Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976
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Rezensionen
STREITBARER MATERIALISMUS UND BÜRGERLICHE IDEOLOGIE (II)
Wilhelm Raimund Beyer: "Die Sünden der Frankfurter Schule". Ein
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Beitrag zur Kritik der 'Kritischen Theorie'. Heft 10, 1971.
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Peter Reichet: "Verabsolutierte Negation". Zu Adornos Theorie
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von den Triebkräften der gesellschaftlichen Entwicklung.
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Heft 21, 1972.
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Wolfgang Richter: "Der Mythos vom Subjekt". Materialismus und
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Dialektik im Zerrspiegel der gegenwärtigen bürgerlichen
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Philosophie. Heft 38, 1974.
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Die Frankfurter Schule, die in den sechziger Jahren die wissen-
schaftlichen und ideologischen Auseinandersetzungen in der Sozio-
logie und in der Philosophie stark beeinflußte, hat heute in der
wissenschaftlichen und politischen Öffentlichkeit der BRD an un-
mittelbarer Aktualität verloren; ihre komplexe Rezeptions- und
Wirkungsgeschichte aber hält unvermindert an.
Die für die Entwicklung der Kritischen Theorie entscheidende Re-
zeption des Marxismus, die wesentlich, neben Horkheimer und Ad-
orno, von Marcuse und Habermas ausging, hat ungeachtet ihrer un-
terschiedlichen theoretischen und sprachlichen Ausformungen zu
einer gravierenden Um- und Fehldeutung der Marxschen Theorie ge-
führt. Bereits in dem von den Gründern der Frankfurter Schule
später vollzogenen Überzeugungswandel wurde das in den Anfängen,
vor allem bei Horkheimer, vorherrschende materialistische Wissen-
schaftsverständnis der Kritischen Theorie der dreißiger Jahre
entkräftet. So wurden, wie Beyer beispielsweise in seiner Schrift
anmerkt, materialistische Grundpositionen der frühen Arbeiten
durch hinzugefügte Nachworte geradezu widerrufen.
Gewiß ist es verfehlt, die antifaschistische Einstellung von Ver-
tretern der Frankfurter Schule und die aufklärerische Bedeutung
ihrer ideologie- und kulturkritischen Arbeiten zu verkennen. Sie
haben das Verdienst, die historischen Erfahrungen des Faschismus
ansatzweise verarbeitet und die Restaurationstendenzen kapitali-
stischer Verhältnisse in der BRD im Rahmen der sogenannten
"Kritischen Gesellschaftstheorie" analysiert zu haben. Die poli-
tischen Ereignisse der verschärften Klassenkämpfe und der
"außerparlamentarischen Opposition" der Studentenbewegung haben
jedoch gegen Ende der sechziger Jahre die von der organisierten
Arbeiterklasse isolierte und sich akademisch gerierende Frankfur-
ter Schule historisch überholt.
War spätestens zu dieser Zeit das politische Scheitern der Kriti-
schen Theorie der reale Ausdruck ihrer theoretischen Widersprüche
auf der weltanschaulichen Grundlage eines marxistisch amalgamier-
ten spätbürgerlichen Liberalismus, blieben der die gesellschaft-
lichen Klassenverhältnisse negierende Subjektivismus und der von
den historischen Gesetzmäßigkeiten abstrahierende Utopismus als
ideologische Relikte ihrer Theorie wirksam. Sie bildeten den phi-
losophischen Nährboden einer folgenreichen Marx-Revision, die
sich im Namen eines 'aufklärerischen Marxismus' im bürgerlichen
Wissenschaftspluralismus institutionalisiert hat. So ist festzu-
stellen, daß die Kritische Theorie als gesellschaftstheoretische
Fundierungswissenschaft", als erkenntniskritische Methodologie"
oder "materialistische Wissenschaftstheorie" sich in den Erzie-
hungswissenschaften und anderen geistes- und sozialwissenschaft-
lichen Fachdisziplinen verankert hat und so u.a. auch einem inte-
gralen Bestandteil des Reformmodells sozialdemokratischer Bil-
dungspolitik wurde.
Wenn heute die Kritische Theorie im Begriffe ist, sich aufzuspal-
ten, lebt allerdings ihr ideologisches Vermächtnis in einzelnen
philosophischen Richtungen programmatisch weiter. So konfrontiert
Habermas, der über Adorno sagt, daß er ein "chaotisches Gelände
hinterlassen" habe, Grundauffassungen der Frankfurter Schule mit
einem für ihn obsolet gewordenen Theoriebestand des Marxismus.
Das veranlaßte ihn, im Zusammenhang der Begründung einer Theorie
der Evolution des "Spät"-Kapitalismus und einer kommunikations-
theoretischen Hermeneutik als Wissenschaftstheorie den histori-
schen Materialismus "neu" zu formulieren. Ebenso beabsichtigt A.
Schmidt, Einheit und Kontinuität der früheren und späteren Kriti-
schen Theorie zu bewahren und sie als Konzeption eines "neuen
westeuropäischen Marxismus" zu vertiefen.
Was diese Verfallsformen idealistischer Marxismusinterpretationen
auszeichnet und über ihre ideologische Funktion hinaus relevant
macht, ist ihr dezidierter Anti-Leninismus. Er zielt in der Phi-
losophie insbesondere darauf, die systematische Einheit zwischen
dialektischem und historischem Materialismus als marxistisch-
leninistische 'Ideologie' des 'Sowjetmarxismus' zu entlarven, mit
dem Resultat, daß der revolutionäre Charakter der materialisti-
schen Dialektik als wissenschaftliche Methode und Theorie besei-
tigt ist. Wenn - nach Lenin - die Dialektik der Geschichte derart
ist, daß der theoretische Standpunkt des Marxismus seine Gegner
zwingt, sich als Marxisten zu verkleiden, ist es nicht zuletzt
die Kritik der Kritischen Theorie, die aufzuzeigen hat, in wel-
chem Maße dieser Mechanismus der revisionistischen Marxismusbe-
schäftigung in der Frankfurter Schule tätig ist. Die von der Kri-
tischen Theorie in Anspruch genommene Rechtfertigung einer
'immanenten Kritik am Marxismus' und einer authentischen
"Rekonstruktion" der wissenschaftlichen Aussagen von Marx, Engels
und Lenin wurde in einigen Heften der Reihe 'Zur Kritik der bür-
gerlichen Ideologie' untersucht.
Vor diesem Hintergrund stellt Beyers Kritik der Kritischen Theo-
rie für die politische Auseinandersetzung mit dem Marxismus-
Leninismus einen gewichtigen Beitrag dar. Kann hier auf die Viel-
schichtigkeit und den Gedankenreichtum seiner Ausführungen nicht
näher eingegangen werden, soll zumindest auf die Relevanz dieser
militanten Streitschrift hingewiesen und ein Kernpunkt der Unter-
suchung Beyers hervorgehoben werden.
Im Vorwort hält Beyer fest, daß die marxistisch-leninistische
Kritik sich nicht in der des Gegners erschöpfe; gerade materiali-
stische Kritik wird zum philosophischen Instrument der Praxis
klassenbewußten Denkens, wenn sie "gleichzeitig die eigene Posi-
tion des Marxismus-Leninismus für eine bestimmte Zeit, eben die
ihre, zu entwickeln und zu festigen" /9/ fähig ist.
Die übergreifenden Themenbereiche, 'Kritik' und 'Praxis', die
Beyers Überlegungen umfassen, sind zwar in Wissenschaft und Poli-
tik inflationär gehandhabte und standardisierte Schlüsselbe-
griffe, erfassen erst im Zusammenhang der strengen Begrifflich-
keit des Marxismus-Leninismus Struktur und Funktion des gesell-
schaftlichen Vermittlungsgefüges von ökonomisch-materieller Pra-
xis und ideologischer Bewußtseinsbildung.
Die besondere Bedeutung, die nun Beyers Argumentation zukommt,
ist es, daß er ein dem marxistisch-leninistischen Verfahren der
Kritik zugrundeliegendes Verständnis des Begriffs der Kritik als
ein erkenntnistheoretisches, allgemein-methodologisches und welt-
anschauliches Prinzip thematisiert.
Die Grundaussagen der Kritischen Theorie und des Marxismus-
Leninismus in polemischer Zuspitzung kontrapunktierend, geht es
Beyer u.a. darum, das theoretisch und praktisch wirksame Bezie-
hungsverhältnis von Theorie und Praxis im Prozeß der Kritik und
die idealistischen und materialistischen Komponenten ihrer theo-
retischen Beschaffenheit zu analysieren. So wie die dogmatische
Auffassung von Kritik seitens der Kritischen Theorie die Immuni-
sierung der Wissenschaft und die Entpolitisierung der Praxis zur
Folge hat, zeigt Beyer, wie die durch gesellschaftliche Praxis
vermittelte Kritik - als "Kritik der Kritik" /18/ - sich der hi-
storischen Bedingung ihrer gesellschaftlichen Funktion zu versi-
chern weiß.
Nach Beyer ist etwa Habermas' These eines orthodoxen "Selbstmiß-
verständnisses der Kritik als Wissenschaft" im Marxismus eine,
theoretische Verirrung des für die Kritische Theorie charakte-
ristischen Verfahrens "immanente Kritik" /87/, dessen philoso-
phische Prämissen und Schlußfolgerungen den dialektisch-
materialistischen Begriff der Negation eliminiert haben wollen.
Solange Kritik in "philosophischen Kategorien statt in solchen
der Aufhebung" /94/ ihrer philosophischen Voraussetzungen sich
realisiert, wird der Gegenstand der Kritik durch seine eigenen
theoretischen Bedingungen determiniert, auf denen die Theorie der
Kritischen Theorie als Kritik selbst gründet und so bei sich ver-
weilen muß. Hier unterliegt der Gegenstandsbezug der Philosophie-
und Ideologiekritik seinem Geltungs- und Rationalitätsanspruch
nach den ideologischen Grenzen ihrer eigenen Voraussetzungen des
agnostizistischen Subjektivismus und tranzendentallogischer
Selbstreflexion. Daher scheint Beyers historischer Hinweis auf
die Denkverbindung der Kritischen Theorie mit der
"junghegelianischen Kritik" zutreffend, die in der "Philosophie
der Selbsterkenntnis" und der "Kritischen Kritik" eine Bewegung
von Hegel zurück zum subjektivistisch begriffenen Fichte vollzog.
Das marxistisch-leninistische Verständnis von Ideologie- und Wis-
senschaftskritik begründet sich demgegenüber nicht aus sich
selbst, d.h. in den von der Theorie selbst gesetzten Vorausset-
zungen. Kritik bezieht sich nach Beyer auf den materiellen Zusam-
menhang der Praxis, der auf der Grundlage der Einheit des dialek-
tischen und historischen Materialismus den "Primat der Praxis"
/98/ systematisch erkennt. In der negativen Begriffsstruktur der
materialistischen Dialektik sieht Beyer das Vermögen der
"Widerspiegelung konkreter Sachverhalte auf der Seite des Be-
wußtseins" /20/, wodurch Erkenntnis historischer Gesetzmäßigkei-
ten und gesellschaftlicher Widersprüche gewährleistet wird. Den
systematischen Ort der marxistisch-leninistischen Kritik setzt
Beyer am Praxisbegriff an, den er im Rekurs auf Hegels Begriff
der Praxis in seiner Leninschen Deutung expliziert.
Ohne sich auf die in diesem Zusammenhang stellenden Probleme ei-
nes Systems und Wissenschaft der Dialektischen Logik näher einzu-
lassen, verdeutlicht Beyer die theoretische und gesellschaftliche
Funktion materialistischer Kritik als "Nahtstelle zwischen Theo-
rie und Praxis" /21/. Verabsolutierte die Kritische Theorie die
Dialektik zur 'Ontologie des falschen Zustandes' und erstarrte
sie im Dogmatismus der Nichtidentität, erwirkt im Gegensatz dazu
die im marxistisch-leninistischen Kritikbegriff wirksame materia-
listische Resistenz, den theoretisierenden Vereinnahmungen ge-
sellschaftlicher Praxismomente zu widerstehen.
Im Unterschied zum pragmatisch-utilitaristischen Wahrheitsbegriff
definiert Lenin "objektive Wahrheit" als das jeder Praxis inne-
wohnende "Moment der Gesellschaftlichkeit" /62/. Aufgrund der hi-
storischen und logischen Vermittelbarkeit gesellschaftlicher Pra-
xis durch die materialistische Theorie wird sie zum Gegenstand
objektiver Erkenntnis. Im Marxismus-Leninismus übernimmt des wei-
teren, so Beyer, das "Prinzip der Folge-Richtigkeit" /114/ die
Funktion eines methodischen Korrektivs in theoretischer und prak-
tischer Hinsicht mit dem Ziel, Richtigkeit und Fehlerhaftigkeit
praktischer Folgen als Kriterien der . eigenen Theorie zu opera-
tionalisieren. Die Folge-Richtigkeit, die elementar der "cui-
bono-Frage" als ein rationales Kalkül zugrundeliegt, qualifiziert
nach Beyer gleichermaßen die im dialektischen Materialismus be-
gründete marxistisch-leninistische Geschichtstheorie.
Der von seiten der Kritischen Theorie auf marxistische Stand-
punktphilosophie, ihr Systemdenken und ihre Möglichkeit von ob-
jektiver Erkenntnis historischer und logischer Gesetzmäßigkeiten
in Gesellschaft, Natur und Denken projizierten Verdacht des Posi-
tivismus, erweist sich als ein für die bürgerliche Theorie spezi-
fisches Merkmal unhistorischer und aporetischer Denkweise. Im
Prinzip der Parteilichkeit, worin der in jeder Theorie verwur-
zelte politische Gehalt identifizierbar wird, gewinnt der marxi-
stisch-leninistische Kritikbegriff seinen objektiven Ausdruck
klassenmäßiger Vernunft.
Beyer versichtet darauf, den logischen Status des Standpunkts des
Allgemeinen, die sich in der Dialektik von Erkenntnis und Praxis
geltend machende philosophische "Verallgemeinerung" /126/ aus-
führlicher zu behandeln; ebenso bleiben die methodologischen Pro-
bleme der Anwendbarkeit des Prinzips der Parteilichkeit uner-
wähnt. Anstelle dessen stützt sich Beyer auf philosophisch-poli-
tische Leitsätze des Marxismus-Leninismus, die sich durchgängig
apodiktisch ausnehmen und ihn dem Verdacht eines tendenziellen
Voluntarismus und Objektivismus aussetzen. Die wirkungsvollen,
wie er sagt, geschichtlich gebotenen Denknotwendigkeiten erzeugen
aber einen Erkenntnisoptimismus, der die politische Engagiertheit
des Verfassers am aufrichtigsten kennzeichnet.
Pierre Franzen
Es gilt, von zwei weiteren Schriften zur Kritik der Frankfurter
Schule zu berichten, die bei aller Verschiedenheit das gemeinsame
Interesse verfolgen, an kritischen Positionen der bürgerlichen
Nachkriegsphilosophie einen perennierenden Antikommunismus als
das beherrschende Prinzip zu erweisen. Vorweg sei bemerkt, daß
genau dies das beiden Schriften gleichermaßen zugrundeliegende
Verständnis von Ideologiekritik ist; ihr Gegenstand, die spätbür-
gerliche Philosophie, gilt ihnen nicht mehr wie noch die klassi-
sche Ideologie der progressiven Epoche des Bürgertums als notwen-
dig falsches und mithin an wahrer Erkenntnis immerhin interes-
siertes Bewußtsein, sondern eher als manipuliertes und manipulie-
rendes Bewußtsein, das die faktische Perspektivelosigkeit der im-
perialistischen Epoche lediglich raffiniert wie vergeblich zu
verschleiern suche. Der Begriff der ideologischen Auseinanderset-
zung wäre deshalb angemessener; da für die Autoren beider Schrif-
ten der klassenmäßige Standpunkt und die historisch epochale Zu-
ordnung der spätbürgerlichen Ideologie ausnahmslos feststeht, in-
teressiert die Verfasser an kritischen Positionen bürgerlicher
Philosophie ausschließlich nur die ideologische Differenz zum
Wissenschaftssystem des Marxismus-Leninismus. Diese Differenz ist
im Verständnis der Autoren unüberbrückbar, - lernen, so ist das
Fazit der Schriften, kann man von spätbürgerlicher Philosophie
nichts, schon gar nicht wissenschaftliche Erkenntnis. - Was kön-
nen wir nun andererseits von der marxistisch-leninistischen Ideo-
logiekritik in der Form, wie die Autoren der beiden Schriften sie
an dieser Philosophie üben, lernen?
Aus beiden Schriften von Reichel und Richter lernen wir vorder-
hand leider nur eine lange Liste von Differenzen und Abweichun-
gen. Beide Schriften stimmen darin überein, daß alle diese Abwei-
chungen letztlich in ideologischer Hinsicht durch einen prinzipi-
ell subjektivistisch konzipierten Denkansatz bedingt sind und daß
diese Hypostasierung subjektiver Faktoren im bürgerlichen Philo-
sophiebewußtsein in letzter Konsequenz die strategische Funktion
hat, sowohl in erkenntnistheoretischen als auch ontologischen
Grundfragen die Existenz objektiver Entwicklungsgesetze zu leug-
nen.
Wolfgang Richter konzentriert sich in seiner Schrift ausschließ-
lich auf diesen Mangel spätbürgerlicher Philosophie; er notiert
die typischen Abweichungen vom Konzept des dialektischen Materia-
lismus am Leitfaden der Marx-Rezeption innerhalb eines weiten
Spektrums westlicher Philosophie, das von neuthomistischen Rich-
tungen in der katholischen Sozialphilosophie über die Marx-Inter-
pretationen der Evangelischen Akademien der 50er und frühen 60er
Jahre, die marxologischen Reflexionen der phänomenologischen und
existentialistischen Schule in Frankreich, die Marxismus-Kritik
des Positivismus bis hin zu modernen revisionistischen Strömungen
reicht. Den Nerv dieser ideologischen Auseinandersetzung bildet
jedoch die Kritik des dialektischen Materialismus durch Vertreter
der Frankfurter Schule. Peter Reichel holt demgegenüber wesent-
lich weiter aus; er verfolgt im Zuge des Subjektivismus-Vorwurfs
unterschiedliche Abweichungen bürgerlicher Ideologie am Beispiel
des philosophischen Werkes Th. W. Adornos.
Der Subjektivismus schlägt sich nach Reichel in Adornos bürgerli-
chem Denken bereits im Methodischen nieder; Modelle, Skizzen und
punktuelle Reflexionen sind Adornos bevorzugte Darstellungsfor-
men; Begriffsdefinitionen und theoretische Deduktionen werden von
ihm gemieden. Entscheidender ist Adornos Insistieren auf der Re-
levanz des Besonderen gegenüber dem Allgemeinen, sein , leiden-
schaftlicher Angriff gegen Systemdenken, gegen Modelle der Syn-
thesis und Theorien der Totalität. Subjekt und Objekt sind in der
Einschätzung Adornos im Ausmaß einer Katastrophe entzweit; die
Welt als Ganzes gilt als das System des Grauens, dessen Wesen ein
Unwesen sei; Momente des Wahren findet er nur mehr auf Seiten des
Subjekts, das als ein Konkretes nicht mehr das Allgemeine, son-
dern das durchweg entfremdete, atomisierte und verwaltete ein-
zelne Individuum ist.
Peter Reichel geht nicht den Gründen und der Genesis einer philo-
sophischen Erfahrung nach, die sich in solchen Metaphern artiku-
liert. Vielmehr zieht er sie im Hauptteil seiner Schrift unver-
mittelt vor den hohen Richterstuhl einer Theorie der Triebkräfte
der gesellschaftlichen Entwicklung. Dieses Verfahren muß für Ad-
orno schlecht ausgehen. Denn seine geschichtsphilosophischen Prä-
missen sind in den Augen des Gerichts irrationalistisch; sie wen-
den sich im Namen eines abstrakten Utopismus gegen den gesell-
schaftlichen, wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt.
Zudem hat Adorno die Rolle der Produktivkräfte und die gesell-
schaftliche Funktion des Klassenantagonismus als die zentralen
Triebkräfte einer Entwicklung der Gesellschaft nicht nur ver-
kannt, sondern konsequent geleugnet. Nicht anders verhält es sich
nach Reichel in bezug auf die Fragen der ideellen geschichtlichen
Triebkräfte, der Organisiertheit der Arbeiterklasse und des Kol-
lektivismus; die Urteile lauten unterschiedslos Agnostizismus,
Elektizismus, Negativismus und Pessimismus.
Im Zuge dieser Verhandlung lernen wir also eine Menge über anti-
kommunistische Gehalte im philosophischen Denken Adornos. Wir
lernen indessen wenig über dieses spezifische Denken in seiner
Gesamtheit und - was bedauerlicher ist - über die argumentative
Struktur des historischen und dialektischen Materialismus selbst.
Denn dessen Erkenntnisse fungieren in Reichels Abhandlung als
starre Kriterien, die wie die Regeln in einer gerichtlichen Ver-
handlung nicht zur Diskussion, sondern nur zur formalen Anwendung
kommen. Angeklagter und Gericht sprechen nicht einmal die gleiche
Sprache; "Triebkräfte" beispielsweise sind für Adorno im Nachgang
zu Freud die Metapher für jenen Teil menschlicher Natur, der von
der Gesellschaft vergewaltigt und beherrscht wird, und keineswegs
die in der Gesellschaft heranreifenden Kräfte der Revolution.
Über Adornos Versuch, historische Erfahrung über den deutschen
Faschismus und Antisemitismus in psychoanalytischen Kategorien
kritisch in den Griff zu bekommen, geht Reichel umstandslos hin-
weg. Der monierte Irrationalismus der Adornoschen Geschichtsphi-
losophie reflektiert den ohnmächtigen Protest der Individuen ge-
gen unmittelbare Gewaltverhältnisse, die ihre eigene Geschichte
und die ihrer Kultur pervertieren. Gegenüber diesen spezifischen
Erfahrungen, die Adorno in der Kritik am Positivismus, an Herr-
schaftswissen und ontologischer Philosophie expliziert hat, be-
zieht Reichel ein nur abstraktes äußerliches Verhältnis. Er kri-
tisiert Adorno nicht im Rahmen seiner eigenen Problemstellungen,
d.h. er nimmt die spezifischen Fragestellungen nicht wahr, um die
subjektivistischen Lösungen Adornos im Zuge einer materialisti-
schen Kritik aufzuheben. Deshalb bleibt dem materialistischen An-
satz in Reichels Schrift kaum eine Chance, sich argumentativ am
Gegenstand der Kritik zu bewähren. So führt die ideologische Aus-
einandersetzung im entscheidenden Punkt nur zu einer abstrakten
Konfrontation: auf der einen Seite die totale Skepsis der negati-
ven Dialektik Adornos gegenüber jedem philosophischen Begriff der
Positivität und die Weigerung, einer philosophischen Sanktionie-
rung des Seienden in irgendeiner Form, und sei es in derjenigen
der Negation der Negation, das Wort zu reden, und auf der anderen
Seite die marxistisch-leninistische Lehre, die aufgrund dieser
Vorgehensweise ihre Theorie der objektiven Realdialektik nicht
argumentativ in der Kritik zur Geltung bringt, sondern lediglich
der Kritik formal vorausstellt.
Die Annahme der Existenz einer realen Naturdialektik ist für die
spätbürgerliche Philosophie, wie insbesondere nun Wolfgang Rich-
ter am Beispiel der oben bereits genannten Positionen im einzel-
nen zeigt, aber das Hauptangriffsziel im Rahmen ihrer Kritik des
dialektischen Materialismus. Hierbei erweist sich die Frankfurter
Schule als paradigmatisch für diese Philosophie bereits darin,
daß sie für ihre Kritik am Marxismus-Leninismus die Authentizität
ihrer eigenen Marx-Interpretation behauptet und dem System des
dialektischen Materialismus, neben der Wissenschaftlichkeit über-
haupt auch dessen eigene Tradition philoso<?>-streitig zu machen
sucht. Der Angriff geschieht durch die Relativierung <?>uthen des
Gegensatzes von Idealismus und Materialismus; weltkonstitutiv sei
dialek-<?> weder der Geist noch die Materie, sondern das Subjekt,
das, wenn nicht wie in einigen Versionen bereits in sich selber,
d.h. seiner Subjektivität, so doch zumindest in seiner tätigen
Praxis die Einheit beider immer schon herstelle. Nur in den Gren-
zen dieser Praxis und dieser Subjektivität gäbe es die Erfahrung
der Dialektik und deren Erkenntnis, außerhalb gerät das Bild von
Realität und Natur zwangsläufig zu dem Begriff der absolut frem-
den, undurchschauten und feindlichen Natur. Dem Konzept einer
subjektunabhängigen Dialektik, das nicht in dieser Weise zwischen
einer Natur als bloßem Moment der menschlichen Praxis und einer
anderen Natur, die für diese Praxis ohne inhaltliche Bedeutung
wäre, unterscheidet, begegnen die Vertreter der Frankfurter
Schule einfach mit den Argumenten ihrer Positivismus-Kritik.
Richters Auseinandersetzung mit dieser Position ist für den Leser
dadurch lehrreich, daß er das traditionell erkenntnistheoretische
Vorverständnis der Marxismus-Diskussion bürgerlicher Philosophie
sehr gut deutlich machen kann. Die Rede von dem Subjekt und sei-
ner Praxis als allein konstitutivem Moment für dt antwortet sinn-
voll nur auf tradierte Fragestellungen einer idealistischen Er-
kanntnistheorie; deshalb bleibt die Frage offen, ob in ihrem Rah-
men die Rezeption von Marx überhaupt authentisch vollzogen werden
kann. Diese Frage ist für Richter allerdings auch von vornherein
entschieden, und zwar negativ; es kommt hierüber in seinen Aus-
führungen nicht zu einer Diskussion. Vielmehr genügt er sich in
gleicher Weise wie Reichel bei seiner Kritik an Adorno mit der
Erstellung und definitiven Bestimmung der Unterschiede und Abwei-
chungen, in der "subjektivistisch-idealistischen Interpretation
der Realität" durch die bürgerliche Philosophie ihren gemeinsamen
ideologischen Grund haben. Es kommt sich, ob mit dieser Vor-
gehensweise der im Titel des Buches angesprochene Mythos vom Sub-
jekt" vom Standpunkt des dialektischen Materialismus nicht nur
benannt, sondern auch schon aufgeklärt ist.
Walter Gerhardt
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