis der "praktischen"
Philosophie und der sich ihrer gesellschaftlichen Bedingungen und
Aufgaben bewußt werdenden Naturwissenschaften kennzeichnen. Auf
seiten der Philosophen wird verstärkt der Ruf nach politischem
Einsatz laut: "Rückbesinnung auf die Aufgabe der Philosophen,
"die Grundlinien abzustecken" im "Streit der weltanschaulichen
Meinungen" 3). Auf seiten der Wissenschaftler zeichnet sich immer
mehr das Bedürfnis ab, entgegen positivistischem Brauch sich mit
"philosophischen Fragen" der Wissenschaften zu beschäftigen, ob-
wohl, wie einer ihrer Exponenten, Jacques Monod, konstatiert, es
"für einen Wissenschaftler... heute unvorsichtig (ist), das Wort
'Philosophie', und sei es 'Naturphilosophie', im Titel (oder auch
nur Untertitel) einer Arbeit zu verwenden. Damit kann er sicher
sein, daß die Wissenschaftler sie mit Mißtrauen, die Philosophen
bestenfalls mit Herablassung aufnehmen werden" 4). Monods An-
spruch, über "philosophische Fragen" der modernen Biologie zu
sprechen, steht diesem Urteil entgegen; aber er zollt ihm
zugleich seinen Tribut: "Selbstverständlich ist jeglicher Ver-
wechslung zwischen den Gedanken, die von der wissenschaftlichen
Erkenntnis n a h e g e l e g t werden, und der eigentlichen
Wissenschaft zu vermeiden" (ibid.). Der Wissenschaftler ist zwar
aufgefordert, seine philosophischen Ideen zu verteidigen: die
"ideologischen Verallgemeinerungen", "erkenntnistheoretischen
Deutungen", "Ausführungen ethischen oder politischen Charakters"
(ibid.), die ihm seine Wissenschaft nahelegt; er kann sie jedoch
in letzter Instanz w i s s e n s c h a f t l i c h nicht legi-
timieren.
Spricht Althusser also einfach Selbstverständlichkeiten aus, die
dann so da stehen "in Form von enormen und toten Evidenzen" (SOPO
34/35, S. 26), wie er warnend dogmatische Erscheinungen in der
marxistischen Philosophie charakterisiert? Wenn, was Althusser
sagt, für Philosophie generell gilt, was spezifiziert dann marxi-
stische Philosophie? Und ist in der These von der Philosophie als
der Politik in der Theorie nicht letztlich eine Tendenz am Werk,
die dem "Theoretizismus" der Kategorie der theoretischen Praxis,
in der das Verhältnis von Theorie u n d Praxis zu verschwinden
droht, einen "Politizismus" entgegensetzt, der das V e r-
h ä l t n i s von Philosophie und Wissenschaften auf eine -
immer theoretisch begriffene - Wissenschaftspolitik reduziert?
Läuft Althussers These tatsächlich auf einen Macchiavellismus 5)
in der Theorie hinaus, der seine Rechtfertigung allein aus der
"Logik eines sozialen Kampfprozesses" (SOPO 34/35, S. 11) zieht,
die immer das Risiko in sich trägt, daß man "ins Abseits getra-
gen" (ibid., S. 12) wird? Um hierin klarer zu sehen, ist es ange-
bracht, mit Althusser seinen eigenen "Umweg" zu machen; denn
seine Bestimmung der Philosophie im allgemeinen: Klassenkampf in
der Theorie; und der marxistischen Philosophie im besonderen:
Einnahme eines proletarischen Standpunktes darin präsentiert sich
als das Resultat einer theoretischen Bemühung, das Verhältnis der
Philosophie (damit der Arbeit eines Philosophen) zu den Wissen-
schaften (damit der Arbeit der Wissenschaftler) zu bestimmen.
Philosophie et Philosophie spontanée des savants .ist hierzu der
erste Markstein.
II
Was ist die spezifische Differenz der Philosophie zu den Wissen-
schaften? Althusser beginnt mit einem Zirkel: "Die philosophi-
schen Sätze sind Thesen." "Dieser Satz ist selbst eine philoso-
phische These" /13/. Die philosophische Praxis besteht darin,
Thesen hervorzubringen, indem sie "eingreift" in eine
"theoretische Realität", die aus den Wissenschaften, den theore-
tischen Ideologien (Repräsentationen der praktischen Ideologien
in der Theorie) und der Philosophie selbst besteht. Der
"Eingriff" zielt auf "Berichtigung": das Verhältnis der Philoso-
phie zur Theorie, in die sie eingreift, ist ein p r a k t i-
s c h e s Verhältnis. Ihr V e r h ä l t n i s zu ihrem Ein-
satz, dem, womit und worin sie umgeht, die "theoretische
Realität", muß demnach in Kategorien der Praxis gedacht werden:
ihre Thesen sind "richtig" oder "nicht richtig", "angemessen"
oder "nicht angemessen". Das ist die zweite These /14/.
"Richtigkeit" ist dabei nicht als eine vorgängig existierende An-
gemessenheit zu sehen, sondern selbst immer erst Resultat der
spezifisch philosophischen Arbeit: des Prozesses der "Richtig-
stellung" und der "Linienziehung" auf dem Feld der Theorie.
Thesen sind nicht gleichzusetzen mit Aussagen. Der Formulierung
von Thesen entspricht ihrem Einsatz gemäß das Beziehen von
Standpunkten in einem theoretischen Kräfteverhältnis. Standpunkte
werden immer gegen schon existierende andere Standpunkte bezogen,
denen sie ihre Position streitig machen: Position in der Opposi-
tion. In dieser Charakteristik der Philosophie ist die Differenz-
bestimmung zur Wissenschaft schon angelegt: sie stellt keine The-
sen auf, sondern formuliert Aussagen, die sich erkenntnismäßig
auf ihren Gegenstand beziehen und als Erkenntnis über diesen Ge-
genstand "wahr" oder "falsch" sein können. Das Verhältnis einer
Wissenschaft zu ihrem Gegenstand, über den sie aussagt, ist ein
t h e o r e t i s c h e s Verhältnis. Während eine Wissenschaft
durch den E r k e n n t n i s fortschritt charakterisiert ist,
den sie über ihren G e g e n s t a n d erzielt und dieser Er-
kenntnis f o r t s c h r i t t als ihre G e s c h i c h t e
gilt, gibt es in der Philosophie nur V e r s c h i e b u n g e n
eines existierenden Kräfteverhältnisses in der Theorie, das sei-
nerseits ein soziales Kräfteverhältnis, ein Klassenverhältnis re-
präsentiert. Althusser beschreibt die philosophische Praxis in
Termini der politischen Praxis, bewußt: Philosophie i s t Poli-
tik in der Theorie, wenngleich "die Philosophie nicht
k u r z w e g Politik ist" /61/. Diese Einschränkung ausführen
heißt die Besonderheit der Philosophie näher bestimmen: "1. Man
muß die Tatsache ernst nehmen, daß die Philosophie t h e o r e-
t i s c h e Sätze formuliert (die Philosophie ist 'Bestandteil'
der 'Theorie') und daß sie in die 'Theorie' eingreift, das heißt
in die Wissenschaften, in die Philosophie und in die
theoretischen Ideologien: was sie von allen anderen Praktiken
unterscheidet, eingeschlossen die politische Praxis." Und: "2.
... Alle Demarkationslinien, die die Philosophie zieht, lassen
sich auf Modalitäten einer Grundlinie: zwischen dem Wissen-
schaftlichen und dem Ideologischen zurückführen" /61/, Also: Es
ist Aufgabe und Resultat des Eingriffs der Philosophie in die
Theorie, Wissenschaftliches von Ideologischem zu trennen. Althus-
ser faßt zusammen: Die Philosophie "agiert a u ß e r h a l b
i h r e r s e l b s t mit dem Resultat, i n n e r h a l b
i h r e r s e l b s t zu produzieren" /64/, nämlich: "philoso-
phische Kategorien". Unter den die Philosophie d e t e r m i-
n i e r e n d e n Verhältnis zur Politik (Politik in der Theo-
rie) konstituiert sich das sie a l s P h i l o s o p h i e
s p e z i f i z i e r e n d e Verhältnis zu den Wissenschaften:
sich gegenüber dem Wissenschaftlichen als ihrem eigentlichen
Einsatz "dienend" oder "ausbeutend" zu verhalten, unterscheidet
sie von den theoretischen Formen beispielsweise der Literatur,
der Moral, der Religion und anderen "theoretischen Ideologien".
III
Wir haben uns bis jetzt - mit Althusser - dem Verhältnis von Phi-
losophie und Wissenschaften von der Position der Philosophie her
genähert. Wir haben uns dabei eingelassen auf das, was Althusser
einen "Zirkel der pädagogischen Darstellung" nennt und den er wie
folgt beschreibt: "Um eine Vorstellung von einer Frage zu vermit-
teln, muß man nun einmal einen Anfang machen, also zunächst
scheinbar willkürliche Definitionen geben, die erst später bewie-
sen oder gerechtfertigt werden" /13/. Wir stellen uns nun - wie-
derum mit Althusser - die Frage von der Position der Wissenschaf-
ten: "Wie erscheint das Verhältnis der Philosophie zu den Wissen-
schaften von selten der Wissenschaften, genauer: von selten der
wissenschaftlichen Praxis?" /67/. Vorweg bleibt festzuhalten, daß
der erste Zugang "von selten der philosophischen Praxis", die
sich wesentlich von ihrem politischen "Einsatz" her denkt, zumin-
dest zwei Konzeptionen von vornherein ausschließt: Da das beson-
dere Verhältnis der Philosophie zu den Wissenschaften gerade
n i c h t darin besteht, daß jene diese zu ihrem G e g e n-
s t a n d hätte, ist Philosophie nicht "Wissenschaftswissen-
schaft". Da sie nicht einfach in nachträglicher Reflexion
wissenschaftliche Revolutionen "verarbeitet", ist sie auch nicht
bloße historische Methodologie der Wissenschaften. Zurück zu den
Wissenschaftlern. Althusser stellt als eine "empirische Tatsache"
fest, daß die Spezialisten der Wissenschaften in ihrer
wissenschaftlichen Praxis "spontan" die Existenz der Philosophie
und ihr besonderes Verhältnis zu den Wissenschaften anerkennen
67/. Sie existieren nie als reine wissenschaftliche Erkenntnis-
produzenten im theoretischen Raum, sondern denken ihre eigene
wissenschaftliche Praxis immer schon in einer "spontanen
Philosophie" - und sei es deren Negation 6), was, um mit Kühn zu
sprechen, den Zustand der "normalen Wissenschaft" charakteri-
siert. Herausgefordert und ihren Trägern partiell bewußt wird
diese "empirische Tatsache" zumeist in Zeiten wissenschaftlicher
"Krisen". Der Begriff selbst ist geprägt von der Form dieser Be-
wußtwerdung: Anzeiger für den Versuch, mit Schwierigkeiten, die
die Entwicklung der Wissenschaften begleiten, "mit anderen Mit-
teln" fertig zu werden. Die von Lenin i n M a t e r i a-
l i s m u s u n d E m p i r i o k r i t i z i s m u s analy-
sierte "wissenschaftliche Philosophie der Wissenschaft, von
Wissenschaftlern gemacht", wie Althusser es polemisch ausdrückt
/72/73/, zeigt sinnfällig jene historische Allianz einer sich im
Umbruch befindenden Physik mit der Tradition des philosophischen
Idealismus, die die beteiligten Naturwissenschaftler ebenso in
eine Sackgasse führen wird, wie sie andererseits den Philosophen
erlaubt, sich an der "Krise" der Naturwissenschaften zu berei-
chern. Das Beispiel gibt jedoch nur die halbe Wahrheit über die
"spontane Philosophie der Wissenschaftler". Denn diese spontane
Philosophie ist so wenig monolithisch wie die "Philosophie der
Philosophen":
"Wenn man den Gehalt der spontanen Philosophie der Wissenschaft-
ler analysiert, so stellt man folgende Tatsache fest (wir bewegen
uns immer noch auf der Ebene einer empirischen Analyse): der Ge-
halt der spontanen Philosophie der Wissenschaftler ist w i-
d e r s p r ü c h l i c h. Dieser Widerspruch existiert zwischen
zwei E l e m e n t e n, die man wie folgt unterscheiden und
identifizieren kann: A. Ein 'inner-wissenschaftliches' Element
internen Ursprungs... B. Ein 'außer-wissenschaftliches' Element
externen Ursprungs..." /100/101/
In der großen Mehrheit der Fälle, fährt Althusser fort, ist das
"(materialistische) Element 1 ... v o m E l e m e n t 2 b e-
h e r r s c h t. Diese Situation reproduziert i n n e r h a l b
d e r s p o n t a n e n P h i l o s o p h i e d e r W i s-
s e n s c h a f t l e r das philosophische Kräfteverhältnis, das
in der Welt existiert, in der die Wissenschaftler leben, und das
wir kennen: zwischen dem Materialismus und dem Idealismus, sowie
der Herrschaft des Idealismus über den Materialismus" /102/.
Unter diesen Bedingungen ist es schwer wenn nicht unmöglich für
die Wissenschaftler - wie das historische Beispiel zeigt -, das
Herrschaftsverhältnis kraft interner kritischer Anstrengung umzu-
kehren. Es bedarf dazu der Hilfe "von außen", die jedoch prinzi-
piell nur gleicher Natur sein kann wie die Kräfte, die sich ge-
genüberstehen: p h i l o s o p h i s c h e r Natur also. Dem
materialistischen Element zum Sieg zu verhelfen ist Aufgabe einer
m a t e r i a l i s t i s c h e n P h i l o s o p h i e, die
beansprucht, den Wissenschaften zu d i e n e n, statt sie, wie
die idealistischen Formen der Philosophie, a u s z u b e u-
t e n. Was das bedeutet, kann die Geschichte der Wissenschaften
des 18. Jahrhunderts verdeutlichen, wo der emphatische philoso-
phische Materialismus eines La Mettrie, Diderot, d'Holbach an der
materialistischen Komponente des philosophischen Umfelds der in
Entstehung begriffenen Naturwissenschaften ansetzte, um ihnen
g e g e n scholastisches Räsonnement und klerikalen Obskuran-
tismus zum Durchbruch zu verhelfen. Daß er als m e c h a n i-
s c h e r M a t e r i a l i s m u s unter historisch entwickel-
teren Kampfbedingungen - sowohl was die sozialen Kämpfe als auch
was die Wissenschaften selbst angeht - in sein Gegenteil
umschlagen konnte, zeigt nur, daß sich die "Bedingungen für ein
... Bündnis ziwschen den Wissenschaftlern und einer mate-
rialistischen Philosophie ..., die die wissenschaftliche Praxis
respektiert und ihr dient" /111/, ständig ändern und daher stän-
dig neu analysiert werden müssen. Das B ü n d n i s b l e i b t
e i n e s t ä n d i g e K a m p f a u f g a b e.
Wie dieses Bündnis verfehlt werden kann, illustriert die Repro-
duktion ü b e r h o l t e r oder f e s t g e s c h r i e b e-
n e r Formen von Materialismus 7) in der spontanen Wissen-
schaftler-Philosophie, für das der cartesianische Rationalismus
der amerikanischen Linguistik der sechziger Jahre ebenso stehen
mag wie der "proletarische Materialismus" der Lyssenko-Biologie
in der Sowjetunion der vierziger und fünfziger Jahre 8). Es sind
sicher nicht zuletzt historische Erfahrungen wie diese, die
Althusser zur Formulierung d e r B e d i n g u n g e n des
Bündnisses zwischen materialistischer Philosophie und (Natur-)
Wissenschaften veranlassen: niemals darf die Philosophie in die
Wissenschaften und ihre u n m i t t e l b a r e P r a x i s
s e l b s t eingreifen; ihr "Kampfplatz" ist die "spontane
Philosophie der Wissenschaftler", Der "Dienst" materialistischer
Philosophie an den Wissenschaften kann aber auch hier nicht darin
bestehen, daß sie eine Gesamtheit von Sätzen sozusagen zur
"Übernahme" anbietet, sich als Instanz, die es immer schon gewußt
hat, gewissermaßen akkreditieren läßt. Was sie anzubieten hat,
ist ein K a m p f b ü n d n i s zur Stärkung des materiali-
stischen Elements in der "spontanen Philosophie der Wissen-
schaftler" in dem Bewußtsein, daß dieses Kampfbündnis ihre
eigenen Entwicklungsbedingungen als dialektischer Materialismus
überhaupt erst herstellt.
"Gewiß, wir können eine bestimmte Zahl von Grund-Thesen aufstel-
len, die ein Gerüst von Kategorien zu konstituieren beginnen: und
diese Thesen sind bewährt im Kampf gegen die idealistischen The-
sen. Aber sie konstituieren kein 'System', wie in den idealisti-
schen Philosophien: kein System einer totalen und geschlossenen
Wahrheit. Wenn die materialistisch-dialektische Philosophie in
Kenntnis der Sache eine Kampfkraft in der Theorie ist, so muß sie
auf der Basis eines Minimums gesicherter Prinzipien, die ihre Po-
sition garantieren, beweglich genug sein, um sich dahin zu bege-
ben, wohin der Kampf sie ruft, und sich zu formen, das heißt sich
zu konstituieren im Kampf selbst" /115/.
IV
Es gibt, wie Althusser zu Recht bemerkt, kein "unschuldige" Lek-
türe. Kommen wir also nach diesem Versuch einer Darstellung der
Althusserschen Konzeption auf die eingangs gestellten Fragen zu-
rück. Es bleibt festzuhalten, was wir Althusser schulden und was
er selbst uns schuldig bleibt. Es geht nicht um Einzelheiten der
Formulierung, die, wie er selbst konstatiert, noch
s c h e m a t i s c h" sind und eine "lange Arbeit erfordern, um
sie zu präzisieren und zu vervollständigen" /8/. Es geht um die
Fundierung der Konzeption des Verhältnisses von marxistischer
Philosophie und Wissenschaften, "deren Spur man in späteren Ar-
beiten finden wird" /8/. Der Versuch Althussers, die eigentümli-
che Dimension von Philosophie von ihrer P r a x i s als
"Politik in der Theorie" her zu denken, ist nur richtig einzu-
schätzen a l s P o s i t i o n g e g e n ü b e r einer "Ver-
wissenschaftlichung" der Philosophie, die ihre Metaphysizierung
paradoxerweise dadurch befördert, daß sie faktisch ein Exi-
stenzrecht a l s Einzelwissenschaft beansprucht, diesen An-
spruch aber niemals einzulösen in der Lage ist, anstatt sich i n
und g e g e n ü b e r den Wissenschaften fördernd zu betätigen
und bestätigen (Engels). Er gibt in dem Augenblick jedoch die
Waffen aus der Hand, wo er darauf verzichtet, die materialisti-
sche Dialektik in ihrem besonderen, kritischen und revolutionären
Charakter (Marx) w i s s e n s c h a f t l i c h z u b e-
g r ü n d e n. Was Althusser zu Beginn seiner Ausführungen den
"Zirkel der pädagogischen Darstellung" nennt, spiegelt im Grunde
genommen das Dilemma seiner Position. Er trickst sich selber aus,
indem er die "Offenheit" seiner Philosophie-Konzeption - "The-
sen", "kein 'System' einer totalen und geschlossenen Wahrheit" -
in einen "pädagogischen" Zirkel einschließt, der im besten
Althusserschen Sinne i d e o l o g i s c h ist: er konstituiert
ein Wiedererkennungssystem. Der dem dialektischen Materialismus
abverlangte "Dienst" an den Wissenschaften reduziert sich in der
Konsequenz zu einem Nichts: "... dieser Eingriff ist nichts
anderes als jenes philosophische Nichts, dessen Insistenz wir
vermerkt haben, denn: eine Grenzlinie ist tatsächlich nichts, ist
nicht einmal eine Linie, nicht einmal ein Strich, sondern die
bloße Tatsache des Sich-Abgrenzens, also die Leere einer Distan-
zierung" 9). Aus der "Leere einer Distanzierung" wird es schwer
(oder auch leicht), Bündnisse zu schließen in der Theorie. Die
Hilflosigkeit der "reinen" Philosophie ist das Problem. Die Be-
mühung, die s p e z i f i s c h e D i f f e r e n z der Philo-
sophie zu den Wissenschaften herauszuarbeiten, resultiert in ei-
ner Art anwesender Abwesenheit der Philosophie gegenüber den Wis-
senschaften. Gewiß, Althusser hat recht: nicht die Philosophen
machen die Geschichte, sondern "die Massen"; und nicht die Philo-
sophen bringen schließlich den Erkenntnisfortschritt hervor, son-
dern "die Masse der Wissenschaftler". Unbestritten ist auch, daß
eine philosophische Rede, die eingreift, indem sie sich entzieht,
"Politik in der Theorie" ist. Aber es ist eine Politik reduziert
auf Taktik: Macchiavellismus. Vielleicht hat Althusser recht?
Seine Rede könnte als Plädoyer für die Aufgabe des Anspruchs der
Philosophie (den Dialektischen Materialismus mit eingeschlossen)
auf Wissenschaftlichkeit aufgefaßt werden; der Terminus Wissen-
schaftliche Philosophie' enthielte eine contradictio in adiecto,
und es bliebe schließlich nur die Konsequenz, sie entweder in den
Reigen der Ideologien - wenn auch durch ihr besonderes Verhältnis
zu den Wissenschaften ausgezeichnete - einzureihen oder auf ihre
endgültige Aufhebung durch die Wissenschaften hinzuarbeiten. Alt-
husser zieht diese Konsequenz nicht, sondern hält am Anspruch ei-
nes D i a l e k t i s c h e n M a t e r i a l i s m u s fest,
der auf der Basis eines "Minimums u n g e s i c h e r t e n
Prinzipien" /115/ den Wissenschaften d i e n t. Die Frage ist
aber: Wo kommen sie her, wie weisen sie sich aus? Wäre die Ant-
wort nur:
Wir sind die Politik in der Theorie, Versuchs mit uns - ein Wis-
senschaftler würde sich dafür bedanken. Wenn sich jedoch Philoso-
phie als eine F o r t s e t z u n g der Wissenschaft auf einer
a n d e r e n t h e o r e t i s c h e n E b e n e begreifen
ließe? P h i l o s o p h i s c h e K a t e g o r i e n müßten
sich a u s w i s s e n s c h a f t l i c h e n E r k e n n t-
n i s s e n gewinnen lassen. So wichtig es ist, nicht die
Grenzen zu verwischen: aber was können die Wissenschaften
(Wissenschaftler) von einer Philosophie (Philosophen) erwarten,
die ihnen ihre Dienste anbietet, ohne nachzuweisen, woher sie das
Z e u g dazu nimmt? Soll marxistische Philosophie nicht dabei
stehenbleiben, im Namen von Materialismus und Dialektik
Wissenschaftliches von Ideologischem zu befreien, und damit letz-
ten Endes auf den Positionen bloßer Ideologiekritik stehenblei-
ben, soll ihr "Dienst" nicht nur darin bestehen, die Wissenschaf-
ten vor den Anfeindungen der Ideologie zu "beschützen", sondern
sie auch in ihrer realen Entwicklung zu befördern, so muß gerade
dort e i n g e s e t z t werden, wo Althusser a u f h ö r t:
auf der Ebene der Spezifik des Verhältnisses dialektisch-materia-
listischer Philosophie hinsichtlich ihres E r k e n n t n i s-
g e h a l t s. Es geht um den Nachweis des w i s s e n-
s c h a f t l i c h e n F u n d a m e n t s des von Althusser
emphatisch angetragenen Bündnisses: "Hat man den Wissenschaftlern
jemals eine derartige Allianz angeboten? Sie ist sehr wohl
besonderer Art: denn sie respektiert die Wissenschaften in ihrem
Bereich; denn sie ruft die Philosophie nur zur Hilfe, um in die
Philosophie einzugreifen, die die Wissenschaften ausbeutet; denn
anstatt ein Wunder zu versprechen, kündigt sie einen Kampf in
Kenntnis der Sache an, einen Kampf ohne Ende; denn anstelle des
Eingriffes einer ganz und gar fertigen Philosophie gibt sie zur
Kenntnis, daß die Philosophie in ihrem Eingriff sich erst macht.
Haben Sie jemals von einer Philosophie sprechen hören, die unter
solchen Vorsichtsmaßnahmen ihre Dienste anbietet?" /115/.
In dieser ganzen - historisch gerechtfertigten! - Bescheidenheit
(Kehrseite des Macchiavellismus!) kann aber der Dialektische Ma-
terialismus bei den Wissenschaften nur w i r k s a m werden,
wenn er sich als von ihnen selbst b e w i r k t ausweist. Das
Problem - wir sagen bewußt P r o b l e m, denn es nützt nichts,
Klarheiten v o r z u t ä u s c h e n - resümiert sich in der
Frage, w a s e i n e p h i l o s o p h i s c h e V e r a l l-
g e m e i n e r u n g wissenschaftlicher Erkenntnisse sei, das
heißt w i e sie theoretisch zustande kommt. "Das ganze Pro-
blem", schreibt Olivier Schwartz in einem Kommentar 10) zu d e n
E l e m e n t s d' a u t o c r i t i q u e, "besteht darin, ob
- ja oder nein - diese Kategorien (die p h i l o s o p h i-
s c h e n K a t e g o r i e n, H.J. Rh.) a u f i h r e m
e i g e n e n A b s t r a k t i o n s n i v e a u d e r A u s-
a r b e i t u n g bedürfen, damit sie ihre praktische Funktion
unter den korrektest und strengst möglichen Bedingungen
wahrzunehmen in der Lage sind". Der theoretische Status dieser
Verallgemeinerungen wissenschaftlicher Erkenntnisse zu philoso-
phischen Kategorien und ihre wissenschaftliche Relevanz -
schwächstenfalls eine O r i e n t i e r u n g s f u n k t i o n
- enthält bezogen auf den Anspruch, "Marxist in der Philosophie
zu sein", sicher noch ein zu weiten Teilen uneingelöstes Pro-
gramm. Wenn es aber zutrifft, daß sich der materialistische und
dialektische Charakter philosophischer Kategorien dadurch be-
stimmt, daß sie in sich die "abstrakte Quintessenz" der wissen-
schaftlichen Erkenntnis versammeln, um als "Minimum gesicherter
Prinzipien" im theoretischen Kampf brauchbar zu sein, dann können
Materialismus und Dialektik sich nur parallel u n d i n
K e n n t n i s der Entwicklung der Wissenschaften entfalten.
Andererseits ließe sich aber auch ihr geschichtlich zweifellos
wirksamer antizipatorischer und spekulativer "Überschuß" als hi-
storisch notwendige transitorische Funktion begreifen. In dieser
Hinsicht ist Althusser "stumm und enttäuschend" 11). Die Stumm-
heit kommt nicht von ungefähr. Sie ist der Preis einer - wie man
vielleicht sagen kann - p o l i t i z i s t i s c h e n T e n-
d e n z 12) in Althussers neueren Versuchen, die "wesentliche
Frage ... nach der marxistischen Philosophie" zu beantworten.
Weiterzuarbeiten gilt es jedoch an den in ihnen sich
abzeichnenden E l e m e n t e n z u e i n e r h i s t o-
r i s c h - m a t e r i a l i s t i s c h e n T h e o r i e
d e r P h i l o s o p h i e. "Bei jeder philosophischen Posi-
tion muß man die T e n d e n z i n i h r e m W i d e r-
s p r u c h begreifen" 13): - das gilt nicht zuletzt für
Althusser selbst.
_____
*) Philosophie et Philosophie spontanée des savants (1967), Paris
1974. Im folgenden sind Zitate aus diesem Text durch Seitenanga-
ben in Querbalken gekennzeichnet.
**) In La Pensée, Nr. 183, Oktober 1975; deutsche Übersetzung von
P. Schöttler in SOPO 34/35, Mai 1976. Zitate aus diesem Text wer-
den im folgenden gekennzeichnet durch: SOPO 34/35, S. ...
1) "Man kennt den außerordentlichen Erfolg, den diese Einführung
unmittelbar gehabt hat. Aber die Abzüge waren schnell vergrif-
fen..." (P. Laberenne in La Pensée, 184 (1975), S. 105).
2) L. Althusser: Elemente der Selbstkritik, Übersetzung P.
Schöttler, Berlin (West), S. 96.
3) Werner Becker über den XI. Deutschen Kongreß für Philosophie
in Göttingen: "Die praktische Philosophie, soweit sie sich nicht
vom Marxismus hat auffressen lassen, befindet sich zur Zeit in
einem Dilemma: einerseits will man sich nicht mehr mit der logi-
schen Analyse des Redens über Normen begnügen, andererseits
scheut man sich aber, mit eigenen Normvorschlägen in die politi-
sche Arena hinabzusteigen. ...trotz angebrachter Selbstkritik
sollte nicht vergessen werden, daß es stets die Philosophen wa-
ren, die im Streit der weltanschaulichen, gesellschafts- und bil-
dungspolitischen Meinungen die Grundlinien absteckten" (F.A.Z.,
16.10.75).
4) J. Monod: Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der
modernen Biologie, München 1972, S. 5.
5) "Was mich betraf, der ich ein wenig von dem bereits erwähnten
Verhältnis zwischen Philosophie und Politik wußte, so erinnerte
ich mich an Macchiavelli, dessen selten ausgesprochene, aber im-
mer praktizierte methodische Regel lautete, daß man an die Ex-
treme denken müsse, worunter zu verstehen ist, daß man in einer
Position, in der man Thesen ausspricht, die an die Grenzen des
Verständlichen (theses-limites) stoßen, die Stelle des Unmögli-
chen einnehmen muß, um das Denken möglich zu machen." Althusser
vergewissert sich bei Lenin: "Wenn ein Stab in der falschen Rich-
tung gebogen ist, sagte Lenin, muß man, um ihn aufzurichten, d.h.
damit er wieder gerade wird und es bleibt, ihn zunächst in der
entgegengesetzten Richtung biegen, ihm also mit der Kraft des
Handgelenks eine dauerhafte Gegen-Biegung geben. Diese einfache
Formulierung scheint mir eine ganze Theorie von der Wirksamkeit
des Wahren zu enthalten, die tief in der marxistischen Theorie
verankert ist." (SOPO 34/35, S. 11).
6) "Die Naturforscher glauben sich von der Philosophie zu be-
freien, indem sie sie ignorieren oder über sie schimpfen... Die
Naturforscher mögen sich stellen, wie sie wollen, sie werden von
der Philosophie beherrscht. Es fragt sich nur, ob sie von einer
schlechten Modephilosophie beherrscht werden wollen oder von ei-
ner Form des theoretischen Denkens, die auf der Bekanntschaft mit
der Geschichte des Denkens und mit deren Errungenschaften beruht"
(F. Engels: Dialektik der Natur. Notizen und Fragmente, MEW Bd.
20, S. 480).
7) Vgl. Engels' Bemerkungen über die Veränderung der Form des mo-
dernen Materialismus im Zusammenhang mit bedeutenden wissen-
schaftlichen Entdeckungen in der Dialektik der Natur.
8) Vgl. etwa D. Lecourt: Lyssenko. Histoire réelle d'une "science
prolétarienne". Paris 1976.
9) L. Althusser: Lénine et la Philosophie, Paris 1972, S. 40.
10) La Nouvelle Critique, 79/80, Dez. 1974/Jan. 1975, S. 111.
11) La Nouvelle Critique, 79/80, S. 111.
12) Den politizistischen Deformationen der marxistischen Theorie,
die in die Reduktion der Kriterien wissenschaftlicher Exaktheit
auf Kriterien der politischen Richtigkeit münden können und vor
denen Michel Verret (Theorie et politique, Paris 1967) warnt,
sagt Althusser nach wie vor den Kampf an. Er scheint ihn aber auf
der Ebene der Philosophie mit genau jenen Waffen kämpfen zu wol-
len, denen er sich selbst ausgesetzt sah.
13) L. Althusser, Elemente der Selbstkritik, S. 89.
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