Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976

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W. SEGETH: ELEMENTARE LOGIK, VEB DEUTSCHER VERLAG DER WISSENSCHAFTEN BERLIN 1972

Segeth bezeichnet seine E l e m e n t a r e L o g i k als "eine Darstellung von Grundbegriffen der formalen Logik vom Standpunkt der dialektisch materialistischen Erkenntnistheorie aus" /S. X/. Es wird als Anliegen des Buches bezeichnet, "der Präzisierung des Denkens und des Sprechens zu dienen" (I.e.). Und wie üblich bei Einführungen in die formale Logik - als solche be- trachtet der Autor seine Arbeit - werden beim Leser "keinerlei fachliche Vorkenntnisse" vorausgesetzt. /S. XI/. Das erste Kapitel "Logik - Denken - Sprache" versucht u.a. eine Einordnung der formalen Logik in das System der Wissenschaften. Ihr Zusammenhang mit der marxistisch-leninistischen Philosophie als der ihr übergeordneten Disziplin ergibt sich aus der Bestim- mung von Philosophie als "Theorie der objektiven Dialektik". Als dialektischer Materialismus untersucht sie "die der objektiven und subjektiven Dialektik gemeinsamen Gesetze" /S. 3/. Aufgabe der Erkenntnistheorie ist die "Widerspiegelung der objektiven Dialektik durch die subjektive Dialektik" (l.c.). Die subjektive Dialektik, "insbesondere die Gesetzmäßigkeiten des Denkens" (l.c.) ist dann Gegenstand der Logik, der dialektischen und der formalen. Damit ist für Segeth "der Zusammenhang zwischen forma- ler Logik und marxistisch-leninistischer Philosophie kurz skiz- ziert" (l.c.). Es wird betont, daß die Gesetze der formalen Logik Gültigkeit für jedes menschliche Denken haben und daß dies "Ausdruck ihrer Be- dingheit durch die objektive Realität" /4/ sei. Nach H. Wessel (s. seinen Aufsatz "Eine dialogische Begründung logischer Ge- setze", in: H. Wessel (Hrsg.): Quantoren, Modalitäten, Parado- xien, Berlin 1972) wird damit eine "ontologische" Logikauffassung vertreten, nach der die logischen Gesetze Gültigkeit haben, "weil die uns umgebende Welt so beschaffen ist", wie sie behaupten. Da- mit soll nicht gesagt sein, "daß die logischen Gesetze unmittel- bare Widerspiegelungen von Gesetzen der objektiven Realität sind" /11/. Er schränkt also ein: "die formale Logik erfaßt nur einen bestimmten Aspekt des Denkens und abstrahiert von anderen, we- sentlichen Aspekten" /4/. Diesen Abstraktionsaspekt berücksichti- gend wird die formale Logik schließlich als die Wissenschaft "von den allgemeinen Strukturen des richtigen Denkens in seiner sprachlichen Existenzform" /7/, deren Regeln und Gesetze "für je- des menschliche Denken" /4/ Geltung haben sollen, definiert. Zu fragen ist hier, wieweit diese Definition mit dem Standpunkt der dialektisch materialistischen Erkenntnisauffassung verträg- lich ist. Was man hier wie überall in dem Buch vermißt, wenn von formaler Logik als Wissenschaft, ihrem Gegenstand, ihrer Bedeu- tung usw. die Rede ist, ist die historisch materialistische Re- konstruktion dieser Wissenschaft. So entsteht nämlich der Ein- druck, als gäbe es formale Logik als identischen zeitlosen Geset- zeskanon richtigen menschlichen Denkens an sich und als spiegel- ten sich in ihr unverstellt die Gesetze der subjektiven und damit der objektiven Dialektik. Unberücksichtigt erscheint, daß die formale Logik nur als historisches Produkt der Denkleistungen konkreter gesellschaftlicher Subjekte existiert, die sie unter dem Einfluß objektiver historischer Arbeitsbedingungen vollbracht haben und vollbringen. Die Abstraktion von der historisch-materi- ellen Bedingtheit der formalen Logik als Wissenschaft, aber ebenso ihres Gegenstandes, des "richtigen Denkens" der histori- schen Subjekte, schafft entsprechende Gefahren der Fehlbestimmung ihrer Einordnung und Gegenstandsbestimmung. So nimmt einen Segeths glattes Bekenntnis zum Extensionalitäts- charakter der formalen Logik /8/ etwas wunder, da die inzwischen unübersehbaren Ansätze zur Entwicklung intensionaler Logiken längst auch Theoretiker, die nicht vom Standpunkt dialektisch ma- terialistischer Erkenntnistheorie ausgehen, zu einem Neuüberden- ken der Form-Inhaltsproblematik in der Logik veranlaßt hat. Das Gleichsetzen von formaler mit extensionaler und Gegenübersetzen zu dialektischer als intensionaler Logik, deren Unausgearbeitet- heit man zugleich beklagt (G. Klaus), demonstriert daher eine ge- wisse Unsensibilität gegenüber den immanenten Widersprüchen der modernen Entwicklung der formalen Logik, die einen Marxisten ge- rade interessieren sollten. Sobald man nämlich - wie auch Segeth beansprucht - das Denken in seiner sprachlichen Existenzform als den Gegenstand der Logik konkret zu bestimmen unternimmt, zeigt die Unmöglichkeit von Vollständigkeitsbeweisen für ausdrucksrei- chere Sprachsysteme, daß die Extensionalitätsauffassung gegenüber dem erwähnten Anspruch zu kurz greift. So drängt sich die Annahme auf, daß kein System logischer Gesetze die wirklichen Bedingungen der Möglichkeit menschlichen Erkennens unter Abstraktion vom In- tensionalitätscharakter des Denkens beschreiben kann. Wo es scheint, daß Segeth dies selbst vertritt, indem er die Zuständig- keit der dialektischen Logik für den Intensionalbereich erklärt, tut er das ohne den Ansatz einer Vermittlung von Form- und In- haltsproblematik. So stehen sich dialektische und formale Logik als scheinbar zwei eigenständige Disziplinen komplementär gegen- über, ohne daß vom Gegenstand her ihre Aufgabenverteilung tatsächlich sinnvoll begründet ist. Dieser Mangel wird mit der Bemerkung entschuldigt, daß "noch keine befriedigende Darstellung der dialektischen Logik existiert und unter den marxistisch- leninistischen Philosophen über den Gegenstand der dialektischen Logik und ihr Verhältnis zu anderen philosophischen Disziplinen noch keine Einigung erzielt ist". /7/ G. Klaus, der in M o d e r n e L o g i k eine ähnliche Auffassung vertritt, ver- sucht wenigstens noch eine Erklärung des Zusammenhangs von forma- ler und dialektischer Logik durch eine Art Schichtenmodell. "Die Extensionalitätsthese der Logik", sagt er (1966, S. 128) "ist in Wirklichkeit gar keine These, sondern eine Grenzziehung. Das heißt, die Aussagenverbindungen sind nicht reduzierbar auf exten- sionale, also solche, deren Wahrheitswerte nur von den Wahrheits- werten der Einzelaussagen abhängt. Allerdings hat jede Aussagen- verbindung einen extensionalen Aspekt, und dieser gehört zum Ge- genstandsbereich der formalen Logik. Was sich nicht extensional erfassen läßt, der intensionale Aspekt also, ist Gegenstand der dialektischen Logik." Damit ist für ihn die formale Logik eine "notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung der dia- lektischen Logik" (l.c.). Das heißt aber wieder nichts anderes, als daß man formale Logik als eine Art Basislogik ohne Rückgriff auf intensionale Denkbestimmungen konsistent betreiben kann; daß Bereiche vorausgesetzt werden dürfen, in denen nicht dialektisch gedacht werden muß oder sogar kann. Die undialektische Vorgehensweise beim Versuch der Einordnung der formalen Logik in das System der marxistisch-leninistischen Phi- losophie zeigt ihre Konsequenzen in der Frage der Gegenstandsbe- stimmung der Logik. Die Logik als Wissenschaft von den Denkgeset- zen sei natürlich nicht mit der Psychologie als Wissenschaft vom Denken "in seiner konkreten Wechselbeziehung mit den anderen Sei- ten des menschlichen Bewußtseins", "vom Einfluß des Denkens auf das Gefühl und umgekehrt", vom Denken als "Willensakt" usw. /5/ zu verwechseln, wird gesagt. Der nicht-empirische Charakter logi- scher Gesetze wird betont. Diese Abgrenzungen sind Standards der bürgerlichen Logikauffassung seit Freges und Husserls Psycholo- gismuskritik. Sie hatten hier ihre historische Berechtigung und Notwendigkeit gegenüber empiristischen Konzeptionen von Erfah- rungserkenntnis. Vom Standpunkt der dialektisch materialistischen Erkenntnisauffassung, die mit einem gänzlich anderen Erfahrungs- begriff operiert, müssen sie fragwürdig werden. Mit der Herauslö- sung des Denkens aus seinem konkreten Erscheinungszusammenhang, mit der undialektischen Trennung von Denken und Erfahrung läuft die Gegenstandsbestimmung der Logik nämlich Gefahr, zirkulär zu werden. Dann wird die Logik zur Wissenschaft von der "logischen Widerspruchsfreiheit und Folgerichtigkeit" /5/. Was mit "logisch" gemeint ist, ist damit nicht erklärt. Auch nicht dann, wenn man die Logik als die Wissenschaft vom "richtigen " Denken bestimmt. Denn wenn es danach die Aufgabe der Logik ist, richtiges Denken von unrichtigem abzugrenzen, dann kann sie das nach Segeth nur unter der Hypothese der Strukturidentität von Denken und Sein, der Behauptung, daß "der Mensch doch schon sozusagen von Natur aus logisch denkt" /12/. Das große Problem ist hier, wie wir diese Hypothese - die ontologisehe Begründung der Logik (s.o.) - überprüfen. Die formale Logik - wie Segeth selbst zugesteht - er- weist sich dafür jedenfalls als unbrauchbar: "Die formale Logik hat zwar mit dem richtigen Denken zu tun, aber grundsätzlich wird die Frage, wann das Denken richtig ist, von der marxistischen Erkenntnistheorie beantwortet" /6/. Die Frage dabei ist nur, ob die marxistische Erkenntnistheorie in ihrer Antwort mit Segeths Auffassung kompatibel ist, die formale Logik sei als Wissenschaft von den a l l g e m e i n e n Struk- turen des richtigen Denkens über Geschichts-und Gesellschafts- schranken hinweg realisiert oder realisierbar. Eine Wissenschaft mit solchem Anspruch verfällt nach der dialektisch materialisti- schen Erkenntnisauffassung notwendig der Idealismusgefahr, da für den Nachweis ihrer Behauptungen ein konkreter Bestätigungsbereich nicht definierbar ist. Über die Stellung abstrakt allgemeiner Be- griffe im Erkenntnisprozeß lese man bei Marx z.B. in der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" nach. Was hier von der Produktion gesagt wird - "Wenn es keine Produktion im Allgemeinen gibt, so gibt es auch keine allgemeine Produktion" - muß ebenso fiir das logische Denken gelten. Sonst sind von einer Wissenschaft des logischen Denkens, die von seinen besonderen ge- sellschaftsformenden Bedingungen, unter denen wirkliche Menschen denken, abstrahiert, nur flache Tautologien als ihre Gesetze zu erwarten. Hier kommt aber jede formale Logik, die ernsthaft vom Standpunkt des dialektischen Materialismus aus betrieben werden soll, mit dem Zugeständnis einiger bürgerlicher Logiker in Kon- flikt, rein extensional aufgebaute Logiksysteme enthielten nur Tautologien. M.a.W. sie formulierten keine Wahrheitsbedingungen, sondern sinnlose Formstrukturen, die angeblich - denn dafür gibt es keine Überprüfungsmöglichkeit - die Formstrukturen der objek- tiven Realität abbildeten. In ähnlichen Schwierigkeiten gerät auch Segeth mit seiner ontolo- gischen Logikfundierung, auch wenn er sie materialistisch gedeu- tet wissen will. Seine Auffassung der Beziehung von Denken und Sein ist dabei so unverbindlich, daß man über weite Strecken den Eindruck gewinnen muß, daß bei seinem Materialismus die Dialektik vergessen worden ist. Denn zwar soll "das logische Denken nicht von der Materie unabhängig" sein /11/, andererseits soll die Ab- straktheit logischer Gesetze bedingen, daß sie nicht "unmit- telbare Widerspiegelungen von Gesetzen der objektiven Realität sind" (l.c.). Diese Nichtunmittelbarkeit gibt Spielraum dafür, "daß das logische Denken in seiner Gesetzmäßigkeit nicht an Gesellschaftsordnungen oder einzelne Klassen gebunden ist" (l.c.) - also für die Irrelevanz des historischen Materialismus für den Gegenstand der Logik. Was an dem zitierten Satz auffällt, ist die logische Verselbstän- digung des Begriffs 'logisches Denken'. Das logische Denken tritt als Subjekt auf, Gesellschaftsordnungen und -klassen im Prädikat. Damit wird das wirkliche Verhältnis von Subjekt und Prädikat auf den Kopf gestellt. Die wirklichen Subjekte - die realen Träger logischen Denkens, die konkreten geschichtlichen Menschen - ver- flüchtigen sich zu einem Prädikat, zu einer Eigenschaft des logi- schen Denkens. Nun gesteht zwar Segeth für die W i s s e n s c h a f t der Lo- gik - also die historischen Bemühungen, die Gesetzmäßigkeiten des logischen Denkens wissenschaftlich zu erfassen - "seit ihrem Ent- stehen" das Stattfinden "ein(es) ständige(n) Kampf(es) zwischen Materialismus und Idealismus" zu, aber das tatsächliche logische Denken der Menschen, als eines dessen Ergebnisse die Wissenschaft der Logik entstanden ist, taucht auch weiterhin nur als abstrak- tes Unding in der E l e m e n t a r e n L o g i k auf. Das zeigt sich vor allem dort, wo die Konkretisierung des Gegenstan- des der Logik als Sprache zur Diskussion kommt. Hier liegt auf der einen Seite das Hauptverdienst der modernen Logik überhaupt - daß sie, als Sprache gefaßt hat; andererseits wieder nicht kon- kret genug, um sich auf die Untersuchung der logischen Eigen- schaften der wirklichen Gesellschaftssprachen einzulassen. Das Problem ist hier allerdings ein grundlegendes, ideologisches, denn selbst Ansätze zu solchen Untersuchungen lassen erkennen, daß in ihnen das Grundgeheimnis der bürgerlichen Ideologie, die Verschleierung des Zusammenhangs wissenschaftlicher Theorien und gesellschaftlicher Praxis, von Erkennen und Handeln, nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Die Standardsysteme der formalen Logik wurden daher an den Eigenschaften im voraus so definierter Kon- struktsprachen entwickelt, wie sie den Anforderungen, die die bürgerliche Wissenschaftsauffassung an die gesellschaftliche Funktion wissenschaftlicher Theorien stellt, entsprechen. Es ist daher nicht unbedenklich, G. Klaus' Meinung zu übernehmen, daß der Gegenstand der Logik nicht in den natürlichsten Sprachen zu suchen sei, jedoch die formale Logik als "eine Art Sprachwis- senschaft, und zwar die Wissenschaft von der Sprache der Logik" (moderne Logik, a.a.O., S. 5) zu definieren. Gesteht man wissen- schaftlichem Erkennen und damit den Wissenschaftssprachen eine ideologische Funktion zu, so werden auch "an eine Wissenschafts- sprache gestellte Forderungen ..., das spontane, unkontrollierte Element in den natürlichen Sprachen bei ihrem Gebrauch in den Wissenschaften auszumerzen" /20/ an den Ergebnissen einer histo- risch materialistischen Sprachtheorie zu überprüfen sein. Lassen es die diskutierten Auffassungen der ontologischen Logikfundie- rung fragwürdig erscheinen, ob die "Elementare Logik" dem An- spruch genügt, "eine Darstellung von Grundbegriffen der formalen Logik vom Standpunkt der dialektisch materialistischen Erkennt- nistheorie aus" zu sein, so würde ich den pädagogischen Anspruch, eine Darstellung der formalen Logik ohne "fachliche Vorkennt- nisse" zu geben, weitgehend als erfüllt bezeichnen. Die Darstel- lungweise wählt einen geglückten Mittelweg zwischen systemati- schem und pädagogischem Aufbau, der einen guten allgemeinen Über- blick über die Grundbegriffe, Entscheidungsverfahren und Anwen- dungsmöglichkeiten der Aussagenlogik gibt. Ähnlich wird im Kapi- tel über die Prädikatenlogik verfahren. Das dritte Unterkapitel gibt hier überdies einen Ausblick auf nichtelementare Erweiterun- gen, die Logik des Identitätsbegriffes, der Kennzeichnungen und höherstufige Prädikatensysteme. Das letzte Kapitel behandelt über den Rahmen der engeren Logik hinaus Probleme der allgemeinen Me- thodologie der Wissenschaften - Definitionstheorie und die Theo- rie des reduktiven Schließens (induktive Logik) Jörg Zeller zurück