Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Diskussion & Kritik
       
       Christoph Kievenheim
       

EINE ANTWORT AUF B. HEIDTMANNS KONSTRUKTION EINER EUROKOMMUNISMUS-IDEOLOGIE

Auf Anforderung der SOPO-Redaktion hatte ich einen "spontanen" Diskussionsbeitrag auf einer Veranstaltung des Westberliner BDWi zu einigen fragmentarischen Thesen über "Eurokommunismus" und "realer Sozialismus" zusammengefaßt. Ein Versuch, die wissen- schaftliche Diskussion bei uns über Voraussetzungen der Politik der linken Bewegung anzuregen: "Die Diskussion und Vereinheitli- chung unterschiedlicher Positionen der demokratischen Bewegung (ist) dringlich." (SOPO Editorial 40/5) Diskussion und Verein- heitlichung von Positionen setzen vorgängig ihre Zur-Kenntnis- nahme voraus. Dieses politisch und wissenschaftlich eigentlich selbstverständliche Verfahren ist durch Heidtmann weitgehend durch Ideologie-Verdacht und eine willkürliche Aussonderung mei- ner Positionen aus dem marxistischen Diskussionsspektrum ver- drängt worden. Die Stoßrichtung dieser "Antwort" drückt aber eine verbreitete Schwierigkeit aus, sich innerhalb des "orthodox-mar- xistischen Lagers" mit dem für die BRD sicherlich neuen Phänomen theoretischer Grundsatzdiskussionen innerhalb dieses Spektrums vorwärtstreibend auseinanderzusetzen. Dazu gehört der politisch interessierte Versuch der Isolation des hiesigen Diskussions- strangs von den Auseinandersetzungen unter den westeuropäischen Marxisten. Es mußte auch auffällig sein, daß ich nicht die Kon- troverse unter den französischen Marxisten als "verbindlichen Ka- non" voraussetzte, sondern mich in erster Linie "positiv" auf die Erkenntnisse von Sève und Lenoir bezog. Die fundamentale Unter- schiedenheit in der "subjektiven" und realpolitischen Situation zwischen Frankreich, Italien usw. einerseits und der BRD anderer- seits und mein eigenes Erkenntnis-Defizit über die Bedingungen dieser Differenz hatte mich veranlaßt, ganz bewußt auf die Dis- kussion der "subjektiven Umsetzungsbedingungen" zu verzichten, (siehe SOPO 40/100) Man wird auf diesem Gebiet verstärkt weiter- arbeiten müssen. Ich will mich im folgenden darauf beschränken, meine theoretische Position und deren Grundlagen gegenüber den Unterstellungen H.'s richtig zu stellen. 1. Struktur und Entwicklung des Kapitalismus -------------------------------------------- und der Voraussetzungen seiner Transformation --------------------------------------------- Mit Habermas und Luhmann verbinde mich - so mutmaßt H. - die Auf- fassung einer beschränkten Gültigkeit Marxscher Revolutionstheo- rie für die heutige Entwicklungsphase dieser Gesellschaft. Meine These war, daß ich in hochentwickelten kapitalistischen Gesell- schaften (im Unterschied etwa zu Rußland 1917 oder Bulgarien 1945) die von Marx genannten objektiven Voraussetzungen der Transformation zu einer Gesellschaft höheren Typus (in Gestalt entwickelter Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit) "nicht nur eingeholt (sondern) in gewissem Sinne bereits über sie hinaus entwickelt (sind)".(40/101). Man könnte also auch sagen: Die Marxschen Aussagen über die Entwicklungstendenz des Kapita- lismus und damit die Entfaltung seiner inneren Widersprüche haben ihre reale Gültigkeit voll bewiesen. Nicht revisionsbedürftig ist daher die Marxsche Theorie der Struktur und Entwicklung kapitali- stischer Gesellschaftsformation, in der sich Bildungselemente der künftigen, sozialistischen Gesellschaft entfalten. Sehr revisionsbedürftig ist hingegen eine theoretische Praxis, welche "unmittelbar Gegebenes" und zweifellos "real Existentes" der unter faktisch anderen Bedingungen entstandenen nachkapitali- stischen Gesellschaften Osteuropas umstandslos als "realen Sozia- lismus" bezeichnet, wobei die Gefahr besteht, daß, aus defizitä- ren Entwicklungsvoraussetzungen vielleicht historisch notwendig Entstandenes und in der Weiterentwicklung daher notwendig zu überwindendes, nicht mehr in seinem spezifischen Entwicklungszu- sammen-hang begriffen wird. Zu diesen Voraussetzungen gehört auch die Konstitution der Arbeiterklasse als "Subjekt des politischen Handelns" als wesentliches transitorisches Element. (40/101). Streitbar ist allerdings meine These, die Bedingungen des Sozia- lismus hätten sich heute strukturell über diejenigen der "hochkapitalistischen Phase" hinausentfaltet, wobei ich auf die in der Monopol- und Stamokap-Theorie erfaßten Phänomene verwies. Meine These von der historischen Entfaltung der kapitalistischen Grundstruktur (und damit auch ihrer Grundwidersprüche) darf sich dabei allerdings wohl weniger auf Luhmann als vielmehr etwa auf Lenin stützen oder auch auf die französische Theorie des staats- monopolistischen Kapitalismus, welche die Entwicklung zum Mono- polkapitalismus und systemnotwendigen Staatsinterventionismus als Ausdruck einer höheren Entwicklungsstufe der Produktivkräfte und damit zugleich der Weiterentwicklung der Bildungselemente der neuen Gesellschaft begreift. Wichtig für jede demokratische und sozialistische Reformstrategie ist in diesem Zusammenhang die Einsicht, daß es sich um m a t e r i e l l e Bildungselemente der neuen Gesellschaft handelt (wie sie etwa in dem Zwang zu ver- stärkter gesellschaftlicher Regulation der Ökonomie zum Ausdruck kommen) und nicht nur um ideelle, "unter denen die historische Nähe und Notwendigkeit des Übergangs zum Sozialismus sichtbar wird". (40/112) Es bleibt der Vorwurf, daß ich auf den mir zur Verfügung stehenden acht Seiten an Resultate bisheriger Analysen angeknüpft habe und dabei von den in der Tat beträchtlichen na- tionalen, empirischen und zeitgeschichtlichen Differenzen einzel- ner hochentwickelter kapitalistischer Länder abstrahiert habe. Es wäre an H. gewesen, nun nachzuweisen, daß diese Abstraktion bzw. ihre strategischen Schlußfolgerungen nicht "wirklich das Gemein- same hervorhebt" (GR, S. 7), also es keine verständige Abstrak- tion ist. H.'s Einwände treffen insgesamt diese Ebene gar nicht. 2. Die besonderen Entwicklungsbedingungen ----------------------------------------- des "realen Sozialismus" ------------------------ H. hätte zwar zu Recht monieren können, daß ich den Begriff der "materiellen Basis" (40/104) mißverständlicherweise auf die Pro- duktivkräfte vereinseitigte (und es bei mir korrekterweise heißen muß: Die produktivkraft-mäßigen Voraussetzungen der neuen Gesell- schaft mußten erst nachträglich geschaffen werden.). Wieso aber hier der Vorwurf einer "Verkehrung von Politik und Ökonomie? ((40/110) Wieso als "Gegenbeweis" gegen meine These "formell" so- zialistischer Verhältnisse bei den Hauptproduktionsmitteln der Verweis auf die Existenz nicht einmal formalsozialistischer Ei- gentumsverhältnisse bei halbstaatlichen Kommanditgesellschaften in der DDR? (40/110) Meine Behauptung von einer nachträglichen Schaffing der produktivkraftmäßigen Basis des Sozialismus ist üb- rigens - in der marxistischen Diskussion - denkbar wenig origi- nell. In der Sowjetunion sprach man in diesem Zusammenhang von "ursprünglicher sozialistischer Akkumulation". Und empirisch ist doch längst nachgewiesen: "Die UdSSR war allerdings auch nach dem Wiederaufbau der Wirtschaft ein rückständiges Agrarland, in dem kleine Warenproduktion bei weitem überwog." (Lorenz, Sozialge- schichte der Sowjetunion, I, S. 128) Heißt es von einer "idealen" Formation (40/114) oder idealistischer Begrifflichkeit ausgehen, wenn man die Aufbaubedingungen des Sozialismus ebenso wie die Transformationsbedingungen der alten Gesellschaft an der Existenz einer starken Arbeiterbewegung, an der Konstitution der "Klasse als Subjekt" mißt und die Frage stellt, wie dieses Subjekt wohl nach den Leiden des Bürgerkrieges in Rußland oder nach zwölf Jah- ren Faschismus in Deutschland (übrigens auch nach 20 Jahren "volksdemokratisch-sozialistischer" Diktatur in der CSSR 1968) wohl real beschaffen war? Die von mir gedachte Begrifflichkeit des "formellen" und "realen" Sozialismus und ihre Entlehnung aus der Marxschen Kapitalismusanalyse ist sicher für eine Entwick- lungsetappe, eine Transformationsperiode wie den Sozialismus höchst streitbar. Denn der Sozialismus muß ja selbst als Voraus- setzung und materielle Bildungsstufe des Kommunismus gedacht und praktiziert werden. Aber auch die Diskussion in den existenten sozialistischen Ländern spricht ja von "entwickeltem" (und daher logischerweise auch von noch nicht entwickeltem) Sozialismus. In- teressant ist hier die Diskussion darüber, was davon eigentlich schon zu den entwickelten Bedingungen gehört. Und eben dies darf nicht einfach formell begriffen werden. So kann die Frage, ob die Klasse oder die ganze Bevölkerung "Subjekt" der gesellschaftli- chen Planung und Entwicklung der Ökonomie ist, etwa nicht durch den schlichten Verweis auf die Existenz dieser Planung beantwor- tet werden. Die Klassensubjekte sind - wie Holzkamp jüngst zu- recht hervorhob (s. Argument 103/325) "nicht eine oberhalb und unabhängig von den individuellen Subjekten bestehende selbstän- dige Wesenheit, sondern sind reale Zusammenfassungen bestimmter Gruppen oder Klassen oder auch aller Mitglieder der Gesellschaft aufgrund der erkannten gemeinsamen Betroffenheit von objektiven Notwendigkeiten gesellschaftlicher Realitätsveränderung". Damit die Klasse Subjekt der gesellschaftlichen Entwicklung ist, reicht es nicht hin, daß alle arbeiten (das tun sie zumeist auch im Ka- pitalismus), sondern daß sich der Wille der Klasse in demokrati- scher Willensbildung der einzelnen Individuen formiert. Dies eben ist gerade keine "ökonomistische" oder "kausalmechanistische" Konzeption gesellschaftlicher Entwicklung, wie sie H. mir unter- stellt. (40/113) ökonomistisch nenne ich vielmehr die Reduktion der Subjektivität der Klasse auf die Herstellung einer neuen Ar- beitsökonomie. "Die Entwicklung der Vergesellschaftung der Arbeit ist aber die Verwirklichung sozialistischer Demokratie." (40/113) Sicherlich - Politik ist auch nach Lenin nichts anderes als der "konzentrierte Ausdruck der Ökonomik". (LW 32/73) Wenn Lenin in diesem Zusammenhang gleichzeitig von einem "Primat der Politik" spricht, kann das wohl aber doch nur bedeuten, daß die Entfaltung der realen Herrschaft der Klasse nicht nur über die Natur, son- dern eben über die Gesellschaft primär daran gemessen werden muß, inwieweit sie und die ihr verbündeten Schichten - solange über- haupt noch eine spezifisch staatlich-politische Sphäre existiert - selbstbestimmend auf die hier gefällten Entscheidungen ein- wirkt. Gerade in einer zentral geplanten Ökonomie kann Betriebs- demokratie ebensowenig als hinreichendes Kriterium von Demokrati- sierung angesehen werden, wie die beratende Funktion des Volkes bei der Gesetzeserstellung. 3. Die neue Qualität der Klassenkonstellation --------------------------------------------- Unverdient scheint mir H.'s Vorwurf einer reduziert "arithmethi- schen Mehrheitsauffassung". (40/117) Ich hatte gerade versucht, die neue Qualität der Bündniskonstellation zwischen Ar- beiterklasse und lohnabhängigen Mittelschichten (in Unterschei- dung zum Bündnis mit den einfachen Warenproduzenten) festzustel- len. In eben diesem bündnispolitischen Zusammenhang hatte ich auch auf Entwicklungstendenzen innerhalb der wissenschaftlich- technischen Intelligenz hingewiesen, deren widersprüchliche Si- tuation ich in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten (u.a. im Zusammenhang mit der Klassenstrukturstudie des IMSF) herausgear- beitet hatte. Eben dort war ich einem rein quantitativ nur an der F o r m der Lohnarbeit orientierten Begriff von Arbeiterklasse entgegengetreten und habe an der Erarbeitung und empirischen Ve- rifizierung eines Begriffs der Arbeiterklasse mitgearbeitet, der sich am "Grundwiderspruch" des Kapitalismus und seiner Entfaltung orientiert. Aber auch ohne die Lektüre marxistischer soziologi- scher Grundlagenliteratur hätte sich H. seine ganze, auf S. 116 ff. entfaltete Polemik über einen voluntaristischen Begriff der Arbeiterklasse sparen können. Meine Rede von den "für die Arbei- terklasse primär relevanten Bündnisschichten" (40/102) war wohl eindeutig. Und es ist eben dieses Klassen- und Schichtenverhält- nis, die noch differenzierte Stellung der am Sozialismus objektiv interessierten Schichten heute und auch morgen in einer soziali- stischen Gesellschaft, welche e i n e Grundlage für einen poli- tischen pluralistischen Ausdruck in den Formen der gemeinsamen Willensbildung der Übergangsgesellschaft bildet. "Der Prozeß ver- läuft also pluralistisch, aber mit einer Führung, einer Hegemo- nie: die, wenn sie nicht die der Arbeiterklasse wird, die der Bourgeoisie sein muß." (Mancina: Hegemonie, Diktatur und Plura- lismus. In: Gruppi: Gramsci, Hamburg/Westberlin 1977, S. 8) 4. Politische Gleichheit, Freiheit und Klassenverhältnis -------------------------------------------------------- Wie alle Formen der Macht ist auch die sozialistische Demokratie "nicht nur grundlegend bestimmt durch die Formen der Aneignung, sondern auch durch die Entwicklung der objektiven und subjektiven Klassenverhältnisse". (40/101) Dieser Hinweis war für H.'s Ideo- logie-Konstruktion ebenso unerheblich, wie mein Verweis auf den Widerspruch zwischen politischer Gleichheit und ökonomischer Un- gleichheit (40/106) in der bürgerlichen Gesellschaft. Politische Freiheit und Gleichheit ist übrigens historisch gesehen keines- wegs (im Unterschied zur privatrechtlichen) konstitutiver Be- standteil des politischen Überbaus in der bürgerlichen Gesell- schaft. Der Bedarf des Bürgertums nach ihr wird immer wieder ein- geschränkt durch ihre Nützungsgefahr seitens der Arbeiterklasse. Aus meiner These, daß die Beseitigung ökonomischer Ungleichheit (bzw. des zentralen Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital) in der sozialistischen Gesellschaft, als Voraussetzung realer g e s e l l s c h a f t l i c h e r Gleichheit und Freiheit, nicht die Beseitigung der bereits erkämpften formalen politischen Freiheiten (sofern es Politik noch als gesonderte Sphäre gibt), sondern eben erst deren volle Entfaltung möglich und notwendig mache (damit auch die volle Nützung der garantierten Organisati- ons- und Meinungsfreiheit), zaubert H. die merkwürdige Unterstel- lung hervor, ich wolle den Widerspruch der bürgerlichen Gesell- schaft im Sinne der Verwandlung aller in Privateigentümer auflö- sen. (40/118) Es bleibt zu vermuten, daß H. die b ü r g e r- l i c h e Gleichheitsform nicht als eine eben beschränkte, von der Gesellschaft selbst abgehobene begreift (deren Beschränktheit eben der ökonomischen Konstitution dieser Gesellschaft geschuldet ist), sondern individuelle Freiheit und Gleichheit per se mit ihrer privaten, bürgerlichen Form gleichsetzt. Dieses Mißver- ständnis stände exemplarisch für eine objektive Gedankenform dieser Gesellschaft, die Individuelles nur so denken kann wie es in ihr auftritt: als Privates. Wie ich bereits oben anführte, kann die Freiheit der individuellen Organisations- und Meinungs- äußerung im politischen Bereich - welche die Arbeiterklasse erbittert gegen die diktatorische Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft verteidigt hat - der Konstitution der Klasse als Subjekt (40/119) auch nicht so entgegengesetzt werden, daß letz- tere nur die Bedingung der "Emanzipation aller einzelnen" ist. Wie soll sich denn die Klasse "als Subjekt" realisieren, wenn das Subjekt nicht in der Praxis der zusammenwirkenden und kämpfenden Individuen einer Klasse hergestellt wird? Die Formen dieser Wil- lensbildung werden auch nach den Bedingungen der nationalen Ent- wicklungsbesonderheiten und vielen anderen Faktoren unterschied- lich sein - und insofern war meine Vermutung über die Weiterent- wicklung primär repräsentativer Demokratie sicherlich zu einsei- tig und kurz gegriffen. Aber alle diese Formen können nur als de- mokratisch bezeichnet werden, wenn die Souveränität des Mehr- heitswillens nicht "metaphysisch" (über eine vermutete Vertreter- funktion durch eine Partei) sondern durch reale demokratische Massen- und Willensbildungspraxis der Mehrheit zum Ausdruck kommt. Darüber werden wir gerade in Deutschland diskutieren müs- sen. zurück