Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976


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KARIN HAUSEN/REINHARD RÜRUP (HRSG.): MODERNE TECHNIKGESCHICHTE, KIEPENHEUER & WITSCH, KÖLN 1975 WOLFGANG JONAS (HRSG.)/VALENTINE LINSBAUER/HELGA MARX: DIE PRODUKTIVKRÄFTE IN DER GESCHICHTE BD. 1, DIETZ VERLAG, BERLIN 1969. E.J. DIJKSTERHUIS: DIE MECHANISIERUNG DES WELTBILDES, SPRINGER VERLAG, BERLIN, GÖTTINGEN, HEIDELBERG 1956

Die Geschichte der Technik ist zugleich über weite Strecken die Geschichte des Verhältnisses von Wissenschaft und Produktion. In- wieweit technikhistorische Forschung zu dessen Verständnis bei- tragen kann, hängt von den theoretischen Prämissen ab, unter denen sie betrieben wird. Unter diesem Aspekt werden die ersten zwei Publikationen rezensiert, die jeweils den gegenwärtigen Stand technikhistorischer Forschung und die unterschiedlichen An- sätze in kapitalistischen und sozialistischen Ländern repräsen- tieren. Die dritte Publikation ist eine ältere, zu Unrecht wenig bekannte Arbeit zur Entwicklung der klassischen Mechanik. Hinter dem Titel M o d e r n e T e c h n i k g e s c h i c h- t e verbirgt sich eine Sammlung von sechzehn Aufsätzen und Fallstudien, herausgegeben von Karin Hausen und Reinhard Rürup, die "im wesentlichen die moderne Technik seit Beginn der industriellen Revolution" /7/ behandeln. Die Sammlung wendet sich an Historiker und Sozialwissenschaftler, mit ihr versuchen die Herausgeber eine Zwischenbilanz der bisherigen technikge- schichtlichen Forschung zu ziehen und in Forschungszusammenhänge und thematische Schwerpunkte einzuführen. Die einzelnen Beiträge sind in sechs, mit Vorbemerkungen der Herausgeber versehene Themenbereiche gegliedert. Der Anhang umfaßt neben einem Personenregister eine rund 900 Titel aufführende Bibliographie, die im Frühjahr 1974 abgeschlossen wurde. Als Arbeiten aus den sozialistischen Ländern sind in der Bibliographie Publikationen aus der DDR sowie englische und französische Übersetzungen polnischer und sowjetischer Autoren vertreten. Im ersten Teil "Gegenstand und Methode der Technikgeschichte" werden zwei Aufsätze (Maurice Dumas: "Technikgeschichte: ihr Ge- genstand, ihre Grenzen, ihre Methoden"; George Daniels: "Hauptfragen der amerikanischen Technikgeschichte") vorgestellt, die der von der Herausgebern in ihrer Vorbemerkung konstatierten Dominanz und Spezifik der angelsächsischen und französischen For- schung Rechnung tragen sollen, aber nur verschiedene Ansätze in oberflächlicher Weise Revue passieren lassen und eine bunte Mi- schung von Fragen aufwerfen, ohne einen Weg zu möglichen Antwor- ten zu weisen. Ein weiterer, "als Denkmodell äußerst fruchtbarer, weil für wichtige Interdependenzen offener Forschungsansatz" /28/, wie er etwa in der DDR vom Arbeitskreis "Geschichte der Produktivkräfte" verfolgt wird, konnte, wie die Herausgeber mit großem Bedauern in einer Anmerkung erklären, nicht dokumentiert werden, da für den vorgesehenen Artikel keine Abdruckgenehmigung zu erhalten war. In Anbetracht der Ansprüche, die die Herausgeber mit dieser Aufsatzsammlung verbinden, ist die inhaltliche Aus- klammerung dieses Forschungsansatzes unendschuldbar. Auch wenn es für die Herausgeber unmöglich gewesen ist, den vorgesehenen Arti- kel durch einen eigens für diesen Band geschriebenen zu ersetzen, so hätten sie doch in ihrer Vorbemerkung näher auf den marxisti- schen Ansatz eingehen müssen. Im zweiten Teil "Naturwissenschaft und Technik" sind zwei Diskus- sionsbeiträge zur Kontroverse über das Verhältnis von naturwis- senschaftlicher und technischer Entwicklung in den Anfängen der industriellen Revolution abgedruckt (Peter Mathias: "Naturwissen- schaft und technischer Wandel von 1600 bis 1800; Milton Kerker: "Die Naturwissenschaft und die Dampfmaschine"). Peter Mathias weist in seiner viel Quellenmaterial auswertenden Arbeit nach, daß die technische Entwicklung zu dieser Zeit noch weitgehend unabhängig vom Stand der naturwissenschaftlichen Forschung war. Milton Kerker versucht in seiner Fallstudie zur Entwicklung der Dampfmaschine die entgegengesetzte These herauszuarbeiten, gibt aber letztlich nur ein Beispiel dafür, wie man mit der iso- lierenden Untersuchung von einzelnen Produktionsmitteln sich den Zugang zu allgemeineren Beziehungen versperren kann. Eine dritte Arbeit (John J. Beer: "Die Teerfarbenindustrie und die Anfänge des industriellen Forschungslaboratoriums") untersucht anhand der Vorläufer des Chemie-Monopolkonzerns Bayer die ökonomischen Be- dingungen, die zur Herausbildung der Industrieforschung geführt haben. Thematischer Schwerpunkt der Beiträge in Teil drei und vier ist die Beziehung von Technik und Wirtschaft. In Teil drei sind unter dem Stichwort Theoretische Probleme zwei Arbeiten abgedruckt (R.M. Hartwell: "Technik und industrielle Revolution"; Jakob Schmookler: "Ökonomische Ursachen der Erfindungstätigkeit"), wel- che die vor allem in den USA verbreitete Vorgehensweise technik- historische Forschung mit Hilfe des statistischen Instrumentari- ums wirtschaftswissenschaftlicher Theorien zu betreiben und tech- nische Entwicklung in isolierte Faktoren zerlegt auf quantitative Beziehungen zu reduzieren, in seiner Problematik deutlich werden zu lassen. Klarer wird das Verhältnis von Technik und Wirtschaft in den drei Arbeiten des Teils vier "Innovationsprozesse" (Duncan Bythell: "Die Anfänge des mechanischen Webstuhls"; Bertrand Gille: "Technische Probleme der französischen Eisen- und Stahlindustrie im 19. Jahrhundert"; Nathan Rosenberg: "Technischer Fortschritt in der Werkzeugmaschinenindustrie 1840-1910"). Alle drei Beiträge sind quellenreiche Fallstudien, die die Komplexität der Durchset- zungsbedingungen neuer technischer Verfahren analysieren und durch die Vielfalt der untersuchten Beziehungen zwischen techni- scher Entwicklung und Faktoren wie Transportkapazitäten , Quali- fikationsniveau der Arbeitskräfte etc. Anregungen für ähnliche Studien bieten. Der konkrete Zusammenhang von technischer, sozialer und ökonomi- scher Umwälzung wird in den ersten zwei Arbeiten des Teils fünf "Technik und Industriearbeit" (Gerd Hardach: "Technik und Indu- striearbeit. Zur Sozialgeschichte der französischen Hüttenarbei- ter in der industriellen Revolution"; Jürgen Kocka: "Von der Ma- nufaktur zur Fabrik. Technik und Werkstattverhältnisse bei Sie- mens 1847-1873") untersucht. Der dritte Beitrag (Alain Tourraine: "Industriearbeit und Industrieunternehmen. Vom beruflichen zum technischen System der Arbeit") reflektiert diesen Zusammenhang in Bezug auf die zunehmende Automatisierung des industriellen Produktionsprozesses und deren Auswirkung auf die Qualifikations- struktur der Industriearbeiter. Im letzten Teil "Technik, Staat und Politik" werden drei Fallstu- dien vorgestellt (John G. Burke: "Kesselexplosionen und bundes- staatliche Gewalt in den USA"; Clive Trebilcock: "Rüstung und In- dustrie. Zum 'spin-off-Problem in der britischen Wirtschaftsge- schichte 1760-1914"; Thomas P. Hughes: "Das 'technologische Mo- mentum' in der Geschichte. Zur Entwicklung des Hydrierverfahrens in Deutschland 1898-1933"), von denen nur die Arbeit von Trebil- cock, in der er die Bedeutung der Rüstungsindustrie als Schritt- macher für die allgemeine technische Entwicklung zu bestimmen versucht, verallgemeinerbare Ergebnisse enthält und daher von größerem Interesse sein dürfte. Die einzelnen, qualitativ recht unterschiedlichen Arbeiten sind mehr oder minder willkürlich den Themenbereichen zugeordnet, die von den Herausgebern in keiner Weise als sinnvolle, sachlich be- gründete ausgewiesen werden. Der unter dem Stichwort "Technik, Staat und Politik" eingereihte Beitrag von Trebilcock hätte eben- sogut in Teil IV "Innovationsprozesse" erscheinen können. Eine Systematik, die sich orientiert an der Entwicklung der Technik, wie sie in ihren Beziehungen zu anderen Produktivkräften und Pro- duktionsverhältnissen bestimmt wird und bestimmend wirkt, fehlt. Die verschiedenen Themenbereiche erscheinen als voneinander ge- trennte Forschungsschwerpunkte; was Technik, Wissenschaft, Staat und Wirtschaft verbindet, bleibt unerklärt. So finden sich zum Verhältnis von Wissenschaft und Produktion in diesem Band auch nur verstreute Informationen, lediglich in der Arbeit von P. Ma- thias "Naturwissenschaft und technischer Wandel von 1600 bis 1800" wird dies Verhältnis explizit thematisiert. Im Rahmen der abgedruckten Fallstudien werden zwar Beziehungen von technischer, wissenschaftlicher und sozio-ökonomischer Entwicklung herausgear- beitet, die wenigen allgemeinere Probleme behandelnden Beiträge lassen aber keine Ansätze zur Verallgemeinerung der aus sorgfäl- tigen Detailstudien gewonnenen Ergebnisse erkennen. Entsprechend ernüchternd fällt das Fazit der Herausgeber aus: "Derzeit steht keine umfassende Theorie zur Verfügung, die imstande wäre, Ursa- chen, Formen, Wirkungen und Richtung des technischen Fortschritts zu verorten" /121/. Die Herausgeber sind sich dieses theoreti- schen Defizits durchaus bewußt. "Historikern und Sozialwissen- schaftlern in der Bundesrepublik ist es kaum zu verdenken, wenn sie angesichts dieses Diskussions- und Entwicklungsstandes gegen- über der Technikgeschichte in kritischer Distanz verharren. Es wäre aber an der Zeit, in kritischer Aufarbeitung der internatio- nalen Diskussion auch in Deutschland in gemeinsamem Bemühen von Historikern und Sozialwissenschaftlern Gegenstand und Methoden technikgeschichtlicher Arbeit neu abzustecken. Dazu könnte nicht zuletzt der Versuch beitragen, die derzeit aktuellen, aber rela- tiv isoliert voneinander entwickelten methodischen Ansätze der internationalen Forschung auf Kongruenz und Divergenz hin abzu- klopfen und auf ihre systematische und forschungspraktische Aus- sagekraft hin vergleichend zu überprüfen." /29/ Es bleibt festzu- halten, daß die Herausgeber, offenbar ihrem eigenen Programm un- treu geworden, die Darstellung eines methodischen Ansatzes der internationalen Forschung unterlassen haben. Im Sinne des zitier- ten Programms erlaubt sich daher der Rezensent auf ein Buch auf- merksam zu machen, das vorzüglich geeignet ist, jenes theoreti- sche Defizit auszugleichen und die Darstellung des marxistischen Forschungsansatzes nachzuholen. Der von Wolfgang Jonas herausgegebene Band D i e P r o d u k- t i v k r ä f t e i n d e r G e s c h i c h t e 1 ist als Einführung in den marxistischen Ansatz konzipiert. Der Band ist in drei Teile gegliedert. In ihm wird versucht, die Entwicklung der Produktivkräfte in ihren Wechselbeziehungen zu anderen Sphären der Gesellschaft "von den Anfängen der Urgemeinschaft bis zum Beginn der industriellen Revolution" nachzuvollziehen, den zugrunde liegenden theoretischen Ansatz transparent zu machen und die Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Geschichte der Pro- duktivkräfte in ihrer Relevanz für den Aufbau einer sozialisti- schen Gesellschaft aufzuzeigen. Der erste Teil "Vom Werden und Wirken der gesellschaftlichen Pro- duktivkräfte", verfaßt von Wolfgang Jonas, führt unter dem Aspekt der Struktur des Gesamtsystems der Produktivkräfte in theoreti- sche und historische Grundfragen ihrer Entwicklung anhand der Darstellung der wesentlichen Charakteristika ihrer Entwicklungs- epochen ein. Im ersten Abschnitt werden die Stufen der Auseinan- dersetzung des Menschen mit der Natur von der künstlichen Erzeu- gung des Feuers, der Überschreitung der Grenze der physischen Kraft des Menschen durch die Übergabe der manuellen Bearbeitung eines Werkstücks an einem Mechanismus bis hin zur wissenschaft- lich-technischen Revolution im Überblick nachgezeichnet und die entscheidenden Fortschritte in der Entwicklung der Produktiv- kräfte in ihrer Bedeutung für die Abfolge der Gesellschaftsforma- tionen und der Umwälzung ihrer spezifischen Produktionsverhält- nisse markiert. Im zweiten Abschnitt wird systematisch der von den Autoren ver- folgte Ansatz aus den Arbeiten von Marx und Engels abgeleitet und von den Ansätzen bürgerlicher Wissenschaftler abgegrenzt. Der dritte Abschnitt macht am Beispiel der Periodisierung grundsätz- liche Probleme in Bezug auf die gesellschaftlichen Kräfte der Ar- beit und ihrer Naturbedingungen deutlich und zeigt, daß diese nur auf der Grundlage einer breiten Analyse der jeweiligen Gesamt- struktur der Produktivkräfte zu lösen sind. Der zweite Teil "Probleme und Bilder aus der Geschichte der Pro- duktivkräfte" stellt die Entwicklung der Produktivkräfte exempla- risch in Abbildungen, ausgewählt von Valentine Linsbauer, dar, die jeweils durch korrespondierende Quellen texte und Erläuterun- gen kommentiert werden. So findet sich neben einem Bild aus dem Jahre 1586, das die Aufstellung des 327t schweren Vatikanischen Obelisken auf der Piazza San Pietro in Rom zeigt, der Bericht des mit dieser Arbeit beauftragten Ingenieurs. An anderer Stelle wird am Beispiel der Drehbank der qualitative Sprung zur Maschine, "die Tatsache, daß das bearbeitende Werkzeug von einem Mechanis- mus des Geräts gehalten und geführt wird", /126/ erklärt. Die Ab- bildungen sind chronologisch geordnet, zur Verdeutlichung der Entwicklung eines Teilsystems der Produktivkräfte werden aber auch Bilder verschiedener Entwicklungsstufen, wie etwa Handwerk und Manufaktur, unmittelbar gegenübergestellt. Der dritte Teil "Zur methodischen Arbeit mit Stoffen aus der Ge- schichte der Produktivkräfte im Geschichtsunterricht", aus der Dissertationsarbeit von Helga Marx hervorgegangen, verfolgt ei- nerseits das Ziel, den methodischen Aufbau des Buches vom Inhalt her zu begründen und damit das Verständnis der anderen Teile zu vertiefen, andererseits ein dem Stoffgebiet entsprechendes didak- tisches Unterrichtskonzept zu entwickeln. Die Autorin beschränkt sich darauf, von der Analyse des Stoffgebiets ausgehend dessen didaktischen Implikationen ohne Rücksicht auf die variierenden Unterrichtsbedingungen herauszuarbeiten. Das Konzept ist also nicht speziell auf den Unterricht an den Schulen in der DDR zuge- schnitten, sondern könnte auch Lehrern in der BRD und Westberlin als Unterrichtsgrundlage dienen. Die Lernschritte sind entspre- chend der marxistischen Methode des "Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten" angelegt, auf mögliche Schwierigkeiten, wie sie sich z.B. aus der Verwendung von Schemata ergeben können, wird nachdrücklich anhand der die Konzeption konkretisierenden Behand- lung der "Spinning Jenny" eingegangen. Die drei Hauptteile werden durch vier Karten, ausführliche Regi- ster und eine auf den Abbildungsteil verweisende, historische und strukturelle Zusammenhänge wichtiger Teilsysteme der Produktiv- kräfte darstellende Übersichtstafel ergänzt. Der Band Die P r o d u k t i v k r ä f t e i n d e r G e- s c h i c h t e 1 ist eine leicht verständliche Einführung in den in sozialistischen Ländern verfolgten Forschungsansatz, auf der Grundlage des Historischen Materialismus einzelne Aspekte historischer Forschung, wie Technikgeschichte, Wirtschaftsge- schichte, Wissenschaftsgeschichte etc., in ihren strukturellen Wechselbeziehungen als Geschichte der Produktivkräfte zu erfassen und damit das Verhältnis von Wissenschaft und Produktion in sei- ner Bedeutung für den jeweiligen Entwicklungsstand der Produktiv- kräfte zu bestimmen. Zugleich bietet er den schon mit der Materie vertrauten Lesern dank des Abbildungsteils eine Fülle von Quel- lenmaterial und macht in den Textteilen auf viele, bisher noch nicht systematisch herausgearbeitete Zusammenhänge aufmerksam und damit neue Forschungsperspektiven deutlich. Eine Untersuchung derart komplexer Beziehungen, wie sie die Ent- wicklung der Produktivkräfte bestimmen, erfordert ohne Zweifel die Arbeit mit verläßlichen Gesamtdarstellungen der Geschichte einzelner Teilbereiche. Darstellungen zur Geschichte der Natur- wissenschaften, die diese nicht mehr oder minder losgelöst von ihrem weltanschaulichen Hintergrund beschreiben, sondern deren Entwicklung in ihren Bezug auf diesen Hintergrund analysieren, sind immer noch rar. Unter dem Titel D i e M e c h a n i s i e- r u n g d e s W e l t b i l d e s hat der niederländischen Wissenschaftshistoriker E.J. Dijksterhuis eine ausgezeichnete Arbeit zur Entstehung der modernen Naturwissenschaften veröffent- licht. Der Autor versucht, ohne daß auf Seiten des Lesers besondere mathematische oder physikalische Kenntnisse voraus- gesetzt werden, zu erklären, wie die mechanistische Natur- wissenschaft zustande gekommen ist. Die Darstellung ist metho- disch und begrifflich auf Newtons Arbeiten, in denen der Autor den Abschluß des Entwicklungsprozesses der klassischen Mechanik sieht, hin strukturiert. Der Anfang dieses Prozesses wird nicht willkürlich bei Leonardo da Vinci oder Galilei angesetzt, sondern aus der antiken Physik und Naturphilosophie abgeleitet. Im ersten Teil werden unter dem Stichwort "Erbgut des Altertums" die "Hauptströmungen des grie- chischen philosophischen Denkens über die Natur", vom Pythagore- ismus bis zum Neoplatonismus, und das "fachwissenschaftliche Erb- gut", Mathematik, Astronomie, Physik, Technik etc., referiert so- wie der Zusammenhang von antiker Naturphilosophie und den konkre- ten Vorstellungen über Naturvorgänge herausgearbeitet. Der zweite Teil "Die Naturwissenschaft im Mittelalter" geht aus- führlich auf die philosophisch-theologischen Auseinandersetzungen um die Rezeption der aristotelischen Physik und deren Auswirkun- gen auf die physikalische ' Theoriebildung ein. Im Mittelpunkt der Ausführungen stehen die Vorstellungen über die Struktur der Materie und die Theorien über Fall und Wurf. Ein Beispiel für die sorgfältige Arbeit des Autors liefern seine Ausführungen zu den verschiedenen Hypothesen über die Erdbewegung, in denen er nach- weist, daß schon 200 Jahre vor Kopernikus "Oresme die Theorie der Achsendrehung auf eine Art behandelt hat, die Kopernikus nicht mehr zu verbessern brauchte". /322/ Es ist ein hochzuschätzendes Verdienst des Autors, daß er anhand solcher Detailuntersuchungen die Entwicklung naturwissenschaftlicher Theorien von ihren Aus- gangspunkten bis zu den einzelnen, die Fundamente der klassischen Mechanik legenden Einsichten aufzeigt. Unter der Überschrift "Die Vorbereitung und das Entstehen der klassischen Naturwissenschaft" werden im dritten Teil die Anfänge neuer, auf Gedankenexperimente und mathematische Überlegungen zu- rückgreifende Lösungsversuche für die Probleme aus Mechanik und Astronomie aufgedeckt. Neben allgemeineren Betrachtungen über den Einfluß der Philosophie der Renaissance auf den Herausbildungs- prozeß der klassischen Naturwissenschaft bestimmt der Autor die aus der Entwicklung der Technik kommenden Impulse als empirische Grundlage, ohne die weitere Fortschritte in der naturwissen- schaftlichen Theoriebildung unmöglich gewesen wären. "So führten der Gebrauch von Feuerwaffen und die Beobachtung der damit zu er- zielenden Effekte dazu, daß die Bewegungserscheinungen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wurden und daß also das im Al- tertum noch kaum betretene Gebiet der Dynamik erschlossen wurde. Die Gestalt der Geschoßbahn und der augenscheinliche Zusammenhang zwischen der Größe der explodierenden Ladung, der Elevation des Geschützes, dem Gewicht des Projektils und der Schußweite gaben Anlaß zu Untersuchungen, die von größter Wichtigkeit für die Ent- wicklung der Physik gewesen sind." /280/ Der vierte, bei weitem ausführlichste Teil "Die Geburt der klas- sischen Naturwissenschaft" beginnt mit einer Darstellung der Ent- wicklung der Astronomie von Kopernikus bis Kepler, in der sehr genau die Verknüpfung von physikalischer Theoriebildung und welt- anschaulicher Auseinandersetzung herausgearbeitet wird. Das zweite Kapitel "Die Mechanik von Stevin bis Huygens" behandelt die langsame Herausbildung der dynamischen, d.h. die Ursachen von Bewegungerscheinungen erforschende Betrachtungsweise und macht am Beispiel der Untersuchung der Fallgesetze die für den heutigen Leser nur schwer zu rekonstruierenden Schwierigkeiten in der Bil- dung physikalischer Begriffe anschaulich. So schien die Ansicht, daß die konstante Einwirkung einer Kraft auf einen Körper eine beschleunigte Bewegung hervorrufe paradox. Selbst Galilei ging noch davon aus, "daß eine konstante Bewegungsursache eine gleich- förmige Bewegung hervorruft und daß die Geschwindigkeit dieser Bewegung ein Maß für ihre Stärke ist". /407/ Im dritten Kapitel "Physik, Chemie und Naturphilosophie im 17. Jahrhundert" werden hauptsächlich die Entwicklung von Hydrostatik und Pneumatik und die Verarbeitung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu all- gemeinen Theorien über den Aufbau der Materie beschrieben. Den Abschluß dieses Kapitels bildet eine längere Untersuchung zur Axiomatisierung der Mechanik in Newtons "Principia" und dessen naturphilosophische Ansichten. Der Umfang des Buches (594 S.) läßt ahnen, mit welcher Genauig- keit die Entwicklung der klassischen Mechanik dargestellt wird. Der Leser wird nicht mit einer chronologischen Auflistung der Re- sultate naturwissenschaftlicher Forschung und dem klugen Kommen- tar eines Wissenschaftshistorikers konfrontiert, sondern in den Stand gesetzt, die Entwicklung der klassischen Mechanik in ihren Irrwegen zu verfolgen und die Aufdeckung physikalischer Zusammen- hänge sowie die mühsame Herausbildung zentraler Begriffe, wie etwa Kraft, Trägheit etc., nachzuvollziehen. Der Leser dieser ausgezeichneten Arbeit sollte sich aber immer darüber im klaren sein, daß das Kriterium für die Stoffauswahl, der vom Autor fi- xierte Abschluß des Entwicklungsprozesses der klassischen Mecha- nik - die Werke Newtons -, eine Einseitigkeit mit sich bringt, die leicht zu einem falschen Verständnis dieses Prozesses führen kann. Andreas Mehlitz zurück