Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976
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Literaturberichte
Christoph Butterwegge
ZUR TYPOLOGIE SOZIALDEMOKRATISCHER PARTEIHISTORIOGRAPHIE
Die sozialdemokratische Parteigeschichtsschreibung erlebt gegen-
wärtig einen Aufschwung, der der Erklärung bedürftig ist. In den
Jahren 1974/76 wurde über die Entwicklung der SPD mehr veröffent-
licht als im Laufe der Dekade zuvor. Wenn man von einer Reihe
meist schon aufgrund ihrer sehr speziellen Themenstellung wenig
ergiebiger Monographien absieht, trat nach dem 1963 begangenen
Jubiläumsjahr der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeiterver-
eins zunächst eine Phase parteihistoriographischer Stagnation
ein, die erst überwunden wurde, als die vom Ende der sechzi-
ger/Anfang der siebziger Jahre datierende Linksentwicklung der
SPD ihren Niederschlag in einem wiederbelebten Interesse an den
Bedingungsfaktoren dieses Wandlungsprozesses und seines ge-
schichtlichen Kontextes fand.
Im folgenden soll versucht werden, die nach methodischem Ansatz
und Inhalt divergierenden Zweige der sozialdemokratischen Partei-
historiographie herauszukristallisieren, zu charakterisieren und
bezüglich ihres Erkenntnisinteresses sowie der daraus resultie-
renden unterschiedlichen Forschungsergebnisse zu klassifizieren.
Dabei kann es nicht unsere Aufgabe sein, notwendiges Grundlagen-
wissen über historische Daten und Fakten zu vermitteln oder gar
die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie neu zu schreiben.
Auch darf die Erörterung der hier zu behandelnden Thematik kei-
neswegs als abgeschlossen gelten, handelt es sich doch allenfalls
um einen ersten Anlauf, die Arbeiten von SPD-Historiographen mit-
tels eines zugegebenermaßen noch recht groben Rasters nach be-
stimmten Kriterien zu rubrizieren.
I Methodologie
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Grundlage der Bewertung einer wissenschaftlichen Abhandlung über
die sozialdemokratische Parteigeschichte muß die Bestimmung des
methodologischen Standortes ihres Verfassers sein. Denn wissen-
schaftstheoretische Prämissen und methodisches Vorgehen entschei-
den zusammen mit dem Grad der Vollständigkeit bzw. Repräsenta-
tivität des ausgewerteten Materials wesentlich über Qualität und
Quantität der Forschungsresultate. So birgt der Verzicht auf ein
tragfähiges wissenschaftstheoretisches Fundament und eine an
schlüssigen methodologischen Prinzipien orientierte Untersu-
chungskonzeption bei einem Problemgegenstand wie dem SPD-Werde-
gang angesichts der schier erdrückenden Materialfülle die Gefahr,
über eine ideengeschichtliche Chronik parteipolitischer Entschei-
dungen nicht hinauszukommen. Gerade weil sich die Mehrzahl der
zugänglichen Publikationen über die politische Entwicklung der
Sozialdemokratie darauf beschränkt, rein deskriptiv eine Reihe
von Oberflächenphänomenen herauszuarbeiten, ohne deren Genese an-
gemessen erklären und die Funktion bestimmter Einzelerscheinungen
sowie ihre Relevanz innerhalb eines politischen Gesamtzusammen-
hangs erfassen zu können, erscheint eine Diskussion methodischer
Alternativen der parteihistoriographischen Analyse sinnvoll.
Unerläßlich ist eine Reflexion über Möglichkeiten und Grenzen po-
litik- bzw. geschichtswissenschaftlicher Forschung: Allen Be-
mühungen um objektive Erkenntnis zum Trotz agieren Politikwissen-
schaftler und Historiker nicht in einem gesellschaftlichen und
politischen Vakuum, müssen vielmehr Stellung beziehen und werden
als erkennende Subjekte selbst Partei, auch wenn sie nichts davon
ahnen. Wie Wolfgang Abendroth bemerkt, "ist politische Wissen-
schaft notwendig Subjekt des politischen Prozesses und als sol-
ches Parteinahme in der politischen Praxis. So sehr sie - wie
jede Wissenschaft - volle Objektivität erstreben muß, so wenig
kann sie sie in dieser Situation jemals besitzen. Sie muß viel-
mehr, will sie diese Objektivität erstreben, diese ihre unaufheb-
bare Subjektrolle kennen und anerkennen" 1). Indem er der Behaup-
tung von der Neutralität politik-wissenschaftlicher Forschung
entgegentritt und den fiktiven Charakter eines solchermaßen über-
höhten Erkenntnisanspruchs herausarbeitet, plädiert Abendroth für
eine von jeglichem objektivistischem Legitimationsbedürfnis be-
freite Wissenschaft. Diese zeichnet sich dadurch aus, daß sie den
politischen Prozeß in seiner Geschichtlichkeit und seinem Gerich-
tetsein auf die Zukunft zu begreifen sucht, "ihren Ort klar kenn-
zeichnet und dadurch zur Diskussion (und sich selbst damit der
Kritik) stellt, also unverhüllt für ihre Konsequenzen Partei
nimmt" 2). Wer politikwissenschaftliche Forschungstätigkeit als
Politikum versteht, wird mit Abendroth die bedingungslose Offen-
legung der jeweils bezogenen Positionen fordern, die - und inso-
fern muß eine Politisierung der Politikwissenschaft erfolgen -
nur zu oft hinter dem Schleier unangreifbarer Wissenschaft ver-
borgen bleiben.
Auch Jürgen Habermas hat bereits in einer seiner frühen wissen-
schaftstheoretischen Arbeiten darauf hingewiesen, "daß der von
Subjekten veranstaltete Forschungsprozeß dem objektiven Zusammen-
hang, der erkannt werden soll, durch die Akte des Erkennens hin-
durch selber zugehört" 3). Aufgrund dieser Verknüpfung zwischen
der sozialwissenschaftlichen Analyse und ihrem Forschungs- bzw.
Problemfeld kann es den "freischwebenden" Sozialwissenschaftler,
d.h. einen Forscher, der gesellschaftliche Zusammenhänge unter-
sucht, ohne selbst in sie eingebunden zu sein, nicht geben. Der
Sozialwissenschaftler muß sich jederzeit seiner charakteristi-
schen Doppelrolle als Subjekt und Objekt des Erkenntnisaktes be-
wußt sein, will er die Resultate seiner Untersuchung als das er-
fassen, was sie sind: Reflexe der gesellschaftlichen Realität.
Angesichts des hier beschriebenen Tatbestandes spricht Habermas
in bezug auf die Soziologie - und seine Feststellung gilt in
gleicher Weise für die Parteihistoriographie - von der
"eigentümlichen Selbstimplikation dieser Wissenschaft in ihren
eigenen Gegenstand" 4).
Zu ähnlichen Aussagen über die Subjekt-Objekt-Relation im sozial-
wissenschaftlichen Forschungsprozeß gelangt Erich Hahn, der sich
auf die erkenntnistheoretischen Erwägungen in den Schriften der
marxistischen Klassiker stützt und bei seinem Versuch, die metho-
dologischen Grundprinzipien der Sozialwissenschaft aus den mate-
riellen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens abzuleiten,
alle Bestrebungen zurückweist, in der sozialwissenschaftlichen
Methodendiskussion von der gesellschaftlichen Vermitteltheit wis-
senschaftlicher Forschungsresultate zu abstrahieren. Wissenschaft
kann weder ihrem Wesen noch ihrer Intention nach eine vom jewei-
ligen gesellschaftlichen und geschichtlicher Umfeld abgehobene
Enklave bzw. eine ideologisch sterile und politisch indifferente
Sphäre neben und außerhalb der Gesellschaft sein. Die Sozialwis-
senschaften sind vielmehr "ein Bestandteil des gesellschaftlichen
Bewußtseins, welches sie (u.a.) gleichzeitig zum Gegenstand ihrer
Forschung machen. Ihr haften daher bis zu einem gewissen Grade
die gleichen Bestimmungen an wie ihrem Gegenstand. Klarheit hier-
über ist aber nur möglich, wenn der materielle Bestimmungsgrund
beider als solcher begriffen wird" 5).
Wer mit der Untersuchung bestimmter politischer oder historischer
Fragestellungen, also beispielsweise der SPD-Entwicklung von den
Anfängen bis zur Gegenwart, befaßt ist, muß auf die sozialen Le-
benszusammenhänge rekurrieren, in die Problemgegenstand und wis-
senschaftliche Fragestellung eingebettet sind. Aufgrund der Tat-
sache, daß der Sozialwissenschaftler sich nicht aus dem ihn umge-
benden sozialen Spannungsfeld lösen kann und in die Wahl seiner
fundamentalen Kategorien eine "vorgreifende Deutung der Gesell-
schaft im ganzen" 6) eingehen läßt, gewinnt das methodologische
Postulat an Bedeutung, die Scheinisolation des Untersuchungsge-
genstandes zu durchbrechen und den gesamtgesellschaftlichen Kon-
text mit in die Analyse des thematisch begrenzten Problemberei-
ches einer Studie einzubeziehen. Dadurch wird der Rahmen einer
reinen Parteigeschichtsschreibung gesprengt, begibt man sich doch
auf die wesentlich schwerer zugängliche Ebene der Gesamtgesell-
schaft, um von hier aus mit geschärftem Auge bestimmten Ereignis-
sen im parteipolitischen Raum nachzuspüren.
II Typologie
Jede relevante Strömung innerhalb des politischen Meinungsspek-
trums besitzt eine ihren spezifischen Interessen, sozialen Bin-
dungen und weltanschaulichen Überzeugungen adäquate Deutung hi-
storischer Prozesse, aus der heraus sie sich ideologisch legiti-
miert. Die Entwicklung der SPD hat seit jeher mehr als andere
Phänomene des gesellschaftlichen Lebens äußerst konträre Bewer-
tungen im Bereich von Wissenschaft und Publizistik erfahren. Den-
noch mangelt es der Fachliteratur an Versuchen, ein Klassifikati-
onsschema zu entwickeln, um die einzelnen Zweige der sozialdemo-
kratischen Parteihistoriographie trennen und die Vielzahl wider-
sprüchlicher Studien nach festzulegenden Unterscheidungskriterien
ordnen zu können.
Geschichtsschreibung - Parteihistoriographie zumal - ist einge-
bettet in das Spannungsfeld sozialökonomischer Interessengegen-
sätze, Wissenschaft und Politik zugleich, parteiisch, aber des-
halb nicht notwendigerweise parteilich. Die erste Aufgabe einer
vergleichenden Analyse der sozialdemokratischen Parteihistorio-
graphie heißt von daher Ideologiekritik 11), gilt es doch, das
Geschichtsbild jeder Forschungsrichtung in seiner sozialen Be-
dingtheit zu hinterfragen, das Untersuchungsprozeß bzw. Erkennt-
nisakt zugrundeliegende Bedürfnisgefüge aufzuhellen und das Leit-
motiv einer Beschäftigung mit der SPD-Historie zu erkennen.
Im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Methodendiskussion wurde
viel über die Vor- und Nachteile typologischer Verfahren räso-
niert. Typologien machen, wie Karl Theodor Schuon treffend be-
merkt, keineswegs den Endzweck der Forschung aus, verkörpern al-
lerdings Elemente einer weitergreifenden Untersuchungskonzeption,
die über den beschränkten Horizont heuristischer Prinzipien hin-
ausweisen. "Politologie kann auf Grund ihres reflexiven Charak-
ters nicht Modelltheorien liefern, sondern muß auf der Grundlage
der Einheit von Theorie und Praxis Sinnanalyse anstreben, die
ihrerseits wiederum auf typologische Begriffsbildung angewiesen
ist. Typologie erhält jetzt eine andere Funktion. Sie ist nicht
mehr Vorstufe zu einer Modelltheorie, sondern hermeneutisches
Hilfsmittel sprachlicher Verständigung und empirischer
Überprüfung, ihre Exaktheit nicht mehr vom 'Modell' her zu be-
stimmen, sondern festgelegt von der Sache und der Logik der Sinn-
analyse" 12).
Noch als wissenschaftliche Aufbereitung historischer Ereignisse,
weniger geronnene Vergangenheit denn politisch-praktische Beein-
flussung und Reflex der Gegenwart, ist die sozialdemokratische
Parteigeschichtsschreibung nicht einheitlich, sondern in sich
vielfach differenziert, wobei folgende Hauptströmungen unter-
schieden werden können: die bürgerlich-idealistische (akademi-
sche) Historiographie, die parteioffizielle bzw. -offiziöse
Forschung, der man ebenso wie ersterer ein apologetisches oder
jedenfalls ein quasi-apologetisches Erkenntnisinteresse zuordnen
muß, die "antirevisionistische" Parteigeschichtsschreibung, der
eine kondemnatorische Haltung zugrunde liegt, und schließlich die
traditionalistisch-marxistische Richtung, deren Untersuchungsre-
sultate sich aus einer kritischen Sichtweise der sozialdemokra-
tischen Parteivergangenheit erklären.
Methodische Basis und politischer Fundus dieser parteihistorio-
graphischen Schulen sollen nunmehr unter Wahrung des systemati-
schen Aufbaus einander gegenübergestellt werden, bevor wir im
Schlußkapitel, chronologischen Gesichtspunkten folgend, einzelne
Problemkreise der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung exem-
plarisch auf ihren Stellenwert für jeden der genannten For-
schungszweige hin prüfen.
Die bürgerlich-idealistische Parteihistoriographie
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Trotz ihres Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg hat die an den
Hochschulen der BRD und West-Berlins gelehrte Fachwissenschaft
bis heute noch keine zusammenhängende Darstellung der sozialdemo-
kratischen Parteigeschichte vorgelegt, die auch nur entfernt An-
spruch auf Vollständigkeit zu erheben vermöchte. Entweder ver-
bannte man das im Rahmen einer historischen Gesamtschau nicht zu
übergehende Thema in umfangreiche Standardwerke zur Nationalge-
schichte und widmete ihm aus diesem Grunde nur wenige Zeilen,
oder es wurde die Form einer Monographie gewählt, deren Gegen-
stand allenfalls Teilaspekte des Problems berücksichtigen konnte.
Schon ihr positivistisches Wissenschaftsverständnis, das von der
Fiktion wertfreier Forschung ausgeht, versperrt der akademischen
Historiographie den Zugang zum Wesen parteipolitischer Entwick-
lungen. Eine Parteigeschichtsschreibung, die den methodologischen
Postulaten des "deutschen Historismus" verpflichtet ist und ihr
Objekt aus seiner gesellschaftlichen Verankerung reißt, bleibt
auf der Erscheinungsebene stehen, verfährt also rein deskriptiv
und dringt aufgrund ihrer isolierten Betrachtungsweise nicht bis
zum eigentlichen Kern des Geschichtsablaufs vor. Indem die bür-
gerlichen Chronisten "die Parteien außerhalb der Interessen der
verschiedenen Klassen zu erklären suchen und den objektiven hi-
storischen Prozeß und seine Gesetzmäßigkeiten negieren, gelangen
sie über die Erkenntnis von Teilwahrheiten nicht hinaus und blei-
ben letzten Endes im Irrationalen stecken" 13). Ihr Versuch, die
revolutionäre Sozialdemokratie als bloßes Historikum neben ande-
ren für immer vergangenen Phänomenen ins Museum zu verbannen,
stempelt die akademische Geschichtsschreibung, deren Repräsentan-
ten sich in der Regel "auf eine von jedem ökonomischen und poli-
tischen Kontext losgelöste Beschreibung der Entwicklung der Par-
tei" 14) beschränken, zum Politikum, das zu sein von ihr vielfach
geleugnet wird.
Unter dem Schleier wissenschaftlicher "Objektivität", die jeder
Parteilichkeit entsagt, setzte die nach Exklusivität im universi-
tären Raum strebende bürgerliche Historiographie Westdeutsch-
lands, seit sie sich im Laufe der fünfziger Jahre durch den Fort-
schritt der Geschichtsschreibung in der DDR mit fundierten Unter-
suchungen zu Fragen aus dem Bereich der bis dahin von ihr sträf-
lich vernachlässigten Arbeiterbewegung konfrontiert sah, gezielt
ihre Kapazitäten ein, um die Notwendigkeit der Integration von
SPD und Gewerkschaften in den kapitalistischen Staat zu demon-
strieren. Dabei reduziert sie die Komplexität historischer Vor-
gänge nur allzuoft auf eine Illustration parteipolitischer Rich-
tungskämpfe, deren sozioökonomischer Kausalnexus verneint, ver-
nachlässigt oder gruppenpsychologisch verkürzt wird. Ralf Dahren-
dorf bedient sich gar tiefenpsychologischer Erklärungsmuster,
wenn er die Irrungen und Wirrungen der deutschen Arbeiterbewegung
auf eine "politische Todessehnsucht" zurückführt, der die Organi-
sationen des Proletariats verfallen seien, hätten sie doch "in
ihrem Willen, das Gute zu realisieren, mit Vorliebe politische
Vorstellungen und Praktiken entwickelt, die eben dieses unmöglich
machen. So kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Sozialdemo-
kratie zu allen Zeiten ihrer Entwicklung die politische Demokra-
tie gebraucht, sie zu nahezu allen Zeiten auch gewollt und
schließlich, wenn sie gefährdet war, verteidigt hat; die gesell-
schafts- und staatspolitischen Konzeptionen jedoch, die sie ver-
trat, haben ihrerseits eher zur Schwächung jener Verfassung der
Freiheit beigetragen, die sie hernach beklagte" 15). Und Wilhelm
Backhaus, der die deutsche Sozialdemokratie als "ein mit den üb-
lichen Mitteln der noch so vertieften Objektbehandlung schwerlich
zu lösendes Problemknäuel" bezeichnet und sie als "historisches
Kuriosum" jeder rationalen Analyse entzieht 16), macht den
"suggestiven Zwang eines nationalen 'Über-Ich'" dafür verantwort-
lich, daß die SPD, obwohl von sich und anderen als Kampfinstru-
ment der Arbeiterklasse begriffen, "stets von neuem und mit Nach-
druck gegen alle wirklich radikalen und revolutionären Massenak-
tionen" Widerstand leistete 17). Bei Hedwig Wachenheim werden die
tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Marx und Las-
salle, denen sich die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung in
zwei konkurrierende Parteien verdankt, entpolitisiert und auf ein
Problem persönlicher Rivalität, auf angebliche Defekte in der
Psychostruktur (Neidgefühle, Eifersucht) des ersteren reduziert,
eine immer wiederkehrende Argumentationsfigur im Denken bürgerli-
cher Historiker 18). Überhaupt läßt sich eine Tendenz zur Perso-
nalisierung des Geschichtsverlaufs, zur Individualisierung ge-
sellschaftlicher Phänomene sowie zur Privatisierung politischer
Konfliktfelder beobachten, die mit einer eher oberflächlichen Be-
handlung verfügbarer Quellen einherzugehen pflegt.
Die akademische Geschichtsschreibung erfüllt eine wichtige Auf-
gabe im Rahmen bürgerlicher Ideologieproduktion. Zu ihren zentra-
len Anliegen gehört die historiographische Entmarxifizierung der
deutschen Sozialdemokratie. So werden die marxistischen Wurzeln
der Arbeiterbewegung exstirpiert, der Einfluß l des historischen
Materialismus auf die proletarischen Massen wird bagatellisiert!
die engen Bindungen zwischen den Begründern des wissenschaftli-
chen Sozialismus und der Parteispitze werden eliminiert. Bei-
spielsweise gelangt Ralf Dahrendorf zu der Auffassung, "daß die
jahrelangen Bemühungen der SPD, Marx über Bord zu werfen, eigent-
lich verfehlt und sogar ein wenig amüsant waren, denn strengge-
nommen ist Marx nie an Bord gewesen" 19). Karl Marx gerät zur hi-
storischen Randfigur, die weder an der Wiege der Sozialdemokratie
gestanden noch die politische Position ihrer Mitgliedschaft ent-
scheidend geprägt hat 20). Die Rolle Marxens innerhalb der deut-
schen Arbeiterbewegung wird auf sein wissenschaftliches Wirken
restringiert, dessen praktische Relevanz man relativiert und zu-
gunsten reformistischer Bestrebungen hinwegredigiert. Als politi-
scher Widerpart fungiert in dieser historiographischen Konstruk-
tion Ferdinand Lassalle. "Seine Vorstellung hatte der Marxschen
voraus, daß sie die Arbeiterschaft im ganzen, sofort vom Augen-
blick ihres Auftretens an, zur politischen Aktivität und Organi-
sation anregt. Darum hat er und nicht Marx die politischen
Kräfte, die in der Arbeiterschaft schlummerten, erweckt und ist
er, und nicht Marx, zum Gründer der deutschen Arbeiterbewegung
geworden" 21). Durch die negative Überzeichnung in der Person
seines Schöpfers liegender Charaktereigenschaften soll offenbar
der Marxismus insgesamt getroffen und als für die kontinuierliche
Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei schädlich diskredi-
tiert werden, ohne daß eine inhaltliche Auseinandersetzung mit
diesem äußerst vielschichtigen Lehrgebäude erfolgten müßte.
"Im strategischen Konzept bürgerlicher Geschichtsschreibung, die
deutsche Arbeiterbewegung nachträglich gegen den Einfluß des Mar-
xismus zu immunisieren bzw. ihn als eine ephemere Erscheinung in
ihrer Geschichte zu kennzeichnen, kommt der Technik des Auseinan-
derlegens und kontrastierenden Gegeneinanderausspielens von Re-
form und Revolution, Theorie und Praxis, Nationalismus und Inter-
nationalismus eine zentrale Funktion zu" 22). Die akademische
Parteihistoriographie geht davon aus, daß die Sozialdemokratie
ihre revolutionäre Programmatik nicht im Laufe eines durch tief-
greifende Änderungen der konkurrenzkapitalistischen Wirtschafts-
struktur Deutschlands um die Jahrhundertwende bedingten Anpas-
sungsprozesses aufgab, sondern daß der Bewegung von Anfang an Mo-
mente inhärent waren und schließlich dominant wurden, die einer
Kongruenz von Theorie und Praxis entgegenstanden, eine zunehmende
"Entfremdung" zwischen beiden bewirkten und das sozialistisch-
marxistische "Dogma" zu einem bloßen Deckmantel des pragmatisch
zu bewältigenden Parteialltags degradierten. Doch lassen sich we-
der Belege für die behauptete "Diskrepanz zwischen politischem
Handeln und ideologischem Anspruch" 23) innerhalb der SPD des Er-
furter Programms von 1891 beibringen, noch kann ihr Versagen am
Vorabend des Ersten Weltkriegs mit einer "doppelten Loyalität,
sowohl gegenüber dem nationalen Staat als auch gegenüber der in-
ternationalen Arbeiterklasse, denen sich die Sozialdemokratie aus
langer Tradition gleichermaßen verpflichtet fühlte" 24), erklärt
werden. Wiewohl man die Problematik der Einheit von sozialisti-
scher Theorie und Praxis keineswegs verkennen darf, so wenig soll
übersehen werden, daß jene Widerspruchssymptome, die bürgerliche
Chronisten in die Partei hineinprojizieren, ihre eigenen sind.
"Die These vom Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis verdankt
sich dem Axiom, daß ein automatischer - allenfalls durch Un-
gleichzeitigkeiten zwischen technisch-ökonomischer und politi-
scher Entwicklung gehemmter - Zusammenhang zwischen Industriali-
sierung und dem Abbau von Klassengegensätzen bestehe, daß Reform-
fortschritte und Steigerung des Lebensstandards automatisch zur
Integration der Arbeiterschaft in das kapitalistische System füh-
ren müßten und daß deshalb Reform und Revolution einander aussch-
lössen: ihr Verhältnis wird als metaphysischer Gegensatz postu-
liert. Dabei wird die Frage ausgeklammert, auf welche Weise bis-
lang in der Geschichte denn Reformen überhaupt durchgesetzt wur-
den. Sie könnte nämlich zu der Antwort führen, daß Reformen bis-
her immer nur Ergebnisse von Klassenkämpfen waren oder allenfalls
als präventive Gratifikation an Teile der Arbeiterklasse gewährt
wurden, um diese zu integrieren und von der Masse der Arbeiter
politisch zu trennen" 25).
Gemäß seiner Prämisse, die kapitalistische Wirtschaftsordnung sei
die beste aller möglichen, führt der akademische Forschungszweig
SPD und Gewerkschaften als soziale Korrekturfaktoren des Systems
ein, die auf politischem bzw. ökonomischem Gebiet arbeitsteilig
an der Humanisierung und gleichzeitigen Effektivierung des Ge-
sellschaftsgetriebes mitzuwirken haben. Die Stabilisierung der
herrschenden Zustände basiert dieser "Integrationskonzeption" zu-
folge auf der gleichberechtigten Teilnahme einer sozial befriede-
ten Arbeiterschaft am öffentlichen Leben, die durch materielle
Zugeständnisse neutralisiert werden soll, was "die Überwindung
jener zugespitzten Polarisierung zwischen Arbeiterschaft und Bür-
gerlicher Gesellschaft' voraussetzt, die das Einleben und die
Verwirklichung der Demokratie in Deutschland immer wieder hintan-
gehalten hat" 26). In einem solchen Konzept muß die Anpassung der
SPD-Führung an vorgegebene politische und ideologische Struktu-
ren, die auf der Herrschaft des Kapitals über die Lohnarbeit
gründen, als conditio sine qua non jeder Wohlstands- und Frei-
heitssicherung für die übergroße Mehrheit des Volkes erscheinen,
wohingegen sozialistische Vorstellungen innerhalb der Arbeiterbe-
wegung als dogmatische Verfehlungen, anachronistische Irrlehren
oder utopische Phantastereien abqualifiziert werden. Denn die un-
verhohlene Parteinahme der bürgerlichen Geschichtsschreibung für
den reformistisch-integrationistischen Flügel der Sozialdemokra-
tie korrespondiert mit einer systematisch betriebenen "Diabo-
lisierung der Linken" 27), die sich auf den Boden des Theorems
von der "Industriegesellschaft" stellt. Die Integration der pro-
letarischen Organisationen in den bürgerlichen Staat wird "als
ein mit dem Übergang zur 'Industriegesellschaft' einsetzender
notwendiger, kontinuierlich ablaufender Prozeß hingestellt, des-
sen Durchsetzung angeblich das eigentliche Grundanliegen der Ar-
beiterbewegung selbst gewesen sei und der demzufolge den konzep-
tionellen Leitfaden der Gesamtdarstellung einer Geschichte der
Arbeiterbewegung bilden müsse" 28). Demnach ist die Entwicklung
der Sozialdemokratie zu einer "breiten demokratischen Volkspar-
tei", dem idealtypisch verklärten Wunschbild bürgerlicher Theore-
tiker, nicht nur "durch die soziale Umschichtung unabweisbar" ge-
worden, sondern war schon in der Entstehungsgeschichte dieser Be-
wegung angelegt 29). Jene prägnante Formel, auf die Reinhard
Kühnl das ideologische Substrat der von einer Arbeitsgruppe Mar-
burger Studenten untersuchten westdeutschen Geschichtsbücher
brachte, gilt gleichermaßen für den akademischen Zweig der sozi-
aldemokratischen Parteihistoriographie: "So wie es ist, so muß es
bleiben; die Geschichte beweist, daß es anders weder sein kann
noch sein darf" 30).
Die parteioffizielle bzw. -offiziöse Geschichtsschreibung
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Wie im einzelnen gezeigt werden soll, sind die Übergänge zwischen
der bürgerlichen Historiographie und dem parteioffiziellen bzw.
-offiziösen Zweig fließend. "Die fast vollständige Übereinstim-
mung zwischen der offiziellen Geschichtsschreibung der SPD und
der akademischen Wissenschaft macht es erklärlich, weshalb die
hauseigene historiographische Produktion der Sozialdemokratie
quantitativ so schmal ist. Die Annäherung der parteieigenen
historischen Publizistik an die allgemeinere bürgerliche Wissen-
schaftsöffentlichkeit wird zweifellos als ein weiterer Beitrag
zur 'Öffnung' der Partei - genauer: zum Aufgehen ihrer ideologi-
schen Arbeit in der bürgerlichen Theorieproduktion - verstanden"
31). Sich methodisch eng an die idealistische, von den materiel-
len Bedingungen, Produktivkraftentwicklung und Produktionsver-
hältnissen abstrahierende Konzeption der bürgerlichen Geschichts-
wissenschaft anlehnend, kommentiert die parteioffizielle bzw.
-offiziöse Historiographie die Wandlung in Politik und Programma-
tik im affirmativen Sinne. Der Parteispitze sowie der von ihr be-
einflußten sozialdemokratischen Hausgeschichtsschreibung fehlt
die Bereitschaft, sich der Gegenwart im Angesicht der Vergangen-
heit zu versichern. So degeneriert die mehrheitlich als Auftrags-
arbeit der parteieigenen Friedrich-Ebert-Stiftung lobbyistisch
eingefärbte Historiographie nur allzuleicht zur exkulpatorischen
Vergangenheitsbewältigung, schlimmer noch: zur Vergangenheitsver-
drängung.
Indem die apologetische Geschichtsschreibung den von sozialdemo-
kratischen Parteiführungen konsequent vorangetriebenen Adaptions-
prozeß um jeden Preis zu rechtfertigen sucht, reproduziert sie
deren Opportunismus und parodiert ihren eigenen Untersuchungsge-
genstand, auch wenn sie nichts davon ahnt. Man wird von dem Bemü-
hen beherrscht, die fragwürdige These des Godesberger Grundsatz-
programms pseudowissenschaftlich zu untermauern, wonach die gei-
stigen Wurzeln der Sozialdemokratie nicht im Marxismus, sondern
"in christlicher Ethik, im Humanismus und in der klassischen Phi-
losophie" zu suchen sind 32). Seitdem sich die SPD wieder stärker
auf ihre Geschichte besinnt, wurde alles daran gesetzt, eine Kon-
tinuitätslinie von Lassalles Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein
über die in Gotha vereinte und wenig später unter ein zwölf Jahre
währendes Ausnahmegesetz gestellte Partei Bebels bis zur Gegen-
wartssozialdemokratie zu konstruieren. Hatten schon die Hundert-
jahrfeiern der SPD 1963 dem Zweck gedient, "die Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung mit dem Godesberger Programm gleich-
zuschalten" 33), so sah sich die sozialdemokratische Führung in-
folge der viele Illusionen über eine krisenfreie Entwicklung des
Nachkriegskapitalismus zerstörenden Rezession von 1966/67 gezwun-
gen, das seitens weiter Teile der eigenen Mitgliedschaft und vor
allem der kritischen Jugend beklagte Theoriedefizit mittels einer
als Integrationsideologie auf reformistischer Grundlage fungie-
renden Geschichtsinterpretation zu kompensieren. Angesichts der
politischen Legitimationskrise des Systems und der wachsenden At-
traktivität des Marxismus war die Selbstdarstellung der Sozialde-
mokratie als Partei ohne Vergangenheit obsolet geworden. Die so-
zialdemokratische Parteigeschichte ließ sich nicht länger als Ta-
bula rasa behandeln, das mühsam geschaffene Image von der ideolo-
gischen Jungfräulichkeit verlor zusehends an Glaubwürdigkeit. Al-
lerdings steht die mehrfach geforderte "offene, selbstkritische
Analyse der eigenen Geschichte" bis heute aus, wofür Georg Eckert
das geistig-politische Klima des Kalten Krieges ebenso als Ent-
schuldigungsgrund nennt wie die ungünstige Archiv- und Quellen-
lage 34), was indes eher auf die prekäre Interessenlage einer die
originären, revolutionären Traditionen der deutschen Arbeiterbe-
wegung konterkärierenden SPD-Spitze zurückzuführen sein dürfte.
Denn auch die Phase historiographischer Abstinenz war wesentlich
bestimmt durch das Wechselspiel zwischen dem Kurs des Parteiesta-
blishments und der sozialdemokratischen Hausgeschichtsschreibung.
Parteigeschichte schreiben heißt Parteipolitik machen. -
Die parteioffizielle bzw. -offiziöse Historiographie akzeptiert
den ökonomischen und politischen Rahmen des kapitalistischen Sy-
stems, das sie jedoch für verbesserungsbedürftig erachtet, und
sucht den Nachweis zu führen, daß sich die Arbeiterbewegung als
mitverantwortlicher Partner der Unternehmerverbände an der weite-
ren Ausgestaltung des "Sozialstaates" bewähren muß, will sie den!
Intentionen ihrer Gründer unter modernen Bedingungen gerecht wer-
den. Institutionen wie die Große Koalition oder die Konzertierte
Aktion des ehemaligen sozialdemokratischen Wirtschaftsministers
Karl Schiller erfahren eine ausgesprochen positive Würdigung 35).
Zwar fordert Heinrich Potthoff, die Geschichte der SPD müsse "vor
dem Hintergrund der politisch-ökonomisch-sozialen Entwicklung be-
trachtet werden" 36), doch weder er noch irgendein anderer Ver-
treter seiner Richtung vermag sich aus dem Circulus vitiosus je-
ner apologetischen Parteihistoriographie zu lösen, die den tak-
tischen Zwängen einer sozialdemokratischen Funktionärsoligarchie
unterliegt und nichtsdestoweniger deren ideologisches Fundament
stets von neuem sanktioniert.
Den Dreh- und Angelpunkt der apologetischen Geschichtsschreibung
bildet die Hypothese eines Auseinanderklaffens von Theorie und
Praxis innerhalb da deutschen Sozialdemokratie vor dem Ersten
Weltkrieg. Dadurch, daß eine solche Kluft konstatiert wird, läßt
sich die historiographische Gretchenfrage verneinen, ob die SPD
der wilhelminischen Ära eine revolutionäre Klassenpartei im mar-
xistischen Sinne war. Will man der parteioffiziellen Geschichts-
version Glauben schenken, brachte erst das Godesberger Programm
"Theorie und Praxis widerspruchslos zusammen" 37). Wie die bür-
gerliche Fachwissenschaft hängen alle sozialdemokratischen Histo-
riker, soweit ihre Arbeiten parteioffiziellen bzw. -offiziösen
Charakters sind, der für den Bernsteinschen Revisionismus konsti-
tutiven Auffassung an, dieser habe der von Anbeginn reformisti-
schen Parteipraxis um die Jahrhundertwende auch theoretisch zu
ihrem Recht verhelfen müssen. Eduard Bernsteins Angriff auf den
Marxismus als programmatische Grundlage der SPD wird gewisserma-
ßen zum Gebot der Stunde hochstilisiert: "Der Revisionismus in
der deutschen Sozialdemokratie ist nur zu verstehen als Reaktion
auf die vulgärmarxistischen Dogmen und die Diskrepanz zwischen
der radikalrevolutionären Phraseologie der Partei und ihrer sozi-
alreformerischen Praxis" 38). Sich in die Formulierung einer po-
litischen Scheinalternative flüchtend, fragt Susanne Miller, ob
die Sozialdemokraten der damaligen Zeit ihre Zielvorstellungen
"auf dem Wege der Revolution oder (!) dem der Reform" zu reali-
sieren gedachten 39). Damit nimmt die Autorin eine undialektische
Entgegensetzung von Reform und Revolution vor, obwohl dieses Be-
griffspaar, wie schon Rosa Luxemburg in ihrer Kontroverse mit
Bernstein dargetan hatte, zwei sich wechselseitig bedingende Ele-
mente einer einheitlichen Strategie sozialistischer Gesell-
schaftsveränderung bezeichnet. "Für die Sozialdemokratie besteht
zwischen der Sozialreform und der sozialen Revolution ein unzer-
trennlicher Zusammenhang, indem ihr der Kampf um die Sozialreform
das Mittel, die soziale Umwälzung aber der Zweck ist" 40).
Überhaupt muß die von einer signifikanten Vernachlässigung der
historischen Rolle direkter Kampfformen des klassenbewußten Pro-
letariats begleitete Fixierung auf Erfolge sozialdemokratischer
Parlamentsarbeit und deren Verabsolutierung als integraler Be-
standteil jenes Zerrbildes gelten, das Theo Pirker anläßlich sei-
ner Kritik an der parteioffiziellen bzw. -offiziösen Geschichts-
falsifikation "die Legende der SPD von sich selbst" genannt hat
41). Die sozialdemokratische Hausgeschichtsschreibung kann ihre
prinzipielle Abneigung gegenüber außerparlamentarischen Mobili-
sierungsaktionen der Werktätigen nicht verheimlichen. Beispiels-
weise bedauert man die relativ späte Wiedervereinigung von Mehr-
heitssozialdemokratie und einem Großteil der aufgrund zunehmender
Opposition gegen die Politik der Kriegskreditbewilligung sowie
des Burgfriedens abgespaltenen USPD keineswegs wegen möglicher
Einbußen an organisatorischer Schlagkraft, sondern weil jeder
noch während der Revolutionswochen herbeigeführte Zusammenschluß
ein breites Echo gefunden und "die schnell um sich greifende Un-
ruhe der Massen ... von vornherein gedämpft oder weitgehend auf-
gefangen" hätte 42). Ein weiteres, demselben Zusammenhang ent-
stammendes Charakteristikum der apologetischen Historiographie
bildet ihre streng antikommunistische Orientierung, die sich in
der totalitarismustheoretisch drapierten Gleichsetzung von natio-
nalsozialistischer und KPD-Politik gegen Ende der Weimarer Repu-
blik ebenso manifestiert wie in der geschichtspropagandistischen
Ausschlachtung des Schismas der deutschen Sozialdemokratie, für
das der linke Flügel, nicht die den opportunistischen Tendenzen
nachgebende Parteiführung verantwortlich zeichnen soll. "Als
Werkzeug Moskaus mußten die Kommunisten schließlich auch die Ar-
beiterbewegung spalten, selbst da, wo sie noch nicht gespalten
war: in den Gewerkschaften und Kulturorganisationen - eine gera-
dezu verbrecherische Aktion gegen die Demokratie und die Arbei-
terschaft" 43). Neben dem in der politischen Publizistik immer
wieder auftauchenden, beinahe schon klassisch zu nennenden und
der Natur solcher Instrumentalisierungsthesen entsprechend natio-
nalistische und antisowjetische Ressentiments gleichermaßen frei-
setzende Topos von der "Fernsteuerung" einer als ständige Bedro-
hung des sozialdemokratischen Masseneinflusses empfundenen KP of-
fenbart Willi Eichlers Versuch einer Kriminalisierung des Kommu-
nismus die theoretische Unsicherheit führender Parteihistoriogra-
phen in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Dem Dilemma ei-
ner verbürgerlichten Arbeiterpartei, das Klasseninteresse ihrer
sozialen Basis verraten und doch zumindest verbal an dessen Ver-
tretung festhalten zu müssen, zollt die SPD-Hausgeschichtsschrei-
bung auf ihre Weise Tribut: "Nicht in den Emanzipationsbestrebun-
gen der Arbeiterklasse, sondern in ihrer Anpassung an die beste-
henden gesellschaftlichen Verhältnisse unter dem Deckmantel poli-
tischer Gleichberechtigung wird der Motor von Demokratisierung
und sozialem Fortschritt gesehen. Zwar wird formal am Emanzipati-
onsbegriff festgehalten, doch wird dieser seines ursprünglichen
Inhalts - nämlich Emanzipation der Arbeiterklasse und aller werk-
tätigen Bevölkerungsschichten von gesellschaftlicher Ausbeutung
und Unterdrückung durch Überwindung der kapitalistischen Verhält-
nisse in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat - entleert... Unter
diesen Prämissen erscheinen der kommunistische Flügel wie über-
haupt alle klassenkämpferischen Tendenzen der Arbeiterbewegung
als Störfaktor bei der Verwirklichung der Demokratie. Trotz gele-
gentlicher Distanzierung in der akademischen Literatur mündet
dieser Ansatz notwendigerweise in die Übernahme des Totalitaris-
musdogmas, da ihm jede politische Richtung, welche die Zusam-
menarbeit der Klassen gefährdet, unabhängig von politischer
Funktion und sozialem Inhalt als demokratiefeindlich gilt" 44).
Die "antirevisionistische" Parteigeschichtsschreibung
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Der sich als "antirevisionistisch" verstehende Forschungszweig
weist, was seine über weite Strecken idealistische Geschichtsaus-
legung wie die Bewertung bestimmter Einzelprobleme oder ganzer
Entwicklungsphasen betrifft, zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der
akademischen/apologetischen Parteihistoriographie auf. Einen
Schnittpunkt dieser drei Forschungsrichtungen markiert die Posi-
tion von Dieter Groh, Erich Matthias und Hans-Josef Steinberg,
auf deren Arbeiten sich, obwohl dem akademischen bzw. dem offizi-
ell-offiziösen Bereich sozialdemokratischer Parteigeschichts-
schreibung zuzurechnen, auch die Vertreter eines linkskommunisti-
schen Standortes berufen können 45). Ziel ist die historiographi-
sche Fundierung einer mit der Korsch-Rezeption zur Zeit der spon-
taneistischen, basisdemokratischen Modellen zugeneigten außerpar-
lamentarischen Protestbewegung (APO) Mitte der sechziger Jahre
wiederauflebenden Revisionismuskritik, die außer den sozialdemo-
kratischen auch die kommunistischen Parteien traf.
Arno Klönne hat zwei Varianten der funktionellen Einschätzung so-
zialdemokratischer Organisationen herauskristallisiert, die für
den antirevisionistischen Ansatz kennzeichnend sind. Die Theorie
des Klassenverrats begreift sozialdemokratische und "reformi-
stisch" gewordene kommunistische Bewegungen als "bloße Instru-
mente der herrschenden Klasse in den kapitalistischen Ländern -
Agenturen, die den Sonderauftrag der ideologischen Integration
der Arbeiter in das System wahrzunehmen haben", die Sozi-
alfaschismustheorie erklärt die Sozialdemokratie ebenfalls zum
Hauptgegener der politischen Linken, dessen wahrer Charakter sich
hinter der Maske progressiver Phrasen verberge: "Die Sozialdemo-
kratie trägt faschistische Herrschaft effektiver als alle unter
faschistischem Titel auftretenden Parteien oder Organisationen,
weil sie in weitaus größerem Umfange über proletarische Gefolg-
schaft verfügen kann und diese zum Träger der Konterrevolution
statt zum Potential der Revolution umzufunktionieren versteht"
46). Seiner Intention entsprechend, die lohnabhängigen Massen aus
der Einflußzone der SPD herauszubrechen, ohne jedoch eine poli-
tisch-programmatische und organisatorische Alternative offerieren
zu können, moniert die Geschichtsschreibung des antirevisionisti-
schen Flügels der westdeutschen Linken den Verzicht sozialdemo-
kratischer Politik auf revolutionäre Umsturzversuche, ignoriert
die dialektische Verknüpfung von parlamentarischem und Massen-
kampf, hypostasiert die Basisarbeit und minimiert demgemäß die
Bedeutung jeden institutionellen Engagements.
Bezeichnenderweise teilt die "antirevisionistische" Parteihisto-
riographie ihr zentrales Axiom, wonach die Sozialdemokratie des
ausklingenden 19. Jahrhunderts durch eine "Spannung zwischen der
Sonorität der Phrase in der Theorie und der opportunistischen
Biegsamkeit in der Praxis" 47) an der gedeihlichen Entfaltung po-
litischer Initiativen gehindert wurde, mit Bernstein und den Re-
visionisten, die sich angesichts heftiger Proteste gegen ihre Um-
stülpung des Marxismus auf diese Weise innerparteilich zu rehabi-
litieren hofften. Hansgeorg Conert bezeichnet es als Kernthese
seiner Studie über die Fraktionsbildung in der wilhelminischen
SPD, "daß die deutsche Sozialdemokratie zwischen dem Fall des So-
zialistengesetzes und dem Ausbruch des 1. Weltkriegs (zuvor und
danach ohnehin nicht!) keine marxistische Partei war, d.h. daß
die Marxsche Gesellschafts- und Geschichtstheorie sowie Kritik
der Politischen Ökonomie 1. von den Theoretikern und Führern der
Partei unangemessen, einseitig und entstellt rezipiert, 2. nicht
zur Grundlage der Entwicklung einer konsistenten Strategiekonzep-
tion genutzt wurde und 3. erst recht nicht die praktische Politik
der Partei bestimmte" 48). Auch Bernd Rabehl u.a. halten es für
eine Illusion, anzunehmen, die SPD habe "irgendwann in der revo-
lutionären Tradition des Marxismus gestanden" 49). Und Kurt Man-
delbaum charakterisiert die Sozialdemokratie gar als
"ausschließliche Zeitungsleser- und Wählerpartei", die sich
selbst jeder Möglichkeit beraubt habe, "die von ihr repräsen-
tierte Macht des Proletariats auch wirklich zu realisieren" 50).
Der Widerspruch zwischen marxistischer Terminologie und fakti-
scher Lethargie, seitens antirevisionistischer Historiker bis zur
Philippika gegen die Vorkriegssozialdemokratie verdichtet, re-
flektiert nichts anderes als das Verhältnis von Theorie und Pra-
xis der durch sie repräsentierten politischen Richtungsgruppie-
rung. Damit werden die Schwächen der eigenen strategischen Kon-
zeption auf die kämpferische Sozialdemokratie der Kaiserzeit pro-
jiziert und zum Hauptvorwurf gegenüber einem vorgegebenen Feind-
bild umfunktioniert, die Fehler einer reinen Negativorientierung
aber kaschiert oder zumindest rationalisiert. Georg Fülberth und
Jürgen Harrer zufolge versagen die antirevisionistischen Chroni-
sten bei der Einlösung ihres marxistischen Anspruchs, "weil sie
den Gegensatz von Proletariat und herrschenden Klassen ... nicht
aus dem Antagonismus von gesellschaftlicher Produktion und priva-
ter Aneignung herleiten und den Bereich der materiellen Produk-
tion selbst dort, wo sie sozial- und wirtschaftsgeschichtlich
verfahren, lediglich mit Kriterien der Produktivkraftentwicklung,
der Kapitalbewegung und der Verteilung analysieren" 51). Dadurch,
daß man vom jeweiligen Klassenkampfniveau bzw. vom Bewußtseins-
stand der Lohn- und Gehaltsempfänger abstrahiert, wird die Lehre
des Historischen Materialismus trotz verbaler Bekenntnisse zu ih-
ren methodologischen Prämissen heimlich dispensiert.
"Seit ihrem Ursprung bis 1914 war die SPD eine soziale und libe-
rale Oppositionspartei, die Teile der Arbeiter und der Kleinbür-
ger umschloß und die zu keinem Zeitpunkt ihre Abhängigkeit von
der bürgerlichen und imperialistischen Politik überwand" 52). Dem
linken Radikalismus der antirevisionistischen Theoretiker er-
scheint die SPD-Geschichte als der große Bluff, als Inkarnation
des Bösen, als ein einziger Betrug an den "revolutionären Volks-
massen". Nach Auffassung Bernd Rabehls stellt die deutsche Sozi-
aldemokratie seit jeher einen kleinbürgerlich-proletarischen
Klassenkompromiß dar, durch den die Arbeiter politisch inte-
griert, organisatorische absorbiert und ideologisch kastriert
werden sollten 53). Demzufolge wäre die SPD also zu keiner Zeit
die politische Interessenrepräsentanz der abhängig Beschäftigten,
sondern im Gegenteil ein bourgeoiser Agent provocateur in den
Reihen des Proletariats gewesen mit der Order, die unterdrückten
Schichten nur noch enger an das kapitalistische Ausbeutungssystem
zu ketten. Entstanden aus der "Verschmelzung zweier im wesentli-
chen lassallischer Richtungen" 54) (wieder fällt die Nähe zu aka-
demischer und parteioffiziöser Geschichtsschreibung auf), habe
sich die SPD, so behaupten ultralinke Historiker, nie aus der Um-
klammerung durch die bürgerliche Demokratie lösen können. Die
Überstrapazierung moralischer Kategorien und der Rückgriff auf
maximalistische Maßstäbe führen zu einer undifferenzierten Be-
trachtungsweise historischer Prozesse, wobei selbst völlig ver-
schiedene Entwicklungsphasen der Sozialdemokratie einander
gleichgesetzt werden. Die Konturen gehen verloren. Aber die SPD
unter Bebel war eine andere als die Brandts, Schmidts und Weh-
ners, sowohl programmatisch als auch politisch praktisch. Zur
wissenschaftlichen Durchdringung der sozialdemokratischen Partei-
geschichte trägt die antirevisionistische Forschungsrichtung nur
wenig bei.
Die traditionalistisch-marxistische Parteihistoriographie
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In der Nachfolge des wohl bedeutendsten sozialdemokratischen Hi-
storikers, Franz Mehring, und im Anschluß an die Arbeiten Wolf-
gang Abendroths, des einzigen marxistischen Theoretikers von
Rang, den die SPD nach 1945 hervorgebracht hat, bemühen sich jün-
gere Autoren seit geraumer Zeit, bei der Rekonstruktion einer
nicht selten vergessenen bzw. verzerrten Parteivergangenheit die
Zeugnisse (Briefe, Tagebuchnotizen u.a.) der Klassiker des wis-
senschaftlichen Sozialismus nutzbar zu machen, die überragende
Bedeutung des gesellschaftlichen Umfeldes für das Gedeihen der
sozialdemokratischen Bewegung angemessen zu berücksichtigen und
den historiographischen Kardinalfehler einer isolierten Rückschau
auf parteipolitische Ereignisse zu vermeiden. Denn weder aus dem
Seelenleben der Parteiführer noch aus den Veränderungen in der
Sozialstruktur ihrer Basis oder einer mysteriösen, integrativ und
nivellierend wirkenden Eigendynamik der "modernen Industriege-
sellschaft" kann sozialdemokratische Geschichtsschreibung ihre
Grunderkenntnisse über den Gang der Dinge schöpfen, sondern al-
lein aus der historisch-materialistischen Aufbereitung sozio-öko-
nomischer Determinanten und deren Widerspiegelung im politischen
Überbaubereich, speziell aber innerhalb der deutschen Arbeiterbe-
wegung.
"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte
von Klassenkämpfen" 55). Diese prägnante Formulierung der mate-
rialistischen Geschichtsauffassung aus dem Kommunistischen Mani-
fest bildet zusammen mit der von Engels überlieferten Einsicht,
"daß die ökonomischen Tatsachen, die in der bisherigen Ge-
schichtsschreibung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spie-
len, wenigstens in der modernen Welt eine entscheidende ge-
schichtliche Macht sind; daß sie die Grundlage bilden für die
Entstehung der heutigen Klassengegensätze; daß diese Klassenge-
gensätze in den Ländern, wo sie vermöge der großen Industrie sich
voll entwickelt haben,... wieder die Grundlage der politischen
Parteibildung, der Parteikämpfe und damit der gesamten politi-
schen Geschichte sind" 56), den marxistischen Fixpunkt einer sy-
stematischen Erforschung der sozialdemokratischen Parteivergan-
genheit. Abendroth fordert eine "Besinnung auf den geschichtli-
chen Gesamtprozeß der Entfaltung der Arbeiterbewegung", die er
als Voraussetzung dafür ansieht, "sich über die Situation unserer
gegenwärtigen Welt Klarheit zu verschaffen" 57). Eine die Analyse
der ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus und die Anamnese
der Klassenkämpfe reflektierende Parteihistoriographie gelangt zu
dem Schluß, daß die SPD spätestens mit der Bewilligung der
Kriegskredite am 4. August 1914 aufhörte, eine aktive und vor-
wärtstreibende Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Produk-
tionsmittelbesitzern und Lohnabhängigen zu spielen, vielmehr zu-
nehmend in das komplexe Herrschaftsgefüge des ob seiner politi-
schen Labilität nach Massenloyalität strebenden Systems eingebun-
den wurde.
Die traditionalistisch-marxistisch orientierten, links-sozialde-
mokratischen bzw. sozialistischen Historiker halten diesen Ver-
bürgerlichungsprozeß einer vormals revolutionären Arbeiterpartei
im Gegensatz zur marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung
kommunistischer Provenienz für reversibel. Sie gehen mehrheitlich
davon aus, daß die SPD, obwohl durch den verhängnisvollen Anpas-
sungskurs ihrer Führungsspitzen hinreichend kompromittiert, den-
noch im Zuge einer Verschärfung der kapitalistischen Widersprü-
che, sich zuspitzender Krisen und einer entsprechenden Intensi-
vierung der Klassenkonflikte wieder zu einer sozialistischen Par-
tei, daß "der Entwicklungsprozeß ... noch umgekehrt" werden kann
58). Um ihre Reversibilitätstheorie zu erhärten, verweisen die
traditionalistischen Marxisten mit einigem Recht auf die Ge-
schichte sozialdemokratischer bzw. sozialistischer Parteien des
westeuropäischen Auslands, deren politische Entwicklung unter
günstigen sozialökonomischen Bedingungen einen entsprechenden
Verlauf genommen hat. In diesem Zusammenhang ist vor allem Frank-
reich zu nennen, wo aufgrund der modellhaften Transformation
einer rechtssozialdemokratischen (SFIO) in eine sozialistische
Partei (PSF) binnen weniger Jahre eine völlig neue Situation auf
der Linken entstand, die ihren beredten Ausdruck im Programm der
Volkseinheit fand. "Zwar lassen sich französische und auch ita-
lienische Verhältnisse nicht auf die BRD übertragen - dort sind
z.B. die kommunistischen Parteien wesentlich stärker als die So-
zialistischen Parteien -, aber dennoch bietet gerade 'Das gemein-
same Regierungsprogramm der Sozialisten und Kommunisten in
Frankreich' eine Orientierung und ein Beispiel für den Weg, den
auch die Sozialisten in der SPD einschlagen müssen, wenn sie eine
grundlegende Veränderung wirklich wollen" 59).
Ein gewichtiger Grund für die anhaltende rege Publikationstätig-
keit der traditionalistisch-marxistischen Parteihistoriker dürfte
darin zu suchen sein, daß die übrigen behandelten Forschungsrich-
tungen in der Vergangenheit ein deutliches Übergewicht besaßen
und das westdeutsche Geschichtsbild im Hinblick auf die Organisa-
tionen der Arbeiterbewegung nahezu allein prägten. Von einschlä-
gigen Studien aus der DDR wegen ihres geringen Verbreitungsgrades
hierzulande einmal abgesehen, wird in den neueren Arbeiten der
Traditionalisten auch wieder der tagespolitische Bezug der heute
vorherrschenden Parteihistoriographie problematisiert, den man
jahrelang außer acht gelassen hatte. "Ebenso wie die Selbstinter-
pretation der frühen Revisionisten und die Kautsky-Kritik Korschs
ist auch die nach 1945 dominante, vor allem durch Matthias formu-
lierte historische Einschätzung der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands durch aktuelle politische Interessen bestimmt.
Matthias' und seiner Nachfolger Kautsky-Deutung hatte den Zweck,
eine historische Legitimation der Entwicklung der SPD zu einer
pragmatischen 'Volkspartei' in der Bundesrepublik zu liefern. In-
dem behauptet wurde, daß der Marxismus niemals Bedeutung für die
praktische Auseinandersetzung der Sozialdemokratie mit der bür-
gerlichen Gesellschaft hatte, konnte die in den fünfziger Jahren
proklamierte 'Entideologisierung' der SPD als das Abwerfen von
Ballast verstanden werden, der die Partei immer nur behinderte,
für ihre Erfolge aber nicht von Relevanz war und dessen Voraus-
setzungen nunmehr - in einer Gesellschaft, die eine völlige Inte-
gration der Arbeiterklasse in das bestehende System sowie eine
ständige Steigerung des Lebensstandards ermöglichte - entfielen"
60). Demgegenüber stellt sich die kritische Parteigeschichts-
schreibung in die Tradition der kämpferischen Sozialdemokratie
vor dem Ersten Weltkrieg und knüpft bewußt an die Überlegungen
von Karl Marx, Friedrich Engels und August Bebel an, wonach die
Arbeiterklasse die politische Macht erobern muß, um die Eigen-
tumsverhältnisse umwälzen zu können. Vor allem letzterer kann ge-
radezu als Schlüsselfigur der traditionalistisch-marxistischen
Historiographie gelten. "Mitbegründer und Organisator der deut-
schen Sozialdemokratie; selbständiger Propagandist des Marxismus;
Diskussionspartner von Marx und Engels, der ihnen immer wieder
die Realität der Klassenkämpfe in Deutschland vermittelte und um-
gekehrt ihre wissenschaftliche Arbeit, bereichert durch seinen
eigenen theoretischen Beitrag, auf die deutsche Praxis anzuwenden
versuchte; der führende Parlamentarier der deutschen Arbeiterbe-
wegung; ein unbeirrter Feind des Revisionismus in Theorie und
Praxis: all dies war August Bebel" 61). Während die reformi-
stisch-integrationistische Variante sozialdemokratischer Partei-
geschichtsschreibung Bebel unter Berufung auf die eher schwan-
kende Haltung gegen Ende seines Lebens für sich zu reklamieren
sucht, hebt Georg Fülberth vier Leistungen hervor, die den im Al-
ter schon wegen seines äußerst schlechten Gesundheitszustandes
natürlich nicht mehr mit der gewohnten Härte auftretenden Partei-
vorsitzenden zum unvergeßlichen Symbol der klassenbewußten Sozi-
aldemokratie werden ließen: das Ringen mit dem Opportunismus, die
Herausbildung neuer Organisationsprinzipien unter dem Soziali-
stengesetz, die Entwicklung einer revolutionären Parlamentstaktik
sowie die Durchsetzung der marxistischen Theorie innerhalb der
Partei 62).
Besonders energisch widersprechen die traditionalistisch orien-
tierten Autoren der weitverbreiteten Ansicht, nach dem Fall des
Sozialdemokratie und Gewerkschaften weitgehend illegalisierenden
Ausnahmegesetzes im Jahr 1890 habe sich die Partei zwar verbal
zum Marxismus bekannt, ihre Alltagspraxis sei jedoch schon damals
auf sozialpolitische Korrekturen innerhalb des Kaiserreiches be-
grenzt gewesen. Die programmatische Position der Vorkriegssozial-
demokratie war keineswegs ein ideologischer Schleier, unter dem
sich eine kleinbürgerlich-sozialliberale Realpolitik verbarg,
sondern, wie Franz Mehring zu berichten weiß, von den Parteimit-
gliedern Satz für Satz "in jahrzehntelangem Ringen erarbeitet,
erkämpft, erlebt worden" 63). Alle Spekulationen über eine sich
vertiefende Kluft zwischen dem klassenkämpferischen Anspruch der
alten Sozialdemokratie und einer durch wortradikale Parolen ver-
klärten, aber im Grunde systemkonformen und nur deshalb erfolgge-
krönten Parteiwirklichkeit wird nach Meinung der traditionalisti-
schen Marxisten von den Quellen ad absurdum geführt. "Die histo-
rische Wahrheit ist gerade umgekehrt. Trotz theoretischer Män-
gel... war die Praxis der Sozialdemokratie der damaligen Zeit
entsprechend den vorherrschenden Bedingungen revolutionär ausge-
richtet, d.h. sie entsprach der gesetzmäßigen Entwicklung des ge-
sellschaftlichen Prozesses und mußte daher in dieser Phase zum
Erfolg führen" 64). Vor allem aber tritt die marxistische Histo-
riographie dem Homogenitätsmythos entgegen, der eine Linearent-
wicklung der SPD suggerieren will und deshalb zwangsläufig zu in
sich unstimmigen Aussagen kommt. "Von einer einheitlichen Ge-
schichte der deutschen Sozialdemokratie kann ... in keiner Weise
gesprochen werden, sondern lediglich von gegensätzlichen Konti-
nuitätslinien, wobei sich die Forderung nach einer selbständigen
Klassenpolitik sozialdemokratischer Politik bis heute in einer
Minoritätsposition innerhalb der mehrheitlich vom Soziallibera-
lismus beherrschten westdeutschen Sozialdemokratie gehalten hat"
65).
III Ideologie
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Die vorgestellten Strömungen sozialdemokratischer Parteige-
schichtsschreibung unterscheiden sich zwar keineswegs durchgängig
voneinander, sondern stimmen in der Beurteilung vieler Detailpro-
bleme auch überein, doch interessieren an dieser Stelle natürlich
primär solche Zeitabschnitte, Entwicklungstrends und Grund-
satzentscheidungen, die kontrovers diskutiert werden und von da-
her den Blick auf ideologische Differenzen lenken. Paradigmatisch
wollen wir uns mit der Periode vom Erlaß des Sozialistengesetzes
1878 bis zur Verabschiedung des Erfurter Programms 1891 befassen,
weil hier die politische Determiniertheit der einzelnen Ge-
schichtsbilder besonders deutlich zutage tritt. Eigentlich han-
delt es sich um zwei Themenkomplexe, die jedoch eng zusammenhän-
gen. Zunächst werden die Auswirkungen des "Gesetzes gegen die ge-
meingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" auf die Par-
tei (Parlamentarisierung versus Radikalisierung) erörtert, sodann
wird die Frage nach der Einschätzung des in Erfurt noch unter dem
Eindruck der Aufhebung des Ausnahmegesetzes beschlossenen Pro-
grammdokuments gestellt. Dabei ließ sich die von uns bevorzugte
Methode des synoptischen Vergleichs nicht immer durchhalten. Um
die spezifischen Interpretationsmuster der vier parteihistorio-
graphischen Schulen ad oculos demonstrieren zu können, haben wir
die auftretenden Friktionen allerdings gerne in Kauf genommen.
Längst bevor Otto von Bismarck die Attentate Hödels und Nobilings
auf den greisen Kaiser mit der Vorlage eines Ausnahmegesetzes zum
Generalangriff auf die Sozialdemokratie nutzte, hatte sich die
Partei massiver Repressalien von seiten des monarchischen Obrig-
keitsstaates zu erwehren gehabt. Doch wie der Leipziger Hochver-
ratsprozeß gegen Bebel, Hepner und Liebknecht im Jahre 1872, so
waren auch eine Reihe anderer Gerichtsverfahren, wenn schon nicht
im Sande verlaufen, dann aber doch zu Agitationsforen umfunktio-
niert worden, die das sozialdemokratische Gedankengut bekannt
machten. Das am 19. Oktober 1878 vom Deutschen Reichstag verab-
schiedete "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der
Sozialdemokratie" mußte nun die Entscheidung darüber bringen, ob
die herrschenden Klassen das aufbegehrende Proletariat mit poli-
zeistaatlichen Mitteln würden in die Knie zwingen können, oder ob
die nach dem Gothaer Vereinigungskongreß alsbald konsolidierte,
in Theorie und Praxis gleichermaßen Fortschritte verzeichnende
Sozialdemokratie selbst schwersten Belastungen standzuhalten ver-
mochte, die sich überdies gar als eine Quelle moralisch-politi-
scher Stärke erweisen sollten.
Das Ausnahmegesetz erlaubte zwar die Mitarbeit sozialdemokrati-
scher Abgeordneter in den Parlamenten und die Beteiligung an den
Wahlen, doch mußte die Paralysierung des Parteilebens eine ent-
scheidende Schwächung der Bewegung nach sich ziehen, gelang es
nicht, die Klippen der Illegalität zu umschiffen. Wegen der not-
wendig gewordenen Auflösung der sozialdemokratischen Leitungsor-
gane fielen wichtige Führungsfunktionen automatisch an die
Reichstagsfraktion, deren einzig durch die entstandene Notsitua-
tion legitimierte Monopolstellung im Bereich öffentlicher Artiku-
lation und interner Entscheidungsbildung Spannungen mit den im
Untergrund agierenden Kadern geradezu herausforderte. "Die Parla-
mentsvertreter der Sozialdemokratie waren unter den Bedingungen
der Illegalität durch die Partei selbst nicht zu kontrollieren,
die innerparteiliche Demokratie war ihnen gegenüber faktisch au-
ßer Kraft gesetzt" 66). Eine Geschichtsschreibung, die den oben-
genannten Umstand übersieht und in dem außergewöhnlichen Machtzu-
wachs der Fraktion unter dem Sozialistengesetz die Ursache für
die Ausformung des "parlamentarische(n) Charakter(s) der Sozial-
demokratie" zu erkennen wähnt 67), legt den Schwerpunkt ihrer Be-
trachtungen einseitig auf die Initiativen der Abgeordneten, woge-
gen der ebenso opfer- wie erfindungsreiche Kampf der "einfachen"
Parteimitglieder, die tagtäglich ihre berufliche Existenz und die
soziale Sicherheit ihrer Familien aufs Spiel setzten, unberück-
sichtigt bleibt. Jeder Überbewertung des parlamentarisch-institu-
tionellen Komplexes für die Parteientwicklung abhold, akzentuiert
die traditionalistisch-marxistische Historiographie stärker den
persönlichen Einsatz der sozialdemokratischen Aktivisten, die
keinen Moment zögerten, den ihnen von Junkertum und Großbour-
geoisie hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. Daß die sich
eben erst formierende Emanzipationsbewegung des modernen Proleta-
riats diese Machtprobe siegreich bestand, ließ Franz Mehring vom
"Heldenzeitalter" der deutschen Arbeiterklasse sprechen 68). Ob-
wohl die traditionalistischen Marxisten keineswegs verkennen, daß
die Partei auch in ihrer heroischen Periode nicht frei war von
opportunistischen Abweichungen, die das parlamentarische Wir-
kungsfeld überbewerteten und meist in der Fraktion selbst ihren
Ausgang nahmen, weisen sie doch zugleich auf die solche Neigungen
zwangsläufig hervorrufenden Faktoren hin: den Druck der staatli-
chen Zwangsmaßnahmen und die Fortschritte auf dem Gebiet der So-
zialgesetzgebung. "Vorwiegend handelte es sich bei diesen Er-
scheinungen unter dem Sozialistengesetz weniger um bewußt refor-
mistische Arbeiterpolitik als um defensive Reflexe auf die Re-
pression" 69).
Von einer putschistischen Mißdeutung des Revolutionsbegriffs aus-
gehend, bezeichnet Hedwig Wachenheim die Haltung der Sozialdemo-
kratie unter dem Sozialistengesetz als "unrevolutionär" 70). Die
Unhaltbarkeit dieser Position bedarf keiner ausführlichen Erörte-
rung. Denn natürlich kam eine bewaffnete Erhebung des sozialdemo-
kratischen Anhangs schon wegen seiner zahlenmäßigen Schwäche und
der haushohen Überlegenheit des staatlichen Machtapparats über-
haupt nicht in Betracht. "Während der Beratung des Sozialistenge-
setzes war innerhalb der sozialdemokratischen Partei selbstver-
ständlich schon die Frage erwogen worden, was nach seinem Erlasse
zu tun sei. Ein gewaltsamer Widerstand gegen die Entrechtung der
Arbeiterklasse wäre einfacher Wahnsinn gewesen, aber auch der na-
heliegende Gedanke einer geheimen Organisation wurde sofort und
auf immer verworfen. Für eine breite und mächtige Volksbewegung
war alle Geheimbündelei unmöglich, und wäre sie dennoch versucht
worden, so würde sie nur ein der Polizei erwiesener Liebesdienst
gewesen sein" 71). Der Auffassung Mehrings widersprechend, kon-
statiert Karl Friedrich Brockschmidt einen Gegensatz zwischen der
um den Bestand der Organisation fürchtenden sozialdemokratischen
Führung bzw. der erstmals Einfluß auf die politischen Entschei-
dungen gewinnenden Parteibürokratie und den proletarischen Mit-
gliedern, die deren kapitulatives Verhalten nach dem Inkrafttre-
ten des Ausnahmegesetzes korrigierten. In der disparaten Entwick-
lung der Sozialdemokratie während der nächsten Jahre ununterbro-
chener Verfolgungen und Behinderungen findet dieser Zielkonflikt
seinen Niederschlag: "Die Sozialdemokratie hatte ... unter dem
Sozialistengesetz eine widerspruchsvolle Bewegung durchlaufen:
Eine Radikalisierung in der Ideologie und eine Verstärkung der
opportunistischen," Züge ihrer Praxis" 72). Die etablierte Fach-
wissenschaft in der BRD hat das hier zum Ausdruck gebrachte In-
terpretationsschema aufgegriffen, die sozialdemokratische Hausge-
schichtsschreibung tendiert jedoch aus naheliegenden Gründen
stärker dazu, die Partei als monolithischen Block zu behandeln,
was sie der Peinlichkeit enthebt, über die Dissensmöglichkeiten
im Verhältnis von Führung und Massen räsonieren zu müssen. Statt
dessen wird die historische Wahrheit regelrecht auf den Kopf ge-
stellt, wenn selbst Bebel, der sich nicht nur 1884/85 bei der
Entscheidung darüber, ob die sozialdemokratische Reichstagsfrak-
tion einer nach festgelegten Punkten modifizierten Regierungsvor-
lage, die eine kolonialpolitisch motivierte Subventionierung
deutscher Dampfschiffahrtslinien nach Übersee verlangte, würde
zustimmen können, als konsequenter Streiter für einen kompromiß-
losen Kurs gegenüber dem preußisch-reaktionären System des Kai-
serreiches erwies, eine Umdeutung im "gemäßigten" Sinn erfährt,
zum Kronzeugen des "demokratischen Sozialismus" der heutigen SPD-
Spitze wird: "Das Sozialistengesetz von 1878 sollte die Partei
vernichten. Das Gegenteil trat ein: August Bebel verhinderte, daß
die Partei sich radikalisierte. Er rückte die parlamentarische
Tätigkeit ins Zentrum und demonstrierte durch deren Lebendigkeit
vor der Mitgliedschaft und der öffentlichen Meinung die ungebro-
chene Lebenskraft der Partei. Immer mehr prägte sich dem Bewußt-
sein der Partei der parlamentarische Weg als der einzig gangbare
Weg sozialdemokratischer Politik ein" 73).
Die marxistischen Historiker erkennen der gegenläufigen Tendenz
den Primat zu. Sie betonen in erster Linie die mit der Entfaltung
massenhaften Klassenbewußtseins korrespondierende Radikalisierung
der Parteimitgliedschaft, die sie nicht nur auf den unmittelbaren
Effekt der restriktiven Handhabung die politische Betätigung von
Sozialdemokraten betreffender Rechtsnormen durch Polizei und Ju-
stiz zurückführen, sondern aus der sozioökonomischen Situation
des Kapitalismus vor dem Eintritt in sein monopolistisches End-
stadium (Imperialismus) herleiten. "Die objektive ökonomische
Grundlage der Radikalisierung war die Verschärfung des Wider-
spruchs zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater An-
eignung, deren deutlichstes Merkmal in dieser Zeit das unter-
schiedliche Entwicklungstempo von Reallöhnen und Arbeitsprodukti-
vität ist" 74). Hier versagt die akademische/apologetische Ge-
schichtsschreibung kläglich, gelangt sie doch nicht über mental-
mechanistische Erklärungsversuche hinaus, die den Hintergrund des
Heranreifens der Sozialdemokratie zu einer proletarischen Massen-
partei kaum zu erhellen vermögen. Ihre konzeptionelle Ratlosig-
keit wird evident, wenn sich etwa Hedwig Wachenheim der heuristi-
schen Formel bedient: "Druck erzeugt Gegendruck" 75).
Die Zeit zwischen dem Erscheinen des von Engels verfaßten "Anti-
Dühring" im Jahre 1878 und dem Fall des Ausnahmegesetzes 1890
wird allgemein als die Phase der Marxismusrezeption in der deut-
schen Sozialdemokratie angesehen. Akademische, apologetische und
antirevisionistische Historiographie, die der 1869 als Pendant
zum ADAV entstandenen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP)
wie ihrem Eisenacher Programm jeden marxistischen Einschlag be-
streiten, kommen also nicht umhin, die Aneignung des wissen-
schaftlichen Sozialismus durch fortgeschrittene Teile der Arbei-
terbewegung im Kaiserreich zu konzedieren. Um jedoch den Eindruck
einer Dominanz des Marxismus in der deutschen Sozialdemokratie
sofort wieder verwischen zu können, wird 1. die Autorität von
Marx und Engels auf dem Gebiet der Parteipolitik geleugnet, 2.
die wissenschaftliche Qualifikation ihrer deutschen Adepten in
Abrede gestellt, 3. die Bedeutung hinzutretender andersgearteter
philosophischer Einflüsse dagegen um so höher veranschlagt.
Die im Londoner Exil lebenden Begründer des wissenschaftlichen
Sozialismus werden, obwohl sie der Parteiführung gerade unter dem
Sozialistengesetz mit (kritischem) Rat und Tat zur Seite standen,
vom akademischen Forschungszweig, zum Teil auch von der parteiof-
fiziösen Geschichtsschreibung zu politischen Ignoranten gestem-
pelt, deren theoretische Meisterschaft angeblich mit einer tragi-
schen Unwissenheit in praktischen Tagesfragen einherging. Noch
immer den Idealen des Revolutionsjahres 1848 anhängend, haben
beide Männer der Meinung Arthur Rosenbergs nach "die wirkliche
Eigenart der sich seit 1863 neu herausbildenden europäischen Ar-
beiterparteien niemals ganz verstanden" 76). Diese Sentenz wan-
dert, von Erich Matthias in seinem Artikel über die Funktion der
Ideologie in der deutschen Sozialdemokratie vor dem ersten Welt-
kriege paraphrasiert: "Marx und Engels haben die wirkliche Eigen-
art der modernen Arbeiterparteien, die sich seit den sechziger
Jahren in Deutschland und Europa herausbildeten, niemals ganz
verstanden. Sie blieben stets in der Welt des revolutionären Mar-
xismus von 1848 verhaftet, auch wenn sie durch ihre Analyse der
politischen und sozialen Gegenwart zu der Auffassung gelangten,
daß die veränderten Verhältnisse eine andere Bewegungsweise der
sich zu Massenparteien entwickelnden Arbeiterparteien erforder-
ten" 77), nahezu wörtlich in Karl Anders' Jubiläumsschrift "Die
ersten hundert Jahre", ohne dort als Zitat kenntlich gemacht zu
sein, und dokumentiert so höchst eindrucksvoll den eklektischen
Charakter der sozialdemokratischen Hausgeschichtsschreibung:
"Marx und Engels hatten sich von ihren Vorstellungen des Jahres
1848 nie völlig lösen können und daher die wirkliche Bedeutung
der modernen sozialdemokratischen Parteien, wie sie in Deutsch-
land und im übrigen Europa entstanden, nie ganz verstanden" 78).
Einen von Karl Korsch in die wissenschaftliche Diskussion einge-
führten Terminus aufgreifend, hat Erich Matthias die Position der
sozialdemokratischen Parteispitze vor dem Weltkrieg als
"Kautskyanismus" bezeichnet und daran den Versuch geknüpft, einen
Gegensatz zwischen dem genuinen Marxismus und den seinerzeit in-
nerhalb der SPD herrschenden Anschauungen über gesellschaftsana-
lytische wie strategische Fragen zu konstruieren 79). Kautskys
mit darwinistischen Elementen blinder Fortschrittsgläubigkeit
durchsetzter Vulgärmarxismus habe die sich längst zur parlamenta-
rischen Reformpartei "gemauserten", aber noch an überkommenen
Traditionen ihrer politischen Pubertät festhaltenden Sozialdemo-
kratie nicht nur ein reines Gewissen verschafft, sondern auch ih-
ren Zusammenhalt gewährleistet. Aufgrund seiner Eigenart als
ideologisches Bindemittel der Partei hätte somit ein von Kautsky
zur evolutionistischen Heilslehre umgebogener Marxismus die
"Integrationstaktik" der sozialdemokratischen Führung theoretisch
abgesichert, d.h. eine bloße Integrations- bzw. Alibifunktion er-
füllt. Der Parteileitung wird eine Art reformistischer Mentalre-
servation angedichtet, die sie unter Beibehaltung ihres revolu-
tionären Pathos eine dem "Gemeinwohl" dienende Realpolitik trei-
ben ließ. Diese These, deren Grundzüge schon vor fast fünfzig
Jahren im Werk Brockschmidts entfaltet worden waren, stieß zwar
bei einzelnen Historikern der akademischen/apologetischen Rich-
tung auf Kritik, wurde jedoch grundsätzlich nicht in Zweifel ge-
zogen. So trug Hans-Josef Steinberg den Einwand vor, es sei zu
bedenken, "ob die offizielle Parteiideologie durch den Begriff
'Kautskyanismus' in adäquater Weise gekennzeichnet werden kann"
80). Darüber hinaus halten es sowohl Steinberg als auch Susanne
Miller für undenkbar, Kautskys Ansichten "lediglich als eine
Ideologie im Dienste einer bestimmten Taktik zu deuten. Noch we-
niger ist das möglich im Falle von August Bebel" 81). Ohne die
persönliche Integrität Bebels bemühen zu müssen, kann man seitens
der traditionalistisch-marxistischen Parteihistoriographie den
langjährigen intensiven Kontakt zwischen Karl Kautsky und den
"Londonern" ebenso wie die bis weit nach der Jahrhundertwende un-
gebrochene Schärfe der theoretischen Auseinandersetzung mit allen
wichtigen Revisionsbemühungen in den von ihm edierten Publikatio-
nen als Indiz für die Richtigkeit der Gegenthese anführen, daß
die Exegese des marxistischen Systems durch den führenden Theore-
tiker der II. Internationale sehr wohl mit den Intentionen seiner
Lehrer vereinbar war, wenn sich auch Ansätze einer deterministi-
schen überzeichnung der Revolutionsperspektive und einer Unterbe-
wertung des subjektiven Faktors gegenüber der "Naturnotwendig-
keit" geschichtsphilosophisch bestimmter Entwicklungsprozesse
aufweisen ließen. "Die Rezeption des Marxismus in der sozialdemo-
kratischen Arbeiterbewegung im letzten Viertel des 19. Jahr-
hunderts erfolgte noch weitgehend unter den Bedingungen des libe-
ralen Konkurrenzkapitalismus, die vor allem durch Kautsky
formulierte Theorie war die in weiten Teilen adäquate Form des
Marxismus in einer Situation zeitweilig geminderter innenpoliti-
scher Krisenhaftigkeit" 82).
Dieter Groh spricht dagegen in demselben Zusammenhang von einem
der "negativen Integration", die sich durch eine allmähliche ma-
terielle Besserstellung der Arbeiterschaft und den Trend zu ihrer
politischen Emanzipation einerseits bei gleichzeitiger prinzi-
pieller Verweigerung gleicher Lebenschancen und Fortdauer der
Ausbeutungs- und Unterdrückungsmaßnahmen andererseits auszeich-
nete, entsprechenden "Verhaltensmuster des revolutionären Atten-
tismus", für das ein "Konglomerat von politischer Abwartehaltung,
auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse zielender Revolutions-
hoffnung und verbalem Radikalismus" als charakteristisch angese-
hen wird 83). Doch auch dieser Versuch einer Ergründung des ange-
nommenen Dualismus von Theorie und Praxis mittels sozialpsycholo-
gischer Hilfskonstruktionen scheitert an der Schwierigkeit, die
von der Sozialdemokratie durch Ausnutzung sämtlicher ihr zur Ver-
fügung stehender legaler wie illegaler Wirkungsmöglichkeiten agi-
tatorisch optimal unterstützte und sich in Form gewaltiger Stim-
mengewinne äußernde antikapitalistische Massenstimmung mit dem
Volksparteistereotyp zur Deckung zu bringen. Erst als der Impe-
rialismus viele Jahre später aufgrund der ihm eigenen Dynamik
(Entfaltung der Produktivkräfte, Konzentration und Zentralisation
des Kapitals, kolonialistische Ausweitung der Absatzmärkte, For-
cierung des Kapitalexports, Erzielung von Monopolprofiten) in der
Lage war, meist besonders qualifizierten Gruppen der arbeitenden
Bevölkerung Gratifikationen unterschiedlichster Art zu gewähren
und sie dadurch dem proletarischen Klassenstandpunkt zu entfrem-
den, breiteten sich innerhalb der Sozialdemokratischen Partei
bürgerliche Ideologeme aus und führten in der Folgezeit zur Para-
lysierung ihres revolutionären Aktivismus, dessen Anteil am Sieg
über die Urheber des Ausnahmegesetzes gar nicht hoch genug veran-
schlagt werden kann.
Faßt die marxistische Geschichtsschreibung das "Gesetz gegen die
gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" als den
notwendig zum Scheitern verurteilten Versuch der herrschenden
Klassen und ihres Staates auf, die in einem schwierigen Konsoli-
dierungsprozeß befindliche Arbeiterbewegung zu domestizieren bzw.
ihre Organisationen noch in der Aufbauphase zu zerschlagen, so
bedauern bürgerliche und rechtssozialdemokratische Historiker die
durch Bismarcks Schritt eingetretene Erschwernis der Integration
und die Zementierung bestehender "Vorurteile" bei unterprivile-
gierten Bevölkerungskreisen. "Die verhängnisvolle Kluft zwischen
Arbeiterschaft und Staat, die in den Jahren des Sozialistengeset-
zes aufgerissen worden war, hatte sich noch Jahrzehnte später
nicht wieder völlig geschlossen" 84). Da diese Autoren die Tren-
nung der proletarischen von der bürgerlichen Demokratie eher als
historischen Betriebsunfall denn als gesetzmäßigen, in einem Sta-
dium fortgeschrittener Klassenkämpfe unausweichlichen Vorgang be-
greifen, werden die als verspätete Reaktion auf eben jenes Ereig-
nis interpretierbaren Repressionsmaßnahmen des Sozialistengeset-
zes ihres politökonomischen Bezugspunktes beraubt und zu einem
allerdings folgenschweren taktischen Mißgeschick der Bismarck-Ad-
ministration verharmlost. "Die tiefste und tragischste Wirkung
des Sozialistengesetzes war zweifellos, daß es eine für absehbare
Zeit offenbar unüberwindbare Kluft zwischen der Arbeiterschaft
und dem Bürgertum aufgerissen hatte" 85). Doch die sozialdemokra-
tische Hausgeschichtsschreibung geht noch einen Schritt weiter.
Nicht der bürgerlich-junkerliche Staat allein trägt die Schuld an
der Desintegration der Arbeiterschaft, die Parteilinke wird für
mitverantwortlich erklärt. Man konstatiert "eine fatale Wechsel-
wirkung zwischen der programmatischen Starrheit der SPD und der
politischen Intransigenz der herrschenden Schichten, die die Par-
teimitglieder zusehends erbitterte und den Orthodoxen und Radika-
len ständig neue Argumente lieferte" 86).
Umstritten ist auch die Frage, ob der Fall des Ausnahmegesetzes
nach zwölfjähriger Geltungsdauer als ein Verdienst der Sozialde-
mokratie betrachtet werden kann. Auf das Mehringsche Standardwerk
rekurrierend, heben die traditionalistischen Marxisten die poli-
tisch-organisatorischen Leistungen der Partei und ihrer Führer
unter dem Sozialistengesetz hervor, würdigen den entschlossenen
Widerstand des Proletariats als einen wesentlichen Faktor im
Kampf gegen die Einschränkung demokratischer Rechte, erklären die
Befreiung von den schlimmsten Fesseln einer reaktionären Gesetz-
gebung zum Werk der Betroffenen selbst. "Die kämpfenden soziali-
stischen Arbeiter hatten nicht nur dem Gesetz widerstanden, son-
dern auch zum Sturz seines Urhebers Bismarck beigetragen. Mit dem
Sieg über den 'Eisernen Kanzler' und über das Sozialistengesetz
hatten die deutsche Sozialdemokratie und die Arbeiterklasse in
einem klug und kühn geführten Kampf dem preußisch-deutschen Mili-
tärstaat eine ernsthafte Niederlage beigebracht und die Legalität
für ihre Organisationen errungen" 87). Wird dieser Problematik
von bürgerlicher bzw. rechtssozialdemokratischer Seite wenig Auf-
merksamkeit geschenkt, weil hier die parlamentarischen Gegeben-
heiten Ende der achtziger/Anfang der neunziger Jahre als Begrün-
dung dafür ausreichen, daß die Verlängerung des Ausnahmegesetzes
im Reichstag scheiterte, beharrt die antirevisionistische Partei-
historiographie auf ihrem Standpunkt, wonach der von den Sozial-
demokraten geleistete Beitrag zur Beseitigung der verhaßten Para-
graphen äußerst gering veranschlagt werden muß. "Die Nichtverlän-
gerung bzw. die spätere Aufhebung des Sozialistengesetzes' 1890
weckte in der Sozialdemokratie ein Hochgefühl des Sieges, das
zwar vollauf verständlich, aber doch wohl nicht ganz berechtigt
war. Denn in erster Linie hatten politische Konstellationen, die
außerhalb des Einflußbereichs der Partei lagen, das Gesetz zu
Fall gebracht" 88). Dem wäre freilich insofern zu widersprechen,
als die erfolgreiche, nur aufgrund des vorbildhaften Einsatzes
von Führung wie Mitgliedschaft mögliche Beteiligung der Sozialde-
mokratie an Wahlen und die Durchführung von Streikaktionen zwecks
Verbesserung des Lebensstandards der Massen staatliche Ächtungs-
bestimmungen zunehmend obsolet und die Partei zu einem erhebli-
chen Machtfaktor hatte werden lassen.
Schließlich gehen die Meinungen darüber auseinander, in welchem
Zustand sich die Partei beim Fall des Sozialistengesetzes befand.
Mehring, dessen Arbeit sich durch einen allegorischen, aphoristi-
schen und anekdotischen Stil auszeichnet, benutzt das Bild von
der Sozialdemokratie als einem Jüngling mit schnell aufgeschosse-
nen Gliedern, mit manch schwärmenden Gedanken im Kopf, der in den
Kampf gezogen war: "als sie heimkehrte, war sie ein muskelkräfti-
ger und wettergehärteter Mann, entschlossen, fertig, klar, ge-
wachsen welch Höchstem immer" 89). Zu einer völlig anderen Wer-
tung gelangt Hedwig Wachenheim: "Eine Partei voll innerer Wider-
sprüche trat in die Arena relativer Freiheit ein" 90). Und ob-
gleich der antirevisionistische Forschungszweig ebenfalls eher
eine innerparteiliche Ambivalenz anzunehmen bereit ist, muß fest-
gestellt werden, daß die Sozialdemokratie inhaltlich gestärkt und
organisatorisch gefestigt aus ihrer härtesten Bewährungsprobe
hervorging. Die mittlerweile hauptsächlich in der Industriearbei-
terschaft verankerte Partei hatte "relativ klarere Vorstellungen
über ihre geschichtliche Funktion (und damit über ihre Strategie
und Taktik) gewonnen, als sie vor dem Ausnahmegesetz Gemeingut
ihrer Führer und Funktionäre gewesen waren" 91).
Kaum war der Druck des Ausnahmegesetzes gewichen, ging die Sozi-
aldemokratie daran, sich ein neues Parteiprogramm zu geben. Ob-
wohl man schon auf dem St. Gallener Kongreß 1887 die Ausarbeitung
einer entsprechenden Vorlage und die Einsetzung einer Programm-
kommission (Ignaz Auer, August Bebel, Wilhelm Liebknecht) be-
schlossen hatte, konnte die Revision des noch immer gültigen,
wenn auch von der Realität in Partei und Gesellschaft längst
überholten Gothaer Kompromisses erst nach dem 1890 zu Haue abge-
haltenen Parteitag, auf dem Liebknecht lediglich einen Zwischen-
bericht erstattete, konzentriert in Angriff genommen werden. Als
das höchste Beschlußgremium der SPD im Oktober des darauffolgen-
den Jahres erneut zusammentrat, waren vier Programmentwürfe ein-
gegangen, unter denen der des Parteivorstandes sowie eine von
Karl Kautsky und Eduard Bernstein überarbeitete Fassung, die sich
ebenfalls in einen grundsätzlichen und einen tagespolitischen
Teil gliederte, hervorstachen. Zwar entsprach die Zweiteilung -
Mehring zufolge - "der Taktik des klassenbewußten Proletariats,
das unter praktisch gegebenen Verhältnissen kämpfen muß, aber als
sicheren Kompaß auf dem klippenreichen und stürmischen Meere mo-
derner Klassenkämpfe nur sein Endziel besitzt" 92), doch sollte
sich an ihr nicht nur der innerparteiliche Meinungsstreit zwi-
schen Marxisten und Revisionisten, sondern auch die Kontroverse
der verschiedenen historiographischen Schulen über den Charakter
des Erfurter Programms entzünden. Bürgerliche und parteioffiziöse
Geschichtsschreibung diagnostizieren einen programmatischen Dua-
lismus, das Auseinanderfallen von theoretischer Vision und prak-
tischer Realisation. So bemängelt Erich Matthias, der die Bewe-
gungsgesetze des Kapitalismus herauskristallisierende Analyseteil
und der demokratisch-sozialreformerische Forderungskatalog stün-
den "ohne innere Beziehung nebeneinander" 93). Und Helga Grebing
fügt ergänzend hinzu, das dogmatische Insistieren auf der sich in
der Prinzipienerklärung wiederfindenden Revolutionstheorie habe
die SPD-Spitze "an der Aufstellung und Durchführung eines politi-
schen Aktionsprogramms zur Eroberung der Macht im Staate gehin-
dert" 94). Auch die antirevisionistischen Historiker machen ent-
weder einen "Bruch ... zwischen den beiden deutlich getrennten
Programmteilen" 95) aus oder konstatieren doch zumindest ein
"Spannungsverhältnis zwischen dem in den Grundsätzen sichtbaren
geschlossenen Gesellschaftsbild und den stärker tagesbezogenen
Forderungen im zweiten Teil des Programms" 96). Demgegenüber
stellt Wolfgang Abendroth fest, es sei eine Legende, "der zweite,
tagespolitische und also auf aktuell erkämpfbare Reformen gerich-
tete Teil des Programms stünde im Widerspruch zur theoretischen
Einleitung" 97). Die traditionalistisch orientierten Autoren se-
hen in der einstimmig gefaßten Entscheidung des Erfurter Partei-
tages, Bebels Empfehlung zu folgen und den auch von Engels fa-
vorisierten Text Kautskys und Bernsteins nach unwesentlichen Än-
derungen durch eine Redaktionskommission anzunehmen, das marxi-
stische Credo der deutschen Sozialdemokratie schlechthin, be-
trachten den Programmbeschluß als einen weiteren Schritt der Par-
tei in Richtung London.
Auch wenn Erich Matthias auf seinen angeblichen "Krypto-Revisio-
nismus" 98) hinweist, kommen die akademische und die apologeti-
sche Forschungsrichtung doch nicht umhin, das Erfurter Programm
als historischen Markstein zu würdigen, mit dem der Marxismus
vorläufig "die offizielle theoretische Grundlage" 99) der SPD
wurde. "Als sich die deutsche Sozialdemokratie 1891 in Erfurt ein
Programm gab, bedeutete dies mehr als die Fixierung der gemeinsa-
men Ziele einer politischen Partei, mehr als die Errichtung einer
ideologischen Plattform für die nach dem Fall des Sozialistenge-
setzes nunmehr legale politische Arbeit der SPD. Das Erfurter
Programm ist vielmehr Ausdruck des siegreichen Eindringens des
Marxismus in die deutsche Arbeiterbewegung, ein Prozeß, der erst
nach der organisatorischen Grundlegung der Bewegung - vor allem
durch Lassalle - einsetzt und der durch die Halblegalität, in die
die Partei durch das Sozialistengesetz gedrängt wurde und in der
sie sich naturgemäß radikalisieren mußte, ohne Zweifel gefördert
und beschleunigt wurde" 100). Da man bürgerlicherseits nicht zu-
geben mag, daß der Marxismus die in den kapitalistischen Produk-
tionsverhältnissen wurzelnden Klassenantagonismen auf den Begriff
bringt, muß der Grund für seine Attraktivität in außergewöhnli-
chen Umständen gesucht werden, die den Anhängern des wissen-
schaftlichen Sozialismus entscheidende "Wettbewerbsvorteile" auf
dem proletarischen Meinungsmarkt verschafften: "Die zwölfjährige
Verfolgungszeit hat durch das Verbot der Parteipresse und
-literatur sowie jeglicher außerparlamentarischer sozialdemokra-
tischer Parteitätigkeit ein geistiges Vakuum erzeugt, das dem
Wirken der marxistischen Theoretiker, die dieses Vakuum auszufül-
len sich bemühten, geradezu eine Monopolstellung verschaffte"
101). Vertraut man dieser Geschichtsversion, so war der Marxismus
nicht die der Erfahrung von Ausbeutung und Unterdrückung durch
ein aufgrund schmerzhafter Geburtswehen des monopolistischen Ka-
pitalismus sensibilisiertes Proletariat entlehnte Weltanschauung,
sondern trug die Züge einer "verführerischen Ideologie", die es
leicht hatte, sich in der vom Sozialistengesetz hinterlassenen
Theorielücke zu etablieren 102).
Feuilletonistisch ausgedrückt, ist das Erfurter Programm der mar-
xistische Dorn im Auge sozialdemokratischer Historiker. Diese
lassen denn auch nichts unversucht, um die Aussagen des mißliebi-
gen Textes abzuqualifizieren und seine Bedeutung zu relativieren,
wobei ihnen die Parteiführung gerne assistiert: "Formell stellte
das 1891 verabschiedete Erfurter Programm den Sieg des Marxismus
dar. Allerdings muß man wissen: Vieles was sich in der deutschen
Sozialdemokratie als Annahme der revolutionären Lehre von Marx
gab, entsprach in Wirklichkeit nur der zwangsweisen Einstellung
zu der vorrevolutionären Regierungsweise des Kaiserreichs. In
Wirklichkeit hat schon damals der Weg dieser Partei zur demokra-
tisch-sozialistischen Reformbewegung begonnen" 103). Abgesehen
von der Autorität des mit der Programmrevision befaßten Personen-
kreises, in dem Friedrich Engels dadurch eine besondere Rolle
spielte, daß er, um die innerparteiliche Diskussion zu beeinflus-
sen, Marxens Kritik am Gothaer Programm in der "Neuen Zeit" ver-
öffentlichte und Änderungsvorschläge zum Entwurf des Parteivor-
standes unterbreitete, nennt Gerhard A. Ritter als Ursachen der
Programmentscheidung von Erfurt "die ungeheure Hochachtung der
deutschen Arbeiterschaft vor allen wissenschaftlichen Erörterun-
gen und das Fehlen jedes weltanschaulichen Konkurrenzsystems ne-
ben dem Marxismus" 104). Weil auch die antirevisionistische Ge-
schichtsschreibung den marxistischen Gehalt des Erfurter Pro-
gramms nur schwer leugnen kann, sucht sie den Eindruck zu erwec-
ken, als sei die Konzeption des wissenschaftlichen Sozialismus
einem unwissenden, an theoretischen Fragen kaum interessierten
und politisch eher indifferenten Parteivolk von oben, d.h. von
seinen (autodidaktisch) gebildeten, mit den Londoner "Kirchen-
vätern" in Verbindung stehenden und ideologisch gestählten
Führern aufoktroyiert worden. "Der theoretische Teil des Erfurter
Programms ... war zur Zeit seiner Annahme nur die Zusammenfassung
des geistigen Besitztums einer dünnen Oberschicht der Partei, die
sich um die 'Neue Zeit' gruppierte" 105). Unerwähnt bleibt die
breite Zustimmung der Mitgliedschaft in mehreren hundert Versamm-
lungen, wenig gewürdigt wird auch die Tatsache, daß alle
vorliegenden Entwürfe auf dem Boden des Marxismus standen und nur
redaktionell voneinander abwichen.
Die Bedeutung des auf dem Erfurter Parteitag verabschiedeten Pro-
grammdokuments liegt darin, daß die bürgerliche Gesellschaft ana-
lytisch erfaßt, ihr Wesen politökonomisch bestimmt und bezüglich
der langfristigen Entwicklungsperspektiven historisch-materiali-
stisch aufbereitet wird. Ausgehend von den der ökonomischen Rei-
fung des Kapitalismus immanenten Gesetzmäßigkeiten, als da sind
die wachsende Konzentration und Zentralisation der Produktion wie
des Kapitals, die forcierte Proletarisierung der Mittelschichten,
die Polarisierung zwischen den Klassen, die Verschärfung der zy-
klischen Krisen und die Ausbreitung der existentiellen Unsicher-
heit unter den Lohnempfängern, begründet der auf dem Abschnitt
über die geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation
in Marxens "Kapital" fußende Grundsatzteil die Notwendigkeit
weitreichender Sozialisierungsmaßnahmen: "Nur die Verwandlung des
kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln - Grund
und Boden, Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen,
Verkehrsmittel - in gesellschaftliches Eigentum und die Umwand-
lung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch die Ge-
sellschaft betriebene Produktion kann es bewirken, daß der Groß-
betrieb und die stets wachsende Ertragsfähigkeit der gesell-
schaftlichen Arbeit für die bisher ausgebeuteten Klassen aus ei-
ner Quelle des Elends und der Unterdrückung zu einer Quelle der
höchsten Wohlfahrt und allseitiger, harmonischer Vervollkommnung
werde" 106). Will die Arbeiterklasse dieses Ziel erreichen, so
muß sie die politische Macht erobern, um in deren Besitz die Pro-
duktionsverhältnisse umzuwälzen. Die Aufgabe der Sozialdemokrati-
schen Partei aber besteht nun darin, den Kampf des Proletariats
"zu einem bewußten ·und einheitlichen zu gestalten und ihm sein
naturnotwendiges Ziel zu weisen" 107). Der Aktionsteil des Erfur-
ter Programms zerfällt noch einmal in zehn Gruppen politischer
Alternativvorstellungen, die vom allgemeinen, gleichen, direkten
und geheimen Wahlrecht bis zur Abschaffung aller indirekten Steu-
ern und Zölle reichen und auf Demokratisierung bzw. mehr soziale
Gerechtigkeit abzielen, sowie fünf Punkte zur Verbesserung des
Arbeiterschutzes. Damit wurden die bereits in Gotha erhobenen Re-
förmforderungen erweitert und präzisiert, so daß sie allein von
ihrer Anlage her über das bestehende System hinauswiesen.
Die retrospektive Selbstverleugnung der SPD, wie sie von der par-
teioffiziellen bzw. -offiziösen Geschichtsschreibung betrieben
wird, schließt Form und Inhalt des Erfurter Programms mit ein.
Der Logik seines inneren Aufbaus steht diese Forschungsrichtung
verständnislos gegenüber. "Die theoretischen Grundsätze und die
praktischen Forderungen haben sehr wenig miteinander zu tun. Die
Partei war nach schweren Jahren eines systematischen Ausrottungs-
feldzuges, der gegen sie geführt wurde, besonders aufnahmefähig
für eine sozialistische Verheißung, die mit Naturnotwendigkeit'
die Tore des Himmels aufstößt" 108). Minimal sind die Unter-
schiede zur antirevisionistischen Parteihistoriographie, derzu-
folge zwischen beiden Programmteilen "kein geistiges Band" be-
steht 109). Dem halten die traditionalistischen Marxisten entge-
gen, daß demokratische und antimonopolistische Reformen keines-
wegs im Widerspruch zu einer revolutionären Politik stehen, so-
lange sie in einen systemübergreifenden Zusammenhang eingebettet
bleiben. Einen konzeptionellen Bruch zwischen der Prinzipiener-
klärung und dem Forderungskatalog des Erfurter Programms sieht
etwa Georg Fülberth von daher nicht. "Vielmehr bildet der zweite
Teil mit dem ersten eine organische Einheit" 110).
Nach der Abrechung mit halbanarchistischen und rechtsopportuni-
stischen Tendenzen in den eigenen Reihen präsentierte sich die
zur wählerstärksten Partei des Deutschen Reiches avancierte Sozi-
aldemokratie in Erfurt als selbstbewußte Massenorganisation, die
sich zur Befreiung des Proletariats berufen fühlte und ihre hi-
storische Mission aus dem Marxismus ableitete. Diese Bastion des
wissenschaftlichen Sozialismus, deren Führungsrolle in der II.
Internationale unangefochten war, fiel erst lange Zeit danach,
als der Grundsatzteil des Programms bei einer mit dem Übergang
zum Imperialismus entstandenen und durch die in Ablösung der
"Großen Depression" einsetzende ökonomische Prosperitätsphase er-
starkenden Strömung unter dem Begriff des Revisionismus auf mas-
siven Widerstand stieß. Doch änderten diese Angriffe nichts an
der Tatsache, daß der in Erfurt gefaßte Beschluß Generationen
deutscher Sozialisten prägte und den Lauf der Parteigeschichte
maßgeblich beeinflußte.
"Das Erfurter Programm wurde zur Grundlage der ideologischen Er-
ziehung, aber auch der theoretischen Diskussion in der Partei bis
zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Auch die Revisionisten haben
es nur in Einzelheiten, nicht insgesamt, vor allem zunächst nicht
grundsätzlich in bezug auf die Zielsetzung der Überführung der
großen Wirtschaftseinheiten in gesellschaftliches Eigentum in
Frage gestellt. Sie haben erst ein Jahrzehnt später zur abstrak-
ten Entgegensetzung von Reform und Revolution gefunden ..." 111).
_____
1) Wolfgang Abendroth: Antagonistische Gesellschaft und politi-
sche Demokratie, Aufsätze zur politischen Demokratie, 2. Aufl.
Neuwied und Berlin (West) 1972, S. 11.
2) Vgl. ebenda, S. 12.
3) Jürgen Habermas: Analytische Wissenschaftstheorie und Dialek-
tik, in: Theodor W. Adorno u.a., Der Positivismusstreit in der
deutschen Soziologie, 2. Aufl. Neuwied und Berlin (West) 1970, S.
156.
4) Vgl. Jürgen Habermas: Theorie und Praxis, Sozialphilosophische
Studien, 3. Aufl. Neuwied und Berlin (West) 1969, S. 229.
5) Erich Hahn: Historischer Materialismus und marxistische Sozio-
logie, Studien zu methodologischen und erkenntnistheoretischen
Grundlagen der soziologischen Forschung, Berlin (DDR) 1968. S.
26.
6) Vgl. Jürgen Habermas: Theorie und Praxis, a.a.O., S. 177.
7)-10) entfallen.
11) Vgl. Werner Hofmann: Gesellschaftslehre als Ordnungsmacht,
Die Werturteilsfrage - heute, Berlin (West) 1961, S. 150.
12) Karl Theodor Schuon: Typologie und kritische Theorie, in: Das
Argument, Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften,
H. 50, S. 96.
13) Siehe Werner Berthold u.a. (Hrsg.): Kritik der bürgerlichen
Geschichtsschreibung, Handbuch, 3. Aufl. Köln 1973, S. 258.
14) Siehe Bärbel Kunze: Erich Matthias' Apologie der SPD-Entwick-
lung, Zur Historiographie über die Sozialdemokratie am Ende der
Weimarer Republik, in: Das Argument, H. 63, S. 55.
15) Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland,
München 1968, S. 211.
16) Wilhelm Backhaus: Sind die Deutschen verrückt?, Ein Psycho-
gramm der Nation und ihrer Katastrophen, Bergisch Gladbach 1968,
S. 13.
17) Siehe ebenda, S. 21.
18) Vgl. Hedwig Wachenheim: Die deutsche Arbeiterbewegung 1844-
1914, Köln und Opladen 1967, S. 61 und 75.
19) Siehe Ralf Dahrendorf: Wie ist Freiheit in der modernen Welt
möglich?, in: Vorstand der SPD (Hrsg.): Junge Generation und
Macht, Hannover 1960, S. 33.
20) Vgl. z.B. Wolfgang Schieder: Das Scheitern des bürgerlichen
Radikalismus und die sozialistische Parteibildung in Deutschland,
in: Hans Mommsen (Hrsg.): Sozialdemokratie zwischen Klassenbewe-
gung und Volkspartei, Verhandlungen der Sektion "Geschichte der
Arbeiterbewegung" des Deutschen Historikertages in Regensburg,
Oktober 1972, Frankfurt am Main 1974, S. 32 f.
21) Hedwig Wachenheim: Die deutsche Arbeiterbewegung 1844-1914,
a.a.O., S. 70.
22) Volker Ullrich: Emanzipation durch Integration?, Zur Kritik
der bürgerlichen Geschichtsschreibung über die Arbeiterbewegung
bis 1914, in: Das Argument, H. 75, S. 146.
23) Siehe Helga Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewe-
gung, Ein Überblick, 2. Aufl. München 1971, S. 110.
24) Ebenda, S. 164 f.
25) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Zur Kritik der sozialdemokrati-
schen Hausgeschichtsschreibung, in: Blätter für deutsche und in-
ternationale Politik, Nr. 5/1975, S. 539.
26) Siehe Hans Mommsen: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Sozialde-
mokratie zwischen Klassenbewegung und Volkspartei, a.a.O., S. 11.
27) Siehe Volker Ullrich: Emanzipation durch Integration?,
a.a.O., S. 135.
28) Werner Berthold u.a. (Hrsg.): Kritik der bürgerlichen Ge-
schichtsschreibung, a.a.O , S. 47.
29) Vgl. Hans Mommsen: Einleitung, a.a.O., S. 10.
30) Reinhard Kühnl: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Geschichte und
Ideologie, Kritische Analyse bundesdeutscher Geschichtsbücher, 2.
Aufl. Reinbek bei Hamburg 1974 S. 8.
31) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Zur Kritik der sozialdemokrati-
schen Hausgeschichtsschreibung, a.a.O., S. 533.
32) Siehe Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands, beschlossen auf dem außerordentlichen Parteitag in
Bad Godesberg 1959, in: Dieter Dowe / Kurt Klotzbach (Hrsg.):
Programmatische Dokumente der deutschen Sozialdemokratie, Bonn-
Bad Godesberg 1973, S. 352.
33) Vgl. Josef Schleifstein: Geschichtsschreibung zum Ruhme Go-
desbergs, in: Ders.: Zur Geschichte und Strategie der Arbeiterbe-
wegung, Ausgewählte Beiträge, Frankfurt am Main 1975, S. 51.
34) Siehe Georg Eckert: Die Konsolidierung der sozialdemokrati-
schen Arbeiterbewegung zwischen Reichsgründung und Sozialistenge-
setz, in: Hans Mommsen (Hrsg.): Sozialdemokratie zwischen Klas-
senbewegung und Volkspartei, a.a.O., S. 35 (Anm. 1).
35) Vgl. Susanne Miller: Die SPD vor und nach Godesberg, Bonn-Bad
Godesberg 1974, S. 45 f.
36) Heinrich Potthoff: Die Sozialdemokratie von den Anfängen bis
1945, Bonn-Bad Godesberg 1974, S. 13.
37) Siehe Willi Eichler: Hundert Jahre Sozialdemokratie, Biele-
feld o.J., S. 79.
38) Hans-Josef Steinberg: Sozialismus und deutsche Sozialdemokra-
tie, Zur Ideologie der Partei vor dem I. Weltkrieg, 3. Aufl.
Bonn-Bad Godesberg 1972, S, 89.
39) Siehe Susanne Miller: Das Problem der Freiheit im Sozialis-
mus, Freiheit, Staat und Revolution in der Programmatik der Sozi-
aldemokratie von Lassalle bis zum Revisionismusstreit, 3. Aufl.
Frankfurt am Main 1967, S. 118.
40) Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution, in: Dies.: Aus-
gewählte politische Schriften in drei Bänden, Bd. l, Frankfurt am
Main 1971, S. 48.
41) Vgl. Theo Pirker: Die SPD nach Hitler, Die Geschichte der So-
zialdemokratischen Partei Deutschlands 1945-1964, München 1965,
S. 8.
42) Siehe Susanne Miller: Die Sozialdemokratie in der Spannung
zwischen Oppositionstradition und Regierungsverantwortung in den
Anfängen der Weimarer Republik, in: Hans Mommsen (Hrsg.): Sozial-
demokratie zwischen Klassenbewegung und Volkspartei, a.a.O., S.
105.
43) Willi Eichler: Hundert Jahre Sozialdemokratie. a.a.O., S. 56.
44) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Zur Kritik der sozialdemokrati-
schen Hausgeschichtsschreibung (II), in: Blätter für deutsche und
internationale Politik, Nr. 6/1975, S. 660 f.
45) Etwa Hansgeorg Conert: Die politischen Grundrichtungen inner-
halb der deutschen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, 2.
Aufl. Offenbach 1973, S. 5 f.
46) Siehe Arno Klönne: Sozialdemokratie - eine Agentur kapitali-
stischer Interessen?, in: Reinhard Kühnl (Hrsg.): Der bürgerliche
Staat der Gegenwart (Formen bürgerlicher Herrschaft II), Reinbek
bei Hamburg 1972, S. 58.
47) Kurt Mandelbaum: Sozialdemokratie und Imperialismus, in:
Ders.: Sozialdemokratie und Leninismus, Zwei Aufsätze, Berlin
(West) 1974, S. 10. Eine ganz ähnliche Formulierung findet sich
bei Erich Matthias: Kautsky und der Kautskyanismus, Die Funktion
der Ideologie in der deutschen Sozialdemokratie vor dem Ersten
Weltkrieg, in: Iring Fetscher (Hrsg.): Marxismusstudien, Zweite
Folge, Tübingen 1957, S. 194.
48) Hansgeorg Conert: Die politischen Grundrichtungen innerhalb
der deutschen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, a.a.O.,
S. 6.
49) Bernd Rabehl u.a.: Historische und politische Voraussetzungen
der Kritik Mandelbaums am Sozialdemokratismus und am Leninismus,
in: Kurt Mandelbaum: Sozialdemokratie und Leninismus, a.a.O., S.
99.
50) Siehe Kurt Mandelbaum: Sozialdemokratie und Imperialismus,
a.a.O., S. 4.
51) Vgl. Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Die deutsche Sozialdemo-
kratie 1890-1933, Darmstadt und Neuwied 1974, S. 33 (Anm. 16).
52) Bernd Rabehl u.a.: Historische und politische Voraussetzungen
der Kritik Mandelbaums am Sozialdemokratismus und am Leninismus,
a.a.O., S. 100.
53) Vgl. Bernd Rabehl: Geschichte und Klassenkampf, Einführung in
die marxistische Geschichtsbetrachtung der Arbeiterbewegung, Ber-
lin (West) 1973, S. 179.
54) Kurt Brandis (Karl Friedrich Brockschmidt): Der Anfang vom
Ende der Sozialdemokratie, Die SPD bis zum Fall des Sozialisten-
gesetzes, Berlin (West) 1975, S. 34.
55) Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Par-
tei, in: MEW, Bd. 4, S. 462.
56) Siehe Friedrich Engels: Zur Geschichte des Bundes der Kommu-
nisten, in: MEW, Bd. 21, S. 211.
57) Vgl. Wolfgang Abendroth: Sozialgeschichte der europäischen
Arbeiterbewegung, 7. Aufl. Frankfurt am Main 1970, S. 8.
58) Ders.: Aufstieg und Krise der deutschen Sozialdemokratie, Das
Problem der Zweckentfremdung einer politischen Partei durch die
Anpassungstendenz von Institutionen an vorgegebene Machtverhält-
nisse, 2. Aufl. Frankfurt am Main 1969, S. 76.
59) Heinz-Gerd Hofschen u.a.: SPD im Widerspruch, Zur Entwicklung
und Perspektive der Sozialdemokratie im System der BRD, Köln
1975, S. 171.
60) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Die deutsche Sozialdemokratie
1890-1933, a.a.O., S. 26 f.
61) Georg Fülberth: August Bebels Beitrag zur Durchsetzung zen-
traler Prinzipien marxistischer Politik in der deutschen Arbei-
terbewegung, in: Wolfgang Abendroth u.a. (Hrsg.): Sozialdemokra-
tie und Sozialismus, August Bebel und die Sozialdemokratie heute,
Köln 1974, S. 15 f.
62) Vgl. ebenda, S. 19 f.
63) Siehe Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokra-
tie, Zweiter Teil, Berlin (DDR) 1960, S. 683.
64) Gerhard Stuby: Der Kampf der revolutionären Arbeiterbewegung
gegen das Sozialistengesetz im Kaiserreich und die Berufsverbote
gegen Kommunisten, Sozialisten und andere Demokraten in der BRD,
in: Wolfgang Abendroth u.a. (Hrsg.): Sozialdemokratie und Sozia-
lismus, a.a.O., S. 80.
65) Georg Fülberth: Die Entwicklung der deutschen Sozialdemokra-
tie von ihrer Gründung bis zum Ende des Sozialistengesetzes, in:
Jutta von Freyberg u.a.: Geschichte der deutschen Sozialdemokra-
tie 1863-1975, Köln 1975, S. 12.
66) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Die deutsche Sozialdemokratie
1860-1933, a.a.O., S. 54.
67) Siehe Kurt Brandis: Der Anfang vom Ende der Sozialdemokratie,
a.a.O., S. 49. Auch nach Auffassung bürgerlicher und rechtssozi-
aldemokratischer Historiker macht das Sozialistengesetz aus der
Sozialdemokratie eine parlamentarische Reformpartei, die ihre
Wandlung nur noch nicht eingesteht. Vgl. Gerhard A. Ritter: Die
Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich, Die Sozialdemokrati-
sche Partei und die Freien Gewerkschaften 1890-1900, 2. Aufl.
Berlin (West) 1963, S. 12; Susanne Miller: Das Problem der Frei-
heit im Sozialismus, a.a.O., S. 182. Beide Autoren berufen sich
auf Karl Friedrich Brockschmidt, der unter dem Pseudonym Kurt
Brandis zu den Mitbegründern des antirevisionistischen Zweiges
der sozialdemokratischen Parteigeschichtsschreibung gehört.
68) Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie,
Zweiter Teil, a.a.O., S. 509.
69) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Die deutsche Sozialdemokratie
1890-1933, a.a.O., S. 55.
70) Siehe Hedwig Wachenheim: Die deutsche Arbeiterbewegung 1844-
1914, a.a.O., S. 217.
71) Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie,
Zweiter Teil, a.a.O., S. 514.
72) Vgl. Kurt Brandis (Karl Friedrich Brockschmidt): Der Anfang
vom Ende der Sozialdemokratie, a.a.O., S. 36 ff. (Zitat S. 72).
73) Hundert Jahre Sozialdemokratische Partei, Festvortrag von
Prof. Carlo Schmid, gehalten am 12. Mai 1963 in Hannover, Hanno-
ver 1963, S. 30.
74) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Die deutsche Sozialdemokratie
1890-1933, a.a.O., S. 52 f.
75) Hedwig Wachenheim: Die deutsche Arbeiterbewegung 1844-1914,
a.a.O., S. 216.
76) Siehe Arthur Rosenberg: Demokratie und Sozialismus, Zur poli-
tischen Geschichte der letzten 150 Jahre, Frankfurt am Main 1962,
S. 251.
77) Erich Matthias: Kautsky und der Kautskyanismus, a.a.O., S.
157.
78) Karl Anders: Die ersten hundert Jahre, Zur Geschichte einer
demokratischen Partei, Hannover 1963, S. 36.
79) Zum folgenden Erich Matthias: Kautsky und der Kautskyanismus,
a.a.O., S. 151 ff.
80) Siehe Hans-Josef Steinberg: Sozialismus und deutsche Sozial-
demokratie, a.a.O., S. 78.
81) Susanne Miller: Zur Rezeption des Marxismus in der deutschen
Sozialdemokratie, in: Heiner Flohr u.a. (Hrsg.): Freiheitlicher
Sozialismus, Beiträge zu seinem heutigen Selbstverständnis, Bonn-
Bad Godesberg 1973, S. 28.
82) Georg Fülberth/Jürgen Harrer: Die deutsche Sozialdemokratie
1890-1933, a.a.O., S. 27.
83) Vgl. Dieter Groh: Negative Integration und revolutionärer At-
tentismus, Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten
Weltkrieges, Frankfurt am Main - Berlin (West) - Wien 1973, S.
36.
84) Gerhard A. Ritter: Die Arbeiterbewegung im Wilhelminischen
Reich, a.a.O., S. 11.
85) Willi Eichler: Hundert Jahre Sozialdemokratie, a.a.O., S. 26.
86) Dieter Dowe/Kurt Klotzbach: Einleitung, in: Dies. (Hrsg.):
Programmatische Dokumente der deutschen Sozialdemokratie, a.a.O.,
S. 25.
87) Georg Fülberth: Die Wandlung der deutschen Sozialdemokratie
vom Erfurter Parteitag 1891 bis zum Ersten Weltkrieg, Köln 1974,
S. 5.
88) Hansgeorg Conert: Die politischen Grundrichtungen innerhalb
der deutschen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, a.a.O.,
S. 16.
89) Siehe Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokra-
tie, Zweiter Teil, a.a.O., S. 675.
90) Hedwig Wachenheim: Die deutsche Arbeiterbewegung 1844-1914,
a.a.O., S. 276.
91) Siehe Wolfgang Abendroth: Aufstieg und Krise der deutschen
Sozialdemokratie, a.a.O., S. 28.
92) Vgl. Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokra-
tie, Zweiter Teil, a.a.O., S. 682.
93) Siehe Erich Matthias: Kautsky und der Kautskyanismus, a.a.O.,
S. 159 f.
94) Helga Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung,
a.a.O., S. 112.
95) Siehe Hansgeorg Conert: Die politischen Grundrichtungen in-
nerhalb der deutschen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg,
a.a.O., S. 20.
96) Hartfried Krause: Kleine Schritte zur neuen Mitte, Kurze Hi-
storie der Socialdemokratie, in: Mitarbeiter der Darmstädter Stu-
dentenzeitung" (Hrsg.): SPD und Staat, Geschichte, Reformideolo-
gie, "Friedenspolitik", Berlin (West) 1974, S. 18.
97) Siehe Wolfgang Abendroth: Aufstieg und Krise der deutschen
Sozialdemokratie, a.a.O., S. 32.
98) Erich Matthias: Kautsky und der Kautskyanismus, a.a.O., S.
168.
99) Heinrich Potthoff: Die Sozialdemokratie von den Anfängen bis
1945, a.a.O., S. 44.
100) Christian Gneuss: Um den Einklang von Theorie und Praxis,
Eduard Bernstein und der Revisionismus, in: Iring Fetscher
(Hrsg.): Marxismusstudien, Zweite Folge, a.a.O., S. 198.
101) Susanne Miller: Das Problem der Freiheit im Sozialismus,
a.a.O., S. 200.
102) Vgl. ebenda, S. 297.
103) So Willy Brandt: Karl Marx, Rede zum 150. Geburtstag von
Karl Marx in Trier, in: Ders.: Friedrich Engels und die soziale
Demokratie, Bonn-Bad Godesberg 1970, S. 47.
104) Siehe Gerhard A. Ritter: Die Arbeiterbewegung im Wilhelmini-
schen Reich, a.a.O., S. 95.
105) Kurt Brandis: Der Anfang vom Ende der Sozialdemokratie,
a.a.O., S. 68.
106) Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, be-
schlossen auf dem Parteitag in Erfurt 1891, in: Dieter Dowe/Kurt
Klotzbach (Hrsg.): Programmatische Dokumente der deutschen Sozi-
aldemokratie, a.a.O., S. 176 f.
107) Siehe ebenda, S. 177.
108) Karl Anders: Die ersten hundert Jahre, a.a.O., S. 95.
109) Siehe Kurt Brandis: Der Anfang vom Ende der Sozialdemokra-
tie, a.a.O., S. 67.
110) Georg Fülberth: Die Wandlung der deutschen Sozialdemokratie
vom Erfurter Parteitag 1891 bis zum Ersten Weltkrieg, a.a.O., S.
9.
111) Vgl. Wolfgang Abendroth: Aufstieg und Krise der deutschen
Sozialdemokratie, a.a.O., S. 31 f.
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