Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977
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Klaus Holzkamp
BERUFSVERBOT IM ÖFFENTLICHEN DIENST: WER INDOKTRINIERT WEN? *)
Politische Disziplinierungen und Repressionen gegen die Arbeiter-
schaft, ihre Organisationen und Vertreter, im Betrieb gehören
seit jeher zu den alltäglichen Erscheinungen im Kapitalismus. 1)
Auch die zur Durchsetzung von Kapitalinteressen praktizierte Aus-
weitung solcher Disziplinierungen und Repressionen auf gesell-
schaftliche Bereiche außerhalb der unmittelbaren Produktion, be-
sonders staatliche Institutionen, findet sich durchgehend, wenn
auch in Abhängigkeit von der ökonomischen Krisenentwicklung und
dem politischen Kräfteverhältnis mehr oder weniger ausgeprägt. 2)
Die gegenwärtig in der BRD und Westberlin eklatant verschärfte
staatliche Unterdrückungspraxis durch Berufsverbote im öffentli-
chen Dienst verdeutlicht sich in ihrer Hauptstoßrichtung, wenn
man betrachtet, welche Berufsgruppen von den Verboten vornehmlich
betroffen sind. Nach einer Aufschlüsselung von 308 Berufsverbots-
fällen durch den Arbeitsausschuß der "Initiative Weg mit den Be-
rufsverboten" waren unter den hier Erfaßten 171 Lehrer und 86
Hochschuldozenten; die nächststärkste Gruppe, Sozialpädagogen,
bestand dagegen nur aus 18 Fällen. 3) Man kann aufgrund derarti-
ger Unterlagen davon ausgehen, daß mit den Berufsverboten gegen-
wärtig in erster Linie L e h r e r u n d E r z i e h e r a n
S c h u l e n u n d H o c h s c h u l e n eliminiert und dis-
zipliniert werden sollen (wobei die danach am stärksten betroffe-
nen Berufsgruppen, Sozialpädagogen und Juristen, in einem weite-
ren Sinne ebenfalls als "Erzieher" betrachtet werden können). -
Warum sind es gerade die organisierten Kommunisten, die Marxi-
sten, Sozialisten, oder auch nur konsequenten Demokraten, unter
den L e h r e r n u n d E r z i e h e r n, die gegenwärtig
unserem Staat so gefährlich erscheinen, daß er auf derart rigo-
rose Weise versuchen muß, sie durch ihre Brandmarkung als
"Radikale" und "Verfassungsfeinde" einzuschüchtern, auszugrenzen
und ihre berufliche Existenz zu vernichten?
Die Gründe für die besondere Gefährlichkeit von kommunistischen
und marxistischen Lehrern und Erziehern in den Augen des Staates
wurden von staatlichen Stellen und in staatskonformen Gerichtsur-
teilen immer wieder herausgestellt: Solche Lehrer hätten die Mög-
lichkeit, die ihnen anvertrauten Schüler oder Studenten im Sinne
des Kommunismus und Marxismus zu i n d o k t r i n i e r e n,
damit Teile der jungen Generation manipulativ staatsabträglichen
Interessen dienstbar zu machen, und dies besonders dann, wenn die
Lehrer durch ihre Mitgliedschaft in einer unseren Staat und des-
sen Verfassungsordnung ablehnenden Partei an deren Ideologie und
Weisungen gebunden seien. Im Lenhart-Urteil des OVG heißt es
dazu: Die "Lehrtätigkeit umfaßt... Aufgaben von großer staatsbür-
gerlicher Bedeutung, weil die Schule in hervorragendem Maße den
heranwachsenden Staatsbürgern ... die Werte der Staatsordnung be-
wußt zu machen hat... Ein selbständig und unbeaufsichtigt Unter-
richtender, der kein positives Verhältnis zu den unabdingbaren
Grundprinzipien des Grundgesetzes hat..., ist... nicht in der
Lage, den Schülern das Wissen und die Überzeugung zu vermitteln,
daß die freiheitliche Demokratie ... ein verteidigungswertes und
zu erhaltendes Gut ist. ... Er läuft zumindest unbewußt Gefahr,
die Schüler in einem Sinne zu beeinflussen, der sich mit der
freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbaren
läßt. Schüler würden mangels entsprechender Kritikfähigkeit in
sehr vielen Fällen wehrlos dagegen sein" 4). Im Lefèvre-Urteil
des OVG wird Entsprechendes über die Universitätslehrer ausge-
sagt: "Die Berufe im Hochschuldienst, die die nächste Generation
weitgehend in ihrem politischem Denken zu bestimmen vermögen,
bieten nichtverfassungstreuen Dozenten hervorragende 'Multiplika-
tionschancen', ihren politischen Auffassungen Geltung zu ver-
schaffen; dabei können sie die Begeisterungsfähigkeit junger
Menschen und ihre geringe Wirklichkeitserfahrung für ihre Zwecke
ausnutzen." Der Indoktrinations-Vorwurf ist heute ein Hauptargu-
ment beim Versuch der Rechtfertigung des staatlichen Vorgehens
gegen kommunistische und marxistische Lehrer. Dieser Vorwurf traf
z.B. auch Horst Holzer. So stellte der bayerische Kultusminister
Maier zur Begründung der Entlassung von Holzer aus dem
Universitätsdienst fest, er habe seine Studenten "mit den Thesen
der DKP und des Marxismus-Leninismus i n d o k t r i n i e r t"
5).
Die Behauptung, Schüler oder Studenten würden durch kommunisti-
sche und marxistische Lehrer "indoktriniert", wird niemals be-
gründet, sondern stets unter Berufung auf einen allgemeinen Kon-
sens als selbstverständlich richtig vorausgesetzt. Allgemein ge-
hört die Vorstellung, Kommunismus und Marxismus könnten als sol-
che, ihrem Wesen nach, keinesfalls durch vernünftige Argumenta-
tion, sondern nur durch Manipulation und Indoktrination unter
Ausschaltung oder Umgehung der Urteilsfähigkeit der Betroffenen
als bloße Glaubenssache und "Heilslehre" verbreitet werden, zu
den zentralen Bestimmungsstücken der antikommunistischen Ideolo-
gie. Dies schließt ein, daß dem Marxismus hierbei radikal jede
Wissenschaftlichkeit abgesprochen werden muß. Der marxistische
Wissenschaftsanspruch erscheint so als bloße Schutzbehauptung,
mit welcher dogmatische Glaubensgewißheit legitimiert und kommu-
nistische Wühlarbeit zur Erlangung der Herrschaft über das Be-
wußtsein Nichtsahnender getarnt werden sollen. Dieses antikommu-
nistische Grundpostulat läßt sich eindrucksvoll an einer Passage
aus dem Verhör des Lehrers Manfred Lehner veranschaulichen, der
"wegen seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Friedensgesell-
schaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner von der Regierung in Schwa-
ben mit Berufsverbot belegt wurde. Die Gesprächsteilnehmer in
diesem Teil des Verhörs sind Herr Klüger und Frau Rist als Regie-
rungsvertreter und Manfred Lehner. Ich zitiere Lehners Gedächt-
nisprotokoll. Herr Klüger: "Aber das Hessische Institut für Frie-
dens- und Konfliktforschung ist doch eindeutig marxistisch unter-
wandert. Was wissen Sie denn eigentlich über den Marxismus?" Man-
fred Lehner: "Soviel ich weiß, wird dieses Institut von Landes-
mitteln gefördert. Marxismus ist für mich eine Wissenschaft."
Frau Rist: "Ich verstehe Sie nicht, Herr Lehner. Sie nehmen ein-
fach so zur Kenntnis, daß das Hessische Institut für Friedens-
und Konfliktforschung marxistisch unterwandert ist und bezeichnen
Marxismus als eine Wissenschaft. Mir läuft es bei dem Begriff
'Marxismus' eiskalt den Rücken runter." 6)
Wenn man genauer verstehen will, w o f ü r unser Staat eigent-
lich kämpft, wenn er vorgibt, kommunistisch-marxistische Indok-
trination durch Lehrer und Hochschullehrer zu bekämpfen, muß man
sich das hier gezeichnete G e g e n b i l d d e s S t a a t s-
u n d v e r f a s s u n g s t r e u e n L e h r e r s verdeut-
lichen. Aufschlüsse darüber sind den genannten Urteilen des Ober-
verwaltungsgerichts zu entnehmen, so etwa den schon zitierten,
dort erhobenen Forderungen, der Lehrer habe den "heranwachsenden
Staatsbürgern... die Werte der Staatsordnung bewußt zu machen"
ihnen "das Wissen und die Überzeugung zu vermitteln, daß die
freiheitliche Demokratie ... ein verteidigungswertes und zu er-
haltendes Gut ist". Dazu müsse der Lehrer selbst ein "positives
Verhältnis zu den unabdingbaren Grundprinzipien des Grundgeset-
zes" haben, um nicht Gefahr zu laufen, die "mangels entsprechen-
der Kritikfähigkeit" wehrlosen Schüler - in einem Sinne zu beein-
flussen, der sich mit der freiheitlichen demokratischen Grundord-
nung nicht vereinbaren läßt". Die Grundlage solcher Formulierun-
gen bilden offensichtlich die Leitsätze des Bundesverfassungsge-
richts-Entscheids (22. März 1975), in denen u.a. festgelegt ist:
"Die Treuepflicht gebietet, den Staat und seine geltende Verfas-
sungsordnung ... zu bejahen ...", sie "fordert mehr als nur eine
formal korrekte, im übrigen uninteressierte, kühle, innerlich
distanzierte Haltung gegenüber Staat und Verfassung. Vom Beamten
wird erwartet, daß er diesen Staat und seine Verfassung als einen
hohen positiven Wert erkennt und anerkennt, für den einzutreten
sich lohnt" 7).
Diese Postulate mögen bei oberflächlicher Betrachtung selbstver-
ständlich und unproblematisch erscheinen. Bei etwas genauerer
Analyse zeigt sich jedoch, daß hier die G e w i n n u n g
e i n e s v e r n ü n f t i g e n, b e g r ü n d e t e n U r-
t e i l s ü b e r u n s e r e G e s e l l s c h a f t s-
o r d n u n g u n d u n s e r e n S t a a t a l s m i t
d e r T r e u e p f l i c h t d e s B e a m t e n u n v e r-
e i n b a r j u r i s t i s c h i n k r i m i n i e r t wird.
Zwar ist hier verbal von "Wissen" und von "Erkennen" die Rede.
Das E r g e b n i s des Wissens- und Erkenntnisgewinns, die
"Bejahung" des Staates und der "freiheitlichen demokratischen
Grundordnung", ihre Anerkennung als "hohen positiven Wert" ist
dem Beamten jedoch v o r g e s c h r i e b e n, womit "Wissen"
und "Erkenntnis" in Wirklichkeit s u s p e n d i e r t sind:
Ein U r t e i l s p r o z e ß, d e r n u r e i n e i n z i-
g e s R e s u l t a t h a b e n d a r f, h e b t s i c h
s e l b s t a u f. Was hier in Wahrheit gefordert wird, ist die
Ü b e r n a h m e d e s S t a a t s- u n d G e s e l l-
s c h a f t s b i l d e s i m S i n n e d e r b ü r g e r-
l i c h e n I d e o l o g i e u n t e r A u s s c h a l-
t u n g d e r U r t e i l s- u n d K r i t i k f ä h i g-
k e i t, also die D e f o r m a t i o n d e s g e s e l l-
s c h a f t l i c h e n B e w u ß t s e i n s d e s B e a m-
t e n d u r c h I n d o k t r i n a t i o n. Die höchstrich-
terliche Glaubensgewißheit über die absoluten und unanzweifel-
baren Werte der "freiheitlichen demokratischen Grundordnung" der
kapitalistischen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates hat
der Beamte, sofern er Lehrer ist, b e i S t r a f e d e s
B e r u f s v e r b o t s n u n a u c h a u f s e i n e
S c h ü l e r o d e r S t u d e n t e n zu übertragen. Es wird
nirgends von ihm gefordert, ja, es ist ihm sogar i m p l i z i t
u n t e r s a g t, die Lernenden über die gesellschaftliche
Realität in der BRD und Westberlin u r t e i l s f ä h i g zu
machen, vielmehr ist auch hinsichtlich der bei den S c h ü-
l e r n einzuleitenden "Lernprozesse" das Resultat, die "Über-
zeugung", daß die freiheitliche Demokratie ... ein verteidi-
gungswertes und zu erhaltendes Gut ist" von vorn herein fest-
gelegt, hier durch den "verfassungstreuen" Lehrer, aus dessen
Mund der höchstrichterliche Wille spricht. Dementsprechend wird
keineswegs gefordert, die K r i t i k f ä h i g k e i t" und
"W i r k l i c h k e i t s e r f a h r u n g" der Schüler und
Studenten über unsere gesellschaftlich-politische Lebensrealität
zu e n t w i c k e l n und zu v e r b e s s e r n: Mangelnde
"Kritikfähigkeit" und "geringe Wirklichkeitserfahrung" werden
vielmehr a l s g e g e b e n v o r a u s g e s e t z t, und
den Lehrern wird lediglich aufgetragen, die Schüler i m
"S i n n e" der "freiheitlichen demokratischen Grundordnung" zu
"beeinflussen", die "nächste Generation" i m S i n n e der un-
bedingten "Bejahung" der bestehenden Verhältnisse "in ihrem poli-
tischen Denken zu bestimmen". Dem Postulat der politischen Indok-
triniertheit des staatstreuen Beamtenbewußtseins entspricht also
d i e F o r d e r u n g n a c h s t a a t s k o n f o r m e r
p o l i t i s c h e r I n d o k t r i n a t i o n d e r
S c h ü l e r u n d S t u d e n t e n d u r c h d e n L e h-
r e r.
Nun wird klar, daß der vom Staat und den Gerichten, soweit sie
ihm gefügig sind, erhobene Vorwurf der kommunistisch-marxisti-
schen Indoktrination sich gar nicht gegen die T a t s a c h e
der Indoktrination richtet, sondern nur dagegen, daß die ver-
meintliche Indoktrination hier einen k o m m u n i s t i s c h -
m a r x i s t i s c h e n I n h a l t hat. Indoktrination wird
ja g e r a d e v o n d e m "v e r f a s s u n g s-
t r e u e n" L e h r e r verlangt, nämlich eine I n d o k-
t r i n a t i o n a l s E i n s c h w ö r e n d e r S c h ü-
l e r u n d S t u d e n t e n a u f d i e k a p i t a l i-
s t i s c h e G e s e l l s c h a f t u n d d e n b ü r-
g e r l i c h e n S t a a t. Die Berufsverbote gegen Lehrer
dienen also keineswegs der Bekämpfung von Indoktrination sondern
im Gegenteil dem S c h u t z u n d d e r A b s i c h e-
r u n g e i n e r I n d o k t r i n a t i o n i m h e r r-
s c h e n d e n I n t e r e s s e, a l s o d e m I n t e-
r e s s e d e s K a p i t a l s. Die Verfassung als wider-
sprüchlicher Klassenkompromiß wird dabei in eine einfache
Garantie für die Erhaltung der als "freiheitliche demokratische
Grundordnung" mystifizierten kapitalistischen Produktionsweise
umgefälscht und unter Mißachtung der in der Verfassung veranker-
ten demokratischen Rechte als Disziplinierungsmittel zur Gleich-
schaltung der Lehrerschaft mißbraucht.
Das geschilderte staatliche Gebot der Indoktrination der Schüler
und Studenten auf die bestehenden Verhältnisse ist vordergründig
ein Ausdruck der bürgerlich-agnostizistischen Vorstellung, ge-
sellschaftlich-soziale Gegebenheiten seien prinzipiell n i e-
m a l s m ö g l i c h e r G e g e n s t a n d d e r E r-
k e n n t n i s, s o n d e r n a l l e i n G e g e n s t a n d
d e s M e i n e n s u n d W e r t e n s. Demnach käme es nur
darauf an, den Schülern die "richtigen" Meinungen und Wertungen,
nämlich die im herrschenden Interesse, einzupflanzen und die
marxistische Gesellschaftsauffassung erschiene notwendig a u c h
als bloße Meinung und Wertung, die als dem herrschenden Interesse
antagonistisch unterdrückt werden muß. Aufgrund der weltweiten
Entwicklung und praktisch-politischen Umsetzung des Wissen-
schaftlichen Sozialismus einerseits und der immer weitergehenden
Zuspitzung, damit Erkennbarkeit, der Widersprüche des Kapitalis-
mus andererseits, ist dieser selbstgenügsame Agnostizismus jedoch
heute nicht mehr ungebrochen. In den mannigfachen defensiven
Formeln und Repressionsversuchen der bürgerlichen Ideologie setzt
sich mehr und mehr die Ahnung durch, daß der Marxismus nicht
deswegen eine wachsende Bedrohung der bestehenden Verhältnisse
darstellt, weil er eine Doktrin und ein Dogma ist, sondern i m
G e g e n t e i l g e r a d e d e s w e g e n, w e i l e r
s e i n e p o l i t i s c h e P r a x i s w i s s e n-
s c h a f t l i c h b e g r ü n d e n kann: Damit müßte die
b l o ß e G l a u b e n s s a c h e der Unveränderlichkeit und
Naturhaftigkeit bürgerlicher Lebensverhältnisse gegenüber der
w i s s e n s c h a f t l i c h f u n d i e r t e n E r-
k e n n t n i s der Möglichkeit und Notwendigkeit der Über-
windung des Kapitalismus im Allgemeininteresse immer mehr ins
Hintertreffen geraten. Aus dieser Ahnung erklären sich die Hef-
tigkeit und Gewaltsamkeit, mit denen von den reaktionären Kräften
versucht wird, dem Marxismus soweit den Wissenschaftscharakter
abzusprechen, daß schon seine D a r s t e l l u n g a l s
e i n e w i s s e n s c h a f t l i c h b e g r ü n d b a r e
u n d w i s s e n s c h a f t l i c h e r A r g u m e n t a-
t i o n z u g ä n g l i c h e A u f f a s s u n g z u u n-
t e r b i n d e n ist, also (wie es in einem Rundbrief des
studentischen Sprecherrats der Universität Regensburg heißt) "der
M a r x i s m u s p a u s c h a l a u s d e r M e n g e
d e r e r l a u b t e n L e h r m e i n u n g e n ü b e r-
h a u p t g e d r ä n g t" werden kann. Nur so wäre garantiert,
daß w i s s e n s c h a f t l i c h e V e r g l e i c h e
u n d A u s e i n a n d e r s e t z u n g e n z w i s c h e n
d e r b ü r g e r l i c h e n u n d d e r m a r x i s t i-
s c h e n P o s i t i o n, d e n e n m a n s i c h i n-
h a l t l i c h n i c h t m e h r g e w a c h s e n
s i e h t, m a n g e l s M a r x i s t e n e r s t g a r
n i c h t Z u s t a n d e k o m m e n. Die Berufsverbote als
"Marxismus-Verbote" gehören so gesehen in den unmittelbaren
Zusammenhang der i m m e r r i g o r o s e r e n A u s w e i-
t u n g d e r s t a a t l i c h e n R e c h t s a u f-
s i c h t i n e i n e F a c h a u f s i c h t, mit welcher -
durch die Kontrolle und Ablehnung fortschrittlicher Studienpläne,
die Reglementierung von Prüfungsinhalten, die Beeinflussung der
Stellenausschreibungen etc. - die A u s e i n a n d e r s e t-
z u n g m i t d e m M a r x i s m u s, die man mit wissen-
schaftlichen Argumenten nicht mehr führen kann, a d m i n i-
s t r a t i v v o r e n t s c h i e d e n werden soll. In die
gleiche Richtung weisen die mit dem Hochschulrahmengesetz (HRG)
auf eine neue Ebene gehobene weitgehende Verschulung des Studi-
ums, die Auseinanderreißung von Lehre und Forschung, die totale
Suspendierung des forschenden Lernens, die durch Regelstudium und
Prüfungsdruck angestrebte Ausschaltung politischer Bewußtseins-
bildung der Studenten, damit Eliminierung der Möglichkeit zur
gesellschaftstheoretischen Reflexion und Funktionsbestimmung der
Studieninhalte. So hofft man die Garantie dafür zu erhalten, daß
a l l e s, w a s d e n S t u d e n t e n a n L e h r i n-
h a l t e n i n i n d o k t r i n a t i v e r F o r m v o r-
g e s e t z t w i r d, v o n d i e s e n w i d e r-
s t a n d s l o s g e s c h l u c k t w e r d e n m u ß. Das
umfassendste Instrumentarium, um die geplante E n t p o l i t i-
s i e r u n g, d a m i t E n t w i s s e n s c h a f t l i-
c h u n g, des Studiums durchzusetzen, sind die berüchtigten,
staatlich dominierten "Studienreform-Kommissionen", mit denen,
wie man hofft, alle demokratischen Lehrinhalte suspendiert und
alle fortschrittlichen Lehrkräfte an der Universität "kaltge-
stellt" werden können.
Wir können also zusammenfassen: Die Berufsverbote gegen kommuni-
stische und marxistische Lehrer und Dozenten dienen nicht - wie
von staatlicher Seite vorgegeben, der A b w e h r von Indoktri-
nation, aber auch nicht, - wie die Verfechter der "streitbaren
Demokratie", also Klassenkämpfer für das Monopolkapital, viel-
leicht zuzugeben bereit wären - der Durchsetzung der Indoktrina-
tion auf die bestehende Ordnung gegenüber einer vermeintlichen
marxistischen Gegendoktrin. Die Berufsverbote sind vielmehr eines
der Kampfmittel der Bourgeoisie und ihrer Interessenvertreter zur
Verteidigung des b l i n d e n G l a u b e n s an die
"unverzichtbaren" Werte unserer kapitalistisch-bürgerlichen Wirt-
schafts- und Staatsordnung gegen den Ansturm der w i s s e n-
s c h a f t l i c h e n A n a l y s e gesellschaftlicher Ver-
hältnisse durch den Marxismus.
Damit verdeutlicht sich auch, warum der Staat und seine
höchstrichterlichen Apologeten, wenn sie die "junge Generation"
zur "Bejahung" der "freiheitlichen demokratischen Grundordnung"
bringen wollen, n i c h t e i n f a c h d i e V e r b e s-
s e r u n g d e s W i s s e n s- u n d E r k e n n t n i s-
s t a n d e s der Schüler und Studenten über unsere gesell-
schaftliche Wirklichkeit fordern und im übrigen auf die s o z u
e r r e i c h e n d e v e r n u n f t g e g r ü n d e t e, i n-
f o r m i e r t e U r t e i l s f ä h i g k e i t d e r J u-
g e n d vertrauen können: Man ist zutiefst verunsichert darüber,
ob a u f d i e s e m W e g e tatsächlich die ungebrochene
Zustimmung zu unserer Staats- und Verfassungsordnung" resultieren
wird, die man im herrschenden Interesse erreichen muß. Vielmehr:
man w e i ß im Grunde, daß eine solche Zustimmung, sofern man
eine w i s s e n s c h a f t l i c h f u n d i e r t e U r-
t e i l s b i l d u n g über unsere Gesellschaft zuläßt,
n i c h t, und in Zukunft i m m e r w e n i g e r das selbst-
verständliche Ergebnis sein wird. So bleibt nur die Indoktrina-
tion auf das Bestehende unter möglichst weitgehender Unterdrüc-
kung der wissenschaftlichen Analyse gesellschaftlicher Verhält-
nisse, u.a. auch durch Berufsverbote gegen kommunistische und
marxistische Lehrer und Dozenten. - Wie solche Kämpfe des Glau-
bens gegen die Wissenschaft auszugehen pflegen, hat uns die Ge-
schichte mehr als einmal gezeigt. Wir brauchen darüber - welche
Schwierigkeiten man uns kurz- und mittelfristig auch noch machen
wird - in längerfristiger Kampfperspektive nicht weiter besorgt
zu sein
_____
*) Der vorliegende Beitrag wurde am 28. Januar 1977 im Rahmen ei-
ner Veranstaltung der Aktionsgemeinschaften von Demokraten und
Sozialisten (ADSen) der Hochschulen West-Berlins "Gegen den Abbau
demokratischer Rechte" gehalten.
1) Vgl. "Politische Disziplinierung und Behinderung gewerkschaft-
licher Arbeit im Betrieb", Informationsbericht Nr. 26, Institut
für marxistische Studien und Forschungen, Frankfurt/M. 1976.
2) Vgl. "Berufsverbote in der BRD", Informationsbericht Nr. 22,
Institut für marxistische Studien und Forschungen, Frankfurt/M.
1976, S. 17 ff.
3) Ebenda S. 45.
4) Urteil des OVG vom 6.2.1975, Begründung S. 31.
5) "Berufsverbote in der BRD", a.a.O., S. 53.
6) Protokoll S. 8.
7) "Berufsverbote in der BRD", a.a.O., S. 14.
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