Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976
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Rezensionen
STREITBARER MATERIALISMUS UND BÜRGERLICHE IDEOLOGIE
Sammelbesprechung von Veröffentlichungen aus der Reihe: "Zur
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Kritik der bürgerlichen Ideologie", Hrsg. Manfred Buhr, Akademie
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Verlag Berlin (DDR); Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt/Main.
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Seit 1971 erscheint die Schriftenreihe "Zur Kritik der bürgerli-
chen Ideologie", in der bisher über fünfzig Hefte veröffentlicht
wurden. Kennzeichnend für die Reihe ist ihre internationale Aus-
richtung und Verbreitung. Sie findet ihren Ausdruck durch Behand-
lung in den einzelnen Ländern unterschiedlich relevanter Themen,
der teilweisen Übersetzung in verschiedene Sprachen sowie der
Herkunft ihrer Autoren und des Mitarbeitergremiums des Herausge-
bers.
Der Reihe liegt die Idee zugrunde, in Kontroversen den Gegensatz
von idealistischem und materialistischem Wissenschaftsverständnis
überall dort herauszuarbeiten, wo die bürgerliche Ideologie im
Hinblick auf die Theoriebildung über bestimmenden Einfluß ver-
fügt: in den Bereichen der Ökonomie, des Rechts der Politik und
der Wissenschaft.
In Rücksicht auf die Tradition und die aktuelle Konstellation des
ideologischen Klassenkampfes in den kapitalistischen Ländern und
unter den Bedingungen der epochenspezifischen Systemauseinander-
setzungen zwischen Sozialismus und Kapitalismus, charakterisiert
Buhr die Zielsetzung der Reihe: In Einbeziehung "der kritischen,
das heißt die historischen Grenzen markierenden Behandlung des
humanistischen ideologischen Erbes der progressiven Bourgeoisie"
beabsichtigen die in der Reihe erscheinenden Publikationen "die
verschiedenen Erscheinungsformen der bürgerlichen und revisioni-
stischen Ideologie der kritischen, das heißt der marxistisch-
leninistischen Analyse (zu) unterziehen und in diesem Prozeß die
prinzipiellen Positionen des Marxismus-Leninismus (zu) festigen"
(vgl. Vorbem. d. Hersg.).
Nach Auffassung der Rezensenten ist es (hervorzuhebende) Stärke
der Reihe, daß sie einerseits in ihren einzelnen Beiträgen zeigt,
wie die Linien der Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninis-
mus von selten der bürgerlichen Wissenschaft verlaufen und in
welchen ideologischen Formen sich diese Auseinandersetzung be-
wegt. Andererseits veranlassen die teilweise unterschiedlichen
Ansichten der Autoren der Reihe zur Frage der Bestimmung des po-
litischen und theoretischen Status marxistisch-leninistischer
Wissenschafts- und Ideologiekritik die hierzu in den Rezensionen
erhobenen Einwände und aufgeworfenen Problemstellungen.
Was die Untersuchungen im einzelnen konkret darlegen - oft in be-
sonderer Betonung der praktisch-politischen Funktion von Ideolo-
gie - läßt sich dahingehend verallgemeinern, daß die bürgerliche
Ideologie angesichts des sich historisch durchsetzenden wissen-
schaftlichen Sozialismus zunehmend zu einer Form der Auseinander-
setzung mit dem Marxismus genötigt ist, in der sich Verteidigung
des Selbstverständnisses bürgerlicher Wissenschaft und Angriff
auf die von den 'Klassikern' gültig begründete marxistische Theo-
rie der Geschichte und der Gesellschaft zu einer Art ideologi-
scher Offensive vereinigen. Sie ist darauf angelegt, sowohl die
Wissenschaftlichkeit der Grundaussagen des Marxismus zu bestrei-
ten als auch die systematische Einheit des Marxismus-Leninismus
aufzuspalten. Der Nachweis der gesellschaftlichen und das heißt,
der klassenmäßigen Voraussetzungen und Funktion dieser Zielset-
zung bürgerlicher Ideologie schließt im Zusammenhang der Reihe
auch die Kritik des Revisionismus' als eine Variante ideologisch
bedingter 'Aneignung' oder Weiterentwicklung' des Marxismus ein,
die auf seinem eigenen Boden zur Beseitigung der die Wissen-
schaftlichkeit verbürgenden Bestandteile des wissenschaftlichen
Sozialismus beizutragen versucht.
Jedoch geht es den Autoren der Reihe nicht allein darum, die
Grundlinien der bürgerlichen Ideologie nachzuzeichnen. Vielmehr
wird der prinzipiell defensive Charakter der "Offensive" bürger-
licher Ideologie erst dadurch ins Lieh gerückt, daß in Einzelana-
lysen wissenschaftlichen Relevanz und ideologische Überzeugungs-
kraft des Marxismus demonstriert werden. So wird die Qualität der
Reihe z.B. in solchen Beiträgen sichtbar, die die Bedeutung von
Forschungsergebnissen des historisch-dialektischen Materialismus
dort nachweisen, wo diese entweder kaum vermutet oder außer Gel-
tung gedacht werden, wie auf dem Gebiet der Naturwissenschaften;
auf wirkungsvolle Weise werden dabei auch für Nichtmarxisten die
'Klassiker' oft erst in ihr wissenschaftliches Recht eingesetzt.
Sind jedoch die Vorzüge der Reihe - ihrem Gesamtkonzept entspre-
chend - in einer Vielzahl ihrer Veröffentlichungen derart ausge-
prägt, so treten ihre Mängel in einigen Analysen und Argumentati-
onszusammenhängen umso deutlicher in Erscheinung. Das läßt dann
vor allem die Frage stellen, ob die Auffassung der vollen Gültig-
keit von Grundaussagen der 'Klassiker' im Vollzug der Kritik bür-
gerlicher Ideologie darauf beschränkt werden darf, daß sie mehr
oder weniger auf 'Voraussetzungen' der Kritik reduziert und nicht
analytisch und argumentativ dargestellt und entwickelt werden.
Lassen sich nicht den Werken der 'Klassiker' zahlreiche Beispiele
entnehmen (Marx, ... Kritik des Gothaer Programms; Engels' 'Anti-
Dühring'; Lenins 'Volksfreunde'), die zeigen, daß marxistische
Ideologie-Kritik ihren beständigen Bezugs- und Ausgangspunkt in
den Grundaussagen des Marxismus-Leninismus derart findet, daß
ihre Verhältnismäßigkeit als wesentliches Kriterium ihrer Gültig-
keit erscheint - also gerade in der Anwendung dieser Grundaus-
sagen auf veränderliche ideologische und gesellschaftliche
Konstellation?
Daß bei einigen Autoren der wissenschaftliche und ideologische
Standpunkt ein mehr oder weniger bloß 'vorausgesetzter' bleibt
oder bei anderen von den spezifischen Entstehungsbedingungen ei-
ner verhandelten ideologischen Konstellation abgesehen wird, auf
die orientiert die Kritik doch gerade ihre politische Bedeutung
erhält, hat die von den Rezensenten kritisierten Theoreme und
Verzeichnungen ideologischer Sachverhalte zur Folge. Gerade hier
scheint uns die Bemühung verstärkt darauf zu richten zu sein,
nicht nur die Elemente einer 'Offensive' der bürgerlichen Ideolo-
gie 'aufzudecken', sondern der historischen Gültigkeit des Mar-
xismus auch dadurch zu entsprechen, daß die von Seiten der bür-
gerlichen Wissenschaft aufgeworfenen Probleme - und objektive
Probleme zu formulieren, ebenso wie Problemlösungen in Teilberei-
chen ist sie sehr wohl in der Lage - nicht nur durch richtige
Grundsätze auf den richtigen Weg gebracht, sondern detailliert
und systematisch erörtert werden. Gerade unter kapitalistischen
Bedingungen ist es offensichtlich, daß ein generell entwickelter
materialistischer Standpunkt nicht umstandslos überzeugt. Streit-
barer Materialismus zeigt seine Überzeugungskraft dann - wie das
nicht wenige Beiträge aus der Reihe doch vorführen - wenn es ge-
lingt, die wissenschaftliche und gesellschaftliche Geltung des
marxistischen Standpunkts der Kritik im Prozeß der Kritik unter
Beweis zu stellen.
In Bezugnahme auf die in der Reihe u.a. schwerpunktmäßig behan-
delten Themenbereiche der Philosophie und Ideologie, der Natur-
wissenschaft, der Kunsttheorie, der Bildungspolitik, des Rechts
und der politischen Ideologie stellen wir die folgenden ausge-
wählten neunzehn Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Ideologie
vor:
Georg Mende: Philosophie und Ideologie - Marxistisch-
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leninistische Polemik in philosophiehistorischer
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Bewährungsprobe, Heft 9, 1972
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Erich Hahn: Materialistische Dialektik und Klassenbewußtsein,
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Heft 39, 1974
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Robert Steigerwald: Marxistische Klassenanalyse oder
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spätbürgerliche Mythen (Lenin-Verfälschung in der BRD - 'Links'-
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revisionistische Sozialismus-Kritik - Bürgerliche Ideologie in
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linker Verkleidung - Antikommunismus - seine Grundmythen und
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Grundmechanismen), Heft 15, 1972
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Andras Gedö: Die philosophische Aktualität des Leninismus /
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Manfred Buhr: Zur Aktualität der Leninschen Positivismuskritik /
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Vladimir Ruml: Positivistische 'Philosophie der Wissenschaft' im
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Lichte der Wissenschaft, Heft 12, 1972
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Mende faßt Ideologie als philosophischen, wissenschaftlichen und
politischen Begriff. 'Er beruht auf der Entsprechung, die be-
stimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen zur Gesamtheit der
Produktionsverhältnisse aufweisen; /12/ Nach Marx juristische,
politische, religiöse, künstlerische und philosophische Bewußt-
seinsformen. Dieser Sachverhalt läßt, nach Mende, nicht zu, Ideo-
logie mit falschen Bewußtsein zu identifizieren, wohl aber die
seitens Lenin getroffene Unterscheidung zwischen wissenschaftli-
chem und unwissenschaftlichem Bewußtsein. Im Gegensatz zur Napo-
leonlegende der Wissenssoziologie ist der in der Aufklärung ent-
wickelte Begriff der 'opinion'- und die Idolenlehre von Bacon für
die Theoriegeschichte des Ideologiebegriffs von Bedeutung. Der
Mangel an einer ausgereiften Beschreibung der gesellschaftlichen
Gesetzmäßigkeiten, ausgedrückt in der noch nicht systemfähigen
'philosophia activa' (Bacon) und Kants 'Beschluß' der 'Kritik der
praktischen Vernunft' orientiert am systemkräftigen naturwissen-
schaftlichen Ideal und in der Hilflosigkeit dem Gesellschaftli-
chen gegenüber die gesellschaftliche Unvermitteltheit der Natur-
wissenschaft quasi sanktionierend, wird erst durch Marx behoben.
Die Dialektik als der philosophische Begriff für Entwicklung
kennzeichnet die menschliche Entwicklung als Ausdruck der Ent-
wicklung der Natur. 'Das Durchsichselbstsein der Menschen ist im
Durchsichselbstsein der Natur gegründet und begründbar' /18/. In
diesem Sinne äußert sich Marx in den Ökonomisch-philosophischen
Manuskripten. Der entwickelte dialektische und historische Mate-
rialismus als umfassende Theorie der menschlichen Tätigkeit er-
öffnet methodisch den Zugang zur Vermittlung der verschiedenen
Weisen der Tätigkeit. Er erweitert den klassischen Materialismus
um die gesellschaftliche Dimension und umfaßt philosophisch Na-
tur- und Gesellschaftswissenschaften. Wenn diese Einheit, auf-
grund der herrschenden Arbeitsteilung, aus dem Auge verloren, der
Blickwinkel auf die Verfahrensweise einer Wissenschaft reduziert
wird, kommen Schlußfolgerungen wie diejenige Jean Paul Sartres
zustande, der als einzig gültige Erkenntnistheorie eine auf der
Wahrheit der Mikrophysik basierende ansieht, die den Experimenta-
tor als Bestandteil des experimentellen Systems begreift, ohne
diese Form des Experiments selbst als eingebettet in eine umfas-
sendere gesellschaftliche 'Versuchsanordnung' zu sehen. Äußerun-
gen dieser Art können als ideologische identifiziert werden.
Ideologie nicht gefaßt als falsches Bewußtsein, sondern als Pro-
dukt der Kombination verschiedener Bewußtseinsformen und Inhalte.
Gerade auf diesem nichtselbständigen Charakter von Ideologie als
Bewußtseinsform hat Mende das Hauptaugenmerk gelegt.
Auch Philosophie ist, insofern es sie gibt, eine gesellschaftli-
che Bewußtseinsform, deren gesellschaftliche Relevanz Ideologie
heißt. Wichtig ist der Hinweis auf Engels (XXXIX, S. 96), daß be-
züglich des Ideologieproblems die formelle Seite gegenüber der
inhaltlichen vernachlässigt worden sei. Nicht die Ableitung der
ideologischen Vorstellungen, sondern die Art und Weise, wie jene
Zustandekommen, bleibt ein unmittelbar aktuelles Problem.
Mende berührt auch die Frage der Marxinterpretation, die Versu-
che, die Ökonomisch-philosophische Manuskripte als das Marxsche
Hauptwerk auszugeben und den wesentlichen Gehalt der Marxschen
Lehre zu verfälschen. Er sieht den historischen und methodischen
Ausgangspunkt dieser Verfahrensweise in Otto Liebmanns: 'Kant und
die Epigonen', der als Aufruf für den Kritizismus gegen den Dog-
matismus' eine Verfälschung Kants betreibt, indem er das 'Ding an
sich' aus dessen Theorie zu eliminieren versucht. Eine Verfäl-
schung findet bereits dann statt, wenn ein Aspekt der Theorie in
unzulässiger Weise generalisiert wird. So erhält in der DDR-Lite-
ratur bei Hiebsch/Vorwerg die Kategorie Entfremdung und bei H.
Seidel die Praxiskategorie eine zentrale Gewichtung, die sie im
Gesamtsystem der materialistischen Philosophie nicht besitzen.
Die Frage der Wechselwirkung von objektiv und subjektiven Fakto-
ren bei der Herausbildung des politischen Selbstbewußtseins der
Arbeiterklasse bildet die Zielsetzung der Untersuchung Hahns. Sie
geht von der Grundthese aus, daß die Arbeiterklasse historisch
dazu bestimmt ist, die antagonistische Klassengesellschaft und
die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen.
Ihre ökonomische und gesellschaftliche Bestimmtheit erfährt diese
These durch den Hinweis auf den verschärft zutage tretenden Ge-
gensatz von gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer
Aneignung. Durch den Produktions- und Reproduktionsprozeß des Ka-
pitals werden die Scheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeitsbe-
dingungen, werden die Exploitationsbedingungen beständig reprodu-
ziert. Diese Scheidung steht der Verwirklichung der Arbeitskraft
sachlich und historisch entgegen. Der Riß, der die Gesellschaft
durch die unterschiedliche Stellung der Individuen im Verwirkli-
chungs- und Aneignungsprozeß durchzieht, wird von der bürgerli-
chen Theorie geleugnet indem als generelles gesellschaftliches
Merkmal der Individuen gemeinsame Werte und Verantwortung postu-
liert werden und die Position des Proletariats als theoretische
Mystifikation heruntergespielt wird. Daß aber der Warencharakter
der Arbeitskraft nicht bestritten werden und die Befriedigung
ihrer Bedürfnisse mit zunehmen- 1 der Entfaltung der Produk-
tivkräfte unter kapitalistischen Bedingungen nicht erfolgen kann,
bringt die bürgerliche Theorie in zunehmende Verlegenheit. Der
Warencharakter der Arbeitskraft bedeutet die ständige Reproduk-
tion der Arbeiterklasse unter wechselnden historischen und mate-
riellen Bedingungen. Gleichzeitig produziert aber die Arbeiter-
klasse durch die Schaffung neuer materieller Bedingungen die Vor-
aussetzung zur Aufhebung des Warencharakters der Arbeitskraft
überhaupt. Sie repräsentiert damit gleichzeitig einen höheren Ty-
pus der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und der ge-
sellschaftlichen und politischen Entwicklung. Art und Weise ihres
politischen Handelns sind herleitbar aus der Wechselwirkung von
objektiven und subjektiven Faktoren. Der objektive Faktor kenn-
zeichnet mehr als nur die materiellen gesellschaftlichen Verhält-
nisse, er schließt politische und ideologische Bedingungen mit
ein. Das subjektive Moment ist nicht allein ein ideelles, sondern
impliziert eine bestimmte Qualität des Bewußtseins und die Orga-
nisiertheit der Klasse. Beide zusammen sind nicht in einem mecha-
nischen Verhältnis, sondern stets in Wechselbeziehung zu denken.
Die Erkenntnis dieser geschichtlichen Dialektik führt die Arbei-
terklasse zur Entwicklung der Partei als dem entscheidenden In-
strumentarium ihres politischen Handelns. Sie wird durch diese
zur Klasse für sich selbst. In ihr artikuliert sich das besondere
Bewußtsein der historischen Aufgabe der Klasse, das sie in diese
hineinträgt. Partei und Klasse sind nicht getrennt, aber sie sind
auch nicht identisch.
Um das Bewußtsein ihrer selbst und folglich ihrer historischen
Rolle zu entwickeln, haben die Arbeiterklasse und ihre Theoreti-
ker begrifflich diejenigen historischen Bestimmungen und Gesetz-
mäßigkeiten zu analysieren, die wesentliche Faktoren in der Her-
ausbildung des Klassenbewußtseins darstellen, bzw. als wesentli-
che Faktoren die Herausbildung eines solchen behindern. Als gra-
vierendes Moment stellt sich die Tatsache heraus, daß sozialisti-
sche Ideologie im Kapitalismus unter der Herrschaft einer
hochentwickelten bürgerlichen Ideologie herausgebildet werden
muß, die sich selbst noch im Klassenkonflikt zwischen Kapital und
Arbeit, in der konkret erfahrenen Auseinandersetzung, den Betrof-
fenen unmittelbar aufdrängt. Auf dieser Ebene der unmittelbaren
Auseinandersetzungen muß sich die sozialistische Ideologie bewäh-
ren und entfalten, als sozialistische Ideologie, die historisch
bereits bis zu einem bestimmten Reifegrad entwickelt ist, demzu-
folge nicht von jeder Generation neu geschaffen werden muß. Das
durch die sozialistische Ideologie geprägte Klassenbewußtsein
enthält als entscheidende Merkmale das Wissen um die Notwendig-
keit des Kampfes gegen die privaten Besitzer von Produktionsmit-
teln und für den Einfluß auf die Staatsangelegenheiten. Ein der-
artiges Wissen läßt sich nicht als spontanes Resultat aus der
Stellung der Arbeiter im Produktionsprozeß herleiten, vielmehr
ist es immer schon durch sozialistische Ideologie vermittelt,
durch die Existenz der proletarischen Partei. Wo dies nicht gese-
hen wird, hat eine Verwechslung des wissenschaftlichen Erkennt-
nisprozesses mit dem Erkenntnisprozeß des Alltagsbewußtseins
statt. Das wissenschaftliche Bewußtsein ist allerdings nicht ein
den realen Prozessen äußerliches und entsprechend applizierbares
in Form des neokantianischen Erkenntnismusters, sondern selbst
theoretischer Ausdruck der objektiven Realität. Diese Differen-
zierung wird von Erich Hahn in der Auseinandersetzung mit dem
Westberliner 'Projekt Klassenanalyse' und ihrer Klassikerinter-
pretation entwickelt, demzufolge Ansatz und Strukturierung von
Klassenbewußtsein auf ökonomische Bestimmungen reduzierbar sind
und deren erkenntnistheoretischen Ausgangspunkt nicht die objek-
tiven gesellschaftlichen und Erkenntnis-Gesetzmäßigkeiten, son-
dern ein analytischer Objektivismus ist.
Konzeption und Hypostasierung des subjektiven Faktors nach dem
Verständnis von Georg Lukacs in 'Geschichte und Klassenbewußt-
sein', nämlich die subjektive Aufhebung der objektiven Verhält-
nisse, bedingt durch den Charakter der Kategorie Verdinglichung,
welche neben der vorherrschenden Erfahrungsweise in der kapitali-
stischen Gesellschaft die Möglichkeit der Bewußtseinsänderung im-
pliziert, polarisieren den objektivistischen Standpunkt der Ent-
stehung von Klassenbewußtsein.
Ein wesentlicher Fehler dieses Verständnisses ist, so merkt Hahn
an, die Abstraktion von der Auseinandersetzung zwischen bürgerli-
cher und sozialistischer Ideologie im Konstitutionsprozeß des
proletarischen Klassenbewußtseins. Diese Abstraktion macht
gleichsam die perfekte Darstellung der Mechanismus der Ideologie-
bildung bei Lukacs erst erklärlich. Aus der abstrakten Wechsel-
wirkung Subjektiv (Proletariat) und abstraktem Objekt (kapital.
Gesellschaft) läßt sich der konkrete Bewußtseinsbildungsprozeß
nicht ableiten. Die oben beschriebenen wesentlichen Konstituti-
onselemente werden außer acht gelassen. Nicht abstrakte Erkennt-
nismechanismen sind es, welche diesen Prozeß in Gang setzen, son-
dern die Erfahrung der objektiven Interessengegensätze der kapi-
tal. Ausbeutung. Einmal konkret im Rahmen realer Erfahrungen und
zum anderen über diese vermittelt zur Einsicht in die gesell-
schaftlichen Widersprüche aufsteigend in den Klassencharakter von
Staat und Politik.
Mittels der Stilistik und dem Drang einer Streitschrift sowie der
Grundhypothese, daß aufgrund der Existenz des sozialistischen
Weltsystems und der gegenwärtig bestimmenden Tendenz des Über-
gangs vom Kapitalismus zum Sozialismus der Leninismus die ent-
scheidende geistige und politische Kraft unserer Zeit ausmacht,
befaßt sich Steigerwald mit der aktuellen Lenin-Kritik in der
BRD, deren Kernpunkte der Vorwurf mechanistischer bürgerlicher
Aufklärungsphilolophie (P. Mattick), Bürokratismus (Trotzki-Re-
naissance) und schließlich Widerspiegelungstheorie und Naturdia-
lektik sind (Adorno, Schmidt, Negt/Zagreber Praxiskreis). Eigent-
liche Zielsetzung derartiger Auffassungen ist - und darin liegt
die Instrumentalität ihres theoretischen Ansatzes - eine Revision
des demokratischen Zentralismus. Nicht allein auf der theoreti-
schen Ebene, vielmehr insbesondere von den Schlußfolgerungen her,
setzt R.S. seine Kritik an. Die Fehleinschätzung des Parlamenta-
rismus und die Randgruppenstrategie zeichnen sich als aktuelle
politische und gegen die Arbeiterbewegung gerichtet Folgen eines
derart begründeten Anti-Leninismus ab.
Die Einwände gegen das Leninsche Organisationsprinzip und den Bü-
rokratimusvorwurf löst R.S. durch eine historische Betrachtung
auf, in der die Entstehung von Bürokratismus nach der Oktoberre-
volution durch den Einsatz unerfahrener Kräfte in Verbindung mit
bürgerlichen Kadern vorgeführt wird, die a die Stelle der Über-
zeugung das Kommando setzen. R.S. leugnet nicht die Gefahr des
Bürokratismus, sondern weist darauf hin, daß immer auch der Bil-
dungsstand eines Volkes bei Entstehung wie Überwindung dieser ge-
sellschaftlichen Erscheinungsform eine Rolle spielt, Bürokratis-
mus grundsätzlich die Trennung von Macht und Volk reflektiert.
Die Theorie von der Autonomie der Produktionseinheiten stellt
sich dieser Gefahr gegenüber allerdings nur als verkürzte Alter-
native dar, weil sie die Frage des einheitlichen gesellschaftli-
chen Reproduktionsprozesses nicht lösen kann, vielmehr an die
Stelle des Ganzen die Autonomie des Partikularen setzt. Sie er-
weist sich verwandt einer Theorie, welche die Verteilung der Pro-
dukte und nicht den Gesamtzusammenhang des Produktionsprozesses
zum Ausgangspunkt der Analyse der Gesellschaft macht. Historisch
liegt ihr das Theorem des Gleichheitskommunismus zugrunde, den
Marx als rohen Kommunismus bezeichnet, dessen Wesen die allge-
meine Verteilung des Mangels ist. Dieser Mangel hebt sich jedoch
nicht von selbst auf, sondern dazu bedarf es neben der wissen-
schaftlichen sozialistischen Ideologie auch des materiellen An-
reizes. R.S. hebt hervor wie sehr die Massen zurecht dasjenige
System für das bessere halten, das die besten materiellen Lebens-
bedingungen für das Volk schafft.
Am Bürokratismus-Vorwurf orientiert sich auch die von Marcuse
ausgehende Kritik der Neuen Linken in den USA, deren Gegenstand
Sozialismus wie Kapitalismus unter der Zielsetzung einer Entwick-
lung von nichtrepressiver Zivilisation in gleicher Weise sind.
Die durch eine vermehrte Bedürfnisbefriedigung möglich gewordene
Manipulation der Instinkte soll eine triebstrukturelle Revolution
zum Hauptproblem des Befreiungskampfes machen. Bereits im Herr-
Knecht-Verhältnis des Menschen zur Natur wird die Ursache der
spezifischen Formen der zwischenmenschlichen Verhältnisse in den
aktuellen Gesellschaften gesehen. Grundorientierung ist ferner
die Natur des Menschen als Ausgangspunkt der Idee des Sozialis-
mus, nicht seine gesellschaftliche und historische Bestimmung.
Glück und nichtrepressive Sublimierung kristallisieren sich
Rezensionen als Zielkonstanten heraus. Sie ergeben sich als Re-
sultate durch die Überwindung von Eindimensionalität, die das we-
sentliche Produkt unserer Erfahrungen von Technik ausmacht. Deren
Überwindung aber setzt zunächst eine negative Erfahrung voraus,
eine Sensibilisierung, die eine neue Subjektivität zur Folge hat,
welche charakterisiert ist durch die Aufhebung des alten Gegen-
satzes von Individualität und Kollektivität. Wo Freiheit und Ent-
scheidungsfähigkeit des einzelnen und politische Freiheit iden-
tisch sind, ist die Eindimensionalität überwunden.
Gedö lenkt zunächst die Aufmerksamkeit auf einen Sachverhalt, der
weitere Reflexion erfordert, nämlich auf die außerordentlich be-
grenzte direkte Wirksamkeit philosophischer Theorie bezüglich der
Massen und den dennoch kaum zu leugnenden Umstand, daß alle poli-
tischen ideologischen und geistigen Auseinandersetzungen ohne
Zweifel in jeweils unterschiedlich verschleierter Form philoso-
phische Kontroversen widerspiegeln. Die Kontroversen um den Mar-
xismus drücken genau diese Problemlage aus. Sie äußern sich oft
in Form historischer Analogien, in der Neuauflage alter Streit-
fragen unter veränderten Gesichtspunkten, als Reflex des Entwick-
lungsprozesses sozialistischer Gesellschaft oder der gegen diese
gerichteten Triebkräfte. Ferner als Reflex der die kapitalisti-
schen Gesellschaften durchziehenden Widersprüche selbst. Es man-
gelt mittlerweile nicht an Versuchen, die Ablehnung des existie-
renden Sozialismus als praktizierten Leninismus durch die Schei-
dung Marx' von Lenin zu gewinnen, um in diesem Rückgriff auf
Marx, diesen selbst wiederum auszuschalten (Habermas, Lobkowiczs,
Fetscher). Lebensphilosophie und Positivismus zeigen sich als die
wechselseitig komplementären Formen, den Marxismus zu ersetzen,
treten aber noch hinter ein Kernproblem gegenwärtiger Meinungs-
verschiedenheiten zurück: Die Praxis-Auffassung "... Die Katego-
rie Praxis ist jener Punkt, in dem die Erkenntnistheorie und die
philosophische Konzeption von der Gesellschaft zusammenlaufen!
/22/ Der wirkliche philosophische Materialismus begreift sie als
bestimmt durch Widerspiegelungstheorie und gesellschaftlichen De-
terminismus, der philosophische 'Humanismus' als 'universelles,
freies, schöpferisches und selbstschöpferisches Sein'" /24/ Der
Versuch der Spaltung von Leninismus und Marxismus bringt zwangs-
läufig die Aufgabe des Materialismus mit sich.
Die grundsätzliche Verhältnisbestimmung des Marxismus-Leninismus
und der Ergebnisse moderner Wissenschaftsentwicklung wie Kyberne-
tik, Semiotik, Spieltheorie, Systemtheorie kann, das führt Buhr
exemplarisch aus, niemals unter dem Aspekt vorgenommen werden,
durch diese den Marxismus-Leninismus auch nur in Teilen zu
ersetzen. Er ist in erster Linie revolutionäre Weltanschauung,
revolutionäre Dialektik. 'Logische Symbole oder mathematische
Formeln gehen aber nicht... auf die Straße.' /33/ Eine lediglich
auf die Errungenschaften der Naturwissenschaften, Mathematik und
mathematischen Teildisziplinen materialistische Theorie müßte
sich zwangsläufig ihres umfassenden Geltungsanspruchs begeben.
Der Versuch, an einer Einzelwissenschaft orientiert, zu generel-
len philosophisch-weltanschaulichen Aussagen zu kommen, ist nicht
neu, sondern kristallisierte sich bisher vielmehr immer als Ver-
such heraus, die Krise der bürgerlichen philosophischen Theorie
zu beheben und muß folglich immer auch im Zusammenhang der Krise
der bürgerlichen Gesellschaft gesehen werden. Als erwähnenswertes
Beispiel figuriert der Positivismus, bereits zu Lenins Zeiten ak-
tuell und in veränderter Gestalt heute noch wirksam, von Buhr ge-
kennzeichnet als die Denkweise der bürgerlichen Gesellschaft und
'Grundzug aller bürgerlichen (und revisionistischen) Ideologie'
/38/. Er drückt damit das Resultat einer gesellschaftlichen Ver-
haltensweise aus, welche die Entwicklung der Produktivkräfte und
der Wissenschaften vollzieht, aber die Produktionsverhältnisse
mit ihnen nicht in Einklang bringt. Seine ideologische Aufgabe
besteht darin, das Eindringen des philosophischen Materialismus
in die Einzelwissenschaften zu verhindern. Seinem Exaktheitsan-
spruch im naturwissenschaftlichen und Produktionsbereich korre-
spondiert - aufgrund des nicht aufgehobenen Widerspruchs - die
Schaffung der Voraussetzungen für irrationale und metaphysische
Theorienbildung im Bereich der Gesellschaft. Dominant zeigen sich
hier philosophische Anthropologie und empirische Soziologie. Sta-
tistisch verwertbare Fakten und individuelle Spekulation kenn-
zeichnen das Bild. Der Positivismus läßt in der Frage der Weltan-
schauung Religion grundsätzlich zu. Als Theorem der Unwandelbar-
keit hat er geschichtsloses Denken und Agnostizismus im Gefolge.
'Als Methode bedeutet (er) die Verklärung des Zufälligen, die Er-
höhung der Oberfläche der gesellschaftlichen Verhältnisse zu ih-
rem Wesen.' /45/ Er tritt u.a. auf, wenn innerhalb des Systems
des Marxismus-Leninismus erkenntnistheoretische Fragen isoliert
behandelt werden, dessen Totalität außeracht gelassen oder unter
dem Aspekt der Einzelwissenschaft als Hauptaspekt gesehen wird.
Zu bemerken bliebe dann allerdings immerhin, daß diese Gefahr in
der Erkenntnistheorie erst dann gebannt sein wird, wenn ihre Ent-
wicklung als auch für die einzelnen Wissenschaften unmittelbar
erkennbar relevante materialistische Theorie weiter vorange-
schritten ist.
Entstehungsprozeß und erkenntnistheoretische Quellen, die Geburt
des Positivismus aus dem Versuch heraus, ein objektiv existieren-
des Problem, die methodologischen Schwierigkeiten zu lösen, die
bei der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften ans Licht
traten und als erste Antwort eine Absage an jede Form von Meta-
physik formulieren ließen, machen durch Ruml die Genese der posi-
tivistischen Theorie nachvollziehbar.
Durch ihre Ausrichtung an der mathematischen Logik glaubt die po-
sitivistische Theorie das entscheidende Maß wissenschaftlicher
Stringenz gefunden zu haben, an dem sich sowohl methologisch-er-
kenntnistheoretische wie philosophisch-weltanschauliche Fragen zu
orientieren hätten. In einem auf die Einzelwissenschaften
(insbesondere Physik) und die unmittelbare Erfahrung ausgerichte-
ten Reduktionismus glaubt sie allgemein überprüfbare und verbind-
liche Kriterien von Aussagen gewinnen zu können. Die Frage einer
die unmittelbare Sinneserfahrung übergreifenden objektiven Reali-
tät steht auch nach dem Scheitern der physikalistischen Theorie
nicht zur Debatte, nachdem die logische Syntax der Wissenschafts-
sprache (zu der allein alle sinnvollen philosophischen Probleme
gehören sollen) durch die Semantik (Beziehung sprachlicher Aus-
drücke) zu nichtsprachlichen Objekten) ergänzt worden ist. Auch
die Modifikation des Verifikationskriteriums der unmittelbaren
Erfahrung durch Varianten wie Falsifizierbarkeit (Popper) oder
Wahrscheinlichkeitsverifikation (Reichenbach) konnte die Aus-
schaltung der objektiven Realität und des Praxiskriteriums nicht
kompensieren. Hier hätte man eine intensivere Gegenüberstellung
mit der Praxiskategorie wünschenswert erscheinen lassen können.
Daß die Tragfähigkeit positivistischer Theorie zur Deutung ge-
sellschaftlicher Gesetze und Erscheinungen nicht ausreichen kann,
hatte M. Buhr bereits angedeutet. Ruml streift den Ansatz von O.
Neurath, die Sprache der Physik zur Grundlage auch der Soziologie
zu erheben, der notwendig in der Erstellung einer reinen Sozial-
technik münden muß. Ihr wäre als positivistisches Gegenstück Pop-
pers Geschichtsphilosophie beizuordnen, die in der Quintessenz
jegliche gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit leugnet und lediglich
die Erkennbarkeit gesellschaftlicher Tendenzen anerkennt. Gene-
rell wird vom Verfasser das Wesen des Positivismus derart charak-
terisiert, daß er als Bestandteil der bürgerlichen Theorie in der
Lage ist, eine Reihe objektiv existierender Probleme aufzuwerfen,
deren Lösung jedoch aufgrund seiner mangelhaften Philosophiever-
ständnisses niemals zu lösen in der Lage ist.
Günter Mathias Tripp
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