Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976

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PROJEKTGRUPPE AUTOMATION UND QUALIFIKATION: AUTOMATION IN DER BRD, PROBLEME DER PRODUKTIVKRAFTENTWICKLUNG (II), ARGUMENT-SONDERBAND (AS 7), 326 S. br., 15,50 DM

Die Projektgruppe Automation und Qualifikation beschreibt die vorgelegte Studie als Versuch, "durch Erforschung der inneren Ge- setzmäßigkeiten die Perspektiven (der Automation; d. Rez.) - so- weit im Kapitalismus möglich "auszumachen" /S. 11/, um in einer späteren empirischen Untersuchung über neu entstandene Tätigkei- ten durch automatisierte Arbeitsprozesse zu einer möglichst kor- rekten Einschätzung der entsprechenden Qualifikationsanforderun- gen zu gelangen. In der vorliegenden Studie arbeiten die Autoren mit einer Art "Indizienbeweis", um dem Leser die Tendenz zuneh- mender Automatisierung in allen ökonomischen Bereichen gesell- schaftlicher Produktion zu vermitteln. Dabei bedienen sie sich einer "Vielfalt von Quellen und Methoden"; man muß der Projekt- gruppe bescheinigen, daß sie in beachtlichem Umfang statistisches Material gesichtet und aufbereitet hat: die Fülle der vorgeführ- ten Tabellen und graphische. Darstellungen ist jedenfalls beein- druckend. Indessen stellt sich sogleich die Frage ein, ob die zentralen Aussagen der Studie sich nicht auch mit weniger ausge- wähltem Material hätten fundieren lassen. Das Buch ist in drei Teile gegliedert; im ersten Teil wird der für die gesamte Analyse grundlegende Begriff, der der Automation, entwickelt. Automation wird als Verfahren gefaßt, das die Be- schränktheit eines bestimmten Niveaus der Produktivkraft der Ar- beit zu überwinden gestattet und neue Möglichkeiten der Einspa- rung menschlicher Arbeit setzt. Diese Begriffsbildung ist hinrei- chend allgemein, um die vielfältigen Erscheinungsformen der Auto- mationstendenz zu umfassen; sie sollte aber andererseits nicht dadurch eingeschränkt werden, daß die Einsparung menschlicher Ar- beit interpretiert wird als Einsparung lebendiger Arbeit, wie dies gelegentlich im Buch getan wird (vgl. z.B. S. 119). Im zweiten Teil werden einige Indikatoren für den technischen Fortschritt vorgestellt und interpretiert. Zunächst wird die Ent- wicklung der Produktivität der Gesamtwirtschaft dokumentiert. Es werden einige gesamtwirtschaftliche Maßzahlen diskutiert - z.B. das reale Bruttoinlandsprodukt - und dann auch Meßziffern zur Produktivitätsentwicklung in einzelnen Wirtschaftszweigen, die insgesamt einen guten Einblick in die Entwicklung der Produk- tivität in der BRD ermöglichen. Aus der raschen Produktivitäts- entwicklung - etwa der kunststoffverarbeitenden Industrie - bei gleichzeitiger nur geringfügig sich ändernder Beschäftigtenzahl wird sodann auf die zunehmende Automatisierung der Produktion ge- schlossen, ein Schluß, der relativ vorsichtig formuliert wird und in dieser Form einwandfrei erscheint. Es ist allerdings fraglich, ob es sinnvoll war, die Entwicklung der Zusammensetzung des Kapi- tals so nachzuzeichnen, wie es die Projektgruppe hier unternommen hat (vgl. S. 61 ff.) Wenn statistische Kennziffern über die Ent- wicklung der organischen sowie der technischen Zusammensetzung des Kapitals in der BRD vorgelegt werden, ohne zuvor die quanti- tativen Zusammenhänge zwischen Werten und Produktionspreisen, Durchschnittspreisen und Marktpreisen zu reflektieren, dann liegt der Verdacht nahe, daß die suggerierte empirische Nachprüfbarkeit einiger zentraler Sätze der Marxschen Theorie zur Entwicklung des Kapitals auf unzureichender Kenntnis der doch intensiv geführten Diskussionen vor allem über das sogenannte Transformationsproblem beruht. Im Zusammenhang mit der Automatisierungstendenz in der BRD wirft die Projektgruppe die Frage nach der Entwicklung der Qualifikati- onsstruktur der Lohnabhängigen auf; sie formuliert die These, daß eine empirisch abgesicherte Tendenz zur Erhöhung des Qualifika- tionsniveaus zu verzeichnen ist (vgl. S. 124). Die Begründung dieser These kann allerdings nicht befriedigen. Zunächst muß bemerkt werden, daß die Verschiebung des Qualifikationsniveaus nach oben aus Tabellen geschlossen wird, aus denen die Aussage nicht ableitbar ist. Die Tabellen geben die Verteilung der Industriearbeiter auf Leistungsgruppen in, wobei in der Leistungsgruppe drei am ehesten unqualifizierte Arbeiter zu finden sind. Die prozentualen Angaben über den Anteil der Industriearbeiter für die Leistunsgruppe drei beziehen sich auf einen Zeitraum von 16 Jahren; während dieser Zeitspanne geht der relative Anteil der wenig qualifizierten Arbeiter um 2,2% zurück und das dürfte, wenn man allein Fehlerintervalle berücksichtigt, keine Aussage über die relative Abnahme der wenig qualifizierten Arbeiter ermöglichen /vgl. S. 87/. Auch bei Berücksichtigung der Zahlenangaben für ausgewählte Branchen verändert sich das Bild nicht. Im übrigen hat es die Projektgruppe bei der Formulierung der These vom Anstieg des Qualifikationsniveaus versäumt, die seit Mitte der sechziger Jahre unübersehbare, zunehmende Zahl ausländischer Arbeiter sowie deren durchschnittliches Qualifika- tionsniveau miteinzubeziehen. Das erscheint, wenn man eine Aussage über die Änderung des Qualifikationsniveaus der in der BRD Arbeitenden zu machen beabsichtigt, in keiner Weise gerecht- fertigt. Im dritten Abschnitt des Buches wird die Entwicklung und Ausbrei- tung der Automation behandelt. Instruktiv ist hier das 6. Kapitel über die Genese von Automation, weil der dort hervorgehobene Zu- sammenhang der Entwicklung neuer Produktionstechnologien, ja gan- zer neuer Wissenschaften und Kriegen im modernen Kapitalismus (insbesondere ist hier der 2. Weltkrieg zu betrachten) in der Li- teratur häufig vernachlässigt wird. Insgesamt ist der 3. Ab- schnitt allerdings weniger gut durchstrukturiert als die ersten beiden Abschnitte. Die Verwendung von wissenschaftlichen Begriffen, die teilweise überhaupt nur innerhalb der marxistischen Theorie sinnvoll defi- nierbar sind, erfolgt nicht Immer mit der wünschenswerten Genau- igkeit. Wenn zum Beispiel davon gesprochen wird /S. 17 und pas- sim/, daß eine Profitsteigerung durch Automation zugleich bedeu- tet, daß ein stets größerer Teil des Kapitalvorschusses in Ma- schinen investiert werden muß, dann kann diese wachsende Veraus- gabung nicht einfach durch das Wachsen der "organischen Zusammen- setzung des Kapitals" ausgedrückt werden. Dieser ausschließlich in der marxistischen Theorie benutzte Begriff spielt eine große Rolle für die Formulierung des allgemeinen Gesetzes der Kapital- akkumulation und für die Analyse der langfristigen Tendenz der Durchschnittsprofitrate einer gegebenen Volkswirtschaft. Mit der organischen Zusammensetzung als spezieller Wertzusammenfassung des Kapitals sollen Änderungen der technischen Zusammensetzung des Kapitals - gemessen in Werten - erfaßt werden. Daher muß vor- ausgesetzt werden, daß die Mehrwertrate und der Wert der Elemente des konstanten Kapitals konstant bleiben. Folglich ist die Formu- lierung, eine Profitsteigerung durch Automation sei erkauft durch ein Wachsen der organischen Zusammensetzung des Kapitals, genau genommen falsch. Mit großer Selbstverständlichkeit wird auch der Begriff der "Zentralisation des Kapitals" - der außerhalb der marxistischen Theorie ohne jeden Gehalt ist - verwandt, ohne den Begriff näher zu präzisieren. Schließlich, muß die Projektgruppe unbedingt den Wertbegriff zur Deutung von statistischen Maßzahlen herbeibemühen? Wenn man sich die Tabellen über die Produktion und "Wert" numerisch gesteuerter Werkzeugmaschinen ansieht /vgl. S. 39 f./, fällt auf, daß man sich selbst aussuchen kann, ob die an- gegebenen Preissummen aus Marktpreisen, aus Durchschnittspreisen oder gar aus bereinigten Preisgrößen berechnet wurden. In keinem Fall aber kann man, so wie die Projektgruppe es tut, die Preise mit Werten gleichsetzen, es sei denn, man bezeichnet, wie dies üblicherweise in der bürgerlichen Ökonomie getan wird, das Pro- dukt von Menge und Preis einer Ware als Wert. Resümierend kann festgehalten werden, daß die Projektgruppe ihren oben zitierten Anspruch nur teilweise einzulösen vermochte; trotzdem ist ein beachtenswerter Schritt in die richtige Richtung getan und man darf auf das Erscheinen der angekündigten nächsten Studie gespannt sein. Michael Krüger zurück