Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976

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STREITBARER MATERIALISMUS UND BÜRGERLICHE IDEOLOGIE (III)

Herman Ley: Über die Schwierigkeiten des Einzelwissenschaftlers --------------------------------------------------------------- (Des Biologen Jacqes Monod Kritik am historischen Materialismus --------------------------------------------------------------- und der Zwang zur Philosophie in den Naturwissenschaften), Heft --------------------------------------------------------------- 25, 1973 -------- Besse, Ph. Gazelle, P. Jaegle, J. Metzger, J. Milhau, J. Ninio, --------------------------------------------------------------- P. Roubaud: Kritische Betrachtungen zu Jacques Monods 'Zufall und ----------------------------------------------------------------- Notwendigkeit', Heft 30, 1973 ----------------------------- Man muß sich fragen, warum das in den vorliegenden Arbeiten kri- tisierte Buch des Nobelpreisträgers Jacques Monod ("Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie", Pi- per Verlag München 1972) soviel Aufsehen erregt hat, noch immer zur Debatte steht. Bücher wissenschaftlich ebenso bekannter Fach- kollegen wie Salvador E. Luria ("Leben - das unvollendete Experi- ment") oder François Jacob ("Die Logik des Lebendigen"), dessen Mitarbeiter Monod war, haben das keineswegs, tun es bis heute nicht. Es kann das Aufsehen nicht am bloßen, wissenschaftlich gesicher- ten Wissen über Entstehung und Entwicklung, Struktur und Funktio- nen des Lebendigen liegen, wie es die Biologie uns heute vorstellt. Wohl kaum auch an der Form der Darstellung, denn Monod spricht keine einfache Sprache. Es ist vielmehr die Tatsache, daß ein bedeutender Fachgelehrter, selbst einst aktiver Kommunist, beansprucht, mit Argumenten aus seiner Wissenschaft die marxisti- sche Theorie, die materialistische Dialektik ein für allemal als unwissenschaftlichen Irrweg, als gefährliche Illusion zu entlar- ven. Diese Tatsache ist es, der das Buch seine Popularität ver- dankt, der es verdankt, überhaupt auf diese Weise publik gemacht worden zu sein. Die Biologie kann als der Bereich der Naturwissenschaften angese- hen werden, in dem gegenwärtig die weitreichendsten Umwälzungen und Neuentwicklungen stattfinden. Wie um die Jahrhundertwende hinsichtlich der Erkenntnisse der mo- dernen Physik, so gibt es heute eine gewisse Unsicherheit der biologischen Wissenschaften hinsichtlich ihrer theoretisch-metho- dologischen Grundlagen und weltanschaulichen Konsequenzen. Es gibt einseitige Interpretationen bestimmter Forschungsergebnisse und bestimmter Aspekte von Forschungsergebnissen. Monod demon- striert dies am Beispiel der Rolle der Invarianz und des Zufalls im Evolutionsprozeß des Lebendigen. Die Grundtatbestände des biologischen Evolutionsgeschehens, die autoreplikative Reproduktion des Erbguts und seine Veränderung durch spontane Mutationsvorgänge, übersetzt Monod in die bedeu- tungsschwangeren Begriffe des Konservatismus des Lebens und der Zufälligkeit seiner Entwicklung. - Aus der Tatsache, daß es keine direkte, gerichtete anpassende Einwirkung der äußeren bzw. inne- ren Umwelt des Organismus auf sein Erbgut gibt, der Informations- fluß hier also in gewisser Weise unlinear vom Genotyp zum Phäno- typ verläuft, macht Monod ein Argument gegen die Dialektik der Natur, die hier offenbar keine Wechselwirkung kennt. - Das sind Schwerpunkte in Monods Argumentation. In ihr sind drei selbst nochmals zu differenzierende Ebenen verflochten: eine naturwis- senschaftliche, eine philosophisch-ideologische und eine politi- sche; die philosophisch-ideologische Verallgemeinerung naturwis- senschaftlicher Erkenntnisse "begründet" eine weltanschaulich-po- litische Haltung. Soweit diese Struktur Allgemeinheit beanspru- chen kann, muß die wissenschaftliche Legitimität der Verallgemei- nerung als das entscheidende Kettenglied angesehen werden. Ley betont, daß sein Essay sich auf die Beschäftigung mit den von Monod aufgeworfenen philosophischen Fragen beschränkt. Sein An- liegen ist es, exemplarisch sichtbar zu machen, "in welchem Um- fang philosophisches Denken in jeden Erkenntnisprozeß eingreift und das Entscheiden im politischen Handeln beeinflußt" (25, S. 9). Den Ausgangspunkt der Auseinandersetzung bildet die 'Grundfrage' der Biologie: die widersprüchliche Einheit von zu- fälliger Veränderung (Mutation) und invarianter Reproduktion (Autoreplikation) im Evolutionsprozeß des Lebens sowie die daraus resultierende Frage nach dem zufälligen oder notwendigen Charak- ter des über den Selektionsmechanismus vermittelten Entwicklungs- prozesses selbst. Monod interpretiert diese Entwicklung - das wurde bereits angedeutet - als ein gigantisches Werk des Zufalls, das jede dialektisch vermittelte Entwicklungsnotwendigkeit aus- schließt. Ley arbeitet zunächst heraus, daß Monod zwar nicht durch das, was er explizit sagt, wohl aber durch das, was er im- plizit beschreibt, einen dialektischen Entwicklungszusammenhang reproduziert. "Die Sachverhalte erzwingen es, die Einheit von Notwendigkeit und Zufall zu behandeln, um von dem behandelten Mi- kroobjekt bis zur Erscheinungswelt und ihrem umfangreich belegten Evolutionsprozeß gelangen zu können" (25, S. 106). Gegen isolie- rende Verabsolutierung von Momenten des Zufälligen und Notwendi- gen im Evolutionsgeschehen verweist er mit Manfred Eigen gerade auf deren Wechselwirkung: -.... jedes durch Mutation und Selek- tion erhaltene System ist hinsichtlicher seiner individuellen Struktur unbestimmt, trotzdem ist der resultierende Vorgang der Evolution zwangsläufig - also Gesetz ..." (25, S. 121). Im zwei- ten Teil seines Essays geht Ley auf die Vorstellungen ein, die Monod zur evolutionären Entstehung des Denkens und zur Entwick- lung menschlicher Kulturen auf der Basis seiner naturwissen- schaftlich "begründeter" Zufallskonzeption entwickelt. Es fällt ihm hier nicht schwer, in der Konfrontation mit den Erkenntnissen des historischen Materialismus den spekulativen Charakter von Mo- nods Überlegungen sinnfällig zu demonstrieren, zumal Monod schließlich eine menschenwürdige Zukunft allein durch eine "Ethik der Wissenschaft" garantiert sieht, als deren letzte Grundlage er die "zufällige" Entscheidung der Wissenschaftler zur Objektivität ansieht. Strukturalismus und Existentialismus - so Ley - wider- sprechen sich hier nicht, sondern bilden umgekehrt nur zwei Sei- ten ein und derselben Medaille: einem gewissen strukturalen Ob- jektivismus auf der Ebene der Wissenschaft korrespondiert ein existenzialer Subjektivismus auf der Ebene der Politik. Auf eine nicht zu übersehende Schwäche dieses Essays bleibt am Ende hinzuweisen: Wenn es richtig ist, daß, wie eingangs bemerkt, die wissenschaftliche Legitimität der Verallgemeinerung naturwis- senschaftlicher Erkenntnis das entscheidende Kettenglied für die Kritik eines je besonders hergestellten Zusammenhangs von Natur- wissenschaft, Philosophie und Politik in der Theorie darstellt, so ist anzumerken, das Ley gerade an diesem Knotenpunkt oft nicht über antithetische Formulierungen hinausgeht; mithin dialektische Sichtweise des Sachverhalts und der daraus folgenden politischen Konsequenzen für eo ipso evident setzt. Seine Ausführungen haben schließlich nicht den Charakter einer rigorosen, demontierenden Analyse der Struktur der Monodschen Argumentation, seiner Inter- pretation des dialektischen und historischen Materialismus, den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Wurzeln dieser Inter- pretation sowie ihrem Resultat: jener "Ethik der Wissenschaft", geeignet, überholte "animistische" Weltvorstellungen wie den Mar- xismus zu ersetzen. Er hat dem eine dennoch anregende und geistreiche 'philosophische Plauderei' vorgezogen. Dabei erweist er sich jedoch als ein Gelehrter, der die Tradition der naturwis- senschaftlichen Materialisten aus Ernst Haeckels Monistenbund, dem auch er noch angehörte, im Zeichen der Erkenntnisse histori- scher und materialistischer Dialektik fortsetzt, als ein Kenner der Geschichte der Naturphilosophie. Die von Besse zusammengestellte und eingeleitete Sammlung von Aufsätzen französischer Theoretiker beschäftigt sich vom Stand- punkt der Philosophie (Milhau, Metzger, Roubaud), der Biologie (Ninio), der Physik (Jaegle), der Information- und Wahrschein- lichkeitstheorie (Cazelle) mit den entsprechenden Aspekten des Buches von Monod. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Überlegungen Jacques Mil- haus zur philosophisch-ideologischen Seite der Monodschen Kampf- schrift wider den Marxismus, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zunächst setzt er sich mit den hauptsächlichen Vorwürfen Monods an den Marxismus auf wissenschaftstheoretischer Ebene auseinander und versucht in der Entgegnung das Verhältnis von dialektischem Materialismus und Wissenschaften zu umreißen: Dialektik darf nicht vormarxistisch mißverstanden werden als ein "universeller Kanon", sie hat sich vielmehr auf die "besondere Logik des beson- deren Gegenstandes" einzulassen (30, S. 26). Die Verallgemeine- rung ihrer Grundgesetze "bliebe unbestimmt und steril, wenn sie nicht auf jedem Gebiet der Forschung differenziert und spezifi- ziert... würden" (30, S. 26). Insofern kann der dialektische Ma- terialismus nicht als eine totalisierende Entwicklungslehre ange- sehen werden, sondern ist seiner Grundintention nach aufzufassen als "das geniale Projekt einer Physiographie als einer erklären- den Beschreibung der wissenschaftlich erkannten Eigenschaften der Natur und aller ihrer Bewegungsformen" (30, S. 27). Sodann geht Milhau auf die ethischen und politischen Schlußfolgerungen aus Monods naturphilosophischen Betrachtungen ein: Seine subjektive "Ethik der Erkenntnis" und seine darauf aufbauenden Vorstellungen von einem "wahren Sozialismus" laufen auf die "Errichtung einer liberalen wissenschaftlichen Technokratie hinaus" (30, S. 38). Aber gerade dieser Subjektivismus darf nicht als zeitloses Hirn- gespinst angesehen werden: "Es scheint uns kein Zufall, wenn in unserer Zeit der Entwicklung des Monopolkapitalismus, der wissen- schaftlich-technischen Revolution und der Integrationspolitik wiederum, trotz der praktischen und theoretischen Widersprüche, ein Bedürfnis nach kritischer Theorie Kantschen Typs sowie nach einem moralischen Idealismus auftaucht, dessen gesellschaftliche Dimensionen man nicht verkennen darf" (30, S. 39). Milhau versucht, Monods Entwurf einer Ethik der Erkenntnis als Ideologie einer zukünftigen Gesellschaft auch im sozialhistorischen Kontext zu verorten, zieht die geschichtlichen Parallelen, verkürzt nicht antithetisch, sondern argumentiert bündnispolitisch: "...in unserer Zeit vom Marxismus als von einer Religion oder einem Animismus zu sprechen,, (ist) selbst dann falsch ..., wenn man den dialektischen Materialismus - weil man ihn nicht kennt und ihn daher falsch einschätzt - in Frage stellt. Die Wege dürfen nicht nebeneinander verlaufen " (30, S. 24) Während Metzgers und Roubauds Bemerkungen weder systematisch be- friedigen noch thematisch, wesentlich über den von Milhau und Ley (s.o.) abgesteckten Rahmen hinausgehen, ist es interessant zu be- obachten, daß den Naturwissenschaftlern, ganz im Gegensatz zu den "Philosophen", die auf der Ebene empirischer Verallgemeinerung gegebene Interpretation der von Monod beschriebenen biologischen Sachverhalte keineswegs unantastbar scheinen. Gazelle arbeitet den wahrscheinlichkeitstheoretischen Begriff des Zufalls heraus und zeigt, daß Monod mit diesem Begriff sehr willkürlich umspringt und ihn überdies mit der philosophischen Kategorie der Kontingenz durcheinderwirft. Jaegle weist darauf hin, daß Monod die Gesetze der Thermodynamik sehr extensiv auslegt und vor- schnell in der Form, wie sie für rein physikalische Systeme for- muliert wurden, auf biologische Funktionszusammenhänge überträgt. Ninio unterscheidet im Monodschen Diskurs, was die naturwissen- schaftliche Seite betrifft, die Ebenen der Molekularbiologie, der allgemeinen Biologie und der Physik und ordnet diesen Ebenen die jeweils entsprechenden Begriffe für Aspekte des gleichen Sachver- haltes zu, um dann Monods zentrale These von der absoluten Prio- rität der Invarianz gegenüber der Teleonomie im Entwicklungspro- zeß biologischer Strukturen im Lichte neuer Erkenntnisse über die abiogene Evolution zu relativieren. Dabei zeichnet sich ab, daß naturwissenschaftliche Forschung heute selbst beginnt, die Natur- gesetze als (natur)historisch gewordene Gesetze zu betrachten, eine Erkenntnis, die Marx und Engels in der Deutschen Ideologie bereits in abstrakter Form vorweggenommen haben. In der theoretischen Biologie geht die Entwicklung, wie Karl-Her- mann Köhler in einem in diesem Zusammenhang abschließend zu er- wähnenden Aufsatz ("Revolutionäre Umwälzungen im biologischen Denken der Gegenwart", in "Streitbarer Materialismus und gegen- wärtige Naturwissenschaft", Reihe "Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie", (33, 1974) bemerkt, unter Aufhebung des alten Wider- spruchs zwischen Mechanizismus und Vitalismus in Richtung auf die Konstitution einer strukturell-genetischen Bewegungs- und histo- rischen Entwicklungskonzeption, die die allgemeinen Aussagen des dialektischen Materialismus zugleich spezifiziert und bestätigt. Bürgerliche Ideologie liebt es, wie in den besprochenen Arbeiten am Beispiel Monods gezeigt wurde, Ergebnisse naturwissenschaftli- cher Forschung zur "Widerlegung" historischer und materialisti- scher Dialektik heranzuziehen. Die Auseinandersetzung mit dieser Praxis auf theoretischer Ebene darf jedoch - was weder Ley, noch Metzger und Roubaud vermeiden - nicht bei der Feststellung ste- henbleiben: naturwissenschaftliche Tatbestände und ihre empiri- sche Verallgemeinerung: ja; weltanschauliche Konsequenzen, philo- sophische Ummünzung: nein. Denn die Perversion naturwissenschaft- licher Erkenntnis, die "schlechte" Verallgemeinerung fängt be- reits auf der allgemeintheoretischen Ebene, noch im Bereich der Begriffskonstitution hier der theoretischen Biologie an und kann dann Rückwirkungen auch auf die Interpretation naturwissenschaft- licher Fakten haben. Die Trennlinie verläuft also noch innerhalb der Naturwissenschaft, die insofern eben selbst niemals reine Wissenschaft sein kann, als in ihr alle Ebenen theoretischer Ver- allgemeinerung (theoretische Naturwissenschaft, Philosophie, "Weltanschauung") interferieren. Sollen derart komplex geschich- tete Diskurse im Sinne marxistisch-leninistischer philosophischer Arbeit (Struktur sichtbar machen, Elemente auseinanderlegen, Kerne herausschälen, Demarkationslinien ziehen) aufgeschlüsselt werden, so erfordert ihre Praxis nach dieser Seite hin echte wis- senschaftstheoretische Arbeit, die noch, das zeigt die vorlie- gende Auseinandersetzung mit Monod, der Weiterentwicklung bedarf. Denn materialistische Kritik kann nur dann mehr sein als bloß ab- strakte Negation, wenn sie verwirklicht, was Engels als die Auf- gabe des "modernen Materialismus" ansieht: sich "in den wirkli- chen Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen" (MEW Bd. 20, S. 129). Hans-Jörg Rheinberger zurück