Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1976

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       Peter Ruben
       

WISSENSCHAFT ALS ALLGEMEINE ARBEIT

Über Grundfragen der marxistisch- --------------------------------- leninistischen Wissenschaftsauffassung -------------------------------------- Mit der folgenden Darstellung möchte ich versuchen, einige Cha- rakteristika der Sicht der wissenschaftlichen Erkenntnis, wie sie von den Klassikern des Marxismus-Leninismus entwickelt worden ist, in Erinnerung zu rufen und - vor dem Hintergrund der gegen- wärtigen Wissenschaftsdebatte und Marx-Rezeption - zu fixieren. Die Diskussionen um das in der Marxschen "Kritik der politischen Ökonomie" realisierte Wissenschaftskonzept, um den Gegensatz zwi- schen analytischer und konstruktiver Wissenschaftstheorie, um Althussers Alternative von Marxscher Philosophie (Dialektischer Materialismus) und Marxscher Wissenschaft (Historischer Materia- lismus), auch um Kuhns Konzept der Wissenschaftsentwicklung zei- gen sicher unübersehbar, daß wir es zur Zeit mit den Geburtswehen einer qualitativ neuen Entwicklungsstufe im Verhältnis der Wis- senschaft zur Gesellschaft zu tun haben. Man geht nicht fehl in der Annahme, daß diese Geburtswehen die Reflexion der Umwälzung der Gesellschaftsordnung selbst sind, d.h. des internationalen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, der auch eine neue Position der Wissenschaft zur Gesellschaft impliziert. Man muß zugeben, daß die aktuelle Marx-Rezeption, so bedeutungs- voll sie ist, im Detail mancherlei Anlaß zur Irritation enthält. Was man naiv und gutmütig zunächst als durchaus bekannte Sache unterstellt, wird in dieser, wie man so schön im Frankfurter Deutsch sagt, erneut "thematisiert". Da erhält man durch H.-G. Backhaus den Bericht von "der von Friedrich Engels ausgelösten Fehlinterpretation der ersten drei Kapitel des K a p i t a l als Wert- und Geldtheorie der von ihm so getauften 'einfachen Wa- renproduktion'" 1) verbunden mit dem militanten Versprechen: "Es wird noch zu zeigen sein, daß von diesem fundamentalen Irrtum her die m a r x i s t i s c h e Werttheorie das Verständnis der M a r x s c h e n Werttheorie blockieren mußte." 2) Da erfährt man durch A. Schmidt, daß Marx "ausdrücklich die nur 'analytische Methode' der klassischen Ökonomie" verworfen habe, weil diese al- lein "isolierte Momente eines Ganzen, dessen lebendige Struktur (was das nur sein mag? d.V.) nicht wirklich aus der Notwendigkeit ihres Begriffs abgeleitet wird", erfasse. 3) Da teilt schließlich D. Lecourt mit gallischer Leidenschaft mit, daß die wissen- schaftstheoretischen Arbeiten der Moskauer Akademie demselben philosophischen Geiste entspringen wie diejenigen der Yale-Uni- versität, nämlich der Unphilisophie des Positivismus. 4) Ange- sichts solcher, mit P. Lorenzen zu sprechen, "Polydoxie" 5) ist die erwähnte Irritation vielleicht verständlich. Man steht mit jener Polydoxie in der Marx-Rezeption einer "Totalität" gegen- über, die man nicht einfach auf einen Nenner zu bringen imstande ist. Angesichts solchen Umstands ist es empfehlenswert, ohne Verzug eine Grundrichtung der Argumentation zu wählen, die möglichst viele (wenn auch nicht alle) Fragestellungen der aktuellen De- batte umschließt. Diese Grundrichtung ist nach meiner Auffassung vermittels der Frage nach der Natur der Wissenschaft anvisiert. Wenn mit der folgenden Behandlung dieses Problems das eine oder andere Argument in der gegenwärtigen Wissenschaftsdebatte nicht zur Sprache gelangt, so sei dies nicht als Indiz dafür verstan- den, daß der Autor, mit Backhaus zu reden, "das Schweigen vorge- zogen" 6) wünscht. Es handelt sich dann nur darum, daß die Vor- stellung eines bestimmten Räsonnements notwendig beschränkt ist oder Information und Wissen nicht hinreichen, um eine sinnvolle Fragestellung vernünftig zu beurteilen. Das erste Problem jeder Wissenschaftsdebatte ist zweifellos die Frage nach der Definition des Begriffes der Wissenschaft. Wer über Wissenschaft redet, muß wissen, wovon er spricht. Insbeson- dere gilt diese Forderung natürlich für jeden wissenschaftstheo- retischen Entwurf. Dem Einzelwissenschaftler wird man zubilligen dürfen, daß er mit dem Worte "Wissenschaft" eine gewisse Vorstel- lung (materieller oder geistiger Art) verbindet, d.h. imstande ist, bestimmte Sachverhalte als wissenschaftlich zu beschreiben und zu zeigen (und zwar handgreiflich). Man wird ihn also billi- gerweise nicht auf die Folter des B e g r i f f s spannen. Sol- che Nachsicht kann man jedoch dem Wissenschaftstheoretiker nicht gewähren. Denn er macht sich anheischig, über d i e Wissen- schaft zu reden (während der Fachwissenschaftler, der scientist, stets über eine A r t der Wissenschaft Auskunft gibt!), d.h. über die G a t t u n g aller Arten des wissenschaftlichen Ver- haltens. Infolgedessen muß er einen Begriff von der Sache haben, die sich in den vielen Fachwissenschaften äußert. Die dem Einzel- wissenschaftler zugestandene Vorstellung der Wissenschaft muß der Wissenschaftstheoretiker - man gestatte die Sprache der klassi- schen deutschen Philosophie (die man wohl wieder erlernen sollte) - zum Begriffe a u f h e b e n. Andernfalls verbleibt er im Vorfeld des eigenen theoretischen Anspruchs der Wissenschafts- theorie. Dieses Verbleiben will uns neuerdings D. Lecourt schmackhaft ma- chen, indem er an die Stelle d e r Wissenschaft vielmehr "die Gesamtheit wissenschaftlicher Praxen" 7) zu setzen vorschlägt. Diese Attitüde ist von demselben Werte wie die Auflösung eines Waldes in die Gesamtheit seiner unterschiedlichen Bäume, die Auf- lösung eines Wolfsrudels in die Gesamtheit vieler Wölfe, die Auf- lösung eines menschlichen Gemeinwesens in die Gesamtheit seiner verschiedenen Individuen und gegenständlichen Arbeitsbedingungen. Die Forderung nach dem Begriffe der Wissenschaft (wie jede Forde- rung nach dem Begriffe irgendeiner Sache) hat nicht das mindeste mit einer - wie Lecourt meint - "idealistischen Prämisse" 8) zu tun, wohl aber alles mit der Verwirklichung des erkennenden Ver- stands. Wo auf den Begriff verzichtet wird, wird der Verstand als reine Möglichkeit behandelt, die unrealisiert verbleibt. Idealis- mus haben wir erst dann, wenn wir das Verhältnis des Begriffs zu der ihm tatsächlich zugrunde liegenden Sache so verkehren, daß nunmehr der Begriff als Schöpfer der Sache oder die Sache als miese Kopie des Begriffs gilt. Lecourt realisiert sein gallisches Temperament mitnichten gegen den Idealismus, sondern gegen den wissenschaftstheoretischen Verstand, der sich elementar in der Bildung des (analytischen) Begriffs der Wissenschaft als wirklich bestehend zeigt. (Begriffe sind Verstandesprodukte; der Verstand als spezielle Tätigkeit ist also gerade in dem Maße verwirklicht, in dem Begriffe erzeugt werden!) Aber Lecourt mißversteht nicht nur den sich verwirklichenden Ver- stand als den leibhaftigen Idealisten, er kann auch die Dialektik der Arbeit seines eigenen Verstands nicht identifizieren. Er ver- sichert uns nämlich: "Wenn man dieser Gesamtheit (der der wissen- schaftlichen Praxen, d.V.) die Einheit eines Ganzen zuerkennt, dann 'absorbiert', annulliert diese Prämisse durch Eingebildetes ... die Realität dieser Praxen, die in ihrer U n t e r- s c h i e d l i c h k e i t besteht - eine jede hat ihren eige- nen Gegenstand, ihre eigene Theorie und ihre eigenen, spezifischen Erfahrungsdaten - Realität, die ebenso in ihrer u n g l e i c h e n E n t w i c k l u n g besteht - eine jede hat ihre eigne Geschichte" 9). Somit also ist die Realität, die Wirklichkeit einer Sache durch Lecourts Verstand (ein bemerkens- wert cartesianischer Verstand) an die Bedingung ihrer Unterschie- denheit, ihrer Ungleichheit zu anderen Sachen geknüpft. Nun läßt uns der junge Kritiker der Wissenschaftstheorie aber im Stiche mit Bezug auf die Frage, was denn wohl seine Redeweise von der "Unterschiedlichkeit" bzw. von der "Ungleichheit" sagen will. Le- court mag einmal versuchen zu erklären, was die Wörter "Unterschied" und "Ungleichheit" (die K a t e g o r i e n be- zeichnen) anzeigen. In diesem Versuche wird er unweigerlich das Wort "Gleichheit" gebrauchen und damit die Erkenntnis der V e r n u n f t (im Unterschied zu der des Verstands) erfahren, daß die W i r k l i c h k e i t einer Ungleichheit im effekti- ven Ausschluß der Gleichheit besteht, daß also die Ungleichheit niemals ohne die Gleichheit wirklich ist (denn eben durch den Ausschluß der Gleichheit w i r d die Ungleichheit für den Ver- stand, also eben im Ausschluß ist die Gleichheit - als Gegenstand des Ausschließens - vorausgesetzt!). Lecourt kann die Basis der analytischen Begriffsbildung - und das ist die Gleichheit im Ge- gensatz zur Ungleichheit - nur um den Preis der I d e a l i s i e r u n g ihres Gegenteils, der Ungleichheit, für seinen Verstand hinwegdisputieren, womit natürlich der Schein erreicht ist, daß die auf der Grundlage der Gleichheit verfah- rende (abstrahierende) Bestimmung des Begriffs d e r Wissen- schaft "eine i d e a l i s t i s c h e Prämisse" sei. An die Stelle der klassischen Verhimmelung des durch den Begriff be- stimmten W e s e n s einer Sache (hier der Wissenschaft) setzt er also die Verhimmelung i h r e r E x i s t e n z. Man mag dies "materialistisch" nennen, dialektisch-materialistisch ist es nicht! Indem wir in Lecourts Attacke gegen die Wissenschaftstheorie, die ihren Verstand mit der Bildung des Begriffs der Wissenschaft als real bestehend auszuweisen beabsichtigt, die metaphysische Ver- himmelung der Ungleichheit auf Kosten der Gleichheit, der E x i s t e n z einer Sache (die in der Sprache durch grammati- sche Subjekte bezeichnet wird) auf Kosten des W e s e n s der- selben Sache (das in der Sprache durch grammatische Prädikate be- zeichnet wird, nicht etwa durch Prädikatergänzungen oder soge- nannte "Prädikatoren") erkennen, so sind wir wohl berechtigt, gegen Lecourt und im Anschluß an die gewöhnliche Tradition, von der Wissenschaft zu sprechen. Damit dürfen wir auch hoffen, einen angemessenen Begriff von derselben zu bilden. (Wir bemerken noch, daß Lecourt, wollte er konsequent sein, aus seinem Räsonnement das Wort "ensemble" - deutsch durch I. Neu mit "Gesamtheit" über- setzt, in mathematischen Texten sonst durch "Menge"! - streichen müßte, um es durch das Wort "Vielheit" oder "Haufen" (Quine sagt gern: heap) zu ersetzen. Denn eben ein ensemble, eine Menge im mathematischen Sinne hat die für Lecourt vertrackte Eigenschaft, die Extension eines B e g r i f f s zu sein.) Ehe wir nun auf den marxistischen Begriff der Wissenschaft einge- hen, wird es nützlich sein, sich zunächst zu vergegenwärtigen, wie man unter vormarxistischen, bürgerlichen Denkvoraussetzungen die Sache Wissenschaft begreift. Die eifrige Verwendung der Prä- dikate "ist wissenschaftlich" und "ist unwissenschaftlich" l e g i t i m i e r t (Negt sei es geklagt) empirisch, daß ihre Verwender in der Tat mit bestimmten Vorstellungen von d e r Wissenschaft operieren. Sie desavouiert insbesondere die Meinung, wir wüßten nicht zu bestimmen, was Wissenschaft sei. Wer solche Prädikate verwendet, äußert - mit Hegel zu sprechen - seinen Be- griff a n s i c h von der Wissenschaft. Um also empirisch sol- che Wissenschaftsbegriffe bei irgendwelchen Methodologen zu er- kennen, hat man nur darauf zu achten, welchen Subjekten dieser die entsprechenden Prädikate zuweist. Wenn z.B. der Apostel der "kritischen Vernunft", Sir Charles, Hegels 'Wissenschaft der Lo- gik' ein Buch nennt, "das nicht nur veraltet, sondern typisch ist für vorwissenschaftliches und sogar vorlogisches Denken" 10), so wird man gewappnet sein, unter Sir Charles' Vorstellung der Wis- senschaft solche Existenzen wie Hegels Produkte mit Sicherheit nicht vorzufinden. Die Pikanterie in der Attitüde des Sir Charles liegt hier darin, daß der sozial-liberal konfirmierte Bannen- träger der "kritischen Vernunft" mit seiner Denunziation Hegels zugleich die Logik (die formale versteht sich) der Wissenschaft genetisch vorordnet, wodurch sie also zum vorwissenschaftlichen Phänomen avanciert, obwohl doch alle Welt weiß, daß eben die Lo- gik ein recht spätes Produkt der Wissenschaftsentwicklung ist, daß mithin vielmehr die Wissenschaft der Logik vorangeht. Denn wie anders soll man das Prädikat "ist vorwissenschaftliches und sogar vorlogisches Denken" anders verstehen als eben in diesem Sinne, daß sein Verwender zunächst die Logik und d a n a c h die Wissenschaft realisiert sieht? Popper hat natürlich die von ihm bewußtlos ausgesprochene Pikanterie der vorwissenschaftlichen Logik nicht bemerkt. Sein Sensorium hat unter den Salven der Re- volution von 1918 in Wien ein wenig gelitten. Die in der spätbürgerlichen Philosophie (damit meinen wir die bürgerliche Philosophie nach Hegel und Feuerbach, d.h. nach der weltgeschichtlichen Vollendung des Sieges der Bourgeoisie über den Feudaladel) gegenwärtig übliche Auffassung der Wissenschaft besteht praktisch darin, sie a l s M e n g e v o n S ä t- z e n zu unterstellen. G. Frey erklärt: "Die drei Funktionen, die in der Wissenschaft auftreten, B e w a h r e n, I n f r a- g e s t e l l e n u n d A u f f i n d e n v o n W i s s e n, finden wir in allem menschlichen Sprechen. ... In ... Aussagen wird unser Wissen sprachlich objektiviert." 11) D.W. Theobald sagt: "Die erste der beiden Problemkategorien der Philosophie der Wissenschaft, ..., ist eine Gruppe sogenannter methodologischer Probleme, die es mit der Struktur wissenschaftlicher Sätze und den Reaktionen zwischen ihnen zu tun haben. ... Die andere Gruppe philosophischer Probleme der Wissenschaften ist mit der Prüfung von Bedeutungen und Implikationen zwischen Begriffen befaßt, die der Wissenschaftler verwendet." 12) Angaben gleicher Art kann man fast beliebig - angesichts der enormen Fülle wissenschafts- theoretischer Publikationen - aneinanderreihen. Die hier zitier- ten sind nach dem Prinzip der Zufallsauswahl angegeben und haben nur exemplarische Bedeutung. Mit einer solchen Voraussetzung der Wissenschaft in der Form kon- struierter oder konstruierbarer Fachsprachen ist klarerweise eine spezielle Vergegenständlichung einer speziellen Fähigkeit des wissenschaftlichen Vermögens als Modell der Wissenschaft über- haupt vorgestellt. Wenn ein Physiker mißt, dann spricht er ge- wöhnlich nicht, sondern realisiert geregeltes Handwerk. Wenn ein Pathologe seziert, dann spricht er gewöhnlich nicht, sondern re- alisiert geregeltes Handwerk. Ist nun die Tat des Messens wie die des Sezierens, weil sie sich nicht zu Satzsystemen vergegenständ- lichen, k e i n Ausdruck der Wissenschaft? Wenn ein Physiker messen will, so muß er Meßgeräte bauen, die als die Ar- beits m i t t e l seiner Tätigkeit fungieren. Ist das Meßgerät k e i n e Vergegenständlichung wissenschaftlicher Arbeitsfähig- keit? (Selbstverständlich ist das Meßgerät kein s p r a c h l i- c h e r Ausdruck!) Die genannten Fragen zu stellen, heißt zu meinen, daß die Voraus- setzung der Wissenschaft a l s P r o d u k t des Sprechens (Konzept der analytischen Wissenschaftstheorie) oder als F ä h i g k e i t des regelgeleiteten Argumentierens (Konzept der konstruktiven Wissenschaftstheorie) die Wissenschaft allemal allein unter der Bestimmung beobachtet, Äußerung des B e w u ß t s e i n s zu sein. Mit einer solchen Voraussetzung verschwindet sowohl die l e b e n d i g e A r b e i t der Wis- senschaftler wie das Arbeitsmittel (z.B. das Meßgerät) wie schließlich das m a t e r i e l l e A r b e i t s p r o d u k t des wirklichen wissenschaftlichen Tuns, das wir "Modell" nennen werden. 13) Was allein bleibt, sind die Theorien, realisiert in Fachsprachen, mit denen wir bestimmte Modelle beschreiben. Damit wird die reale wissenschaftliche Arbeit auf ihr theoretisches Mo- ment reduziert, also die theoretische Tat in Abstraktion von der m a t e r i e l l e n M o d e l l p r o d u k t i o n zum Ge- genstand der wissenschaftstheoretischen Untersuchung gemacht - analytisch unter der Form des Objekts (nämlich vorgegebener Fach- sprachen), konstruktiv unter der Form der rein geistigen Tätig- keit (nämlich der Fixierung von Argumentationsregeln). Von dieser Unterstellung der Wissenschaft als Objekt der Wissen- schaftstheorie ist nun die marxistisch-leninistische Konzeption der Wissenschaft strikt verschieden. Sie sei im folgenden vor al- lem mit Rückgriff auf Darstellungen von Marx charakterisiert. Der Marxsche Begriff der Wissenschaft ------------------------------------- Im Zusammenhang mit der Analyse der Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals bemerkt Marx im Dritten Band seines 'Kapital', daß man zwischen a l l g e m e i n e r A r b e i t und g e m e i n s c h a f t l i c h e r A r b e i t zu unter- scheiden habe. Und es heißt dann: "Allgemeine Arbeit ist alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung. Sie ist bedingt teils durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Be- nutzung der Arbeiten Früherer." 14) Indem wir hier das Wörtchen "ist" im Sinne von "ist dasselbe wie" verstehen, können wir sa- gen, daß damit von Marx eine Definition des Begriffs der Wissen- schaft gegeben worden ist, die wir kurz durch den Ausdruck "Wissenschaft = die allgemeine Arbeit" wiedergeben. Dabei verste- hen wir weiter unter "Entdeckung" die objektive Erscheinungsweise der allgemeinen Arbeit, unter "Erfindung" dagegen deren subjek- tive Erscheinungsweise. Eine Entdeckung realisiert ein unabhängig vom menschlichen Zugriff b e s t e h e n d e s Allgemeines; eine Erfindung realisiert ein vermittels des menschlichen Zugriff e r z e u g b a r e s Allgemeines. In der Entdeckung operieren wir wesentlich d e s k r i p t i v (bei konstruktiver Erzeugung der Entdeckungsbedingungen); in der Erfindung operieren wir we- sentlich konstruktiv (bei deskriptiver Bestimmung der Erfindung). Entdeckungen und Erfindungen sind zusammen d i e P r o d u k t e, in denen sich allgemeine Arbeit vergegenständ- licht (und damit sinnlich wahrnehmbar) darstellt. Ich bin mir natürlich dessen bewußt, daß die hier gelieferte In- terpretation des Marxschen Textes - eine I n t e r p r e t a- t i o n ist, d.h. philologisch sicher nicht unumstritten sein wird. Z.B. wird man in der ersten Auflage des 'Kapital' finden, daß Marx den Terminus "allgemeine Arbeit" zur Bezeichnung der Wertsubstanz, d.h. der menschlichen Gattungstätigkeit, verwendet hat. Da nun selbstverständlich nach der obigen Definition die Wissenschaft eine spezielle Art dieser Gattungstätigkeit ist, so müssen wir uns entscheiden, den Terminus "allgemeine Arbeit" eben n i c h t zur Bezeichnung der Substanz des (ökonomischen) Werts zu gebrauchen. Da Marx im fraglichen Zusammenhang auch von "abstrakt menschlicher Arbeit" spricht bzw. von "allgemeiner Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit", so ist Mär, daß hier "allgemeine Arbeit" nur als sprachliche Kurzfassung der Bezeichnung dessen auftritt, was beim Austausch beliebiger menschlicher Arbeiten, einschließlich der wissenschaftlichen, i n v a r i a n t bleibt. 15) Zum sprachlichen Ausdruck dieser Invariante verwendet Marx in der zweiten Auflage des 'Kapital' dann bekanntlich auch strikt den Terminus "abstrakt menschliche Arbeit". Wer will, kann auch sagen: Der (ökonomische) Wert ist die Abstraktion von der menschlichen Arbeit oder die abstrakt- allgemeine Arbeit. Die Wissenschaft ist dann die konkret- allgemeine Arbeit, während die materielle Produktion bzw. die Ge- brauchswerterzeugung die konkret einzelne Arbeit ist. Konkret- einzelne und konkret-allgemeine Arbeit bilden die beiden Momente der konkreten Arbeit der Menschengattung, während die Abstraktion von der Verschiedenheit der Gebrauchsarten ihrer Bedingungen und Produkte zur abstrakt-allgemeinen Arbeit führt. (Man beachte, daß weder das Konkret-Einzelne noch das Konkret-Allgemeine ein Exem- pel des Abstrakt-Allgemeinen ist! Ein solches Exempel heißt in der Sprache der Philosophie vielmehr ein Abstrakt-Einzelnes.) Es sei nun zunächst gezeigt, daß das fragliche Zitat aus dem 'Kapital' nicht etwa eine nur beiläufige Bemerkung von Marx ist. In seiner 'Kritik des Hegelschen Staatsrechts' erklärt Marx: "... in der Wissenschaft kann ein 'Einzelner' die allgemeine An- gelegenheit vollbringen, und es sind immer Einzelne, die sie vollbringen. Aber wirklich allgemein wird sie erst, wenn sie nicht mehr die Sache des Einzelnen, sondern die der Gesellschaft ist. Das verändert nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt." 16) Damit wird schon 1843 die Wissenschaft als Ausdruck des Be- treibens der "allgemeinen Angelegenheit" verstanden. 1844 erklärt F. Engels: "... für einen vernünftigen Zustand, der über die Teilung der Interessen, wie sie beim Ökonomen stattfindet, hinaus ist, gehört das geistige Element allerdings mit zu den Elementen der Produktion und wird auch in der Ökonomie seine Stelle unter den Produktionskosten finden. Und da ist es allerdings befriedi- gend, zu wissen, wie die Pflege der Wissenschaft sich auch mate- riell belohnt, zu wissen, daß eine einzige Frucht der Wissen- schaft, wie James Watts Dampfmaschine, in den ersten fünfzig Jah- ren ihrer Existenz der Welt mehr eingetragen hat, als die Welt von Anfang an für die Pflege der Wissenschaft ausgegeben." 17) Damit wird der Sache nach die Wissenschaft als notwendige Bedin- gung der materiellen Produktion ausgesprochen, der eine "Stelle unter den Produktionskosten" rechtens zukommt. Wie in den 'Pariser Manuskripten' die Einheit von Wissenschaft und Produk- tion (Arbeit) gefaßt wird, ist wohl so bekannt, daß wir auf eine Wiedergabe verzichten können. In den 'Grundrissen' bemerkt Marx über die Realisierbarkeit der "wirklich freien Arbeit" folgendes: "Die Arbeit der materiellen Produktion kann diesen Charakter nur erhalten, dadurch daß 1) ihr gesellschaftlicher Charakter gesetzt ist, 2) daß sie wissen- schaftlichen Charakters, zugleich allgemeine Arbeit ist, nicht Anstrengung des Menschen als bestimmt dressierter Naturkraft, sondern als Subjekt, das in dem Produktionsprozeß nicht in bloß natürlicher, naturwüchsiger Form, sondern als alle Naturkräfte regelnde Tätigkeit erscheint." 18) An anderer Stelle heißt es: "In demselben Maße wie die Arbeitszeit ... durch das Kapital als einzig bestimmendes Element gesetzt wird, in demselben Maße ver- schwindet die unmittelbare Arbeit und ihre Quantität als das be- stimmende Prinzip der Produktion ... und wird sowohl quantitativ zu einer geringen Proportion herabgesetzt, wie qualitativ als ein zwar unentbehrliches, aber subalternes Moment gegen die allge- meine wissenschaftliche Arbeit, technologische Anwendung der Na- turwissenschaften nach der einen Seite, wie [gegen die] aus der gesellschaftlichen Gliederung in der Gesamtproduktion hervorge- hende allgemeine Produktivkraft - die als Naturgabe der gesell- schaftlichen Arbeit (obgleich historisches Produkt) erscheint." 19) Wie man sieht, ist die Marxsche Fassung der Wissenschaft als all- gemeine Arbeit mit der theoretischen Erfassung des Zusammenhangs der Wissenschaft mit der Evolution der Produktion untrennbar ver- bunden. J. Jungnickel hat für die Erkenntnis dieser Beziehung dankenswerterweise neues Material aus bisher in Deutsch nicht veröffentlichten Manuskripten von Marx zur Verfügung gestellt. In einem solchen Manuskript heißt es: "Die Production in Masse ... unterwirft erst die N a t u r k r ä f t e im Großen - Wind, Wasser, Dampf, Elektricität - dem unmittelbaren Productionspro- ceß, verwandelt sie in A g e n t e n d e r g e s e l l- s c h a f t l i c h e n A r b e i t. ... Da diese naturel agents nichts kosten, gehn sie in den Arbeitsproceß ein, ohne in den Verwertungsproceß einzugehn. Sie machen die Arbeit productiver, ohne den W e r t h d e s P r o d u c t s zu er- höhn, ... Die Anwendung der n a t u r a l a g e n t s... fällt zusammen mit der Entwicklung der W i s s e n s c h a f t, als eines selbständigen Factors des Productionsprocesses. Wie der Productionsproceß z u r A n w e n d u n g d e r W i s s e n- s c h a f t, wird umgekehrt die Wissenschaft zu einem Factor, sozusagen zu einer Function des Productionsprocesses. Jede Entdeckung wird Basis einer Erfindung oder neuer verbesserter Methoden der Production. Erst die capitalistische Producti- onsweise macht die Naturwissenschaften dem unmittelbaren Produc- tionsproceß dienstbar, während umgekehrt die Entwicklung der Pro- duction die Mittel zur theoretischen Unterwerfung der Natur lie- fert. Die Wissenschaft erhält den Beruf Productionsmittel des Reichtums zu sein; Mittel der Bereicherung." 20) Mit dieser wichtigen Passage halten wir fest, daß für Marx die Genesis der Wissenschaft in der Unterwerfung der Naturkräfte er- scheint, in ihrer Verwandlung in "Agenten der gesellschaftlichen Arbeit". Insofern also eine (außermenschliche) Naturkraft als Agent dieser Produktion auftritt, ist Wissenschaft verwirklicht - und zwar völlig unabhängig davon, ob die Wissenschaft auch sozial institutionalisiert ist oder nicht, ob also der Unterwerfer von solchen Naturkräften den Titel eines "Diplom-Wissenschaftlers" trägt oder nicht. Das objektive Dasein einer Naturkraft als Agent der Produktion widerspiegelt das subjektive Dasein der Wissen- schaft als des allgemeinen Moments der Produktion! Im von Jungnickel publizierten Manuskript heißt es weiter: "Das Capital schafft die Wissenschaft nicht, aber es exploitirt sie, eignet sie dem Productionsprozeß an. Damit zugleich T r e n n u n g d e r W i s s e n s c h a f t, als auf die Production a n g e w a n d t e r W i s s e n s c h a f t von der u n m i t t e l b a r e n A r b e i t, während auf den früheren Stufen der Production beschränktes Maaß der Kenntniß und Erfahrung unmittelbar mit der Arbeit selbst verbunden ist, sich nicht als von ihr getrennte, selbständige Macht entwickelt, daher auch im Ganzen nie hinauskommt über traditionell fortgeübte und nur sehr langsam und im Kleinen sich erweiternde Receptsammlung. (Erfahrungsmässige Erlernung der mysteries of each handicraft.) Hand und Kopf nicht getrennt..." 21) Der kundige Leser wird na- türlich sofort diese Feststellungen mit A. Sohn-Rethels Deutung der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit vergleichen 22), um sodann für sich selbst das Urteil zu fällen, inwieweit Sohn-Rethels Anspruch, eine "marxistische Untersuchung" zu lie- fern 23), vielmehr durch die Feststellung korrigiert werden muß, in der Tat eine kantianische Rekonstruktion vorgestellt zu haben. Unter kapitalistischen Bedingungen, so sagt Marx im genannten Ma- nuskript weiter, e r s c h e i n t die Wissenschaft "als der Arbeit f r e m d e, f e i n d l i c h e und sie b e h e r r- s c h e n d e P o t e n z gegenüber und ihre Anwendung ... beruht ganz so auf der Trennung der geistigen Potenzen des Processes von dem Wissen, Kenntniß und Geschick des einzelnen Arbeiters, wie die Concentration und Entwicklung der Productions- bedingungen und ihre Verwandlung in Capital beruht auf der Entb- lössung - Trennung des Arbeiters von denselben." 24) Selbstver- ständlich ist eine solche Erscheinungsweise der Wissenschaft nicht dem Charakter der Wissenschaft als solcher geschuldet, son- dern den sozial-ökonomischen Bedingungen, unter denen sie ver- wirklicht wird. Ebenso wie das Privateigentum an den objektiven Bedingungen der Arbeit die Trennung oder Entfremdung der Arbei- ter von eben diesen Produktionsbedingungen ist, stellt es zugleich die Realisation der Trennung der Wissenschaft von den Arbeitern dar. Ebenso also wie die sozialistische Negation des Privateigentums an den gegenständlichen Arbeitsbedingungen die Entfremdung der Arbeiter von diesen beseitigt, ebenso liquidiert sie deren Trennung von der Wissenschaft. Trotz der verkehrten Weise, unter welcher sich die Wissenschaft im Kapitalismus entwickelt, darf man jedoch niemals vergessen: "Die Entwicklung der Naturwissenschaften selbst [und sie bilden die Basis allen Wissens] wie alles auf den Productionsproceß be- züglichen Wissens, entwickelt sich selbst wieder auf Grundlage der capitalistischen Production, die ihr zum großen Theil erst die materiellen Mittel der Forschung, Beobachtung, Experimen- tirung schafft. Die men of science, sofern diese Wissenschaften als Mittel der Bereicherung von dem Capital gebraucht werden, und dadurch selbst zu einem Mittel der Bereicherung für ihre Entwick- ler werden, concurriren unter einander p r a k t i s c h e A n w e n d u n g e n dieser Wissenschaft zu finden. Anderer- seits wird d i e E r f i n d u n g zu einem eignen métier. Mit der capitalistischen Production wird daher der w i s s e n- s c h a f t l i c h e F a c t o r zuerst mit Bewußtsein und auf einer Stufenleiter entwickelt, angewandt und ins Leben gerufen auf einem Maßstab von dem frühere Epochen keine Ahnung." 25) Indem wir also nicht von der romantischen Denunziation der Entfremdung als des an sich Bösen, sondern von dem realistischen Wissen ausgehen, daß zur Ausbildung der Einheit der menschlichen Gattung als des einen universellen Gemeinwesen (der kommunistischen Gesellschaftsordnung) die Durchgangsstufe des Privateigentums unvermeidlich ist, so brauchen wir nicht die Wis- senschaft zu attackieren, wenn wir richtig feststellen, daß sie - unter kapitalistischen Bedingungen - von den Arbeitern getrennt und ihnen also entfremdet ist. Dabei ist es ganz gleichgültig, welche in der ideologischen Konjunktur bedingte Gestalt diese At- tacke annimmt, ob sie sich also als Negation der Wissenschafts- theorie, als "anarchistische Wissenschaftstheorie", als Lobprei- sung selbst der Methode des 'Kapitals' als einer esoterischen "Kapitallogik", verständlich nur für in ihre Mysterien einge- weihte Geister, oder als Denunziation der Wissenschaft mit Hin- weis auf ökologische Krisen darstellt. Die angeführten Auszüge aus Marxschen Darstellungen zeigen wohl hinreichend, daß unsere Verwendung des Definiens "allgemeine Ar- beit" für den Terminus "Wissenschaft" den Marxschen Intentionen entspricht. Mit der Definition der Wissenschaft als Allgemeiner Arbeit wird unterstellt, daß die wissenschaftliche Erkenntnis das a l l g e m e i n e M o m e n t der materiellen Produktion ist. Ihre art s p e z i f i s c h e Besonderheit besteht also gerade darin, das A l l g e m e i n e dieser Produktion selbst zum In- halt zu haben. Die Wissenschaft hört durch diesen Umstand keines- wegs auf, p h y s i s c h e Arbeit bzw. m a t e r i e l l e Tätigkeit zu unterstellen. Experimentelle Leistungen sind eben- sowohl die Basis der Wissenschaft wie physische Äußerungen der Experimentatoren. Die Vorstellung von der Wissenschaft als einer rein geistigen Tätigkeit ist eine Chimäre. Will man die Wissen- schaft wirklich verstehen, so muß man sie von der Gebrauchswert- produktion im ökonomischen Sinne unterscheiden: Während wir in der materiellen Produktion, insofern sie nicht allgemeine Arbeit, also Wissenschaft ist, unmittelbar G e b r a u c h s w e r t e der Potenz nach erzeugen, also quantitativ bestimmte Gegenstände oder Gegenstandsgesamtheiten, die ein gewisses materielles Be- dürfnis in der physischen Reproduktion der Menschen befriedigen, erzeugen wir in der Wissenschaft - wie wir sagen können - M o d e l l e (einschließlich der zu ihnen gehörigen Theorien). Modelle aber sind Gegenstände oder Gegenstandssysteme unter der Bedingung, G e l t u n g s i n s t a n z e n f ü r d i e U r t e i l e der entsprechenden Theorien zu sein. Als solche bestehen sie, sofern sie in der physischen Konsumtion gerade nicht vernutzt werden. Und eben als solche sind sie gegenständli- che Vertreter für Allgemeines, das wir in den Theorien unter Gei- stesaufwand beschreiben. Nicht daß sie das göttliche Reich des "reinen Geistes" ist, macht die Wissenschaft aus, sondern daß sie die aus der Umwelt isolierten Gegenstände zu Modellen allgemeiner Bestimmungen macht, dies ist die Lebensäußerung der Wissenschaft! Daß in eben dieser Tat der Geist zu sich kommt, ist auch ein er- freuliches Produkt. Es ist vielleicht an dieser Stelle nicht unwichtig zu notieren, daß Marxens Begriff der Wissenschaft die legitime Fortsetzung des Hegelschen Begriffs des Geistes ist. Bekanntlich besteht die be- sondere Leistung Hegels in diesem Zusammenhang genau darin, daß er den Geist als den A r b e i t e r par excellence auffaßt. Während aber nun Hegel d i e I d e n t i f i k a t i o n zwi- schen den Begriffen der Arbeit und des Geistes unterstellt, löst Marx gerade diese Identifikation auf und bestimmt die Wissen- schaft als das allgemeine M o m e n t der Arbeit, das sich un- ter den Bedingungen des Privateigentums gegen die unmittelbaren Produzenten gerichtet sieht. Es bedarf sicher keiner ausführli- cheren Begründung der Feststellung, daß Hegels Fassung der Wis- senschaft als des daseienden Allgemeinen und zugleich der (konkreten) Arbeit natürlich eine geniale Vorleistung für die Entwicklung des Marxismus-Leninismus ist. Beachtet man diesen hi- storischen Umstand, so wird der Sinn des Marxschen Wissenschafts- begriffs, eben weil er damit in die historische Kontinuität ein- gebettet ist, noch zugänglicher als durch den rein analytischen Aufweis der faktischen wissenschaftlichen Arbeit (in den Labors, in den industriellen Großversuchen und auch - am Schreibtisch). Abschließend stellen wir fest: (1) Die Definition der Wissen- schaft als allgemeiner Arbeit ist formal - im Sinne der klassi- schen Definitionslehre, die keineswegs durch die moderne formale Logik beerdigt worden ist - korrekt. Das Wort "allgemein" im Ter- minus "allgemeiner Arbeit" bezeichnet den in der Definitionslehre geforderten artspezifischen Unterschied, das Wort "Arbeit" die entsprechende Gattung. (2) Die inhaltliche Adäquatheit der Defi- nition wird verstanden, indem man weiß, wie im Rahmen der marxi- stisch-leninistischen Wissenschaftsauffassung die Termini "allgemein" und "Arbeit" verwendet werden; und indem man erkennt, daß jedes und nur solches Phänomen, das "Wissenschaft" genannt wird, auch die Charakterisierung "allgemeine Arbeit" verdient. Da man in der Literatur feststellen kann, daß mit dem Terminus "Arbeit" - auch unter Berufung auf Marx - ziemliche Spekulationen angestellt werden, so sei zum besseren Verständnis des Marxschen Wissenschaftsbegriffs auf die Bestimmung der Gattung eingegangen, zu der die Wissenschaft als eine ihrer Arten gehört. Die hauptsächlichste Verdrehung der Marxschen Intentionen basiert gegenwärtig auf einer unmißverständlich i d e a l i s t i- s c h e n Deutung der Arbeit. Wenn sie mit der Berufung auf Marx proklamiert ist, so wird regelmäßig an die Vorstellung des berühmten Zitats erinnert, wonach sich der schlechteste Baumeister von der besten Biene dadurch auszeichnet, "daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut" 26). Ich gebe natürlich zu, daß ein gewöhnlicher Baumeister gut daran tut, solches Vorgehen zu realisieren; es könnte sein Bau sonst recht teuer werden. Was ich aber nicht und unter gar keinen Bedingungen zugebe, ist die Annahme, daß Marx mit diesem Hinweis das W e s e n der Arbeit bestimmt habe. Die Existenz eines B a u p l a n s im Kopf ist eine n o t w e n d i g e, aber n i c h t h i n r e i c h e n d e Bestimmung der entwickelten Arbeit. Wer die Existenz des gedachten Plans für die wesentliche Äußerung der Arbeit ausgibt, dem ist die Arbeit tatsächlich gerade das, was sie für H e g e l war, nämlich Ideenproduktion, Setzung und Aufhebung eines (mit Sartre zu sprechen) geistigen Entwurfs etc.; doch es ist bekannt genug, was Marx über die regelmäßige Blamage der Idee meint, die die gegenständlichen Bedingungen ihrer Realisierbarkeit ignoriert. Die Reduktion der Arbeit auf die Erzeugung von Bauplänen ist nichts als die idealistische Manier, das Phänomen der Arbeit, nachdem es einmal sich herumgesprochen hat, man könne ohne Arbeit auf dem Standpunkt der Menschengattung nicht leben, auf eine von den A r b e i t e r n getrennte Existenz herunterzubringen. Das ist eine Manier, die besonders bei links protestierenden I n t e l l e k t u e l l e n, die sich auch zeitweise der kom- munistischen Bewegung anschließen mögen, sich einer vordergründi- gen Beliebtheit erfreut. So schließt denn auch G. Lukács sogleich aus Marxens Bemerkung über den schlechtesten Baumeister und der besten Biene: "Durch die Arbeit wird eine teleologische Setzung innerhalb des materi- ellen Seins als Entstehen einer neuen Gegenständlichkeit verwirk- licht. ... Die bloße Tatsache, daß die Arbeit die Verwirklichung einer Ideologischen Setzung ist, ist ein elementares Erlebnis des Alltagslebens aller Menschen,..." 27) Ist dies auch das "elementare Erlebnis" der Privateigentümer, d.h. der Nichtarbei- ter? Und ist es das "elementare Erlebnis" der Lohnarbeiter, daß sie (und nicht etwa die Kapitalisten) die Zwecke der kapitalisti- schen Produktion setzen? Lukács behauptet weiter, "daß jede Ar- beit unmöglich wäre, wenn ihr nicht eine solche Setzung voran- ginge, um ihren Prozeß in allen seinen Etappen zu determinieren" 28). Aber was machen wir dann, wenn wir Gegenstände der Natur verarbeiten wollen, deren Verhaltensweisen wir gar nicht kennen, so daß wir den Prozeß ihrer Verarbeitung gerade nicht determinie- ren können? Und ist die Arbeit denn wirklich identisch mit dem Prozeß der Determination ihres Ablaufs? Oder korrigiert nicht vielmehr die w i r k l i c h e Arbeit jede antizipierte Deter- mination ihres Ablaufs (welche ja doch von der vorausgesetzten Kenntnis abhängt)? Und schließlich: Wie erklären wir die Genesis der Erkenntnis, wenn sie der Arbeit angeblich vorangehen soll? Etwa durch die Ergießung des Heiligen Geistes am schönen Pfingst- sonntag? Diese Fragen legen wohl nahe, daß das Konzept der Arbeit als "teleologischer Setzung" nichts als die ideologische Paraphrase auf die Vorstellung, des Intellektuellen v o n s i c h s e l b s t i n s e i n e r T r e n n u n g v o n d e n A r b e i t e r n ist. Einen anderen philosophischen Wert hat sie nicht. Die wirkliche Arbeit ist "ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrol- liert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegen- über. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Natur- stoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur." 29) Das entscheidende Merkmal, das die Arbeit als menschliche Lebensäuße- rung von der tierischen unterscheidet, ist die W e r k z e u g- p r o d u k t i o n, die Herstellung und der Gebrauch also von Arbeitsmitteln. Die Arbeit ist w e r k z e u g v e r m i t- t e l t e T ä t i g k e i t der menschlichen Gemeinwesen zur physischen Erhaltung derselben. Nun kann man meinen: Wenn die Werkzeugproduktion und -verwendung das Charakteristikum der Arbeit im Unterschied zur tierischen Le- bensäußerung ist, wird dann nicht doch der Geist oder das Bewußt- sein implizit zur definitorischen Bestimmung derselben bemüht? Denn wie soll man Werkzeuge ohne jene "teleologische Setzung" herstellen (so würde Lukács fragen)? Die Antwort liefert die em- pirische Untersuchung. Und da in solchen Fragen der Philosoph gut daran tut, sich auf das Urteil der entsprechenden Fachwissen- schaftler zu verlassen, so sei die bemerkenswerte Arbeit K. Holz- kamps über die sinnliche Erkenntnis zitiert, worin der Autor sei- nerseits mit Berufung auf J.R. Napier feststellt, daß man zwi- schen einer A d h o c - W e r k z e u g h e r s t e l l u n g und einer W e r k z e u g h e r s t e l l u n g f ü r e i n e k ü n f t i g e G e l e g e n h e i t sowie schließlich e i n e r g e s e l l s c h a f t l i c h e n W e r k z e u g- h e r s t e l l u n g zu unterscheiden habe. Wesentlich ist hierbei philosophisch, daß die Ad hoc-Werkzeugproduktion die genetische Vorbedingung der kulturell tradierten Werkzeugher- stellung ist. Holzkamp schätzt den Zeitraum der geschichtlichen Herausbildung einer definitiven gesellschaftlichen Werkzeug- produktion auf über 100 000 Jahre, nämlich von vor ca. 150 000 bis vor 40 000 Jahren. 30) An diesen Feststellungen ist für uns vor allem der Umstand wich- tig, daß die Arbeit mit der wesentlich z u f ä l l i g e n Werkzeugherstellung beginnt und gerade mit dem Übergang zur kul- turell fixierten und tradierten Werkzeugproduktion den materiel- len Grund für die Geburt des Geistes (d.h. des erkennenden Ver- stands) liefert. Denn eben in der Kontrolle des Gebrauchs und der Herstellung der Werkzeuge realisiert sich vornehmlich der Ver- stand. Das ist deshalb der Fall, weil es die e r h a l t e- n e n, v e r e r b t e n, g e p f l e g t e n, r e p a- r i e r t e n Werkzeuge sind, die den arbeitenden Menschen die fundamentale Verstandeskategorie der I d e n t i t ä t exempla- risch vorstellen. Nicht an den G e g e n s t ä n d e n d e s V e r z e h r s (der Konsumtion) gewinnt der Mensch Verstand, sondern an den M i t t e l n s e i n e r P r o d u k t i o n, die er i d e n t i s c h erhalten will! Damit er also zu Verstand kommen kann, muß er sie überhaupt erst einmal erzeugen und zwar o h n e Verstand, also zufallsdeterminiert, sozusagen als Mutante mit Selektionsvorteil. Indem dies vorausgesetzt wird, ist die Erklärung des verständigen Bewußtseins unter der genetischen Voraussetzung der Arbeit realisierbar, nämlich im Sinne der synthetischen Evolutionstheorie. Es entfällt dann aber auch die Idee von der Arbeit, ein "geplanter Eingriff" zu sein, wonach die durch "geplant" gemeinte Eigenschaft das artspezifische Charakteristikum der Arbeit ist. Die wirkliche Ar- beit ist immer reicher als jede noch so detaillierte Planung ihres Vollzugs sein kann. Pläne sind stets B e w u ß t- s e i n s p r o d u k t e. Infolgedessen können sie nicht das Wesen der m a t e r i e l l e n Arbeit ausmachen. Es ist wohl einsichtig, daß der Umstand einer Ad hoc-Werkzeugher- stellung nach wie vor in der modernen Arbeit seine Rolle spielt. Zwar ist er zum subalternen Moment dieser Arbeit geworden. Nichtsdestoweniger aber ist er stets vorhanden. Jede Erprobung einer neuen Maschine zeigt dies Faktum - gleichgültig wie präzis die Konstruktionsunterlagen gewesen sein mögen. Wir vertreten also die These: Nicht aus der Voraussetzung des Verstands erwächst die Arbeit, sondern aus der Voraussetzung der Arbeit wird der Verstand erzeugt. Einmal entstanden, gehört der Verstand dann zu den n o t w e n d i g e n Bedingungen der Ar- beit. Niemals aber macht er ihr W e s e n aus. Zum besseren Verständnis des Marxschen Arbeitsbegriffs müssen wir unbedingt die spezielle Stellung der Arbeitsmittel (Werkzeuge) als der m a t e r i e l l e n V e r m i t t l u n g zwischen den Arbeitenden (die Philosophen sagen auch: dem S u b j e k t) und ihren Gegenständen (philosophisch: dem O b j e k t) hervor- heben. Es gehört bekanntlich zu den traditionellen Redeweisen in der Philosophie, auf der Basis eines vorgestellten "Subjekt-Ob- jekt-Verhältnisses" das (gewöhnlich erkenntnistheoretisch ge- stellte) Problem zu formulieren, wie denn wohl das Subjekt zum Objekt komme (wie die Einheit von Denken und Sein zustande komme). Klopft man diese Tradition ab, so wird man regelmäßig feststellen, daß jenes "Subjekt" als durchaus m i t t e l l o s unterstellt ist, daß es als ein an seinen Arbeitsmitteln e n t e i g n e t e s Subjekt theoretisch vorausgesetzt wird. Jeder Arbeiter weiß natürlich, daß er ohne die erforderlichen Werkzeuge die gewünschten Gebrauchswerte nicht herstellen kann. Er könnte also, verstünde er die Sprache der Philosophen, auf die Absurdität eines Unternehmens hinweisen, das die Einheit eines mittellosen Subjekts mit seinem Objekt herstellen möchte. Er würde schlicht erklären: Gebt diesem euren Subjekt die Mittel seiner Tat, behandelt es nicht länger als ein e i g e n- t u m s l o s e s Subjekt, und ihr werdet sehen, wie verständig es sich in Einheit mit seinem Objekt zu setzen weiß! Es ist also zu betonen, daß die traditionelle Subjekt-Objekt-Gegenüber- stellung der Sache nach eine Reflexion der wirklichen Lage in der Klassengesellschaft ist, worin die subjektiven Träger der Arbeit, die unmittelbaren Produzenten, eigentumslos sind und die Nichtarbeiter genau die Arbeitsmittel besitzen. Angesichts der Tatsache, daß in der Ausbeutergesellschaft die Arbeiter k e i n e A r b e i t s m i t t e l haben und die Arbeitsmit- telbesitzer k e i n e A r b e i t leisten, ist die philosophi- sche Vorstellung vom mittellosen Subjekt, also vom eigentumslosen Subjekt, durchaus verständlich. Denn sie ist die begriffslose Re- flexion eben dieser Wirklichkeit. Nichtsdestoweniger aber handelt es sich für die Arbeit der Vernunft eben darum, diese begriffs- lose Reflexion selbst auf den Begriff zu bringen und mithin zu desavouieren. Damit aber wird zugleich deutlich, daß man den Marxschen Arbeitsbegriff keineswegs adäquat wiedergibt, wenn man ihn unter das traditionelle Subjekt-Objekt-Schema subsumiert. 31) Man lese nur gründlicher das 'Kapital', und man wird finden, daß Marx die konkrete Arbeit als die prozessierende Einheit dreier einfacher Elemente faßt: d e r A r b e i t s k r a f t (sub- jektive Arbeitsbedingung), des A r b e i t s m i t t e l s und d e s A r b e i t s g e g e n s t a n d s (beide als objektive Arbeitsbedingungen). In diesem Trialismus ist das Arbeitsmittel die materialisierte Einheit des Subjekts und Objekts der Arbeit, sinnlich-gegenständlich hervorragend wahrnehmbar und wohl unterscheidbar vom Subjekt wie vom Objekt (Gegenstand) der Arbeit. Entzieht man diesem Zusammenhang das Arbeitsmittel, so freilich stehen sich Subjekt und Objekt einander äußerlich gegen- über, und es gibt in der Tat n i c h t das sie vermittelt. Wir bemerken schließlich noch, daß mit der hier entwickelten Pro- blemstellung zugleich die Bedeutung der Aneignung und damit des E i g e n t u m s für die Realität der Arbeit von fundamentaler Bedeutung ist. In der Arbeit stehen die Menschen bereits als Ei- gentümer ihrer Arbeitsmittel. Mit diesen eignen sie sich erneut nicht d i e Natur an, sondern in ihrer natürlichen Umwelt T e i l e derselben, um sie in geändertem Zustand zu konsumie- ren, wobei als Resultat der Konsumtion eine Resurrektion von Na- turgegenständen stattfindet, die mancherlei "ökologische Krisen" heraufbeschwören mag. Die Arbeit setzt das Eigentum voraus, und sie selbst ändert die Bedingungen der Realisierbarkeit des Eigen- tums. Das Eigentum wird über den wirklichen Aneignungsakt als die soziale Fundamentalrelation des arbeitenden Subjekts zu den Ge- genständen und Mitteln seiner Arbeit hergestellt. In der Wissen- schaftstheorie führt die Aneignung auch den Namen "Auswahl von Gegenständen". Es ist hier von eminenter Wichtigkeit zu beachten, daß die Aneignung oder Auswahl ein effektiver Vorgang ist, der von einem n i c h t angeeigneten Gegenstand zu einem a n g e e i g n e t e n führt. Die traditionelle metaphysische Ontologie besitzt nämlich eine ihrer theoretischen Quellen nicht nur darin, daß sie uns ein eigentumsloses Subjekt vorstellt, son- dern konsequent auch die kontradiktorische Annahme macht, daß der n i c h t a n g e e i g n e t e Gegenstand (d.i. der in Wech- selwirkung mit seiner Umwelt verbundene) dasselbe sei wie der a n g e e i g n e t e Gegenstand (d.i. der von Menschen aus der Umwelt entnommene). Sie segnet diese Kontradiktion mit der Ver- leihung des Titels "objektiv" an den angeeigneten Gegenstand. Man sieht, was der Grund für diesen logischen Kopfsprung der me- taphysischen Ontologie ist: die Ignoranz der Aneignung, die Gleichgültigkeit also gegenüber den Eigentumsverhältnissen, wel- che doch die soziale Struktur des arbeitenden Subjekts grundle- gend bestimmen! Es versteht sich, daß eine solche Attitüde in ei- ner Gesellschaft des Privateigentums hervorragend geeignet ist, die eigentumslosen Produzenten von der "Natürlichkeit" ihrer Ei- gentumslosigkeit zu überzeugen. Marx hat in seiner 'Kritik des Gothaer Programms' dazu die erforderlichen Feststellungen getrof- fen. Es sei weiter betont, daß im Sinne des Marxschen Arbeitsbegriffs das Subjekt der Arbeit stets ein G e m e i n w e s e n ist, niemals ein Individuum vom Schlage des berühmten Robinson. Der einzelne Mensch arbeitet nie anders denn als G l i e d d e s G e m e i n w e s e n s. Er kann zwar individuell allerlei Tä- tigkeiten ausführen, aber A r b e i t werden diese erst, wenn sie als Bestandsteil der Tätigkeiten des gesellschaftlichen Ge- samtarbeiters auftreten. Die "Gesellschaft" etwa über "herrschaftsfreie Kommunikation" jenseits und neben der Arbeit "synthetisieren" zu wollen, ist mithin ein ideologisches Unter- nehmen, das vom wirklichen Subjekt der Arbeit nichts weiß. Sobald man "Arbeit" sagt, sagt man, wenigstens im Sinne von Marx, auch "Gesellschaft". Denn sie ist es ja eben, die arbeitet. Natürlich ist es in diesem Zusammenhang sehr wichtig zu beachten, ob die Gesellschaft als Subjekt der Arbeit eine Klassengesellschaft ist oder nicht. Je nachdem dies der Fall ist, nimmt die unmittelbare Arbeit für die Produzenten den Charakter an, den man in Frankfurt auch ihren "instrumentalen Charakter" nennt. Die "instrumenteile Natur" der Arbeit an den Gegenständen der Produktion kommt in der Ausbeutergesellschaft deshalb zustande, weil die Produzenten auf Grund ihrer Enteignung (Entfremdung) n i c h t zum sozialen U r t e i l über den Wert ihrer Produkte zugelassen sind. Die U r t e i l s b i l d u n g ist wesentlich an die Bedingung des E i g e n t u m s geknüpft. Sie besteht elementar im Vergleich des Arbeitsresultats mit dem Arbeitsaufwand und hat zu sichern, daß das Resultat wenigstens dem Aufwand gleichwertig ist, mög- lichst aber höherwertig. Sie hat zu verhindern, daß das Resultat von geringerem Werte ist als der Aufwand. Es ist klar, daß eine solche Urteilsbildung das Eigentum an Aufwand und Resultat vor- aussetzt. D e r E i g e n t ü m e r also ist d e r U r t e i l s b i l d n e r, d.h. der Wertende. Wenn Eigentum und Arbeit auseinanderfallen, so reduziert sich der Arbeitsakt auf die Betätigung fremder Instrumente und die Wertung auf die Kalkulation der Kosten und des Profits, den die Nichtarbeiter er- zielen. Es ist aber nachdrücklich zu betonen, daß dieser Charakter der Arbeit durch die sozialökonomischen Bedingungen bestimmt wird und nicht etwa aus der Tatsache der Existenz von Arbeitsmitteln über- haupt folgt. Die Arbeitsmittel (die Instrumente) sind an sich der verlängerte menschliche Arm, die materialisierte Wissenskraft der Gattung. Damit sind sie der wirkliche gegenständliche Reichtum der Gesellschaft (wie übrigens schon Aristoteles erkannte). Indem sie aber den Produzenten enteignet (entfremdet) werden, treten sie diesen als Organe fremden Willens gegenüber und reduzieren daher das subjektive Tun der Arbeiter auf "instrumentelles Ver- halten". Diese Eigenschaft nun der Arbeit überhaupt anzulasten, bedeutet, die kapitalistische Erscheinungsweise der Arbeit für die "natürliche Daseinsweise" der Arbeit zu halten. Mit einer solchen Unterstellung ist es dann durchaus konsequent, wenn J. Habermas neben der Arbeit die sogenannte "Interaktion" als zweite Art der gesellschaftlichen Lebensäußerung zu fixieren sucht. 32) Diese Fahndung hat jedoch ihren Sinn nur unter der Bedingung, die Arbeit als das naturgeschichtliche Verhalten der atomisiert vor- gestellten Produzenten vorauszusetzen, sie also gerade nicht als die Lebensäußerung von G e m e i n w e s e n anzunehmen. Sobald als Subjekt der Arbeit nicht die vereinzelten Einzelnen, sondern die Gesellschaften verstanden werden, ist die soziale Kommunika- tion selbst eine der notwendigen Bedingungen der Arbeit. Dabei ist immer zu beachten, daß die fundamentale Daseinsbedingung von Klassengesellschaften der fortwährende Ausschluß der unmittelba- ren Produzenten vom Eigentum an den gegenständlichen Bedingungen der Produktion ist (ein Ausschluß, der militärisch, politisch, juristisch etc. tagtäglich realisiert wird). Habermas irrt, wenn er sagt: "Der Kapitalismus... ist dadurch ausgezeichnet, daß das Klassenverhältnis in der privatrechtlichen Form des freien Ar- beitsvertrages ö k o n o m i s c h bestimmt ist." 33) D i e p o l i t i s c h e Voraussetzung des Kapitalismus ist die E n t e i g n u n g d e s G e m e i n w e s e n s! Und nur un- ter dieser Voraussetzung kann der Austausch zwischen Lohnarbeit und Kapital "in der privatrechtlichen Form des freien Arbeitsver- trages ö k o n o m i s c h" auftreten. Der "freie Austausch" basiert hier auf der absoluten Gewalt gegen das Gemeineigentum. Gewalt und freier Arbeitsvertrag sind keineswegs disjunkt gegen- einander: die Vernichtung des Gemeinwesens vermittels der (politischen) Liquidation des Gemeineigentums sind die geneti- schen Bedingungen für die Erzeugung des freien Arbeitsvertrags zwischen Kapitalisten und Arbeitern. Diese Bedingungen werden fortwährend vom bourgeoisen Staat reproduziert. Das Berufsverbot für Kommunisten (d.h. für die Vertreter des Gemeinwesens im Kampfe gegen das Privateigentum) und andere dem Privatwesen un- liebsame linke reflektiert wohl exemplarisch genug diesen Umstand in der Gegenwart des westdeutschen Kapitalismus. Wir halten also fest: Das Subjekt der Arbeit im Sinne des Marx- schen Begriffs von ihr ist stets g e s e l l s c h a f t- l i c h e r Natur und tritt in der einen oder anderen histo- rischen Form als E i g e n t ü m e r der objektiven Arbeits- bedingungen auf. Dieses sein Dasein als Eigentümer ist die conditio sine qua non der Realisation der konkreten Arbeit. Sobald also die Eigentumsfrage aus der Betrachtung der Arbeit ausgeklammert wird, kann man nicht mehr rechtens behaupten, vom Marxschen Arbeitsbegriff zu reden. Die Herstellung des Privateigentums und damit der kapitalistischen Klassenverhält- nisse ist in einem die Vernichtung des Gemeineigentums und damit des Gemeinwesens in der Wirklichkeit, d.h. seine Verwandlung in ein ideales Abstraktum, seine Himmelfahrt, die durch seine Resur- rektion im Gelde mystische Gegenständlichkeit erlangt. Im A u s s c h l u ß des Gemeineigentums durch das Privateigentum ist eben das Gemeinwesen als solches immer wirksam, zeigt es sich noch immer als die eigentliche Basis der Arbeit - wenn auch in der verkehrten Form. Nur wenn man im Ausschluß des Gemeineigen- tums nicht das G e m e i n w e s e n s e l b s t als den G e g e n s t a n d des Ausschlußverhaltens erkennt, kann man der Illusion erliegen, daß das Eigentum überhaupt für das Ver- ständnis des Wesens der Arbeit bedeutungslos sei. Das ist etwa dieselbe Illusion, die sich für die Metaphysik ergibt, wenn sie aus dem A u s s c h l u ß des Widerspruchs auf die Wider- spruchs f r e i h e i t der Wirklichkeit schließt. Indem sie das tut, desavouiert sie das Ausschließen des Widerspruchs als reines Scheinverhalten. Denn man kann nicht w i r k l i c h ausschlie- ßen, was es gar nicht geben soll. Allgemeine Arbeit und Widerspiegelung ------------------------------------- Wenn wir den Marxschen Begriff der Wissenschaft durch das von ihm gebrauchte Definiens "allgemeine Arbeit" fixieren, so müssen wir darauf aufmerksam machen, daß solcher Definitionsvorschlag auf Grund der entsprechenden Interpretation des Marxschen Textes kei- neswegs die Privaterfindung des Autors ist. In der Vergangenheit wie in der Gegenwart der marxistisch-leninistischen Philosophie sind vielfach die genannten Marxschen Äußerungen in der hier vor- gestellten Weise aufgefaßt worden. 34) Allerdings gibt es ebenso- sehr marxistisch-leninistische Philosophen, die die fraglichen Textstellen bei Marx nicht im Sinne der hier entwickelten Defini- tion verarbeitet zu sehen wünschen. Sie befürchten, daß die Be- stimmung der Wissenschaft als allgemeine Arbeit ein Abgleiten in ein "soziologisches Extrem" sei 35), welches eine erkenntnistheo- retische Erfassung der Wissenschaft nicht mehr adäquat gestattet, oder daß mit einer solchen Bestimmung die materialistische Basis der Widerspiegelungstheorie nicht mehr konsequent erhalten werden könne 36). Es ist also zu betonen, daß die hier erklärte Bestim- mung der Wissenschaft für die sich entwickelnde marxistisch- leninistische Philosophie in der Gegenwart einen V o r- s c h l a g bildet, dessen Konsequenzen erst noch allseitig verfolgt werden müssen, ehe er den Rang einer a k z e p t i e r- t e n Definition einnehmen kann. Da insbesondere die Frage nach dem Zusammenhang des Begriffs der Wissenschaft als allgemeiner Arbeit mit der klassischen materia- listischen Widerspiegelungstheorie auch für die Marx-Rezeption in den kapitalistischen Ländern von erheblicher Bedeutung ist, so wollen wir im folgenden zu dieser Frage einige - wie zu hoffen ist - aufklärende Feststellungen treffen. Die erste Bemerkung wird wohl problemlos verständlich sein: Der d i a l e k t i s c h e Materialismus ist kein m e t a p h y- s i s c h e r Materialismus. Infolgedessen ist die Widerspiege- lungstheorie des dialektischen Materialismus nicht dieselbe wie die des metaphysischen Materialismus. Die zweite Bemerkung muß notieren, daß beide philosophischen Auffassungen Materialismus sind. Infolgedessen müssen ihre erkenntnistheoretischen Konzepte etwas miteinander gemeinsam haben. Und dies Gemeinsame ist eben, daß beide Erkenntnis als W i d e r s p i e g e l u n g objek- tiv-realer Verhältnisse auffassen. Damit ist das Kardinalproblem einer dialektisch-materialistischen Widerspiegelungtheorie die Frage nach d e r d i a l e k t i s c h e n Fassung der Wider- spiegelung. Indem es gelöst wird, wird zugleich erklärt, was die metaphysische Fassung der Widerspiegelung ist. Die gewöhnlichen Attacken gegen die Widerspiegelungstheorie, so- weit sie irgendeinen rationellen Kern im Räsonnement auf weisen, unterstellen durchweg bewußtlos die metaphysische Widerspiege- lungstheorie als den Stein ihres Anstoßes. Diese Theorie ist in der klassischen bürgerlichen, materialistischen Version durch J. Locke systematisch ausgebildet und vorgestellt worden. Sie ba- siert auf der Annahme, daß das Subjekt der Erkenntnis erstens das autonome Individuum sei (der wohlbekannte Robinson), welches zweitens mit einer tabula rasa geboren werde, auf die die außer- menschliche Natur vermittels der sinnlichen Empfindung einwirkt, um so drittens Vorstellungen im Bewußtsein (im Gehirn) zu erzeu- gen, die dann viertens durch verknüpfenden Zugriff des an sich gegebenen Intellekts verarbeitet werden. Über die Gesetze dieser Verknüpfungsleistung weiß danach die formale Logik zu berichten. Wir setzen die metaphysische Widerspiegelungstheorie (in der Ver- sion Lockes) als bekannt voraus, sparen uns also weitere Bemer- kungen über sie und notieren nur noch, daß Marx über Locke fest- stellt, daß dieser "die neue Bourgeoisie in allen Formen vertrat, die Industriellen gegen die Arbeiterklassen und die Paupers, die Kommerziellen gegen die altmodischen Wucherer, die Finanzaristo- kraten gegen die Staatsschuldner, und in einem eigenen Werk sogar den bürgerlichen Verstand als menschlichen Normalverstand nach- wies" 37). Die m e t a p h y s i s c h e materialistische Wi- derspiegelungstheorie ist also die erkenntnistheoretische Fassung des menschlichen Verstands als Realisation des b ü r g e r- l i c h e n Verstands, d.h. des Verstands einer Klasse, deren Mitglieder Privateigentümer von gegenständlichen Arbeits- bedingungen sind, die sie nicht als Produzenten in Bewegung setzen, deren Anwendungsresultate sie aber gleichwohl der analytischen Wertkalkulation unterwerfen. Was ist der Ausgangspunkt einer d i a l e k t i s c h e n Fas- sung der Erkenntnis? Er fällt mit dem Ausgangspunkt aller dialek- tischen Leistung zusammen. In Konfrontation zur klassischen bür- gerlichen Nationalökonomie hat Marx diesen Ausgangspunkt wie folgt charakterisiert: "Die Nationalökonomie verbirgt die Ent- fremdung in dem Wesen der Arbeit dadurch, daß sie nicht das u n m i t t e l b a r e Verhältnis zwischen dem A r b e i t e r (der Arbeit) und der Produktion betrachtet. ... Das unmittelbare Verhältnis der Arbeit zu ihren Produkten ist das Verhältnis des Arbeiters zu den Gegenständen seiner Produktion. ... Wenn wir also fragen: Welches ist das wesentliche Verhältnis der Arbeit, so fragen wir nach dem Verhältnis des A r b e i t e r s zur Produktion." 38) übersetzen wir diesen die Ökonomie betreffenden Text in die erkenntnistheoretische Version, so lautet er: Die me- taphysische Widerspiegelungstheorie verbirgt die Entäußerung im Wesen der Erkenntnisleistung dadurch, daß sie nicht das u n m i t t e l b a r e Verhältnis zwischen dem Wissensproduzen- ten (dem wissenschaftlichen Arbeiter) und den Gegenständen seiner Produktion betrachtet. Sie setzt das Produkt der wissenschaftli- chen Arbeit bereits als isoliert von der lebendigen wissen- schaftlichen Arbeit voraus und in dieser Isolation als objektiven (vergegenständlichten) Träger des Grundwerts der Erkenntnis, näm- lich der Wahrheit. Die metaphysische Erkenntnistheorie betrachtet also nicht das Verhältnis des wissenschaftlichen Arbeiters zu den Gegenständen und Mitteln seiner Produktion, sondern reduziert ihre Ansicht der Wissenschaft auf deren Produkte, wobei sie die- sen Produkten den Rang zuerkennt, W i d e r s p i e g e l u n- g e n zu sein, wenn sie w a h r sind. (Das Wort "wahr" hat hier den gleichen m e t h o d o l o g i s c h e n Sinn wie das Wort "Wert" in der Nationalökonomie!) Mit anderen Worten: der metaphysischen Erkenntnistheorie ist die Erkenntnis als W i s s e n s p r o d u k t i o n gleichgültig, obwohl die Er- kenntnis als Gesamtheit von W i s s e n s p r o d u k t e n ihre strikte genetische Vorbedingung ist. Mit dieser Feststellung läuft die d i a l e k t i s c h e Wi- derspiegelungstheorie im elementaren Ansatz auf die einfache Feststellung hinaus: Die Voraussetzungen der Existenz von A b b i l d u n g e n (gegenständlicher Widerspiegelungen) ist der definitive Beweis für die Vorgänge Existenz des A b b i l d e n s (des Widerspiegelns als der E r z e u g u n g von Abbildern). Wie man kein Produkt ohne Produktion hat, so hat man kein Abbild ohne Abbilden, keine Widerspiegelung ohne Wider- spiegeln! Die Erklärung des Abbilds aus der Tat des Abbildens ist also die theoretische Leistung der d i a l e k t i s c h e n Widerspiegelungstheorie. Das Abbild desavouiert nicht den Abbild- ner, sondern das Bild verdankt sein Dasein dem Bildner. Und m a t e r i a l i s t i s c h verstanden, kann sich ein Subjekt nur zum Bildner bilden, wenn es für diese Tat materielle Mittel und Gegenstände vorfindet, die es im Abbilden gültig reprodu- ziert. Das Abbilden ist nicht die jungfräuliche Konzeption des Heiligen Geistes, sondern die gegenständliche Arbeit der Umbil- dung natürlicher Sachverhalte in Vertreter von Allgemeinem, d.h. ihrer Umbildung in Modelle bestimmter Eigenschaften. Die Resur- rektion eines natürlichen Sachverhalts als Modell einer endlichen Gesamtheit von Merkmalen ist der Ausdruck derjenigen Arbeit, die wir "allgemeine Arbeit" nennen und die wir nun auch "Widerspiegelungstätigkeit" nennen können. Was spiegeln Modelle wider? Sie sind nichts mehr und nichts weniger als die Spiegel derjenigen Eigenschaften, nach denen sie durch alle ihnen gleich- artigen Kopien ersetzbar sind. Die Widerspiegelungseigenschaft gewinnen unsere Modelle (auch "Urbilder" oder "Originale") kraft des Umstands ihrer Ersetzbarkeit (Austauschbarkeit) durch ihnen g l e i c h w e r t i g e Sachverhalte, also kraft ihres über die wissenschaftliche Arbeit vermittelten Daseins als der, mit Marx zu sprechen, "allgemeinen Äquivalentformen" von Klassen un- tereinander gleichwertiger Gegenstände. Die einfachsten in der Wissenschaft bekannten Urbilder sind die Etalons, d.h. die normativ fixierten Maßeinheiten, die interes- sierende Eigenschaften (Einheitsgrößen) darstellen oder abbilden. Das Pariser Urmeter wie das Pariser Urkilogramm sind genau solche m a t e r i e l l e n Gegenstände, welche physikalisch wichtige Grundeigenschaften v o r s t e l l e n (nämlich E i n- h e i t s l ä n g e und Einheitsmasse,) und also U r b i l- d e r in dem hier gemeinten Sinne sind. Andere einfache Beispie- le für die Existenz natürlicher Sachverhalte als Abbilder sind die von den Taxonomen ausgewählten Organismen, die als Repräsen- tanten, Vorbilder, Musterexemplare, Spiegel der gemeinten (mor- phologisch bestimmten) Arten fungieren. Der Aufweis von Widerspiegelungen im Sinne des materialistischen Ansatzes der Erkenntnistheorie ist also vollständig simpel und ganz problemlos vollziehbar. Die Denunziation der Widerspiegelungstheorie als "zu den wichtig- sten Bestandteilen des Marxismus als Legitimationswissenschaft" gehörig, wie sie von O. Negt vorgenommen wird 39), basiert dem- nach auf der schlichten Ignoranz gegenüber dem wirklichen Verfah- ren insbesondere in der Naturwissenschaft. Negt möge erklären, wie er zum Zwecke des Nachweises seiner akademischen Produktivi- tät über seine Publikationsleistung vernünftige Auskunft geben kann, wenn er nicht den Standard, das U r b i l d einer publi- zierten Seite schriftlichen Textes verwendet! Wie will er über die L ä n g e seines Schreibtisches Auskunft geben, wenn er nicht eine Kopie des Pariser Urbilds der Länge als Vergleichmit- tel gebraucht? Wer die Widerspiegelungstheorie angreift, sollte wissen, daß er damit der Sache nach j e d e s in der Wissen- schaft verwendete Tertium comparationis als eine Inkarnation des Teufels der "kritischen Theorie" ausschreien muß. Indem er das wohlweislich n i c h t tut, beweist er nicht den "Legimi- tationscharakter" der Widerspiegelungstheorie, sondern die eigene Schizophrenie! Er beweist so, daß es ihm in letzter Instanz nicht um handfeste Erkenntnis geht, sondern um die Attacke gegen das Abstrakt-Allgemeine, das er nicht begreift, sondern nur, mit Adorno zu reden, "beargwöhnen" kann. Er beweist also, daß es ihm nicht um die Subsumtion des Abstrakt-Allgemeinen unter das Gattungsinteresse geht, sondern um die Abwehr eben dieses Ab- strakt-Allgemeinen im Interesse der individuellen Zufälligkeit des eigenen Verhältnisses zur Welt. Es versteht sich, daß eine solche Attitüde mit dem Standpunkt von Marx nichts zu tun hat und zwar auch dann nicht, wenn sich diese Attitüde als Versuch der "Rekonstruktion der M a r x s c h e n Theorie" im Unterschied zur m a r x i s t i s c h e n Theorie handelsfähig zu machen gedenkt. Zum weiteren Verständnis der hier entwickelten Position ist nun weiter außerordentlich wichtig zu bemerken, daß wir mit den Ter- mini "Abbild", "Vorstellung" etc. k e i n e psychologisch zu beschreibenden Sachverhalte meinen. Ein Abbild in der Wissen- schaft ist zunächst ein m a t e r i e l l e r G e g e n- s t a n d, ein handgreifliches Ding unter der B e s t i m- m u n g, a l s V e r g l e i c h s m i t t e l für artgleiche Dinge z u d i e n e n. So wie wir uns gelegentlich eines Besuches bei Fremden (mit einer Verbeugung) v o r s t e l l e n, uns so für Fremde zum Mittel der Vorstellungen für diese m a c h e n (ohne dabei im geringsten bedrückende Empfindungen unserer Subsumtion unter unser eigenes Wesen zu erleben), gerade so machen wir die Standards oder Etalons zu Vorstellungsmitteln, zu Bildern. Wenn einst Frege und Husserl gegen den "Psycho- logismus" in der Logik opponiert haben, so müssen wir heute im Interesse der Entwicklung der dialektischen Widerspiegelungs- theorie gegen den "Psychologismus" in der Erkenntnistheorie opponieren. Das bedeutet insbesondere zu unterstreichen, daß solche Termini wie "Bild", "Vorstellung" etc. n i c h t primär g e i s t i g e Phänomene bezeichnen, die auf welche Weise auch immer im individuellen Gehirn existieren, sondern durchaus m a t e r i e l l e Sachverhalte, die man Zeigen und ergreifen kann. Mit der Auswahl des Pariser Urmeters als der Längeneinheit zur Abbildung, Widerspiegelung der Einheitslänge kann man sich nun auch ein g e i s t i g e s Bild eben von dieser Länge machen und von seiner Existenz über die Äußerung etwa seines zeichnerischen Talents berichten. Es ist aber e r k e n n t- n i s t h e o r e t i s c h nicht wesentlich, daß die Repro- duktion des materiellen Bilds im geistigen erfolgt. Wesentlich ist für die Widerspiegelungstheorie allein, d a ß B i l d e r e f f e k t i v p r o d u z i e r t w e r d e n, daß also d i e B e z i e h u n g d e s B i l d s z u m A b g e b i l- d e t e n definitiv aufweisbar ist. Was ist die Ursache des "Psychologismus" in der Erkenntnistheo- rie, d.h. der Vorstellung, daß das Dasein von Bildern ausschließ- lich eine Sache der Psyche des Geistes sei? (Und es ist diese Un- terstellung, welche der Attacke gegen die Widerspiegelungstheorie als Basis dient!) Wir haben sie oben schon genannt: Es ist die metaphysische Annahme eines m i t t e l l o s e n Subjekts der Erkenntnis, also die weltanschauliche Reflexion des e n t e i g- n e t e n Arbeiters. Es handelt sich nämlich darum, daß die materiellen Bilder im erklärten Sinne die W e r k z e u g e der (analytischen) Erkenntnis sind. Der Gebrauch eines Tertium comparationis im (analytischen) Vergleich, also der Gebrauch eines Abbilds einer Klasse gleichartiger Gegenstände, ist der Gebrauch eines m a t e r i e l l e n M i t t e l s zur Vermittlung der Ersetzbarkeit von Gegenständen, die unmittelbar miteinander n i c h t verglichen werden. Die Notwendigkeit der Feststellung solcher Ersetzbarkeit ergibt sich unmittelbar aus dem Bedürfnis der physischen Reproduktion der Vergleichenden. Wer sicher sein will, daß er einen erneuten Konsumtionsakt nicht mit dem Leben bezahlen muß, tut gut daran, solche Konsumtions- gegenstände aus der natürliche Umwelt auszuwählen, deren Art er bereits in anderen Vertretern kennengelernt hat. Er tut noch besser daran, diese Art definitiv durch Standardauswahl zu fixieren, sich also ein Bild zu schaffen, durch dessen Gebrauch er von neuen Experimenten unabhängig wird, um nur noch die elementare Vergleichsleistung mit dem Standard als Mittel zu realisieren. Natürlich wird dadurch das Risiko des Irrtums nicht auf null reduziert, aber erheblich verringert. Des weiteren kann sich jemand, der mit einem Standard genügend oft Vergleichs- leistungen ausgeführt hat, vom aktuellen Gebrauch des Standards emanzipieren, d.h. allein mit seiner geistigen Vorstellung aus- kommen, um aufgefundene Sachverhalte als Gegenstände der Klasse des Standards zu identifizieren. Dies ist der Fall bei den ver- trautesten Gegenständen unseres täglichen Lebens, bei Hämmern, Schafen, Linden etc., nicht aber bei neu zu identifizierenden Ob- jekten. Es sei betont, daß unsere Wendung gegen den "Psychologismus" keine Attacke gegen die Psychologie bedeutet, sondern vielmehr die Emanzipation dieser von der Erkenntnistheorie legimitiert. Selbstverständlich ist es ein sinnvoll gestelltes wissenschaftli- ches Problem zu erkunden, wie zu Bildern gemachte materielle Sachverhalte in Wahrnehmungen transformiert werden. Aber diese Frage ist k e i n p h i l o s o p h i s c h e s, sonder ein e i n z e l w i s s e n s c h a f t l i c h e s Problem! Wir be- tonen dies nachdrücklich, weil die Emanzipation der Psychologie von der Erkenntnistheorie in einem auch d i e E m a n z i- p a t i o n d e r E r k e n n t n i s t h e o r i e v o n d e r P s y c h o l o g i e ist, also die Erkenntnistheorie von Fragestellungen entlastet, die sie - als philosophische Disziplin - gar nicht zu beantworten imstande ist. Sinnesphysiologische und psychologische Probleme werden e x p e r i m e n t e l l zu stellen und zu lösen sein, konstituieren also fachwissen- schaftliche Fragen und keine philosophischen. Das philosophische Problem der Erkenntnis ist die Frage nach dem Abbildcharakter der Erkenntnisprodukte. Und in dem Augenblick, da wir diese Erkenntnisprodukte in der Gestalt unserer m a t e r i e l l e n B i l d e r, also unserer Standards und Etaions, erfassen, ist das Erkenntnisproblem im philosophischen Sinne das Problem der Genesis m a t e r i e l l e r G e g e n s t ä n d e als Z e i c h e n! Dieses Problem tritt in der metaphysischen Erkenntnistheorie des- halb nicht auf, weil in ihr - unter der Herrschaft der Abstrak- tion - die unausgewählten Sachverhalte der Natur (z.B Bäume i n e i n e r b e s t i m m t e n U m w e l t, Tiere i n e i- n e r b e s t i m m t e n U m w e l t etc.) sofort und be- wußtlos als gleichwertig mit den stillschweigenden vorausgesetz- ten und ausgewählten Standards entschieden werden. So kommt zu- stande, daß z.B. eine Linde am Dorfkrug eben als - eine Linde (unabhängig vom Dorfkrug) g i l t, daß also die unausgewählten und daher k o n k r e t e n, weil mit ihrer Umgebung in Wech- selwirkung stehenden Sachverhalte ideell als ausgewählte gesetzt werden, um sodann mit den unterstellten Standards verglichen zu werden. Der Taschenspielertrick der Metaphysik besteht damit darin, die konkrete Einheit eines Gegenstands, eines Sachverhalts mit seiner natürlichen Umgebung für nichtig zu unterstellen, so zu tun, als sei der zum Zweck der Repräsentation einer Eigen- schaft ausgewählte, d.h. menschlich a n g e e i g n e t e und also von seiner Umwelt als getrennt gesetzte Sachverhalt noch d e r s e l b e, der er von Natur aus, mithin gerade in seiner Einheit mit der Umwelt ist. Mit anderen Worten: der erkenntnis- theoretische Trick der Metaphysik besteht in der Ignoranz gegen- über der Tat des Aneignens (Auswählens)! Diese Ignoranz rächt sich, indem sie die Metaphysik zwingt, die Realität des Erkennt- nisprodukts fortwährend ausschließlich im Gehirn zu suchen. Denn da sie den natürlichen, zum Zwecke der Abbildung seiner Art a u s g e w ä h l t e n Gegenstand mit dem natürlichen, aber n i c h t ausgewählten Gegenstand identifiziert (und unter die Kategorie des "objektiven Gegenstands" subsumiert), so kennt sie keine m a t e r i e l l e n Bilder und muß demzufolge die Re- alität des Bildes immer im "Reiche des Geistes" suchen. Es geht ihr wie dem Privateigentümer, der als die wirklichen Gegenstände seines Lebens immer nur die von ihm besessenen akzeptiert und alle anderen für Launen des undurchsichtigen Schicksals hält, für, mit Hegel zu sprechen, "sinnlichen Schein". Mit dem erkenntnistheoretischen Konzept, die Standards und Eta- lons der Wissenschaft als die materiellen Urbilder und Werkzeuge der allgemeinen Arbeit zu betrachten, haben wir für die wissen- schaftliche Tätigkeit eine genaue Entsprechung zum Marxschen Be- griff der einfachen Momente des Arbeitsprozesses: Neben der sub- jektiven Arbeitsbedingung (Arbeitskraft), also der Fähigkeit des Abbildens, haben wir als wissenschaftliches Arbeitsmittel (Werkzeug) den Standard und als wissenschaftlichen A r- b e i t s g e g e n s t a n d die auswählbaren Sachverhalte der Natur. Damit unterscheidet sich der wissenschaftliche Ar- beitsprozeß in dieser Beziehung durch nichts von jedem anderen Arbeitsprozeß. Der artspezifische Unterschied kommt erst ins Blickfeld, wenn wir den Gebrauch der Mittel und Gegenstände in der allgemeinen Arbeit betrachten: Hier nämlich fungiert das Mit- tel (der Standard einer Art bzw. Gattung) nicht als Instrument, dem Gegenstand eine Gebrauchsart physisch aufzuwingen, wodurch das Mittel selbst verschlissen wird, sondern als Bild, dem der Gegenstand gleicht oder nicht. Wird auf Gleichheit entschieden, so ist der Gegenstand als Kopie des Urbilds konfirmiert und wird als Element der Klasse des Standards selig. Wird dagegen auf Un- gleichheit entschieden, so bleibt die Konfirmation aus und der Gegenstand ein Barbar außerhalb der zivilisierten Klasse des Standards. Was es hier zu erfassen gilt, ist also der Umstand, daß die Erkenntnisleistung auf der Grundlage des (analytischen) Vergleichs mittels Standards, wenngleich sie keine physische Um- bildung des Gegenstands erzeugt, nichtsdestoweniger dennoch eine Umwandlung desselben bewirkt, nämlich seine Umbildung in eine reale B e d e u t u n g. Ist das erfaßt, so ist der Arbeitscha- rakter der Widerspiegelungstätigkeit gar keine Frage, sondern ein Faktum. Nur dann, wenn man die natürlichen Sachverhalte an sich für Bedeutungen hält, ist die Auffassung der Erkenntnis als Ar- beit gegenstandslos. Wir bemerken schließlich, daß die klassische Frage der Erkennt- nistheorie nach der Identität des Subjekts mit dem Objekt unter Beachtung der Bilder als Erkenntnismittel eine definitive Antwort erlangt: Die materiellen Bilder, die gemachten Zeichen, sind ge- rade die Repräsentationen dieser gesuchten Einheit. Sie sind es in demselben Maße, wie die Arbeitsmittel überhaupt Einheiten men- schlicher und außermenschlicher Fähigkeiten sind. Sind die Arbei- tenden allerdings an ihren Arbeitsmitteln enteignet, so ist jene Einheit mystifiziert und kann nur noch als ein Ideal vorgestellt werden. Die Proklamation der dialektischen Widerspiegelungstheo- rie ist daher: Herstellung des Eigentums der Arbeitenden an den gegenständlichen Bedingungen ihrer Arbeit! Denn indem dieses Ei- gentum realisiert wird, ist die Erfahrung der wirklichen Einheit des erkennenden S u b j e k t s mit seinem Erkennt- nis o b j e k t am Entwicklungsstand der Erkenntnis m i t t e l des Subjekts auf gewöhnliche Weise zu gewinnen. Es versteht sich dabei, daß dieses Subjekt das Gemeinwesen ist, das in den unter- schiedlichen Fähigkeiten seiner Mitglieder ebenso viele Arten seiner Lebensäußerung besitzt. 40) Der Wertbegriff und das methodische Konzept von Marx ---------------------------------------------------- Mit den erklärten Voraussetzungen wollen wir nun die Frage nach der Natur der Marxschen Vorgehensweise in seiner Kritik der poli- tischen Ökonomie zu beantworten versuchen. Die in den sechziger Jahren angebahnte, mit W.F. Haug zu sprechen, "massenhafte Rezep- tion des K a p i t a l" 41) unter Einschluß der endlich erfolg- ten Beachtung der 'Grundrisse der Kritik der Politischen Ökono- mie' hat zu einer "Polydoxie" geführt, die als solche die theore- tischen Unsicherheiten im Verständnis des methodischen Konzepts von Marx nachhaltig unter Beweis stellt. Diese Unsicherheiten ha- ben tiefliegende Gründe, die wesentlich mit dem weitgehenden Ver- lust der Fähigkeit verbunden sind, die philosophische Fachsprache der deutschen Klassik noch halbwegs angemessen zu verstehen. Die "Rücknahme Beethovens" durch die spätbürgerliche, imperialisti- sche deutsche Ideologie ist so gründlich gelungen, daß den Nach- kommen selbst die Sprache der klassischen deutschen Philosophie wie eine Fremdsprache erscheint. Es ist überaus wichtig, diesen gravierenden historischen Umstand genau im Auge zu behalten, weil ja das methodische Konzept von Marx eben auf der konstruktiven Verarbeitung des philisophischen Erbes der deutschen Klassik basiert. Daß dies so ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Lenins berühmter Aphorismus: "Man kann das 'Kapital' von Marx und besonders das I. Kapitel nicht vollständig begreifen, ohne die g a n z e Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben" 42), ist heute zur Selbst- verständlichkeit der Marx-Rezeption geworden. Auch L. Althusser, dessen Hegel-Bild nach meinem Eindruck ein wenig stark durch die Hegel-Deutung des französischen Existentialismus affiziert ist (ein Mißgeschick, das offenbar durch die Dialektik des Kampfes Althussers genau gegen den Existentialismus in Erscheinung trat), akzeptiert Lenins Position "wortwörtlich" 43), wenngleich er das 1. Kapitel des 'Kapital' den "schrecklichen, in seiner Terminolo- gie und Gliederung noch Hegelschen ersten Teils von Buch I" nennt. 44) Und darüber hinaus formuliert er die überaus wichtige und zutreffende Orientierung: "... m a n k a n n H e g e l u n m ö g l i c h b e g r e i f e n, o h n e 'D a s K a p i- t a l' d u r c h s t u d i e r t u n d b e g r i ff e n z u h a b e n." 45) Der Zusammenhang der Hegelschen 'Wissenschaft der Logik' mit dem Marxschen 'Kapital' ist in der Tat so beschaffen, daß das 'Kapital' die materialistische (und daher verständliche) Aufhebung der 'Wissenschaft der Logik' ist. Worin besteht das methodische Problem "des schrecklichen, in sei- ner Terminologie und Gliederung noch Hegelschen ersten Teils von Buch I" des 'Kapital'? Nach meiner Auffassung besteht es in der Frage nach dem Zusammenwirken der a n a l y t i s c h e n und d i a l e k t i s c h e n Methode beim Studium des Kapitalismus. Die Schwierigkeit, diese Frage zu formulieren und zu beantworten, ist im Grunde die Schwierigkeit, das wissenschaftstheoretische Konzept der klassischen bürgerlichen Philosophie (d.h. derjeni- gen, die in der Epoche von Bacon und Descartes bis Hegel und Feu- erbach realisiert worden ist) in seinem definitiven zum wissen- schaftstheoretischen Konzept der spätbürgerlichen Philosophie zu identifizieren. Man hat sich also die Frage zu stellen und zu be- antworten: Was unterscheidet die Sicht der Wissenschaft, wie sie von den Philosophen einer u m d e n S i e g i h r e r p o l i t i s c h e n R e v o l u t i o n k ä m p f e n d e n Klasse entwickelt wird, von derjenigen Sicht derselben Wissen- schaft, wie sie von den Philosophen einer i h r e p o l i- t i s c h e D i k t a t u r g e g e n d i e A r b e i t e r- k l a s s e v e r t e i d i g e n d e n Bourgeoisie formuliert wird? Der historische Wendepunkt, um den es geht, wird klar durch die Julirevolution von 1830 und die europäische Revolution von 1848 definiert. Natürlich kann die gestellte Frage hier nicht vollständig beant- wortet werden. Ich werde mich auf die Charakterisierung einiger mir wichtig erscheinender Umstände beschränken, die vielleicht zum Verständnis "des schrecklichen, in seiner Terminologie noch Hegelschen ersten Teils von Buch I" des 'Kapital' beizutragen vermögen. Der erste Umstand betrifft den Gebrauch des Wortes "Logik". Bekanntlich ist mit dem Wendepunkt in der objektiven Lage der Bourgeoisie auch das Faktum eingetreten, daß die tradi- tionelle Logik, die Kant noch durch Aristoteles weitgehend voll- endet sah, in der Hand von Mathematikern eine revolutionäre Um- wälzung erfuhr. Diese Umwälzung, so darf man sagen, ist in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts (insbesondere mit den Re- sultaten von Gödel und Church) zu einem relativen Abschluß ge- bracht worden. Ihr Ergebnis bestimmt heute wesentlich den Ge- brauch des Terminus "Logik". Wenngleich auch in der Gegenwart keineswegs ein allgemeinverbindlicher Begriff der Logik gilt, so kann man doch über die Verwendung des Wortes "Logik" fesstellen: Sofern wir l o g i s c h e Untersuchungen anstellen, versuchen wir, diejenigen Gesetze zu erfassen, die die Bildung von allge- meingültigen Urteilsverbindungen bestimmen. Unter einem Urteil ist dabei ein b e w e r t e t e r Satz zu verstehen, d.h. ein Ausdruck, der seinerseits (im einfachsten Fall) den Wert des Wah- ren oder des Falschen besitzt. Setzen wir nur singuläre Urteile als Objekte der logischen Verknüpfungsleistung voraus, so betrei- ben wir die sogenannte Aussagenlogik. Betrachten wir überdies ge- nerelle Urteile, so betreiben wir die sogenannte Quantorenlogik. Aussagen- und Quantorenlogik sind die beiden Theorien, die wir heute unter dem Namen "Logik" vorstellen. Es ist nun von äußerster Wichtigkeit zu bemerken, daß diese Art der logischen Theorie in der klassischen Epoche der bürgerlichen Wissenschaftsauffassung (also von ca. 1600 bis 1830) wesentlich k e i n Gegenstück besitzt. Es handelt sich vielmehr darum, daß das Wissenschaftskonzept dieser Epoche gerade durch den A u s s c h l u ß solcher Art von theoretischer Leistung charak- terisiert ist. Neuerdings hat P. Lorenzen auf diesen Umstand hin- gewiesen. Er stellt fest, daß "mit dem Beginn der Neuzeit" die "scholastische Logik" trotz der von ihr erreichten Höhe des theo- retischen Niveaus "völlig verdrängt" worden ist - und zwar "im Namen einer neuen Wissenschaft". 46) Diese "neue Wissenschaft" ist gerade vom "Typ der sogenannten analytischen Theorie" 47) ge- wesen. Weiter heißt es bei Lorenzen: "Die analytische Theorie ... beginnt nicht mit Axiomen ..., sondern mit gewissen mathemati- schen Gleichungen, mit sogenannten Differentialgleichungen.... Durch analytische Operationen allein von diesen Gleichungen aus" gelangt man zu Ergebnissen, die das Vorliegen bestimmter Phäno- mene in der Natur behaupten. "Die scholastische Logik erschien. . . der neuzeitlichen Wissenschaft als ein Instrument, das bloß ge- eignet sei, unfruchtbar mit Worten zu streiten. Nur die mathema- tischen Operationen, insbesondere die analytischen, erschienen als Operationen einer der Natur angepaßten übermenschlichen Spra- che. Das System der Grundgleichungen muß von einem Genius in glücklicher Stunde gefunden sein. Kein Weg der Vernunft führt da- hin. . .. Daß der Typ analytischer Theorien, die mit reiner Ma- thematik allein die Begründungszusammenhänge lieferten, den Typ der axiomatischen Theorien ablöste, das ist der Grund dafür, daß die Neuzeit die formale Logik verdrängte; sie brauchte sie nicht." 48) Was hier von Lorenzen diagnostiziert wird, ist ein methodologi- sches Fundamentalereignis, dessen Bedeutung m.E. in der Wissen- schaftstheorie bisher ganz ungenügend erfaßt worden ist: Die klassische bürgerliche Wissenschaftsauffassung ersetzt die Logik durch die Mathematik, macht die Mathematik zum Paradigma der wis- senschaftlichen Zuverlässigkeit. Dies geht so weit, daß Hobbes die Frage nach der Natur der rationellen Erkenntnis methodolo- gisch präzise und einfach wie folgt beantwortet: "Unter rationel- ler Erkenntnis ... verstehe ich Berechnung. Berechnen heißt ent- weder die Summe von zusammengefügten Dingen finden oder den Rest erkennen, wenn eins vom ändern abgezogen wird. Also ist ratio- nelle Erkenntnis dasselbe wie Addieren und Subtrahieren; ..." 49) Die methodologische Umwälzung, die sich in diesen Sätzen dar- stellt, ist heute deshalb noch unbegriften, weil über theoreti- sche Zusammenhang der Logik mit der Mathematik durchaus unklar ist, weil das philosophische Fundament der Logik ebensowohl wie der Mathematik ein offenes Problem der Forschung ist. Fest steht nur, daß das im Rahmen der spätbürgerlichen Philosophie angebo- tene Konzept des sogenannten Logizismus (d.h. der Auffassung Fre- ges und Rüssels, die Mathematik als logische Konsequenz der Logik zu zeigen) definitiv gescheitert ist, daß also der Übergang von der Logik zur Mathematik die Annahme von Voraussetzungen ein- schließt, die ihrerseits nicht logisch begründbar sind (wenngleich sie natürlich als Prämissen logischen Schließens die- nen). Was haben nun diese wissenschaftshistorischen Feststellungen mit der Interpretation des Marxschen Vorgehens im 'Kapital' zu tun? Was man auch immer über den Zusammenhang der Logik mit dem mathe- matischen\Erkennen denken möge,, liefern sie uns in jedem Fall den Zugang zum Begriff der analytischen Methode! Es handelt sich nämlich darum, daß die analytische Methode (die wir auch kurz "Analytik" nennen werden) in der Gestalt von G l e i c h u n- g e n oder U n g l e i c h u n g e n die elementaren Produkte ihrer Anwendung hat. Dies bedeutet insbesondere, daß die Prädikate der Gleichwertigkeit und der Ungleichwertigkeit a n a l y t i s c h e Prädiktate sind, daß also das Vergleichen und Ordnen (nach den von den verglichenen Objekten dargestellten W e r t e n) a n a l y t i s c h e s Handeln ist, daß das W e r t e n a n a l y t i s c h e Bestimmungsleistung ist. Mit anderen Worten: unsere wissenschaftstheoretischen Feststellungen liefern uns einen Zugang zum Begriff der Analytik, der erstens notwendig gebraucht wird, wenn man die Einheit von analytischer und dialektischer Methode im 'Kapital' verstehen will, und der zweitens die Räsonnements über "Analytizität", wie sie vor- nehmlich im logischen Positivismus entwickelt worden sind, zu- nächst einfach zu übergehen gestattet. Wir stellen demgemäß fest: Wenn sich die allgemeine Arbeit in der Feststellung von Gleichungen (bzw. Ungleichungen) vergegenständlicht, so hat sie analytischen Charakter. Insofern Gleichungen in der Naturwissen- schaft Ausdrücke für reale Gleichgewichtsverhältnisse sind, die an materiellen Systemen eingestellt werden, ist die gegenständli- che Produktion solcher Gleichgewichtsverhältnisse die Erzeugung der Objekte der Analytik. Was nun die Bestimmung des Begriffs der Hegelschen "Logik" be- trifft, so können wir mit den formulierten Voraussetzungen erklä- ren: Hegels 'Wissenschaft der Logik' ist keine Theorie der Logik, sondern die Theorie der G e n e s i s d e r A n a l y t i k! Indem sie dies ist, ist die H e g e l s c h e Dialektik die Be- stimmung der Entwicklungsgesetze desjenigen "Geistes", der sich als analytische Erkenntnis äußert oder vergegenständlicht. Hegels 'Wissenschaft der Logik' steht in der Tradition der klassischen bürgerlichen Philosophie, welche als die elementaren Äußerungen der wissenschaftlichen Erkenntnis analytische Sätze oder Urteile unterstellt. Sie steht in dieser Tradition, wobei sie gleichzei- tig die Auflösung der Mathematik a l s P a r a d i g m a der Wissenschaft überhaupt i m R a h m e n d i e s e r T r a d i- t i o n zum Ausdruck bringt. (Außerhalb des Rahmens dieser Tradition stehen erst Bolzano, Brentano, Trendelenburg, Boole etc.!) Das Problem der methodologischen Dechiffierung der Hegelschen "Logik" ist das Problem des Ü b e r g a n g s v o n d e r A n a l y t i k z u r D i a l e k t i k. Es empfiehlt sich daher, das Wort "Logik" - mit Blick auf die Aussagen - und Quantorenlogik - bei der Rekonstruktion des methodischen Ansatzes von Hegel vorläufig beiseite zu lassen. Insbesondere ist damit auch der Terminus "logische Struktur des Kapitalbegriffs", der ja doch auf die Bestimmung der Marxschen Methode abzielt, aus dem methodologischen Vokabular auszuscheiden. 50) Um diesen Vorschlag plausibel zu machen, müssen wir auf den ein- fachen analytischen Satz "a = a" eingehen, welcher nach mancher- lei philosophischen Texten noch immer als ein "logischer" Aus- druck, als eine "logische Wahrheit" angesehen wird. Halten wir fest, daß im Sinne des gegenwärtigen Sprachgebrauchs das Wort "Logik" auf diejenigen Phänomene angewandt wird, die; sich bei der V e r k n ü p f u n g v o n U r t e i l e n einstellen, so kann ein einfacher Satz bzw. ein singuläres Urteil k e i n e r l e i l o g i s c h e Eigenschaften darstellen. Da er, weder einen logischen Operator noch ein logisches Prädikat (das der Implikation oder der Äquivalenz) enthält, so vertritt er gar kein logisches Phänomen. (Die Meinung, daß ein Satz als Pro- dukt einer "logischen Verknüpfung", genannt "Prädikation", zu- stande komme, welche angeblich gegebene und voneinander unabhän- gig bestehende Subjekte und Prädikate - auch "Prädikatoren" ge- nannt - miteinander zu Sätzen verbinde, halte ich für eine Mei- nung. 51) Nun ist aber der analytische Satz "a = a" ein e i n f a c h e r Ausdruck: Das Zeichen "a" rechts vom Prädikat der Gleichwertigkeit (=) heißt in der traditionellen Grammatik "Dativobjekt", das Zeichen "a" links vom Gleichheitszeichen heißt "Subjekt" des Satzes. Der Satz "a·= a" behauptet also, daß der vom Subjekt "a" gekennzeichnete Gegenstand mit dem von Objekt "a" gekennzeichneten Gegenstand gleichwertig sei. (Hierbei ist genau zu beachten, daß die Gleichheit, d.h. die Übereinstimmung nach e i n e m Merkmal, von der Identität, d.h. der Übereinstimmung nach a l l e n Merkmalen, verschieden ist!) Das Objekt "a" ist in diesem Zusammenhang, als Bestandteil des Prädikatverbands, Kennzeichen eines Gegenstands von bestimmter Art (Eigenschaft); das Subjekt dagegen ist Kennzeichen eines Gegenstands, dessen Art nach der Aussage des Satzes "a = a" mit der Art des vom Objekt bezeichneten Gegenstands übereinstimmt. Die vom Objekt "a" einer- seits und vom Subjekt "a" andererseits bezeichneten Gegenstände sind mithin verschieden und als gleich w e r t i g nach der Art (bzw. Gattung) festgestellt, die der vom Objekt bezeichnete Ge- genstand bei der Realisation der Vergleichsleistung vorausset- zungsgemäß repräsentiert! Die Abstraktion liefert dann die Fest- stellung, daß die b e i d e n Gegenstände d e n s e l b e n Wert darstellen (der bereits durch den vorn Objekt bezeichneten Gegenstand als repräsentiert gilt!). Das Produkt dieser Abstrak- tion nennen wir die "analytische Identität". Sie sei dargestellt durch den Ausdruck: _ [a] = [a], worin die Klammer [...] auch als "der Wert von ..." zu lesen ist und das Zeichen = das Prädikat "ist identisch" ersetzt. Der Abstraktionsschritt unterstellt damit die Geltung des analy- tischen Konditionals: _ a = a -> [a] = [a] (worin "->" die Verknüpfung "wenn ..., so ..." ersetzt). Die Abstraktion ist also der Übergang von der Gleich- heit zur Identität. Will man von der analytischen Behauptung "a = a" zu einer logi- schen Behauptung gelangen, so muß man das (logische) Urteil "a = a <=> a = a" formulieren, worin das Prädikat nunmehr "ist logisch äquivalent" (abgekürzt durch "**") ist, während Subjekt und Ob- jekt des logischen Satzes ihrerseits analytische Sätze bezeich- nen. Auf diese Weise wird exemplarisch vorgeführt, daß die a n a l y t i s c h e Behauptung der Gültigkeit von "a = a" strikt von der l o g i s c h e n Behauptung der Gültigkeit von "a = a <=> a = a" zu unterscheiden, daß mithin die Analytik von der Logik scharf zu unterscheiden ist. Auf der ständigen Ver- wechslung beider basiert unter anderem die Unklarheit bezüglich der Frage, welche Art von "Logik" uns denn nun mit der Hegelschen "Wissenschaft der Logik" gegeben sei. W.v.O. Quine hat das hier zur Debatte stehende Problem mit Bezug auf die Gegenstände der Logik einerseits und der Mathematik ande- rerseits recht deutlich zur Sprache gebracht. Er stellt nämlich fest: "... in der Logik sprechen wir über Sätze und ihre Bezie- hungen untereinander, besonders über die Implikation; in der Ma- thematik dagegen sprechen wir über abstrakte nicht-sprachliche Dinge wie Zahlen und Funktionen und ähnliches. 52) Er meint dann weiter, daß dieser Gegensatz "zum Teil irreführend" sei, weil die logischen Wahrheiten "nicht von Sätzen" handeln: "Sie können von irgend etwas handeln; das hängt davon ab, welche Sätze wir an die Leerstellen 'p' und 'q' setzen." Diese merkwür- dige Argumentation basiert auf dem p h i l o s o p h i s c h e n Unverständnis der Abstraktion (i.e. der Wertbildung), d.h. auf der Verkennung des Umstands, daß die logischen Wahrheiten eben nur und nur dadurch r e a l sind, daß sie durch Urteilsverbin- dungen r e p r ä s e n t i e r t (modelliert) werden (Quine würde sagen: durch Satzverknüpfungen). Nichtsdestoweniger hält Quine aber fest: "Es ist allerdings richtig, daß sich die mathe- matischen Wahrheiten explizit mit abstrakten nicht-sprachlichen Dingen befassen,...; die logischen Wahrheiten dagegen, ..., haben nicht solche Entitäten zum spezifischen Gegenstand." 53) Diese Ansicht darf man aufgreifen und überdies folgendes feststellen: Wir werden dem griechischen Terminus "logos" keine Gewalt antun, wenn wir bemerken, daß ein "logos" ein allgemeingültiges Urteils- verhältnis ist. Wir werden weiter dem griechischen Terminus "arithmos" keine Gewalt antun, wenn wir feststellen, daß ein "arithmos" ein rationales Verhältnis verschiedener Größen dersel- ben Art ist. Mit dieser Interpretation sind "logoi" die Objekte der Logik, "arithmoi" die Objekte der Mathematik. Ein "logos" wird durch die Verknüpfung von U r t e i l e n (z.B. Subjunk- tion der Identität unter die Gleichheit) vorgestellt; ein "arithmos" wird durch die Verknüpfung von G r ö ß e n (z.B. Teilung einer Längenganzheit durch ihre Längeneinheit) repräsen- tiert. Ein "logos" ist mithin der Wert ausdruck des V e r s t a n d s; ein "arithmos" dagegen ist der Wertausdruck der R e a l i t ä t. In der Wertbildung haben Logik und Mathe- matik ihre Einheit, in der A r t der Werte ihren Unterschied. Und es ist die Aufgabe der Vernunft (der Philosophie), die Gene- sis der Werte zu erklären - und zwar unabhängig von der Besonder- heit der Wert a r t e n. Mit diesen Bemerkungen stehen wir nun genau auf dem Boden der Fragestellung des 1. Kapitels des 'Kapital': Die Frage nämlich, wie aus der Voraussetzung der Waren die Existenz des Geldes zu erklären sei, ist - in spezieller ökonomischer Fassung - die ge- nerelle Frage, wie es zur Abstraktion von Werten kommt. Die ganze sogenannte Schwierigkeit des Verständnisses des 1. Kapitels ba- siert hier auf dem methodologischen Umstand, daß die spätbürger- liche Wissenschaftstheorie (sowohl in ihrer analytizistischen wie in ihrer konstruktivistischen Fassung) k e i n e genetische Theorie der Wertbildung kennt, sondern die Abstraktion rein "technizistisch" faßt. Dies ist auch angesichts des propagierten Dualismus von Fakten und Werten gar nicht anders möglich (auch die Erlanger Schule, obwohl sie Werte rational zu begründen ver- sucht und damit den Ansatz von Kant wiederholen will, steht unter der Herrschaft dieses Dualismus und zwar deswegen, weil sie den Terminus "Wert" nur als Bezeichnung eines e t h i s c h e n Phänomens unterstellt). Im Gegensatz zu diesem Dualismus möchten wir betonen, daß die wohl von jedem Dualisten zweifellos als "Faktenfeststellungen" anerkannten physikalischen Meßaussagen im strengen Sinne stets und immer Wertungen ausdrücken. Wenn ein solcher Faktenfetischist seinen Schreibtisch nach dessen Länge bestimmen will, so verwendet er einen Wertstandard, um nach voll- brachter analytischer Operation (Längenaddition) festzustellen, daß die Länge seines Schreibtisches wertgleich mit der Länge der Verknüpfung von Kopien des Standards ist, die er durch sein ana- lytisches Operieren erzeugt hat. Das analytische Urteil über die Länge li seines Schreibtisch es lautet dann: li = alpha x l. Da- bei bezeichnet lo einen normierten Wert der Einheitslänge und a die Anzahl der erforderlichen Reproduktionen des Standards lo zum Zwecke der additiven Verknüpfung, d.h. der Erzeugung eines Maßes für die Länge des Schreibtisches. Es versteht sich dabei, daß das Subjekt "li" der fraglichen Meßaussage einen a n d e r e n Ge- genstand bezeichnet als das Objekt "alpha x lo"; während das Sub- jekt den G e g e n s t a n d der Messung bezeichnet, kennzeich- net das Objekt vielmehr das M i t t e l d e r M e s s u n g. Und erst d u r c h A b s t r a k t i o n wird festgestellt, daß der Wert des Gegenstands d e r s e l b e sei wie der Wert des Mittels! Nun handelt es sich bekanntlich im 1. Kapitel des 'Kapital' darum, daß Marx genau über den analytischen Ansatz der Gleichung "1 Quarter Weizen = a Ztr. Eisen" die Existenz der Waren als Tauschwerte feststellt. Die methodologische wesentliche Feststel- lung von Marx lautet dann: "Was besagt diese Gleichung? Daß ein Gemeinsames von derselben Größe in zwei verschiedenen Dingen exi- stiert, in 1 Quarter Weizen und ebenfalls in a Ztr. Eisen." 54) In der ersten Auflage des 'Kapital' heißt die Antwort: "Daß d e r s e l b e W e r t in z w e i v e r s c h i e d e n e n D i n g e n, in 1 Qrtr. Weizen und ebenfalls in a Ztr. Eisen existiert." 55) Marx deutet also eine gültige Gleichung als den Ausdruck der Existenz eines Allgemeinen, das - als das gemeinsame Dritte - in den beiden einander nach der Art des vom Satzobjekt bezeichneten Gegenstands gleichwertigen Dingen enthalten ist. Die erste Bedingung zum Verständnis dieses Ansatzes besteht darin zu bemerken, daß Marx die "einfache, einzelne oder zufällige Wertform", die wir symbolisch kurz durch "a = b" angeben wollen, nicht im Sinne des (mathematischen) R e l a t i o n s begriffs versteht, sondern im Sinne der gewöhnlichen g r a m m a- t i s c h e n Satzauffassung, also der bekannten Subjekt-Prädi- kat-Gliederung des einfachen sprachlichen Ausdrucks. Was bedeutet dieser scheinbar nebensächliche Unterschied? Betrachten wir "a = b" als Ausdruck für eine Äquivalenzrelation (geschrieben zu "= (a,b)"), so bezeichnen "a" und "b" grundsätzlich gleichartige "Dinge", nämlich bestimmte I n d i v i d u e n (die von den Konstruktivsten auch "konkrete Einzeldinge" genannt werden, von den Szientisten oder Analytizisten auch "Elemente einer gegebenen Grundklasse"). Betrachten wir dagegen "a = b" als grammatisch bestimmten Satz, so sind "a" und "b" Zeichen, die ganz verschiedene syntaktische Kategorien realisieren: "a" ist Satz s u b j e k t, "b" ist Satz o b j e k t im Rahmen des Prädikatverbands! (Der Prädikatverband ist das Satzglied "= b".) Die relationale Auffassung des Satzes "a = b" basiert also auf einer stillschweigenden Identifikation dessen, was S u b j e k t einerseits und O b j e k t andererseits bezeichnen. Damit der Leser diese wichtige Feststellung deutlicher erfassen möge, formulieren wir beide Auffassungen umgangssprachlich ausführlich. (1) Relationale Deutung des Ausdrucks "a = b": Das Individuenpaar (a,b) ist gleichwertig. (2) Grammatische Deutung des Ausdrucks "a = b": Der Gegenstand a ist dem Gegenstand b gleichwertig. Man bemerkt so wohl deutlich, daß in der grammatischen Auffassung vom Gleichwertigsein mit dem Gegenstand b die Rede ist, nicht aber vom Gleichwertigsein mit dem Gegenstande a! Die grammatische Auffassung garantiert uns mithin, die wesentliche Verschiedenheit zwischen dem vom Subjekt und dem vom Objekt bezeichneten Gegenstand anzugeben. Während das Subjekt einen artbestimmten G e g e n s t a n d benennt (ökonomisch einen Gebrauchswert), bezeichnet das Objekt einen Gegenstand, der in dieser Wertform als M i t t e l des Wertausdrucks fungiert. Dieser dialektisch entscheidende Unterschied zwischen Gegenstand und Mittel verschwindet in der relationalen Auffassung der Gleichung "a = b". (Philosophisch gesprochen: die relationale Auffassung betrachtet Gegenstände und Mittel ununterschieden als "Dinge" oder "Objekte".) Mit diesen Bemerkungen kommt uns auch das in die Hände, was Hegel in seiner 'Wissenschaft der Logik' die "Reflexion" genannt hat. Die sprachliche Erscheinungsweise der Reflexion ist der gramma- tisch aufgefaßte Gleichheitsausdruck: Es wird der vom Subjekt be- zeichnete Gegenstand nach seinem Wesen (d.i. nach seiner Gattung) durch den vom Objekt bezeichneten Gegenstand reflektiert bzw. wi- derspiegelt. Was also in der Grammatik "Objekt" heißt, das be- nennt einen Spiegel, ein Bild, ein Vergleichsmittel in der Reali- tät! Die Durchsetzung der relationalen Auffassung des Gleichheitsaus- drucks ist ein Produkt der Verbindung der Logik mit der Mathema- tik in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Da die mathemati- schen Logiker verständlicherweise mathematische Gleichungen als die sie interessierenden Gleichheitsausdrücke voraussetzen, so können sie den für Marx (und Hegel) wesentlichen Unterschied zwi- schen dem Subjekt und dem Objekt eines empirischen Gleichheits- ausdruck gar nicht bemerken. Denn auf b e i d e n Seiten einer mathematischen Gleichung werden mathematische Werte bezeichnet; was Marx den "Gebrauchswert" nennt, kommt in der Mathematik gar nicht vor! So ist mit Bezug auf den Umstand, daß Subjekte wie Ob- jekte in mathematischen Gleichungen Wertzeichen sind, die Identi- fikation der beiden Kategorien wohl verständlich. Nicht verständ- lich ist, wenn der logische Positivismus diesen Sprachgebrauch der Mathematik ohne jegliche philosophische Reflexion auf die Um- gangssprache überträgt, uns also weismachen will, daß z.B. der Satz "Fritz gibt Otto ein Bier" verständigerweise der Relations- ausdruck "gibt (Fritz, Otto, ein Bier)" sei. Wir müssen allerdings bemerken, daß auch in der Mathematik die Dinge nicht so einfach liegen. Zwar sind etwa im berühmten Satz Kants, 7 + 5 = 12, die Ziffern "7", "5" und "12" Wertzeichen der Arithmetik, aber im Subjekt "7 + 5" tritt neben diesen Wertzei- chen auch noch das Operationszeichn "+" auf, das im Objekt des Satzes fehlt. Somit kennt auch die Mathematik den Unterschied des Subjekts zum Objekt. Der Analytizismus beseitigt ihn - im Sinne von Leibniz - dadurch, daß er den Term "7 + 5" vom Standpunkt der abgeschlossenen, vollzogenen Operation als einen Namen betrach- tet, der denselben Wert bezeichnet wie der einfache Name "12". Dagegen protestiert Kant, indem er sich auf den Standpunkt stellt, die fragliche Operation gerade als nicht vollzogen, als gestellte Aufgabe zu betrachten (womit er zum Ahnherrn des modernen Konstruktivismus wird). Wir halten fest: Der methodologische Kernpunkt der einfachen Wertform besteht in dem Umstand, vermittels der Ausnutzung der Verschiedenheit der Satzglieder mit "a = b" auszudrücken, daß der Gebrauchswert a seinen Tauschwert in der Ware b vorstellt. Wir bemerken noch, daß Marx die G e l t u n g der einfachen Wert- form empirisch einführt, nämlich aus dem effektiven Tauschvorgang gewinnt. Die einfache Wertform "x Ware A = y Ware B" wird als sprach liehe Wiedergabe sprachunabhängiger singulärer Tauschakte aufgefaßt. Indem wir dies feststellen, erklären wir zugleich, daß Marx nicht als heimlicher Konstruktivist interpretiert werden kann. 56) Die in der elementaren Wertform ausgedrückte Gleichheit wird durchaus objektiv gefaßt. Diese Objektivität bemerken die Tauschenden spätestens dann, wenn sie auf Grund des Verstoßes ge- gen die Gleichheit Pleite machen. (Wer dem Werte nach weniger einnimmt als er ausgibt, wir nach endlicher Dauer nicht mehr unter den Tauschenden zu finden sein!) Daß dagegen für den Kon- struktivismus die Gleichheit subjektive Geltung hat, artikuliert H. Wohlrapp in seiner Kritik der Meinungen Sohn-Rethels: "Es ist, entgegen einer populären Annahme, nicht etwa durch die Natur der Dinge festgelegt, wann es sinnvoll ist, von zwei Gegenständen als "gleich" zu sprechen." 57) Wohlrapp wird erklären müssen, wieso die populäre Annahme z.B. angesichts der Einstellung eines Gleichgewichts auf der Waage desavouiert wird. Hier passiert ja wohl nicht ernsthaft ein sprachlicher Zugriff! Es sei denn, Wohlrapp ist bereit, die Einstellung von Gleichgewichtsverhält- nissen in der Natur als den Ausdruck einer "Sprache der Natur" zu deuten (er würde dann gerade den Schritt von Kant zu Schelling wiederholen). Die zweite "totale oder entfaltete Wertform" wird nun von Marx als Adjunktion singulärer analytischer Sätze angegeben, die alle gleiche Subjekte, aber verschiedene Objekte haben: a = b \/ a = c \/ a = d \/... Mit dieser entfalteten Wertform wird für denselben Gebrauchswert a festgestellt, daß er sich in den Waren b oder c oder d etc. seinem Tauschwerte nach ausgedrückt, reflektiert, wi- dergespiegelt finde. "Der Wert einer Ware, der Leinwand z.B., ist jetzt ausgedrückt in zahllosen andren Elementen der Warenwelt. Jeder andre Warenkörper wird zum Spiegel des Lein- wand w e r t s." 58) (Man beachte diese Feststellung auch bezüg- lich unserer obigen Bemerkungen über die materielle Gegenständ- lichkeit von Bildern!) Die dritte oder "allgemeine Wertform" kommt schließlich durch das zustande, was Marx die "Rückbeziehung" oder "Umkehrung" nennt: "Wenn ein Mann seine Leinwand mit vielen andren Waren austauscht und daher i h r e n W e r t in einer Reihe von andren Waren a u s d r ü c k t, so müssen notwendig auch die vielen andren Warenbesitzer ihre Waren mit der Leinwand austauschen und daher d i e W e r t e ihrer verschiednen Waren in d e m s e l b e n d r i t t e n W a r e ausdrücken, in Leinwand." 59) Die Rückbe- ziehung oder Umkehrung, die zur allgemeinen Wertform führt, wird offensichtlich durch einen Standpunkt Wechsel in der Betrachtung der vielen möglichen Tauschakte realisiert: Während in der ent- falteten Wertform der Besitzer von a als Verkäufer seiner Ware unterstellt ist und damit diese selbst als singulärer Gebrauchs- wert einer Vielfalt von Tauschwerten gegenübersteht, erscheint in der allgemeinen Wertform der Besitzer von a nun als Käufer der Waren b, c, d etc. und die Ware a damit als singulärer Tauschwert für eine Gesamtheit von Gebrauchswerten. Unter der Annahme, daß die Ware a von allen anderen Verkäufern als Ausdrucksmittel (Spiegel) des Werts ihrer Waren akzeptiert wird, stellt sich dann die Konjunktion b = a /\ c = a /\ d = a /\ ... als der analyti- sche Ausdruck der allgemeinen Wertform dar. Mit ihr ist der Ge- brauchswert a zum Mittel des Wertausdrucks überhaupt geworden, zum "allgemeinen Äquivalent". In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu bemerken, daß der Über- gang von der entfalteten zur allgemeinen Wertform die unbe- schränkte Reproduzierbarkeit der Ware a (als Geld) erfordert. Denn natürlich kann eine einzelne Ware a nur in einem einzelnen Tauschakt die Funktion des Wertausdrucks übernehmen, nicht für alle anderen Waren zugleich diese Funktion realisieren. Haben wir jedoch genügend viele Kopien (Replikationen) von a zur Verfügung, so kann der von der allgemeinen Wertform ausgedrückte Sachverhalt verwirklicht werden. Damit tritt beim Übergang von der entfalteten zur allgemeinen Wertform jener Umstand ein, der für die Gleichheitsauffassung des formallogischen und mathematischen Erkennens grundlegend ist, nämlich die Feststellung der Gültig- keit des Ausdrucks "a = a" mit der Bedingung, daß das Satzsubjekt "a" eine Replikation des vom Satzobjekt "a" bezeichneten Gegen- stands (Wertdings) ist. Man bemerkt natürlich, daß "a = a" k e i n e relative Wertform im Sinne der Marxschen Darstellung ist. Vielmehr handelt es sich darum, daß mit diesem Ausdruck un- ter der genetischen Voraussetzung der Entwicklung der allgemeinen Wertform nunmehr von der E x i s t e n z des Wertdings ohne Rücksicht auf seine konkrete Bindung an die Gebrauchsdinge ausge- gangen wird. Nach meiner Meinung haben wir es hier mit dem Drehpunkt des Zu- sammenhangs der Analytik mit der Dialektik zu tun: Vom dialekti- schen Ansatz her interessiert uns die Genesis des Wertdings. Dies Interesse wird so befriedigt, daß von der Voraussetzung der k o n k r e t e n Gleichheit ausgegangen wird, d.h. von einer solchen Auffassung des Ausdrucks "a = b", nach der (mit Bezug auf die Welt der Waren) das Subjekt "a" den Gebrauchswert der Ware, das Objekt "b" dagegen den Wert derselben Ware bezeichnet. Die Entwicklung dieses in der einfachen Wertform schon gegebenen Wi- derspruchs bis hin zur allgemeinen Wertform besteht dann in nichts anderem als in der ä u ß e r l i c h e n Darstellung eben dieses Widerspruchs, d.h. in dem Ausschluß einer Warenart als Geld von allen anderen Warenarten als Arten von Gebrauchswer- ten. "Die a l l g e m e i n e A e q u i v a l e n t f o r m ist eine F o r m d e s W e r t s überhaupt. Sie kann also j e d e r Ware zukommen. Andererseits befindet sich eine Ware nur in allgemeiner Aequivalentform ..., weil und insofern sie d u r c h a l l e a n d e r e n W a r e n a l s A e q u i- v a l e n t a u s g e s c h l o s s e n w i r d. Und erst vom Augenblick, w o d i e s e A u s s c h l i e ß u n g sich end- gültig auf eine s p e z i f i s c h e Warenart b e- s c h r ä n k t, hat die e i n h e i t l i c h e r e l a t i- v e Wertform der Warenwelt o b j e k t i v e F e s t i g- k e i t und a l l g e m e i n g e s e l l s c h a f t l i- c h e G ü l t i g k e i t gewonnen." 60) Auf Grund dieser Ausschließung kann nun das rein analytische Er- kennen dazu übergehen, den vergegenständlichten Wert selbst zum Objekt seiner Untersuchung zu machen. Damit geht es nicht vom Wi- derspruch, sondern vielmehr vom ausgeschlossenen Widerspruch, nicht von der konkreten, sondern von der abstrakten Gleichheit aus, d.h. von derjenigen, welche nun die Wertdinge und ihre Ko- pien untereinander realisieren. Der entscheidende Punkt zum Ver- ständnis dieses wissenschaftstheoretischen Qualitätsumschlags ist der Umstand, daß mit den Wertdingen und ihren Kopien - wie ich sagen möchte - a n a l y t i s c h e Operation" (Addieren, Sub- trahieren, ...) ausführbar sind, die zum technischen Handwerk der allgemeinen Arbeit gehören und der Wert Kalkulation dienen. So- fern man dieses Operieren (nicht identisch mit den speziellen Operationen der mathematischen Analysis, die der Bewegungsanalyse dienen) nicht im Blick hat, bleibt der Übergang von der konkreten (dialektischen) zur abstrakten (analytischen) Gleichheitsauffas- sung unverständlich. Die analytische Verselbständigung des Werts gegenüber dem Gebrauch (Hegel würde sagen: die "Verendlichung" desselben) basiert auf den natürlich von den Interessen der un- mittelbaren Produktion unterscheidbaren Interessen der Zirkula- tion, letzten Endes auf der Notwendigkeit für jedes Gesell- schaftssystem, seinen Arbeitsaufwand mit seinem Arbeitsprodukt zu vergleichen. Die abstrakte Auffassung der Gleichheit a = b besteht im Unter- schied zur konkreten darin, daß "a" und "b" nunmehr als Zeichen von Wertdingen allein gelten. Beide Terme sind also nicht mehr Zeichen für M o m e n t e des Prozesses der Warenbildung, son- dern Zeichen für realisierte Wert d i n g e. In der Frage, wie die abstrakte Gleichheit zu bestimmen (definieren) sei, unter- scheiden sich die Analytizisten von den Konstruktivsten. Während die ersteren von der Vorstellung ausgehen, daß ein Wertding ir- gendwie mit einer K l a s s e gleichwertiger Dinge verbunden ist, sehen die Konstruktivisten dasselbe Wertding als ein "konkretes Einzelding" (also das Wertzeichen selbst als einen Ge- genstand!). Daher führen die Analytizisten (mit Leibniz als Ahn- herrn) die abstrakte Gleichheit vorausgesetzter Klassen a und b auf deren Umfangsgleichheit zurück, während die Konstruktivisten die abstrakte Gleichheit vorausgesetzter Einzeldinge auf die lo- gische Äquivalenz der in einer bestimmten Sprache über sie ge- machten Aussagen zurückzuführen. Ganz entsprechend wird dann auch die Abstraktion selbst entweder als Äquivalenzklassenbildung oder als Beschränkung des Aussagens auf Behauptungen verstanden, die gegenüber der unterstellten abstrakten Gleichheit invariant sind. In dem Gegensatz zwischen dem Analytizismus und dem Konstrukti- vismus (mit Kant als Ahnherrn) hat denn auch die spätbürgerliche Methodologie ihren philosophischen Ausgangspunkt. Halten wir zum Abschluß fest: Der Sinn "des schrecklichen, in seiner Terminologie noch Hegelschen ersten Teils von Buch I" des 'Kapital' besteht in der genetischen Erklärung der Erzeugung von Wertdingen. Die Schwierigkeit, diesen Sinn zu verstehen, ist die Schwierigkeit, den Widerspruch zu denken, d.h. die Bewegung zum Gegenstand des Erkennens zu machen. Sie ist zugleich die Schwie- rigkeit, die philosophischen Voraussetzungen der reinen Analytik adäquat zu erfassen. Dieses Problem wird gewöhnlich dadurch hin- wegdisputiert, daß man die analytische Methode mit der wissen- schaftlichen überhaupt identifiziert (wie das jüngst etwa Monod mit gallischer Klarheit demonstrierte) und die Wertdinge mit dem Mute der metaphysischen Verzweiflung für die w i r k l i c h e n (konkreten) Sachverhalte ausgibt. Es versteht sich, daß solche Verkehrung den Interessen einer Klasse entspricht, deren Indivi- duen wirklich auf der Jagd nach Werten sind. Es sei noch bemerkt, daß in Hegels Werk, an dem man bei der Suche nach der Weiterbildung der materialistischen Dialektik nicht vor- beikommt, die bourgeoise Verkehrung (die keineswegs schlichte Falschheit ist!) die eigentümliche Wendung nimmt, aus der Voraus- setzung von Abstrakta zum Konkreten zu gelangen, (etwa vom Sein und vom Nichts zum Werden). Die wirkliche Beziehung ist gerade umgekehrt: Das Konkrete ist die hinreichende Bedingung des Ab- strakten, das Abstrakte die notwendige Bedingung des Konkreten! Aber weil dies so ist, beginnt das Verständnis der Dialektik mit dem Verständnis des Konkreten. Und was konkret ist, erfahren wir, indem wir unsere natürliche Umwelt be- und verarbeiten. Die faktische Arbeit selbst ist das gewöhnlichste Konkrete. Sie zu denken (nicht nur ihre Produkte zu genießen oder zu bewerten), ist daher die erste Pflicht des Theoretikers, der es mit der Dialektik ernst meint. Indem er das tut, macht er das Subjekt der Arbeit, die Arbeiterschaft, die Arbeiterklasse, zum Ausgangs- und Bezugspunkt seiner Erkenntnis, vereinigt er also die allgemeine Arbeit mit ihrer wirklichen Basis. Und die Verwandlung der Wissenschaft in ein Organ der Arbeiterklasse ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit. _____ 1) H.-G: Backhaus: "Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie", in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 1, Hrsg. v. H.-G. Backhaus u.a., Frankfurt/M. 1974, S. 55. 2) Ebenda. 3) A. Schmidt: Geschichte und Struktur. Fragen einer marxisti- schen Historik, 2. Aufl., München 1972, S. 49-50. 4) D. Lecourt: Kritik der Wissenschaftstheorie, deutsche Übers, v. I. Neu, Westberlin 1975,8.8. 5) P. Lorenzen: Konstruktive Wissenschaftstheorie (stw), Frank- furt/M. 1974, S. 12. 6) Backhaus, a.a.O., S. 69. 7) Lecourt, a.a.O., S. 10. 8) Ebenda. 9) Ebenda. 10) K.R. Popper: "Was ist Dialektik?", in: Logik der Sozialwis- senschaften, Hrsg. v. E. Topitsch. 3. Aufl. Köln/Berlin (W) 1966, S. 287-288. 11) G. Frey: Philosophie und Wissenschaft, Stuttgart 1970, S. 8. 12) D.W. Theobald: An introduction to the philosophy of science, London 1968, S. 5-6, (Deutsche Übers, v. Verf.). 13) Vgl.: P. Ruben/H. Wolter: "Modell, Modellmethode und Wirk- lichkeit", in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. 17. Jhrg. (1969), S. 1229. 14) K. Marx: Das Kapital, Dritter Band, in: MEW, Bd. 25. Berlin 1970, S. 114. 15) K. Marx: Das Kapital, Erstes Buch, Erstes Kapitel, 1) Die Ware, in: K. Marx/Fr. Engels, Studienausgabe, Bd II, hrsg. v. I. Fetscher, Frankfurt/M. 1966, S. 234-235. Es ist nötig zu sagen, daß für die erneute Publikation des ersten Abschnitts der Erst- auflage des 'Kapital' I. Fetscher und H.-G. Backhaus uneinge- schränkter Dank gebührt. 16) K. Marx: "Kritik des Hegelschen Staatsrechts", in: MEW, Bd. 1, Berlin 1970, S. 267. 17) F. Engels: "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie", in: MEW, Bd. 1, S. 509. 18) K. Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Ber- lin 1953, S. 505. 19) Ebenda, S. 587-588. 20) J. Jungnickel: "Bemerkungen über Wissenschaft und Naturkräfte in einem bisher in Deutsch nicht veröffentlichten Manuskript von Karl Marx", in: Wirtschaftswissenschaft 23. Jhrg. (1975) Nr. 6, S. 807. 21) Ebenda, S. 808. 22) A. Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit. 2. Aufl., Frankfurt/M. 1972. Sohn-Rethel meint, "die Probleme der Bewußt- seinsformation stehen nicht im Zentrum, bilden als solche keinen primären Bestandteil des Marxschen Hauptwerks" (a.a.O., S. 14- 15), d.h. das 'Kapital'. Angesichts dieser neuerlichen Entdeckung einer bislang nicht bekannten Schranke des 'Kapital' möchte man ihrem Entdecker zurufen, daß er doch das ganze 'Kapital' lesen möge. Und selbst wenn er nur die Betrachtungen über Ware und Geld zu korrekten Kenntnis nimmt, ist dies denn nicht die dialektische Theorie der G e n e s i s der Abstraktion par excellence? Und gerade von der Abstraktion weiß doch der Verfasser der "Geistigen und körperlichen Arbeit" mancherlei zu notieren! Wenn er nur die kantische Brille abnähme, so würde er eben im Marxschen Hauptwerk seine eigene Frage exakt und exemplarisch beantwortet finden. Daß er diese Antwort nicht zu identifizieren weiß, ist an sich kein Unglück. Daß er aber seine Identifikationsfähigkeit als einen ob- jektiven Tatbestand des 'Kapital' erklärt, kann ernsthaft nicht akzeptiert werden. 23) Ebenda, S. 9. 24) Jungnickel, a.a.O., S. 808. 25) Ebenda. 26) K. Marx: Das Kapital, Erster Band, in: MEW, Bd. 23, S. 193. 27) G. Lukács: Ontologie - Arbeit, Neuwied/Darmstadt 1973, S. 13. 28) Ebenda, S. 19. 29) K. Marx: Das Kapital, Erster Band, Berlin 195 3, S. 185. 30) K. Holzkamp: Sinnliche Erkenntnis - Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, Frankfurt/M. 1973, S. 107-113. 31) Dies ist die Position von A. Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx, Neuausgabe, Frankfurt/M. 1971. Schmidt findet: Marx "hütet sich davor, wie Hegel das Werkzeug gegenüber den mit seiner Hilfe hergestellten unmittelbaren Gebrauchswerten zu fetischisieren. Hegels Formulierung (daß nämlich die Mittel ein Höheres als die endlichen Zwecke sind, d.V.) setzt einen Zu- stand voraus, in dem die Menschen mehr und mehr zu Anhängseln ih- rer entfesselten produktiven Kräfte werden" (a.a.O., S. 103). Ab- gesehen davon, daß hier nicht Hegel fetischisiert, sondern Schmidt vielmehr die Produktivkräfte im Sinne von Horkheimer und Adorno, ist die wohlmeinende Feststellung über Marxens Mangel charakteristisch konträr zur Feststellung der Klassiker, "daß es nicht möglich ist, eine wirkliche Befreiung anders als in der wirklichen Welt und mit wirklichen Mitteln durchzusetzen, daß man die Sklaverei nicht aufheben kann ohne die Dampfmaschine und die Mule-Jenny, die Leibeigenschaft nicht ohne verbesserten Ackerbau" (K. Marx/F. Engels: "Neuveröffentlichung des Kapitels I des I. Bandes der 'Deutschen Ideologie'", in: DZfPh 14. Jhrg. (1966) Nr. 10, S. 1207). 32) J. Habermas: Erkenntnis und Interesse, Mit einem neuen Nach- wort, Frankfurt/M. 1973. 33) Ebenda, S. 70. 34) Vgl.: B. Fogarasi: Logik, Berlin 1955, S. 107 f.; G.N. Wol- kow: Soziologie der Wissenschaft, Berlin 1970, S. 253; G. Krö- ber/H. Laitko (Hrsg.): Wissenschaft, Stellung, Funktion und Orga- nisation in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft, Berlin 1975, S. 165-166; M. Buhr: "Dialektik - Weltanschauung - Methodo- logie"; in: Festvorträge der wissenschaftliche Konferenz der Aka- demie anläßlich des 275. Akademiejubiläums, Sitzungsbericht der AdW der DDR, 3 G, Berlin 1975, S. 10. 35) Vgl.: F. Fiedler/G. Klimaszewsky/G. Söder: "Das Verhältnis der marxistisch-leninistischen Philosophie zu den Einzel- und Strukturwissenschaften", in: DZfPh 20. Jhrg. (1972) Nr. 11, S. 1314. 36) Vgl.: H. Hörz: Marxistische Philosophie und Naturwissenschaf- ten, Berlin 1974, S. 43-45. 37) K. Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, in: MEW, Bd. 13, Berlin 1961, S. 61 38) K. Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), in: MEW, Ergänzungsbd., I. Teil, Berlin 1968, S. 513. 39) O. Negt: "Marxismus als Legitimationswissenschaft", in: N. Bucharin/A. Deborin: Kontroversen über dialektischen und mechani- stischen Materialismus, Frankfurt/M. 1974, S. 7-48. 40) Wie man weiß, hat L. Wittgenstein vom "Tractatus" zu den "Philosophischen Untersuchungen" den Weg von der Auffassung der Erkenntnis als Bild zur Auffassung derselben als Werkzeug absol- viert. Daß aber Bilder Werkzeuge sind, ist ihm deshalb nie bewußt geworden, weil er stets nur vom autonom gedachten individuellen Erkenntnissubjekt ausging und nie in der materiellen Produktion einen ernsthaften philosophischen Gegenstand erblicken konnte. Nichtsdestoweniger ist dieser Gang Wittgensteins symptomatisch für die Problemlage der Philosophie der Gegenwart. 41) W.F. Haug: Vorlesungen zur Einführung ins "Kapital", Köm 1974, S. 6 42) W.I. Lenin: Konspekt zur 'Wissenschaft der Logik', in: LW, Bd. 38, Berlin 1964, S. 170. 43) L. Althusser: Lenin und die Philosophie, deutsche Übers, v. K.-D. Thieme, Hamburg 1974, S. 72. 44) Ebenda. 45) Ebenda, S. 73 46) P. Lorenzen: Collegium Logicum, in: Methodisches Denken, Frankfurt/M. 1968, S. 15. 47) Ebenda, S. 17. 48) Ebenda, S. 18. 49) Th. Hobbes: Lehre vom Körper, deutsche Übers, v. M. Frischei- sen-Köhler, Leipzig 1948, S. 6. 50) Natürlich beziehe ich mich auf H. Reichelts Darstellung: Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx, Frank- furt/M. 1970. 51) Die konstruktivistische Deutung der Prädikation basiert auf der Annahme, daß man unabhängig von Sätzen bereits Satzglieder kenne. Die Erlanger nennen diese Pseudosatzglieder "Eigennamen" und "Kennzeichnungen" (d.h. Subjekte) sowie "Prädikatoren" (d.h. Prädikate). Abgesehen davon, daß ein Lorenzenscher Prädikator tatsächlich kein Prädikat, sondern eine Prädikatergänzung ist, haben die Konstruktivisten noch das Mysterium aufzulösen, wie man Satzglieder ohne Sätze kennen kann. Was ist das Verbum "schwimmen", ein Prädikator oder nicht? Zum Zwecke der Klärung dieses Problems bietet sich der Satz "Schwimmen ist gesund" be- stens an. 52) W.V.O. Quine: Grundzüge der Logik, deutsche Übers, v. D. Siefkes, Frankfurt/M. 1974, S. 23. 53) Ebenda, S. 24. 54) K. Marx: Das Kapital, Erster Band, Berlin 1953, S. 41. 55) Marx-Engels: Studienausgabe 2, hrsg. v. I. Fetscher, Frank- furt/M. 1966, S. 217. 56) Eine solche Variante bietet J. Klüver an in: Wissenschafts- kritik und sozialistische Praxis, hrsg. v. J. Klüver u.F.O. Wolf, Frankfurt/M. 1973, S. 79. Dort wird programmatisch mit Bezug auf die Mathematik erklärt: "Eine adäquate Interpretation der Mathe- matik, die auch den Intentionen von Marx gerecht zu werden ver- mag, muß sich vielmehr an die wissenschaftstheoretische Position des Konstruktivismus halten, die vom Diamat ja auch abgelehnt wird." 57) H. Wohlrapp: "Materialistische Erkenntniskritik?", in: Metho- dologische Probleme einer normativ-kritischen Gesellschaftstheo- rie, hrsg. v. J. Mittelstraß, Frankfurt/M. 1975, S. 212. 58) K. Marx, a.a.O., S. 68. 59) Ebenda, S. 70. 60) Ebenda, S. 74-75. zurück