Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Diskussion & Kritik
Rainer Rilling
VERSCHLECHTERUNG DER ARBEITSBEDINGUNGEN IN DER DDR?
Kritik eines Prokla-Artikels
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1. Vorbemerkung
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Nachdem sich bereits im März 1976 das "Kursbuch" mit der Arbeits-
organisation in der DDR beschäftigt hatte, veröffentlichte jetzt
die Zeitschrift "Probleme des Klassenkampfes" 2/1977 eine aus-
führliche Untersuchung von Axel Bust-Bartels über "Die Entwick-
lung ausgewählter Arbeitsbedingungen in der DDR" 1). Da sie nicht
untypisch erscheint für die bedenkenlose Manier, in der manche
Analysen und "Kritiken" des "realen Sozialismus" mittlerweile
einherkommen, sollen im folgenden gegen eine Reihe von Thesen und
Beweisführungen kritische Einwände formuliert werden. Dabei geht
es nur um eine Kritik dieser Art von "DDR-Forschung". Weder kann
eine eigenständige Bearbeitung und Kritik des Problems der Ent-
wicklung der Arbeitsbedingungen in der DDR erfolgen, noch soll
über die Hervorhebung positiver Entwicklungen in der DDR , die
durch Bust-Bartels Darstellung funktional notwendig wird, die
Existenz defizitärer und kritikwürdiger Sachverhalte abgestritten
werden. Darum soll es aber im folgenden nicht gehen, sondern al-
lein um die Kritik einer bestimmten Weise der DDR-Forschung, die
unter dem Deckmantel marxistischer Wissenschaft elementare Prin-
zipien wissenschaftlicher Untersuchungsund Darstellungsmethodik
verletzt.
2. Theoretische Ausgangspunkte
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Zunächst wird eine Auseinandersetzung mit dem Prokla-Artikel
durch die Immunisierungstechnik erschwert, die bereits in der
Überschrift durch das Wörtchen "ausgewählt" zum Ausdruck kommt
und es - wie sich zeigen wird - schwer machen soll, auf jene Ar-
beitsbedingungen einzugehen, die nicht genannt werden und den von
ihm aufgestellten Thesen widersprechen. Auch ist es schwierig,
einen Artikel zu rezipieren, der eingangs grundsätzliche Behaup-
tungen über Triebkräfte, Entwicklungsformen und soziale Effekte
von Arbeitsorganisation und Technologie in der DDR aufstellt, dem
Leser dann aber mitteilt, daß er eine Beweisführung aus Raumgrün-
den hier leider nicht geben könne. Nimmt man die Worte, wie sie
dastehen, so sind die Hauptthesen folgende: Es existiere in der
DDR ein "Widerspruch zwischen der Notwendigkeit der Entwicklung
der Produktivkräfte einerseits und dem Anspruch der Arbeiter an
einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen andererseits", der "von
der DDR-Literatur geleugnet" werde /41/. Dieser Widerspruch werde
einseitig zu Lasten der Arbeiter gelöst. Seit Ende der 60er, An-
fang der 70er Jahre komme es zu einer Verschlechterung der Ar-
beitsbedingungen. Dementsprechend formuliert B. vier Thesen:
T h e s e I: Es sei in der DDR zu "einer zunehmenden Arbeitsbe-
lastung der unmittelbaren Produzenten ... etwa ab Ende der 60er
Jahre" /41/ gekommen. Diese These versucht B. empirisch zu bele-
gen. T h e s e I I: Wachsende Arbeitsbelastungen und "schlech-
te bzw. sich verschlechternde" /51/ Arbeitsbedingungen seien von
der Qualifikationsseite her gekoppelt an eine Polarisierung der
Belegschaften und damit an eine Verschlechterung der Qualifi-
kation eines beträchtlichen Teils der Arbeiterschaft. T h e s e
I I I: Auf die Festlegung der Ziele und Kriterien, nach denen
Technologie und Arbeitsorganisation entwickelt würden, hätten die
Arbeiter keinen Einfluß. Die innerbetriebliche Demokratie würde
einseitig zugunsten der Produktivitätssteigerung funktionali-
siert. T h e s e I V: Es werde in der DDR - "eine bemerkens-
werte Parallelität" /41/ zur BRD - Technologie und Arbeitsorga-
nisation "unter ähnlichen oder gleichen Zielsetzungen voran-
getrieben, wie in der kapitalistischen Ländern" /41/. Während die
ersten drei Thesen ausführlich - auch mit allerlei empirischen
Daten, auf die noch einzugehen sein wird - begründet werden, ist
die Begründung der These IV im wesentlichen der Raumplanung der
PROKLA zum Opfer gefallen. Das Interesse des Lesers, was denn nun
gemeint ist - bloße Ähnlichkeit, Parallelität oder gar Identität,
alles weitreichende und sehr unterschiedliche Bestimmungen - wird
jedoch zufriedengestellt. In der DDR werde "unreflektiert (! -
R.R.) kapitalistische Technologie importiert und einseitig die
kurzfristige Produktivitätssteigerung in den Mittelpunkt" ge-
stellt: dadurch reproduziere sie "permanent unmittelbar im
Produktionsprozeß die materielle Grundlage, die als letztlich
bestimmendes Moment die Arbeiter in der Objektrolle hält, die sie
auch im Kapitalismus innehaben - auch wenn in der DDR das
Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft ist. Die
Arbeiter stehen also der gleichen Technologie und Arbeitsor-
ganisation gegenüber und müssen sich damit auseinandersetzen, wie
die Arbeiter in den kapitalistischen Ländern." /41/42/ Daß wir es
also in der "n a c h kapitalistischen" /41/ DDR mit einer kapi-
talistischen Arbeitsorganisation und Technologie zu tun haben,
die als "bestimmendes Moment" wirksam wird, ist offensichtlich
unlogisch und ein Beispiel dafür, wie "präzis" argumentiert wird.
Würde eine kapitalistischen Arbeitsorganisation und Technologie
bestimmendes Element sein, wäre die DDR sicherlich kapitalistisch
zu nennen. Von dieser Unlogik abgesehen ist aber bemerkenswert,
daß der Autor jeden empirischen Beleg für den 'unreflektierten'
Import kapitalistischer Technologien schuldig bleibt. Festzuhal-
ten ist demgegenüber, daß es zahlreiche Beispiele für eine Verän-
derung importierter kapitalistischer Arbeitstechnologien und
-mittel gibt und die Problematik des Technologieimport in der DDR
(auch in der UdSSR) durchaus diskutiert wird. 2) Ebenso verläßt
der PROKLA-Autor sicherlich den Boden marxistischer Theorie, wenn
er unterstellt, daß die Technologie - ohnehin nur ein Teilelement
des Systems gesellschaftlicher Produktivkräfte ebenso wie die Or-
ganisation der Arbeit - als "letztlich bestimmendes Moment" wirk-
sam werde - "auch wenn... das Privateigentum an den Produktions-
mitteln abgeschafft" sei und die Objektrolle des Arbeiters be-
gründe; damit werden Ausbeutung, Unterdrückung und soziale Armut
zu einer Funktion der Produktivkraftentwicklung. Exakter noch:
während angenommen wird, daß unter kapitalistischen Bedingungen
die Dialektik von Stofflichkeit und Formbestimmtheit gesell-
schaftlicher Produktion so beschaffen ist, daß die kapitalisti-
schen Produktionsverhältnisse dominieren und eine ihnen adäquate
stoffliche Struktur des Produktionsprozesses hervorbringen, kehrt
sich unter sozialistischen Bedingungen das Dominanzverhältnis um:
Hier wirken die "kapitalistisch" formbestimmten Produktivkräfte
dominierend und drücken den - zunächst sozialistischen Produkti-
onsverhältnissen - sukzessive ihren Stempel auf. Was sich hier
zeigt, ist das, was der DDR und ihren wissenschaftlichliterari-
schen Vertretern oft unterstellt wird: eine F e t i s c h i-
s i e r u n g d e r P r o d u k t i v k r ä f t e. Und - vor
allem - als Korrelat dazu: eine naturwüchsige Geringschätzung der
Rolle sozialistischer Produktions- und Eigentumsverhältnisse im
sozialistischen Vergesellschaftungsprozeß. Struktur, Bewegungs-
richtung und Entwicklungsformen der Produktivkräfte in der DDR
sollen trotz der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse
offenbar unverändert bleiben. Damit wird unterstellt, daß in der
DDR die von B. konstatierte Abschaffung des Privateigentums an
den Produktionsmitteln irrelevant war - dies heißt aber nichts
anderes, als die Kernthese bürgerlicher Gesellschaftstheorie von
der prinzipiellen Irrelevanz bürgerlichen Privateigentumsverhält-
nisse nunmehr bei der Analyse einer sozialistischen Gesell-
schaftsordnung zu reproduzieren. Auszugehen wäre vielmehr davon,
daß mit den Verstaatlichungen und Enteignungen in der SBZ/DDR ein
Prozeß reeller Vergesellschaftung und Aneignung einsetzte, der
als historischer Prozeß der Herausbildung und Entfaltung eines
gegliederten Systems sozialistischer Produktionsverhältnisse zu
verstehen ist - von Verhältnissen, welche die Menschen in der
Produktion und Reproduktion ihres materiellen Lebens untereinan-
der eingehen und welche die sozialökonomischen Positionen und
Beziehungen bestimmen, in denen die verschiedenen sozialen Grup-
pen und Klassen an der Produktion und Verteilung des gesell-
schaftlichen Reichtums teilnehmen. Diese Verhältnisse bringen
dementsprechend bei diesen Gruppen und Klassen objektive
Interessen hervor in bezug auf die Entwicklung der Produktion und
der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Zu untersuchen wäre
daher, ob die Produktionsverhältnisse in der DDR solche Klassen-
und Gruppeninteressen realisieren, die auf die Entwicklung der
Produktivkräfte - und insbesondere des Menschen als gesell-
schaftlicher Hauptproduktivkraft - gerichtet sind, oder solche,
die ihre Entwicklung hemmen. Konkret bezogen auf das System der
Produktivkräfte: ob die Produktionsverhältnisse in der DDR die
Herausbildung eines gesellschaftsformationsspezifischen Produk-
tivkraftsystems erfordern und ermöglichen - oder nicht. Eine
konkrete Analyse muß dabei unterscheiden zwischen den einzelnen
Elementen des gesellschaftlichen Produktivkraftsystems; die bloße
Forderung nach einer "humanen Technik" oder der "Abschaffung des
Fließbands" greift zu kurz. Gefordert ist vielmehr an erster
Stelle die Selbstveränderung des subjektiven Elements dieses
Produktivkraftsystems - der Arbeiterklasse; notwendiger ist eine
Herausbildung ihrer produktiven, geistigkulturellen Fähigkeiten
und ihrer Potenz zur Leitung, Planung und Beherrschung der
gesellschaftlichen Prozesse. Diese Entwicklung kann im historisch
kurzen Zeitraum - in wenigen Jahren - geschehen; soll sie aber
von Dauer sein, so bedarf sie ihrer materiellen Fundierung. Dazu
im Gegensatz steht die Entwicklung der anderen Elemente des
Produktivkraftsystems, denn ungeachtet der neuen gesellschaft-
lichen Rolle und Form der Arbeit "bleiben zunächst die alten
überkommenen Formen der Arbeitsteilung. In der Entwicklung der
Produktivkräfte sind die Elemente der Kontinuität sehr stark, sie
werden über einen relativ langen Zeitraum immer wieder repro-
duziert. Zahlreich sind folglich solche materiell-technischen
Bedingungen der Arbeit, deren Arbeitsinhalte den fortge-
schrittenen Produktionsverhältnissen (und damit den Interessen
der sie verwirklichenden Klassen! - R.R.) widersprechen. Diese
Bedingungen können nur allmählich verändert werden." 3)
Die technische Struktur des Produktivkraftsystems, wie sie von
der industriellen Revolution Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhun-
derts hervorgebracht worden ist, bildet auch zunächst die materi-
ell-technische Basis des Sozialismus und ist in der DDR bis hin-
ein in die sechziger Jahre erweitert und kaum modifiziert repro-
duziert worden. Will man aber dem Fehler einer technikfetischi-
stischen Betrachtungsweise nicht unterliegen, so läßt sich zum
Techniktyp der DDR in den 50er und 60er Jahren sagen, daß er ei-
nem neuen bedürfnisorientierten Ziel der Produktion und neuen so-
zialen Triebkräften unterworfen war und mit der Organisation der
Produktion im Maßstab der Gesamtgesellschaft verbunden war; die
sozialen Folgen kapitalistisch angewandter Technik (Arbeitshetze,
Gesundheitsgefährdungen, Dequalifizierung usw.) wurden allmählich
eingeschränkt. Erst auf einer Entwicklungsstufe, wo eine soziali-
stische Gesellschaftsordnung auf ihren eigenen Grundlagen - das
heißt: einer durchgeführten formellen Vergesellschaftung der Pro-
duktionsmittel im Maßstab der Gesamtgesellschaft (insbesondere
der Landwirtschaft) und einer fortgeschrittenen Entfaltung eines
Eigentümerverhaltens - sich zu reproduzieren beginnt, sind auch
die sozialökonomischen Voraussetzungen für eine umfassende Verän-
derung auch der sachlichen Elemente des Produktivkraftsystems auf
der Ebene der Gesamtgesellschaft gegeben (wobei nicht unterschla-
gen werden soll, daß beträchtliche Bestandteile der sachlichen
Produktivkräfte bereits in früheren Phasen verändert worden sind,
- vor allem was die Überwindung der anarchischen Entwicklung und
der räumlichen Organisation der Produktivkräfte nach den Verwer-
tungsinteressen der Einzelkapitale angeht).
Diese historische Dialektik des Verhältnisses von Produktivkräf-
ten und Produktionsverhältnissen aufzuarbeiten und eine exakte
Differenzierung zwischen der Entwicklung materieller, sozialer
und zeitlich-räumlicher Arbeitsbedingungen zur Entwicklung ad-
äquater Indikatoren vorzunehmen, wäre bei einer Analyse der Ent-
wicklung der Arbeitsbedingungen notwendig. Stattdessen findet
sich bei B. eine These angedeutet, deren Luzidität durch stete
Wiederholung auch nicht gerade zunimmt: daß die in Gänze unter-
entwickelten sozialistischen Länder sich auch mittels der kapita-
listischen Weltmärkte hätten entwickeln wollen und nun mittler-
weile entweder von den Weltmarktkapitalisten sitzen gelassen wor-
den seien, so daß nun die eigene Bevölkerung ausgepreßt werden
müsse, oder daß die Einflüsse des kapitalistischen Weltmarkts in
die sozialistischen Länder hineinwirkten und dort direkt oder in-
direkt eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen verursachen,
weshalb es seit Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre entsprechende
Widerstandsaktionen der Bevölkerung dieser Länder gegeben habe.
Man sieht: ob Weltmarkt oder nicht - das Ergebnis ist dasselbe.
Diese Ausgangsthese, deren Plausibilität m.E. nur über zahlreiche
Unterstellungen und bloße Behauptungen hergestellt werden kann,
braucht hier nicht erörtert werden. Vielmehr sollen die empiri-
schen Daten B.'s näher betrachtet werden, die er zusammengetragen
hat.
3. Arbeitsbelastungen in der DDR
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B. führt zahlreiche Indikatoren an, welche seine These von der
Zunahme der Arbeitsbelastungen seit Ende der 60er/Anfang der 70er
Jahre belegen sollen.
3.1 Volkswirtschaftliche Indikatoren
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Hier nennt B. zwei Indikatoren. Er verweist auf das Konstantblei-
ben des Kapitalkoeffizienten, das eine zunehmende Anspannung der
Produktionsfaktoren verrate - was sicherlich insofern nicht un-
problematisch ist, als der unterstellte Zusammenhang mit einer
"Verschlechterung der Arbeitsbedingungen" nicht weiter konkreti-
siert wird. Der Leser wird mit einer Annahme abgespeist, die aber
- gemessen an späteren Darstellungen - vergleichsweise hohe Plau-
sibilität für sich hat.
Der zweite volkswirtschaftliche Indikator' B.'s präsentiert sich
in Form einer Milchmädchenrechnung: in der DDR würden bekanntlich
400 000 Arbeitskräfte fehlen, deren Arbeit ja irgendjemand erle-
digen müsse. Also sei mit einer weiteren Erhöhung der Arbeitsbe-
lastungen zu rechnen. Dabei wird einfach gleich Zweierlei unter-
stellt: daß diese Arbeiten für die Aufrechterhaltung einer erwei-
terten sozialistischen Reproduktion übernommen werden m ü s-
s e n und daß sie übernommen werden k ö n n e n (angesichts
der vorhandenen Verteilung der Beschäftigten auf die einzelnen
Zweige und Sektoren der gesellschaftlichen Reproduktion). Beides
ist aber - im unterschiedlichem Ausmaß - keineswegs der Fall. Der
"Indikator" zeigt nicht Zusammenhänge an, sondern er suggeriert
sie. Mehr noch: E r u n t e r s t e l l t, d a ß d e r
Ü b e r g a n g z u r u m f a s s e n d e n I n t e n s i-
v i e r u n g d e s R e p r o d u k t i o n s p r o z e s-
s e s, der mit der weitgehenden Erschöpfung struktureller oder
zeitweiliger Quellen extensiven Wachstums zusammenhängt - in der
DDR sind gegenwärtig 95 von 100 Personen im arbeitsfähigen Alter
im Beruf oder in der Ausbildung tätig -, n o t w e n d i g e i-
n e V e r s c h l e c h t e r u n g d e r A r b e i t s b e-
d i n g u n g e n n a c h s i c h z i e h e - ja sogar be-
reits anzeige! Auch dies ist keinesfalls haltbar.
3.2 Aus der unmittelbaren Arbeitsaufgabe und aus
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Umgebungseinflüssen am Arbeitsplatz resultierende
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Arbeitsbelastungen
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Handfester wird der Prokla-Autor dann bei der Skizze seiner zwei-
ten Indikatorenebene. Er beschäftigt sich hierbei mit dem unmit-
telbaren Arbeitsvollzug und seinen Bedingungen. Dazu werden 4 In-
dikatoren betrachtet: Inhalt der Arbeit, Kommunikationsmöglich-
keiten während der Arbeit, Entwicklung der Fertigungsprinzipien,
Entwicklung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Hier zeigt
es sich sehr deutlich, zu welchen Spitzenleistungen wissenschaft-
liche Arbeit durch eine entschiedene "Kritik des realen Sozialis-
mus" befeuert werden kann.
3.2.1 Inhalt der Arbeit
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Zu diesem Punkt erfahren wir ausschließlich, daß mit dem steigen-
den Technisierungsgrad der Arbeit die Zahl der körperlich schwer
Arbeitenden zurückgeht und Arbeiten mit hoher psychischer Bela-
stung quantitativ zunehmen, über quantitative Relationen könne
man nichts aussagen. Es könne "nur festgestellt werden, daß es zu
einer Veränderung in der Art der Arbeitsbelastung gekommen ist"
/44/. Halten wir fest: Nach B. läßt sich aus diesem Indikator
k e i n e V e r s c h l e c h t e r u n g der Arbeitsbedingun-
gen ableiten 4). Zu seiner - sozusagen neutralen - Feststellung,
es sei zu einer bloßen "Verschiebung" oder "Veränderung" in der
Belastung gekommen, kann er freilich nur gelangen, indem er die
eigentliche soziale Qualität des Vorgangs unterschlägt: körper-
lich schwere und gesundheitsgefährdende Arbeit als vorherrschen-
des soziales Merkmal ganzer sozialer Klassen und Großgruppen zu
beseitigen mit dem Ziel, sie vollständig aufzuheben 5). In der
DDR arbeiteten 1972 über ein Drittel der Werktätigen unter sol-
chen Arbeitsbedingungen 6). Bis 1980 soll im Vergleich zu 1970
die Zahl der Arbeitsplätze mit körperlich schwerer Arbeit um 30
Prozent verringert werden - eine Zielstellung, die kein kapitali-
stisches Land programmatisch formulieren und praktisch verwirkli-
chen könnte 7); im Gegensatz zur DDR. Die Beseitigung schwerer
körperlicher und gesundheitsgefährdender Arbeit ist keine automa-
tische Begleiterscheinung des technischen Wandels, sondern Ergeb-
nis gezielter Sozial- und Technologiepolitik, deren Charakter und
Reichweite durch die Produktionsverhältnisse bestimmt sind. Ande-
rerseits baut die Zurückdrängung dieser körperlich schweren und
gesundheitsgefährdenden Arbeit auf der Entwicklung der gesell-
schaftlichen Produktivkräfte auf und treibt sie zugleich selbst
voran. Es ist nicht zu sehen, aufgrund welcher sozialökonomischer
Faktoren im historischen Entwicklungsprozeß in den sozialisti-
schen Ländern der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktiv-
kräfte und der Beseitigung schwerer und niederdrückender Arbeit
s t r u k t u r e l l e Schranken gesetzt wären. Daß in B.'s In-
dikatorenartistik dieser formationsspezifische Tatbestand ver-
fehlt und in der Rede von der bloßen "Verschiebung" der Belastun-
gen der grundsätzliche Sachverhalt verschleiert wird, daß der Ab-
bau schwerer körperlicher und gesundheitsgefährdender Arbeit eine
V e r b e s s e r u n g der Arbeitsbedingungen bedeutet, paßt
einerseits zu gut in B.'s Konzept, als daß es absichtslos
geschehen sein könnte, ist andererseits das Resultat der Abstrak-
tionsweise dieser Art von Indikatorenforschung, die B. betreibt:
die Ausklammerung aller formationsspezifischen Bestimmungen und
Beschränkungen auf Merkmale des stofflichen Bereichs muß dazu
führen, daß die soziale Qualität der Indikatoren nicht erkannt
wird 8).
3.2.2. Kommunikationsmöglichkeiten
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Als zweiten Indikator zur Charakterisierung der Arbeitsbelastun-
gen führt B. die sprachlichen Kommunikationsmöglichkeiten während
der Arbeit an. Richtig verweist er auf die in der DDR-Betriebs-
und Industriesoziologie registrierte restringierten Kommunikati-
onsmöglichkeiten. Halten wir aber fest: nach seiner Ansicht könn-
ten "Schlußfolgerungen über eine Erhöhung der Arbeitsbelastun-
gen... daraus n i c h t gezogen werden" /44/ (Hervorhebung -
R.R.).
B. unterschlägt, daß der von ihm zitierte DDR-Soziologe Laatz an
gleicher Stelle betont, daß die Behinderung der Kommunikations-
möglichkeiten dort besonders stark ist, wo überproportional
schwere Arbeit zu leisten ist. Daher zumindest die Hypothese
überprüft werden müßte, ob mit der sichtbaren Zurückdrängung
schwerer körperlicher Arbeit nicht die Kommunikationsmöglichkei-
ten zunehmen - es also zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingun-
gen in dieser Hinsicht kommt.
3.2.3 Entwicklung der Fertigungsprinzipien
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Die Struktur der Fertigungsprinzipien hat sich in den letzten
Jahren in der DDR deutlich verändert. Die sog. "gegenstands-
spezialisierte Fertigung" und die "Fließfertigung" (größtenteils
Fließbandproduktion) haben stark an Bedeutung gewonnen. B.
schließt daraus "auf eine Erhöhung des Anteils von repetitiven
Teilarbeiten und damit auf eine Zunahme der Arbeitsbelastungen...
auch wenn die DDR mit Argumenten, die ans Lächerliche grenzen,
dies abstreitet. So wird u.a. behauptet, daß 'das Fließband auch
der Gesundheit zuträglich (ist): Fließband heißt Rhythmus, und
Rhythmus ist dem gesamten Organismus eigen'." /45/46/. Diese
Interpretation und Beweisführung ist in doppelter Hinsicht
bemerkenswert: B. hatte ja eingangs die These formuliert, seit
Ende der 60er Jahre sei es in der DDR zu einer Verschärfung der
Arbeitsbelastungen gekommen; die von ihm angeführten Daten zur
Entwicklung der Fertigungsprinzipien in der DDR beziehen sich
jedoch n u r auf den Zeitraum 1 9 6 2 b i s 1 9 7 1 /45/
und können somit die These von der V e r s c h ä r f u n g der
Arbeitsbedingungen s e i t E n d e d e r 6 0 e r J a h r e
gar nicht belegen. Zulässig ist nur die Annahme, daß in den 60er
Jahren solche Fertigungsarten zugenommen haben, die mit
psychischen Belastungsmomenten verbunden sind; eine signifikante
Beschleunigung des Übergangs zu diesen Fertigungsarten seit
Anfang der 70er Jahre liegt im übrigen nicht vor 9). Doch
ungeachtet dessen, daß die Beweisführung von B. völlig daneben
geht, ist das eigentliche Problem nicht zu verkennen: nicht die
Beschleunigung oder Verschärfung der Entwicklung solcher
Arbeitsbedingungen, welche die Persönlichkeitsentwicklung im
Arbeitsprozeß hemmen, sondern die Entstehung neuer und sich auf
längere Sicht hin ausdehnender Belastungsmomente kann festge-
stellt werden. Dieser Prozeß setzte in der DDR aber bereits Ende
der 50er und dann vor allem Mitte der 60er Jahre ein - nicht
aber erst "Ende der 60er bzw. Anfang der 70er Jahre".
Bei der Behandlung des Problems versucht B. im übrigen mit ganz
beträchtlicher Infamie, der DDR zu unterstellen, sie würde diese
Belastungsstrukturen abstreiten. Hierzu zitiert der PROKLA-Autor
aus einem sowjetischen (!) Artikel über "Arbeitsphysiologische
Erkenntnisse und Fließband" aus der DDR-Zeitung "Die Wirtschaft"
16/1975, S. 19 (vgl. oben, Zitat im Zitat). Ebenso wie Jürgen
Arndt im "Kursbuch" fälscht B. 10) Aber auch in der Sache ist die
Behauptung nicht zu halten. Seit Anfang der 70er Jahre, vor allem
seit 1975/6 gibt es in der DDR eine wachsende Diskussion über die
arbeitswissenschaftliche Problematik der Fließbandarbeit und eine
ganze Reihe von Versuchen der Kompensation und Überwindung dieses
Fertigungsprinzips. Dabei hat sich im wesentlichen folgende Posi-
tion entwickelt:
"Die Entwicklungsrichtungen der Arbeitsproduktivität und der Ar-
beitsinhalte sind grundsätzlich identisch. Diese Übereinstimmung
ist aber nicht selbstverständlich für jede technische und organi-
satorische Lösung. Beim Übergang zu bestimmten Technisierungsfra-
gen, zum Beispiel zum Fließband oder zum Halbautomaten, wächst
die Arbeitsproduktivität. Es treten aber auch Tendenzen der Ver-
einseitigung und Vereinfachung der Arbeit auf. Es kann auch ein
Widerspruch zwischen kurz- und langfristigen Effektivitätswirkun-
gen eintreten" 11).
Ausdrücklich wird festgehalten, daß diese Entwicklung nicht ak-
zeptiert werden kann 12). Angesichts der vorhandenen Defizite in
der arbeitswissenschaftlichen Durchdringung der Problematik psy-
chischer Beanspruchungen im Arbeitsprozeß und fehlender hand-
lungsgerechter und wissenschaftlich fundierter normativer Rege-
lungen werden entsprechende Veränderungen der technologischen
Struktur "jedoch in der industriellen Praxis oft nur ungenügend
verwirklicht" 13). Die Einschätzung der Fließbandtechnologie ist
jedoch eindeutig. In einem Aufsatz des theoretischen Organs des
FDGB "Die Arbeit" heißt es:
"Diese Technologie der zunehmenden Teilung der Arbeit bringt mit
ihrer starken Spezialisierung auf wenige Handgriffe einesteils
hohe Fertigkeiten auf streng begrenztem Gebiet bei gleichzeitig
ansteigender Monotonie, geistiger Verarmung, einseitiger physi-
scher Belastung, Anwachsen des Krankenstandes und Zunahme der
Fluktuation mit sich. Im Zusammenhang damit wirkt auch die Tatsa-
che destruktiv, daß am Band die Vorzüge des einzelnen nicht zur
Geltung kommen... Diese zwei Seiten genügen zur Feststellung, daß
die Technologie die schöpferischen Fähigkeiten des Arbeiters und
seine Initiative ungenügend, ja mitunter überhaupt nicht zur Ent-
faltung kommen läßt. (...) Damit wären wir beim Kern des Pro-
blems: der allmählichen Überwindung der vom Kapitalismus übernom-
menen Technologie der Fließbandarbeit durch eine neue, höhere Or-
ganisation der Arbeit... die... ein neues Herangehen, eine sozia-
listische Konzeption der Technologie verlangt." 14)
Führwahr eine recht versteckte Art, die Belastungen der Fließ-
bandproduktion abzustreiten!
3.2.4. Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten
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Eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen müßte sich in einer
Zunahme der Arbeitsunfälle ausdrücken. B. muß nun aber zugeben,
daß dies nicht der Fall ist, so daß einmal mehr seine These
n i c h t belegt wird. Wie zieht er sich aus der Schlinge? Er
spielt die gesamte Frage der Arbeitsunfälle herunter und behan-
delt sie nur auf einigen Zeilen, wobei er zahlreiche Informatio-
nen unterschlägt; stattdessen gibt er treuherzig zu bedenken:
"fraglich" sei, ob dieser Trend der Abnahme der Arbeitsunfälle
weiter anhalte, "da das Kriterium der Arbeitsplatzsicherheit beim
Einsatz neuer Technologien stark in den Hintergrund tritt" /46/.
Über d a s M ö g l i c h e und D e n k b a r e sich eine
spekulative Kritik des Vorhandenen zu erschleichen, ist aus 60
Jahren bürgerlicher Kommunismuskritik bekannt. Pikant ist, daß er
diese Vermutung in die Gestalt eines Zitats eines DDR-Autors aus
dem Jahre 1966 (!) kleidet, ohne näher zu untersuchen, ob im
Zeitraum 1966-1977 diese Vermutung jenes DDR-Autors eingetroffen
ist. Dazu gibt es aber nun eindeutige Angaben, welche die
'Vermutung' B.'s widerlegen - sieht man davon ab, daß er hier
eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen seit Anfang der 70er
Jahre mit einer Annahme über z u k ü n f t i g e Prozesse bele-
gen will (während er im Falle der Fließbandproduktion Belege aus
der V e r g a n g e n h e i t der 60er Jahre heranzog!). Im
schroffen Gegensatz zu B.'s These steht die Tatsache, daß in der
DDR seit 1960 die Unfälle stetig abnehmen. Insgesamt ergibt sich
folgendes Bild: 1971 bis 1975 wurden in der DDR bei steigender
Tendenz für den betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz ca.
17 Mrd. Mark aufgewandt. Die Basis für den Gesundheitsschutz in
den Betrieben bilden 113 Kreisinspektionen und 139 weitere ar-
beitshygienische Einrichtungen, die nach 1971 neu geschaffen wur-
den (!), sowie 15 schon länger bestehende Bezirksinspektionen. Es
wurden ca. 5,3 Mio. Werktätige durch 2 100 haupt- und 1 800 ne-
benberuflich tätige Betriebsärzte betreut; die Zahl der Fachärzte
für Arbeitshygiene hat sich seit 1970 mehr als verdoppelt. In den
Arbeitsstätten gibt es 450 000 Arbeitsschutzobleute und Bevoll-
mächtigte der Sozialversicherung. Die Unfallhäufigkeit wurde von
40,8 pro 1000 Beschäftigte im Jahre 1970 auf 32,6 v.T. in 1976
gesenkt. Die meldepflichtigen Arbeitsunfälle (mit mehr als 3 Ta-
gen Arbeitsunfähigkeit) gegenüber 1970 wurden um ca. 58 000 redu-
ziert. Die Anzahl der tödlichen Arbeitsunfälle - die zu recht als
aussagekräftigste Kennziffer betrachtet wird - sank 1970-1975 um
22,1% und die Häufigkeit um 24,7%. Die Entwicklung der Rentenzu-
gänge als Folge von Arbeitsunfällen und die Minderung der Aus-
falltage pro Unfall in der Industrie (1975 gegenüber 1970 um
8,3%) zeigen eine Abnahme der Unfallschwere an. Im Zeitraum zwi-
schen dem VIII. und IX. Parteitag der SED wurde die höchste
durchschnittliche Senkung der Unfallhäufigkeit pro Jahr erreicht.
Diese Entwicklungstendenz veranlaßte DDR-Autoren zu der Annahme,
daß bis 1970 eine weitere Verminderung der Unfallhäufigkeit auf
25 pro 1000 Beschäftigte erreicht werden könne 15).
Was nun die Spekulation B.'s über ein Ansteigen der Arbeitsun-
fälle in den Wirtschaftszweigen mit "neuen Technologien" angeht,
läßt sich ebenfalls eindeutig das Gegenteil feststellen. "Die
Verringerung der Arbeitsunfälle", erklärte 1977 just der von B.
zitierte Gniza, "betrifft alle Bereiche und Zweige, auch alle Be-
schäftigtengruppen, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß." 16)
Als Hauptproblem wird angesehen, daß die Anteile bestimmter, vor
allem mit manuellen Arbeitsvorrichtungen zusammenhängenden Un-
fallvorkommen seit Jahren unverändert hoch sind. Sie betreffen
drei Tätigkeitsbereiche, die über die Hälfte aller Unfälle ausma-
chen: Unfälle bei Transport (ca. 34 %), bei Instandhaltung (11%)
und Montage (11%) 17). In diesen Tätigkeitsbereichen gibt es
einen z.T. weit überdurchschnittlichen Anteil an körperlich
schwerer Arbeit. Auch Rehtanz/Hartig weisen darauf hin, daß Ar-
beitsunfälle bei den Produktionsarbeitern in den "traditionellen"
Zweigen konzentriert sind: "Bei der Aufgliederung des Unfallge-
schehens nach ausgewählten Personengruppen zeigt sich, daß die
Quote für die Produktionsarbeiter höher ist als die der Gesamtbe-
schäftigten." 18) Im übrigen werden in der DDR ansatzweise seit
Ende der 50er Jahre Chemieprogramm) massiv dann seit der zweiten
Hälfte der 60er Jahre, die "science based industries" mit den
"neuen Technologien" entwickelt; deren vorgeblich weit überpro-
portionale Unfallanfälligkeit hätte sich in der Statistik mitt-
lerweile niederschlagen müssen - was offenbar nicht der Fall ist.
B.'s Beweisführung wie Vermutung erweisen sich somit als Hirnge-
spinste.
Ähnliche Exaktheit der Argumentation kennzeichnet B.'s Äußerungen
zur Entwicklung der B e r u f s k r a n k h e i t e n in der
DDR, wo ihm zudem die Statistik neuerdings einen üblen Streich
gespielt hat. "Dem Rückgang der Arbeitsunfälle steht ein Anstieg
der Berufskrankheiten gegenüber" /52/; in der Literatur seien
keine Hinweise zu finden, daß diese Problematik "gezielt angegan-
gen wird", Berufskrankheiten "scheinen kaum oder gar nicht be-
kämpft zu werden" und es ist "auf eine weitere Verschärfung des
Problems der Berufserkrankungen in der nächsten Zukunft" zu
schließen /47/, zumal Berufskrankheiten "nur unter dem Produkti-
vitätsaspekt" in den Blickpunkt rückten /47/. Freilich ist es mit
dem "Anstieg der Berufskrankheiten" nicht so weit her: "Die An-
zahl der anerkannten Berufskrankheiten lag 1975 mit 11 015 deut-
lich niedriger als im Vorjahr und unter dem Mittelwert von 1970
bis 1975." 19) Der Anstieg der Anzahl der Berufskrankheiten in
den frühen 70er Jahren hat sich also offenbar nicht fortgesetzt -
von einer "Verschärfung" gar nicht zu reden! Bemerkenswert auch
immerhin, daß in der DDR-Literatur nicht so leichtfertig argumen-
tiert wird wie bei B., der aus dem (unterstellten) Ansteigen der
Berufskrankheiten in der ersten Hälfte der 70er Jahre prompt auf
eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im selben Zeitraum
schließt - eine Perle medizinsoziologischer Wissenschaft. Der
eben zitierte DDR-Artikel dagegen fährt fort: "Unter Beachtung
der Expositionszeiten kann aus diesen Tendenzen heute noch nicht
eindeutig gesagt werden, inwieweit der Rückgang der Berufskrank-
heiten im Jahre 1975 schon als Auswirkung der langjährigen Be-
mühungen der staatlichen und gewerkschaftlichen Organe, insbeson-
dere zur Lärmbekämpfung, der Schadstoffabwehr und der Verringe-
rung der Arbeitsplätze mit körperlich schwerer und gesundheitsge-
fährdender Arbeit zu werten ist." 20) Wollte man im übrigen auf
dieselbe Weise "Indikatorenforschung" betreiben wie B., müßte man
seine Behauptung, in der DDR-Literatur fänden sich keine Hinweise
auf eine gezielte Bekämpfung von Berufskrankheiten, für einen In-
dikator noch geringer Alphabetisierung halten 21).
Festzuhalten bleibt: Diese Indikatoren können auch um den Preis
von Verzerrungen, "Vermutungen" und nachweislich falschen Sachbe-
hauptungen nicht als Beleg für eine Verschlechterung von Arbeits-
bedingungen seit Anfang der 70er Jahre gelten.
3.3 Aus Lage und Dauer der Arbeitszeit resultierende Belastungen
----------------------------------------------------------------
Auf dieser Ebene geht es im wesentlichen um drei Tatbestände:
- "Über die Steigerung der Erwerbsquote der Frauen verschlechtern
sich die Bedingungen zur Reproduktion der Arbeitskraft" /653/
- "Der wöchentlichen Arbeitszeitverkürzung steht eine gleichzei-
tige Verminderung der Zahl der gesetzlichen Feiertage gegenüber."
/52/
- Es "ist der erhöhte Anteil der Schichtarbeiter ein Indikator,
der auf eine Erhöhung der Arbeitsbelastungen in den letzten Jah-
ren hinweist... bemühen sich Partei-, Staats- und Wirtschafts-
funktionäre intensiv um die weitere Erhöhung des Anteils der
Schichtarbeiter, wobei sie Schichtarbeit einfach identisch mit
sozialistisch setzen. Gleichzeitig wird die Einführung von
Schichtarbeit als gesellschaftliche Naturgesetzlichkeit ausgege-
ben und damit gegen Kritik von selten der Arbeiter immunisiert"
/49/.
Der erstgenannte Indikator soll hier nicht diskutiert werden, da
mir unklar ist, welche Vorstellung von der Rolle der Frau bei der
Reproduktion der Arbeitskraft (des Mannes wohl) B. eigentlich
hat. Der zweite Indikator ist recht originell: um die Verschlech-
terung der Arbeitsbedingungen seit A n f a n g d e r 7 0 e r
J a h r e zu belegen, führt B. die im August 1 9 6 7 vorgenom-
mene Umwandlung von vier (meist kirchlichen) Feiertagen in Werk-
tage an 22). Die per Saldo vorgenommene V e r k ü r z u n g der
Monatsarbeitszeit um 25 1/2 Arbeitsstunden vom August 1967 ver-
schweigt B. ebenso wie die gerade seit Anfang der 70er Jahre suk-
zessive vorgenommene weitere Verkürzung der Arbeitszeit für so-
ziale Sondergruppen, die ab 1977 überleitet in die schrittweise
Einführung der 40-Stunden-Arbeitswoche 23). Beides paßt eben
nicht in B.'s Konzept, weil es sich um eindeutige Verbesserungen
der zeitlichen Arbeitsbedingungen handelt. Bliebe zu vermerken,
daß sich die Zahl der arbeitsfreien Tage in der DDR in den letz-
ten Jahren nach DDR-Angaben fast verdoppelt hat. Noch 1964 hatte
jeder Werktätige durchschnittlich 75 arbeitsfreie Tage im Jahr.
1975 waren es - ohne Haushaltstag der Frauen - 130 arbeitsfreie
Tage.
Während wir es hinsichtlich der Entwicklung der Arbeitszeit mit
einer Verbesserung zu tun haben, läßt sich dies im Fall des drit-
ten Indikators - der Schichtarbeit - nicht sagen. Die allmähliche
Ausdehnung der Schichtarbeit in der DDR, die ökonomisch begründet
wird, bringt zahlreiche gesundheitliche und soziale Probleme mit
sich, die in der DDR auch reflektiert werden. Für einen bedeutsa-
men Teil der Arbeiterklasse bedeutet sie eine (wenn auch oft in-
nerhalb der jeweiligen Lebensarbeitszeit begrenzte) zusätzliche
Belastung und insofern eine Verschlechterung der Arbeits- und vor
allem der Lebensbedingungen. Entsprechende soziologische Untersu-
chungen haben hier eindeutige Resultate erbracht und damit
zugleich Defizite und Strukturprobleme in der Arbeitskräfte- und
Sozialpolitik der DDR gezeigt 24). Wer die ökonomisch begründete
Prioritätensetzung aus grundsätzlichen - z.B. gesundheitspoliti-
schen - Erwägungen ablehnt, wird die Ausdehnung der Schichtarbeit
in der DDR dann natürlich für eine schwerwiegende Verschlechte-
rung der Arbeitsbedingungen halten. Freilich: damit ist kein Be-
leg für die These von der überdurchschnittlichen Verschärfung der
Arbeitsbedingungen in den 70er Jahren gefunden. Zwar hat sich die
Schichtarbeit ausgedehnt und insofern hat ein bereits in den frü-
heren Fünfjahrplanzeiträumen vorhandenes Belastungsmornent weiter
an Bedeutung gewonnen. Korrekterweise wäre aber festzustellen,
daß in diesem Rahmen es zugleich zu einer ganz beträchtlichen
V e r b e s s e r u n g der materiellen und sozialen Lage der
Mehrschichtarbeiter gekommen ist 25). Daß im übrigen in der DDR
die Ausdehnung der Schichtarbeit als Naturgesetzlichkeit präsen-
tiert würde, ist Nonsens. 26)
3.4. Maßnahmen der wissenschaftlichen Arbeitsorganisation,
----------------------------------------------------------
die auf gestiegene Arbeitsbelastungen hindeuten
-----------------------------------------------
Bei der Behandlung der hier genannten Indikatoren bedient sich B.
derselben verfälschenden Technik wie in den bereits genannten
Fällen. So sieht er in der (tatsächlich immer wieder aufgestell-
ten) Forderung nach Erweiterung der Mehrmaschinenbedienung ein
Indiz für gestiegene Arbeitsbelastungen ohne nachzuweisen, daß
gerade seit Anfang der 70er Jahre die Mehrmaschinenbedienung si-
gnifikant oder gar überdurchschnittlich gemessen an der Vorjahren
zugenommen hätte; entgegenstehende Erwägungen diskutiert er nicht
(27). Die "Wissenschaftliche Arbeitsorganisation" wird zu einem
Instrumentarium zur rigiden Steigerung der Arbeitsproduktivität
auf Kosten der Arbeits- und Lebensbedingungen verfälscht, die be-
trächtlichen Fortschritte bei der Entwicklung und Durchsetzung
eines umfassenden Instrumentariums der Leitung und Planung der
Arbeits- und Lebensbedingungen, die gerade in den letzten zwei
bis drei Jahren in der DDR gemacht wurden, fallen vollständig un-
ter den Tisch 28). Die realen Probleme und z. T. beträchtlichen
Defizite, die in der DDR kritisch diskutiert werden, kennt B. of-
fensichtlich nicht 29). Stattdessen liefert er weitere, quellen-
mäßig nachgerade umfassend abgesicherte Indikatoren: eine Ver-
dichtung der "Poren des Arbeitstages" sieht er belegt durch ein
(falsch interpretiertes) Zitat von 1966 über die Pausengestaltung
30) und einen Bericht von 1973 über die Einführung einer Erfas-
sungseinrichtung für den täglichen Arbeitsablauf in einem Magde-
burger Betrieb /50/. Abgerundet wird dieses Défilé schlagkräfti-
ger Quellen durch einen Artikel aus dem Jahre 1973, in dem
"Zigarettenpausen während der Schicht und Umziehen vor Arbeits-
schluß etc. angeprangert werden" /50/. Welchen Stellenwert die
Ökonomie der Zeit für die Volkswirtschaft der DDR gegenwärtig
hat, wird nicht erörtert. 31)
3.5. Gesamtindikatoren
----------------------
Auf die "schlechte bzw. sich verschlechternde Gesamtqualität wei-
sen Indikatoren wie die Entwicklung des Krankenstandes und die
Fluktuation zwischen den Betrieben hin." /51/ Mit einer Untersu-
chung dieser 'Gesamtindikatoren' schließt B. den ersten Teil sei-
ner Betrachtung ab.
"Nimmt man die Krankheitstage als Indikator für Arbeitsbelastun-
gen, so bestätigt sich auch hier die These einer erhöhten Ar-
beitsbelastung seit etwa 1970." /51/ Richtig ist, daß der Anstieg
des Krankenstandes der 60er Jahre sich in den 70er Jahren in der
DDR fortgesetzt hat und daß insoweit eine erhöhte Arbeitsbela-
stung indiziert sein könnte; nicht nachweisbar ist freilich eine
ü b e r d u r c h s c h n i t t l i c h e Z u w a c h s r a t e
seit Anfang der 70er Jahre. Ebenso ist unzulässig, den zweifellos
vorhandenen Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung und Kranken-
stand in ein mono kausales Abhängigkeitsverhältnis zu verwandeln;
schließlich gibt es auch Faktoren a u ß e r der Arbeit, die
eine Erkrankung bewirken! 32) Auch wenn hier wie im Falle der
Schichtarbeit reale Probleme angesprochen werden, so ist doch die
Beweisführung völlig unzureichend und unzulässig.
Skurrilität erheischt schließlich B.'s Diskussion der Fluktua-
tion. Richtig vermutet er - wie Zehntausende vor ihm - daß Fluk-
tuation etwas mit Arbeitsbedingungen zu tun hat. Das Problem
scheint ihm "darin zu liegen, daß eine Reihe von besonders bela-
stenden Arbeitsplätzen existiert, auf denen es niemand besonders
lange aushält." /52/ Nun kann B. aber nicht daran vorbei, daß in
der gesamten Volkswirtschaft der DDR die Fluktuation seit 1971
r ü c k l ä u f i g ist. Folglich wäre die Annahme legitim, daß
seit Anfang der 70er Jahre die Zahl der "besonders belastenden
Arbeitsplätze, auf denen es niemand besonders lange aushält" /52/
ebenfalls rückläufig ist. Da somit B.'s "Gesamtindikator" un-
glücklicherweise das Gegenteil von dem angibt, was er gerne be-
weisen möchte, läßt er es mit der "Indikatorforschung" einfach
sein und erklärt die Fluktuation als untaugliche Anzeige für eine
Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Er beginnt wieder zu
"vermuten" /52/ und stößt auf den deus ex machina derartiger DDR-
Forschung: die Bürokratie. Die Fluktuation habe nicht aufgrund
besserer Arbeitsbedingungen, sondern "entsprechende(r) admini-
strative(r) Maßnahmen" /52/ abgenommen.
Ist der Leser somit durch das Schreckbild des "bürokratischen So-
zialismus" noch einmal eingestimmt, kann B. seine "wissenschaft-
liche" Schlußfolgerung ziehen: "Eine Verbesserung der Arbeitsbe-
dingungen - wie sie ideologisch immer behauptet wird - ist so gut
wie nicht feststellbar." /53/
4. Qualifikationsentwicklung in der DDR
---------------------------------------
Der zweite, weniger umfangreiche Teil der Untersuchung gilt der
Qualifikationsentwicklung in der DDR. Dazu werden die gängigen
Angaben zusammengetragen - wobei es wieder nicht ohne Verfäl-
schungen "zuungunsten" der DDR abgeht 33) - und interpretiert in
einer Weise, die J. Arndt und J. Straßburger bereits vorgemacht
haben: in der Entwicklung der Qualifikationsanforderungen der In-
dustrie der DDR zeichne sich "eine Tendenz zur Polarisierung der
Belegschaften an den technisch fortgeschrittenen Anlagen ab. Ein
Teil übt restriktive und qualitativ anspruchslose Tätigkeiten
aus, während für den anderen relativ autonome und qualifizierte
Arbeitsformen charakteristisch sind." /58/ Da der technische Wan-
del keine kontinuierliche Erhöhung von Qualifikationsanforderun-
gen bringe, sondern auf den einzelnen technologischen Entwick-
lungsstufen es jeweils zu einem Absinken der Qualifikationsanfor-
derungen komme, wurden "durch ein rigides Leistungssystem und
eventuell andere Mechanismen, die an dieser Stelle nicht unter-
sucht werden können, unqualifizierte Arbeiter produziert, die die
entsprechenden unqualifizierten Tätigkeiten ausüben müssen." /59/
Den geringsten Beweis für diese These von der Polarisierung der
Qualifikationsstruktur und der systematischen Einschränkung von
Qualifikations-Chancen "zugunsten von Produktivitätssteigerungen
durch technischen Wandel" /59/ bleibt B. schuldig. Dies muß umso
mehr verwundern, als es in der DDR um diese Frage eine umfangrei-
che Diskussion gibt 34). Problemformulierungen wie diese sind in
zahlreichen Beiträgen zu finden:
"Die mechanisierte und weitgehend auch die teilautomatisierte Ar-
beit erweitern gegenwärtig noch ihren Anteil an der Fertigungsar-
beit insgesamt. Sie bestimmen noch über viele Jahre den Hauptan-
teil der Arbeit im Fertigungsprozeß. Typische Kennzeichen dieser
Technisierungsstufen sind jedoch die Bedienung von Maschinen -
oft nur durch Zuführung und Entnahme der Teile - bzw. die Arbeit
am Fließband. Beide Arbeiten zwingen den Arbeiter in den Rhythmus
der Maschine, der durch eine laufende Wiederholung des Arbeits-
ganges - vielfach im Zeittakt von nur wenigen Sekunden - geprägt
ist. Diese Merkmale der Arbeit werden für die Arbeiter im Ferti-
gungsprozeß erst durch die Ersetzung der mechanisierten durch die
vollautomatisierte Arbeit überwunden. Doch wird dieser Prozeß
noch einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Wo bleibt unter diesen
Bedingungen für einen Teil der Werktätigen die allseitige Betäti-
gungsmöglichkeit? Daß sie von uns erstrebt wird, liegt außer
Zweifel. Beim Vergleich der hohen Bildung mit dem relativ hohen
Anteil einfacher Arbeit wird ein Widerspruch innerhalb der sozia-
listischen Entwicklung sichtbar ... Also gilt es, diesen Wider-
spruch zielstrebig zu lösen. Eine Lösung kann wohl kaum im Aus-
weichen bestehen. In verschiedenen Publikationen wurde die Lösung
außerhalb der Arbeit gesucht. Doch damit wird weder die Bildung
sinnvoll genutzt, noch den Bedürfnissen der Werktätigen nach
schöpferischer Betätigung ausreichend entsprochen." 35)
Lösungsmöglichkeiten werden in einer differenzierten und komple-
xen Vorgehensweise gesehen:
- beschleunigte Beseitigung der "einfachen" Arbeit
- Durchsetzung neuer Formen der Teilung und Kombination der Ar-
beit 36)
- Bildung von Komplexbrigaden
- Anwendung von Maßnahmen wie Job enrichment, Job enlargement und
Job rotation, deren begrenzter Kompensationscharakter durchaus
konstatiert wird 37)
- Entwicklung der Neuererbewegung in den betroffenen Bereichen
38)
- "Job enrichment" durch eine verstärkte Einbeziehung der Produk-
tionsarbeiter in die betrieblichen Partizipationssysteme 39).
Daß in der DDR eindeutig nicht davon ausgegangen wird, daß Tätig-
keitsstrukturen nur technologisch determiniert, daher unveränder-
bar und folglich eine Dequalifizierung oder Stagnation der Quali-
fizierungsprozesse notwendig seien, ist eindeutig und belegt auch
die zentrale wissenschaftspolitische Tagung des Wissenschaftli-
chen Rates für ökonomische Fragen des wissenschaftlich-techni-
schen Fortschritts vom 16.10.1975 an der Parteihochschule der
SED, in deren Protokoll es heißt:
"Die einhellige Meinung aller Teilnehmer war, daß der Widerspruch
zwischen hohem Bildungsniveau und geringen Anforderungen des Ar-
beitsprozesses nicht etwa durch eine quantitative und qualitative
Einschränkung der Facharbeiterbildung gelöst werden kann. Es
müsse vielmehr das wissenschaftlich-technische Niveau der Produk-
tion so verändert werden, daß der Anteil der Arbeitsplätze für
Facharbeiter auf Kosten der Arbeitsplätze für An- und Ungelernte
zielstrebig schrittweise erhöht wird." 40)
Die These von der bildungspolitisch manipulierten und technolo-
gisch determinierten Polarisierung der Qualifikationsstruktur in
der DDR ist nicht aufrechtzuerhalten. Die Zahl der Facharbeiter
hat sich im Zeitraum 1971-75 um 21,7% vermehrt; 920 000 junge Ar-
beiter erhielten eine Berufsausbildung; im Planzeitraum 1976-1980
werden eine Million Schulabgänger zu Facharbeitern ausgebildet
und 256 000 Hoch- und Fachschulabsolventen werden ihre Tätigkeit
aufnehmen. Das soziale Grundrecht auf Bildung ist in der DDR ge-
sellschaftliche Realität, im krassen Unterschied zur BRD. Der An-
teil der An- und Ungelernten nimmt in der DDR bis in die jüngste
Zeit hinein ab. Doch diese ganzen Faktoren werden ignoriert. Nur
e i n Tatbestand wird stets betont und zur Stützung der Dequali-
fizierungsthese herangezogen: der relative Anstieg der Angelern-
ten auf einzelnen Technisierungsstufen des Produktionsprozesses.
Dieser Vorgang, der in seinem Umfang nicht exakt quantifiziert
werden kann, wird gegenwärtig jedoch offenbar durch das Anwachsen
von Tätigkeiten mit Facharbeiterqualifikation in vor- und nachge-
lagerten Bereichen "kompensiert". Die Polarisierungsthese - wel-
che die grundsätzliche historische Verwirklichung des Rechts auf
Bildung nicht einmal der Erwähnung wert findet - verabsolutiert
die tatsächlich vorhandene, aber zeitweilige und auf bestimmte
Bereiche begrenzte Zunahme der Angelernten und verschweigt, daß
nach den bildungspolitischen Zielvorstellungen der DDR dieser
Vorgang soweit nur irgend möglich wieder rückgängig gemacht wer-
den soll: "Der Anteil der Arbeitsplätze, die nur eine Angelern-
ten-Qualifikation erfordern, darf sich nicht erhöhen, sondern muß
zielstrebig weiter gesenkt werden." 41) Die irreführende These
B.'s von der gezielten Dequalifizierungspolitik in der DDR kann
es sich offenbar leisten, Derartiges zu ignorieren. Kann sie doch
in einem Land, das Jahr für Jahr Zehntausende von Jugendlichen
ohne jede Ausbildung und Arbeitsplätze beläßt, auf den Beifall
solcher "Kreise" rechnen, die über die Verhältnisse in der DDR
"gewöhnlich gut unterrichtet sind"
5. Sozialistische Betriebsdemokratie
------------------------------------
Wer in der DDR eine von kapitalistischen Strukturen geprägte Ge-
sellschaft sieht, in der sich die Arbeitsbedingungen der arbei-
tenden Menschen zunehmend verschlechtern und sie von der Entfal-
tung ihrer Bildungsfähigkeiten ferngehalten werden, kann auch die
sozialistische Betriebsdemokratie nur als "Anweisungs- und Infor-
mationshierarchie" (so die Überschrift dieses Kapitels bei B.)
rezipieren. Sie ist B. Beleg für die einseitige Funktionalisie-
rung der sogenannten innerbetrieblichen Demokratie im Produktivi-
tätsinteresse und für die fehlende reelle Vergesellschaftung von
Entscheidungsprozessen etwa über Ziele und Kriterien der WAO oder
der Technologieentwicklung. Da B. materiell weit hinter - auch
bürgerlichen - Analysen der Betriebsdemokratie in der DDR zurück-
bleibt 42), soll hier ein pauschaler Verweis auf die in diesen
Untersuchungen gegebene Darstellung unterschiedlichster Art genü-
gen. Stattdessen sollen abschließend schlaglichtartig einige Dar-
stellungs- und Argumentationstechniken B.'s skizziert werden.
5.1. Die selektive Auswahl von Quellen
--------------------------------------
Die Kernthese des Kapitels - daß als vorgegebene Zielfunktion so-
zialistische Betriebsdemokratie "ein Höchstmaß an Produktivitäts-
steigerung und Wachstum" /59/ gelte - wird mit einem Zitat aus
der Zeitschrift "Wirtschaftswissenschaft" aus dem Jahre 1969 be-
legt. Weitere Nachweise finden sich hierzu nicht. Daß in zahlrei-
chen - auch programmatischen - Darstellungen aus der DDR auf die
Interessenrealisierung (Wahrnehmung von Eigentümerfunktionen) der
Klasse und die Entfaltung der sozialistischen Persönlichkeit als
Zielfunktion sozialistischer Betriebsdemokratie verwiesen und der
dialektische Zusammenhang von Produktivkraftentwicklung und Be-
triebsdemokratie untersucht wird, bleibt undiskutiert. Dieses
Verfahren mutet auch deshalb so merkwürdig an, als gerade
1969/1970 in der Zeitschrift "Wirtschaftswissenschaft" eine große
Zahl von Arbeiten erschienen sind, die g e g e n eine solche
technizistische Verengung von Trägerschaft und Zielsetzung sozia-
listischer Betriebsdemokratie im Namen der gesamten Klasse Front
machten.
5.2. Erschlichene Wahrheiten
----------------------------
Es kommt nicht immer darauf an, ob das, was zu lesen ist, der
Wahrheitsfindung dient im ideologischen Klassenkampf. B. analy-
siert die Neuererbewegung und stellt fest: "Es gibt sogar Hin-
weise, daß der Arbeiteranteil unter den Neuerern rückläufig ist,
während der Anteil der wissenschaftlich-technischen Intelligenz
steigt" /66/. Verwiesen wird der Leser auf die "Einheit" 3/1971
S. 283 und S. 285. Was bei B. auf S. 66 noch ein vager Hinweis
ist, wird vier Seiten später zur abschließenden Kurzeinschätzung:
"Der Arbeiteranteil in der Neuererbewegung ist rückläufig." /70/
Tatsächlich ging Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre der Anteil
der Produktionsarbeiter unter den Neuerern in der DDR zurück. Wer
aber das "Statistische Jahrbuch" der DDR zu lesen vermag - was B.
an anderer Stelle durchaus demonstrierte - wird dort ausführliche
Angaben über das mittlerweile jahrelange Anwachsen des Anteils
der Produktionsarbeiter an den Neuerern in der DDR finden 43).
5.3. Präparierung durch Isolierung, I.:
---------------------------------------
der sachliche Zusammenhang
--------------------------
Um den Pseudocharakter sozialistischer Betriebsdemokratie zu be-
weisen, bedient sich B. folgenden Tricks. Er erklärt: die Ent-
scheidung für Produktivitätssteigerung sei stets schon gefällt,
obwohl doch denkbar sei, daß die Arbeiter auch eine Verbesserung
ihrer Arbeitsbedingungen vorziehen würden. "Dies jedoch", fährt
B. fort, "steht nicht zur Debatte. Es wird einfach festgestellt:
'Der Chemiearbeiter wird Schichtarbeit, der Monteur wird die Ent-
fernung von seinem Wohnort, der Bauarbeiter schwere körperliche
Arbeit und der Arbeiter am Fließband relativ eintönige Arbeit in
Kauf nehmen müssen.'" /60/ Überprüft man diese fürwahr apodikti-
sche Äußerung - die allerdings auch etwas esoterisch anmutet, da
sie vor 11 Jahren auf einem Soziologenkongreß in Frankreich ge-
fallen ist - so ergibt sich ein vollständig anderer Zusammenhang,
dem dieses Zitat entnommen ist. Es handelt sich um e i n e
B e t r i e b s k l i m a untersuchung, bei der zwischen kon-
stanten und variablen Störfaktoren unterschieden wird. "Konstante
Faktoren sind durch den g e g e n w ä r t i g e n (Hervorhebung
R.R.) Stand der Produktionstechnik oder die speziellen Anforde-
rungen unumgänglich ... (u n d) i n d e r G e g e n w a r t
n o c h n i c h t z u b e h e b e n (Hervorhebung R.R.)",
während die "variablen Faktoren" durch subjektive Mängel bedingte
Faktoren sind 44). Somit geht es um eine forschungsmethodische
Unterscheidung zwischen konstanten und variablen Faktoren und
nicht um den Ausschluß sozialökonomischer Sachverhalte aus der
Entscheidungssphäre sozialistischer Betriebsdemokratie. Ähnlich
ist B.'s Zitationstechnik bei seinem Versuch, die Existenz einer
undemokratischen "Informationshierarchie" zu belegen 45).
5.4. Präparierung durch Isolierung, II.:
----------------------------------------
der zeitliche Zusammenhang
--------------------------
B. beschreibt, was ist: "Wie bereits erwähnt, beträgt der Anteil
der Produktionsarbeiter im Produktionskomitee bzw. jetzt in der
Ständigen Produktionsberatung nur 25 bis 30 Prozent... In 60 000
Gewerkschaftsgruppen mit 1,5 Millionen Mitgliedern finden keine
regelmäßigen Zusammenkünfte statt" /70/. Er verweist auf die
Überrepräsentanz der Leitungsfunktionäre auf Gewerkschaftsver-
sammlungen und die einseitige Betonung ökonomischer Probleme in
den Sitzungen zu Lasten der Arbeits- und Lebensbedingungen. Er
schlußfolgert: "Aus dem angeführten Material wird deutlich, daß
die unmittelbaren Produzenten in den Institutionen der innerbe-
trieblichen Demokratie kaum die Möglichkeit haben, ihre Interes-
sen an einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu artikulieren,
geschweige denn, sie durchzusetzen." /64/ Tatsächlich zitiert B.
aus rund einem Dutzend Quellen. Das Bemerkenswerte an diesen
Quellen ist aber: sie stammen alle aus dem Jahre 1970/1971 -
nicht etwa 1976/7. Seine Zustandsbeschreibung hinkt ein-halbes
Dutzend Jahre hinterher; das angeführte Material fingiert bloß
die Solidität der empirischen Absicherung. Daß die entsprechenden
Daten 1977 noch im Kern gültig sind, bleibt bloße Unterstellung.
Mehr noch: B. u n t e r s c h l ä g t d i e h i s t o r i-
s c h e R o l l e u n d B e d e u t u n g d i e s e r K r i-
t i k. In der Geschichte der Betriebsdemokratie der DDR haben
die zahlreichen Äußerungen 1969-1971 zur partiellen Einschränkung
der betrieblichen Partizipation zugunsten von privilegierten und
- insbesondere wissenschaftlich-technisch hochqualifizierten -
abgehobenen Gruppen der Arbeiterklasse und der Intelligenz die
Funktion einer öffentlichen Kritik und Vorbereitung praktischer
Veränderungen im System betrieblicher Demokratie gehabt. Ver-
änderungen, die dann auch vollzogen wurden, vor allem mit der
starken Aufwertung der Rolle und Funktion der Gewerkschaften, der
Beseitigung solcher Gremien, welche die breiten Massen der
Arbeiterklasse offenbar nicht mehr repräsentierten, sondern
tendenziell zum Transmissionsriemen der sozialökonomischen Son-
derinteressen anderer sozialer Gruppen geworden waren, und in der
systematischen Verstärkung der Präsenz der Arbeiterklasse im
innerbetrieblichen Entscheidungsprozeß. - Die Darstellung B.'s
unterschlägt also systematisch den gesellschaftspolitisch-
historischen Status der von ihm herangezogenen Quellen; hätte er
ihn berücksichtigt, wären seine Behauptungen ihrer scheinhaften
Solidität vollends beraubt worden.
5.5. Beziehungsfallen
---------------------
Der Sozialismuskritik B.'s kann's keiner recht machen - auch der
FDGB nicht. "Damit repräsentiert die BGL (Betriebsgewerk-
schaftsleitung - R.R.) einerseits nur den im FDGB organisierten
Teil der Belegschaft" /60/ - ist also, so legt B. nahe, kein
demokratisches, weil nicht wirklich ALLE vertretendes Organ. Zwei
Zeilen weiter: "Andererseits repräsentiert die BGL aber alle
Werktätigen im Betrieb: Arbeiter, Angestellte und Angehörige der
Intelligenz. Deshalb ist sie kein reines Interessenvertretungs-
organ der Arbeiter, sondern vertritt auch die keineswegs gleich-
gerichteten Interessen der Intelligenz und leitenden (! - R.R.)
Angestellten." /60/
Der arme FDGB mag repräsentieren, wen er will: immer kommt ihm
das flexible Demokratieverständnis B.'s in die Quere - mal ist er
tendenziell totalitär, mal übt er Klassenverrat. Eine tückische
Beziehungsfalle, die hier ein "linker" DDR-Forscher aufgebaut hat
- und die dem Leitgedanken der Untersuchung B.'s konsequent treu
bleibt: wissenschaftliche Prinzipien und Grundnormen exakter so-
zialwissenschaftlicher Interpretation über Bord zu werfen, geht
es dabei nur um die "Kritik" an den sozialistischen Ländern.
6. Nachbemerkung
----------------
1. Eine Zusammenfassung ergibt folgendes Bild.
B. führt 14 Indikatoren an, die eine Verschlechterung der Ar-
beitsbedingungen seit Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre belegen
sollen. Davon beweisen 3 eindeutig eine V e r b e s s e r u n g
der Arbeitsbedingungen (Arbeitsunfälle, Arbeitszeitverkürzung,
Fluktuation). 5 Indikatoren sind o h n e z u r e i c h e n d e
A u s s a g e k r a f t, da der Zusammenhang von Indikator und
Indikatum vieldeutig oder sogar unbestimmt ist (fehlende Arbeits-
kräfte, Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft, Arbeitsdizi-
plinierung, Berufskrankheiten, Krankenstand); Vieldeutigkeit des
Zusammenhangs heißt dabei häufig: Verbesserungen der Arbeitsbe-
dingungen sind vorhanden, werden aber durch die Art und Weise der
Indikatorenbildung eliminiert oder unterbewertet. K e i n e
dieser oder der restlichen Indikatoren zeigt eine ü b e r-
d u r c h s c h n i t t l i c h e Verschlechterung der Arbeits-
bedingungen an gemessen an der Vorperiode - die aber nachweisbar
sein müßte, wenn die implizierte Ausgangsthese stimmen soll: daß
in der DDR seit Anfang der 70er Jahre eine gezielte Politik des
Sozialabbaus und der Verschlechterung der Arbeits- und Lebens-
bedingungen betrieben würde. Hinzu kommt, daß die zwei In-
dikatoren Kommunikationsstruktur und Inhalt der Arbeit
a u ß e r s t a n d e sind, P r o z e s s e zu erfassen bzw.
T e n d e n z a u s s a g e n zu ermöglichen. Mindestens 10 der
aufgeführten Indikatoren sind dadurch gekennzeichnet, daß ihre
Erarbeitung oder Präsentation durch B. u n z u r e i c h e n d,
u n z u l ä s s i g oder z.T. von V e r f ä l s c h u n g e n
begleitet sind, besonders dann (Arbeitsunfälle, Berufskrankhei-
ten, Fluktuation), wenn sich Resultate ergeben, die nicht in das
Konzept passen.
2. Solche Indikatoren, welche eine V e r b e s s e r u n g der
Arbeits- und Lebensbedingungen problemlos deutlich werden lassen,
werden von B.'s Präsentation "ausgewählter" Arbeitsbedingungen
nachgerade sorgfältig ausgeklammert: etwa der - durchaus langsame
und ungleichmäßige - R ü c k g a n g d e r Ü b e r s t u n-
d e n, der R ü c k g a n g d e r T e i l a r b e i t s-
z e i t, die Entwicklung der A r b e i t e r v e r s o r-
g u n g und des U m w e l t s c h u t z e s - wo in kritischen
Einschätzungen aus der DDR hervorgehoben wird, daß in den letzten
Jahren "einer weiteren Verschlechterung der Umweltqualität in der
DDR Einhalt geboten und die Situation im wesentlichen stabili-
siert werden" konnte 46) -, die Entwicklung des F e r i e n-
u n d E r h o l u n g s w e s e n s oder der K i n d e r b e-
t r e u u n g u n d -u n t e r b r i n g u n g. Auch ent-
wickelten sich im Zeitraum 1965-1975 die Nettogeldeinnahmen der
Arbeiter und Angestelltenhaushalte vorrangig und wurde im letzten
Fünfjahrplanzeitraum die Spanne zwischen Mindest- und Durch-
schnittslohn beträchtlich verringert, die mit einem durch
direktes Einkommen vermittelten Konsumtionsniveau zusammenhängen,
für die Arbeiterklasse und für relativ unterprivilegierte soziale
Kategorien verbesserten. Vollständig ausgeklammert werden die
Entwicklungen im landwirtschaftlichen Sektor, wo immerhin ein
quantitativ beträchtlicher Teil der Arbeiterklasse der DDR tätig
ist und in den letzten Jahren die vielleicht auffälligsten Ver-
besserungen der Arbeitsbedingungen durchgesetzt wurden. Anderer-
seits werden von B. die augenblicklichen Problemstrukturen, die
stark mit sektoralen und regionalen Strukturproblemen zusammen-
hängen, nicht erfaßt.
3. Auch in der Darstellung der Qualifikationsproblematik und der
Betriebsdemokratie f e h l e n entweder jegliche e m p i r i-
s c h e Belege, werden entgegenstehende und leicht rezipierbare
Entwicklungstendenzen u n t e r s c h l a g e n oder werden
Quellen bis an den Rand der Fälschung bearbeitet, aus dem
Zusammenhang gerissen und entsprechend präsentiert. Der Leser
kann auch nicht umhin, den Verdacht zu äußern, daß B. eine Reihe
von Quellen nicht selbst gelesen, sondern über eine "orthodoxe"
Darstellung kennengelernt hat, dies aber nicht erkennen lassen
will 47). Bemerkenswert auch immerhin, daß eine Analyse der Ar-
beitsbedingungen offenbar ohne eine Aufarbeitung der Tageszeitung
des FDGB - der "Tribüne" - auskommen kann!
4. Hervorzuheben sind abschließend d r e i g r u n d s ä t z-
l i c h e m e t h o d i s c h e M ä n g e l der Arbeit. B.
reproduziert die einem pseudowissenschaftlichen Alltagsbewußtsein
eigene spontane Manier der V e r a l l g e m e i n e r u n g
v o n E i n z e l e r s c h e i n u n g e n, ohne sich über die
damit verbundene methodische Problematik der Verallgemeine-
rungs f ä h i g k e i t und über die A r t u n d W e i s e
der Verallgemeinerung Rechenschaft abzulegen. Damit ist bereits
die zweite Problematik angesprochen: die Tatsache, daß in der so-
ziologischen Analyse generell, insbesondere aber bei der Untersu-
chung von Systemen unterschiedlicher Gesellschaftsordnung berück-
sichtigt werden muß, daß sich hinter Erscheinungen, die z.B. in
der BRD und der DDR zugleich auftreten, unterschiedliche Ursachen
verbergen können. Beispielsweise interpretiert B. das Anwachsen
des Krankenstandes in der DDR als Ausdruck wachsender Arbeitsbe-
lastung. In der BRD dagegen fällt der Krankenstand. Haben wir es
daher in der BRD mit einer zunehmenden Verbesserung der Arbeits-
bedingungen zu tun? Sicherlich nicht - daß der Krankenstand in
der BRD trotz einer nachweisbaren Verschlechterung der Arbeitsbe-
dingungen in weiten Bereichen zurückgeht, hängt - pauschal gesagt
- mit der Existenz einer industriellen Reservearmee zusammen.
Ebenso könnte auf der anderen Seite das Anwachsen des Kranken-
standes in der DDR auf andere Sachverhalte sozialer Art zurückge-
hen (bessere materielle Zugangsmöglichkeit zu Gesundheitseinrich-
tungen, Verbesserung der Einkommensverhältnisse und fallender
ökonomischer Zwang zur Arbeit usw.). Oder ein anderes Beispiel:
die Fluktuation wird ausschließlich "negativ" als Ausdruck
schlechter Arbeitsbedingungen interpretiert; ihre Existenz könnte
auch fallenden ökonomischen Zwang und geringeren sozialen "Druck"
zur Beibehaltung eines Arbeitsplatzes bedeuten - auch hier wie-
derum ist etwa in der BRD die Furcht vor Verlust des Arbeitsplat-
zes ein Faktor, der die Fluktuation stark einschränkt. Derartige
Erörterungen der Indikatorenbildung und -interpretation werden
aber von B. nicht vorgenommen. Erschwerend kommt hinzu - und dies
wäre eine dritte methodische Problematik - daß B. offenbar wohl-
weislich an keiner Stelle definiert, was er eigentlich unter ei-
ner "Verschlechterung der Arbeitsbedingungen" versteht. Ist eine
a b s o l u t e V e r s c h l e c h t e r u n g v o n Kennzif-
ferniveaus etwa 1977 gegenüber 1970 gemeint? Geht es um eine si-
gnifikante B e s c h l e u n i g u n g ohnehin vorhandener Ten-
denzen der Verschlechterung seit Anfang der 70er Jahre? Oder geht
es um die V e r l a n g s a m u n g einer vorhandenen Tendenz
zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen seit Anfang der 70er
Jahre? Diese absolut grundlegenden Begriffsklärungen und
-differenzierungen werden an keiner Stelle vorgenommen. Dies aber
ist keine methodische Schwäche, die "zufällig" vorkommt, sondern
durchaus funktional.
5. Denn nur so kann B. es sich leisten, fast durchgängig mit ver-
altetem und überholtem Material zu arbeiten. B. wendet insbeson-
dere die DDR-interne Kritik Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre
gegen die DDR-Realität von 1977. Die Defizite von gestern werden
als Merkmale des Heute ausgegeben. Diese Technik ist nahezu an
jeder Quelle, an jedem Argument, bei jedem Sachverhalt nachweis-
bar. Daß diese DDR-internen Kritiken (nicht selten mit nachweis-
barem Erfolg) die Funktion hatten, zu einer V e r b e s s e-
r u n g der Arbeits- und Lebensbedingungen beizutragen, wird
dabei unterschlagen. Damit erreicht er zum Beispiel bei der
Behandlung der sozialistischen Betriebsdemokratie die Verkehrung
eines Sachverhalts in sein Gegenteil - denn die damals geäußerte
Kritik zeigt nicht nur das, was ihr Gegenstand war, sondern auch
gerade das F u n k t i o n i e r e n und die Fähigkeit zur
Selbst-Kritik, also zur Entwicklung von Partizipation.
Auch darin zeigt sich, soweit die Moral, wie hier die Wissen-
schaft unter die Räder antisozialistischer Ideologie gekommen
ist.
_____
Wir weisen darauf hin, daß eine ähnliche Fassung des hier kriti-
sierten Aufsatzes von A. Bust-Bartels im "Parlament" vom 29.10.77
(Beilage B 43/77, S. 41 ff.) erschienen ist. - Die Red.
1) Axel Bust-Bartels: "Die Entwicklung ausgewählter Arbeitsbedin-
gungen in der DDR", in: Probleme des Klassenkampfes (Prokla) 7.
Jg. 1977 Nr. 2, S. 41-75. Die Seitenangaben in Querbalken bezie-
hen sich auf diesen Aufsatz.
2) Vgl. etwa Anatoli Semjonow: "Importiert die Sowjetunion mit
westlichen Maschinen auch westliche Arbeitsbedingungen?", in: So-
wjetunion heute, 12-13/1976, S. 15; "Die wissenschaftlich-techni-
sche Revolution als wichtigster Abschnitt des Wettbewerbs der
zwei Systeme", in: Probleme des Friedens und des Sozialismus,
2/1976, S. 203 ff., bes. S. 218 u. 220; Gerhard Schulz: "Die or-
ganische Verbindung der Errungenschaften der wissenschaftlich-
technischen Revolution mit den Vorzügen des Sozialismus", in:
Einheit 7/1972, S. 876 ff., bes. S. 883; zur philosophischen ge-
sellschaftswissenschaftlichen Erörterung des Problems und ihrer
Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten vgl. Rainer Rilling:
Theorie und Soziologie der Wissenschaft. Zur Entwicklung in BRD
und DDR, Frankfurt/M. 1975, S. 159 ff.; Sybille Krämer-Friedrich:
"Zur Entwicklung der Konzeption 'wissenschaftlich-technischer Re-
volution' in der DDR", in: Deutschland-Archiv Sonderheft 1976, S.
53 ff.
3) Harry Nick: "Zu Problemen der weiteren Ausprägung des soziali-
stischen Charakters der Arbeit", in: Sozialistische Arbeitswis-
senschaft (SAW) 4/1976, S. 252.
4) Wie sich das quantitative Verhältnis von physischer und psy-
chischer Belastung entwickelt, ist umstritten. Eine sehr negative
Einschätzung findet sich bei Astrid Naumann: "Probleme der Ver-
bindung von körperlicher und geistiger Arbeit und der sozialen
Annäherung zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz", in: SAW
7/1976, S. 509 ff., hier: S. 514: "Über einen relativ langen
Zeitraum müssen jedoch noch Produktivkräfte eingesetzt werden,
die nicht dazu geeignet sind, die Zunahme des Anteils geistig-
schöpferischer Arbeit zu fördern. Das zeigt sich u.a. darin, daß
die Verringerung schwerer körperlicher Arbeit in der materiellen
Produktion langsamer verläuft als die Erhöhung des Technisie-
rungsgrades. Die Zunahme der geistigen Anforderungen im Reproduk-
tionsprozeß erfolgt vorwiegend in Form reproduktiv-geistiger An-
forderungen, die auch schneller wachsen, als physische Belastun-
gen abnehmen."
5) Vgl. grundlegend Autorenkollektiv: Der Mensch und seine Ar-
beit, Berlin 1971; Katharina Hanstein: Hand- und Kopfarbeit in
der materiellen Produktion, Köln 1974; Siegfried Grund-
mann/Manfred Lötsch/Rudi Weidig: Zur Entwicklung der Arbeiter-
klasse und ihrer Struktur in der DDR, Berlin 1976, S. 180 ff.;
Autorenkollektiv: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und
Charakter der Arbeit im Sozialismus. Sitzungsberichte der AdW der
DDR 7/1974 (Berlin); Achim Dippe/Irene Fischer/Karl Hartmann:
"Führende Rolle der Arbeiterklasse und wissenschaftlich-techni-
scher Fortschritt in der Industrie der DDR", in: Wirtschaftswis-
senschaft 7/1976, S. 961 ff.; Horst Mirche/Roland Stieler/Dieter
Torke: "Thesen zum Charakter der Arbeit und zur Gestaltung pro-
gressiver Arbeitsinhalte", in: Sozialistische Arbeitswissenschaft
(SAW) 2/1977, S. 91 ff.; Kurt Ducke/Ingrid Hölzler: "Soziolo-
gische Probleme der Gestaltung des Arbeitsinhaltes", in: SAW
4/1974, S. 279 ff.; Harry Nick: "Zu Problemen der weiteren
Ausprägung des sozialistischen Charakters der Arbeit", a.a.O.
1974, S. 250 ff.; Norbert Fitze/Norbert Pauligk/Henning Schleiff:
Wissenschaftlich-technischer Fortschritt - Sozialistische Arbeit
- Persönlichkeit, Berlin 1976.
6) Vgl. Autorenkollektiv: Die Intensivierung der sozialistischen
Industrieproduktion und die wachsende Rolle der Arbeiterklasse,
Berlin 1975, S. 195 ff.; SAW 6/1974, S. 437. Eine detaillierte
Aufgliederung dieser Belastungen findet sich in: Autorenkollek-
tiv: Das materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes und
seine volkswirtschaftliche Planung, Berlin 1975, S. 268.
7) SAW 8/1975, S. 563; für rund 200 000 Werktätige sollen gesund-
heitsgefährdende Arbeitsbedingungen beseitigt werden (SAW 5/1976,
S. 322); von 1971 bis 1976 wurde bei 30% der Produktionsarbeiter
der Anteil körperlicher schwerer Arbeit reduziert, ebenda, S.
326.
8) Etwas gespenstisch demonstriert dies die Anm. 63 in B.'s Auf-
satz, wo er Momente aufführt, "die aus Materialmangel bzw. aus
Platzgründen" nicht behandelt werden könnten. "Solche Momente wä-
ren etwa Arbeitsplatzsicherheit (als belastungsreduzierendes Mo-
ment, in der DDR gibt es das Recht auf Arbeit)" /51/. Als
"belastungsreduzierendes Moment" unter vielen anderen fungiert
die Arbeitsplatzsicherheit sicherlich nicht: sie wirkt vielmehr
auf a l l e hier genannten Indikatoren ein. Den Faktor "Recht
auf Arbeit" zu ignorieren ist angesichts der Entwicklung der Ar-
beitslosigkeit in den kapitalistischen Ländern nicht nur poli-
tisch grotesk, sondern auch methodisch nicht zu rechtfertigen.
Durchaus vergleichbar die deutliche Überbetonung und Verselbstän-
digung der stofflichen Dimension bei T. Waldhubel/S. Wenk: "Wie
entsteht der sozialistische Mensch", in: SOPO 36, S. 63 ff.
9) Vgl. Fitze/Pauligk/Schleiff, Fortschritt, S. 100 f.
10) Jürgen Arndt: "Im Mittelpunkt steht der Mensch. Arbeitsorga-
nisation in der DDR", in: Kursbuch 43 (1976), S. 159 ff. Zur Er-
läuterung: Arndt zitiert aus der DDR-Zeitschrift kommentarlos
folgendermaßen: "Fließbandarbeit ist auch der Gesundheit zuträg-
lich: Fließband heißt Rhythmus, und Rhythmus ist dem gesamten Or-
ganismus eigen." B. zitiert etwas abweichend, daß in der DDR be-
hauptet werde, daß "das Fließband auch der Gesundheit zuträglich
(ist): Fließband heißt Rhythmus, und Rhythmus ist dem gesamten
Organismus eigen." Das Original lautet: "In gewissem Sinne ist
das Fließband auch der Gesundheit zuträglich: Fließband heißt
Rhythmus, und Rhythmus ist dem gesamten Organismus eigen. Sein
Hauptmangel ist die übermäßige Belastung einer geringen Anzahl
von Muskeln und Zentren der Hirnrinde." Im folgenden beschäftigt
sich der Artikel unter a r b e i t s p h y s i o l o g i-
s c h e n Gesichtspunkten mit Kompensationsmöglichkeiten gegen-
über der Fließbandmonotonie und erörtert nebenbei auch die
Problematik des Imports kapitalistischer Technologie, was B., der
diesen Artikel gelesen hat, weder daran hinderte, die Arndt'sche
Fälschung zu wiederholen noch zu behaupten, in den soziali-
stischen Ländern würde diese Problematik nicht diskutiert.
J. Arndt behauptet im Kursbuch übrigens auch, daß in der SAW
1/1974, S. 43 als sozialistische Lösung des Monotonieproblems
vorgeschlagen würde, "statt 80mal in der Stunde denselben Griff
nun drei Griffe zwanzigmal in der Stunde" zu tun (Arndt, S. 162);
Jürgen Straßburger: "Einige Aspekte der Wirkung des wissenschaft-
lich-technischen Fortschritts auf die materiellen Arbeitsbedin-
gungen in der industriellen Produktion der DDR", in: DA S 1976,
S. 95 ff., hat dies zustimmend übernommen (S. 114) - doch in der
DDR-Zeitschrift ist nichts Entsprechendes zu finden!
11) Kurt Walter: "Zur weiteren Vervollkommnung des Charakters der
Arbeit im entwickelten Sozialismus in der DDR", in: SAW 1/1976,
S. 5.
12) Vgl. Nick: "... Charakters der Arbeit", a.a.O., S. 257; Win-
fried Hacker: "Psychologische Grundlagen persönlichkeitsfördern-
der und produktivitätssteigernder Arbeitsgestaltung", in: SAW
6/1974, S. 447 ff., hier: S. 448: "Vereinzelt besteht die Mei-
nung, daß Schutz und Förderung der arbeitenden Persönlichkeit den
Effektivitätserfordernissen, mindestens aber hoher Produktivität
grundsätzlich widersprechen müsse. Bei dieser Auffassung er-
scheint als erstrebenswertes Optimum das Finden eines Kompromis-
ses, der das Entweder-Oder in ein eingeschränktes Sowohl-als-Auch
umformt. Als übertriebener Optimismus muß bei solcher Sichtweise
unsere Behauptung erscheinen, daß bei geeigneter Verfahrenswahl
weder Ausschließung noch Kompromiß vorliegt, sondern ein Ursache-
Wirkungs-Verhältnis, mehr noch, daß Effektivität mit Hilfe per-
sönlichkeitsfördernder Arbeitsgestaltung besonders wirksam zu
steigern sei. Doch gerade das trifft zu."
13) Rolf Walter: "Arbeitsgestaltung in der Teilefertigung", in:
SAW 7/1974, S. 540.
14) Werner Fischer: "Probleme des Wettbewerbs an Montagebändern",
in: Die Arbeit 9/1975, S. 47 ff.
15) Horst Rehtanz: "Die Beschlüsse des IX. Parteitages der SED
stellen hohe Anforderungen an die Arbeitsschutzforschung", in:
SAW 6/1976, S. 413.
16) Erwin Gniza: "Erfolge und Probleme bei der Verhütung von Ar-
beitsunfällen", in: SAW 1/1977, S. 42; vgl. auch "Die Hauptauf-
gabe setzt hohe Maßstäbe für den Arbeits- und Gesundheitsschutz",
Beilage 22 zu Die Wirtschaft 46/1972.
17) Gniza: "... Arbeitsunfällen", a.a.O., S. 44.
18) H. Rehtanz/H. Hartig: "Der Arbeitsschutz im sozialistischen
Betrieb", in: Autorenkollektiv: Sozialistische Arbeitswissen-
schaften. Aufgaben-Probleme, Berlin 1977, S. 198.
19) Rehtanz: "... Arbeitsschutzforschung", a.a.O., S. 413.
20) Ebenda S. 414.
21) Vgl. etwa Horst Rehtanz: "Schwerpunkte der Arbeitsschutzfor-
schung unter besonderer Berücksichtigung des
'arbeitsschutzgerechten Verhaltens'", in: SAW 1/1974, S. 10
ff.;Wera Thiel: Gesundheits- und Arbeitsschutz, Berlin 1974; Kurt
Winter: Das Gesundheitswesen in der Deutschen Demokratischen Re-
publik, Berlin 1974. Wie man anders als über umfangreiche und ge-
zielte wissenschaftliche Forschung und eine breite Teilnahme der
Bevölkerung am Arbeits- und Gesundheitsschutz zu einem Standard
gelangen sollte die qualitativ und quantitativ deutlich von dem
der BRD unterschieden ist - gegenwärtig ca. 80 Arbeitsunfälle je
1000 Beschäftigte -, bleibt B.'s Geheimnis. Der hohe Krankenstand
in der DDR hängt im übrigen vor allem auch mit der ungünstigen
Altersstruktur der Erwerbstätigen und der hohen Frauenerwerbstä-
tigkeit zusammen. Nutzlos dürfte der Verweis auf die bemerkens-
werte Tatsache sein, daß just seit Anfang der 70er Jahre in der
DDR die Bemühungen zur Rehabilitation verstärkt werden (die Zahl
der geschützten Werkstätten verdoppelte sich, die geschützten Be-
triebsabteilungen und die geschützten Einzelarbeitsplätze wurden
verdrei- bzw. verfünffacht). B. würde dies als besonders gemeine
Art der Erschließung von Arbeitsproduktivitätsreserven interpre-
tieren.
22) Zugleich wurde der 7.10. zum Feiertag erklärt; einer Arbeits-
zeitverkürzung von 6,25 Stunden in einer Woche stehen also drei
zusätzliche Arbeitstage im Jahr gegenüber, was umgerechnet einer
V e r k ü r z u n g der Monatsarbeitszeit von 25,5 Stunden ent-
spricht. In der DDR gibt es gegenwärtig 120-130 arbeitsfreie
Tage, vgl. Wirtschaftswissenschaft 4/1976, S. 601.
23) Nach dem Beschluß des ZK der SED, des Bundesvorstandes des
FDGB und des Ministerrats der DDR v. 27.5.1976 handelte es sich
um 6 Maßnahmen der A r b e i t s z e i t v e r k ü r z u n g:
ab 1.5.77 Verkürzung der Arbeitszeit für 1,2 Millionen Schichtar-
beiter auf die 40-Stundenwoche (3-Schichtarbeiter) bzw. 42 Stun-
denwoche (2-Schichtarbeiter); ab 1.5.77 Einführung der 40-Stun-
denwoche für 300 000 Mütter mit 2 Kindern; Senkung der Pflicht-
stundenzahl für Mitarbeiter des Bildungs- und Gesundheitswesens;
ab 1.1.1977 Zusatzurlaub von 3 Tagen für Schichtarbeiter; Erwei-
terung der Gewährung des monatlichen Hausarbeitstages ab
1.1.1977; ab 1.1.1979 Erhöhung des Erholungsurlaubs um 3 Tage.
24) Rudhard Stollberg (Hg.): Schichtarbeit in soziologischer
Sicht, Berlin 1974;ders.: "Zum Einfluß der Schichtarbeit auf das
Familienleben der Arbeiter", in: SAW 2/1977, S. 210 ff.; Renate
Johne: "Zur Übereinstimmung von gesellschaftlichen Erfordernissen
und individuellen Entscheidungen für die Schichtarbeit", in: SAW
5/1974, S. 368 ff.; "Sozialismus und Schichtarbeit - ein Wider-
spruch?", in: Die Arbeit 9/1976, S. 18 ff.
25) Da die in mehreren Schichten arbeitenden Produktionsarbeiter
hinsichtlich der Arbeitsbedingungen (und der Reproduktion der Ar-
beitskraft) offensichtlich großenteils zu unterprivilegierten
Gruppierungen innerhalb der Arbeiterklasse der DDR gehörten, be-
wirkten die in den letzten Jahren vorgenommenen Erhöhungen der
unteren Einkommen, die Minderung der körperlich schweren und ge-
sundheitsgefährdenden Arbeitsinhalte und die gezielten Arbeits-
zeitverkürzungen (Anm. 23), aber auch der Ausbau der Dienstlei-
stungen und die Verbesserung der Wohnsituation vor allem seit dem
VIII. Parteitag 1971 eine deutliche Verbesserung der sozialen
Lage der Schichtarbeiter.
26) Bei Stollberg: Schichtarbeit..., a.a.O., S. 90, der als Beleg
dienen soll, ist die Rede von einem "objektiv notwendigen gesell-
schaftlichen Erfordernis", nicht aber von "gesellschaftlicher Na-
turgesetzlichkeit" (B., S. 49). Die Differenz ist - wie die Dis-
kussion über gesellschaftliche Gesetze in der DDR zeigt - funda-
mental.
27) Vgl. z.B. Harry Nick: "Menschliche Arbeit und Fortschritte
der Technik", in: Einheit 4/1977, S. 441 ff., dagegen aber Jürgen
Storch: "Die Mehrmaschinenbedienung - Erfordernis fortschreiten-
der Mechanisierung und Automatisierung", in: SAW 5/1975, S. 360
ff., dem die Problematik der Intensivierung der lebendigen Arbeit
auf sehr entschiedene Weise völlig fremd ist.
28) Vgl. dazu Christoph Ziegenrücker: "Wissenschaftlich-techni-
scher Fortschritt und Partizipation in der DDR - Die Entwicklung
in den 70er Jahren", in: DA S 1976, S. 79 ff.
Eine Untersuchung der WAO, die nicht die letzten zwei bis drei
Jahre berücksichtigt, ist wertlos, denn in dieser Zeit hat sich
in der DDR eine äußerst rasche Entwicklung vollzogen; nachdem
1972 der Bereich "Arbeits- und Lebensbedingungen" gesonderter ab-
rechenbarer Bestandteil der betrieblichen Planung geworden war,
wurde 1973/4 die WAO-Planung allgemeiner Bestandteil des Pla-
nungsprozesses. Die wesentlichen Entwicklungsschritte seit dieser
Zeit beziehen sich auf
- die wissenschaftliche Qualifizierung der WAO-Planung, d.h. Aus-
arbeitung der Grundmethodik zum Niveau der WAO, einer Grundmetho-
dik zur Klassifizierung von Arbeitserschwernissen, die Entwick-
lung erster Grundlagen einer Methodik zur Erfassung psychischer
Belastungen und der Ausbau entsprechender Standards
- die Einbeziehung der Gesichtspunkte der WAO in die Produktions-
vorbereitung, also bei der Konzipierung, Entwicklung und Überlei-
tung von Produktions- insbesondere von Arbeitsmitteln, so daß die
verbreitete Praxis überwunden werden kann, Aspekte der Arbeits-
und Lebensbedingungen, insbesondere der Zurückdrängung schwerer
körperlicher Arbeit und von Gesundheitsgefährdungen, erst nach-
träglich nach vollzogener Inbetriebnahme der Produktionsmittel,
zu berücksichtigen
- eine wesentlich stärkere und in den programmatischen Dokumenten
zum Fünfjahresplanzeitraum 1976-1980 auch ausgesprochene Orien-
tierung auf die Belastungsmomente psychischer Art (Monotonie-
problem)
- die Durchsetzung eines ökonomischen Sanktionsmechanismus, der
bei Nichterfüllung der entsprechenden Planmaßnahmen greift.
29) Vgl. Harald Altenhenne/Brigitte Völkel: "Zur Planung der Ar-
beits- und Lebensbedingungen", in: SAW 7/1976, S. 499 ff., vor
allem aber das umfassende und sehr kritische Resümee bei Fritz
Heinrich: "Zur Leitung und Planung der Entwicklung der Arbeits-
und Lebensbedingungen im sozialistischen Betrieb", in: SAW
1/1975, S. 45 f.: "In der Planung und Abrechnung von diesbezügli-
chen Maßnahmen erfolgt dabei eine noch zu einseitige Orientierung
auf die Arbeiterversorgung... während die materiellen Arbeitsbe-
dingungen zu wenig im Blickpunkt der langfristigen, planmäßigen
Arbeit stehen ... Insgesamt ist das in den Betrieben vorliegende
analytische Material bezüglich der Charakteristik des Niveaus und
der Entwicklung der Gesamtheit der Arbeits- und Lebensbedingungen
vielfach noch unzureichend und von Betrieb zu Betrieb unter-
schiedlich ... Nichterfüllte Maßnahmen auf dem Gebiet der Ar-
beits- und Lebensbedingungen ziehen für den Betrieb und für die
verantwortlichen Leiter kaum materielle Konsequenzen nach sich,
im Gegensatz zu nichterfüllten Maßnahmen anderer Planteile. Nicht
voll ausgenützt werden die Möglichkeiten, bei der Vorbereitung
und Durchführung von Investitionen (Ersatz und Erweiterung) plan-
mäßig die Arbeitsbedingungen der Werktätigen durch konsequente
Änderung der Arbeitsinhalte langfristig zu verbessern ... Invest-
maßnahmen, die ... vorrangig der Verbesserung dieser Bedingungen
dienen, werden nicht mit der gleichen Sorgfalt und Konsequenz
vorbereitet und realisiert (sorgfältige Nutzensrechnung, Kampf um
termin- und qualitätsgerechte Realisierung gemäß Plan). Vom Pro-
zeß der Planung her gibt es keine Korrespondenz zwischen den Pl-
anteilen Arbeits- und Lebensbedingungen, Wissenschaft und Technik
und Investitionen. Selbst bei ausgewählten Investitionsvorhaben
wird die WAO-Arbeit oft erst parallel zur Investrealisierung oder
danach durchgeführt."
30) Um der Befürchtung, man wolle in der DDR nach und nach die
Arbeitspausen beseitigen, entgegenzuwirken vgl. Manfred Roeb:
"Gestaltung arbeitsbedingter Erholungspausen - eine Voraussetzung
für die Vervollkommnung der Arbeitsnormung", in: SAW 8/1976, S.
593 ff.
31) Würde die Grundfondsauslastung in der DDR täglich um 25 Minu-
ten gesteigert - was eben nur auf dem Weg der Ausweitung der
Schichtarbeit möglich ist - entspräche dies einer jährlichen
Mehrproduktion von 8,5 Mrd. Mark (1976) - was den gegenwärtigen
gesamten Ausgaben der DDR für ihr Gesundheits- und Sozialwesen
gleichkommt. Die damit verdeutlichte Prioritäten- und Proportio-
nalitätsproblematik zu ignorieren, kann sich ein 'linkes' west-
deutsches Intellektuellenorgan wie die Prokla, nicht aber die DDR
leisten.
32) Vgl. Peter Richter: "Bewertung des Einflusses sozialer und
personaler Faktoren auf die Arbeitsunfähigkeit", in: SAW 2/1976,
S. 122.
33) "Der Rückgang von Qualifikationsanforderungen und damit zu-
sammenhängend von schöpferisch-geistigen Anforderungen wird an
modernen technischen Anlagen für normal und unvermeidlich gehal-
ten." (B., 57). An der von B. hierzu angegebenen Stelle in Deut-
sche Zeitschrift für Philosophie (DZfPh) 2/1974, S. 177 ist je-
doch von einer T e n d e n z die Rede, die in einer soziologi-
schen Untersuchung festgestellt wurde und es wird im folgenden
Satz erklärt: "ebensowenig ist es eine Lösung, hier eine Art
'technische Zwangsläufigkeit' zu postulieren."
34) Vgl. Ziegenrücker, a.a.O.
35) Walter Draeger: "Probleme und Möglichkeiten der Nutzung hoher
Bildung", in: SAW 8/1974, S. 594.
36) Vgl. Fitze/Pauligk/Schleiff: Fortschritt ..., a.a.O., S. 44
ff. und 114 ff.
37) Vgl. Ziegenrücker: Fortschritt..., a.a.O., S. 83 ff; Horst
Mirche/Dieter Torke: "Analyse und Gestaltung des Arbeitsinhalts
als Aufgabe der WAO", in: SAW 1/1975, S. 10 ff.; Werner
Fitze/Norbert Pauligk/Henning Schleiff: "Die Wirkung des wissen-
schaftlich-technischen Fortschritts auf den sozialistischen Cha-
rakter der Arbeit", in: SAW 4/1974, S. 250 f.; Autorenkollektiv:
Intensivierung ..., a.a.O., S. 199 ff; Fritz Döbbel: "Eine Wech-
selfließreihe und der Mut der Technologen", in: Die Wirtschaft
47/1973, S. 4 f.
38) Vgl. Ziegenrücker: Fortschritt..., a.a.O., S. 85.
39) In der Literatur findet sich diese Betonung der Leitungs- und
Herrschaftsfunktionen immer häufiger, vgl. Mirche u.a.: The-
sen..., a.a.O., S. 93; Autorenkollektiv: Intensivierung...,
a.a.O., S. 185; Grundmann u.a.: Arbeiterklasse..., a.a.O., S.
225: "Es ist jedoch zugleich erforderlich, in stärkerem Maße jene
Kenntnisse exakt zu definieren, die, ohne selbst aus den unmit-
telbaren Arbeitsanforderungen hervorzugehen, im weiteren Sinne
zum Berufsbild des qualifizierten Arbeiters gehören und die auch
von jenen Arbeitern angeeignet werden können (und müssen), die an
ihrem unmittelbaren Arbeitsplatz nicht eine Facharbeiterausbil-
dung benötigen. Hier sind vor allem jene Kenntnisse gemeint, die
für die Teilnahme an der Leitung und Planung unmittelbar erfor-
derlich sind: Kenntnisse über die Struktur betrieblicher Ent-
scheidungsprozesse und Informationssysteme, über Aufgaben und
Verantwortung der gesellschaftlichen Organisationen, über Aufga-
ben, Verantwortung und Kompetenzen der Organe der sozialistischen
Demokratie, Grundkenntnisse des sozialistischen Arbeitsrechts,
der wissenschaftlichen Arbeitsorganisation, der sozialistischen
Leitungswissenschaften und andere mehr."
40) Wirtschaftswissenschaft 3/1976, S. 400 f.
41) Ebenda, S. 223.
42) Vgl. grundlegend Ziegenrücker: Fortschritt..., a.a.O.; dane-
ben Udo Freier: Betriebliche Planungs- und Entscheidungsstruktu-
ren in der sozialistischen Planwirtschaft der DDR als Ausdruck
gesellschaftlicher Verhältnisse, Diss., Frankfurt/M. 1976; Falk-
Ulrich von Hoff: Mitbestimmung in der DDR und in der UdSSR,
Diss., Göttingen 1973; Jochen Bernhard Buchholz: Selbstbestimmung
der Arbeitnehmer im Sozialismus?, Diss., Bonn 1975.
43) Vgl. Statistisches Jahrbuch der DDR 1976, Berlin 1976, S. 67:
der Anteil der Produktionsarbeiter, die sich an der Neuererbewe-
gung beteiligten, stieg von 24,2% (1972) über 27,3% (1973) und
29,6% (1974) auf 31,5% (1975).
44) Herbert F. Wolf: "Zur Soziologie des Betriebsklimas in einem
neuen sozialistischen Großbetrieb", in: Robert Schulz/Helmut
Steiner (Hg.): Soziologie und Wirklichkeit, Berlin 1966, S. 160.
45) Man vergleiche B.'s Zitation von Rudi Weidig: Sozialistische
Gemeinschaftsarbeit, Berlin 1969, S. 220 (bei B. S. 62) mit dem,
was dort von Weidig - vor allem S. 221 f. - über die Notwendig-
keit einer umfassenden, gesamtgesellschaftliche und -politische
Sachverhalte einbeziehenden Information gesagt wird.
46) Wirtschaftswissenschaft 5/1977, S. 656.
47) Gemeint ist die Arbeit von Georg Fülberth: "Institutio-
nalisierte Norm und Realisierung sozialistischer Demokratie", in:
Das Argument 76, S. 751 ff., in dem die DDR-interne Kritik Anfang
der 70er Jahre ausführlich dokumentiert wird. Leider finden sich
in der neueren Sozialismusdiskussion zunehmend leichtfertige und
großzügige Umgangsweisen mit dem Problemkomplex "realer Sozia-
lismus"; C. Kievenheim etwa ("Eurokommunismus" und "realer Sozia-
lismus", in: SOPO 40 (1977), S. 100 ff.) stellt, wie B. Heidtmann
zutreffend im selben Heft vermerkt, zahlreiche Behauptungen auf,
die empirischen Überprüfungen nicht standhalten oder eine
Problemlosigkeit fingieren (und dadurch politische Klarheit
vortäuschen), die weder in der bürgerlichen noch in der marxi-
stischen Sozialismusanalyse vorhanden ist. Statt dessen werden
eine Reihe von Annahmen (z.B. über Minderheit-Mehrheitsver-
hältnisse, "unterentwickelte Sozialismusbedingungen", "Stalinis-
mus" und "Modernisierung", die Bajonettspitzen der Roten Armee in
der SBZ/DDR usw.) getroffen, deren empirische Unbegründetheit und
Problematik durch die Thesenform des Aufsatzes nicht entschuldigt
werden können.
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