Quelle: Sozialistische Politik Jahrgang 1977


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       Klaus Holzkamp
       

BERUFSVERBOT IM ÖFFENTLICHEN DIENST: WER INDOKTRINIERT WEN? *)

Politische Disziplinierungen und Repressionen gegen die Arbeiter- schaft, ihre Organisationen und Vertreter, im Betrieb gehören seit jeher zu den alltäglichen Erscheinungen im Kapitalismus. 1) Auch die zur Durchsetzung von Kapitalinteressen praktizierte Aus- weitung solcher Disziplinierungen und Repressionen auf gesell- schaftliche Bereiche außerhalb der unmittelbaren Produktion, be- sonders staatliche Institutionen, findet sich durchgehend, wenn auch in Abhängigkeit von der ökonomischen Krisenentwicklung und dem politischen Kräfteverhältnis mehr oder weniger ausgeprägt. 2) Die gegenwärtig in der BRD und Westberlin eklatant verschärfte staatliche Unterdrückungspraxis durch Berufsverbote im öffentli- chen Dienst verdeutlicht sich in ihrer Hauptstoßrichtung, wenn man betrachtet, welche Berufsgruppen von den Verboten vornehmlich betroffen sind. Nach einer Aufschlüsselung von 308 Berufsverbots- fällen durch den Arbeitsausschuß der "Initiative Weg mit den Be- rufsverboten" waren unter den hier Erfaßten 171 Lehrer und 86 Hochschuldozenten; die nächststärkste Gruppe, Sozialpädagogen, bestand dagegen nur aus 18 Fällen. 3) Man kann aufgrund derarti- ger Unterlagen davon ausgehen, daß mit den Berufsverboten gegen- wärtig in erster Linie L e h r e r u n d E r z i e h e r a n S c h u l e n u n d H o c h s c h u l e n eliminiert und dis- zipliniert werden sollen (wobei die danach am stärksten betroffe- nen Berufsgruppen, Sozialpädagogen und Juristen, in einem weite- ren Sinne ebenfalls als "Erzieher" betrachtet werden können). - Warum sind es gerade die organisierten Kommunisten, die Marxi- sten, Sozialisten, oder auch nur konsequenten Demokraten, unter den L e h r e r n u n d E r z i e h e r n, die gegenwärtig unserem Staat so gefährlich erscheinen, daß er auf derart rigo- rose Weise versuchen muß, sie durch ihre Brandmarkung als "Radikale" und "Verfassungsfeinde" einzuschüchtern, auszugrenzen und ihre berufliche Existenz zu vernichten? Die Gründe für die besondere Gefährlichkeit von kommunistischen und marxistischen Lehrern und Erziehern in den Augen des Staates wurden von staatlichen Stellen und in staatskonformen Gerichtsur- teilen immer wieder herausgestellt: Solche Lehrer hätten die Mög- lichkeit, die ihnen anvertrauten Schüler oder Studenten im Sinne des Kommunismus und Marxismus zu i n d o k t r i n i e r e n, damit Teile der jungen Generation manipulativ staatsabträglichen Interessen dienstbar zu machen, und dies besonders dann, wenn die Lehrer durch ihre Mitgliedschaft in einer unseren Staat und des- sen Verfassungsordnung ablehnenden Partei an deren Ideologie und Weisungen gebunden seien. Im Lenhart-Urteil des OVG heißt es dazu: Die "Lehrtätigkeit umfaßt... Aufgaben von großer staatsbür- gerlicher Bedeutung, weil die Schule in hervorragendem Maße den heranwachsenden Staatsbürgern ... die Werte der Staatsordnung be- wußt zu machen hat... Ein selbständig und unbeaufsichtigt Unter- richtender, der kein positives Verhältnis zu den unabdingbaren Grundprinzipien des Grundgesetzes hat..., ist... nicht in der Lage, den Schülern das Wissen und die Überzeugung zu vermitteln, daß die freiheitliche Demokratie ... ein verteidigungswertes und zu erhaltendes Gut ist. ... Er läuft zumindest unbewußt Gefahr, die Schüler in einem Sinne zu beeinflussen, der sich mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbaren läßt. Schüler würden mangels entsprechender Kritikfähigkeit in sehr vielen Fällen wehrlos dagegen sein" 4). Im Lefèvre-Urteil des OVG wird Entsprechendes über die Universitätslehrer ausge- sagt: "Die Berufe im Hochschuldienst, die die nächste Generation weitgehend in ihrem politischem Denken zu bestimmen vermögen, bieten nichtverfassungstreuen Dozenten hervorragende 'Multiplika- tionschancen', ihren politischen Auffassungen Geltung zu ver- schaffen; dabei können sie die Begeisterungsfähigkeit junger Menschen und ihre geringe Wirklichkeitserfahrung für ihre Zwecke ausnutzen." Der Indoktrinations-Vorwurf ist heute ein Hauptargu- ment beim Versuch der Rechtfertigung des staatlichen Vorgehens gegen kommunistische und marxistische Lehrer. Dieser Vorwurf traf z.B. auch Horst Holzer. So stellte der bayerische Kultusminister Maier zur Begründung der Entlassung von Holzer aus dem Universitätsdienst fest, er habe seine Studenten "mit den Thesen der DKP und des Marxismus-Leninismus i n d o k t r i n i e r t" 5). Die Behauptung, Schüler oder Studenten würden durch kommunisti- sche und marxistische Lehrer "indoktriniert", wird niemals be- gründet, sondern stets unter Berufung auf einen allgemeinen Kon- sens als selbstverständlich richtig vorausgesetzt. Allgemein ge- hört die Vorstellung, Kommunismus und Marxismus könnten als sol- che, ihrem Wesen nach, keinesfalls durch vernünftige Argumenta- tion, sondern nur durch Manipulation und Indoktrination unter Ausschaltung oder Umgehung der Urteilsfähigkeit der Betroffenen als bloße Glaubenssache und "Heilslehre" verbreitet werden, zu den zentralen Bestimmungsstücken der antikommunistischen Ideolo- gie. Dies schließt ein, daß dem Marxismus hierbei radikal jede Wissenschaftlichkeit abgesprochen werden muß. Der marxistische Wissenschaftsanspruch erscheint so als bloße Schutzbehauptung, mit welcher dogmatische Glaubensgewißheit legitimiert und kommu- nistische Wühlarbeit zur Erlangung der Herrschaft über das Be- wußtsein Nichtsahnender getarnt werden sollen. Dieses antikommu- nistische Grundpostulat läßt sich eindrucksvoll an einer Passage aus dem Verhör des Lehrers Manfred Lehner veranschaulichen, der "wegen seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Friedensgesell- schaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner von der Regierung in Schwa- ben mit Berufsverbot belegt wurde. Die Gesprächsteilnehmer in diesem Teil des Verhörs sind Herr Klüger und Frau Rist als Regie- rungsvertreter und Manfred Lehner. Ich zitiere Lehners Gedächt- nisprotokoll. Herr Klüger: "Aber das Hessische Institut für Frie- dens- und Konfliktforschung ist doch eindeutig marxistisch unter- wandert. Was wissen Sie denn eigentlich über den Marxismus?" Man- fred Lehner: "Soviel ich weiß, wird dieses Institut von Landes- mitteln gefördert. Marxismus ist für mich eine Wissenschaft." Frau Rist: "Ich verstehe Sie nicht, Herr Lehner. Sie nehmen ein- fach so zur Kenntnis, daß das Hessische Institut für Friedens- und Konfliktforschung marxistisch unterwandert ist und bezeichnen Marxismus als eine Wissenschaft. Mir läuft es bei dem Begriff 'Marxismus' eiskalt den Rücken runter." 6) Wenn man genauer verstehen will, w o f ü r unser Staat eigent- lich kämpft, wenn er vorgibt, kommunistisch-marxistische Indok- trination durch Lehrer und Hochschullehrer zu bekämpfen, muß man sich das hier gezeichnete G e g e n b i l d d e s S t a a t s- u n d v e r f a s s u n g s t r e u e n L e h r e r s verdeut- lichen. Aufschlüsse darüber sind den genannten Urteilen des Ober- verwaltungsgerichts zu entnehmen, so etwa den schon zitierten, dort erhobenen Forderungen, der Lehrer habe den "heranwachsenden Staatsbürgern... die Werte der Staatsordnung bewußt zu machen" ihnen "das Wissen und die Überzeugung zu vermitteln, daß die freiheitliche Demokratie ... ein verteidigungswertes und zu er- haltendes Gut ist". Dazu müsse der Lehrer selbst ein "positives Verhältnis zu den unabdingbaren Grundprinzipien des Grundgeset- zes" haben, um nicht Gefahr zu laufen, die "mangels entsprechen- der Kritikfähigkeit" wehrlosen Schüler - in einem Sinne zu beein- flussen, der sich mit der freiheitlichen demokratischen Grundord- nung nicht vereinbaren läßt". Die Grundlage solcher Formulierun- gen bilden offensichtlich die Leitsätze des Bundesverfassungsge- richts-Entscheids (22. März 1975), in denen u.a. festgelegt ist: "Die Treuepflicht gebietet, den Staat und seine geltende Verfas- sungsordnung ... zu bejahen ...", sie "fordert mehr als nur eine formal korrekte, im übrigen uninteressierte, kühle, innerlich distanzierte Haltung gegenüber Staat und Verfassung. Vom Beamten wird erwartet, daß er diesen Staat und seine Verfassung als einen hohen positiven Wert erkennt und anerkennt, für den einzutreten sich lohnt" 7). Diese Postulate mögen bei oberflächlicher Betrachtung selbstver- ständlich und unproblematisch erscheinen. Bei etwas genauerer Analyse zeigt sich jedoch, daß hier die G e w i n n u n g e i n e s v e r n ü n f t i g e n, b e g r ü n d e t e n U r- t e i l s ü b e r u n s e r e G e s e l l s c h a f t s- o r d n u n g u n d u n s e r e n S t a a t a l s m i t d e r T r e u e p f l i c h t d e s B e a m t e n u n v e r- e i n b a r j u r i s t i s c h i n k r i m i n i e r t wird. Zwar ist hier verbal von "Wissen" und von "Erkennen" die Rede. Das E r g e b n i s des Wissens- und Erkenntnisgewinns, die "Bejahung" des Staates und der "freiheitlichen demokratischen Grundordnung", ihre Anerkennung als "hohen positiven Wert" ist dem Beamten jedoch v o r g e s c h r i e b e n, womit "Wissen" und "Erkenntnis" in Wirklichkeit s u s p e n d i e r t sind: Ein U r t e i l s p r o z e ß, d e r n u r e i n e i n z i- g e s R e s u l t a t h a b e n d a r f, h e b t s i c h s e l b s t a u f. Was hier in Wahrheit gefordert wird, ist die Ü b e r n a h m e d e s S t a a t s- u n d G e s e l l- s c h a f t s b i l d e s i m S i n n e d e r b ü r g e r- l i c h e n I d e o l o g i e u n t e r A u s s c h a l- t u n g d e r U r t e i l s- u n d K r i t i k f ä h i g- k e i t, also die D e f o r m a t i o n d e s g e s e l l- s c h a f t l i c h e n B e w u ß t s e i n s d e s B e a m- t e n d u r c h I n d o k t r i n a t i o n. Die höchstrich- terliche Glaubensgewißheit über die absoluten und unanzweifel- baren Werte der "freiheitlichen demokratischen Grundordnung" der kapitalistischen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates hat der Beamte, sofern er Lehrer ist, b e i S t r a f e d e s B e r u f s v e r b o t s n u n a u c h a u f s e i n e S c h ü l e r o d e r S t u d e n t e n zu übertragen. Es wird nirgends von ihm gefordert, ja, es ist ihm sogar i m p l i z i t u n t e r s a g t, die Lernenden über die gesellschaftliche Realität in der BRD und Westberlin u r t e i l s f ä h i g zu machen, vielmehr ist auch hinsichtlich der bei den S c h ü- l e r n einzuleitenden "Lernprozesse" das Resultat, die "Über- zeugung", daß die freiheitliche Demokratie ... ein verteidi- gungswertes und zu erhaltendes Gut ist" von vorn herein fest- gelegt, hier durch den "verfassungstreuen" Lehrer, aus dessen Mund der höchstrichterliche Wille spricht. Dementsprechend wird keineswegs gefordert, die K r i t i k f ä h i g k e i t" und "W i r k l i c h k e i t s e r f a h r u n g" der Schüler und Studenten über unsere gesellschaftlich-politische Lebensrealität zu e n t w i c k e l n und zu v e r b e s s e r n: Mangelnde "Kritikfähigkeit" und "geringe Wirklichkeitserfahrung" werden vielmehr a l s g e g e b e n v o r a u s g e s e t z t, und den Lehrern wird lediglich aufgetragen, die Schüler i m "S i n n e" der "freiheitlichen demokratischen Grundordnung" zu "beeinflussen", die "nächste Generation" i m S i n n e der un- bedingten "Bejahung" der bestehenden Verhältnisse "in ihrem poli- tischen Denken zu bestimmen". Dem Postulat der politischen Indok- triniertheit des staatstreuen Beamtenbewußtseins entspricht also d i e F o r d e r u n g n a c h s t a a t s k o n f o r m e r p o l i t i s c h e r I n d o k t r i n a t i o n d e r S c h ü l e r u n d S t u d e n t e n d u r c h d e n L e h- r e r. Nun wird klar, daß der vom Staat und den Gerichten, soweit sie ihm gefügig sind, erhobene Vorwurf der kommunistisch-marxisti- schen Indoktrination sich gar nicht gegen die T a t s a c h e der Indoktrination richtet, sondern nur dagegen, daß die ver- meintliche Indoktrination hier einen k o m m u n i s t i s c h - m a r x i s t i s c h e n I n h a l t hat. Indoktrination wird ja g e r a d e v o n d e m "v e r f a s s u n g s- t r e u e n" L e h r e r verlangt, nämlich eine I n d o k- t r i n a t i o n a l s E i n s c h w ö r e n d e r S c h ü- l e r u n d S t u d e n t e n a u f d i e k a p i t a l i- s t i s c h e G e s e l l s c h a f t u n d d e n b ü r- g e r l i c h e n S t a a t. Die Berufsverbote gegen Lehrer dienen also keineswegs der Bekämpfung von Indoktrination sondern im Gegenteil dem S c h u t z u n d d e r A b s i c h e- r u n g e i n e r I n d o k t r i n a t i o n i m h e r r- s c h e n d e n I n t e r e s s e, a l s o d e m I n t e- r e s s e d e s K a p i t a l s. Die Verfassung als wider- sprüchlicher Klassenkompromiß wird dabei in eine einfache Garantie für die Erhaltung der als "freiheitliche demokratische Grundordnung" mystifizierten kapitalistischen Produktionsweise umgefälscht und unter Mißachtung der in der Verfassung veranker- ten demokratischen Rechte als Disziplinierungsmittel zur Gleich- schaltung der Lehrerschaft mißbraucht. Das geschilderte staatliche Gebot der Indoktrination der Schüler und Studenten auf die bestehenden Verhältnisse ist vordergründig ein Ausdruck der bürgerlich-agnostizistischen Vorstellung, ge- sellschaftlich-soziale Gegebenheiten seien prinzipiell n i e- m a l s m ö g l i c h e r G e g e n s t a n d d e r E r- k e n n t n i s, s o n d e r n a l l e i n G e g e n s t a n d d e s M e i n e n s u n d W e r t e n s. Demnach käme es nur darauf an, den Schülern die "richtigen" Meinungen und Wertungen, nämlich die im herrschenden Interesse, einzupflanzen und die marxistische Gesellschaftsauffassung erschiene notwendig a u c h als bloße Meinung und Wertung, die als dem herrschenden Interesse antagonistisch unterdrückt werden muß. Aufgrund der weltweiten Entwicklung und praktisch-politischen Umsetzung des Wissen- schaftlichen Sozialismus einerseits und der immer weitergehenden Zuspitzung, damit Erkennbarkeit, der Widersprüche des Kapitalis- mus andererseits, ist dieser selbstgenügsame Agnostizismus jedoch heute nicht mehr ungebrochen. In den mannigfachen defensiven Formeln und Repressionsversuchen der bürgerlichen Ideologie setzt sich mehr und mehr die Ahnung durch, daß der Marxismus nicht deswegen eine wachsende Bedrohung der bestehenden Verhältnisse darstellt, weil er eine Doktrin und ein Dogma ist, sondern i m G e g e n t e i l g e r a d e d e s w e g e n, w e i l e r s e i n e p o l i t i s c h e P r a x i s w i s s e n- s c h a f t l i c h b e g r ü n d e n kann: Damit müßte die b l o ß e G l a u b e n s s a c h e der Unveränderlichkeit und Naturhaftigkeit bürgerlicher Lebensverhältnisse gegenüber der w i s s e n s c h a f t l i c h f u n d i e r t e n E r- k e n n t n i s der Möglichkeit und Notwendigkeit der Über- windung des Kapitalismus im Allgemeininteresse immer mehr ins Hintertreffen geraten. Aus dieser Ahnung erklären sich die Hef- tigkeit und Gewaltsamkeit, mit denen von den reaktionären Kräften versucht wird, dem Marxismus soweit den Wissenschaftscharakter abzusprechen, daß schon seine D a r s t e l l u n g a l s e i n e w i s s e n s c h a f t l i c h b e g r ü n d b a r e u n d w i s s e n s c h a f t l i c h e r A r g u m e n t a- t i o n z u g ä n g l i c h e A u f f a s s u n g z u u n- t e r b i n d e n ist, also (wie es in einem Rundbrief des studentischen Sprecherrats der Universität Regensburg heißt) "der M a r x i s m u s p a u s c h a l a u s d e r M e n g e d e r e r l a u b t e n L e h r m e i n u n g e n ü b e r- h a u p t g e d r ä n g t" werden kann. Nur so wäre garantiert, daß w i s s e n s c h a f t l i c h e V e r g l e i c h e u n d A u s e i n a n d e r s e t z u n g e n z w i s c h e n d e r b ü r g e r l i c h e n u n d d e r m a r x i s t i- s c h e n P o s i t i o n, d e n e n m a n s i c h i n- h a l t l i c h n i c h t m e h r g e w a c h s e n s i e h t, m a n g e l s M a r x i s t e n e r s t g a r n i c h t Z u s t a n d e k o m m e n. Die Berufsverbote als "Marxismus-Verbote" gehören so gesehen in den unmittelbaren Zusammenhang der i m m e r r i g o r o s e r e n A u s w e i- t u n g d e r s t a a t l i c h e n R e c h t s a u f- s i c h t i n e i n e F a c h a u f s i c h t, mit welcher - durch die Kontrolle und Ablehnung fortschrittlicher Studienpläne, die Reglementierung von Prüfungsinhalten, die Beeinflussung der Stellenausschreibungen etc. - die A u s e i n a n d e r s e t- z u n g m i t d e m M a r x i s m u s, die man mit wissen- schaftlichen Argumenten nicht mehr führen kann, a d m i n i- s t r a t i v v o r e n t s c h i e d e n werden soll. In die gleiche Richtung weisen die mit dem Hochschulrahmengesetz (HRG) auf eine neue Ebene gehobene weitgehende Verschulung des Studi- ums, die Auseinanderreißung von Lehre und Forschung, die totale Suspendierung des forschenden Lernens, die durch Regelstudium und Prüfungsdruck angestrebte Ausschaltung politischer Bewußtseins- bildung der Studenten, damit Eliminierung der Möglichkeit zur gesellschaftstheoretischen Reflexion und Funktionsbestimmung der Studieninhalte. So hofft man die Garantie dafür zu erhalten, daß a l l e s, w a s d e n S t u d e n t e n a n L e h r i n- h a l t e n i n i n d o k t r i n a t i v e r F o r m v o r- g e s e t z t w i r d, v o n d i e s e n w i d e r- s t a n d s l o s g e s c h l u c k t w e r d e n m u ß. Das umfassendste Instrumentarium, um die geplante E n t p o l i t i- s i e r u n g, d a m i t E n t w i s s e n s c h a f t l i- c h u n g, des Studiums durchzusetzen, sind die berüchtigten, staatlich dominierten "Studienreform-Kommissionen", mit denen, wie man hofft, alle demokratischen Lehrinhalte suspendiert und alle fortschrittlichen Lehrkräfte an der Universität "kaltge- stellt" werden können. Wir können also zusammenfassen: Die Berufsverbote gegen kommuni- stische und marxistische Lehrer und Dozenten dienen nicht - wie von staatlicher Seite vorgegeben, der A b w e h r von Indoktri- nation, aber auch nicht, - wie die Verfechter der "streitbaren Demokratie", also Klassenkämpfer für das Monopolkapital, viel- leicht zuzugeben bereit wären - der Durchsetzung der Indoktrina- tion auf die bestehende Ordnung gegenüber einer vermeintlichen marxistischen Gegendoktrin. Die Berufsverbote sind vielmehr eines der Kampfmittel der Bourgeoisie und ihrer Interessenvertreter zur Verteidigung des b l i n d e n G l a u b e n s an die "unverzichtbaren" Werte unserer kapitalistisch-bürgerlichen Wirt- schafts- und Staatsordnung gegen den Ansturm der w i s s e n- s c h a f t l i c h e n A n a l y s e gesellschaftlicher Ver- hältnisse durch den Marxismus. Damit verdeutlicht sich auch, warum der Staat und seine höchstrichterlichen Apologeten, wenn sie die "junge Generation" zur "Bejahung" der "freiheitlichen demokratischen Grundordnung" bringen wollen, n i c h t e i n f a c h d i e V e r b e s- s e r u n g d e s W i s s e n s- u n d E r k e n n t n i s- s t a n d e s der Schüler und Studenten über unsere gesell- schaftliche Wirklichkeit fordern und im übrigen auf die s o z u e r r e i c h e n d e v e r n u n f t g e g r ü n d e t e, i n- f o r m i e r t e U r t e i l s f ä h i g k e i t d e r J u- g e n d vertrauen können: Man ist zutiefst verunsichert darüber, ob a u f d i e s e m W e g e tatsächlich die ungebrochene Zustimmung zu unserer Staats- und Verfassungsordnung" resultieren wird, die man im herrschenden Interesse erreichen muß. Vielmehr: man w e i ß im Grunde, daß eine solche Zustimmung, sofern man eine w i s s e n s c h a f t l i c h f u n d i e r t e U r- t e i l s b i l d u n g über unsere Gesellschaft zuläßt, n i c h t, und in Zukunft i m m e r w e n i g e r das selbst- verständliche Ergebnis sein wird. So bleibt nur die Indoktrina- tion auf das Bestehende unter möglichst weitgehender Unterdrüc- kung der wissenschaftlichen Analyse gesellschaftlicher Verhält- nisse, u.a. auch durch Berufsverbote gegen kommunistische und marxistische Lehrer und Dozenten. - Wie solche Kämpfe des Glau- bens gegen die Wissenschaft auszugehen pflegen, hat uns die Ge- schichte mehr als einmal gezeigt. Wir brauchen darüber - welche Schwierigkeiten man uns kurz- und mittelfristig auch noch machen wird - in längerfristiger Kampfperspektive nicht weiter besorgt zu sein _____ *) Der vorliegende Beitrag wurde am 28. Januar 1977 im Rahmen ei- ner Veranstaltung der Aktionsgemeinschaften von Demokraten und Sozialisten (ADSen) der Hochschulen West-Berlins "Gegen den Abbau demokratischer Rechte" gehalten. 1) Vgl. "Politische Disziplinierung und Behinderung gewerkschaft- licher Arbeit im Betrieb", Informationsbericht Nr. 26, Institut für marxistische Studien und Forschungen, Frankfurt/M. 1976. 2) Vgl. "Berufsverbote in der BRD", Informationsbericht Nr. 22, Institut für marxistische Studien und Forschungen, Frankfurt/M. 1976, S. 17 ff. 3) Ebenda S. 45. 4) Urteil des OVG vom 6.2.1975, Begründung S. 31. 5) "Berufsverbote in der BRD", a.a.O., S. 53. 6) Protokoll S. 8. 7) "Berufsverbote in der BRD", a.a.O., S. 14. zurück