Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Beiträge zur politischen Theorie Gramscis
Alessandro Mazzone
ANMERKUNGEN ZU EINEM DIALEKTIKER
1. "Gramsci kann verstanden werden ... allein ... im Rahmen jenes
großen Fortschritts der sozialistischen Bewegung, dank dessen die
italienische Arbeiterklasse, einmal ausgegangen von ökonomischen
und politischen Forderungen, welche innerhalb der bürgerlichen
Ordnung durchsetzbar und verwirklichbar waren, dazu überging,
sich selbst als Antagonistin der industriellen und landwirt-
schaftlichen Bourgeoisie in der Führung der gesamten Gesellschaft
zu setzen." 1)
Diesen Übergang bezeichnet Gramsci selbst als Entwicklung einer
subalternen Klasse zur potentiellen Hegemonie. Der Kampf zwischen
zwei Hegemonien in Italien, der zu Lenins und Gramscis Zeit an-
fing, ist seitdem ununterbrochen. Schauplatz dieses Kampfes sind
"sämtliche Lebensformen ... sämtlicher Klassen" der Gesellschaft
2). Es ist der Bourgeoisie nie wieder gelungen, sich einen soweit
beständigen Entwicklungsrahmen zu verschaffen, daß die Alterna-
tive, deren historischer Träger das Proletariat ist, politisch
irrelevant geworden wäre. Im Gegenteil. Ihr Antagonist hat es
verstanden, durch die Tätigkeit zweier Generationen solche Wege
für die Entwicklung aller zu zeichnen und zu ebnen, daß eine neue
Etappe der antifaschistisch-demokratischen Revolution, eine wei-
tere Verschiebung des Kräfteverhältnisses der Klassen zugunsten
von Demokratie und Sozialismus heute möglich ist.
2. Der heutige Leser Gramscis, der schon durch den Charakter sei-
nes Nachlasses gezwungen ist, vorab und prinzipiell die Frage
nach der Einheit seines Denkens (und also auch der Einheit seines
Denkens und seines Tuns als Begründer und Führer der IKP), zu
stellen, stößt sehr bald auf jenen Zusammenhang des Übergangs der
italienischen Arbeiterklasse von einer subalternen Haltung zum
Kampf um die Hegemonie auf allen Gebieten des gesellschaftlichen
Lebens. Gleich, ob man eine Kontinuität zwischen Gramsci und der
späteren Tätigkeit der IKP bejaht, verneint, oder nur teilweise
anerkennt 3), man kommt schwerlich umhin, in den Fragen einen
Brennpunkt der politischen Arbeit Gramscis und der in den Gefäng-
nisschriften niedergelegten Überlegungen, die der revolutionären
Klasse 1920 theoretisch und praktisch aufgegeben waren, zu fin-
den:
"Was ist der italienische Staat? Und warum ist er, was er ist?
Welche ökonomischen, welche politischen Kräfte bilden seine
Grundlage? Hat er einen Entwicklungsprozeß erfahren? Ist das
Kräftesystem, das ihn entstehen ließ, gleichgeblieben? Welche in-
nere Bewegungsquellen bestimmten den Wandlungsprozeß? Welche
Stellung nimmt Italien in der kapitalistischen Welt genau ein,
und welchen Einfluß haben die dem inneren Prozeß äußeren Kräfte
ausgeübt? Welche neuen Momente sind durch den imperialistischen
Krieg zutage gefördert und entwickelt worden? Welche wahrschein-
liche Richtung werden die jetzigen Kraftlinien der italienischen
Gesellschaft nehmen? " 4)
Vieles läuft hier in der Tat zusammen. Der Weltkrieg als Anfang
einer neuen Phase nach der bürgerlich-liberalen Epoche, die Be-
stimmung der Triebkräfte der sozialistischen Revolution in Ita-
lien in dieser Zeit, die Einheit der Arbeiter und der Bauernmas-
sen des Mezzogiorno (des italienischen Südens), die Hervorbrin-
gung von "organischen" Intellektuellen, die Theorie der Partei
als "moderner Fürst" für die neue führende Klasse; dann die Ana-
lyse des anderen "historischen Blocks", der im Risorgimento kon-
stituierten Hegemonie der Bourgeoisie, das geschärfte historische
Bewußtsein über das durch nationale Vergangenheit und imperiali-
stische wie sozialistische Aktualität bestimmte geschichtlich
Mögliche, wodurch das politisch Notwendige erhellt wird; ferner
die kritische Analyse der geschichtlichen Stratifizierungen in
Italien nach dem Abbruch der protokapitalistischen Entwicklung um
1500, die Studie der "klassischen" Wege der bürgerlichen Revolu-
tionen, England, Frankreich, und der "nichtklassischen", die Re-
staurationszeit als "passive Revolution" in Europa. Nach der an-
deren Seite hin, und nachdem die Durchsetzung der Hegemonie der
neuen geschichtlich fortschrittstragenden Klasse, ihr "Sich-
selbst-setzen als Staat" "in einem bestimmten Territorium", der
Auseinandersetzung zwischen alter und neuer Hegemonie auch zwi-
schenstaatliche Formen - neben den national-international ökono-
mischen, politischen und kulturellen - verliehen hat, entwickelt
sich die Untersuchung dieser Auseinandersetzung: "Stellungskrieg/
Bewegungskrieg", der hegemoniale Kampf im Reichtum der "Schüt-
zengräben und Kasematten" der bürgerlichen Gesellschaft in
entwickelten kapitalistischen Ländern, die Reorganisation der
kapitalistischen Gesellschaft durch Disziplinierung und Integra-
tion der Massen im Faschismus, aber auch durch neue Formen der
Produktion ("Americanismo e fordismo"). Nochmals, wie einst für
die Sprache der französischen Revolution und die der klassischen
deutschen Philosophie, entsteht das Problem der wechselseitigen
"Übersetzbarkeit" der "Sprachen" (figure di cultura, linguaggi)
e i n e r geschichtlichen Epoche (forma di civilta), die der
Marxismus zu gewährleisten hat.
Die Epoche ist die des Imperialismus und des Übergangs zum Sozia-
lismus. "Weltgeschichtliche Prozesse gibt es nicht immer", no-
tierte Marx: sie gibt es nun, i n diesen Widersprüchen. Darum
sind jene Fragestellungen, sofern das geschichtliche Material
"für die Reflexion" "gegeben" ist, in doppeltem Sinne internatio-
nal. Zum einen, weil "die Perspektive international ist.... Aber
der Ausgangspunkt ist national und ... Resultat einer originalen
und in gewissem Sinne einmaligen Kontextur (combinazione) ... die
die führende Klasse genau deuten muß, der sie eine bestimmte Aus-
richtung geben kann, gerade... weil sie ihr angehört." 5) Zum an-
deren, weil "das Organ des Denkens" 6) als Marxismus selbst Er-
gebnis des widersprüchlichen Prozesses ist, in dem die moderne
Welt sich zur (kapitalistischen) Weltgeschichte gemacht hat. Die
Arbeiterbewegung in dieser Welt, ihre Theorie; der Zusammenbruch
der Zweiten Internationale, die ökonomistische und mechanistische
Verformung des Marxismus, während die allgemeine Krise des Kapi-
talismus sowohl als Gesellschaftskrise wie als Weltkrieg heran-
reift; die "Wiederherstellung der Historizität" durch Lenins Im-
perialismus - und Revolutionstheorie, die Oktoberrevolution und
die "praktische und theoretische Durchsetzung des Begriffs der
Hegemonie"; der "Stato operaio" (Arbeiterstaat), die Übernahme
der Leitung von Produktion, b ü r g e r l i c h e r G e-
s e l l s c h a f t (societa civile) und staatlichen Gesamt-
ausdrucks des gesellschaftlichen Lebens durch eine neue Klasse
als Aufgabe, die auch in Italien auf der Tagesordnung steht - das
ist der Rahmen, aus dem heraus sich Gramscis Erfahrung und Lei-
stung entwickelt. 1920 schreibt er:
"Die jetzige Phase des Klassenkampfes in Italien leitet ein:
e n t w e d e r die Übernahme der politischen Macht durch das
revolutionäre Proletariat mit dem Ziel des Übergangs zu neuen
Produktions- und Distributionsweisen ... o d e r eine furcht-
bare Reaktion seitens der besitzenden Klasse und der Regierungs-
kaste ... Man wird danach trachten, die politischen Organisati-
onsformen der Arbeiterklasse ... restlos zu zerschlagen, die öko-
nomischen ... (Gewerkschaften, Genossenschaften) in die Maschine-
rie des bürgerlichen Staats einzugliedern" 7).
Von den Arbeiterräten und den Fabrikbesetzungen der Jahre 1919-
20, deren Scheitern zwischen bewaffneter faschistischer Reaktion
und Untätigkeit der PSI-Führung, bis zur Gründung der neuen Par-
tei, zum politischen Widerstand gegen die sich etablierende Dik-
tatur, zum Kampf gegen den abstrakten, untätigen Extremismus
1924-1926, entwickelt sich die Einsicht in eine historische Ver-
antwortung der Arbeiterklasse, die nur in ihrer Politik konkret
ist. Mit dem Faschismus hat die Bourgeoisie nicht etwa allein
"die demokratische Fassade abgestreift" (wie die Bordiga-Extremi-
sten glaubten): sie versucht, monopolistische Entwicklung, Kon-
zentration von Staatsmacht, Integration des "sozialen" abgehoben
vom demokratischen Leben der Massen durchzusetzen. Sie ist noch
herrschende Klasse, nicht mehr führende. (Und folgerichtig wird
in dem dieser Politik organisch innewohnenden imperialistischen
Abenteuer auch die nationale Unabhängigkeit verloren gehen, nach-
dem die Freiheit der Bürger und die Freiheit der fälligen Ent-
wicklung zur Demokratie und Sozialismus zusammen unterdrückt wor-
den waren. Unabhängigkeit, bürgerliche Freiheiten, Freiheit der
Entwicklung zum Sozialismus wird erst die neue führende Klasse an
der Spitze des antifaschistischen Widerstandskrieges und als Mit-
begründerin der italienischen Republik wieder gewinnen.)
Im Gefängnis sagt Gramsci schon 1930 (gegen die Vertreter der
sog. "dritten Periode") eine "demokratische Phase" nach dem Sturz
des Faschismus voraus. Der Faschismus ist eine besonders kon-
flikt- und krisenträchtige Form der "relativen Stabilisierung".
Die Reorganisation der bürgerlichen Hegemonie nach der Oktoberre-
volution hat aber auch andere Gestalten: "Basis und Überbau stel-
len einen 'historischen Block' dar, d.h., die komplexe und wider-
sprüchliche Gesamtheit der überbauten reflektiert die Gesamtheit
der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ... Das notwendige
Ineinanderübergehen von Basis und Überbau ... ist der wirkliche,
dialektische Prozeß" 8). Die Untersuchung der Hegemonie bis in
die feinsten "molekularen" Umschichtungsprozesse des historischen
Blocks der Bourgeoisie nach der Oktoberrevolution, aber immer
ausgehend von der Bewegung von Produktivkräften/Produktions-
verhältnissen in der weltgeschichtlichen Übergangssituation, ist
ein Erforschen und Erkennen des Terrains über einen längeren
Zeitraum, der Phasen des "Stellungskriegs" der Klassen ein-
schließen muß.
3. Wann sind die "Bedingungen eines neuen historischen Blocks,
d.h. eines neuen Verhältnisses von Basis und Überbau" gegeben? 9)
Wir können - i n a b s t r a c t o - sagen, wenn die Gesamt-
heit der Lebensformen in einer bestimmten Gesellschaft, die
m ö g l i c h gemacht wurden durch die eigengesetzliche Bewegung
ihrer selbst, unter Beibehaltung der wesentlichen Bestimmungen
ihrer Klassenkontextur n i c h t m e h r verwirklicht werden
können. Die Klassenkontextur bezieht sich nicht nur auf die Pro-
duktionsverhältnisse, sondern auch auf die politischen, kulturel-
len, (und internationalen) Verhältnisse, die den ersteren kongru-
ent sind und sie befördern bzw. zementieren. So entwickelt Lenin
in den Jahren um die erste russische Revolution die Konzeption
der Hegemonie des Proletariats in einer d e m o k r a-
t i s c h - b ü r g e r l i c h e n Revolution, als die
russische Bourgeoisie unter den Bedingungen des Imperialismus und
der imperialistischen Verflechtung von Entwicklung der Produktiv-
kräfte und politischen Herrschaftsverhältnissen n i c h t
m e h r als Trägerin der demokratischen Forderungen der Klein-
produzenten (Bauern) in einer b ü r g e r l i c h e n
Revolution fungieren kann. Schon hier ist Hegemonie m e h r als
Bündnispolitik. Es handelt sich nicht um die gegenseitige Unter-
stützung zweier Gesellschaftsgruppen zur Durchsetzung bestimmter,
"korporativer" Forderungen 10), sondern um die politische Strate-
gie zweier K l a s s e n zur Verwirklichung historischer Ziele
ihres Daseins, die verschieden sind, und in der geschichtlichen
Verfassung der Zeit a l s v e r s c h i e d e n e zur Komposi-
tion gebracht werden sollen. "Demokratie" als Ziel der kleinbür-
gerlichen Produzenten, "Sozialismus" als Ziel der industriellen
Arbeiterschaft sind p e r s e Abstraktionen, wenn sie auch dy-
namisch-historisch zu den Definitionsmerkmalen dieser Klassen ge-
hören: Aber die Klassenkonstellation ist erst in einem bestimmten
Gesellschaftskörper und in einer internationalen Konstellation
(Imperialismus) wirklich. Hegemonie und Kampf von Hegemonien sind
also schon in der Leninschen Ausarbeitung der Kategorie Begriffe,
worin a) die Einheit von Geschichte und Politik; b) die Einheit
von Basis und Überbau in der Gesamtklassenverfassung einer be-
stimmten Gesellschaft; und c) die Einheit von Nationalem und In-
ternationalem, ihren Ausdruck finden.
"Hegemonie" ist eine dialektische Kategorie des historischen Ma-
terialismus: wie bei allen dialektischen Kategorien, ist ihre
analytische Leistung ihre Entfaltung an den durch sie zur Einheit
gebrachten Gegenständen, ihre "Entwicklung" i n c o n-
c r e t o, der die methodische Definition als notwendige
Abstraktion entspricht. Gramscis Entwicklung der Theorie der He-
gemonie in der Situation nach der Oktoberrevolution und der
"relativen Stabilisierung", u n d an einem sehr komplexen und
geschichtlich "langzeitigen" Gegenstand - Ursprung, Entwicklung,
Durchsetzung, Krise der Hegemonie der Bourgeoisie in Italien so-
wie Entstehung und Strategie der antagonistischen hegemonialen
Klasse - erforderte die Ausarbeitung analytischer Instrumente zur
Bestimmung geschichtlicher Stratifizierungen, der Intellektuellen
als "organischen" und "fungierenden" im historischen Block, so-
wie, in der Reflexion, einer Theorie der Ideologie und der Poli-
tik 11). - Es ist wahrscheinlich, daß in einer Zeit, in der weit
über Italiens Grenzen hinaus die Bourgeoisie zwar herrschend,
aber nicht mehr hegemonial führend ist, die Auseinandersetzung
mit Gramscis Analysen und Theorien neue Früchte bringen wird.
4. Es ist für den dialektisch Denkenden verständlich, daß hier
eine praktische Schwierigkeit der Lektüre zu überwinden ist.
Gramscis Schriften dokumentieren einen konkreten Gegenstand. In
den überall übersetzten B r i e f e n a u s d e m G e-
f ä n g n i s erschien jenes Konkrete zunächst greifbar als
Leben und Denken und Tod, an der italienischen Front der "Kriege
der Klassen" in den zwanziger und dreißiger Jahren. Bei den
H e f t e n a u s d e m G e f ä n g n i s kann es sich aber
wie bei den vorhergehenden politischen Schriften nur darum han-
deln, die Elemente der Analyse als analytische zu erkennen, die
"konkrete Analyse des konkreten Gegenstandes" als geschichtliche
Praxis zu begreifen. Dieses Konkretum aber läßt sich weder als
"Sonder-" noch als "Modellfall" unterbringen, weil es eben Ein-
heit von Situation, Tat und Reflexion ist. "übertragen" auf das
Hier und Jetzt kann man eine dialektische Leistung niemals, wohl
eher "imitieren", wenn man so will, sofern die klassische Auffas-
sung von "Imitation" zugrundegelegt wird - als Neuherstellung mu-
stergültiger Pragmata in der Spannung eines Kosmos von Gesetzmä-
ßigkeiten und unendlich vieler Brechungen des individuellen Das-
eins, worin sich jener entfaltet. Mutatis mutandis ergibt sich
auch hier das Problem, die Pragmata eines dialektischen Denkers-
Politikers dialektisch zu verwerten. Dazu ist wiederum
A n a l y s e nötig, - natürlich aus der Situation, die an sich
ebenso eine politische wie eine der Forschung sein kann. So ent-
stehen z.B. Arbeiten wie "Gramsci und der Staat" (Ch. Buci-
Glucksmann), "Gramsci and Political Theory" (E.J. Hobsbawm), oder
auch Biographien wie die G. Fioris oder die G.M. Cammets, Mono-
graphien zur Theorie der Hegemonie, der Ideologie, zu Gramscis
Rolle in Italien und in der Internationale usw.
Weniger glücklich scheinen mir die Versuche, die sozusagen
"Gramsci und den Marxismus überhaupt" zum Thema haben, wobei
manchmal der Eindruck entsteht, als ob "der" Marxismus eine Par-
titur wäre, die bei Gramsci eine besonders gute (oder schlechte)
Aufführung erfahren hätte. "Marxismus" war aber für Gramsci
zugleich wirkliche geschichtliche Bewegung, in der er arbeitete,
u n d Theorie, mit der er dachte, u n d Gegenstand der Refle-
xion jener Bewegung u n d jener Theorie: darum auch, philoso-
phisch, die Bezeichnung "absoluter Historizismus" und Ähnliches
sowie die Betonung der Identität von Philosophie und Politik mit
der Geschichte. - Aus dieser Identität, die jedem von uns seine
Aufgabe zuweist, in der die Aufgabe erfaßbar wird, können m.E.
fruchtbare Beschäftigungen mit Gramsci eher erwachsen, als aus
den abstrakten, an der vordergründigen Sonderfall/Modellfall-Di-
chotomie leidenden Konstruktionen eines "eigentümlich-italieni-
schen" oder "weltgeschichtlich-neuen" Weges zum Sozialismus, den
Gramsci gewiesen hätte. Abgesehen davon, daß solche "Wege" nicht
"gewiesen" werden, stellt sich wohl die Frage des
V e r g l e i c h s erst, wenn Vergleichbares, also Verschie-
denes, in einer Einheit denkbar wird. Dazu bedarf es einer Kon-
zeption der geschichtlichen, gewordenen Welteinheit "kapitali-
stische Gesellschaftsformation" und ihres Übergangs in die
sozialistische, die es ermöglicht, diesen h i s t o r i-
s c h e n Prozeß in s e i n e n p o l i t i s c h e n Ausge-
staltungen zu denken, und zwar "innerhalb des Widerspruchs", im
Leben und Kampf von Menschenmassen, die auch erkennende Tätigkeit
sind, durch eine theoretische Anstrengung, welche wiederum
Element von Hegemonie (also von Übergang zum Sozialismus pro
tanto) nur insofern wird, als sie geschichtliche Erfahrung zu
erhellen und bewußt zu machen versteht.
Daß eine solche Konzeption niemals als ein Fertiges vorliegen
kann (außer für diejenigen, die der Dialektik eine allesbegrün-
dende, d.h. idealistische, Theorie vorziehen), versteht sich von
selbst. Wenn sich also Gramsci in diesem Prozeß wußte, der "von
Marx intellektuell initiiert wurde und wahrscheinlich Jahrhun-
derte einnehmen wird" 12), der mit Lenin Wirklichkeit "auf einem
bestimmten Territorium" erlangte, so ist sein Verhältnis zum Werk
von Marx und Lenin von hier aus zu rekonstruieren.
5. Leninist ist Gramsci zunächst in diesem Sinne: Er handelt in
der geschichtlichen Phase der "realen Kritik" des Marxismus, sei-
ner "realen Dialektik", die mit dem "Staat-Werden" der universel-
len Klasse einsetzt. Deswegen ist sein Standpunkt der des
"modernen Fürsten", der Partei als Instrument, das sich die
Klasse zur Erlangung der eigenen Hegemonie gibt. E s g e h t
a b e r d a r u m, "s i c h s e l b s t z u m T e i l d e s
W i d e r s p r u c h s" z u m a c h e n. Die Klasse "hat" den
Widerspruch nicht als "gegebenen" vor sich: sie ist als Klasse,
als Referent einer Gesamtheit von Basis-und-Überbau-Relationen,
eingebettet in den Widerspruch. Anders wäre ihr geschichtlicher
Anspruch auf Hegemonie nichts als frommer Wunsch. Als Trägerin
der fortschrittlichen Produktionsverhältnisse ist sie Trägerin
der möglichen Lebensformen (aller Nichtausbeuterklassen), die die
Formation, im konkreten historischen Block, beständig setzt und
zugleich blockiert.
Theoretisch erlaubt der Standpunkt des "Fürsten", "sämtliche Le-
bensformen sämtlicher Klassen" (wie Lenin es 1902 forderte) als
politische Gegenstände zu erkennen. Das ist der "Primat der Poli-
tik", als Ort der Vermittlung der Lebensformen in der Spannung
von konstrastierenden Hegemonien. "Politik" heißt hier natürlich
- Vermittlung der dialektischen Einheit von Basis und Überbau,
oder diese dialektische Einheit selbst, indem sie bewußt und
praktisch wird 13). So wird auch das "Laboratorium Italien" zum
Gegenstand, an dem sich der Anspruch der marxistischen Theorie
mißt: Ökonomie wie Literatur, Institutionen wie Philosophie, dem
Diskrimen der Geschichte der Hegemonien ausgesetzt, werden zu be-
stimmten, erkennbaren, konkreten und v e r ä n d e r b a r e n
Gegenständen. Der historische Block ist selber materielle Totali-
tät, ein historisch Gewordenes, wie - auf einer anderen Ebene der
Analyse - die ökonomische Gesellschaftsformation. Darum ist auch
der Anspruch der Theorie n i c h t durch eine metaphysische
Totalitäts k a t e g o r i e "begründet".
Der theoretische Standpunkt des "modernen Fürsten" hat aber zwei
eigentümliche Voraussetzungen (die in den G e f ä n g n i s-
h e f t e n gleichsam zu stillen Gesprächspartnern werden, wenig
oder kryptisch zitiert, immer den Gang der Untersuchung
mitbestimmend, die Gegenstände der Reflexion in-Zusammenhang-
setzend).
Die eine Voraussetzung ist: Der historische Materialismus, die
Existenz der Theorie der kapitalistischen Formation als wirkli-
cher und vergänglicher, also historischer Totalität. Auf diese
ist die Untersuchung der Wege der bürgerlichen Revolutionen bezo-
gen, das Werden der historischen Blocks, in welchen ja allein
"der" Kapitalismus historisch lebte. Dieser Bezug macht sie zu
bestimmten Gegenständen, die erkennbar sind auch in ihren
(heuristisch abgesonderten) Überbaugestaltungen.
Die zweite Voraussetzung ist: der Leninismus. Im Zeitalter des
Imperialismus und des Übergangs zum Sozialismus ist der Wider-
spruch zum ersten Male auch "horizontal" durchgreifend. Als eine
Totalität von Widersprüchen bewegt sich die entzweite ökonomische
Gesellschaftsformation durch sämtliche Gestalten des geschicht-
lich Konkreten. Sie sind nun "im Weltmarkt", in der "wirklichen
Bewegung der Konkurrenz", im Sinne der Marxschen Skizze zu den
Sechs Büchern des Kapitals: in diesem Sinne auch, wie es mir
scheint, geht die Erkenntnis, die die Idee jener Sechs Bücher
vorzeichnete, einen Weg, an dem auch Lenin und Gramsci mitarbei-
teten. Nicht sie allein, natürlich, in ihrer Zeit, und zu tun
gibt es in Hülle und Fülle...
_____
1) P. Togliatti, Attualita del pensiero e dell'azione di Gramsci,
1957. Zit. aus der Aufsatzsammlung P. Togliatti, Gramsci, hrsg.
von E. Ragionieri, Rom o.J., S. 123.
2) Zu der Tragweite dieser Leninschen Forderung aus: Was tun? und
zum Begriff der gesellschaftlichen "Kontextur" s. W.R. Beyer,
DZfPh, Heft 11/1972.
3) Von dieser Frage ausgehend kommt die neo-bordighistische In-
terpretation zur völligen "Zerstörung" Gramscis als Marxist bei
Ch. Riechers, Antonio Gramsci, Marxismus in Italien, Frank-
furt/M., 1970: da "bekanntlich", nach Riechers, Italien keine
feudalen Überreste kannte (S. 83), ist die gesamte Strategie
Gramscis von vornherein absurd. - Eine andere Diskussion entwic-
kelt sich bei Autoren, die weniger Interesse für Gramsci als ge-
schichtliche Gestalt haben als für die Herstellung von Heldenple-
jaden der Revolution, so M. M. Macciocchi (Gramsci und Mao-Tse-
Tung), und A. Davidson (Gramsci und Trotzki). - Eine ganz andere
Frage ist noch, erstens: ob versucht wird, Gramsci in seiner Zeit
zu sehen, und zweitens: ob bestimmte Momente der Politik der IKP,
als nicht mehr von seiner Konzeption ableitbar, durch Periodisie-
rung abgehoben werden: vgl. dazu C. Mancina, Vorwort zu L.
Gruppi, Gramsci, Philosophie der Praxis und die Hegemonie des
Proletariats, Hamburg/Westberlin, 1977.
4) A. Gramsci, L'Ordine Nuovo 1919-1920, Turin 1954, S. 72.
5) Ders., Quaderni del carcere, hrsg. von V. Gerratana, Turin
1975, S. 1729.
6) Vgl. den Brief von Marx an Kugelmann, 11. Juli 1868, MEW 32,
S. 553.
7) A. Gramsci, L'Ordine Nuovo ..., S. 117. (Hervorhebung A.M.)
8) Ders., Quadern!..., S. 1051 f.
9) Togliatti, II leninismo nel pensiero e nell'azione di Gramsci,
a.a.O., S. 145, schreibt hier: "Wesentlicher Bestandteil der Len-
inschen Revolutionstheorie ... und des Denkens Gramscis ist...
die Bestimmung der neuen Stellung, die die Arbeiterklasse inter-
national und in jedem Land einnimmt, als durch die objektive
Reife der bürgerlichen Welt... die Phase des Übergangs zu einer
neuen... Gesellschaftsordnung eingeleitet wird. Weil die Bedin-
gungen eines neuen historischen Blocks... nun existieren, wird
die Arbeiterklasse zur nationalen Klasse", indem sie die
"Probleme der gesamten Gesellschaft" zur Lösung bringt (S. 130).
10) D.h., in Lenins Sprachgebrauch, "ökonomistische" Forderungen.
11) Zu den Bedingungen, die Italien zum "Laboratorium" einer mar-
xistischen politischen Theorie im speziellen Sinne werden ließen,
vgl. E.J. Hobsbawn, Gramsci and Political Theory, in "Marxism
Today", Juli 1977, S. 205 ff.
12) A. Gramsci, Quaderni..., S. 881 f.
13) A.a.O., insb. S. 1378 ff., 1488 ff.
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