Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976
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Rezensionen
KARIN HAUSEN/REINHARD RÜRUP (HRSG.): MODERNE TECHNIKGESCHICHTE,
KIEPENHEUER & WITSCH, KÖLN 1975
WOLFGANG JONAS (HRSG.)/VALENTINE LINSBAUER/HELGA MARX:
DIE PRODUKTIVKRÄFTE IN DER GESCHICHTE BD. 1, DIETZ VERLAG,
BERLIN 1969.
E.J. DIJKSTERHUIS: DIE MECHANISIERUNG DES WELTBILDES, SPRINGER
VERLAG, BERLIN, GÖTTINGEN, HEIDELBERG 1956
Die Geschichte der Technik ist zugleich über weite Strecken die
Geschichte des Verhältnisses von Wissenschaft und Produktion. In-
wieweit technikhistorische Forschung zu dessen Verständnis bei-
tragen kann, hängt von den theoretischen Prämissen ab, unter
denen sie betrieben wird. Unter diesem Aspekt werden die ersten
zwei Publikationen rezensiert, die jeweils den gegenwärtigen
Stand technikhistorischer Forschung und die unterschiedlichen An-
sätze in kapitalistischen und sozialistischen Ländern repräsen-
tieren. Die dritte Publikation ist eine ältere, zu Unrecht wenig
bekannte Arbeit zur Entwicklung der klassischen Mechanik.
Hinter dem Titel M o d e r n e T e c h n i k g e s c h i c h-
t e verbirgt sich eine Sammlung von sechzehn Aufsätzen und
Fallstudien, herausgegeben von Karin Hausen und Reinhard Rürup,
die "im wesentlichen die moderne Technik seit Beginn der
industriellen Revolution" /7/ behandeln. Die Sammlung wendet sich
an Historiker und Sozialwissenschaftler, mit ihr versuchen die
Herausgeber eine Zwischenbilanz der bisherigen technikge-
schichtlichen Forschung zu ziehen und in Forschungszusammenhänge
und thematische Schwerpunkte einzuführen. Die einzelnen Beiträge
sind in sechs, mit Vorbemerkungen der Herausgeber versehene
Themenbereiche gegliedert. Der Anhang umfaßt neben einem
Personenregister eine rund 900 Titel aufführende Bibliographie,
die im Frühjahr 1974 abgeschlossen wurde. Als Arbeiten aus den
sozialistischen Ländern sind in der Bibliographie Publikationen
aus der DDR sowie englische und französische Übersetzungen
polnischer und sowjetischer Autoren vertreten.
Im ersten Teil "Gegenstand und Methode der Technikgeschichte"
werden zwei Aufsätze (Maurice Dumas: "Technikgeschichte: ihr Ge-
genstand, ihre Grenzen, ihre Methoden"; George Daniels:
"Hauptfragen der amerikanischen Technikgeschichte") vorgestellt,
die der von der Herausgebern in ihrer Vorbemerkung konstatierten
Dominanz und Spezifik der angelsächsischen und französischen For-
schung Rechnung tragen sollen, aber nur verschiedene Ansätze in
oberflächlicher Weise Revue passieren lassen und eine bunte Mi-
schung von Fragen aufwerfen, ohne einen Weg zu möglichen Antwor-
ten zu weisen. Ein weiterer, "als Denkmodell äußerst fruchtbarer,
weil für wichtige Interdependenzen offener Forschungsansatz"
/28/, wie er etwa in der DDR vom Arbeitskreis "Geschichte der
Produktivkräfte" verfolgt wird, konnte, wie die Herausgeber mit
großem Bedauern in einer Anmerkung erklären, nicht dokumentiert
werden, da für den vorgesehenen Artikel keine Abdruckgenehmigung
zu erhalten war. In Anbetracht der Ansprüche, die die Herausgeber
mit dieser Aufsatzsammlung verbinden, ist die inhaltliche Aus-
klammerung dieses Forschungsansatzes unendschuldbar. Auch wenn es
für die Herausgeber unmöglich gewesen ist, den vorgesehenen Arti-
kel durch einen eigens für diesen Band geschriebenen zu ersetzen,
so hätten sie doch in ihrer Vorbemerkung näher auf den marxisti-
schen Ansatz eingehen müssen.
Im zweiten Teil "Naturwissenschaft und Technik" sind zwei Diskus-
sionsbeiträge zur Kontroverse über das Verhältnis von naturwis-
senschaftlicher und technischer Entwicklung in den Anfängen der
industriellen Revolution abgedruckt (Peter Mathias: "Naturwissen-
schaft und technischer Wandel von 1600 bis 1800; Milton Kerker:
"Die Naturwissenschaft und die Dampfmaschine"). Peter Mathias
weist in seiner viel Quellenmaterial auswertenden Arbeit nach,
daß die technische Entwicklung zu dieser Zeit noch weitgehend
unabhängig vom Stand der naturwissenschaftlichen Forschung war.
Milton Kerker versucht in seiner Fallstudie zur Entwicklung der
Dampfmaschine die entgegengesetzte These herauszuarbeiten, gibt
aber letztlich nur ein Beispiel dafür, wie man mit der iso-
lierenden Untersuchung von einzelnen Produktionsmitteln sich den
Zugang zu allgemeineren Beziehungen versperren kann. Eine dritte
Arbeit (John J. Beer: "Die Teerfarbenindustrie und die Anfänge
des industriellen Forschungslaboratoriums") untersucht anhand der
Vorläufer des Chemie-Monopolkonzerns Bayer die ökonomischen Be-
dingungen, die zur Herausbildung der Industrieforschung geführt
haben.
Thematischer Schwerpunkt der Beiträge in Teil drei und vier ist
die Beziehung von Technik und Wirtschaft. In Teil drei sind unter
dem Stichwort Theoretische Probleme zwei Arbeiten abgedruckt
(R.M. Hartwell: "Technik und industrielle Revolution"; Jakob
Schmookler: "Ökonomische Ursachen der Erfindungstätigkeit"), wel-
che die vor allem in den USA verbreitete Vorgehensweise technik-
historische Forschung mit Hilfe des statistischen Instrumentari-
ums wirtschaftswissenschaftlicher Theorien zu betreiben und tech-
nische Entwicklung in isolierte Faktoren zerlegt auf quantitative
Beziehungen zu reduzieren, in seiner Problematik deutlich werden
zu lassen.
Klarer wird das Verhältnis von Technik und Wirtschaft in den drei
Arbeiten des Teils vier "Innovationsprozesse" (Duncan Bythell:
"Die Anfänge des mechanischen Webstuhls"; Bertrand Gille:
"Technische Probleme der französischen Eisen- und Stahlindustrie
im 19. Jahrhundert"; Nathan Rosenberg: "Technischer Fortschritt
in der Werkzeugmaschinenindustrie 1840-1910"). Alle drei Beiträge
sind quellenreiche Fallstudien, die die Komplexität der Durchset-
zungsbedingungen neuer technischer Verfahren analysieren und
durch die Vielfalt der untersuchten Beziehungen zwischen techni-
scher Entwicklung und Faktoren wie Transportkapazitäten , Quali-
fikationsniveau der Arbeitskräfte etc. Anregungen für ähnliche
Studien bieten.
Der konkrete Zusammenhang von technischer, sozialer und ökonomi-
scher Umwälzung wird in den ersten zwei Arbeiten des Teils fünf
"Technik und Industriearbeit" (Gerd Hardach: "Technik und Indu-
striearbeit. Zur Sozialgeschichte der französischen Hüttenarbei-
ter in der industriellen Revolution"; Jürgen Kocka: "Von der Ma-
nufaktur zur Fabrik. Technik und Werkstattverhältnisse bei Sie-
mens 1847-1873") untersucht. Der dritte Beitrag (Alain Tourraine:
"Industriearbeit und Industrieunternehmen. Vom beruflichen zum
technischen System der Arbeit") reflektiert diesen Zusammenhang
in Bezug auf die zunehmende Automatisierung des industriellen
Produktionsprozesses und deren Auswirkung auf die Qualifikations-
struktur der Industriearbeiter.
Im letzten Teil "Technik, Staat und Politik" werden drei Fallstu-
dien vorgestellt (John G. Burke: "Kesselexplosionen und bundes-
staatliche Gewalt in den USA"; Clive Trebilcock: "Rüstung und In-
dustrie. Zum 'spin-off-Problem in der britischen Wirtschaftsge-
schichte 1760-1914"; Thomas P. Hughes: "Das 'technologische Mo-
mentum' in der Geschichte. Zur Entwicklung des Hydrierverfahrens
in Deutschland 1898-1933"), von denen nur die Arbeit von Trebil-
cock, in der er die Bedeutung der Rüstungsindustrie als Schritt-
macher für die allgemeine technische Entwicklung zu bestimmen
versucht, verallgemeinerbare Ergebnisse enthält und daher von
größerem Interesse sein dürfte.
Die einzelnen, qualitativ recht unterschiedlichen Arbeiten sind
mehr oder minder willkürlich den Themenbereichen zugeordnet, die
von den Herausgebern in keiner Weise als sinnvolle, sachlich be-
gründete ausgewiesen werden. Der unter dem Stichwort "Technik,
Staat und Politik" eingereihte Beitrag von Trebilcock hätte eben-
sogut in Teil IV "Innovationsprozesse" erscheinen können. Eine
Systematik, die sich orientiert an der Entwicklung der Technik,
wie sie in ihren Beziehungen zu anderen Produktivkräften und Pro-
duktionsverhältnissen bestimmt wird und bestimmend wirkt, fehlt.
Die verschiedenen Themenbereiche erscheinen als voneinander ge-
trennte Forschungsschwerpunkte; was Technik, Wissenschaft, Staat
und Wirtschaft verbindet, bleibt unerklärt. So finden sich zum
Verhältnis von Wissenschaft und Produktion in diesem Band auch
nur verstreute Informationen, lediglich in der Arbeit von P. Ma-
thias "Naturwissenschaft und technischer Wandel von 1600 bis
1800" wird dies Verhältnis explizit thematisiert. Im Rahmen der
abgedruckten Fallstudien werden zwar Beziehungen von technischer,
wissenschaftlicher und sozio-ökonomischer Entwicklung herausgear-
beitet, die wenigen allgemeinere Probleme behandelnden Beiträge
lassen aber keine Ansätze zur Verallgemeinerung der aus sorgfäl-
tigen Detailstudien gewonnenen Ergebnisse erkennen. Entsprechend
ernüchternd fällt das Fazit der Herausgeber aus: "Derzeit steht
keine umfassende Theorie zur Verfügung, die imstande wäre, Ursa-
chen, Formen, Wirkungen und Richtung des technischen Fortschritts
zu verorten" /121/. Die Herausgeber sind sich dieses theoreti-
schen Defizits durchaus bewußt. "Historikern und Sozialwissen-
schaftlern in der Bundesrepublik ist es kaum zu verdenken, wenn
sie angesichts dieses Diskussions- und Entwicklungsstandes gegen-
über der Technikgeschichte in kritischer Distanz verharren. Es
wäre aber an der Zeit, in kritischer Aufarbeitung der internatio-
nalen Diskussion auch in Deutschland in gemeinsamem Bemühen von
Historikern und Sozialwissenschaftlern Gegenstand und Methoden
technikgeschichtlicher Arbeit neu abzustecken. Dazu könnte nicht
zuletzt der Versuch beitragen, die derzeit aktuellen, aber rela-
tiv isoliert voneinander entwickelten methodischen Ansätze der
internationalen Forschung auf Kongruenz und Divergenz hin abzu-
klopfen und auf ihre systematische und forschungspraktische Aus-
sagekraft hin vergleichend zu überprüfen." /29/ Es bleibt festzu-
halten, daß die Herausgeber, offenbar ihrem eigenen Programm un-
treu geworden, die Darstellung eines methodischen Ansatzes der
internationalen Forschung unterlassen haben. Im Sinne des zitier-
ten Programms erlaubt sich daher der Rezensent auf ein Buch auf-
merksam zu machen, das vorzüglich geeignet ist, jenes theoreti-
sche Defizit auszugleichen und die Darstellung des marxistischen
Forschungsansatzes nachzuholen.
Der von Wolfgang Jonas herausgegebene Band D i e P r o d u k-
t i v k r ä f t e i n d e r G e s c h i c h t e 1 ist als
Einführung in den marxistischen Ansatz konzipiert. Der Band ist
in drei Teile gegliedert. In ihm wird versucht, die Entwicklung
der Produktivkräfte in ihren Wechselbeziehungen zu anderen
Sphären der Gesellschaft "von den Anfängen der Urgemeinschaft bis
zum Beginn der industriellen Revolution" nachzuvollziehen, den
zugrunde liegenden theoretischen Ansatz transparent zu machen und
die Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Geschichte der Pro-
duktivkräfte in ihrer Relevanz für den Aufbau einer sozialisti-
schen Gesellschaft aufzuzeigen.
Der erste Teil "Vom Werden und Wirken der gesellschaftlichen Pro-
duktivkräfte", verfaßt von Wolfgang Jonas, führt unter dem Aspekt
der Struktur des Gesamtsystems der Produktivkräfte in theoreti-
sche und historische Grundfragen ihrer Entwicklung anhand der
Darstellung der wesentlichen Charakteristika ihrer Entwicklungs-
epochen ein. Im ersten Abschnitt werden die Stufen der Auseinan-
dersetzung des Menschen mit der Natur von der künstlichen Erzeu-
gung des Feuers, der Überschreitung der Grenze der physischen
Kraft des Menschen durch die Übergabe der manuellen Bearbeitung
eines Werkstücks an einem Mechanismus bis hin zur wissenschaft-
lich-technischen Revolution im Überblick nachgezeichnet und die
entscheidenden Fortschritte in der Entwicklung der Produktiv-
kräfte in ihrer Bedeutung für die Abfolge der Gesellschaftsforma-
tionen und der Umwälzung ihrer spezifischen Produktionsverhält-
nisse markiert.
Im zweiten Abschnitt wird systematisch der von den Autoren ver-
folgte Ansatz aus den Arbeiten von Marx und Engels abgeleitet und
von den Ansätzen bürgerlicher Wissenschaftler abgegrenzt. Der
dritte Abschnitt macht am Beispiel der Periodisierung grundsätz-
liche Probleme in Bezug auf die gesellschaftlichen Kräfte der Ar-
beit und ihrer Naturbedingungen deutlich und zeigt, daß diese nur
auf der Grundlage einer breiten Analyse der jeweiligen Gesamt-
struktur der Produktivkräfte zu lösen sind.
Der zweite Teil "Probleme und Bilder aus der Geschichte der Pro-
duktivkräfte" stellt die Entwicklung der Produktivkräfte exempla-
risch in Abbildungen, ausgewählt von Valentine Linsbauer, dar,
die jeweils durch korrespondierende Quellen texte und Erläuterun-
gen kommentiert werden. So findet sich neben einem Bild aus dem
Jahre 1586, das die Aufstellung des 327t schweren Vatikanischen
Obelisken auf der Piazza San Pietro in Rom zeigt, der Bericht des
mit dieser Arbeit beauftragten Ingenieurs. An anderer Stelle wird
am Beispiel der Drehbank der qualitative Sprung zur Maschine,
"die Tatsache, daß das bearbeitende Werkzeug von einem Mechanis-
mus des Geräts gehalten und geführt wird", /126/ erklärt. Die Ab-
bildungen sind chronologisch geordnet, zur Verdeutlichung der
Entwicklung eines Teilsystems der Produktivkräfte werden aber
auch Bilder verschiedener Entwicklungsstufen, wie etwa Handwerk
und Manufaktur, unmittelbar gegenübergestellt.
Der dritte Teil "Zur methodischen Arbeit mit Stoffen aus der Ge-
schichte der Produktivkräfte im Geschichtsunterricht", aus der
Dissertationsarbeit von Helga Marx hervorgegangen, verfolgt ei-
nerseits das Ziel, den methodischen Aufbau des Buches vom Inhalt
her zu begründen und damit das Verständnis der anderen Teile zu
vertiefen, andererseits ein dem Stoffgebiet entsprechendes didak-
tisches Unterrichtskonzept zu entwickeln. Die Autorin beschränkt
sich darauf, von der Analyse des Stoffgebiets ausgehend dessen
didaktischen Implikationen ohne Rücksicht auf die variierenden
Unterrichtsbedingungen herauszuarbeiten. Das Konzept ist also
nicht speziell auf den Unterricht an den Schulen in der DDR zuge-
schnitten, sondern könnte auch Lehrern in der BRD und Westberlin
als Unterrichtsgrundlage dienen. Die Lernschritte sind entspre-
chend der marxistischen Methode des "Aufsteigens vom Abstrakten
zum Konkreten" angelegt, auf mögliche Schwierigkeiten, wie sie
sich z.B. aus der Verwendung von Schemata ergeben können, wird
nachdrücklich anhand der die Konzeption konkretisierenden Behand-
lung der "Spinning Jenny" eingegangen.
Die drei Hauptteile werden durch vier Karten, ausführliche Regi-
ster und eine auf den Abbildungsteil verweisende, historische und
strukturelle Zusammenhänge wichtiger Teilsysteme der Produktiv-
kräfte darstellende Übersichtstafel ergänzt.
Der Band Die P r o d u k t i v k r ä f t e i n d e r G e-
s c h i c h t e 1 ist eine leicht verständliche Einführung in
den in sozialistischen Ländern verfolgten Forschungsansatz, auf
der Grundlage des Historischen Materialismus einzelne Aspekte
historischer Forschung, wie Technikgeschichte, Wirtschaftsge-
schichte, Wissenschaftsgeschichte etc., in ihren strukturellen
Wechselbeziehungen als Geschichte der Produktivkräfte zu erfassen
und damit das Verhältnis von Wissenschaft und Produktion in sei-
ner Bedeutung für den jeweiligen Entwicklungsstand der Produktiv-
kräfte zu bestimmen. Zugleich bietet er den schon mit der Materie
vertrauten Lesern dank des Abbildungsteils eine Fülle von Quel-
lenmaterial und macht in den Textteilen auf viele, bisher noch
nicht systematisch herausgearbeitete Zusammenhänge aufmerksam und
damit neue Forschungsperspektiven deutlich.
Eine Untersuchung derart komplexer Beziehungen, wie sie die Ent-
wicklung der Produktivkräfte bestimmen, erfordert ohne Zweifel
die Arbeit mit verläßlichen Gesamtdarstellungen der Geschichte
einzelner Teilbereiche. Darstellungen zur Geschichte der Natur-
wissenschaften, die diese nicht mehr oder minder losgelöst von
ihrem weltanschaulichen Hintergrund beschreiben, sondern deren
Entwicklung in ihren Bezug auf diesen Hintergrund analysieren,
sind immer noch rar. Unter dem Titel D i e M e c h a n i s i e-
r u n g d e s W e l t b i l d e s hat der niederländischen
Wissenschaftshistoriker E.J. Dijksterhuis eine ausgezeichnete
Arbeit zur Entstehung der modernen Naturwissenschaften veröffent-
licht. Der Autor versucht, ohne daß auf Seiten des Lesers
besondere mathematische oder physikalische Kenntnisse voraus-
gesetzt werden, zu erklären, wie die mechanistische Natur-
wissenschaft zustande gekommen ist. Die Darstellung ist metho-
disch und begrifflich auf Newtons Arbeiten, in denen der Autor
den Abschluß des Entwicklungsprozesses der klassischen Mechanik
sieht, hin strukturiert.
Der Anfang dieses Prozesses wird nicht willkürlich bei Leonardo
da Vinci oder Galilei angesetzt, sondern aus der antiken Physik
und Naturphilosophie abgeleitet. Im ersten Teil werden unter dem
Stichwort "Erbgut des Altertums" die "Hauptströmungen des grie-
chischen philosophischen Denkens über die Natur", vom Pythagore-
ismus bis zum Neoplatonismus, und das "fachwissenschaftliche Erb-
gut", Mathematik, Astronomie, Physik, Technik etc., referiert so-
wie der Zusammenhang von antiker Naturphilosophie und den konkre-
ten Vorstellungen über Naturvorgänge herausgearbeitet.
Der zweite Teil "Die Naturwissenschaft im Mittelalter" geht aus-
führlich auf die philosophisch-theologischen Auseinandersetzungen
um die Rezeption der aristotelischen Physik und deren Auswirkun-
gen auf die physikalische ' Theoriebildung ein. Im Mittelpunkt
der Ausführungen stehen die Vorstellungen über die Struktur der
Materie und die Theorien über Fall und Wurf. Ein Beispiel für die
sorgfältige Arbeit des Autors liefern seine Ausführungen zu den
verschiedenen Hypothesen über die Erdbewegung, in denen er nach-
weist, daß schon 200 Jahre vor Kopernikus "Oresme die Theorie der
Achsendrehung auf eine Art behandelt hat, die Kopernikus nicht
mehr zu verbessern brauchte". /322/ Es ist ein hochzuschätzendes
Verdienst des Autors, daß er anhand solcher Detailuntersuchungen
die Entwicklung naturwissenschaftlicher Theorien von ihren Aus-
gangspunkten bis zu den einzelnen, die Fundamente der klassischen
Mechanik legenden Einsichten aufzeigt.
Unter der Überschrift "Die Vorbereitung und das Entstehen der
klassischen Naturwissenschaft" werden im dritten Teil die Anfänge
neuer, auf Gedankenexperimente und mathematische Überlegungen zu-
rückgreifende Lösungsversuche für die Probleme aus Mechanik und
Astronomie aufgedeckt. Neben allgemeineren Betrachtungen über den
Einfluß der Philosophie der Renaissance auf den Herausbildungs-
prozeß der klassischen Naturwissenschaft bestimmt der Autor die
aus der Entwicklung der Technik kommenden Impulse als empirische
Grundlage, ohne die weitere Fortschritte in der naturwissen-
schaftlichen Theoriebildung unmöglich gewesen wären. "So führten
der Gebrauch von Feuerwaffen und die Beobachtung der damit zu er-
zielenden Effekte dazu, daß die Bewegungserscheinungen in den
Mittelpunkt des Interesses gerückt wurden und daß also das im Al-
tertum noch kaum betretene Gebiet der Dynamik erschlossen wurde.
Die Gestalt der Geschoßbahn und der augenscheinliche Zusammenhang
zwischen der Größe der explodierenden Ladung, der Elevation des
Geschützes, dem Gewicht des Projektils und der Schußweite gaben
Anlaß zu Untersuchungen, die von größter Wichtigkeit für die Ent-
wicklung der Physik gewesen sind." /280/
Der vierte, bei weitem ausführlichste Teil "Die Geburt der klas-
sischen Naturwissenschaft" beginnt mit einer Darstellung der Ent-
wicklung der Astronomie von Kopernikus bis Kepler, in der sehr
genau die Verknüpfung von physikalischer Theoriebildung und welt-
anschaulicher Auseinandersetzung herausgearbeitet wird. Das
zweite Kapitel "Die Mechanik von Stevin bis Huygens" behandelt
die langsame Herausbildung der dynamischen, d.h. die Ursachen von
Bewegungerscheinungen erforschende Betrachtungsweise und macht am
Beispiel der Untersuchung der Fallgesetze die für den heutigen
Leser nur schwer zu rekonstruierenden Schwierigkeiten in der Bil-
dung physikalischer Begriffe anschaulich. So schien die Ansicht,
daß die konstante Einwirkung einer Kraft auf einen Körper eine
beschleunigte Bewegung hervorrufe paradox. Selbst Galilei ging
noch davon aus, "daß eine konstante Bewegungsursache eine gleich-
förmige Bewegung hervorruft und daß die Geschwindigkeit dieser
Bewegung ein Maß für ihre Stärke ist". /407/ Im dritten Kapitel
"Physik, Chemie und Naturphilosophie im 17. Jahrhundert" werden
hauptsächlich die Entwicklung von Hydrostatik und Pneumatik und
die Verarbeitung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu all-
gemeinen Theorien über den Aufbau der Materie beschrieben. Den
Abschluß dieses Kapitels bildet eine längere Untersuchung zur
Axiomatisierung der Mechanik in Newtons "Principia" und dessen
naturphilosophische Ansichten.
Der Umfang des Buches (594 S.) läßt ahnen, mit welcher Genauig-
keit die Entwicklung der klassischen Mechanik dargestellt wird.
Der Leser wird nicht mit einer chronologischen Auflistung der Re-
sultate naturwissenschaftlicher Forschung und dem klugen Kommen-
tar eines Wissenschaftshistorikers konfrontiert, sondern in den
Stand gesetzt, die Entwicklung der klassischen Mechanik in ihren
Irrwegen zu verfolgen und die Aufdeckung physikalischer Zusammen-
hänge sowie die mühsame Herausbildung zentraler Begriffe, wie
etwa Kraft, Trägheit etc., nachzuvollziehen. Der Leser dieser
ausgezeichneten Arbeit sollte sich aber immer darüber im klaren
sein, daß das Kriterium für die Stoffauswahl, der vom Autor fi-
xierte Abschluß des Entwicklungsprozesses der klassischen Mecha-
nik - die Werke Newtons -, eine Einseitigkeit mit sich bringt,
die leicht zu einem falschen Verständnis dieses Prozesses führen
kann.
Andreas Mehlitz
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